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Frühling im WUNDERRAUM Verlag
Unsere neuen Bücher ab März
2018

Mit Leseproben von

Bianca Marais

Jason Rekulak

Allison Pearson

Adelia Saunders

und

Paul Reizin

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Wunderraum-Bücher erscheinen im

Wilhelm Goldmann Verlag, München,

einen Unternehmen der Random House GmbH.

Copyright © 2018 by Wilhelm Goldmann Verlag, München

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Straße 28, 81673 München

Covergestaltung: buxdesign | München

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN: 978-3-641-22937-5
V001

Einzelnachweise zu den abgedruckten Textauszügen finden Sie am Ende des Buches.

www.wunderraum-verlag.de

Bianca Marais: Summ, wenn du das Lied nicht kennst

Jason Rekulak: Billy Marvins Wunderjahre

Allison Pearson: Wenn’s weiter nichts ist

Adelia Saunders: Die Worte, die das Leben schreibt

Paul Reizin: Wahrscheinlich ist es Liebe

Liebe Leser,

vor einem halben Jahr stellte sich der WUNDERRAUM Verlag mit sechs Büchern seinen Lesern vor. Seither haben wir viel Lob für unsere Idee bekommen, mit berührenden Inhalten und liebevoll gestalteten Büchern Menschen zu Lesepausen im Alltag einzuladen.

Der Zuspruch kam von allen Seiten. So schrieb uns eine Leserin: »Ich gratuliere zu Ihrem wirklich außergewöhnlichen Konzept. Ihre Detailverliebtheit in Symbiose mit Ihrer Philosophie macht Ihren Verlag außergewöhnlich sympathisch.«

Auch viele Zeitschriften waren begeistert. Um nur eine Stimme zu zitieren: »Wenn alle Bücher von Wunderraum so schön werden, dann haben Sie bestimmt einen tollen Erfolg. Das Verlagskonzept finde ich großartig.« (Redakteurin der Für Sie)

Worüber wir uns natürlich besonders gefreut haben: Unsere Autoren sind in ihrem WUNDERRAUM-Zuhause sehr glücklich. Die norwegische Schriftstellerin Anne Østby mailte uns: »Vor wenigen Tagen kam das Buch an – und wie schön es ist! Es liegt in meiner Hand wie ein ungeöffnetes, herrlich duftendes Versprechen. Vielen Dank, dass ihr aus ›Zartbitter ist das Glück‹ etwas so Hinreißendes gemacht habt.«

Und Publikumsliebling Wladimir Kaminer sagte: »Dieser Verlag versucht, dem Buch seine Würde zurückzugeben. Aus einem Konsumprodukt wird ein Schmuckstück. Es riecht sogar anders.«

Durch diese Reaktionen bestärkt wollen wir Ihnen nun unsere Romane für den Frühling 2018 vorstellen. Und natürlich suchen wir auch weiterhin den Austausch mit allen Menschen, die sich für Bücher und das Lesen begeistern. Schreiben Sie uns, wir freuen uns über Ihre Rückmeldung!

Lesen ist ankommen. Willkommen im WUNDERRAUM.

Andrea Best

Verlagsleiterin

Für alle, die wissen, wie viel Mut man braucht, Fehler einzugestehen. Und sie zu verzeihen.

Über das Buch

Südafrika 1976. Die neunjährige Robin wächst behütet in einem Vorort von Johannesburg auf. In derselben Nation, aber Welten von Robin getrennt, lebt Beauty Mbali, eine verwitwete Xhosa-Frau, die sich allein um ihre drei Kinder kümmert. Als Robins Eltern bei Rassenunruhen getötet werden und zur selben Zeit Beauty in den Wirren des Schüleraufstands von Soweto nach ihrer Tochter sucht, führt das Schicksal diese zwei Menschen zusammen, deren Wege sich sonst nie gekreuzt hätten. Bei Beauty findet Robin Geborgenheit, und es entspinnt sich eine innige Beziehung zwischen den beiden. Doch Robin fürchtet, Beauty wieder zu verlieren, sobald diese ihre Tochter findet. Verzweifelt trifft das Mädchen eine folgenschwere Entscheidung.

Bianca Marais

Summ, wenn du das Lied nicht kennst

Roman

Aus dem Englischen übersetzt
von Heike Reissig und Stefanie Schäfer

1

ROBIN CONRAD

13. Juni 1976

Boksburg, Johannesburg, Südafrika

Als ich den Hüpfkasten fertiggemalt hatte, schrieb ich eine große »10« in das oberste Feld. Ich war ganz aufgeregt, denn so alt würde ich bei meinem nächsten Geburtstag werden, und wenn man eine zweistellige Zahl erreichte, war man kein Kind mehr, das wusste jeder. Der grüne Kreidestummel, den ich mir von der Dart-Tafel meines Vaters stibitzt hatte, war schon so geschrumpft, dass meine Finger über den Asphalt der Auffahrt schrammten, als ich meiner Kreation den letzten Schliff verlieh.

»So, jetzt ist es fertig.« Ich trat einen Schritt zurück und betrachtete mein Werk. Wie üblich war ich enttäuscht darüber, dass das Ergebnis nicht ganz so gut war, wie ich mir vorgestellt hatte.

»Ist super geworden«, erklärte Cat, die mal wieder meine Gedanken lesen konnte und mich davon abhalten wollte, den Hüpfkasten vor lauter Selbstzweifeln wieder wegzuwischen. Ich grinste, obwohl auf ihre Meinung eigentlich nicht viel zu geben war; meine eineiige Zwillingsschwester fand nämlich grundsätzlich alles gut, was ich machte. »Du fängst an«, sagte Cat.

»Okay.«

Ich zog den bronzenen halben Cent aus meiner Tasche und rieb die Münze wie einen Glücksbringer, bevor ich sie in die Luft schnippte. Glitzernd wirbelte sie durchs Sonnenlicht, und als sie auf dem ersten Feld landete, hüpfte ich los mit dem Ziel, diesmal einen Rekord hinzulegen.

Bei der vierten Runde landete die Münze außerhalb des Feldes. Ich warf Cat einen Blick zu. Sie wurde gerade von einem Hagedasch-Ibis abgelenkt, der auf dem Nachbardach Radau machte. Schnell schob ich die Münze mit meiner Schuhspitze ins Feld zurück und hüpfte weiter.

»Du bist echt gut!«, rief Cat ein paar Sekunden später, als sie sich wieder umdrehte. Sie hatte nichts mitbekommen.

Angespornt durch ihren Beifall hüpfte ich noch schneller, ohne zu merken, dass sich die Schnürsenkel meines Turnschuhs gelöst hatten. Ich schaffte gerade noch das letzte Feld, dann geriet ich ins Stolpern, stürzte auf den rissigen Asphalt und schürfte mir das Knie auf. Ich schrie, erst vor Schreck, dann vor Schmerz, und schließlich hörte ich Flipflops, die eilig angeschlappt kamen. Meine Mutter. Ihr Schatten fiel auf mich.

»Herrgott noch mal, nicht schon wieder.« Sie beugte sich herab und zog mich hoch. »Du bist so ungeschickt. Keine Ahnung, von wem du das hast.« Als ich ihr mein blutendes Knie zeigte, machte sie nur »tss«.

Cat, die neben mir hockte, zuckte zurück, als sie den Dreck in der Wunde sah. Schon kamen mir die Tränen, aber ich musste mich zusammenreißen, sonst würde ich den Ärger meiner Mutter zu spüren bekommen.

»Mir geht’s gut, alles okay.« Ich lächelte die Tränen weg und stand vorsichtig auf.

»Oh, Robin«, seufzte meine Mutter. »Du willst doch jetzt nicht heulen, oder? Du weißt doch, wie hässlich du dann aussiehst.« Sie schielte und zog eine Grimasse. Ich kicherte, denn das war die Reaktion, die sie von mir erwartete.

»Quatsch, ich bin doch keine Heulsuse«, sagte ich. Vor den Augen der Nachbarn in Tränen auszubrechen wäre ein unverzeihliches Vergehen gewesen. Meine Mutter legte nämlich großen Wert auf die Meinung anderer Leute und war sehr darauf erpicht, dass ich ihr nacheiferte.

»Braves Mädchen.« Sie lächelte und gab mir einen Kuss auf die Stirn, als Belohnung für meine Tapferkeit.

Doch leider blieb mir keine Zeit, mich an ihrem Lob zu weiden. Das schrille Klingeln des Telefons zerriss den Morgen, und schon war einer der letzten zärtlichen Momente, die ich mit meiner Mutter erleben sollte, vorbei. Sie blinzelte, und die Wärme in ihrem Blick verwandelte sich in Anspannung.

»Mabel soll euch helfen, euch sauber zu machen, ja?«

Meine Mutter war kaum im Haus verschwunden, als ich ein Schluchzen hörte. Ich schaute zu Cat hinunter. Sie weinte. Wenn ich meine Schwester ansah, war mir immer so, als schaute ich in einen Spiegel, aber in jenem Moment fühlte es sich an, als gäbe es kein Glas mehr zwischen meinem Spiegelbild und mir – als sähe ich kein Bild von mir, sondern tatsächlich mich selbst.

Das Leid in Cats zerknirschter Miene war mein eigenes Leid. Ihre blauen Augen standen voller Tränen, ihre schmollende Unterlippe zitterte. Jeder, der Zweifel daran hegte, dass es Zwillingsempathie tatsächlich gab, wäre beim Anblick meiner weinenden Schwester sofort bekehrt worden.

»Hör auf«, zischte ich. »Willst du, dass Mom dich eine Heulsuse nennt?«

»Aber es sieht aus, als ob es wehtut.«

Wenn es für meine Mutter doch auch so offensichtlich gewesen wäre. »Geh auf unser Zimmer, damit sie dich nicht sieht, und komm erst wieder raus, wenn du dich beruhigt hast«, sagte ich und strich ihr eine braune Haarsträhne hinters Ohr.

Sie nickte schniefend, dann huschte sie ins Haus. Ich folgte ihr eine Minute später. Mabel, unsere Maid, war in der Küche, sie spülte gerade das Frühstücksgeschirr. Sie trug ihre verblichene minzgrüne Uniform (die viel zu eng war für ihre mollige Figur, die Knöpfe sprangen vorn fast ab), dazu eine weiße Schürze; um den Kopf hatte sie ein Tuch gewickelt.

Meine Mutter saß im Esszimmer und telefonierte mit ihrer Schwester Edith, der einzigen Person, bei der sie sorglos und glücklich klang. Ich ließ sie in Ruhe, denn wenn ich sie störte, würde sie mir befehlen, entweder keine Erwachsenengespräche zu unterbrechen oder aber aufzuhören, mich am Klang meiner eigenen Stimme zu ergötzen.

»Schau mal, Mabel«, sagte ich und zeigte ihr mein Knie. Ich war froh, dass sie an jenem Sonntag nicht freihatte.

Beim Anblick der Wunde zuckte Mabel zusammen und ließ erschrocken die Hände zum Mund fahren, dass der Spülschaum durch die Luft flog. »Yo! Yo! Yo! Tut mir leid!«, rief sie, als trüge sie die Schuld an meiner Verletzung.

Ihre Litanei war wie Balsam für mich, viel besser als jedes Pflaster.

»Setz dich. Ich muss das ansehen.« Sie kniete sich hin und japste vor Schreck, als sie die Schürfwunde inspizierte. »Ich brauche Erste-Hilfe-Sachen.« Ich liebte Mabels Akzent. Wenn sie redete, klangen die Wörter, als kämen sie aus einer völlig anderen Sprache, und ich fragte mich immer, ob ihre Kinder (die ich nicht kannte und die das ganze Jahr über in QwaQwa lebten) wohl genauso redeten.

Sie holte den Erste-Hilfe-Kasten aus dem Küchenschrank und kniete sich wieder hin, um die Wunde zu versorgen. Der Wattebausch hob sich strahlend weiß von ihrer dunklen Haut ab. Sie tränkte ihn mit orangefarbenem Desinfektionsmittel und betupfte die Wunde damit. Es brannte, doch jedes Mal, wenn ich versuchte, das Knie wegzuziehen, murmelte sie tröstende Worte.

»Tut mir leid! Tut mir so leid. Gleich ist alles wieder gut. Du bist tapfer.« Wenn sie sprach, klang es weich und warmherzig.

Ich aalte mich in ihrer Aufmerksamkeit. Schaute zu, wie sie vorsichtig auf mein Knie pustete, und war überrascht, dass die Schmerzen sofort verschwanden. Zum Schluss klebte sie ein großes Pflaster auf die gereinigte Wunde und zwickte mich sanft in die Wange.

Dann gab sie mir ein paar dicke Schmatzer, und ich hielt den Atem an in der Hoffnung, endlich einen auf den Mund zu bekommen. Doch sie begnügte sich mit meinem Kinn und meiner Stirn. »Alles wieder gut!«

»Danke!« Ich umarmte sie schnell, dann lief ich wieder hinaus. Draußen rief mein Vater nach mir.

»Sommersprosse!« Er hatte es sich auf einem Liegestuhl neben dem tragbaren Grill bequem gemacht, der mitten auf dem braunen Rasen in der Sonne stand. »Hol deinem alten Vater ein Bier.«

Ich huschte wieder hinein und holte eine Flasche Castle Lager aus dem Kühlschrank. Mein ungeschickter Umgang mit dem Flaschenöffner brachte eine Schaumfontäne hervor, die sich auf dem Linoleum ergoss, aber ich machte keine Anstalten, den Boden aufzuwischen. Mabel schnalzte zwar, als ich wieder hinausrannte, aber ich wusste, sie würde klaglos hinter mir herwischen.

»Hier«, sagte ich und reichte meinem Vater die schäumende Bierflasche. Er kippte den Inhalt sogleich über die Flammen, die durch den Grillrost schlugen.

»Genau im richtigen Moment«, sagte er. Dann bedeutete er mir, auf dem Stuhl neben ihm Platz zu nehmen, und zwinkerte mir zu.

Mein Vater war ein gut aussehender Mann mit blauen Augen und wildem Haarschopf. Blonde Locken fielen ihm in die Stirn, und hinten trug er sein Haar so lang, dass es über den Hemdkragen fiel. Außerdem hatte er lange Koteletten, die fast mit seinem buschigen Schnurrbart zusammenstießen. Wenn man ihm einen Schmatzer gab, war das eine kratzige Angelegenheit, aber ich liebte seine Stoppeln.

Ich setzte mich, und er reichte mir die Grillzange, als wäre sie eine kostbare Reliquie. Dann nickte er mir feierlich zu, und ich erwiderte das Nicken, um die Übernahme der Macht zu bestätigen. Nun trug ich die Verantwortung für das Fleisch.

Mein Vater lächelte, als ich mich über den rauchenden Grill beugte. Dann fiel sein Blick auf mein Pflaster. »Bist du mal wieder in die Schlacht gezogen, Sommersprosse?«

Als ich nickte, lachte er. Mein Vater witzelte oft, dass er eigentlich einen Sohn hatte, der im Körper einer Tochter gefangen war. Am liebsten erzählte er von dem Tag, als ich mit zerrissener Strumpfhose und blutverschmiertem Bein von meiner ersten und einzigen Ballettstunde zurückgekehrt war. Als er wissen wollte, wie ich es geschafft hatte, mich beim Ballett so zuzurichten, gestand ich ihm, dass ich beim Versuch, vor der Lehrerin zu fliehen, auf einen Baum geklettert und dann heruntergefallen sei. Mein Vater war in schallendes Gelächter ausgebrochen, während meine Mutter mich ausgeschimpft hatte, weil ich das Geld meiner Eltern verschwendete.

Eigentlich hätte mein Vater das Grillen einem Sohn beibringen sollen. Falls er enttäuscht gewesen war, dass er keinen bekommen hatte, verlor er nie ein Wort darüber. Er forderte meine jungenhafte Art bei jeder Gelegenheit heraus.

Cat dagegen war sehr empfindsam und in vielerlei Hinsicht das genaue Gegenteil von mir. Und rohes Fleisch fand sie ekelhaft. Sie hätte sich niemals von meinem Vater zeigen lassen, wie man ein perfektes Steak hinkriegt, wie man die Faust für einen K.-o.-Schlag ballt oder wie man jemanden durch ein Rugby-Tackle zu Boden bringt.

»Okay, jetzt dreh die Würstchen um. Sieh zu, dass du sie alle mit der Zange gepackt kriegst, sonst gibt’s ’ne Riesensauerei. Gut. Jetzt schieb die Steaks an den Rand, sonst werden sie zu stark gebraten. Das Fett soll schön knusprig sein, aber nicht angekokelt.«

Ich befolgte sorgfältig seine Anweisungen und schaffte es, das Fleisch so zu grillen, dass er zufrieden war. Als wir fertig waren, trug ich das Fleisch in einer Pfanne an den Tisch auf der Terrasse, den Mabel für uns gedeckt hatte. Das Knoblauchbrot stand schon bereit, ebenso der Kartoffelsalat und die Maiskolben, alles unter dem Fliegennetz deponiert, das ich manchmal als Schleier benutzte, wenn ich die als Braut verkleidete Spionin spielte.

»Sag deiner Mutter, dass wir fertig sind«, sagte mein Vater. Er hegte jedes Mal Argwohn gegen die großen Hagedasche mit ihren langen Schnäbeln und fürchtete um sein Fleisch. Oft stibitzten sie Hundefutter aus den Näpfen, gelegentlich auch größere Beute, zum Beispiel Fische aus Gartenteichen.

»Sie telefoniert gerade.«

»Na, dann sag ihr, dass sie aufhören soll. Ich hab Hunger.«

Ich lief zum Eingang hinüber und rief: »Wir wollen essen!«, dann rannte ich wieder zurück.

Ich hatte gerade neben meinem Vater Platz genommen, als Cat sich zu uns schleppte. Sie hatte sich alle Tränenspuren aus dem Gesicht gewaschen und lächelte, als unsere Mutter sich neben sie setzte.

»Mit wem hast du denn telefoniert?«, fragte mein Vater und griff nach der Butter und der Bovril-Paste, um seinen Maiskolben schön dick damit zu bestreichen.

»Mit Edith.«

Mein Vater verdrehte die Augen. »Was wollte die denn schon wieder?«

»Nichts. Sie hat sich einen Darmvirus eingefangen. Der grassiert wohl gerade. Sie ist krankgeschrieben.«

»Oh, dann steckt sie jetzt wohl in einer Lebenskrise, weil sie auf überteuerten Flügen keinen widerlichen Fraß mehr an arrogante Passagiere verteilen kann. Meine Güte, deine Schwester macht wirklich aus jeder Mücke ’nen Elefanten.«

»Wer redet denn von Krise, Keith? Sie wollte einfach nur reden.«

»Von wegen. Sie wollte dich mal wieder in das Drama ihres Lebens verwickeln.«

»Welches Drama?« Meine Mutter wurde lauter.

Mit aufgerissenen Augen starrte Cat zuerst unsere Eltern und dann mich an. Ihre Botschaft war klar und deutlich. Tu was!

»Bei der ist doch alles ein Drama!« Mein Vater wurde auch lauter. »Wenn die nur einen kleinen Schluckauf hat, geht gleich die ganze Welt unter!«

»Die ganze Welt geht unter? Was redest du denn da?« Meine Mutter pfefferte den Servierlöffel in die Salatschüssel zurück und starrte meinen Vater an. Die Ader auf ihrer Stirn pulsierte, was kein gutes Zeichen war. »Meine Güte! Warum hackst du immer so auf ihr herum? Sie wollte doch einfach bloß …«

Da klingelte es an der Tür.

Cats erleichterte Miene sprach Bände. Noch mal Glück gehabt!

»Verdammt noch mal!« Mein Vater haute sein Besteck auf den Tisch. »Es ist Sonntagmittag! Das ist ja wohl eine Frechheit, um diese Zeit zu stören!« Meine Mutter stand auf, doch mein Vater hielt sie zurück. »Lass Mabel zur Tür gehen.«

»Ich habe ihr aber gesagt, dass sie sich den Nachmittag freinehmen und das Spülen heute Abend erledigen kann.«

Als meine Mutter im Haus verschwand, rief mein Vater ihr hinterher. »Wenn es die Zeugen Jehovas sind, sag ihnen, dass sie sich gefälligst verpissen sollen, oder ich erschieße sie! Sag ihnen, dass ich eine große Flinte habe und keine Skrupel, sie zu benutzen!«

»Wer mag das wohl sein?«, fragte Cat. Ich zuckte mit den Achseln. Ich war mehr an der Flinte interessiert.

Als meine Mutter ein paar Minuten später zurückkam, war sie puterrot im Gesicht und hatte zwei Bücher dabei, die sie auf den Tisch schleuderte, direkt vor meine Nase.

»Was ist das?«, fragte mein Vater. »Wer war an der Tür?«

»Gertruida Bekker.«

»Hennies Frau?«

»Genau.«

»Und was wollte sie?«

»Sie wollte sich über Robin beschweren, weil sie einen schlechten Einfluss auf ihre Tochter hat.«

»Was?« Mein Vater sah mich an. »Was hast du angestellt, Sommersprosse?«

»Keine Ahnung.«

Meine Mutter deutete mit dem Kopf auf die Bücher. »Hast du die Elsabe geschenkt?«

»Nein. Ich habe sie ihr geleiht.«

»Geliehen«, korrigierte meine Mutter.

»Ja, geliehen.«

Mein Vater holte die Bücher zu sich herüber. » Der Zauberbaum und Fünf Freunde auf neuen Abenteuern«, las er vor. »Bücher von Enid Blyton?«

»Ja, Gertruida findet die Namen der Figuren anstößig und will, dass Robin nicht mehr mit Elsabe spielt.«

»Was für Namen denn? Wovon redet diese Frau überhaupt?«

Meine Mutter schwieg einen Moment, bevor sie antwortete. »Dick und Fanny.«

»Ist das dein Ernst?«

Meine Mutter nickte. »Ja, sie sagte, diese Namen wären ekelhaft und hätten in einem christlichen Haushalt nichts zu suchen.«

Da lachte mein Vater aus vollem Hals, und meine Mutter fing ebenfalls an zu kichern. Cat und ich starrten uns verwirrt an. Wir hatten keine Ahnung, was meine Eltern so lustig fanden.

Ich hatte Elsabe oder Mrs Bekker nicht verärgern wollen, sondern einfach nur versucht, meinen eigenen Geheimclub zu gründen, wie die Kinder in den Büchern. Ich wollte Geheimnisse aufdecken, ein Geheimquartier haben und mir exotische Codewörter für Marmeladentörtchen ausdenken. Leider waren alle anderen Mädchen in Witpark, unserem ausschließlich von Weißen bewohnten Vorort von Boksburg, Afrikaanerinnen, und sie wollten die ganze Zeit nur Vater-Mutter-Kind spielen. Ich hatte allerdings keine Lust auf Kochen, Stricken, Nähen und Backen oder darauf, mich um schreiende Babys zu kümmern oder betrunkene Ehemänner anzuschreien, die mitten in der Nacht vom Zechen-Stammtisch zurückkehrten. Stattdessen wollte ich lieber ihren Horizont erweitern und ihnen eine völlig neue Welt zeigen, die sie ansonsten verpasst hätten.

»Ich wollte bloß, dass sie und die anderen Mädchen die Bücher lesen und dann meinem Geheimclub der Sieben beitreten«, sagte ich. »Im Moment besteht der Club nur aus Cat und mir, und wir brauchen noch fünf Mitglieder.«

»Auf die könnt ihr jedenfalls gut verzichten«, sagte mein Vater und wuschelte mir durchs Haar. »Ihr seid doch schon zu zweit ein Höllenteam. Am besten vergesst ihr die Mädels und spielt mit den Jungs.«

Meine Mutter verdrehte zwar die Augen, war aber weiterhin guter Laune, und die wollte ich auf keinen Fall verderben, indem ich darüber klagte, dass keiner von den Jungs mit mir spielen wollte. Sie konnte Gejammer nicht ausstehen und forderte mich immer auf, nach Lösungen zu suchen, anstatt auf dem Negativen herumzureiten. Da fiel mir wieder ein, was mein Vater zuvor gesagt hatte.

»Wo ist deine große Flinte, Daddy?«

»Was?«

»Deine große Flinte? Mit der du die Zeugen Jehovas erschießen wolltest?«

»Das war nur ein Witz, Sommersprosse. Ich hab gar keine Flinte.«

»Oh.« Ich war enttäuscht, denn ich hatte gehofft, bei den Jungs damit Eindruck zu schinden. »Vielleicht solltest du dir eine besorgen.«

»Wieso?«

»Piets Vater hat gesagt, dass die Kaffer, diese verdammten Nigger, uns im Schlaf ermorden werden, weil wir Memmen sind. Er sagte, wenn wir uns keine Waffen besorgen, können wir es uns genauso gut direkt von hinten besorgen lassen, wie die Schwuchteln.«

»Ach wirklich? Und wann hat er das gesagt?«, fragte mein Vater, nachdem meine Mutter mich ermahnt hatte, die Wörter Kaffer und Schwuchteln nicht in den Mund zu nehmen.

»Vor ein paar Tagen, als ich dort mit den Hunden gespielt habe. Was lassen sich die Schwuchteln denn von hinten besorgen?«

»Jetzt reicht es mit der Fragerei, Robin.«

»Aber …«

»Keine Widerrede.« Er warf meiner Mutter einen Blick zu, und beide prusteten vor Lachen. »Thema abgehakt.«

Es war in jeder Hinsicht ein ganz gewöhnlicher Sonntag. Meine Eltern kabbelten sich die ganze Zeit und wurden so übergangslos von Gegnern zu Verbündeten, dass man unmöglich sagen konnte, in welchem Moment sie das Lager wechselten. Cat spielte ihren Zwillingspart als stille Zweitbesetzung perfekt, sodass ich meine Position im Rampenlicht einnehmen und die Hauptrolle übernehmen konnte. Wie üblich nervte ich unsere Eltern mit Fragen, testete unermüdlich Grenzen aus, wohl wissend, dass Mabel hinter den Kulissen für mich da sein würde wie ein gütiger Schatten.

Der einzige Unterschied war, dass die Uhr bereits tickte. Aber das wusste ich damals noch nicht. Ich hatte nicht die geringste Ahnung, dass ich nur wenige Tage später drei der wichtigsten Menschen in meinem Leben verlieren sollte.

2

BEAUTY MBALI

14. Juni 1976

Transkei, Südafrika

M eine Tochter schwebt in Gefahr.

Dieser Gedanke schießt mir beim Erwachen als Erstes durch den Kopf und treibt mich dazu, mich schnell anzuziehen. Es sind noch zwei Stunden bis Sonnenaufgang, und in unserer Hütte ist es pechschwarz. Normalerweise kann ich mich im Raum umherbewegen, ohne in der Dunkelheit über die Schlafmatten der Jungs zu stolpern, aber jetzt brauche ich Licht, um zu Ende zu packen.

Das Kratzen des Streichholzes über die Reibfläche der Lion-Schachtel ist in der Stille deutlich vernehmbar, und mein Schatten steigt auf wie ein Gebet, als ich die Kerze anzünde und sie neben meinen Koffer auf den Boden stelle. Der vertraute Schwefelgeruch, der für mich eng mit dem Tagesanbruch verknüpft ist, hat jetzt etwas Unheilverkündendes. Ich atme durch den Mund, damit ich den Dunst der Angst nicht riechen muss.

Ich bewege mich so leise wie möglich, doch hier gibt es nichts, was die Geräusche meiner Bewegungen schlucken könnte. Unsere Hütten sind rund und vollkommen offen innerhalb der Außenmauern aus Lehm. Es gibt keine Zimmerdecken, die auf unsere Köpfe drücken und die Kuppeldächer von den Böden aus gestampftem Kuhdung trennen. Keine Trennwände, die den gemeinsamen Wohnraum in verschiedene Zimmer aufteilen. Unsere Unterkünfte sind so offen, wie die Welt einst war, als es keinerlei Wände oder Dächer gab außer jenen, die unmittelbaren Schutz gewährten. Privatsphäre ist kein Konzept, das mein Volk versteht oder wünscht; wir sind Zeugen des Lebens der anderen und finden es tröstlich, dass unser eigenes Leben wahrgenommen wird. Welches Geschenk könnte größer sein, als jemandem zu sagen: Ich sehe dich, ich höre dich, du bist nicht allein?

Deswegen sind nun auch meine beiden Söhne erwacht, egal wie sehr ich mich bemüht habe, leise zu sein. Khwezi sieht zu, wie ich meine Schilfmatte aufrolle, und das reflektierte Licht der Kerzenflamme brennt in seinen Augen. Er ist dreizehn Jahre alt und mein jüngstes Kind. Er kann sich nicht an den Tag vor zehn Jahren erinnern, als sein Vater zu den Goldminen in Johannesburg aufgebrochen ist, und auch nicht an die Qual der Monate zuvor, in der die große Trockenheit herrschte. Er erinnert sich nicht daran, wie die Schultern des einst stolzen Mannes allmählich hinuntersanken, während er mitansehen musste, wie seine Familie und sein Vieh starben. Aber Khwezi ist jetzt alt genug, um Angst davor zu haben, ein weiteres Familienmitglied an die hungrige Stadt zu verlieren.

Ich lächle ihm beruhigend zu, aber er erwidert mein Lächeln nicht. Sein schmales Gesicht blickt ernst, als er gedankenverloren die glänzend kahle Stelle über seinem Ohr reibt. Das fleckige rosafarbene Gewebe in der Form eines Akazienbaums stammt daher, dass er vor langer Zeit in ein offenes Feuer gefallen ist. Es gibt einen Grund dafür, warum Gott die Narbe an einer Stelle platziert hat, die Khwezi nicht sehen kann, ich als Mutter aber stets gezwungen bin, von oben anzuschauen. Sie ist eine Erinnerung daran, dass die Ahnen mir eine zweite Chance mit ihm gegeben haben, eine, die ich bei meinem erstgeborenen Sohn nicht hatte, den ich nicht vor dem Unheil habe schützen können. Ich kann nicht noch eines meiner Kinder im Stich lassen.

»Mama«, flüstert Luxolo, dessen Matte gegenüber der seines jüngeren Bruders liegt. Er hat die graue Decke um sich gewickelt wie ein Leichentuch, um sich vor der Morgenkühle zu schützen.

»Ja, mein Sohn?«

»Lass mich mit dir gehen.« Darum bittet er mich schon seit gestern, als der Brief meines Bruders angekommen ist.

Der knittrige gelbe Umschlag mit meinem Namen, Beauty Mbali, hat vom Wohnort meines Bruders Andile in Zondi, einem Viertel mitten in Soweto, einen weiten Kreis beschrieben, ehe er mich erreichte.

Unser Dorf ist so klein, dass es nicht mit offiziellem Namen auf der Landkarte der Transkei verzeichnet ist, und daher wird die Post nicht direkt in die ländliche Umgebung der Gebirgsausläufer in unserem schwarzen Homeland geliefert. Nachdem mein Bruder den Brief aufgegeben hatte, brachte ihn die Post aus dem Township Soweto auf sandigen Straßen voller Schlaglöcher nach Johannesburg, im Herzen Südafrikas, und dann in Richtung Süden auf der zentralen Autobahn aus Transvaal hinaus über den Fluss Vaal und in den Orange Free State hinein.

Von dort aus reiste er weiter nach Süden über die nebelverhangenen Drakensberge und dann im Zickzack hinunter über Haarnadelkurven bis nach Pietermaritzburg. Danach bog er ab in die verzweigten, vernachlässigten Seitenstraßen, die ihn offiziell zur Post von Umtata beförderten, der Hauptstadt der Transkei.

Doch seine Reise war noch nicht vollendet, da der Umschlag immer noch persönlich von der Frau des Postbeamten an den schottischen Missionar in Qunu übergeben werden musste – über eine Entfernung von dreißig Kilometern hinweg, für die ich sechs Stunden brauchen würde, die die weiße Frau im Auto ihres Mannes aber in nur vierzig Minuten zurücklegt – und dann wiederum weiter von der schwarzen Putzfrau des Missionars zu dem indischen Spaza Shop-Besitzer. Die letzte Etappe der Reise wurde von Jama zurückgelegt, einem neunjährigen Hirtenjungen, der die drei Kilometer über staubige Pfade bis zu meinem Klassenzimmer rannte, um ihn mir stolz zu überreichen.

Ich weiß nicht, wie lange der Brief brauchte, um die fast neunhundert Kilometer von dem schwarzen Township zum schwarzen Homeland zurückzulegen und seine Warnung zu überbringen. Der Poststempel ist verwischt, und Andile hat den Brief in seiner Eile nicht datiert. Ich hoffe, ich komme nicht zu spät.

»Mama, nimm mich mit«, fleht Luxolo erneut. Doch es ist nur sein Wunsch, sich als Mann im Haus zu beweisen, der ihn dazu treibt, meine bereits getroffene Entscheidung in Frage zu stellen. Aus keinem anderen Grund würde er es riskieren, sich mir gegenüber respektlos zu zeigen. Luxolo ist erst fünfzehn, hat aber die Pflichten eines erwachsenen Mannes in unserem Haushalt übernommen. Er ist überzeugt, dass der Schutz der Frauen ebenso in seine Verantwortung fällt wie das Beaufsichtigen der Rinder, die unsere Lebensgrundlage bilden. Indem er mich auf der Reise begleitete, würde er seine Schwester vor Unglück beschützen und sicherstellen, dass wir beide heil und gesund zurückkehrten.

»Das Dorf braucht dich. Ich gehe Nomsa holen und bringe sie nach Hause.« Ich drehe mich von ihm weg, damit er die Sorge in meinen Augen nicht erkennt und ich seinen verletzten Stolz nicht mitansehen muss.

Meine Bibel ist das letzte meiner Besitztümer, das ich einpacke. Ihr schwarzer Ledereinband ist von den vielen Stunden, die ich sie in den Händen gehalten habe, abgenutzt. Ich stecke den Brief meines Bruders zum Schutz zwischen ihre hoffnungsdünnen Seiten, obwohl ich bereits die besorgniserregenden Stellen auswendig gelernt habe.

Du musst sofort kommen, Schwester. Deine Tochter ist in größter Gefahr, und ich fürchte um ihr Leben. Ich kann ihre Sicherheit hier nicht garantieren. Wer weiß, was passiert, wenn sie hierbleibt.

Mit einem Blinzeln verscheuche ich die Vision von Andile, wie er verkrampft diesen Brief an mich gekritzelt und dabei die Tinte mit der linken Hand quer über die soeben geschriebenen Wörter verteilt hat wie die Asche eines Veld-Feuers. Dabei steigt auch wieder die Erinnerung an meine Mutter auf, die ihn aus ihrem Aberglauben heraus jedes Mal mit einem Zweig auf die Finger schlug, wenn er mit der falschen Hand nach etwas griff. Doch wie sehr sie ihn auch quälte, sie konnte ihm die Linkshändigkeit ebenso wenig austreiben wie mir meinen Wissensdurst und Ehrgeiz. Und ebenso wenig konnte ich gegen Nomsas Entschlossenheit ankommen.

Nachdem ich mir ein Tuch um den Kopf gebunden habe, schlüpfe ich in meine Schuhe. Sie sind genauso unnachgiebig und unbequem wie die westlichen Sitten, die mich zum Tragen dieser Uniform zwingen. Hier in meinem Homeland gehe ich immer barfuß, und auch im Klassenzimmer, in dem ich unterrichte, stehen meine Fußsohlen in direkter Verbindung mit dem Fußboden aus Dung. Doch wenn ich mich hinaus in das Territorium des weißen Mannes wage, muss ich die Kleidung des weißen Mannes tragen.

Ich öffne den Reißverschluss meines perlenbestickten Geldbeutels und zähle die gefalteten Scheine darin. Es reicht gerade für die Taxen und Busse auf meinem Weg nach Norden. Die Fahrtkosten für die Rückreise werde ich mir von meinem Bruder leihen müssen, Schulden, die wir uns kaum leisten können. Ich stecke die Geldbörse in meinen BH, eine weitere einengende westliche Erfindung, und bitte Gott in einem stillen Gebet, dass ich nicht beraubt werde. Ich bin eine schwarze Frau, die alleine reist, und eine schwarze Frau ist immer die leichteste Beute in der Nahrungskette der Opfer.

Ein Hahn kräht in der Ferne. Es wird Zeit. Ich breite die Arme für meine Söhne aus, und sie erheben sich schweigend von ihren Matten, um sich umarmen zu lassen. Ich drücke sie fest und würde sie am liebsten nicht mehr loslassen. Es gibt so vieles, was ich ihnen gerne sagen würde, weise Worte und triviale Ermahnungen, möchte sie aber nicht mit einem langen Abschied belasten. Es ist leichter, so zu tun, als begäbe ich mich auf eine kurze Reise und kehrte vor Einbruch der Nacht zurück. Es ist außerdem wichtig für Luxolo, ihm zu verstehen zu geben, dass ich felsenfest davon überzeugt bin, dass er sich während meiner Abwesenheit gut um seinen Bruder und das Vieh kümmern wird, und ich möchte sein Bemühen nicht durch Ermahnungen zur Vorsicht und Wachsamkeit anzweifeln. Er weiß, was er zu tun hat, und wird alles richtig machen.

»Nomsa und ich kommen bald nach Hause«, sage ich. »Macht euch keine Sorgen um uns.«

»Und du, Mutter, brauchst dir keine Sorgen um uns zu machen. Ich kümmere mich um alles«, erwidert Luxolo ernst. Er erweist sich der neuen Verantwortung als würdig.

»Ich mache mir keine Sorgen. Ihr seid beide brave Jungs, die bald großartige Männer sein werden.«

Luxolo löst sich aus meiner Umarmung und nickt, als nähme er das Kompliment an. Khwezi will noch nicht loslassen. Ich küsse ihn auf den Kopf, meine Lippen berühren seine Narbe. »Versucht, noch eine Stunde zu schlafen.« Da sie brave Jungs sind, gehorchen sie mir und kehren zu ihren Matten zurück.

Mit einer Decke um die Schultern trete ich hinaus ins Morgengrauen und mache mich auf den Weg den schmalen Hügelpfad hinunter. Die Gerüche von Holzfeuer und Dung steigen auf, um mir auf Wiedersehen zu sagen. Grillen zirpen dissonant zum Abschied. Mein Atem kondensiert im kalten Mondlicht; geisterhafte Wölkchen weisen mir den Weg, und ich folge ihnen genauso, wie ich dem Phantom meiner Tochter den sandigen Weg hinunter folge. Meine Füße treten in die Spuren, die sie vor sieben Monaten hinterlassen hat, als sie unsere ländliche Idylle gegen die Schule in der Stadt eintauschte.

Ich versuche mich daran zu erinnern, wie sie am Tag ihres Abschieds ausgesehen hat, doch stattdessen fällt mir eine Episode aus der Zeit ein, in der sie fünf war. Unser Reetdach musste repariert werden, und ich nahm die Panga, um langes Gras zu schneiden. Da ich Angst hatte, die Kinder könnten irgendwie in den Weg der Klinge geraten, schickte ich sie zum Kraal, um nach dem Lamm zu sehen, das in der Nacht geboren worden war. Der dreijährige Luxolo rannte los, um mit seiner Schwester Schritt zu halten, und ich begann, das Reet zu ernten.

Später, als der Schrei über die Felder hallte und einen Schwarm Sperlinge aufschreckte, ließ ich die Panga sofort fallen und rannte los. Bis ich den Kraal erreichte, hinter zwei anderen Frauen, die vor mir herrannten, war der Schrei in ein schrilles Kreischen übergegangen. Ein weiterer gefährlicher Laut vermischte sich mit dem Lärm, den ich jedoch nicht einordnen konnte, bis ich die letzte Hütte hinter mir gelassen hatte.

Und da stand Nomsa, die stämmigen kleinen Beine in Kampfposition gespreizt. Sie hatte sich zwischen Luxolo und einen geduckten Schakal gestellt, der mit Schaum vor dem Mund nach ihr schnappte und sie anknurrte. Der Schakal war tollwütig und außer sich vor Aggression, weil er an seine Beute gelangen wollte: meinen Sohn.

Nomsas kleine Faust war erhoben, und sie schüttelte sie und schrie das Tier an, das auf sie zuschlich. Bevor ich losrennen konnte, griff Nomsa nach einem Stein und warf ihn mit solcher Kraft, dass sie den Schakal mitten am Kopf traf und er seitlich wegtaumelte. Als wir die Kinder erreichten, riss ich Luxolo und Nomsa gleichzeitig hoch in meine Arme, während die Frauen aus dem Dorf den Schakal verscheuchten. Nomsa zitterte vor Angst. Meine erst fünf Jahre alte Tochter hatte tapfer ein Raubtier bekämpft, um ihren jüngeren Bruder zu beschützen. Ich erwartete, Tränen in ihren Augen zu sehen, erblickte stattdessen jedoch Triumph.

Ich verdränge die Erinnerung und das dazugehörige Unbehagen. Es liegen noch sechs Kilometer staubiger Wege vor mir, bevor ich die Hauptstraße in der Nähe von Qunu erreiche. Qunu ist ein kleines Dorf wie unseres und liegt versteckt in einem grasbewachsenen, von grünen Hügeln umgebenen Tal. Da es jedoch mehrere hundert Einwohner hat, besitzt es einen richtigen Namen. Ein Gerücht besagt, dass Nelson Mandela in diesen Hügeln aufgewachsen ist und dieser Boden daher Größe hervorbringt. Vielleicht ist es ein gutes Omen, ihn auf meiner Reise zu berühren.

Von Qunu aus muss ich das erste Taxi nehmen, das mich aus dem Schutz des Bantustans Transkei in die weiße Provinz Natal bringt, genauer gesagt vierhundert Kilometer weit nordwestlich durch Zuckerrohr und Maisfelder, und über Kokstad schließlich nach Pietermaritzburg. Danach werde ich nach Norden weiterreisen müssen, an den Midlands vorbei, durch die Drakensberge und dann weiter nach Johannesburg. Meine Reise wird mich aus der ländlichen Idylle, wo die Zeit stehen geblieben ist, zu einer Stadt bringen, die durch die Dynamitexplosionen in den Goldminen regelmäßig in ihren Grundfesten erschüttert und von oben von den starken Highveld-Gewittern bedroht wird, die den Himmel über ihr aufreißen. Beinahe tausend Kilometer erstrecken sich zwischen hier und Soweto in einem Strang aus Angst und Zweifeln, doch ich versuche, nicht an die Entfernung zu denken, während ich den Koffer von meinem Körper weghalte, damit er nicht dauernd gegen meinen Oberschenkel schlägt.

Ich folge dem Morgenstern und freue mich auf den Sonnenaufgang. Dies ist meine Lieblingstageszeit, während Nomsa den Sonnenuntergang lieber mag. In Afrika gibt es keine langanhaltende Dämmerung, kein weiches Verglühen, wenn der Tag in die Nacht übergeht, kein sanftes Geben und Nehmen zwischen Licht und Schatten. Die Nacht bricht schnell herein. Wenn man aufmerksam ist und sich nicht ablenken lässt, kann man fast den kurzen Moment spüren, in dem das Tageslicht einem durch die Finger schlüpft und man plötzlich den tintenschwarzen Saft der Subsaharanacht auffängt. Es ist ein scharfes Ausatmen am Ende eines Tages, ein Seufzer der Erleichterung. Der Sonnenaufgang ist das Gegenteil: ein sanftes Einatmen, eine allmähliche Vorbereitung des anbrechenden Tages auf das, was kommen mag. Genauso, wie ich mich jetzt auf das vorbereiten muss, was immer mich in Soweto erwartet.

Ich bin gerade in das Tal eingebogen, um dort dem mäandernden Fluss zu folgen, als mich eine dünne Stimme ruft.

»Mama!« Das Wort dehnt sich in der stillen Heiligkeit des Morgens aus und wird von der Nebeldecke des Flussbetts verschluckt. Ich muss es mir eingebildet haben, ich muss die Stimme meiner um Hilfe rufenden Tochter quer über das ganze Land hinweg heraufbeschworen haben, doch dann höre ich es wieder. »Mama!«

Ich drehe mich um, blicke den Weg entlang, den ich gekommen bin, und sehe eine Gestalt auf mich zuspringen. Es ist Khwezi, so trittsicher wie eine Bergziege. In wenigen Minuten ist er bei mir, und unser Atem vermischt sich aufgeregt keuchend, als wir einander gegenüberstehen.

»Du hast deinen Proviant vergessen«, sagt er und hält die Tüte hoch, in die ich gestern den gegrillten Mais und die Hühnerteile gepackt habe. »Ich will nicht, dass du Hunger hast.«

Er sieht seinem Vater so ähnlich – dem Jungen, der sein Vater war, bevor die Goldminen ihm die Freude raubten und sie zerschmetterten – und er schenkt mir ein offenes Lächeln, stolz auf sich, dass er mich vor dem Hunger bewahrt hat. Mein Herz geht auf vor Liebe.

»Bringst du Nomsa nach Hause?«, fragt er, und ich nicke nur, weil mir die Worte fehlen. »Kommst du wieder?«

Wieder nicke ich.

»Versprichst du das, Mama?«

»Ja.« Es kommt als ersticktes Schluchzen heraus, ein emotionales Feuer, dem die Luft fehlt, aber es ist ein Versprechen. Ich werde Nomsa nach Hause bringen.