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WOLFGANG WESEMANN

HERR PINGELIG

EINE KARRIERE

ROMAN

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

© 2017 by edition fischer GmbH

Herrn Dr. Bernd Melzer und seiner
VHS-Gruppe »Kreatives Schreiben«
danke ich herzlich für simulierende Diskussion.

Inhalt

Prolog

Geburt und frühe Kindheit

Gotthelf Wieso

Die Studentenzeit

Gotthelf Pingeligs Freizeit

Pingeligs Referendariat am Finanzgericht

Herr Pingelig revolutioniert den Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestags

Pingeligs Besuch bei seinen Eltern

Herr Pingelig, der Sagrotanese

Die erste Mietzahlung

Am Bundesfinanzhof

Herr Pingelig durchwandert die Münsteraner Geschichte

Erste Begegnung mit Herrn Pingelig

Neue Besen kehren gut

Überraschender Wandel

Machtkampf

Hoher Besuch

Todesahnung

Gesundheitslehre

Wieder in Amt und Bürden

Ein Streit, der nicht stattfand

Anprobe im Beerdigungsinstitut

Eine schlechte Nachricht

Grübeln mit System

Verfolgung bei Nacht und Tag

Bedrohung aus der Vergangenheit

Göttlicher Beistand aus Ägypten

Herrn Breithaupts Metamorphose

Herr Pingelig verreist

Eine Trauerfeier als gesellschaftliches Ereignis

Beerdigung als historisches Lehrstück

Listen reicher Pingelig und listenreiche Sandra

Genossenschaft

Autokauf

Einrichtung eines Dienstzimmers

Ein merkwürdiges Willkommen

Ein Verdacht

In der Klinik

Epilog

Prolog

Sie haben in der Schule aufgepasst? Sie haben die deutsche Grammatik gelernt? Sie beherrschen die Steigerung von Eigenschaftswörtern? Dann zeigen Sie, was Sie können! Steigern Sie »genau«! Komparativ »genauer«, Superlativ »am genauesten oder »sehr genau«. Richtig, aber unvollständig. Die eben von mir eingeführte Steigerungsform Superlativ-Plus hatten Sie begreiflicherweise nicht in der Schule gelernt. Der Superlativ-Plus ist jedoch sehr wichtig: genau, genauer, sehr genau und der Superlativ-Plus: zu genau. Die Wörtchen »sehr« oder »zu« können einen Menschen teilen. Die meisten Steuerzahler werden darin übereinstimmen, dass ihr Sachbearbeiter beim Finanzamt es zu genau nimmt. Dagegen wird der Herr Finanzminister über denselben Sachbearbeiter anerkennend urteilen, dass er sehr genau arbeitet. Nach Ansicht Dritter ist unser Finanzbeamter also beides: sehr genau und zu genau. Er ist ein Zwitter, kurz gesagt: ein Genauigkeitszwitter. Vielleicht ist er auch ein Ordnungszwitter, ein Pünktlichkeitszwitter und … und … und … Die Welt ist voll solcher Zwitter. Sind oder werden solche Zwitter schizophren? Nicht notwendigerweise, nur wenn die von außen herangetragenen widersprüchlichen Eigenschaften übernommen werden und zu einer Bewusstseinsspaltung führen. Für unsere Geschichte genügt es, als Helden einen Genauigkeitszwitter zu haben. Allerdings zeigt der Genauigkeitszwitter häufig Eigenschaften wie zu pünktlich, zu ordentlich oder zu zuverlässig.

Geburt und frühe Kindheit

Herr und Frau Messner, beide im besten zeugungsfähigen Alter, beschlossen, diese Fähigkeit zu prüfen, d. h. in die Tat umzusetzen. Es sollte gleichsam eine abstrakte oder, sollte man besser sagen, eine schlummernde Eigenschaft materialisiert werden. Ihr Beschluss und seine Umsetzung sollten sich vorzugsweise in einem Sohn konkretisieren. Dieser Wunsch wurde erfüllt. Frau Messner schenkte ihrem Mann einen Sohn und Letzerem das Leben. Die gottesfürchtigen Eltern vergewisserten sich des Beistandes und der Hilfe Gottes und ließen daher ihren Sohn auf den Namen Gotthelf taufen.

Wurde der, wie Kritiker meinen, zwanghafte Hang zur Genauigkeit dem Gotthelf Messner durch die nach Jahr, Monat und fast auch nach Tag und Stunde präzis geplante Zeugung gleichsam in utero mitgegeben? Gegen diese Annahme spricht, dass viele Paare nach derselben Zeugungsstrategie verfahren und doch die Welt nicht mit Menschen übervölkert ist, die sich der Ordnung und Genauigkeit verpflichtet fühlen. Heißt es nicht: »An ihren Werken sollt ihr sie erkennen!«? Sollte die Welt nicht weniger chaotisch sein, wenn die Fortpflanzung nach Terminkalender die Zahl der Ordnungshüter vermehrte? Wir beobachten aber das Gegenteil, den Beweis eines physikalischen Gesetzes: »Die Unordnung nimmt zu.« Gegen diesen zweiten Hauptsatz der Wärmelehre sind Fünfjahres- oder Neunmonatspläne machtlos. Wir müssen also Gotthelf Messner als eine ungeplante Besonderheit der Spezies homo sapiens einordnen, sei sein Erbgut nun durch Mutation oder ein kurioses Zusammenwürfeln von Genen bedingt.

Die folgenden, immer wieder als wahr behaupteten Beobachtungen müssen als rückwärtsgerichtete Prophezeiungen gewertet werten. So habe sich bei den vorzeitig einsetzenden Wehen der Embryo zum großen Schmerz seiner Mutter mit Händen und Füßen gegen den Uterus gestemmt, um nur ja nicht vor dem errechneten Termin aus dem warmen Aquarium im Mutterleib ins Trockene hinaus gestoßen zu werden. Kontrollierte Gotthelf bereits als Embryo seine Umgebung? Für diese Annahme spricht, dass er auch als Säugling einen Kontrollzwang gezeigt haben soll. So soll der Säugling vor dem Trinken die Brustwarzen seiner Mutter mit einem Alkoholtuch desinfiziert haben. Schließlich habe er nach Aufnahme der vorgeschriebenen Milliliter Muttermilch seine Mutter mit den Fäustchen vor die Brust geschlagen, als unmissverständliches Signal, dass das Maß voll sei. Ob man in seiner Kehle einen Durchflusszähler, einer Wasseruhr vergleichbar, vermutete, ist nicht überliefert. Als Beweis für diese phantastischen Annahmen wurde die völlig normale Entwicklung von Gotthelf gewertet: Gewicht und Länge bei der Geburt normal, ebenso die weitere Entwicklung des Säuglings. Glaubte man den wiederholten Beteuerungen, gedieh Kleingotthelf zu normal, man ist versucht zu sagen, normaler als normal. Das Normale wurde als außergewöhnlich, als Wunder umgedeutet; denn normal war und ist uninteressant, unbefriedigend.

Die Akkuratesse, mit der der Zweijährige mit seinen Bauklötzen Türme und Brücken baute, wurde von seinen Eltern gelobt. Dass er nach dem Spielen die Bauklötze in den Beutel zurücklegte, die Modellautos parallel zueinander im Spielzeugregal parkte, kurzum, dass er Ordnung hielt, war für seine Eltern bequem und förderungswürdig. Die weitere Entwicklung von Gotthelf war auffällig, sodass die Suche nach etwaigen Besonderheiten bereits im Stadium des Embryos und Säuglings verständlich und entschuldbar ist.

Der Dreijährige erstaunte seine Eltern durch eine bemerkenswerte Beobachtungsgabe und ein außerordentliches Geschick. So hatte er durch bloßes Zusehen gelernt, Knöpfe anzunähen. Da die Knopfschachtel seiner Mutter einen ungeheuren Reichtum verschiedenartiger Knöpfe bot, suchte Gotthelf nach ausreichend großen Stoffproben und fand sie in den langen Hosenbeinen des schwarzen Anzugs seines Vaters. Die Verteilung der Hosenknöpfe auf den Hosenbeinen in Längsbahnen, oben mit dem größten Knopf einer Farbe beginnend und mit dem kleinsten Knopf auf dem Hosenaufschlag endend, zeugte von Gotthelfs früh ausgeprägtem Ordnungssinn. Ja, wenn das Auge nicht durch die konventionelle Sicht auf das Hosenbein eines schwarzen Anzugs getrübt wäre, könnte man in den farbigen Knopfleisten eine gewisse gestalterische Kraft, vielleicht des zukünftigen Modeschöpfers, erkannt haben. Um die nicht geringe Arbeit bei der Herstellung der Knöpfelhose zu rationalisieren, normierte Gotthelf die für große, mittlere und kleine Knöpfe benötigte Fadenlänge, indem er vom Zentimetermaß seiner Mutter für jede Knopfkategorie eine Musterlänge abschnitt. Diese rabiate Beschaffung von Längenmustern für die Nähgarnfäden muss einem Dreijährigen nachgesehen werden, der sich noch nicht an Zahlenangaben auf einem Zentimetermaß orientieren kann. Außerdem müsste von einem kritischen Gutachter dem geringen Schaden des um nur wenige Zentimeter gekürzten, aber nicht restlos unbrauchbaren Zentimetermaßes die nicht unerhebliche Einsparung an Nähgarn gegenüber gestellt werden, da dank der Fadenschablonen immer die korrekte Länge und nicht zu kurze oder zu lange Fäden abgeschnitten wurden. Die verdiente Anerkennung seiner Geschicklichkeit und seines Sinns für gestaltende Ordnung wurde Gotthelf versagt. Sein Werk, die Knöpfelhose, fand nur Missbilligung oder, freundlicher ausgedrückt, nur einen negativen Beifall. Seine Mutter wurde von der Sorge getrieben, die Hose des guten Anzugs seines Vaters unbemerkt von diesem in den fantasielosen Urzustand zu bringen, d .h. die eintönig schwarze Ordnung wiederherzustellen.

Bei einem Besuch des nahegelegenen Hafens erklärte der Vater seinem damals vierjährigen Sohn die Bedeutung der grünen und roten Positionslampen auf der Steuerbord- bzw. Backbordseite der Schiffe. Gotthelf war in dem Alter, in dem er seine Fähigkeiten in der Malkunst testete. In Ermangelung eines Schiffes markierte er zur Unterscheidung von rechts und links seine Schuhe mit grüner und roter Ölkreide. Selbst seine Strümpfe wurden von dieser Aktion nicht verschont. Kleine häusliche Aufgaben wie Tischdecken wurden gerne übernommen. Als Hilfe für die korrekte Anordnung markierte er mit in Wasser unlöslichem Farbstift auf der weißen Damastdecke die Position von Teller, Tasse und Besteck, wobei er jedem Familienmitglied eine eigene Farbe zuwies. Bevor die Mutter das Essen auftrug, überprüfte Gotthelf, ob die drei Gedecke für Vater, Mutter und ihn auf dem runden Tisch symmetrisch angeordnet waren. Sogar die Abstände zwischen den Tellern und Bestecken mussten bei allen Gedecken gleich sein. Hatte Gotthelfs Verhalten seinen Ursprung in übertriebener Ordnungsliebe, oder war es Kontrollzwang?

Trotz gegenteiliger Wertschätzung von Gotthelfs Eigenschaften spürten die Eltern, dass er etwas Besonderes war. Dass Gotthelf so geworden war, betrachteten die Eltern als sein Schicksal. Es war auch ihr Schicksal, für das die Mutter ihrem Schöpfer dankte, während der Vater vorgab, unter diesem Schicksalsschlag zu leiden.

Zum Spielen mit anderen Kindern hatte Gotthelf wenig Zeit. Er war zu sehr mit dem ständigen Auf- und Umräumen seiner Spielsachen beschäftigt. Das hübsche Malbuch regte ihn zum Ausmalen, aber vor allem zum fortwährenden Anspitzen und Sortieren der Buntstifte an.

»Wenn das so weitergeht«, stöhnte Gotthelfs Vater, »wird er noch einmal ein richtiger Korinthenkacker!« Die Mutter versuchte, den Vater zu besänftigen und ihren Sohn zu verteidigen: »Das wächst sich aus. Warte, bis Gotthelf in die Schule kommt! Du wirst noch einmal stolz auf ihn sein. Mit seiner Veranlagung wird er es weit bringen.«

Gotthelf Wieso

Apropos Schule! Es reihte sich von der ersten bis zur letzten Klasse eine kleine Katastrophe an die nächst größere. Der Erstklässler hatte wenig Mühe beim Lesen oder Kopfrechnen. Doch bei den schriftlichen Aufgaben schrieb er nicht, sondern malte mit großem Zeitaufwand Buchstaben und Zahlen, sodass er selten pünktlich und zusammen mit seinen Klassenkameraden fertig wurde. Konnte bei selbstkritischer Beurteilung eine Zahl oder ein Buchstabe seinen ästhetischen Ansprüchen nicht voll genügen, wurde die Aufgabe zu Hause so oft abgeschrieben, bis in seinen Augen alles perfekt war.

Jedes Kind nervt in einem bestimmten Alter seine Umgebung mit andauernder Fragerei. Gotthelf blieb zumindest während der gesamten Schulzeit in dieser Phase des Fragens. Sein Vater bezeichnete ihn als Quälgeist und Quasselstrippe, seine Mutter als aufgewecktes Kind. Für die Lehrer waren die vielen Fragen nur am Anfang von Gotthelfs Schullaufbahn Ausdruck eines regen Verstands. Sehr rasch war ihnen sein kritischer Geist hauptsächlich lästig. So fragte Gotthelf beim Sportunterricht: »Im Sport werden Zehntel- und manchmal Hundertstelsekunden gemessen. Wieso sind beim Wettlauf Start- und Ziellinie so breit und ungenau? Ein geschickter Läufer kann bei Start und Ziel 8 cm einsparen, wenn er beim Start die volle Breite der Startmarkierung ausnutzt und im Ziel beim Erreichen des vorderen Randes der Ziellinie gemessen wird.« Bei den Wurfdisziplinen und beim Weitsprung wollte er wissen: »Wieso wird das Bandmaß nicht regelmäßig überprüft? Ist es auf Temperatur- und Feuchtigkeitsabhängigkeit geeicht?«

Begreiflicherweise hatte der Physiklehrer mit seinen vielen Messinstrumenten einen besonders schweren Stand. Nachdem er die Empfindlichkeit und Genauigkeit einer Analysenwaage beschrieben hatte, die, vor Umwelteinflüssen geschützt, in einem Glasgehäuse stand, demonstrierte er im praktischen Teil des Unterrichts, wie er eine Probe in den Wägeraum einbrachte und das Gewicht bis auf ein Zehntel Milligramm bestimmen konnte. Der Fingerfertigkeit und Konzentration erfordernde Akt wurde durch die Frage des genau beobachtenden Gotthelf gestört. »Wieso gehen Sie mit Ihrer Hand in den Wägeraum? Beeinflusst die Feuchtigkeit Ihrer Hand nicht das Wägeergebnis?« Irritiert verstreute der Physiklehrer mit zitternder Hand das Wägegut auch neben die Waagschale. »Bei diesem Demonstrationsversuch kommt es auf das Prinzip an, sodass ich mir erlaube, die Feuchtigkeit der Hand unberücksichtigt zu lassen«, räumte der Physiklehrer ein. Schwang in seiner Stimme statt eines Lobs für den aufmerksamen Schüler gar etwas Unmut mit?

Trotz der Eigenbrötlerei war Gotthelf bei seinen Klassenkameraden nicht unbeliebt. Trug er doch durch die Belehrung der Lehrer mit seinen vielen Wieso-Fragen zur Belebung des Unterrichts bei. »Wieso?« war sein Markenzeichen und sein Spitzname als Klassenclown geworden. Die Lehrer waren allerdings über die Wieso-Fragerei weniger amüsiert. Sie konnten dem Frager jedoch eine hohe Intelligenz nicht absprechen, die er aber ihrer Meinung nach nicht ungezügelt bei ihnen ausleben sollte. Was sollte man offiziell als Lehrperson und beamteter Förderer der geistigen Entwicklung von Jugendlichen einwenden, wenn Gotthelf im Mathematikunterricht harmlos fragte: »Herr Oberstudienrat, wieso gibt es unendlich viele Zahlen zwischen null und eins?« oder: »Wieso ist eins plus eins gleich zwei?« Mit solchen Fragen konnte die Autorität des Lehrers untergraben werden, zumal dann, wenn die Antwort unbefriedigend ausfiel und von der Klasse mit »1:0 für Wieso« kommentiert wurde. Gotthelf brachte seinen in Ehren ergrauten Mathematiklehrer nicht nur zur Weißglut, sondern verhalf diesem zu einer nicht geplanten Aufräumaktion auf dem Dachboden seines Hauses, wo er seine alten Vorlesungsmanuskripte aufbewahrte.

Ist es verwunderlich, dass im Lehrerzimmer nicht immer schmeichelhaft von Gotthelf gesprochen wurde und dass sich einige Lehrer durch Klassenwechsel des hochbegabten Schülers entledigen wollten?

»Mein lieber, junger Kollege, als der Ältere möchte ich Ihnen meine Klasse anvertrauen. Wäre es nicht eine Herausforderung, das in Ihrem Referendariat Gelernte zur Zähmung der überschäumenden Wissbegier von Gotthelf Messner anzuwenden?« So oder ähnlich versuchte man den Ehrgeiz jüngerer Kollegen zu wecken, um sie zur Übernahme von Gotthelfs Klasse zu bewegen. Die eigenen Fähigkeiten wurden in ungewohnter Bescheidenheit hintenangestellt. Dieses wohlmeinende Angebot zwang den so geschmeichelten jungen Kollegen einen inneren Kampf zwischen Eitelkeit und Vernunft auf. Es spricht für die Charakterstärke der jungen Lehrergeneration, dass sie nicht der Eitelkeit erlagen, sondern der Vernunft folgten und auf die Klassenübernahme mit größtem Bedauern und vielen Ausflüchten verzichteten.

Aus diesem Dilemma musste ein anderer Ausweg gefunden werden. Zwar war man sich nicht einig, ob Gotthelf aus Interesse oder aus Bosheit fragte, da er vermutlich die Antwort zu seinen Fragen wusste. Doch in seltener kollegialer Einmütigkeit zollte man der kritischen Intelligenz Gotthelfs und der eigenen Selbstachtung Tribut. Gotthelf musste so rasch wie möglich zum ehrenvollen Verlassen der Schule bewegt werden. In Anerkennung seiner herausragenden Leistungen wurde er vorzeitig zum Abitur zugelassen, das er mit Auszeichnung ablegte.

Die Studentenzeit

Wie andere Hochbegabte hatte auch Gotthelf Schwierigkeiten bei der Berufswahl.

»Schauen Sie in Ihr Abiturzeugnis! Die besten Zensuren weisen Ihnen den Berufsweg.«

Dieser Rat des Berufsberaters vom Arbeitsamt half nicht weiter. Gotthelfs Reifezeugnis voller Einser und Zweier sprach für weitgefächerte Interessen und Begabungen. Fächerübergreifend war allerdings seine Vorliebe für analytische Probleme. Daher fielen ihm Fächer wie Mathematik, Philosophie und Latein, das er den Neusprachen vorzog, besonders leicht. Er beschloss, Mathematik zu studieren, sich aber in den ersten Semestern auch in Philosophie einzuschreiben, einem Fach, in dem die Vernunft analysiert wird.

Wegen der Nähe zu seiner Heimat, dem Bergischen Land, kamen als Studienorte nur Köln oder Bonn in Frage. Die Großstadt Köln war ihm zu unruhig. Bonn dagegen, eine kleine verträumte Stadt, spießig, aber sauberer als die meisten Großstädte, zog ihn an.

Ihn störte es nicht, dass die Stadt der Interpretation ihres Namens Bonn, Bundeshauptstadt ohne nennenswertes Nachtleben, alle Ehre machte. Seine Wissbegierde trieb ihn tagsüber in die Hörsäle, abends in die Universitätsbibliothek oder hinter den Schreibtisch in seiner Studentenbude. Er hatte weder Zeit für, noch Interesse an nächtlichen Vergnügungen.

Das Studium der Mathematik und der Philosophie zwang Gotthelf einen überbordenden Stundenplan auf. Trotz dieser Doppelbelastung spürte er keine Ermüdung. Zu groß war die Freude, soviel Neues zu lernen. In Mathematik erhielt er jetzt die Antwort auf die einst für seinen Mathematiklehrer so heikle Frage, wieso eins verschieden von null ist und ob es zwischen eins und null unendlich viele Zahlen gibt. Die Beweisführungen der Mathematik bei so elementaren Problemen faszinierten ihn.

Der für jeden Tag aufgestellte Zeitplan regulierte seine Tätigkeiten minutengenau. Über täglich wiederkehrende Aufgaben wie Morgentoilette, Frühstück vorbereiten und Frühstück einnehmen hatte er ein detailliertes Protokoll geführt, sodass er die Morgentoilette unterteilte in Zähneputzen – zwei Minuten, Rasieren – fünf Minuten, um nur zwei Beispiele zu nennen und um nicht der Diskretion unterliegende Intimitäten wie Blasenentleerung und Darmregulierung in ihrem zeitlichen Ablauf schildern zu müssen. Jeder Tag wurde von morgens sechs Uhr bis abends elf Uhr geplant. Nach 23 Uhr gönnte sich Gotthelf ein »open end« zum Lesen oder Musikhören. Der Samstagabend wurde laut Zeitplan bereits um 20 Uhr mit dem Kürzel z. f. V., zur freien Verfügung, beendet. Dasselbe Kürzel regelte seine Tätigkeit bis Sonntagabend. Am Sonntagabend um 20 Uhr erinnerte ihn die Abkürzung VoVoMo an die Vorbereitung der Vorlesungen und Übungen am Montag.

Gotthelf gönnte sich also in jeder Woche exakt 24 Stunden Entspannung, vornehmlich zum Lesen oder Spazierengehen, selten zum Besuch von Kino oder Konzert.

Auf seinen Spaziergängen machte sich Gotthelf mit Bonn und seiner Umgebung vertraut. Auf dem Stadtplan zeichnete er mit dem Zirkel konzentrische Kreise ein. Mittelpunkt und damit Start seiner Stadterkundungen war der Bonner Hauptbahnhof. Im Umkreis von ein bis zwei Kilometern zeugen gut erhaltene bzw. restaurierte Gebäude von der Pracht der ehemaligen kurkölnischen Residenzstadt.

Vom 13. bis 18. Jahrhundert war Bonn Sitz der Erzbischöfe und Kurfürsten von Köln. Ihre geistliche und weltliche Würde und Macht symbolisieren ihre Bauwerke. Im romanischen Teil des Münsters umschließen die Mauern die Seelen der Gläubigen, während sie ihnen im aufstrebenden frühgotischen Teil den Weg zum Himmel weisen. Der Erzbischof selbst konnte seine himmelwärts strebende Gemeinde nicht begleiten. Er musste sich vor Antritt dieser weiten Reise ins Paradies mit den Barock- und Rokokoschlössern seiner kurfürstlichen Residenz begnügen. Er war auserwählt, irdische Macht zu tragen, bevor er in das Hosianna der Engel einstimmen durfte. Der janusköpfige katholische Würdenträger blickte also mit einem Gesicht himmelwärts, mit dem anderen auf Irdisches, manchmal allzu Irdisches. Warum auch sollte ein geistlicher Herr nicht, wie der Rheinländer sagen würde, »Spaß an der Freud« haben? Er empfand dies offensichtlich nicht als seelische Schizophrenie. Er gönnte und gönnt als Seelenhirte auch seinen Schutzbefohlenen weltliche Vergnügungen wie den vor Lebens- und manchmal vor Fleischeslust überschäumenden Karneval, der zur Reinigung der Seele in die Fastenzeit führt. Wie sich beim Rheinländer Irdisches und Himmlisches ohne Turbulenzen vermischt, beschrieb der Bonner Kunsthistoriker Professor Lützeler in seiner Vorlesung über die Philosophie des Kölner Karnevals: Ein Fremder beobachtet den Fronleichnamszug in Köln. Angetan von der festlichen Prozession, in der auch viele weißgekleidete Mädchen mitgehen, spricht er eines der Mädchen an: »Mein Kind, was hast du für ein wunderschönes weißes Kleid!« Antwort des Mädchens: »Ich bin kein Kind. Ich bin ein Engel, du Arschloch!«

Auf seinen Streifzügen durch Bonn beobachtete Gotthelf immer wieder, wie sich anscheinend Gegensätzliches vereint. Hinter den Mauern der verspielten Barock- und Rokokobauten des erzbischöflichen Kurfürsten widmeten sich Professoren und Studenten solch abstrakten oder zumindest nüchternen Wissenschaften wie der Mathematik oder Jurisprudenz. Auch die Politik, obwohl institutionell am Stadtrand angesiedelt, wurde in ihrem äußeren Gehabe beschaulich in die Stadt integriert. Zum Stadtbild gehörte der von den weißen Mäusen, den in weißes Leder gekleideten Motorradpolizisten, begleitete schwarze Mercedes des Alten von Rhöndorf, unseres ersten, langjährigen Bundeskanzlers und Rosenliebhabers Konrad Adenauer, von dem die Bonner sagten: »Wer Rosen züchtet, verduftet nicht so schnell.« Der Wirtschaftsminister Ludwig Erhardt, der selbst bei jeder noch so kurzen Autofahrt umfangreiche Akten studierte, passte mit seinen barocken Formen ausgezeichnet zur Architektur der Stadt. Man sah ihn gern, verkörperte er doch das Wirtschaftswunder.

Es soll jedoch nicht verschwiegen werden, dass das ungezwungene Nebeneinander von Politikern und Studenten kritisiert wurde, vor allem dann, wenn Studenten allzu frei, d. h. frei jeder Bekleidung, in unmittelbarer Nachbarschaft zum belebten Bonner Hauptbahnhof im Brunnen auf dem Kaiserplatz badeten. Während die eine Zeitung das Einschreiten der Polizei begrüßte und mit erhobenem Zeigefinger die fehlende Rücksichtnahme auf die hohe Politik der einstweiligen Hauptstadt sowie ihrer Diplomaten anmahnte und das studentische Badevergnügen als ungehörige Schandtat brandmarkte, betrachtete es die regionale Pressekonkurrenz als einen das politische Sommerloch belebenden Studentenulk. In Großaufnahme wurde das von den Übeltätern nach ihrer Vertreibung am Brunnen aufgestellte Schild gezeigt. »Baden verboten! Neptun.« Nach Einbringen von Waschpulver schäumte der entweihte Brunnen über und wurde so vom Studentenfrevel gereinigt.

Nach Besichtigung der Sehenswürdigkeiten im Zentrum leiteten ihn die in den Stadtplan eingezeichneten Kreise durch die Stadt und ihre nähere Umgebung, sodass er alle Stadtviertel und die naheliegenden Ortschaften kennenlernte. Gotthelf gestattete sich in Abweichung von seinem täglichen Zeitplan großzügig einen Urlaub von einem halben Tag, um den Bundestag zu besuchen. Er hatte das Glück, einen Teil einer Haushaltsdebatte verfolgen zu können. Der von politischen Freunden und Feinden wegen seiner sparsamen Haushaltspolitik gescholtene Finanzminister Schäffer erläuterte eine Vorlage, die zur Verbesserung der Versorgung von Kriegsversehrten führen sollte. Er sprach von den vielen Millionen, mit denen der Bundeshaushalt durch diese Verbesserung belastet würde. Von Seiten der kommunistischen Fraktion nahm ihr Vizevorsitzender Renner Stellung zu der Vorlage. Der Fraktionschef Reimann, der von 1949 bis 1953 Mitglied des Bundestags war, fehlte bei den Bundestagssitzungen häufig wegen Hausverbots. Der Abgeordnete Renner wurde in seinem Beitrag sehr praktisch: »Herr Finanzminister, Sie jonglieren hier mit Millionen, die Sie für die Kriegsversehrten ausgeben. Ihre Großzügigkeit bedeutet für einen beinamputierten Kriegsversehrten, dass er sich pro Jahr zwei Paar Socken kaufen kann.« Solche handfesten Beiträge belebten zur Freude der Besuchertribüne die Diskussion und trugen nicht unwesentlich zur Akzeptanz der jungen Demokratie bei.

Die Mathematik war für Gotthelf Messner keineswegs eine trockene Wissenschaft. Die Vorlesungen waren aufgrund der Eigenheiten der Lehrenden nicht nur interessant, sondern auch vergnüglich. Obwohl der Vortragsstil der Professoren sehr monoton sein konnte, ließen gewisse Auffälligkeiten keine Langeweile aufkommen. Der Dekan der mathematischnaturwissenschaftlichen Fakultät berücksichtigte bei den Berufungsvorschlägen an den Kultusminister des Landes anscheinend neben der geistigen auch die körperliche Größe der Bewerber. Gardemaß war Voraussetzung, um bei Berufungsverhandlungen für Mathematiker in die engere Auswahl zu gelangen. Der Soldatenkönig hätte alle Mathematikprofessoren der Bonner Universität in die Garde der langen Kerls aufgenommen. Die Diener der Professoren, auch Privatdozent oder Assistent genannt, waren dagegen klein und kugelig. Sie veranschaulichten hiermit die Hierarchie.

Der hochaufgeschossene Professor Schweißbach trug nach Meinung der Studenten seinen Namen .zu unrecht. Aufgrund seiner tiefschürfenden Examensfragen hatten sie ihn »Schweißfluss« oder »Schweißsee« getauft. Von Montag bis Donnerstag steckte er eine weiße Nelke ins Revers. Freitags wurde sie gegen eine rote ausgetauscht. Es ist nicht bekannt, ob er Mitglied der SPD war und sich sowie seine Kleidung mit der roten Nelke auf den Besuch von Parteiversammlungen vorbereitete oder ob er jungen Studentinnen seine Bereitschaft signalisieren wollte. Es ist sicherlich üble Nachrede examensschwacher männlicher Studenten, dass Mathematikstudentinnen im Examenssemester besonders liebebedürftig waren.

Mit solchen Verdächtigungen wurde der König der Bonner Mathematikprofessoren, Herr Professor Schneidewind, nicht besudelt. Er überragte alle Kollegen um Haupteslänge und, wie er glaubte, auch in jeder anderen Beziehung. Seine stark akzentuierte Sprache erinnerte in ihrer volltönenden Lautgebung an einen Burgschauspieler alter Zeit. Sein Unterricht glich mehr einer Vorstellung als einer Vorlesung. Zu der theatralischen Inszenierung passte sein Kostümwechsel. Zu Vorlesungen, in denen er aus dem unermesslichen Reichtum der Mathematik einen besonderen Schatz hob, um ihn den Hörern zu präsentieren, trug er unter dem Jackett seines schwarzen Anzugs eine silbergraue Weste. Damit jeder das Signal vor Verkündigung der eminent wichtigen Botschaft sah, steckte er bei geöffnetem Jackett und gespreizten Fingern die Daumen in die Achselhöhlen, um so die silbergraue Weste voll zur Geltung zu bringen. Die getuschelte Bemerkung eines Studenten: »Silbergraues Perlhuhn beim Flugversuch«, war nicht nur ungehörig, bei einem Zweimeter-Professor auch biologisch unangemessen.

Nach einigen Semestern sagte Gotthelf der hohen Mathematik ade. Er glaubte, nicht genug Phantasie zu besitzen, um in der reinen Mathematik befriedigende Leistungen zu erzielen. Ihn drängte es, das in der reinen Mathematik Gelernte anzuwenden. Fachlich bot sich hierfür die angewandte Mathematik und institutionell das Großforschungszentrum der Gesellschaft für angewandte Mathematik und Datenverarbeitung (GMD) an. Ihn faszinierte die Statistik und hier besonders ein Teilgebiet, die Stochastik. Auf Anregung seiner Dozenten widmete er sich in seiner Diplomarbeit der Frage, welche Bedeutung die Analyse zufälliger Ereignisse für statistische Untersuchungen in der Finanzwissenschaft besitzt. Nach erfolgreichem Abschluss der Diplomarbeit stand Gotthelf vor der Entscheidung, ob er weiter die angewandte Mathematik im Rahmen wissenschaftlicher Fragestellungen betreiben wollte oder ob er sich praxisorientierten Problemen zuwenden sollte. Er entschied sich gegen die Theorie und für die Praxis oder, wie er es ausdrückte: er ging den Weg von der Finanzwissenschaft zur angewandten Finanzmathematik. Durch Studium und Diplomarbeit fühlte er sich wohl gerüstet, anwendungsbezogene Probleme zu lösen. Die Frage war, auf welches Gebiet er seine mathematischen Erfahrungen anwenden sollte? Er wählte die Volkswirtschaft. Doch wie ein Bildhauer neben seinem Werkzeug, Hammer und Meißel, auch sein Material, den Stein, kennen sollte, war es für Gotthelf erforderlich, sein Material, die Volkswirtschaft, zu beherrschen, um die Mathematik darauf anzuwenden.

Da ihn das juristische Schmalspurwissen der Volkswirte nicht befriedigte, studierte er zusätzlich Jura. In diesem Fach werden in Seminaren und Vorlesungen knappe und treffende Ausdruckformen geschult. Um das Doppelstudium Volkswirtschaft und Jura in angemessener Zeit zu beenden, durfte er nicht der meist recht legeren Auffassung seiner Kommilitonen vom Jurastudium folgen.

Jurastudenten besuchten in den ersten Semestern die Vorlesungen mit großer Zurückhaltung. Die Teilnahme an Seminaren und Klausuren war für sie lästig aber wegen der Präsenzkontrolle von Zeit zu Zeit unvermeidbar. Dagegen beteiligten sie sich freiwillig und sogar bis in die späte Nacht an Übungen in der für Juristen notwendigen freien Rede. Wegen der begrenzten Öffnungszeiten der Seminarräume nahmen sie in Kauf, dass sie hierfür in Kneipen ausweichen mussten, wo sie zur Förderung der flüssigen Rede Lippen und Gaumen exzessiv mit Bier feuchthalten konnten. Um später eine ausgedehnte Studienzeit und mäßige Examensergebnisse zu rechtfertigen, übten sie sich in der Dialektik. Ein Staatsexamen mit der Note »befriedigend« war ein Prädikatsexamen. Wenn Eltern nach einer Begründung der ausgedehnten Studienzeiten fragten, spendeten ihnen ihre studierfreudigen Töchter und Söhne Trost. »Ich habe den Ehrgeiz, ein besseres Examen abzulegen. Daher studiere ich etwas länger.« Es war das Problem der Eltern, nicht nach der Bezugsgröße zu fragen: »Besser als?« Wenn später das mit »ausreichend« benotete Examen den enttäuschten Eltern präsentiert wurde und diese nach dem versprochenen besseren Examen fragten, wurden sie belehrt: »Das mit ausreichend bestandene Examen ist doch besser als durchgefallen, was nach der regulären Studienzeit der Fall gewesen wäre.«

Die in den ersten Semestern überaus freiheitsliebenden und darum vorlesungsabstinenten Jurastudenten unterwarfen sich vor dem Examen freiwillig dem Einpauken durch einen Repetitor. Die juristischen Repetitoren, meist Rechtsanwälte oder Universitätsassistenten, sind laut Duden Akademiker, die Studenten durch Wiederholung des Lehrstoffs auf das Examen vorbereiten. Diese Definition beschreibt nur ungenau die Wirklichkeit, da sich Jurastudenten entgegen dem offiziellen Lehrplan in den ersten Semestern die oben erwähnte vorlesungsarme Zeit genehmigten. Wenn die selbstbestimmte Zeit gekommen war, sich behutsam dem Examen zu nähern, besuchte man ein Repetitorium. Dieser akademische Nachhilfeunterricht darf nicht mit einer Förderstufe verwechselt werden, denn leistungsschwache Jurastudenten gab es nicht. Es handelte sich hier um Leistungsökonomen. Schon ein Jurastudent war sich bewusst, dass er zu den Auserwählten gehörte, die alles können und alles wissen.

Gotthelf hatte zwar kein Semester verbummelt, doch über den Repetitor führte der Weg direkt zu den Examensfragen, denn der bekannteste Repetitor in Bonn, ein gestandener Rechtsanwalt, verfügte über eine nach Prüfern geordnete Sammlung aller Staatsexamensfragen der vergangenen Jahre. Die Sammlung wurde fortlaufend ergänzt. Nach Bekanntwerden von Prüfungstermin und Prüfern wurde der Student auf seine Prüfer gedrillt. Er wurde, wie sich der Repetitor ausdrückte, auf seine Prüfer »angesetzt«. Im Jargon der Fußballer würde von »Manndeckung« die Rede sein. Da jeder Student verpflichtet war, unmittelbar nach der Prüfung Fragen und Prüfungsverlauf in die Prüfungskartei einzugeben, war sie immer auf dem neuesten Stand.

Der Repetitor, nennen wir ihn Herrn Schulze, er könnte auch Müller oder Meier heißen, umgab sich mit einer Aura jovialer Eitelkeit. Jovial, da er alle Teilnehmer seines Paukkursus duzte und mit deftigen Worten Fallbeispiele nannte, die sich nicht selten wie Zoten anhörten. Mit dieser Rhetorik erhöhte er den Erinnerungswert in den Gehirnen seiner feinen Klientel von Jurastudenten. Seine Eitelkeit gipfelte darin, dass er sich in aller Bescheidenheit als die einzige Hochschule Deutschlands bezeichnete. In Konkurrenz um die Krone der Eitelkeit befand er sich mit dem damaligen Chef der Bonner Strahlenklinik, der in keiner Vorlesung den Besuch eines Amerikaners in seiner Klinik zu erwähnen vergaß. Dieser habe sich mit den Worten eingeführt: »Schon in Amerika habe ich gehört, in Bonn musst du besuchen: Bundeshaus, Beethovenhaus und Strahlenklinik.« Jurastudenten, die aus Neugier sporadisch das Kolleg Strahlenmedizin besuchten, vermochten nicht zu entscheiden, wer von beiden, Repetitor oder Strahlenmediziner, der größere Aufschneider war. Beide waren amüsant, passten rhetorisch ins Rheinland, wenn auch vielleicht besser zu Karneval in die Bütt als während des Semesters hinter das Katheder.

Zur lebendigen Vermittlung der Jurisprudenz pflegte Rechtsanwalt Schulze das Frage- und Antwortspiel mit seinen Hörern. Hierbei fiel Gotthelf durch seine rege Beteiligung, aber vor allem durch seine Gabe auf, aus Fallbeispielen den juristischen Sachverhalt herauszuschälen und ihn den entsprechenden Paragraphen zuzuordnen. Sein phänomenales Gedächtnis unterstützte ihn hierbei, sodass er aus dem Stegreif die fallbezogenen Gesetze zitieren konnte. Es waren die im Repetitorium drastisch dargestellten Fälle, die ihn interessierten. Die Fälle waren die Übungen, die Gesetze das Gerüst, an denen er seine juristischen Turnübungen ausführte.

War Gotthelf bei seinen Kommilitonen beliebt? Ja. Da ihm niemand den Rang der Beste des Kurses zu sein, streitig machte, war er hilfsbereit und mit seinem Wissen nie aufdringlich. Trotz seines Ehrgeizes war er keineswegs als Streber verschrien. Seine Eigenheiten wurden mit Sticheleien beantwortet oder provoziert. So, wenn er dem Händeschütteln eines Kommilitonen nicht entgehen konnte und dieser Gotthelfs sofortiges Desinfizieren der Hände kommentierte: »Du musst deine Hände gründlich desinfizieren. Ich habe gerade einem Aussätzigen den Arsch abgewischt.«

Auch während des Repetitoriums musste er sich kleine Spötteleien hin und wieder gefallen lassen, so bei der juristischen Beurteilung eines Verkehrsunfalls mit einem Hund. Der Repetitor fragte; »Wenn ein Autofahrer einen Hund überfährt, wer hat den toten Hund von der Straße zu entfernen?« Während Gotthelf verschiedene Paragraphen zitierte, um abzuwägen, ob der tote Hund vom Autofahrer, dem Hundebesitzer oder von der Polizei zu entfernen sei, kam aus dem Auditorium der praktische Vorschlag; »Sei doch nicht so pingelig! Im Sommer läuft der Hund nach drei Tagen von allein – Richtung Mensa.« Durch diesen Zuruf war Gotthelf Messner für die Zukunft als Herr Pingelig etikettiert. Dieser Spitzname, eine freundschaftlich verzerrte Übertreibung seiner Ordnungsliebe und Genauigkeit, haftete ihm für den Rest seines Lebens wie eine Duftmarke, gegen die kein Deodorant hilft, an.

Der Hang Gotthelfs oder, von jetzt an, von Herrn Pingelig, vertrackte Fälle zu lösen, selbst wenn sie eine umfangreiche Lektüre der Gesetze erforderten, veranlasste Rechtsanwalt Schulze, ihn als Assistenten zu beschäftigen. Herr Pingelig, wie er jetzt auch von Herrn Rechtsanwalt Schulze genannt wurde, war einverstanden, gegen Erlass der Kosten für das Repetitorium zwei Stunden täglich als Literatur- und Dokumentationsassistent zu arbeiten. Es war für ihn zu dieser Zeit ein Traumjob: er war der Herr über den Datenschatz der Prüfungsfragen.

Das gemeinsame Auftreten von Repetitor und Herrn Pingelig im Seminarraum des Rechtsanwalts sorgte für Heiterkeit und vergrößerte die Popularität der Veranstaltung: Vorne weg der Repetitor, ein Koloss: 1,85 m groß, 120 kg schwer, runder Leib, runder roter Kopf und eine rote Glatze, von einem grauweißen Haarkranz eingezäunt; dahinter der neben seinem umfangreichen Herrn grazil wirkende Herr Pingelig: 1,72 m klein, 55 kg leicht, schlank, fahles Gesicht, dessen Blässe durch das volle, glänzend schwarze Haar noch betont wurde. In der Gegenüberstellung waren die beiden Lehrbeispiele für den pyknischen bzw. asthenischen Typ oder, bildkräftiger ausgedrückt, Lebens- und Fleischeslust gegenüber der Gedankenblässe. Auch in der Darstellung juristischer Sachverhalte unterschied sich der Jünger von seinem Meister. Rechtsanwalt Schulze bevorzugte die anschauliche, deftige, manchmal grobschlächtige Rede. Herr Pingelig gefiel durch die elegante und präzise Erläuterung abstrakter juristischer Sachverhalte.

Gotthelf Pingeligs Freizeit

Ließen der Hang zur Ordnung und Genauigkeit sowie die intellektuellen Interessen Gotthelf keine Zeit, den als normal bezeichneten Interessen eines jungen Mannes zu folgen? Trieb er Sport, besuchte er mit Gleichaltrigen Kneipen oder Diskotheken? Wie hielt er es mit Mädchen?

Mannschaftssportarten wie Handball oder Fußball kamen für ihn nicht in Frage. Bei diesen körperbetonten Sportarten scheute er den zu engen Kontakt. Unvorstellbar, dass er in der Mannschaftskabine den Geruch des zersetzenden Schweißes und das gemeinsame Duschen ertragen hätte. Er wählte eine Sportart, bei der er Distanz wahren, sich den Gegner oder Partner vom Leib halten konnte. Diese Bedingung erfüllte in nahezu idealer Weise das Fechten. Hier gilt es, den Gegner auf Abstand zu halten, seiner Klinge auszuweichen, und selbst bei eigenen oder gegnerischen Treffern bleibt der Abstand von einer Klingenlänge gewahrt. Als eleganteste Sportart wählte er das Florettfechten. Beim Florett ist die Anwendung von Kraft oder gar Gewalt nicht nur verpönt, sondern auch hinderlich für dessen präzise Handhabung. Geistige Wendigkeit und Reaktionsschnelle, vor allem bei den Finten, Körperbeherrschung beim Ausfall, Genauigkeit der Florettführung bei Parade und Angriff: all diese Voraussetzungen eines guten Fechters brachte Gotthelf mit.

Die sich regelmäßig an das Training anschließenden Kneipenbesuche seiner Fechtkameraden lösten in Gotthelf zwiespältige Gefühle aus. Geselligkeit in einer Kneipe und Hygiene erschienen ihm unvereinbar. Er wollte nicht auf die Gemeinschaft verzichten und freute sich auf anregende Unterhaltungen. Auch hatte er nach anstrengendem Training großen Durst. Doch hier lag das Problem. Was sollte er trinken? Bier? Die Biergläser wurden in ein Becken mit Spüllauge und anschließend zum Trocknen auf die Theke gestellt. Wie unappetitlich, wenn fünf, zehn oder noch mehr Gläser ins selbe Spülwasser getaucht wurden! Hygienisch arbeitende Spülmaschinen waren damals in den Kneipen eine Ausnahme. Bier direkt aus der Flasche zu trinken, schied als Alternative aus; denn eine echte Kneipe war stolz auf ihr gepflegtes Bier vom Fass und führte kein Flaschenbier. Als Ausweg bestellte Gotthelf eine Flasche Mineralwasser, wischte den Flaschenhals sorgfältig mit einem Hygienetuch ab, bevor er direkt aus der Flasche trank. Diese Trinkgewohnheit stempelte ihn im Kreise seiner gleichaltrigen Sportfreunde zum sauertöpfischen Sonderling. Gotthelf Messner konnte es drehen, wie er wollte, er war ein Außenseiter, gleichgültig, ob er gemeinsam mit den anderen eine Kneipe besuchte oder ob er nach dem Training direkt nach Hause ging.

Es wäre falsch anzunehmen, Gotthelf sei ein überzeugter Einzelgänger. Einzelgänger? Ja. Doch aus Überzeugung und Neigung hatte er diese Rolle nicht angenommen. Seine Veranlagung und die Gesellschaft hatten sie ihm zugewiesen.

Im Bemühen, sich nicht von Gleichaltrigen abzusondern, um gleichsam nicht als Absonderling zu gelten, probierte er die Kontaktmöglichkeiten von Diskos aus. Zwar fraktioniert der ohrenbetäubende, ohrenzerstörende Diskolärm jede Unterhaltung. Doch auch der engagierteste Diskjockey legt Pausen ein und gönnt sich sowie den Ohren und Gliedern der Besucher Ruhepausen. Das hygienische Trinken bereitete in einer Disko weniger Probleme als in einer Kneipe. In der Disko war der Schluck direkt aus der Flasche weit verbreitet. Einige Flaschenkinder nahmen die Flasche sogar auf die Tanzfläche mit Es war schwer zu entscheiden, ob die Musik, der Flascheninhalt oder die Partnerin, das Girl, die Tänzer zu den rhythmischen Zuckungen beflügelten. Feststeht, dass diese Flaschenkinder selbst bei den gewagtesten Tanzübungen niemals die Flasche, wohl aber schon mal ihr Girl verloren.

So weit die Theorie zu den Vorteilen eines Diskobesuches für Gotthelf! Vor der Entscheidung, in welcher Disko er die nächtliche Kontaktpflege in Angriff nehmen wolle, inspizierte er die Toiletten der Etablissements. Bekanntlich erlaubt der Zustand der Toilette Rückschlüsse auf die Hygiene in der Küche. Erst die Toilettenanlage der dritten geprüften Disko bestand, wie man heute sagen würde, Gotthelfs Stresstest, wenn auch mit Einschränkung. Wenn er, wie üblich, nach dem Händewaschen die Türklinke mit einem Papierhandtuch oder einem Kleenex-Tuch anfasste, waren Toiletten- und Waschräume dieser Disko gerade noch akzeptabel. Zumindest hoffte er zuversichtlich, beim Genuss von Flaschenbier hier nicht unfreiwilliger Gastwirt der Erreger von Schweinepest, Hühnergrippe, Influenza und anderen possierlichen Mikroorganismen zu werden, die sich in menschlichen und in Presseorganen breitmachen.

Die Diskotheken bieten Gelegenheit, Exemplare des anderen Geschlechts kennenzulernen, für Gotthelf ein willkommener Umstand; denn sein Hormonhaushalt war altersentsprechend durchaus normal. Viele Diskobesucher vermeiden beim Tanzen zunächst eine zu enge Tuchfühlung. Sie bewegen sich mehr selbstvergessen als partnerschaftlich über die Tanzfläche. Ihr Tanz ist eine Mischung von Kommunikation mit dem Partner, mit allen anderen auf der Tanzfläche stampfenden, sich windenden Paaren, ja auch mit dem Diskjockey. Im Zustand der Selbstvergessenheit oder Selbstgenügsamkeit löst sich die lockere Bindung an den Partner, der sich im Gewühl der Tänzer verliert. Diese einsame Zweisamkeit kam Gotthelfs Berührungsängsten entgegen. Ohne aufzufallen, konnte er Distanz wahren.

Während der Tanzpausen war Gotthelf mit einer adretten Brünetten ins Gespräch gekommen. Sandra oder, wie sie von ihren Freunden genannt wurde, Sandy studierte wie Gotthelf Volkswirtschaftslehre und Jura. An Gesprächsstoff mangelte es daher nicht. Pingelig gefiel, wie Sandy ihre gemeinsamen Dozenten trefflich charakterisierte: der Notzüchter, dessen Lieblingsthema Sitte und Moral waren; der Bechterew, ein hochaufgeschossener, dürrer Dozent, der sich im Winkel von 90 Grad über das Manuskript beugte und sich nur nach Ende der Vorlesung wieder zur vollen Größe aufrichtete; der falsche Paragraph, der seine Vorlesung mit Anekdoten über Fehlurteile und falsch interpretierte Paragraphen würzte; die reine Lehre, eine blitzgescheite, etwas jüngferliche Professorin, die dem Beifall heischenden Kollegen wegen seiner zahlreichen Falschfallbeispiele, die einem seriösen Unterricht abträglich seien, Opportunismus vorwarf, und schließlich der Wirtschaftsjurist, der mit seinem strengen Atem die Hörer in den ersten Reihen an den Folgen seiner nächtlichen Praxisstudien teilhaben ließ. Pingelig forderte die kesse Sandy immer wieder zum Tanz auf. Schließlich blieben sie wie auch andere Paare während der Pausen Händchen haltend auf der Tanzfläche stehen, was offensichtlich auch Sandy nicht unangenehm war. Pingelig war noch nie solange, so eng und ausschließlich mit einer Vertreterin des anderen Geschlechts zusammen gewesen. Es war ihm, als ob Sandy eine gewisse, nicht näher zu beschreibende Leichtigkeit auf ihn übertrug. Gegen Morgen, als sich die zuvor aufpeitschenden Musikrhythmen beruhigten, sich die Bewegungen der Tänzer verlangsamten, schmiegten sich die Tänzerinnen schutzbedürftig eng an ihre Partner. Wange an Wange, gleichsam auf Hautfühlung, gaben sie sich in immer sparsameren Bewegungen der endlich gefundenen Zweisamkeit hin. Auch Sandy suchte Gotthelfs Nähe. Ihm war, als ob ihn ihre Körperwärme angenehm durchströmte. Spürte Sandy, dass seine Männlichkeit erwachte? Er wurde verlegen. Als Sandy ihre Wange an seine legte, erstarrte sein Körper. Sein Ekelgen schlug Alarm. Ein Adrenalinausstoß überschwemmte seinen Körper, verdrängte die Testosteronwirkung und löste den Fluchtreflex aus. Ungewollt heftig schob er die verdutzte Sandy zur Seite, murmelte eine unverständliche Entschuldigung und verließ mit hängenden Schultern die Disko. Zerfahren wischte er mit seinem Taschentuch die Wange ab, die Sandy berührt hatte. Er haderte mit sich. Sandy war ihm nicht unsympathisch. Im Gegenteil, er fand sie sogar sehr attraktiv. Ein ihm bisher unbekanntes Gefühl durchflutete ihn. Gerne wäre er länger mit ihr zusammen gewesen. Andere Paare küssten sich auf der Tanzfläche sogar intensiv und mit großer Ausdauer von Mund zu Mund. »Scheußlich, wenn der Speichel hin und her fließt! Es ist als ob einer dem anderen in den Mund spuckt!« Die Hygiene hatte über die Zuneigung die Oberhand gewonnen.

Hatte Pingelig nicht ohnehin bereits beim Tanzen durch die langen und seiner Meinung nach zu engen Kontakte mit Sandy gegen seine Hygieneregeln verstoßen? Seine Befürchtungen wurden über Nacht bestätigt. Am nächsten Morgen erwachte er mit Halsschmerzen. Besorgt konsultierte er den Studentenarzt. Nach gründlicher Inspektion des Halses sowie der Lymphknoten, nach Perkussion und Auskultation lautete der Befund des Arztes: »Außer einer leichten Rötung des Halses sind Sie kerngesund. Lutschen Sie einige Eukalyptusbonbons und gehen Sie am Rhein spazieren! In spätestens drei Tagen sind Sie beschwerdefrei.« »Herr Doktor, kann sich aus der Halsentzündung nicht eine eitrige Angina entwickeln? Der Eiter kann doch das Herz infizieren.« Der Arzt versuchte zu beruhigen: »Ich sagte: Es ist eine leichte Rötung. Seien Sie unbesorgt!« »Könnte es Diphterie sein?« »Nein! Ich weiß nicht, ob Sie in vier Wochen, vier Monaten oder in vier Jahren eine eitrige Mandelentzündung, Diphterie oder die galoppierende Schwindsucht bekommen. Vielleicht sind Sie bis dahin mit der Rheinbrücke in den Fluss gestürzt. Auf Wiedersehen, Herr Messner.« Missmutig und sorgenvoll verließ Pingelig die Arztpraxis. »Diese arroganten Ärzte!«