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Uwe Erichsen

Zwei Uwe Erichsen Krimis: Wie Gift im Blut/ Schnee von gestern





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Wie Gift im Blut

Krimi von Uwe Erichsen

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 166 Taschenbuchseiten.

 

Von seiner Ex-Frau Elli und ihren Brüdern übers Ohr gehauen, wird Sigi Ruttkowski seit Jahren in Deutschland wegen Betruges und einer Klage auf Unterhaltszahlung für ein Kind, das nicht von ihm ist, gesucht. An der Costa Brava in Spanien versucht er, ein neues Leben zu beginnen. Sein kleines Restaurant läuft mehr schlecht als recht, als ihn seine Vergangenheit einholt: Ellis Brüder haben ihn aufgespürt und nun wird er von ihnen erpresst. Sigis Freund, der Österreicher Frank Noever, bestärkt ihn, dem Willen der beiden Ganoven nachzugeben. Sigi bleibt keine andere Wahl, als eine Straftat zu begehen ...

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

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© Cover: Nach einem Motiv von Darksouls1/Pixabay, 2017

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

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I

Der Kerl im blassblauen Hemd klammerte sich an den Handlauf des Tresens wie an einen Rettungsring. Er zog nicht einmal den Hintern ein, als Sigi sich mit einem Tablett schmutziger Teller an ihm vorbeiquetschte.

Im Gastraum saß nur das jüngere deutsche Ehepaar mit dem kleinen Mädchen, das unentwegt plärrte und die Pommes frites auf der Papierdecke verteilte. Nicht einmal das Menü hatten sie bestellt. Ein Viertel Hähnchen für die Kleine, je ein halbes für die Eltern, dazu zwei Portionen Fritten, eine Limo und zwei Bier. Das war das ganze Vormittagsgeschäft.

Die Einnahme reichte nicht einmal, um Teresa in der Küche für die drei Vormittagsstunden zu bezahlen. Und ohne Teresa war er aufgeschmissen. Ohne sie könnte er den Laden gleich zumachen. Restaurante La Palmera. Wie sich das anhörte!

»Bei der Hitze essen die Leute erst abends«, sagte der Kerl an der Theke. »Kann man ihnen nicht verdenken.« Seine Stimme hatte einen unangenehmen Klang. Flach, etwas atemlos, als wenn ihr Besitzer unter Stress stünde. »Ich soll Ihnen Grüße bestellen, Herr Ruttkowski.«

Sigi betrachtete das blasse Gesicht jetzt genauer. Auch die Augen über den fahlen Wangen waren blassblau. Allmählich regte sich eine Erinnerung in seinem Hinterkopf. Eine Erinnerung an die hageren Züge mit den dünnen Lippen. Der Kerl hatte einen Namen genannt, als er hereingekommen war. Grupka oder Kupka, Sigi hatte nicht darauf geachtet, weil er nicht damit rechnen konnte, dass der Kerl mehr von ihm wollte als eine Flasche kaltes Bier.

Sein Magen begann sich zu verkrampfen, als die Erinnerung deutlicher wurde. Das Gesicht gehörte irgendwie zu Elli. Oder zu der Clique um Ellis Brüder.

Elli ...

Er hatte lange nicht mehr an sie gedacht.

»Elli ...?« Er brachte den Namen nur mühsam heraus.

Der Kerl nickte. »Mit dem Versteckspielen ist es jetzt vorbei, Ruttkowski. Elli braucht Geld. Sie haben sich lange genug gedrückt.«

»Wer sind Sie?«

»Ich heiße Grupka, erinnern Sie sich nicht mehr an mich? Ich war bei Ihrem Polterabend dabei. Ich bin ein Freund von Berti. Und natürlich auch von Rainer.«

Berti und Rainer, Ellis Brüder.

»Mit dem Weglaufen ist es jetzt vorbei, Ruttkowski. Elli wird Ihnen auf den Fersen bleiben.«

»Ich habe getan, was ich konnte.«

»Das war eben nicht genug. Elli hat zwar Sie sitzenlassen, aber im Leben geht es weder fair noch gerecht zu, mein Freund. Elli ist kein Kind von Traurigkeit, wie Sie ja wissen, und sie muss für das Kind sorgen ...«

»Es ist nicht mein Kind!«

Grupka grinste. Seine Lippen waren feucht. »Das hätten Sie damals vorbringen müssen. Sie waren noch mit ihr verheiratet, als es geboren wurde. Ein süßer Kerl übrigens. Sie haben ihn nie gesehen?«

»Ich lege keinen Wert darauf«, sagte Sigi steif. »Sie können sie von mir grüßen. Elli, meine ich.«

Grupka langte mit einer blassen Hand über den Tresen und nahm ein sauberes Glas. »Eins nehme ich noch.«

Sigi holte eine Flasche Estrella aus dem Kühlschrank und öffnete sie. Der Mann am Tisch schnippte mit den Fingern.

»Ich nehme auch noch eins!«, rief er lauter, als es nötig gewesen wäre. »Aber kalt, bitte!«

Sigi brachte ihm das Bier. Er ignorierte die zu Boden gefallenen Fritten und das Geplärre des kleinen Mädchens. Es war fünf oder sechs, so alt wie Ellis Kind. Er hatte sich nie gefragt, wer der Vater war. Es hatte ihn nicht interessiert. Er hatte Elli einfach freigegeben, weil er glaubte, es ihr schuldig zu sein. Sie hatte so viel für ihn aufgegeben. Geopfert, das hatten ihre Brüder ihm bei jeder Gelegenheit unter die Nase gerieben. Ihre Familie, ihre Freunde in Hannover, ihren gut bezahlten Job bei einer Versicherung. Er war Verkäufer in einer Sanitärgroßhandlung gewesen, ein besserer Laufbursche, ein Niemand – und ein Träumer. Um mehr zu verdienen, hatte er einen Job im Außendienst angenommen. Verkauf von Schweißzubehör. Er verstand so gut wie nichts von Schweißtechnik. Als Verkaufsbezirk war ihm der Kölner Raum zugewiesen worden. Ohne zu zögern, war Elli mit ihm ins Rheinland gezogen. Sie war auch eine Träumerin. Aber mit ihrem Zutrauen in seine Fähigkeiten und in sein Stehvermögen war es schlagartig vorbei, als man ihn nach sechs Monaten einfach feuerte.

Da stand er auf der Straße mit dem Mietvertrag für die zu große Wohnung, den Raten für den zu großen Wagen, und dem Kredit, den er für den Umzug, die Möbel und ein paar teure Anzüge aufgenommen hatte. Das meiste Geld von dem Kredit hatte Elli allerdings für sich verbraucht.

Nein, in der Beziehung hatte Grupka recht – Elli war kein Kind von Traurigkeit, das hatte er bald festgestellt. Als sie von Scheidung zu sprechen begann, weil sie zu ihren Leuten nach Hannover zurückwollte, hatte er keine Einwände erhoben. Er hatte eingesehen, dass er ihr nicht genug bieten konnte. Um Kosten zu sparen, hatte er sich damit einverstanden erklärt, nur einen gemeinsamen Anwalt zu nehmen.

Zu spät erfuhr er, dass es ihre Brüder waren, die den Anwalt ausgesucht hatten und ihn bezahlten. Sein Vater hatte ihn vor Ellis Familie gewarnt. Mit seinem unfehlbaren Instinkt hatte er gespürt, wie halbseiden die Brüder waren. Link, hatte sein Vater sie genannt.

Zu spät, zu spät.

Sigi hatte sich von vornherein bereiterklärt, die Schulden zu übernehmen und die Prämien für die Lebensversicherung weiterzubezahlen. Die verdammte Lebensversicherung mit der dynamischen Anpassung.

Zwei Mal waren Ellis Brüder nach Köln gekommen. Das hätte ihn stutzig machen sollen. Aber er hatte alles unterschrieben, was sie ihm vorlegten. Und weil er nicht wusste, dass sie schwanger war, hatte er den Passus übersehen, mit dem er sich verpflichtete, auch für das Kind aufzukommen ...

Er stand da mit dem Schuldenberg, der von Monat zu Monat höher wurde, weil er die Zinsen für den Kredit nicht aufbringen konnte, von den Prämien für die Lebensversicherung gar nicht zu reden. Und als dann vom Gericht die Aufforderung an ihn gerichtet wurde, endlich mit den Unterhaltungszahlungen für das Kind zu beginnen, war ihm die Sicherung durchgebrannt. Von heute auf morgen war er abgehauen, hatte die Kurve gekratzt.

Wie ein dumpfer Druck hatte der Schock der Flucht auf ihm gelegen und ihn während der langen, unruhigen Irrfahrt begleitet, die ihn durch Italien und Griechenland bis nach Nordafrika geführt hatte. Aber erst in Spanien, an der katalanischen Küste, war es ihm gelungen, die Lethargie abzuschütteln und den Versuch zu unternehmen, sein Leben neu zu ordnen.

Nach Deutschland konnte er nicht zurück. Das Jugendamt ließ nach ihm fahnden, weil er sich seiner Unterhaltspflichten entzog, und die Bank hatte ihm ein Betrugsverfahren angehängt mit der Begründung, er habe sich den Kredit erschlichen. Sein Vater hatte sich großartig verhalten. Er konnte zwar nicht für die Schulden seines Sohnes aufkommen, aber er hatte einen Anwalt eingeschaltet, dessen Bemühungen es zu verdanken war, dass Sigi nicht mit internationalem Haftbefehl gesucht wurde. Deshalb konnte er hier an der Costa Brava endlich zur Ruhe kommen.

Er mochte das Land und die Menschen hier, und er hatte ihre Sprache gelernt. Seit knapp einem Jahr betrieb er jetzt dieses kleine Lokal und versuchte verzweifelt, etwas daraus zu machen. Zusammen mit der fetten Teresa, die hinten in der Küche schwitzte und sang, und ihrem dürren Mann, auf dessen Namen das La Palmera lief und der dafür ebenfalls die Hand offenhielt. Trotz aller Gegensätze mochte er die beiden, und es machte ihm nichts aus, dass er Teresa und ihrem Mann Xavier mehr bezahlte, als für ihn selbst übrig blieb. Er lebte, nur das zählte für ihn.

»Da ist 'ne Menge zusammengelaufen«, sagte Grupka. Er trank einen großen Schluck Bier, wischte sich den Mund mit dem Handrücken ab und blickte Sigi starr mit seinen blassen Augen an. „Unterhaltszahlungen von sechs Jahren, und die Prämien für die Lebensversicherung. Was soll aus Elli werden, wenn Ihnen mal was passiert?«

»Sie ist jung genug, sie kann arbeiten«, sagte er gegen seinen Willen. Warum schmiss er den Kerl nicht einfach raus?

»Es geht ja auch um das Kind. Ihr Kind, mein Freund.« Er klopfte mit einem mageren blassen Finger auf den Tresen. Das Bierglas klirrte.

»Was wollen Sie eigentlich?«, fragte Sigi heiser. »Was geht Sie das alles an?«

»Elli tut sich schwer, und das kann ich nicht mit ansehen. Das Kind kostet, und Elli verdient nicht viel.«

»Verschwinden Sie«, sagte Sigi.

Grupka grinste und klammerte sich am Handlauf fest. »An Ihrer Stelle würde ich das Maul nicht so weit aufreißen, Ruttkowski. Sie sind ein Deutscher, der zu Hause wegen Betrugs gesucht wird und hier ohne Arbeitsgenehmigung ein Restaurant betreibt ...« Er kicherte kurz. »Restaurant, na ja. Da macht es sich nicht gut, wenn's hier Stunk gibt. Wenn die Bullen hier öfter vor der Tür stehen, bleiben auch die letzten dickbäuchigen deutschen Touristen weg, mein Freund.«

Grupka wandte den Kopf und deutete durch die Türscheibe nach draußen auf die staubige Straße, die von Sanforas nach La Bisbal führte und hinter der Kurve leicht anstieg.

»Ist Ihnen hier noch nie ein Laster reingeknallt, Herr Ruttkowski? So was ist schnell passiert.«

Sigi spürte, wie sich die Sehnen an seinem Hals spannten.

»Und denken Sie auch an Ihren Vater, mein Freund«, fuhr Grupka ungerührt fort. »Seit wann lebt er jetzt im Altersheim? Es geht ihm nicht gut, nach allem, was man so hört. Sie wollen ihn sicher mal wiedersehen.«

Sigi wurde übel, und seine Hände begannen zu zittern. Schnell ballte er sie zu Fäusten. Grupka hatte seine Hausaufgaben gemacht. Grupka und Ellis Brüder, vermutete er. Sein Vater schrieb ihm regelmäßig, und Sigi rief ihn an jedem ersten Sonntag im Monat an. Nie hatte der alte Mann ein Wort der Klage zu ihm gesagt. Aber an der allmählich undeutlicher, werdenden Schrift und den abrupten Gedankensprüngen konnte er den langsam, aber stetig fortschreitenden Verfall erkennen. Am letzten Sonntag hatte ihm die Heimleiterin gesagt, dass es nur noch eine Frage der Zeit sei, bis sein Vater zu einem Pflegefall würde.

Er hatte in der letzten Zeit mit dem Gedanken gespielt, eine Reise nach Deutschland zu riskieren. Vielleicht im Herbst, nach dem Ende der Saison. Er würde einen kleinen Grenzübergang benutzen und darauf vertrauen, dass sein Name nicht mehr im Fahndungscomputer stand. Vielleicht war der angebliche Betrug längst verjährt. Blieben die Unterhaltsverpflichtungen ...

»Kratzen Sie zehntausend zusammen«, sagte Grupka. Sein blasses Gesicht war jetzt starr, die kleinen Augen funkelten kalt wie Glas. »Mark, versteht sich. Nicht dieses Mickymaus-Geld, mit dem sie hier rumschmeißen.«

»Raus«, sagte Sigi heiser.

»Bis übermorgen«, fuhr Grupka fort. »Und dann überlegen wir uns gemeinsam, wie es weitergehen soll. Wenn Sie das Geld nicht haben sollten, kriegt zuerst die Guardia Civil anonyme Anrufe, dass hier Schlägereien stattfinden oder hinter der Theke Rauschgift versteckt ist. Und wenn sie darauf nicht mehr reinfallen, kommt der Laster und kriegt die Kurve nicht. Und dann bekommen die deutschen Behörden einen Wink, dass es Sie zu Ihrem alten Vater hinzieht. Es täte mir leid, wenn er in seiner letzten Stunde allein ...«

Grupka wich schnell einen Schritt zurück, als Sigi um den Tresen herumkam. Sein Gesicht war verzerrt. Abwehrend hob Grupka die Hände.

»Denken Sie an Ihre Gäste, mein Freund«, sagte er.

Sigi ließ die Fäuste herabfallen. Die Gäste waren längst aufmerksam geworden.

»Übermorgen, mein Freund«, sagte Grupka und öffnete die Tür. Er hatte seine Fassung schnell zurückgewonnen.

»Sie haben etwas vergessen«, sagte Sigi mit erhobener Stimme.

Grupka, schon in der Tür, starrte ihn verständnislos an.

»Sie hatten zwei Bier. Das macht 180 Pesetas.«

Die Deutschen hinten am Tisch glotzten Grupka an und vergaßen, an ihren Hühnerknochen weiterzunagen. Grupkas blasses Gesicht nahm die Farbe von verdorbenem Käse an, als er in die Tasche seines Hemdes griff, einen Schein herausnahm und auf den Tisch an der Tür warf.

Sigi goss sich einen Brandy ein. Seine Finger zitterten. Der Veterano brannte auf der Zunge. Er zuckte zusammen, als Teresa ihm die Tür in den Rücken knallte.

»Der Nachtisch«, sagte sie mit ihrer schrillen Stimme auf Spanisch und stellte drei Teller auf den Tresen.

»Die Gäste haben keinen Nachtisch bestellt«, zischte er ihr wütend zu.

Teresa hob die runden Schultern, nahm die Teller wieder auf, wobei sie einen ihrer fettig glänzenden Daumen in die Crema Catalana tauchte, die nun vermutlich nach Knoblauch schmecken würde, und kehrte in die Küche zurück.

Sigi seufzte. Draußen fuhr Grupka mit seinem Rekord ab. Auch der Wagen war blassblau.

Mit unbewegtem Gesicht steckte er die 25 Pesetas ein, die ihm der Deutsche als Trinkgeld zuschob. Er verbeugte sich und murmelte die Floskeln, obwohl er fast daran erstickte.

»Danke für Ihren Besuch, ich hoffe, es hat Ihnen geschmeckt. Morgen Abend habe ich Lammrücken, wenn ich Ihnen einen Tisch reservieren ...«

»Mein Mann mag kein Hammelfleisch«, sagte die Frau und rieb über den rot verbrannten Ansatz ihres weichen Busens.

»Wir fahren morgen früh weiter«, sagte der Mann. »Hier ist ja nichts los. Können Sie uns eine preiswert Unterkunft weiter südlich empfehlen? Vielleicht Richtung Tossa?«

»Aussichtslos«, sagte Sigi. »Die Küste ist ausgebucht.« Er öffnete die Tür. »Auf Wiedersehen.«

»Wir hätten gleich nach Rosas fahren sollen, wie die Hindermanns gesagt haben«, sagte die Frau im Hinausgehen.

Sigi ließ die Tür offen stehen. Er räumte den Tisch ab und knüllte das verschmierte Papiertuch zusammen. Die Panik nach Grupkas Auftritt verebbte nur langsam. Zehntausend! Der Kerl hatte sie doch nicht mehr auf der Reihe! So viel Geld hatte er das ganze Jahr noch nicht eingenommen, geschweige denn verdient!

Zehntausend, und dann? Grupka hatte seine Hausaufgaben gemacht, das stand fest. Er wusste verdammt gut Bescheid. Deshalb musste er doch auch wissen, dass er keine zehntausend Mark zusammenkratzen konnte. Weder bis übermorgen, noch in zwei Wochen oder einem halben Jahr! Er begann zu ahnen, dass mehr als eine primitive Erpressung hinter Grupkas Besuch stand.

»Hallo, Sigi!«

Er drehte sich um, als er Hannas Stimme hörte. Der halblange Rock schwang um ihre schlanken Beine, als sie auf ihn zukam. Sie strich das ausgebleichte Haar aus dem erhitzten Gesicht und lächelte. Wenn sie lächelte, sah sie ganz passabel aus. Mit ihrem schwulen Ehemann und dessen jungem Freund betrieb sie eine Lederboutique in Playa d'Aro.

Sie reckte sich und bot ihm die Lippen zum Kuss. Ihre Brüste unter der weißen Leinenbluse drückten sich gegen seine Brust. Ganz kurz spürte er ihre Zunge hinter seiner Oberlippe, dann entzog sie sich ihm schon wieder und nahm eine Zigarette aus seiner Packung.

Teresas Gesang klang wie das Kreischen einer Säge aus der Küche. Unvermittelt sprang die Tür auf und knallte gegen das Flaschenregal. Hanna lachte.

»Hallo, Teresa!«, rief sie amüsiert.

Teresa strahlte. Sie füllte ein Glas mit Wasser aus der Plastikflasche, das sie in gierigen Schlucken in sich hineinschüttete.

»Ich bin fertig, Señor Sigi«, sagte sie. Anfangs hatte sie hartnäckig versucht, ihn Señor Ruttkowski zu nennen, bis sie einsah, dass dieser Name für ihre katalanische Zunge absolut ungeeignet war. »Ich gehe jetzt nach Hause.« Sie blinzelte Sigi kokett an.

Sigi schloss die Tür hinter ihr und wollte sie verriegeln. Aber Hanna schüttelte den Kopf.

»Ich kann nicht bleiben, tut mir leid. Helmut wartet.«

Sigi hob die Schultern. »Macht nichts.«

»He, bist du nicht scharf? Oder treibst du's jetzt mit Teresa?«

Er verzog das Gesicht, musste dann aber doch lachen. »Ein, zwei Tage halte ich es noch aus, danach garantiere ich für nichts. - Du hast auch keine zehntausend für mich?«

»Zehntausend?« Hanna versenkte stirnrunzelnd eine Hand in der Tiefe ihrer ledernen Umhängetasche. »Vielleicht noch so gerade, ich habe ein paar Ledersachen in Torroella aus der Fabrik geholt ...«

»D-Mark«, sagte Sigi. »Richtiges Geld.«

»Du bist verrückt! Woher soll ich das nehmen?«

»Vergiss es, war nur eine Frage.«

»Mann, Sigi, was ist denn jetzt schon wieder los?« Sie sah ihn prüfend an. »Du, pass auf, wir kommen am Montagabend zu dir essen, die ganze Belegschaft ...«

»Ich brauche eure Almosen nicht!«, sagte er aufbrausend. Er versuchte, ihre Stimme nachzuäffen. »Wir müssen was für den armen Sigi tun, der Junge kommt doch auf keinen grünen Zweig ...«

»He, he, was ist denn los? Es ist was Ernstes, wie?« Sie legte eine Hand auf seinen Unterarm. Er wollte sie abschütteln, aber dann genoss er die Wärme der Berührung.

»Es ist nichts«, versicherte er. »Es war nur ein Scherz.«

Sie glaubte ihm nicht, das erkannte er daran, wie sich ihre grauen Augen umwölkten. Aber sie hakte auch nicht nach. Sie hatte ihre eigenen Probleme mit ihrem Mann und dem Jungen, der bei ihnen lebte. Immerhin war Playa d'Aro das richtige Pflaster für eine Boutique. Die Läden waren im Sommer bis elf Uhr abends geöffnet. Wenn die Touristen vom Essen kamen, schoben sie sich anschließend durch die Gassen an den kleinen Läden vorbei und kauften wie die Bestussten, egal was, um sich die Zeit totzuschlagen bis die Diskotheken endlich ihre Pforten öffneten.

»Ich muss los«, sagte Hanna. »Es tut mir leid, ich hab's nämlich auch mal wieder nötig.« Sie küsste ihn. »Vielleicht klappt's morgen. Okay?«

»Klar, schon gut. Ich muss sowieso die Kneipe auf Vordermann bringen. Für heute Abend sind vier Tische vorbestellt.«

»Na, also, es läuft doch! Tschüs!«

Er zündete sich eine Zigarette an und sah ihr nach, als sie mit ihrem roten Fiesta davonfuhr.

Kein einziger Tisch war vorbestellt. Vielleicht würde er wie gestern mit Jaime, dem Ortspolizisten, allein sein. Jaime kam jeden Abend gegen Mitternacht, um auf Sigis Kosten zu rauchen und zu trinken.


II

Er war gerade dabei, Bierflaschen in den Kühlschrank unter der Theke zu packen, als draußen Reifen über den Schotter knirschten. Sein Magen zog sich zusammen. Er wusste genau, dass er den Ständer mit dem Schild 'cerrado', geschlossen, an die Straße gestellt hatte. Beunruhigt hob er den Kopf. Grupkas Auftauchen hatte ihn doch stärker aus der Fassung gebracht, als er sich eingestehen wollte. Aber als er den offenen gelben Méhari erblickte, der über den Vorplatz rollte und gleich darauf im Schatten unter einem der staubbedeckten Mattendächer anhielt, atmete er auf. Er hatte Frank Noevers eisgraues Haar erkannt. Neben ihm hockte ein Mädchen mit glänzendem schwarzen Haar. Ihre rote Bluse leuchtete wie Feuerschein.

Frank stemmte sich aus dem Sitz und landete federnd neben dem leichten Wagen. Seine weißen Zähne blitzten im gebräunten Gesicht. Er trug ein helles Polohemd mit kurzen Ärmeln und eine Hose mit makellosen Bügelfalten. Seine Füße steckten in Ledersandalen. An einer dünnen Halskette baumelte ein goldener Phallus.

»Was ist das wieder mal für eine Hitze in deinem miesen Schuppen«, sagte er, als er hereinkam. Das Mädchen hielt sich hinter seinen breiten Schultern, als wollte es sich verstecken. Sie war nicht sehr groß und zierlich. Sie trug knappe weiße Shorts. Sigi streifte die glatte Haut ihrer Schenkel mit einem Blick und sah dann schnell in eine andere Richtung. Frank wedelte mit einer Hand und deutete auf einen Barhocker. »Setz dich da hin und sei lieb«, sagte er zu der Kleinen.

Gehorsam setzte sie sich auf den Hocker und stützte das Kinn in die Hand. Aus großen, dunkel umrandeten Augen sah sie Sigi an, aber er hatte das Gefühl, als nähme sie ihn überhaupt nicht wahr.

»Gib ihr einen Campari mit Orangensaft, das bringt sie wieder auf die Beine«, sagte Frank Noever. Ein weicher schleppender Unterton in seiner Stimme verriet den Österreicher.

»Ich möchte aber lieber 'ne Cola«, sagte sie leise auf Deutsch mit einem leichten Akzent, den Sigi nicht sogleich einordnen konnte.

»Ach geh, Cola am Mittag! - Gib ihr den Campari, der erfrischt. Du hättest eben nicht soviel Champagner trinken sollen in der Nacht.« Frank tätschelte kurz ihr Hinterteil. »Ich nehme einen Kaffee, ich muss gleich noch Tennis spielen.«

Sigi stellte den Campari vor das Mädchen. Sie nahm den Trinkhalm und rührte in dem Glas herum. Dabei starrte sie wieder müde ins Leere.

»Ich hab' sie in Gerona am Busbahnhof aufgelesen«, erklärte Frank, der einen der verstohlenen Blicke auffing, mit dem Sigi die Kleine betrachtete. »Sie hatte nicht mal genug Geld für die Jugendherberge.« Frank lachte. »Kannst du dir so ein hübsches Ding in der Jugendherberge vorstellen?«

Sigi sah sie jetzt offen an. Auf den ersten Blick wirkte sie wie achtzehn, aber da war etwas in ihren Augen, das sie älter aussehen ließ. Er meinte nicht die Müdigkeit, die von einer zu langen Nacht herrührte und ihre Spuren in das zarte Gesicht mit der kleinen Nase und den geschwungenen Lippen gegraben hatte. Sie müsste hübsch aussehen, wenn sie lächelte, dachte Sigi.

»Sieht sie nicht wie eine Französin aus?«, fragte Frank. »Sag mal ehrlich. Deshalb nenne ich sie Dominique, der Name gefällt ihr. Eigentlich heißt sie Anke. Sag Sigi guten Tag, Dominique. Sie kommt aus Belgien, Brügge ...«

»Gent«, sagte Dominique.

»Ja, ja, schon gut, red nicht dazwischen, wenn die Erwachsenen sich unterhalten.« Er nahm seine Kaffeetasse und sah Sigi an. »Mein Gott, du siehst ja fürchterlich aus! Warum haust du dich mittags nicht an den Strand? Mach den Laden erst am Abend auf, tagsüber lohnt sich die Arbeit doch nicht, die Zeit ist zu schade, um hier in der stickigen Bude rumzuhängen.« Franks Blick wurde schärfer, als Sigi nicht antwortete. »Irgendwas ist doch los, Sigi, ich kenne dich, du kannst mir nichts vormachen.«

Sigi trank einen Schluck Veterano und zündete sich eine neue Zigarette an. »Einen Cognac dazu?«, fragte er.

»Lenk nicht ab«, sagte Frank. Er sah sich in dem kleinen Lokal um. »Ich weiß, ich weiß, ich sage immer dasselbe - wenn du so weitermachst, kriegst du nie ein Bein auf die Erde. Du musst den Raum hier vorne abtrennen und Bier vom Fass verkaufen. Das ist schnell verdientes Geld an der Theke, und wenn's hier vorne läuft, geht das Geschäft hinten mit dem Essen von ganz allein.«

»Hör auf damit, dafür hab ich kein Geld.«

»Kein Geld! Das höre ich immer von dir. Aber du wurschtelst immer weiter und kommst zu nichts. Du wirst eben immer der kleinkarierte Piefke bleiben.« Frank trank von dem Kaffee und sah Sigi dabei aufmerksam an. »Diesmal steckst du in der Tinte, stimmt's?«

»Ich mag den Campari nicht«, meldete sich Dominique. »

»Gib ihr schon 'ne Cola«, sagte Frank ungeduldig. »Und dann sagst du mir, was los ist.«

»Ich komme schon zurecht, es ist nicht schlimmer als sonst.«

»Ach geh, mir kannst du nichts vormachen, Sigi. Wenn du dieses Gesicht ziehst ...«

»Vorhin war ein Kerl hier, den hat meine Geschiedene geschickt, oder ihre Brüder, was weiß ich.«

»Was wollte er?«

»Zehn Mille. Fürs Erste.«

»D-Mark? Die müssen verrückt sein! Womit hat er dir gedroht?«

»Alles Mögliche. Er wusste sogar, dass es meinem Vater schlecht geht und ich versuchen könnte, ihn zu besuchen.«

Franks braune Haut schien sich über den Wangenknochen zu spannen, und seine schmalen Augen begannen kampflustig zu funkeln.

»Das ist Erpressung, weißt du das?«

»Was soll ich tun? Ihn anzeigen?«

»Ein paar in die Fresse hauen. Fürs Erste.« Frank lächelte. Es war ein gefährliches Lächeln. Frank war nicht der Typ, der sich herumstoßen ließ. »Mit mir hätte so einer das nicht gemacht«, sagte er prompt. »Der wäre durch die Scheibe gegangen.«

»Du hast gut reden ...«

»Du willst ihm also Geld geben - wenn du was hättest?« Frank Noever schüttelte den Kopf. »Soll ich es dir geben?«

»Du hast mir schon oft genug geholfen ...«

»Ich würde es dir auch nicht geben, Sigi, nicht für diesen Zweck. Damit du es einem Ganoven ins Maul stopfst. Nein, Sigi, dafür nicht.«

»Dann red auch nicht.«

»Sag mir Bescheid, wenn sich der Kerl wieder sehen lässt.« Frank bemerkte, wie sich Sigis Gesicht verzog. »Oder tu, was du willst, nur mach nicht so ein Gesicht. Ich nehme jetzt doch einen Cognac. Nimm dir auch einen, und schütt ihr einen in die blöde Cola.«

Dominique wollte protestieren, aber als sie Franks Blick traf, schloss sie die Lippen wieder.

»Wenn du nachher noch spielen willst, solltest du jetzt lieber aufhören«, sagte Sigi nach einer Weile.

Sie saßen jetzt draußen hinter dem Küchenanbau im Schatten und tranken eiskaltes Bier aus der Flasche. Dominique lag auf der Liege und schmorte in der Sonne.

Frank Noever nahm noch einen Schluck und grinste. »Vielleicht ist es gar nicht so schlecht, wenn ich verliere«, meinte er.

»Du hast wieder ein Geschäft vor«, stellte Sigi fest.

Frank hob die Schultern. »Ein Holländer, ich habe ihn vorgestern in Llafranch kennengelernt. Er interessiert sich für die Gegend hier. Vielleicht zeige ich ihm mal die Häuser von Sa Punta oder die Grundstücke drüben bei San Antonio.«

Frank Noever war erst siebenundvierzig oder achtundvierzig Jahre alt, aber er lebte schon seit acht Jahren ständig an der Costa Brava, und niemand wusste, wovon. Geld war für den Österreicher anscheinend kein Problem. Ihm gehörte ein großes Haus mit Swimmingpool und Doppelgarage für den Méhari und einen großen Mercedes in der Urbansisation Mos Mariol. Und an der Marina von Estartit lag sein Kabinenkreuzer, mit dem er Mädchen und Kunden gleichermaßen beeindruckte.

Frank Noever besaß die lockere, charmante Art, die es ihm leicht machte, Kontakte zu knüpfen, und dazu die nötige Geschmeidigkeit, um freundschaftliche Verbindungen mit finanziellen Interessen zu verknüpfen. Er kannte die wichtigsten Immobilienmakler zwischen Lloret de Mar und der französischen Grenze. Er führte ihnen Interessenten zu und bekam einen Anteil von ihrer Provision, wenn ein von ihm eingeleitetes oder angeregtes Geschäft zum Abschluss kam. Sigi vermutete, dass Frank Noever schon mehr Wohnungen, Ferienhäuser und große Fincas an den Mann gebracht hatte als mancher erfolgreiche Makler. Und hin und wieder konnte Sigi einen Tipp an Frank weitergeben, und dann fiel natürlich auch für ihn was ab.

»Ich habe gehört, dass in der Villa Carreras wieder jemand wohnt«, sagte Sigi.

»Ach ja? Woher weißt du das?«

»Teresa hat es mir erzählt.«

Sigi wusste, dass Frank sich für das Haus auf dem Cap interessierte. Die Villa gehörte einem Mann aus Frankfurt, von dem man hier zu wissen glaubte, dass er Millionär wäre. Obwohl er selbst das Haus nicht mehr zu benutzen schien, hatte es nie zum Verkauf gestanden. Es stand den größten Teil des Jahres über leer, wenn man von dem alten Enrique absah, der in der Gärtnerwohnung lebte und Haus und Grundstück in Ordnung hielt. Enrique war einer von Teresas zahlreichen Onkeln, und bevor ein oder zwei Mal im Jahr Freunde oder Verwandte des Eigentümers für einige Wochen in die Villa zogen, half Isabel, eine von Teresas Nichten, dem Onkel, das Haus zu lüften und gründlich zu reinigen. Und wenn die Gäste eine Hilfe für Haus und Küche wünschten und Isabel nicht gerade eine Arbeit in einem Restaurant oder Supermarkt hatte, blieb sie in der Villa, bis die Gäste wieder abreisten.

Sigi hatte Isabel einige Male hinaufgefahren - begleitet von Teresa, versteht sich. Die Villa Carreras lag auf einem steilen, weit ins Meer vorspringenden Felsen hinter Sa Riera. Der Blick von der hochgelegenen Terrasse aufs Meer hinaus, hinüber zu den Islas Medas und bis nach Rosas war atemberaubend, und bei klarer Sicht konnte man bis zu den Pyrenäen sehen.

Das große, von Pinien und verkrüppelten Korkeichen bewachsene Grundstück war von einer hohen, mit Bruchsteinen verkleideten Mauer umgeben. Durch eine Pforte gelangte man zu der schmalen, in den Felsen geschlagenen Treppe, die zu einer winzigen Badebucht am Fuß des Felsens führte. Der Streifen Sand war kaum breiter als ein paar Badetücher, und die scharfkantigen, bis knapp unter die Wasseroberfläche hinaufragenden Riffs, die im meist kristallklaren Wasser deutlich zu erkennen waren, hielten selbst die wagemutigsten Bootsfahrer davon ab, die winzige Bucht anzulaufen.

»Warum interessierst du dich eigentlich für die Villa?«, fragte Sigi.

»Ist doch ein schönes Anwesen«, meinte Frank leichthin.

»Du würdest es gern kaufen?«

»Ach geh! Von einem Piefke kauft man doch kein Haus, dem dreht man eins an!« Frank lachte, womit er der Bemerkung die Spitze nahm.

Er stand auf und strich mit einem Fingernagel über Dominiques Schenkel. Sie richtete sich verschlafen auf und rieb die verquollenen Augen.

»Es geht weiter, Süße. Servus, Sigi, bis dann mal.«



III

Frank Noever trieb den Méhari mit ziemlichem Tempo durch Sanforas. Der Ort war um die Mittagszeit wie ausgestorben.

»Wo fahren wir jetzt hin?«, fragte Dominique.

Frank antwortete nicht sofort. Sein Gesicht war starr.

»He, bist du noch da? Wo fährst du hin?«

»Tennis spielen, hast du das vergessen?«

»Tennis spielen ist langweilig«, maulte sie und zog ein Bein an.

»Das sagst du nur, weil du's nicht kannst.«

»Ich will's auch gar nicht können.«

»Ich bring dich eben nach Hause, dann kannst du schwimmen.«

»Das ist auch langweilig allein. Wann darf ich den Wagen mal fahren?«

»Wenn du groß bist«, antwortete Frank.

»Ich habe den Führerschein!«

»Ach geh, das ist doch kein richtiger Führerschein, was sie euch da in Belgien geben!«


*


Frank Noever stellte die Dusche ab, schüttelte das Wasser aus seinem Haar und schlang ein großes Badetuch um seine Hüften. Er hatte den Holländer nicht so hoch schlagen wollen, aber weil der Kerl einfach nicht laufen wollte, war er es schließlich leid gewesen, ihm die Bälle immer wieder mundgerecht zu servieren, und er hatte angefangen, ihn mit langen Bällen einzudecken. Nach dem Spiel wollte der Holländer ihn unbedingt zu einem Drink einladen, aber er hatte abgelehnt.

Auf nackten Füßen tappte er über den gefliesten Boden und trat auf den Balkon vor seinem Schlafzimmer hinaus. Die Hitze draußen traf ihn wie ein Schlag.

Dominique lag reglos neben dem Pool auf einer Liege in der Sonne. Sie war nackt. Die Augen hielt sie geschlossen. Ihre festen Brüste waren schon gebräunt, und die Haut über den Hüften, die noch schneeweiß gewesen war, als er sie vorige Woche mit heraufgenommen hatte, nahm bereits einen hellen Goldton an, doch das dichte, pechschwarze Schamhaar über den leicht gespreizten Beinen bildete immer noch einen scharfen Kontrast zu der helleren Haut.

»Du wirst dir noch die Dutteln verbrennen!«, rief er.

Er sah, wie sie zu ihm heraufblinzelte.

»Dutteln? Was ist das?«, fragte sie. Sie strich mit einer Hand über den flachen, ölglänzenden Bauch und berührte dann ihre Brüste.

»Genau!«, rief er. »Sei vorsichtig.«

Er zog sich vom Balkon zurück und durchsuchte seinen Kleiderschrank. Er entschied sich für die alten Denim-Jeans und ein blaues T-Shirt und holte die ausgelatschten Turnschuhe aus der hintersten Ecke des Schrankes hervor. Er drehte sich um, als sie hereinkam.

Sie nahm ihm das Badetuch ab.

»Jetzt nicht«, sagte er.

Er stöhnte, als er ihre Finger spürte, und er presste sie an sich. Ihre Haut war heiß.

»Ich dachte, ich sollte raufkommen!« Sie bog den Kopf zurück, um ihn anzusehen, dann fiel ihr Blick auf die Sachen, die er aus dem Schrank geholt hatte. »Gehen wir schon essen?«, fragte sie.

Er schüttelte den Kopf. »Ich muss noch etwas erledigen, es dauert nicht lange.«

Sie rieb sich an ihm und sah ihn dabei herausfordernd an. Sie war ihm zugelaufen wie eine Katze, und eines Tages würde sie wieder verschwinden wie eine Katze. Er fragte sich nur, wie lange sie es hier aushalten würde. Noch eine Woche? Oder zwei? Sie hatte so gut wie nichts von sich selbst erzählt. Er hielt sie für eins dieser jungen, erlebnishungrigen Mädchen, die jeden Sommer an den Mittelmeerküsten einfielen, um für kurze Zeit das zu tun, was sie für leben hielten.

Er umfasste sie, grub seine Hände in ihre Hinterbacken und hob sie hoch. Sie zog scharf die Luft ein, als er seine Zähne in ihre linke Brustwarze grub, und er spürte, wie sich ihr Körper spannte. Er ließ sie auf das Bett gleiten. Er bemerkte den irritierten Ausdruck in ihren Augen, als sie ihn von unten herauf ansah.

»Ich dachte, du magst das«, sagte er leichthin.

»Wann darf ich mal mit dem Wagen rumfahren?«, fragte sie und rieb vorsichtig über die schmerzende Stelle.

»Wenn du mir sagst, wie lange du hierbleibst«, antwortete er und schlüpfte in die Jeans.

»So lange, wie es mir gefällt«, antwortete sie. Ihre Augen waren groß und dunkel.

Er lachte unsicher. »Na schön, morgen zeige ich dir, wie es geht. Jetzt sei schön brav, du weißt ja, wo du was zu trinken findest.«

Er fuhr über die gewundene Straße, die von Bagur nach Sa Tuna hinunterführte. An der Gabel mit dem verwitterten Schild bog er nach Cabo Sarat ab, wo eine neue Urbanisation entstehen sollte. Deshalb war die Fahrbahn hier vor einiger Zeit neu asphaltiert worden, doch hatte das Geld anscheinend nicht gereicht, um die Straße auch dort, wo sie sich hinter dem unbeschilderten Abzweig in gefährlich engen Kurven wieder in die Höhe wand, zu reparieren.

Ungeduldig trieb Frank Noever den Méhari durch tiefe Schlaglöcher, zwang den leichten Wagen durch enge Kurven. Die schwarzen Gerippe der im letzten Sommer vom Feuer verwüsteten Pinien steckten wie unförmige Dornen im Steilhang. Der Schatten hier unten war tief, dunkel und kühl, bis nach einer scharfen Kehre die Felswand auf der rechten Seite zurückwich und tief unten das Meer glitzerte.

Er nahm das Gas zurück, als die hohe Mauer in Sicht kam, hinter der das Grundstück der Villa Carreras lag. Langsam fuhr er an der Einfahrt vorbei. Durch die Gitterstäbe des geschlossenen Tores konnte er einen goldfarbenen Mercedes sehen, der auf dem Garagenvorplatz stand. Der Blick auf die Villa selbst wurde ihm von einer dichten Gruppe tiefgrüner Zypressen verwehrt.

Am Ende der Straße, wo ihn nur eine kniehohe Bruchsteinmauer vom Abgrund trennte, wendete er und fuhr zurück. Nichts bewegte sich hinter der abweisenden Mauer, kein Laut unterbrach die lastende Stille des Nachmittags.

Er stoppte kurz am Tor, aber er konnte das Kennzeichen des Mercedes von hier aus nicht erkennen. Er fuhr weiter.

Die Pinien auf dem gegenüberliegenden Bergrücken, der das Cap Carreras vor dem kalten Tramontana schützte, waren nicht abgebrannt. Es gab eine Zufahrt zu den beiden einzigen Häusern oben an der Südostflanke des Berges, und von dort aus führten einige unbefestigte Wege in die dichten Wälder, die nur gelegentlich von Jägern benutzt wurden. Frank Noever gab Gas.

Die Räder wühlten sich immer tiefer in den sandigen Untergrund, und als die Bodenwanne zum dritten Mal aufsetzte, fuhr er den Méhari im Rückwärtsgang vom Weg hinunter in den gesprenkelten Schatten zwischen den Pinien. Er stellte den Motor ab und zog den starken Feldstecher unter dem Sitz hervor, dann sprang er aus dem Wagen.

Mit gleichmäßigen, kraftsparenden Schritten stieg er den Hang hinauf. Die Luft war sehr heiß und roch intensiv nach Harz, aber er schwitzte kaum.

Frank Noever führte ein anstrengendes Leben. Er hielt ganze Nächte in Bars oder Discos durch, er rauchte und trank, und er nahm die Frauen, wie und wo er sie kriegen konnte. Um sich fit zu halten, lief er fast jeden Morgen sechs Kilometer am Strand, und er schwamm jeden Tag mindestens eine Stunde in seinem Pool. Er fühlte sich topfit.

Er sah das Meer zwischen den schlanken Pinienstämmen und hielt sich etwas weiter rechts. Vor ihm sprang ein Eichhörnchen auf und hetzte dann einen Stamm hinauf. Kurz darauf begann ein Eichelhäher zu schreien.

Frank glitt den Hang hinunter. Unter ihm lag die Straße, die zum Cap Carreras führte. Und dann sah er die Villa.

Er setzte sich auf den dichten Nadelteppich, presste den Rücken gegen einen Baumstamm und nahm das Bild in sich auf. Hinter dem wuchtigen Turm, der das dunkelrote Ziegeldach überragte, glitzerten die Fontänen der Wassersprenger im Sonnenlicht. Ein ovaler Swimmingpool schillerte kalt wie ein Fischauge mitten im frischen Grün eines gepflegten Rasens. Unter einer efeubewachsenen Pergola standen weiße Gartenmöbel. Frank Noever hob das Fernglas an die Augen. Er tastete über die Vorderseite des Hauses, bis der Mercedes in sein Blickfeld geriet. Die getönten Scheiben wirkten wie Spiegel. Durch die Zweige eines Strauchs am Rande der Einfahrt konnte er das Kennzeichen nicht vollständig erkennen, nur das F für Frankfurt. Sein Herzschlag beschleunigte sich.

Er ließ das Glas über das Dach des Hauses wandern und spähte in den tiefen Schatten unter der Pergola. Auf einer Liege lag jemand. Eine Frau? Er stützte die Ellbogen fest auf die Knie und stellte das Glas schärfer ein.

Er sah einen nackten Schenkel, eine ausladende Hüfte und eine Hand, an der ein großer Brillant funkelte. Die Hand hielt eine Zeitschrift, sie verdeckte das Gesicht.

Frank wartete geduldig, bis die Hand die Zeitschrift sinken ließ. Er sah ein blasses Gesicht mit aufgeschwemmten Zügen und fahles blondes Haar, das von einem grünen Stirnband zurückgehalten wurde. Die Frau wandte den Kopf und sah zum Haus hinüber. Frank schwenkte das Glas.

Ein Mann war unter dem Dach der Terrasse hervorgetreten und sprang jetzt in den Pool. Frank glaubte, das Aufplatschen des unförmigen Körpers zu hören, als der Mann ins Wasser tauchte.

Das Blickfeld zitterte, und Frank presste die Ellbogen fester auf die Oberschenkel, bis das Schwanken aufhörte. Der Kopf, groß und rund wie der eines Walrosses, durchstieß die Oberfläche. Der breite Mund spuckte Wasser.

Frank Noever erkannte das feiste Gesicht mit den dichten Brauen sofort. Du bist gekommen, Hanisch, sagte er unhörbar, ich habe so lange auf dich gewartet, so verdammt lange ...