Roswitha Mair

Käthe Kollwitz

Ein Leben gegen jede Konvention

Romanbiografie

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Käthe Kollwitz. Ein Leben gegen jede Konvention

© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2017

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Umschlagmotiv: © Picture Alliance

E-Book-Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, Leipzig

ISBN (E-Book): 978-3-451-81206-4

ISBN (Buch): 978-3-451-06973-4

I

Zwei Plastiken von Käthe Kollwitz beeindrucken täglich unzählige Menschen in Berlin und Belgien: vor der Neuen Wache Unter den Linden die »Mutter mit ihrem toten Sohn« zum Gedenken an die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft; »Die trauernden Eltern« am Eingang des Soldatenfriedhofes im belgischen Vladslo.1 Die weltweit verbreiteten Grafiken rütteln immer noch auf – mit dem Menschen als leidendes, revolutionierendes, liebendes und sterbendes Wesen. Ihr »Nie wieder Krieg« klingt bis heute nach.

Wer war diese Künstlerin, die sich ausschließlich der Darstellung des Menschen widmete? Die so energisch und beharrlich für den Frieden kämpfte? Die so unbarmherzig den Menschen die sozialen Ungerechtigkeiten und deren Folgen vor Augen führte?

Wer war dieser Mensch, der unermüdlich Briefe schrie und Tagebücher führte? Was trieb sie an? Woher nahm sie diese immense Kraft, zu gestalten? Wie wurde sie, was sie geworden ist?

Kommt ein Kind bereits mit einem Charakter auf die Welt? Mit einer unumkehrbaren Prägung, mit Wesensmerkmalen? Bei Käthe war dies wohl der Fall, als sie 1867 in Königsberg auf die Welt kam.

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Sie war ein zartes und stilles Kind. Wer sie nicht näher kannte, beschrieb sie als schüchtern. Doch da war noch etwas anderes an dem kleinen Mädchen, ein Charakterzug, der es zeitlebens bestimmen würde: Etwas Ernstes, Düsteres umgab sie. Die geliebte jüngere Schwester Lise beschrieb später das Dunkle als ihre wahre Seite, sprach von »ungeklärten Kräften, die in einer Tiefe mühsam arbeiten, bevor sie zu einer Gestaltung ans Licht kommen«.2

Die Erwachsenen nannten es Eigensinn, wenn das Mädchen brüllte und strampelte, sich gegen unsichtbare, innere Regungen zur Wehr zu setzen schien und einen Kampf mit sich selbst austrug. Sie selbst hatte keinen Namen dafür, wusste nicht damit umzugehen. Die ältere Schwester Julie steckte später immer ein Stück Zucker ein, wenn sie gemeinsam fortgingen. »Warum?«, fragte Tante Tina. »Es der Käthe in den Mund werfen, wenn sie brüllen will«, antwortete sie. Manchmal blieb Käthe einfach auf der Straße stehen und nichts konnte sie bewegen weiterzugehen. Entwickelte sich aus diesem Verharren dieses unerschrockene Beharren in allen Dingen des Lebens?

In Erinnerung geblieben ist Käthe – so hat sie es 1923 aufgeschrieben – besonders ihr neunter Geburtstag. Mit ihrem Kegelspiel, ihrem Geburtstagsgeschenk, spielten die anderen Kinder. Sie beobachtete das Spiel, wie sie immer alles genau beobachtete. Aber sie ist nicht dabei – sie steht daneben. Mit einem Mal wird sie blass, gelblich im Gesicht. Schreckliche Bauchschmerzen übermannen sie. Sie läuft zu ihrer Mutter, sucht bei ihr Hilfe und Schutz. Immer wieder quälen diese unerklärlichen Schmerzen das Mädchen, nehmen ganz plötzlich von ihr Besitz, und sie können Stunden und Tage anhalten. Manchmal legt sich Käthe flach auf einen Stuhl, manchmal reibt ihr die Mutter den Bauch. Nur diese weiß, ahnt wohl vielmehr, dass ihr schweigsames Kind ein heimlicher Kummer quält. Während die anderen Kinder an ihrem Geburtstag ihren Spaß haben, weicht Käthe ihrer Mutter nicht mehr von der Seite. »Sie war da, und das war gut«3, schreibt Käthe später in ihr Tagebuch.

Und doch war es auch eine glückliche Kindheit.

Die Familie Schmidt lebte in einem Eckhaus mit einem kleinen Vorgarten und einem großen Hof, hin zu einer kleinen Gasse, die zum Pregel führte.

Mit Sehnsucht dachte Käthe später an die Abenteuer ihrer frühen Kindheit zurück, an die Grube mit dem ungelöschten Kalk, den Lehmhaufen, aus dem man Burgen bauen konnte, die Ziegelwagen, die von den Schleppkähnen die Ziegel zu Vaters Bauten brachten. Zwischen den Höfen in einem lang gestreckten Gebäude arbeitete ein Gipsgießer. Die noch feuchte Gipsluft glaubte sie noch viele Jahre später riechen zu können.

Nach Käthes neuntem Geburtstag zog die Familie in die Königstraße, in eines der schönsten vom Vater neu gebauten Häuser, bald darauf siedelten sie in die Prinzenstraße über.

In dieser Zeit beginnen die kleine Käthe entsetzliche Träume zu plagen. Immer wieder dieselben grauenvollen Träume, in denen Dinge um sie wachsen, riesengroß oder winzigklein werden, so sehr schrumpfen, dass sie kaum noch wahrnehmbar sind und das Mädchen ins Nichts zu fallen scheint. Oder, und das Gefühl ist nicht weniger schrecklich, sie wird von den übergroßen, übermächtig gewordenen Dingen zermalmt. In manchen Träumen liegt Käthe in einem halbdunklen Zimmer, in einem Eck liegt dort ein großes, zusammengerolltes Schiffstau. Langsam beginnt es sich aufzurollen, immer weiter, bis es den ganzen Raum ausfüllt und sie zu ersticken droht. In ihrer Not will sie die Mutter rufen, die im Nebenzimmer sitzt und liest, durch die halbgeöffnete Tür kann sie ihren Rücken sehen. Sie schreit, schreit so laut sie kann – sie schreit um ihr Leben. Aber niemand hört sie.

Ihre Verängstigung war groß, so groß, dass sie in diesen Nächten manchmal wirklich laut schrie. Ein entsetzliches Schreien. Einmal kam sogar der Nachtwächter, um nach dem Rechten zu sehen. Der Vater und die Mutter hörten sie immer. Er kam mit der Kerze, sie brachte warmes Zuckerwasser, um sie zu beruhigen. Lise sah stumm vom Bett aus zu, wie die größere Schwester langsam wieder zu sich fand.

Wie mit diesem Mädchen und seinen Anwandlungen umgehen? Es gab keine adäquate Antwort auf diese Frage, die Familie verstand nicht, was Käthe quälte, was ihre schrecklichen Träume auslöste. Sie ahnte nicht, wogegen sie rebellierte, was in ihr zu lodern begann, welche Kräfte anfingen, sich zu ballen, bis sie etwas fanden, an dem sie sich messen konnten. Fürsorge und Rücksichtnahme waren in der Regel die Mittel, um mit Käthe umzugehen.

Weil man glaubte, die Luft würde der Tochter einen erholsameren Schlaf bringen, verbrachte die Familie von Juli bis September die Ferien regelmäßig an der See. Dort hatte der Vater ein altes Fischerhaus gekauft mit einem Garten, einem Teich und einem kleinen weißen Boot.

Kein Meer bedeutete Käthe jemals mehr als die samländische See: »Diese unaussprechliche Erhabenheit der Sonnenuntergänge von der hohen Küste aus! Dies Ergriffensein, wenn man zum ersten Male sie wieder nah sah, den Seeberg runterrannte, Schuh und Strümpfe auszog und die Füße wieder das Gefühl des kühlen Seesands hatten! Dieser metallische Schall der Wellen!«4

Käthe wuchs in einem kleinen, überschaubaren Kreis auf.

Ihren vier Jahre älteren Bruder Konrad, der mit Begeisterung Indianer-Bücher las, bewunderte Käthe sehr, vor allem als er eines Tages beschloss, querfeldein über die Pregelwiese bis nach Amerika zu gehen. Er sollte nicht weit gekommen, aber er hatte sich auf den Weg gemacht.

Julie war zwei Jahre älter als sie. Von ihr sprach kaum jemand, und die Schwestern verstanden sich nicht gut. Lisbeth (Lise) aber, geboren 1870, liebte Käthe inständig, und als diese größer wurde, waren sie beide unzertrennlich. Mit ihr spielte sie am liebsten.

Am schönsten, so erinnerte sie sich, waren die »Spieltage«. Das waren der Dienstagabend und der Sonntagvormittag, wenn die Eltern und die größeren Geschwister sich in der Freien Gemeinde mit den anderen Mitgliedern trafen. Käthe und Lise saßen dann am Tisch und tuschten die Bilderbögen, die sie bei Fräulein Sander in der Königstraße gekauft hatten, und schnitten die Figuren aus. An die 200 Stück waren es schließlich, Figuren aus Theater und Oper, der Teufel, Wilhelm Tell und Tannhäuser, Venus, die Jungfrau von Orkans. Mit großer Inbrunst spielte Käthe den Liebhaber und Lise die Geliebte. Manchmal verkleideten sie sich, bauten sich aus umgedrehten Stühlen und Tischen sowie mit Bauklötzen ein eigenes Bühnenbild, erschufen Paläste und Opferaltäre. Sie spielten Stücke aus der griechischen Mythologie, von Schiller, und erfanden ihre eigenen Geschichten. Als Käthe alt genug war, musste sie die Eltern zu den Sonntagspredigten in das nahe gelegene Haus der Großeltern begleiten.

Das Spielreich schloss seine Tore. Die Papierpuppen verstaubten. Aber Jahre später wurden die dramatischen Gestalten auf andere Weise wieder lebendig.

Unterrichtet wurden die größeren Kinder in privaten Zirkeln, unabhängig von den öffentlichen Schulen wie alle Angehörigen der Freien Evangelischen Gemeinde. Gegründet wurde sie einst als eine der ersten derartigen Gemeinschaften Deutschlands in Königsberg von Julius Rupp, dem Großvater von Käthe. Dass der Großvater für das religiöse Leben damals das war, was Karl Marx für die Arbeiterbewegung gewesen ist, ahnte sie noch nicht.

Nach seinem Tod übernahm Carl Schmidt, der Vater von Käthe die Predigeraufgaben. Er war ein gelernter Jurist und Baumeister, betrieb eine Baufirma, die den Angestellten eine finanzielle Teilhabe am Gewinn gewährte und damit die gleichberechtigte Teilhabe am Leben. Ganz so wie man predigte, setzte man sich im Sinne der Lehre Jesu nach dem Matthäus-Evangelium für die Gleichheit aller Menschen ein und trug für die Hilfsbedürftigen Sorge.

Die Angehörigen der Freien Gemeinde waren Dissidenten, von der Landeskirche ausgegrenzt – aber streng organisiert innerhalb ihrer Gemeinschaft. Dennoch herrschte ein offener und fortschrittlich bildungsbürgerlicher Geist. Man diskutierte über öffentliche Angelegenheiten, über Politik, Literatur, Kunst und Wissenschaft, oder las gemeinsam die Dramen von Shakespeare, Schiller und anderen großen Dichtern.

Der christliche Gott aber, über den ihr Großvater predigte, blieb Käthe fremd. Sie liebte die antiken Götter aus den Schwabschen Sagen, die sie geschenkt bekommen hatte. Die Erzählungen kannte sie auswendig und war gerade wieder einmal dabei, der Venus im selbst gebauten Tempel zu opfern, als ihr Vater und ihre Mutter kamen. Benjamin, ihr jüngster einjähriger Bruder war nach einer Meningitis-Erkrankung gestorben. Käthe erschrak heftig. Hatte der christliche Gott sie bestraft, weil sie den heidnischen Göttern opferte? War sie schuld am Tod des Bruders? Wie hingen Leben und Tod, die liebevollen Gefühle für ihren kleinen Bruder und die schmerzvollen zusammen? Sie wusste keine Antwort, vermerkte sie viele Jahre danach.

Doch Käthe fragte nicht, schwieg wie ihre Mutter, die sie am Tag zuvor während des Mittagessens beobachtet hatte. Sie hatte gerade die Suppe ausgeteilt, als die Kinderfrau hereingestützt kam und schrie: »Er bricht wieder, er bricht wieder.« Die Mutter hatte – so schien es Käthe – unbeeindruckt weiter die Suppe geschöpft. Und geschwiegen.

Später dann, als man die kleine Leiche wegbrachte, stand die Mutter am Fenster und sah dem Wagen nach. Sie weinte nicht, sie sagte nichts. Sie schien weit weg mit ihren Gedanken, aber Käthe, die neben ihr stand, spürte eine unbändige Liebe zu ihr. Doch sie blieb stehen, wo sie war. Sie war nur da, wie die Mutter für sie da war, wenn sie sich unwohl fühlte, traurig war oder die Albträume sie plagten.

Die Mutter mit ihrem feinen Gesicht, den dunklen, in der Mitte gescheitelten Haaren, ähnelte einer Madonna. Manchem erscheint sie gar wie eine »Heilige«5. Nie sieht die Tochter sie fassungslos, immer scheint die Mutter würdevoll und anmutig. Selbst der Tod zweier Kinder – auch das Erstgeborene starb als kleines Kind – wird scheinbar spurlos an ihr vorübergehen. Nur eine übergroße Angst um die lebenden Kinder lässt ein wenig von ihrem Innenleben, ihrem Schmerz erahnen.

Käthe ist zwölf, als sie die Liebe kennenlernt. Sie spielt nun gerne mit den gleichaltrigen Jungs – und diese mit ihr. Sie ist sehr gut im Klippball, und im Winter rodeln sie mit dem Handschlitten die schräge Prinzenstraße hinunter. Ein ganz besonderer Spielgefährte ist Otto, der im oberen Stockwerk ihres Hauses wohnt. Er ist ihre erste Liebe. Während die anderen spielen, gehen sie manchmal in den Keller oder klettern über den Zaun in den verwilderten Nachbargarten, um sich zu küssen. Es ist immer nur ein Kuss und sie nennen ihn »Erfrischung«.

Julie ertappte die jungen Verliebten eines Tages und erzählte es umgehend der Mutter. Doch diese reagierte nicht, wie immer, äußerte sich weder Julie noch Käthe gegenüber.

So ging die »Liebschaft« weiter, bis eines Tages Otto mit seiner Familie fortzog. Er versprach, sie weiterhin zu besuchen, aber er kam nur einmal zurück. Und so erlebte Käthe nach der Verliebtheit ihren ersten Liebeskummer. Sie sehnte sich schrecklich nach Otto. Der Spielhof mit dem alten Birnbaum, der Nachbarsgarten und sogar der Keller, in dem sie sich geküsst hatten, verloren ihre leuchtenden Farben und bekamen einen düsteren Klang. Alles war leer und öd und auch die Spiele mit den anderen Kindern waren für sie nun ohne Reiz.

Um wieder etwas zu spüren, um Otto und ihre Liebe nicht zu vergessen, ritzte sie sich ein »0« in ihr linkes Handgelenk. Und immer, wenn es zu heilen drohte, erneuerte sie es. Es war wie eine Beschwörung, um ihre Gefühle für Otto aufrechtzuerhalten. Nur der Schmerz während des Einritzens konnte Otto für kurze Zeit in ihrem Herzen wieder lebendig werden lassen. Doch allmählich verlor sie auch diese Empfindung. Andere Jungen und später Männer traten an Ottos Stelle. Von nun an sollte Käthe immer wieder verliebt sein, in Männer, in Frauen, einmal mehr, einmal weniger und oftmals, ohne dass die anderen es wussten.

Die Liebe wurde zur ersten Lebensgrundlage für Käthe; ihre zweite fand sie in der Kunst.

Als die Schmidt-Kinder noch klein waren, brachte der Vater von seiner Baufirma alte Zeichenpläne mit, die nicht mehr gebraucht wurden. Auf diesen langen Streifen Papier begannen sie zu zeichnen. Einige dieser Zeichnungen bewahrte der Vater auf, sie gefielen ihm gut. Viele davon waren von Käthe. Es macht ihr Freude, das zu zeichnen, was sie sah – und bald skizzierte sie auch das, was sie fühlte, worüber sie sprechen wollte, aber wofür sie keine Worte fand.

Eines Tages entdeckte sie im Bücherschrank neben Werken von Goethe, die sie ihr Leben lang begleiten sollten, Kleists Marquise von 0. Eifrig begann sie zu lesen, doch sie verstand nichts. Und doch brachte Käthe instinktiv das Gelesene mit ihrem eigenen körperlichen Wandel in Verbindung, den sie als etwas Dunkles und Unerklärliches erlebte. Ihre Mutter sprach nicht über die Pubertät, und so sprach auch Käthe nicht davon, was in ihr vorging. Konrad, den sie so sehr bewunderte und der wohl etwas Ähnliches erlebte, sah es. Er sah ihre Zeichnungen, in denen sie ihre Lektüre und die eigenen Gefühle miteinander verwob. Doch auch er sagte nichts, achtete aber ab diesem Moment sorgfältig darauf, was sie las. Manches nahm er ihr weg und stellte es zurück in den Bücherschrank.

Eines aber wusste Käthe jetzt: Zeichnen war mehr, als Konturen zu erfassen.

In den folgenden Jahren fühlte sie sich sehr unansehnlich, fast hässlich. Sie schien auch nicht in die Welt des lockeren Umgangs miteinander hineinzupassen. Flüchtige Blicke von einem zum anderen, der spielerische Umgang mit Worten und Gesten blieben ihr fremd. Es war alles so schwer, so ernst und tief an ihr, ihre Bewegungen und ihr Blick, die Worte.

Konrads Kollegen gegenüber, die oft zu Besuch kamen, verhielt sie sich distanziert. Zuweilen verliebten sie oder Lise sich in den einen oder anderen. Beklommen näherte Käthe sich den jungen Männern, errötete oft. Scheue Blicke wurden ausgetauscht, ein Händedruck dauerte vielleicht länger als gewöhnlich, schüchterne Zeichen der Zuneigung. Doch dabei blieb es, denn da waren die Regeln, die Konventionen, denen man sich beugte und unter denen man die eigenen Hoffnungen und Wünsche begrub. Manchmal sehnte Käthe sich fort von dieser Welt, die sie einengte, in der sie nicht sein durfte, wie sie war. Sie hasste all das Verschnörkelte, das pathetische Gehabe, die Floskeln, die man höflichkeitshalber austauschte, nur um nicht sagen zu müssen, was man wirklich dachte, was man wirklich fühlte. Sie empfand es als kleine Befreiung, wenn sie diese Welt für kurze Zeit verließ und mit Lise durch Königsberg bummeln konnte. Manchmal wurden sie begleitet von der lebhafteren Lisbeth Kollwitz, die einzige wirkliche Freundin, die sie außer Lise hatte.

Die Mädchen gingen gerne zum Bahnhof, wo die Züge zwischen Petersburg und Paris hielten, hier stiegen die Großfürsten mit ihren Pelzen und Juden in ihren Kaftans und mit den Schläfenlocken um und brachten einen Hauch der weiten Welt mit in die Provinzstadt.

Hin und wieder kauften die jungen Mädchen Kirschen und flanierten durch die Stadt bis zum Schloss, am Dom vorbei und dann bis zum Pregel und zum Hafen, beobachteten das rege Treiben, das Be- und Entladen der Schiffe. Fasziniert schaute Käthe den Sackträgern zu, den Polen wie den Russen und Litauern in ihren Schafspelzen und den lappenumwickelten Füßen. Abends spielten die Männer Ziehharmonika und tanzten dazu, niemand scherte sich um sie, sie konnten tun, was sie wollten. Sie schienen wirklich frei, das faszinierte Käthe an ihnen.

Käthe beobachtete die unterschiedlichen Gesichter, sie sah die Gestalten, wie sie sich sicher bewegten, kraftvoll und ästhetisch. Und immer drängender wurde ihr Wunsch zu zeichnen. Sie wollte Künstlerin werden. Sie musste Künstlerin werden, um das Leben einzufangen. Sie sagte sich: »Ich muss, ich muss, ich muss.«

In der Familie wurde darüber nicht gesprochen, aber der Vater hatte längst ihr Talent erkannt wie jenes von Lise und Konrads zur Poesie. Pragmatisch stellte er gegenüber der Mutter fest: »Sie ist nicht schön. Die Liebe wird sie nicht abhalten von dem, was sie will.«

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So begann Käthes Weg zur Künstlerin, ab 1880 durfte sie mit zwei anderen Mädchen beim Kupferstecher Rudolf Mauer Unterricht nehmen und lernte Köpfe nach Gipsmodellen und Vorlagen zu zeichnen. Später brachte ihr ein junger Maler, Friedrich Gustav Naujok, weitere Kniffe des Zeichnens bei. Diese Grundlagen waren wichtig für sie, sie musste sie zweifellos beherrschen. Aber sie wollte nicht Zeichenlehrerin an einer höheren Schule werden, die sich mit Bildnissen, Blumen und Früchten beschäftige. Käthe wollte mehr.

Der Vater ahnte davon nichts. Er träumte seinen eigenen Traum, der nicht weniger kühn war. Sein Traum war männlich dominiert: Seine Tochter sollte Historienmalerin werden und von den großen Taten großer Männer in ihren Bildern berichten. Sonntags führte er sie und die Familie in die Königsberger Museen, damit sie diese Bilder sah, die ihn so sehr beeindruckten. Und wohl auch Käthe.

Sie hatte trotz ihrer körperlichen Zartheit nichts Weiches, nichts Liebliches, nichts Hingebungsvolles und Unterwürfiges an sich – die gewünschten weiblichen Attribute ihrer Zeit. Weiblich war auch nicht ihre Begeisterung für das Revolutionäre. Mit angehaltenem Atem hörte sie zu, wenn ihr Vater Ferdinand Freiligraths Revolutionsgedicht Die Toten an die Lebenden las. Leben und Tod – da war es wieder, so konträr und doch untrennbar miteinander verbunden.

Sie träumte von Barrikadenkämpfen, an denen der Vater und Konrad beteiligt sein würden, und sie lud ihnen die Flinte. Sie war es, die »Feuer!« rief, und ihre Mitstreiter dazu aufforderte, bis an die Grenze zu gehen, an die Grenze zwischen den Lebenden und den Toten, zwischen Sein und Nicht-Sein.

Auch der Großvater und der Vater waren Kämpfer für die eigene Sache, waren an ihre eigenen Grenzen gegangen und nicht gescheitert. Julius Rupp hatte sich gegen jeglichen staatlichen Glaubens- und Symbolzwang ausgesprochen, woraufhin man ihn 1845 von seinem Amt als Divisionspfarrer im Militär enthob. Im darauffolgenden Jahr gründete er die erste Freie Evangelische Gemeinde, der sich rund hundert Königsberger anschlossen, und die jahrelang offiziell verboten bleiben sollte.

Sein späterer Schwiegersohn Carl Schmidt, früh verwaist und finanziell schlecht gestellt, wurde 1853 wegen seiner Mitgliedschaft in ebenjener Gemeinschaft als Rechtsreferendar vom Staatsdienst entlassen. Er ließ sich davon nicht beirren, lernte das Maurerhandwerk und gründete nach der Meisterprüfung kurzerhand ein eigenes Baugeschäft.

Sich selbst durchzusetzen im Leben und in der Gesellschaft, hatte Käthe also tagtäglich vor Augen. Immer besser gelang es ihr, die innere Kraft, die sie als kleines Kind als belastend und dunkel empfunden hatte, mit ihrem Können und Wollen übereinzubringen. Und je mehr ihr das gelang, desto mehr stärkte es ihre Willenskraft.

Als der Vater eines Tages am Abendbrottisch zur Mutter über die Zeichnungen der jüngeren Schwester sagte: »Die Lisuschen wird die Katuschchen bald eingeholt haben«, war Käthe zutiefst getroffen. Daran hatte sie, wie sie später feststellte, »sehr lange zu fressen«6. »Damals empfand ich vielleicht zuerst in meinem Leben, was Neid und Eifersucht heißt«7, schrieb sie. Es sollte nicht das letzte Mal sein.

Im Engadin, wohin sie und Lise Mitte der Achtzigerjahre ihre Mutter begleiteten, zeigte man den Hotelgästen Zeichnungen von den beiden. Lise wurde von diesen als die Begabtere der beiden Schwestern gelobt. Käthe litt sehr darunter. Sie war ehrgeizig – auch gegenüber ihrer geliebten jüngeren Schwester: Sie musste besser sein.

Als kleines Kind hatte sie sich durch ihre düsteren Stimmungen und Phasen gekämpft. Sie war geübt darin, sich selbst wieder zurückzuerobern. Und ihre neu angefertigte Zeichnung Luther verbrennt die Bannbulle mit den Charakterköpfen bewunderten denn auch alle. »In mir war Zielrichtung«8, schrieb sie später über diesen initiierenden Punkt ihres Künstlerinnendaseins in ihr Tagebuch.

Lise dagegen hatte kein wirkliches Ziel. Sie zeichnete wie im Vorübergehen, nichts, was den anderen beim Betrachten beschwerte. Auch als Persönlichkeit hatte sie etwas Leichtes, Flüchtiges an sich. Hübsch und lebenslustig wie sie war, wurde sie von vielen umworben. Auch den Maler Lovis Corinth gewann sie Jahre später im Nu für sich. Sie kämpfte nicht – nicht für etwas, nicht gegen etwas. Auch nicht gegen Käthe.

Als Kind fügte sich Lise allen Anweisungen der Älteren. Aber gerade weil sie sich fügte, reizte es Käthe zuweilen, sie herauszufordern. Sie wusste, dass die jüngere Schwester in ihrer Gutherzigkeit leicht verletzlich war und schnell weinte, wenn Käthe sie reizte. Gab es da wirklich keine Grenze, keinen Punkt, ab dem sie endlich Widerstand leistete? Das fragte sie sich immer wieder. Aber es gab keine Barrikaden, die Lise überrannte und keine Kraft, die sie Käthe entgegenschleuderte, wie sehr es sich diese auch wünschte.

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Seit den frühen Achtzigerjahren gehörte auch Karl Kollwitz zu den Kollegen, die Konrad, der noch zuhause lebte, besuchten und zu den kleinen Festen und Bällen der Familie Schmidt eingeladen waren. Etwa ein Jahr jünger als Konrad, hatte er schon früh seinen Vater verloren und das Geld der Familie war knapp. Seine Mutter hatte dennoch große Pläne gehegt. Ihr Sohn sollte Pfarrer werden oder Arzt, die jüngere Schwester Lisbeth Erzieherin. Als auch die Mutter 1878 starb, war Karl erst vierzehn Jahre alt, seine Schwester elf. Der Onkel Dannenberg, ein Gutsbesitzer, verwaltete als Vormund das kleine Vermögen der beiden Kinder. Die Sommer durften die Waisen mit seinen vier Kindern auf dem ostpreußischen Gut verbringen. Karl musste dann zwar auf dem Feld arbeiten, aber nur hier konnten sich die Kinder wirklich satt essen. Der Junge hatte bereits ein gewisses Gespür dafür entwickelt, in welcher der Pensionen, in denen sie unterkamen, es mehr zu essen gab für kleines Geld, aber richtig gefüllt waren ihre Mägen nie – Dickens Geschichten hätten auch in Deutschland geschrieben werden können. Das sah Käthr auch so.

So lernte Karl schon früh die Härte des Lebens kennen. Er lernte, bestimmten Menschen zu misstrauen und anderen zu vertrauen. Er lernte sich anzupassen, Hindernisse zu umgehen. Zwar war Karl ein aufgeschlossener, fröhlicher junger Mann, doch die Fröhlichkeit seines Wesens wurde getrübt durch das erdrückende Gefühl der Verantwortung für sich und seine Schwester. Als er ein Studium begann, nagte das Darlehen für dessen Finanzierung zusätzlich an ihm. Vergaß er diese Bürde für einen Moment, dann war es der Onkel, der ihn daran erinnerte und ihm Vorwürfe wegen seiner Ausgaben und der Schulden machte. So wurde er immer wieder gebremst in seiner natürlichen Heiterkeit und Gelassenheit.

Da traf Karl bei Schmidts die junge Käthe.

Sie war voller Kraft und schien so sehr in sich gefestigt. Das imponierte ihm, der selbst so gespalten war und sich sein Leben schwer erkämpfen musste.

Käthe mit den dunklen, tiefen Augen war etwas Besonderes, das spürte er, wie auch das Unkanalisierte, Offene an ihr.

Karl kam immer öfter zu den Schmidts. Der Grund war Käthe.

II

Carl Schmidt träumte noch immer von der Historienmalerin Käthe. Im Winter 1886/87 schickte er sie nach Berlin, in die Stadt, wo Konrad studierte und Julie seit 1885 mit ihrem Mann Dr. Paul Hofferichter lebte. Käthe bezeichnete es als ein »Probejahr«, vielleicht deshalb, weil sie sich selbst wie der Vater auf die Probe stellen wollte und sehen, ob sie standhalten konnte.

Sie konnte. In der Zeichen- und Malschule des Vereins Berliner Künstlerinnen und Kunstfreundinnen zählte sie rasch zu den begabtesten Schülerinnen. Sie lernte Menschen darzustellen, erlernte das Handwerk und vor allem, etwas auszuarbeiten, sich durchzuarbeiten. Mehr allerdings auch nicht und das ließ die junge Frau unbefriedigt in ihrer Arbeit.

Der Lehrer Karl Stauffer-Bern, der sie nachmittags zusätzlich in Anatomie und Aktzeichnen unterrichtete, riet ihr, sich die Grafiken von Max Klinger anzusehen. Er war mit ihm befreundet und schätzte ihn sehr. Klingers Arbeiten kreisten um die antike Mythologie, um Eros und Tod – befremdliche Themen für viele damals und nur wenige kannten den Künstler. In einer Ausstellung zeigte man seine Grafikfolge Ein Leben, doch die Bilder waren schlecht und sorglos gehängt. Als ob sie nicht wichtig genug wären neben den kolossalen Gemälden anderer Künstler. Käthe sah sie und blieb lange vor diesen wenig beachteten Blättern stehen. Etwas rührte sie an, ja erregte sie. Sie stand und schaute. Langsam formte sich ein Gedanke: Das Leben selbst war es, das in den Grafiken verborgen lag. Nicht in den Konturen, die es festzuhalten schienen wie Konventionen. Sie spürte bei aller Distanziertheit und Erhabenheit von Klingers Bildern, durch alle klaren Linien hindurch, etwas Düsteres und Namenloses.

Eng verknüpft mit Brahms’ Musik war das, was sie bei Klinger packte, das erkannte sie hinterher. Und Jahre später fasste sie in Worte, was sie damals bewegte. Bei Klingers Begräbnis am 8. Juli 1920 sprach sie für die Freie Secession, deren Ehrenmitglied er war, die Abschiedsworte: »Der ungeheure Lebensdrang, die Energie des Ausdrucks waren es, was uns daran packte ... Max Klinger bleibt nicht an der Oberfläche der Dinge haften, er dringt in die dunkle Lebenstiefe ..., das gewaltige herrliche und traurige Leben fasste er und deutete er uns.«1 Käthe hatte etwas entdeckt, was sie zuvor nicht hätte definieren können.

Wie magisch zog sie das Leben der Unterprivilegierten auch in Berlin an, suchte es in den Hinterhöfen wie zuvor am Hafen in Königsberg. Als Lise sie besuchte, war es diese Welt hinter den glitzernden Fassaden, die sie ihr zeigte und nicht das moderne Berlin, das nun, in der »Gründerzeit« auf dem Weg war, eine Weltstadt zu werden. 1880 wurde hier das Elektrizitätswerk von Siemens eingerichtet – nun fuhren auf den Straßen der Metropole die elektrischen Straßenbahnen, und man konnte, wenn auch zu horrenden Preisen, telefonieren. Große Gebäude wurden gebaut, Fabriken und zahlreiche neue Geschäfte mit vielen Filialen eröffnet. Schwülstige Dekors stellten den neuen Reichtum zur Schau, kündeten von Überfluss und nicht immer von gutem Geschmack.

Nichts von alledem beeindruckte Käthe.

Stauffer-Bern hatte ihr geraten, ein weiteres Jahr hier zu bleiben. Zu ihrem Glück, wie sie später sagte, wurde jedoch nichts daraus, weil die Unterrichtsgebühren, die Lehrbücher und das Leben in der Pension zu teuer waren; mindestens 3000 Mark hätte der Vater dafür bezahlen müssen. Ende der Siebzigerjahre hatte er jedoch das Baugeschäft aufgegeben und die Familie lebte seither von den Zinsen seines Vermögens. Sie lebten gut, aber nicht üppig.

So nahm Käthe nach ihrer Rückkehr in die Heimatstadt gemeinsam mit einer jungen Tilsiterin Stunden beim Königsberger Akademieprofessor Emil Neide, einem Historien- und Genremaler. Seine Lebensmüden waren eine Sensation gewesen, bis nach Amerika schwappte sein Ruhm. Doch was Käthe beeindruckte, war allein sein Am Ort der Tat, eine nüchterne Studie zur Untersuchung eines Mordes in einer sandigen Kiesgrube. Als sie bei einem Besuch bei ihrer Schwester Julie in Erkner, bei Berlin, die Brüder Gerhart und Carl Hauptmann sowie Arno Holz kennenlernte, verflog auch dieses Interesse. Die jungen Intellektuellen hielten nichts von der Kunst der Älteren. Das, was für Käthe bisher der Inbegriff der Moderne gewesen war, nannte Arno Holz »ein Bild für Dienstmädchen, und unsere Kunst überhaupt ein Lämmchen mit dem rosa Band!«2 Neue Horizonte eröffneten sich der jungen Malerin, die dabei war, ihre Inspiration und ihren Stil zu finden.

Sie zeichnete viel, auch zu Hause. Lise saß ihr Modell, geduldig folgte sie Käthes Anweisungen, bis diese die perfekte Pose gefunden hatte. Lise war biegsam, Käthe nicht.

Nur einmal malte sie ein Genrebild, wie es zu jener Zeit Mode war: Vor dem Ball. Als Sechzehnjährige schon hatte sie aber eine Zeichnung zu den Auswanderern von Freiligrath gemacht, hatte Arbeiter gezeichnet, Arbeiter, die sie bei ihren Bummeleien durch Königsberg auch jetzt wieder beobachtete und die eine merkwürdige Faszination auf sie ausübten. Das Leben in den Bildern von Max Klinger und das Leben im Hafen und in den dunklen Gassen – da fühlte sie einen Gleichklang in sich, der wellenförmig zu schwingen schien. Als ob sie eine Musik hören könnte, deren Töne immer lauter wurden, ganz nah an ihr Ohr drangen, aber immer, wenn sie meinte am Ziel zu sein, wurden die Töne wieder schwächer.3

Immer noch quälten sie Albträume, in denen sie das Gefühl hatte, in einem luftleeren Raum zu schweben oder sich aufzulösen. Es war etwas im Werden, das begriff und fühlte sie. Etwas tat sich in ihr, wenn auch nur langsam und für die Menschen in ihrer Umgebung nicht wahrnehmbar. Sie musste dem nur Zeit geben.

Viel später schrieb sie ihrem Sohn Hans in einem anderen Zusammenhang: »Ich habe das Gefühl, wenn ich unaufgefordert nach etwas frage, dass durch Sprechen so leicht in Bewegung sich Befindendes fixiert wird.«4

Karl Kollwitz kam weiterhin zu den Schmidts nach Hause.

Er kam vor allem zu Käthe. Liebenswürdig, freundlich und mit einem Leuchten in den Augen, wenn er mit ihr sprach. Eines Tages, als sie allein waren, fasste er sich ein Herz und fragte sie, ob sie ihr Leben mit ihm teilen wollte, wenn er das Studium beendet hatte. Vielleicht war sie überrascht. Vielleicht freute sie sich auch darüber, umworben und geliebt zu werden. Karl war jemand, dem man vertrauen und dem man sich anvertrauen konnte. Manchmal lachten sie auch zusammen, und sie mochte seine Art, mit ihr zu reden, sie herauszuholen aus ihren schweren Gedanken, aus ihrem inneren Gefängnis.

Käthe überlegte und wog die verschiedenen Aspekte ab. Eine unbändige junge Liebe war es wohl nicht. Aber ihr war klar, das sie von Königsberg fort musste, fort von all diesen Konventionen, die ihr Leben einengten. Um Künstlerin zu sein, musste sie das Leben spüren. Karl konnte ihr dabei helfen.

Ihre Mutter mischte sich nicht ein in diese Entscheidung, blieb wie immer außen vor. Doch eines Tages brach sie ihr Schweigen und sagte zu Käthe: »An Karls Liebe wird es dir nie fehlen!«

Und Käthe sagte »Ja« – zu Karl und dem Leben mit ihm.

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Der Vater träumte indessen weiter den Traum von Käthe Schmidt, der Historienmalerin. Er ließ sie nach München ziehen, in die Hauptstadt Bayerns, die als Kunststadt durch die Diezschule bekannt geworden war und in der man die Historienmalerei nach wie vor schätzte.

Cäsar weist den königlichen Stirnreifen zurück, den der Senat ihm darbietet, so oder ähnlich hatte sie ihre Arbeit betitelt, die sie zur Anmeldung bei der Schule vorlegte. Bei Ludwig von Herterich, dem Porträtist und Monumentalmaler, übte sie nun das Aktzeichnen und das Malen. Sie war zunächst nicht sehr erfolgreich, bis sie begann, wie der Lehrer zu malen. Mit einem Schlag gehörte sie zu den guten Schülern der Klasse, wurde anerkannt. Sie spielte das Spiel mit. Auch als sie später ein zweites Mal nach München kam: Sie malte wie Herterich, aber sie suchte weiter ihren Weg. Sie suchte sich selbst.

Argwöhnisch steckte sie dabei ihre Grenzen anderen gegenüber ab. Als man davon sprach, Lise, die geliebte und begabte Lise, nach München zum Studium zu schicken, wehrte sie ab.

Hier wohnte Käthe nahe der Akademie in der Georgenstraße, in einer bürgerlichen Wohngegend – und wurde von den Bürgerinnen und Bürger dieser Stadt als »Malweib«, das sie nun war, misstrauisch beäugt.

Doch das kümmerte sie genauso wenig wie ihre Kolleginnen Linda Kögel, die später 40 Jahre gelähmt im Bett zubringen sollte und dennoch unzählige Entwürfe für Wandmalereien anfertigte; Eugenie Sommer sowie Marianne Geselschap und Marie Dorette Caroline Schorer, die später unter dem Künstlernamen Slavona bekannt wurde. Und dann war da Emma Jeep, mit der sich Käthe bereits in Berlin angefreundet hatte. »Die Schmidt« und »die Jeep« sollten sie sich ein Leben lang nennen.

Tagsüber arbeitete sie hart, abends ging sie mit ihren Kolleginnen und Kollegen aus, genoss das Leben in der Großstadt. Gemeinsam bummelten sie durch die belebten Straßen, den Englischen Garten, besuchten die Bierkeller, die Cafés wie das Café Lohengrin und das Café Luitpold. Sie fühlten sich frei. Und jede der Frauen hatte, was seinerzeit nicht selbstverständlich war, ihren eigenen Hausschlüssel.

Neun Jahre hat sie insgesamt studiert, einmal war sie in dieser Zeit in Italien, in Venedig. Das Geld für die Reise hatte sie sich im Konkurrenzzeichnen verdient. Sie blieb unbeeindruckt von der Stadt, die so viele Menschen magisch anzieht. Und das sagte sie auch. Manchmal eckte sie an und traf auf Widerstand bei den Kolleginnen, die gerne einmal dies, einmal das ausprobierten und mit ihren wechselnden Positionen kokettierten.

Käthe ging es nicht darum, zu gefallen. Sie wollte ungeschönt ehrlich zu sich selbst sein, und so begegnet sie uns auch in den zahlreichen Selbstbildnissen, in denen sie immer wieder versuchte, sich selbst auf die Spur zu kommen. Manchmal lacht sie auf den frühen Bildern, wie sie später nie mehr lachte, aus vollem Hals, und nur einen kleinen Widerschein meint man in ihrem Gesicht zu erkennen. Doch nichts deutet auf ihre inneren Kämpfe hin, auf ihre Zweifel, weil sie sich so früh an Karl gebunden hatte.

Er studierte in Berlin, belastet von finanziellen Sorgen und dem Druck, das Studium so schnell wie möglich zu beenden. Diese Ernsthaftigkeit des Lebens trennte ihn von Käthe vielleicht mehr als die vielen hundert Kilometer, die zwischen München und Berlin lagen. Eines allerdings einte sie, ihr gemeinsames Bekenntnis zum Sozialismus.

Karl hatte noch während der Gymnasialzeit beim Nachbarn seines Onkels, einem Pfarrer, von der politischen Bewegung gehört. Trotz des Einspruchs des Onkels schloss er sich bald darauf einer sozialistischen Studentenverbindung an. Aus Zeitgründen musste er sie bald wieder verlassen, aber er blieb den Mitgliedern Zeit seines Lebens verbunden, vor allem den jüdischen Ärzten.

Er hatte sich sein Leben schwer zu erkämpfen. Leichter schien es Käthes Bruder Konrad zu haben. Vorerst zumindest. Er war wie sein Vater 1887 der SPD beigetreten, der vom Kaiser verachteten Partei. Im selben Jahr schloss er das Studium der Nationalökonomie und Philosophie ab. Seine Dissertation Die Durchschnittsprofitrate auf der Grundlage des Marx’schen Werthgesetzes, die 1889 als Buch erschien, beeindruckte selbst Friedrich Engels. Karl Kautsky gegenüber äußerte Engels, dass er es für das Bedeutendste halte, was seit dem Tod von Karl Marx geschrieben wurde.

Konrad ging für einige Monate nach London, um sich weiterzubilden. Einmal wöchentlich besuchte er den großen Meister Engels, später korrespondierte er mit ihm bis zu dessen Tod 1895. Der Mitstreiter von Karl Marx sagte ihm eine glänzende Karriere voraus, allein die Prophezeiung traf nicht ein. Sein Versuch, sich zu habilitieren, misslang. Resigniert schrieb er an Engels: »Das bloße Akzeptieren der Marx’schen Werttheorie ist bei den Herren schon als Staatsverbrechen angesehen; lieber schwören sie darauf, dass Smith und Ricardo lauter Unsinn geredet, als dass sie irgendeinen Satz annehmen, von dem sie dunkel befürchten, er könne irgendwo sozialistisch verwendet werden.«5

Weil sie nicht in das System passten, hatten schon der Großvater und der Vater ihren Dienst quittieren müssen. Nun verwehrte man auch Konrad eine Staatsanstellung, denn für den Kaiser waren die Sozialdemokraten Reichs- und Staatsfeinde, die es nicht einmal wert waren, Deutsche zu sein. Er resignierte.

Konrad schrieb dennoch weiter an seinen Studien, nahm aber eine Anstellung in der Redaktion des Berliner sozialdemokratischen Blatts Vorwärts, die ihm sein Vater besorgt hatte, an.

Käthe fand in München über Heinrich Braun, einem jungen, gutaussehenden Mann, den Weg zum Sozialismus. Gemeinsam mit ihrer Kollegin Marianne Fiedler las sie August Bebels in Deutschland verbotene Streitschrift Die Frau in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Sie besuchten Veranstaltungen, auf denen der glänzende Redner Bebel sprach. Mit einigen Klassenkameradinnen und Kollegen fand sie sich zu einem Kreis zusammen, in dem die sich gegenseitig die Themen für ihre Arbeiten außerhalb des Unterrichts vorgaben. Ein Thema lautete »Kampf«. Käthe brauchte nicht lange nachzudenken. Ihre Wahl fiel auf eine Szene aus Émile Zolas Germinal: Sie zeichnete die beiden Männer, die in einem verrauchten Lokal um die junge Kathrin kämpften. Ein Kampf um das Leben. Auf ihrem Bild sind die einfachen Menschen zu sehen, wie sie es auf den Bildern der neuen Maler des Naturalismus in Ausstellungen in München bewundert hatte – nicht mehr die Figuren von Rubens, die sie auf dem Weg ins Engadin noch faszinierten.

Plötzlich war alles klar für sie. Als hätten sich die Nebel verzogen, nahm etwas Gestalt an, das sie bislang nur vage gefühlt hatte, das sie in den dunklen Ecken von Königsberg und Berlin gesucht und in den Grafiken von Max Klinger geahnt hatte: das pure Leben.

Die kommende Nacht verbrachte sie schlaflos, voll Vorfreude, da die Vision, die sie zuvor nicht hatte fassen, nun in greifbare Nähe gerückt war. Nun wusste sie es: zu sagen, darzustellen, wie das reale Leben aussah, das war ihr Auftrag, direkt und ohne Umschweife.

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Als Käthe nach dem Studium nach Königsberg zurückkehrte, in einem selbstgenähten Kleid und mit einem selbstgemachten Hut, war sie ein freier und selbstbewusster Mensch geworden. Sie stopfte ihre Strümpfe nach einer neuen Methode, nahm dickes Garn doppelt und war fertig, ehe die anderen mit der Arbeit begonnen hatten. Sie kam mit so viel Freude und unendlicher Energie für dieses neue Leben, doch was ihr begegnete, empfand sie als steif, dunkel und einengend.

Die Welt in Königsberg hatte sich nicht verändert. Es war, als ob sich die Fesseln erneut schließen würden.

Konrad und Karl, der sein halbes Jahr als Arzt beim Militär diente, waren in Berlin. Von der kleinen Provinzstadt aus schien ihr ungeheuer spannend, was sich in Berlin tat. Dort, dachte sie, stünde sie mitten im Leben, während sie hier nur zuschauen konnte. Wenn sie mit einer Freundin spazieren ging, schwieg sie meistens. Aber manchmal erzählte sie von München wie von einem verlorenen Traum.

Auch der Mutter gegenüber blieb sie schweigsam, das war sie gewohnt. Als diese einmal versuchte, mit Käthe zu sprechen, lehnte sie ab. Jeder müsse allein zurechtkommen, sagte sie sich, allein aus dem Dunkel ans Licht vordringen.

Dunkel war diese Zeit zweifellos für sie. Sie dachte auch später nur ungern an dieses ungelebte Leben zurück, in dem sie sich so weit von sich selbst entfernt fühlte. Es erinnerte sie an die frühen Kindheitstage, wenn sie nach außen verschlossen mit ihrer Schwermut und den Ängsten zu kämpfen hatte.