9783990641705.jpg

Inhalt

Impressum

Widmung

Episoden der Sehnsucht

Der dramatische Wandel

Die Abende von Traiskirchen

Ein unumgängliches Bedürfnis

Auszug ins Ungewisse

Zurück in der Unterkunft

Meine Geschichte mit der Technik

Die Anbetung des Satans

Abendklänge

Ein Stück vom Paradies

Einmal um die Welt

Richter und Unterstützer in einem

Die Rückkehr ins Leben

Auf die Probe gestellt

Auf nach Wien

Weggabelung

Ein Brief an das Parlament

Kein Weg führt zurück

Fremde und Exil

Zwischen Graz und Mailand

Eine Frage ohne Antwort

Gerechtigkeit und Justiz

Der Kampf mit der Zeit

Weiße Karte oder Abschiebung?

Ein mutwilliges Verbrechen

Eine Kugel ins Herz

Verzweiflung und Hoffnung

Ein Star geht live auf Sendung

Der achtzehnte September

Ein weiteres Verbrechen

Probleme und Lösungen

Der ruhigste Monat

Auf nach Italien, dem Paradies auf Erden

Ein Weg ins Ungewisse

Haben wir ein Recht auf Erholung?

Ein Star in Italien

Rückkehr und Abreise

Der Anfang vom Ende

Die Suche nach dem Ende

Und wieder das Fernsehen!

Ein Hoffnungsschimmer

Das Schubhaftgefängnis

Nach langem Warten

Begegnung mit dem Bundespräsidenten beim Treffen der Nationen

Der Libanon unter den Friedensstiftern

Eine letzte Botschaft

Das letzte Kapitel, geschrieben am 1. Jänner 2017

Nachtrag

Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie­.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fern­sehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und ­auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2017 novum Verlag

ISBN Printausgabe: 978-3-99064-169-9

ISBN e-book: 978-3-99064-170-5

Übersetzer: Sufian Al-Kaldi

Lektorat: Afnan Al-Kaderi und Silvia Zwettle

Umschlagfoto: Ekaterina Sitnikova | Dreamstime.com

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh

www.novumverlag.com

Widmung

Den Menschen in meiner neuen Heimat, die meine Familie und Freunde geworden sind, sowie meiner Familie und meinen Freunden in allen Ländern der Welt.

Es war ein langer Weg voll Leid und Schmerz, Freude und Trauer, voll Hoffnung und Resignation. Nachdem ich das alles durchlebt hatte, regte sich in mir der Wunsch, diese Erfahrungen mit euch zu teilen. Damals wusste ich aber nicht wirklich, was das Ziel dessen sein sollte.

Am Anfang war alles, was ich schrieb, eine Schilderung schicksalhafter und entscheidender Momente im Lauf unseres Lebens. Um die Härte jener Tage ein wenig zu mildern, zeichnete ich mit Buchstaben und Wörtern diese Augenblicke auf dem Papier nach. Denn mit ihren Stunden und Minuten lasteten sie in einer solchen Art auf uns, dass es sich anfühlte, als wäre die Zeit dort stehen geblieben und würde sich weigern voranzuschreiten.

So wie Träume manchmal wahr werden, so verwirklichte sich auch der Traum, euch an jenen schicksalhaften Perioden in diesem turbulenten Teil unseres Lebens teilhaben zu lassen. Damals wusste ich jedoch nicht, wo ich anfangen sollte: Sollte ich zuerst vom Krieg und seinem Elend schreiben? Oder von unserem Kampf mit dem Tod und der Behinderung? Oder sollte ich über das Gefühl der Fremde schreiben? Oder über unsere Fluchtgeschichte?

Nach all den schmerzhaften Momenten, den aufgezwungenen Stillständen der Existenz und den Schritten in Richtung Zukunft beschloss ich, dort anzufangen, wo meine Reise geendet hatte, denn manche von denen, die sich auf das Fluchtabenteuer begeben, wissen und ahnen nichts von den Schritten und Verfahren, die sie erwarten. Möglicherweise aber glauben sie einfach nicht, was andere über diese Erfahrung und deren Strapazen berichten, und schenken dem keine Beachtung.

Im Auffanglager für Asylsuchende, wo es seinen Anfang nahm.

Von den Bewohnern und Bewohnerinnen des Ortes, an dem sich das Auffanglager für Asylsuchende befand, wurden wir gemustert, als wären wir und unsere Kinder von einem Planeten jenseits der Vorstellung, als kämen Asylsuchende aus Welten, deren Bewohner sich in jeder Hinsicht von der ansässigen Bevölkerung unterscheiden. Manche von ihnen veranlasste das dazu, die fremden Gesichter im Geheimen, aber doch ganz genau zu beäugen. Nie würden sie es für möglich halten, dass sich unter uns junge Frauen und Männer befanden, die vielleicht ähnliche Talente wie Mozart oder Michelangelo oder Einstein entfaltet hätten, wären ihnen Fürsorge und Sicherheit zuteilgeworden oder hätten sie Lernmöglichkeiten gehabt und wären ihre Träume auf fruchtbaren Boden gestoßen oder hätte eine unterstützende Hand sie liebevoll in eine vielversprechende Zukunft begleitet.

Manche Stadtbewohner eilten hastig am Lagereingang vorüber und hielten ihre Hunde fern, damit ja keines dieser lieben Tiere irgendeine Infektion durch Asylsuchende einfangen konnte. Andere hielten an, begrüßten ihre Menschheitsgeschwister und boten ihre Hilfe an. Sie widersetzten sich all den veralteten Schranken, die der Grund aller Kriege und Tragödien sind.

Unsere Geschichte ist eine von Tausenden, die durch die Tore der Auffanglager führen und Licht auf eine unfreiwillige Auswanderung werfen. Geschichten, die mit einem Asylantrag beginnen und nicht immer nach unserem Wunsch enden.

Nun bin ich da und reiße die Mauern jener Lager nieder. Denen, die die Tragödien anderer nicht sehen und hören wollen, öffne ich jene Tore, damit wir gemeinsam alle unnützen Hindernisse beseitigen und sich die Menschlichkeit in unserem Inneren auf die höchsten Stufen erhebt, frei von Diskriminierung, frei von Klassendenken und Rassismus.

Zwar weiß ich nicht, wie ich die Flut an Empfindungen in Worte fassen soll, aber ich werde aufrichtig über jene Tage schreiben und mich trotz allem bemühen, meine Erfahrungen objektiv wiederzugeben, auf dass dadurch viele Fragen beantwortet werden.

Allen, die die Liebe als heilige Botschaft austragen – in einer Zeit, in der dieses Wort eine leere Floskel geworden ist – öffne ich die Tore sowie allen auf der Suche nach Wahrheit und Wirklichkeit.

Damit keine Frage ohne Antwort bleibt, widme ich euch allen dieses Buch und meine Erfahrung.

Episoden der Sehnsucht

Es war das Jahr, in dem ich zum ersten Mal den Wandel der Jahreszeiten wahrnahm und ihn Tag für Tag beobachtete.

Der Sommer 2006 begann im Libanon und mit ihm kam der Krieg. Meine fünfzehnjährige Tochter Lara wurde von einer Kugel in den Kopf getroffen. Ich sah sie mit dem Tod kämpfen und kämpfte mit ihr. Wie sehr sehnte ich das Ende jenes entsetzlichen Sommers herbei. Vielleicht käme mit ihm ja ein Ende der todbringenden Tage, die uns und unsere geliebte Heimat heimsuchten.

Der Herbst kam und mit ihm die Reise nach Italien zur Behandlung von Lara. Ich beobachtete ihn aus der Nähe. Es war ein europäischer Herbst, geprägt von bunten Laubblättern, die herabfallend an die Vergänglichkeit der Lebenstage erinnerten. Wie jene Tage beobachtete ich auch die Blätter geduldig und voller Hoffnung. Dann begann der Winter. Vom ersten Tag an und zum ersten Mal erwartete ich ihn, trotz seiner von mir gefürchteten Kälte und seiner Regenfälle, die auf mich herabfielen, während ich die Pfade dieses Lebens beschritt. Ich musste unermüdlich weitergehen, musste Empfindungen und Erfahrungen jeder Art durchleben, musste meinen Weg fortsetzen, ungeachtet des Wandels der Jahreszeiten, denn es war nicht möglich umzukehren und der Rastplatz lag noch in weiter Ferne.

Während ich täglich die fast überfluteten Straßen überquerte, hörte ich die Regentropfen auf meinen Regenschirm fallen. Wie jene Tropfen zählte ich die Tage. Der Regen im europäischen Winter, er fällt sanft, es ist ein feiner Nieselregen, der bis in die Tiefen der Seele vordringt.

Da war ich und verbrachte den letzten Tag dieser langen Jahreszeit zurück im Libanon. Der Boden hatte sich verändert und auch der Regen, hier war er stärker, geradezu sintflutartig, wie unsere orientalisch-arabischen Emotionen, die der Natur dieses Landes entspringen. Mit einem Mal schienen wir hin- und hergerissen zwischen dem ruhigen und sanften Regen in Europa und unserer Zugehörigkeit zu jener rebellischen, orientalischen Natur voller Leben.

Es war die Jahreszeit der Möglichkeiten und wegweisenden Entscheidungen, die sich zwischen Zugehörigkeit und Schicksal bewegten. So packten wir wenig an Gepäck und viel an Erinnerungen in einen kleinen Koffer und traten die Reise nach Europa an. Wo die Reise enden und wohin uns das Schicksal führen würde, ahnten wir nicht. Nur eins war gewiss: Es war eine Reise ohne Wiederkehr.

So kam es, dass wir in einem Auffanglager für Asylsuchende in Österreich Abschied von den letzten Wintertagen nahmen. Ich beobachtete die kahlen Bäume, beobachtete alle Arten, betrachtete ihre Zweige. Vielleicht würde ich einige Knospen sehen, die den herannahenden Frühling ankündigen, meiner Seele etwas Hoffnung einflößen und mir die frohe Botschaft einer neuen Jahreszeit bringen würden … doch nichts kann seiner Zeit vorauseilen.

Das traurige, vom Elend bewohnte Asyllager war von den schönen Vögeln verlassen worden und an ihrer Stelle waren die Krähen mit ihrem erschreckenden Gekreische eingezogen. Sie erinnerten mich an eine Zeit, die ich vor nicht allzu langer Zeit hinter mir gelassen hatte. Eine Zeit, von der ich noch immer nicht wusste, ob ich sie je verarbeiten würde oder ob sie für immer in meinem Kopf bestehen bleiben würde.

Oh, ihr Vögel, die Natur zwingt euch fortzufliegen! Wie sehr wir euch bloß ähneln! Auch wir nahmen Abschied von unserem Land, streckten unsere Flügel über den Wind und überquerten die Ozeane auf der Suche nach einer neuen Heimat und Frieden, nach Wärme und Sicherheit, so wie Tausende meiner Landsleute. Wir hatten keine andere Wahl.

Zwei Tage nach unserer Ankunft erkrankte ich und musste im Bett bleiben. Ich weiß nicht, was mit mir los war. Zwar versuchte ich mit größter Anstrengung, wieder auf die Beine zu kommen, aber meinen Körper hatten alle Kräfte verlassen und er kapitulierte. Von allen Seiten belagerten mich Probleme. Wie sollten dieser erschöpfte Körper und diese müde Seele das auch alles aushalten?

Nach einer Woche im Bett erschien mir alles, was uns passiert war, wie ein Film, der jene dramatischen Ereignisse Revue passieren ließ: beginnend mit Laras Verwundung über die Reise nach Italien und von dort zurück in den Libanon, bis zu jenem Monat mit allem, was er an glücklichen und traurigen Momenten mit sich trug. Jenem Monat, in dem ich Abschied nahm von meinen früheren Jahren, von meinen Verwandten und Freunden, von jedem Körnchen Erde und allen Orten, die ich liebte. Ich nahm Abschied von meinem Herzen, das ich – trotz jener bitteren Augenblicke, die es zum Weinen brachten – dort zurückließ.

Ich bin ein Mensch, auch wenn es manchen schwerfiel, das zu begreifen.

Zum letzten Mal warf ich einen durch Tränen verschwommenen Blick auf meine geliebte Heimat, die in der Ferne verschwand. Adieu, Beirut! Adieu all den zerbrochenen Träumen, den bitteren Küssen. Ich hatte mich an jenem Licht verbrannt wie der Schmetterling, der – vom Glanz geblendet – zum Licht eilt, obwohl er weiß, seine Flügel und sein Herz werden brennen und es könnte sein Ende sein.

Adieu, Beirut … Hier liege in nun in meinem Bett und nehme Abschied von all jenen vergangenen Tagen und Jahren. Während mein Leib und meine Seele Schmerzen erleiden, nehme ich Abschied von meinen schönen Träumen, die geboren wurden, um zu sterben. Oh Beirut, es war, als versuchte das Fieber, das mich heimgesucht hatte, die letzten Sehnsuchtsschübe nach dir auszutreiben.

Der dramatische Wandel

Traiskirchen, Österreich, Freitag, der 03.03.2007, 10 Uhr.

Vor einer Gruppe alter Gebäude, die von einem hohen Metallzaun umgeben waren – sie schienen vor vielen Jahrzehnten errichtet worden zu sein, denn an manchen waren Renovierungsarbeiten im Gange –, hielt der Taxifahrer an und sagte: „Hier ist das Auffanglager für Asylsuchende. Geht hinein und sagt das Wort ‚Asyl‘. Das heißt Schutzsuchender oder Verbannter.“

Das war schon schmerzhaft. Denn mit einem Mal warst du kein normaler Mensch mehr, du bekamst eine andere Bezeichnung und sogar eine Nummer.

Das Tor dieses Auffanglagers ähnelte einem Grenzübergang. Alles erinnerte daran: die Polizei, die Schließanlage und das Registrierungsbüro. Vielleicht ist es ja wirklich das Tor in eine fremde Welt, in ein großes Gefängnis … das Kuriose und zugleich Traurige daran ist aber, dass alle, die hier ankommen, hinein möchten. Es ist ihr Wunsch, hier zu sein, sie kennen nicht die Bitterkeit dieser Momente und ahnen nicht, was auf sie zukommt. Denn hier und jetzt beginnt das nervöse Nagelbeißen: Wer jetzt als Erster oder als Erste die Nerven wegwirft, verliert, und üblicherweise haben das Gesetz und der Staat einen langen Atem.

Mit den anderen, die eintraten, gingen auch wir hinein. Wann wir wieder herauskommen würden und was uns erwartete, wusste Gott allein. Wir hatten diesen Schritt wohl überlegt und es war die einzige Wahl, die wir hatten.

Du musst recht vermögend sein, um in einem anderen Land als deinem leben zu können, denn bevor du die Gegend nicht kennengelernt hast, kannst du nicht arbeiten. Bevor du also nicht gelernt hast, was du beherrschen und kennen musst, um deinen Alltag zu bewältigen, etwa die Sprache, die Lebensart und das medizinische Versorgungssystem. Angesichts unserer speziellen Situation war gerade Letzteres für uns besonders wichtig. Wenn wir alles zusammenlegten, was wir besaßen, deckte das nicht die Kosten einer einzigen Nacht im Krankenhaus, geschweige denn die Schul- und Wohnkosten. Damit wir diese Etappe überwinden und wieder auf eigenen Füßen stehen konnten, brauchten wir jemanden, der uns aufnahm und unterstützte. Es blieb uns nichts anderes übrig, als uns damit zu arrangieren und geduldig die Zwangsisolation zu ertragen.

Wir passierten das Tor. Nachdem unser Gepäck durchsucht worden war, wurden unsere Namen registriert und ein Polizist begleitete uns hinein in den Gebäudekomplex. Hier hatte jedes Haus eine Nummer und eine Bezeichnung und jedes hatte eine besondere Verwendung: Es gab eine Polizeiwache, Speiseräume, eine Sanitätsstation, Einrichtungen sozialer Dienste und so weiter.

Es waren fünfstöckige Häuser mit Satteldächern, durch Gärten und Grünflächen voneinander getrennt. Es gab einen Kindergarten, einen Kinderspielplatz und einen Sportbereich. All diese Plätze machten jedoch einen tristen und deprimierenden Eindruck. Selbst der Kindergarten war keine Ausnahme: Trotz der liebevollen Betreuung, welche die Kinder genossen, waren seine Wände voll behangen mit seltsamen Zeichnungen und Farben, die dir den Kummer derer verrieten, die sie gezeichnet hatten. Wer das sieht, versteht, dass der Makel nicht in den Orten zu suchen ist, sondern in den Menschen, denn wer nicht imstande ist, Schönheit zu genießen, kann auch nichts Schönes sehen.

Wir erreichten das Gebäude mit der Nummer 17, die Polizeiwache, und die Befragung begann. Meine Tochter Lara war in einer verwirrenden Verfassung. Sie war angespannt und müde, denn ihre Zukunft schien unklar und sie konnte auch mit größter Anstrengung nicht herausfinden, was sie erwartete. Mein Sohn Jad verbarg seine Unruhe, indem er sich mit einem Spiel auf seinem Mobiltelefon ablenkte, während mein Mann und ich uns mit der Beantwortung der Fragen plagten. Die Zeit verging so langsam, dass es zermürbend war. Ohne Nahrung verbrachten wir beinahe neun Stunden auf jenen Stühlen im Befragungszimmer sitzend. Vor lauter Müdigkeit legte Lara ihren Kopf wie ein kleines Kind an meine Brust – ich umarmte sie, damit sie ihre Müdigkeit, ihren Hunger und ihre Angst vor dem Ungewissen vergessen konnte, mehr als das konnte ich nicht tun.

Damit wir uns einfacher verständigen konnten, wurde uns ein Dolmetscher zur Seite gestellt. Durch seine Anwesenheit ging unsere Anspannung sehr zurück, denn er erklärte uns einige Details dieser heiklen Angelegenheit. Dennoch blieben wir voll Sorge, denn jeder Fall hier hatte seine eigenen Besonderheiten und Umstände.

Abschließend wurden unsere Fingerabdrücke abgenommen, um per Computer an alle umliegenden europäischen Staaten weitergeleitet zu werden, die den Dublin-Vertrag unterzeichnet hatten. Auf diese Weise sollte geklärt werden, ob wir anderswo bereits einen Asylantrag gestellt hatten, und zugleich sollte verhindert werden, dass wir einen neuerlichen Antrag in einem anderen EU-Land stellen. So bleibt der Staat, bei dem die Erstregistrierung erfolgte, für die Aufnahme der jeweiligen Asylsuchenden verantwortlich. Selbst wenn ein Asylsuchender in ein anderes EU-Land migriert, wird er anhand der Fingerabdrücke identifiziert und ins Land zurückgeschickt, in dem er als Erstes aufgenommen wurde.

Nach der Befragung bekamen wir einen Zettel mit Haus- und Zimmernummer der uns zugeteilten Unterkunft sowie Karten zur Feststellung unserer Identität und zur Inanspruchnahme von medizinischer und sozialer Betreuung sowie von Nahrung und Ähnlichem.

Der Geruch des Ortes, die Gesichter der Geflüchteten, die Polizisten mit der strengen Mimik, die Sprache, die Namen, die Art, wie sie mit uns umgingen, das alles schüchterte uns ein – denn in ihren Augen waren wir Flüchtlinge, die vor den Toren ihres Landes lungerten, ganz gleich welche Umstände uns zur Flucht gezwungen hatten, und trotz ihrer Bemühungen, sich ihre Gefühle nicht ansehen zu lassen, so war das doch ihr Land. Es war eine äußerst schmerzvolle Erfahrung.

Mit den neuen Identitätskarten in der Hand nahmen wir Kurs auf Gebäude Nummer 5, welches als Transitraum bezeichnet wurde.

Hier saß ich nun und kämpfte damit, wieder zu schreiben. Aber was sollte ich schreiben, wenn alle Worte des Universums meine Gefühle in jenen Augenblicken nicht fassen konnten? Selbst meine Tränen waren erstarrt wie Tropfen eines jahrtausendealten Gletschers. Was mit uns gerade geschah, war sehr hart anzunehmen, so hart wie diese Tage, die wir erlebten. Alles an diesem Ort erschien uns so sonderbar, so sonderbar wie die Seltsamkeit des Exils.

Dieses Haus war für Transitfälle vorgesehen, also für den Aufenthalt für eine Nacht. Danach erfolgte der Transfer der Ankömmlinge nach Bedarfslage in passende Unterkünfte.

An einen langen Flur reihten sich rechts und links Zimmer. Mehrere Zimmer teilten sich jeweils eine Toilette mit Waschbecken und ein Badezimmer. Um sechs Uhr abends versank der Ort in unheimliche Stille und es schien, als wären wir die Einzigen hier. Der Raum, den wir betraten, ähnelte einer Gefängniszelle. Vier zweistöckige Betten aus Metall standen darin und er hatte ein Fenster mit Blick auf die anderen Häuser. Seine Tür konnte nicht verschlossen werden, denn hier steht man unter Beobachtung und zur Wahrung der Sicherheit und Ordnung hat die Polizei jederzeit freien Zutritt.

Es sind Räume und Gebäude, die von unzähligen Tragödien aus Ländern der Armut, des Krieges und der Hungersnot geprägt sind. Ich bin eine von ihnen, trage in meinem kleinen Koffer meine Tochter und meinen Sohn, all meinen Schmerz, all meine Tränen und kleine Träume, die in dieser Welt nicht viel Raum beanspruchen.

Wir putzten das Zimmer und bezogen die Betten mit der frischen Bettwäsche, die uns einer der dortigen Verantwortlichen gegeben hatte. So wurde der Raum einigermaßen annehmbar. Da es schon spät war, gab es kein Essen, doch eine der Frauen, die dort waren, hatte unsere Ankunft mitbekommen und brachte uns etwas Brot, Milch, Butter und Marmelade sowie eine Kanne heißen Tee. Aufgrund unserer unterschiedlichen Sprachen konnten wir uns mit Worten nicht verständigen, doch wir kommunizierten auf einer menschlichen Ebene, als könnten unsere gottgegebenen Augen Schranken jeder Art überwinden und würden damit die höchste Form der zwischenmenschlichen Kommunikation darstellen.

Wir waren müde und hungrig, brauchten Ruhe und Erholung noch dringender als Nahrung. Nachdem wir das wenige gegessen hatten, das jene Frau uns gebracht hatte, legten wir uns auf unsere Betten und versanken im Meer der eigenen Gedanken. Wie die vorangegangenen Tage war auch dieser hart gewesen. Jad wünschte, er könnte seinen Freunden von seinen Erlebnissen erzählen. Immerhin hatte er zum ersten Mal in seinem Leben eine Polizeiwache betreten. Für ein achtjähriges Kind ist das ein neues und zugleich seltsames Erlebnis. Was seine Schwester Lara angeht, so beschäftigte sie ihre Zukunft sehr und sie versuchte jenes finstere Bild mit Farben der Hoffnung zu erhellen.

Und ich! Könnte ich doch bloß die Türen zu meiner Seele öffnen und den Worten freien Lauf lassen, um den Kindern ein wenig Erleichterung und Trost zu verschaffen, könnte ich ihnen erklären, was geschehen war und was noch geschehen würde. Doch ich war dazu nicht in der Lage. Vielleicht versuchte ich an gar nichts zu denken, weil alles, was passiert war und gerade passierte, mich ängstigte. Es gab Fragen ohne Antworten und Dinge, über die ich mich zu reden scheute. Ich versuchte meinen Gedanken den Weg zu versperren, sodass sie nicht über meine Augen meine Gefühle hinaustragen und alles verraten konnten, was ich an Sorge, Kummer und Angst nicht preisgeben wollte.

Mein Mann machte sich dieselben Gedanken wie wir alle, aber er begegnete unserer Besorgnis mit einem Schweigen, das schwerer zu ertragen war, als wenn er es herausgeschrien hätte. Die Ratlosigkeit und die vielen Fragen waren uns ins Gesicht geschrieben und wir wussten nicht, was uns der morgige Tag an Überraschungen bringen würde. Uns fielen die Augen zu und die Gedanken verloren sich und nur eines übergab uns schließlich dem Schlaf: unser fester Glaube an die Macht Gottes. Wer Lara vor dem Tod bewahren konnte, würde auch unser Leid bestens zu behandeln wissen.

Die Abende von Traiskirchen

Kaum wurde es Morgen, erwachten wir erschrocken. Mehrere Polizisten betraten ohne Vorwarnung das Zimmer, was den Kindern große Angst einjagte. Der Verantwortliche beeilte sich, uns die Sache zu erklären. Es war die übliche Morgenrunde, um zu sehen, ob alles in Ordnung war.

Für uns war die Situation nicht einfach, denn wir waren nun in einem neuen Land, erprobten eine neue Erfahrung und neue Lebensumstände und es wäre wahrscheinlich keine Übertreibung, wenn ich sagen würde, dass wir echte Armut erfuhren. Natürlich gibt es auf der Welt Millionen von armen Menschen, aber wenn du im Elend geboren wirst und mit Entbehrung aufwächst, wäre dieser Ort wie ein Paradies erschienen. Denn der Arme gewöhnt sich an die Armut, ähnlich dem Kranken, der sich mit seiner bösartigen und unheilbaren Erkrankung abfindet. Wie würde es ihm gehen, wenn er ein betäubendes Medikament fände, das seine Schmerzen lindert, selbst wenn es letztendlich seinen Tod verursachen könnte?

Aber eine Umstellung von heute auf morgen, nicht weil es dir an Geld, sondern an Sicherheit fehlt, ist schwer. Denn alles Geld der Welt könnte einem Toten kein neues Leben erkaufen oder Zukunftsträume, wenn die Gegenwart von Tod, Gefahr und Unsicherheit diktiert wird. Wenn du die wählen musst, ziehst du die Armut und den Hunger einem Leben im Schatten der ständigen Angst vor der Zukunft mit ihren Überraschungen und ihrem Leid vor.

An dieser Stelle muss ich dringend an alle appellieren, die sich vom Spiel des Lebens ablenken lassen, und an alle, die ihren Wohlstand nicht genug zu schätzen wissen, und an alle, denen es an Geduld, Hoffnung und Lebenswillen fehlt. Ich appelliere an euch, lasst alles stehen und liegen und kommt für eine einzige Nacht hierher. Schaut in diese Gesichter und in diese Augen. Sie träumen von einer besseren Zukunft, von einer Geliebten und einer Familie, von einer Mutter, die an einem anderen Ort auf sie wartet, und sie träumen den größten aller Träume von der Rückkehr in die Heimat, der schon mit dem ersten Augenblick der Abreise beginnt.

All diese Träume und noch mehr lassen die Menschen, die aus aller Welt hier gestrandet sind – wir eingeschlossen –, all diese Strapazen und dieses Gefühl des Fremdseins ertragen. Es ist ein schmerzhaftes Gefühl, das einen noch größeren Schmerz verbirgt, den Schmerz um unsere Heimatländer. In allen Augen findest du die gleiche Traurigkeit, dieselben Blicke und Fragen: Woher kommst du? Warum bist du hier? Welcher Religion gehörst du an? Welche Karte trägst du? Wann kannst du diesen Ort verlassen? Hier hörst du alle Sprachen und siehst alle Farben der Welt an einem Ort vereint, bis die verschiedenen Sprachen in deinen Ohren gleich klingen und alle Farben in deinen Augen zu einer verschwimmen. Du staunst, wenn die anderen dich alle verstehen, ohne dich zu hören, und du sie ebenso ohne Worte verstehst.

So sind alle in diesem Universum ein ergänzender Teil des Systems, ohne jene kleinlichen Privilegien der Kulturen und Ethnien. Etwas, das wir in unseren eigenen Ländern so nicht empfinden, und es scheint, als müssten wir mit der Auswanderung und der Fremde den Preis für dieses befreite Denken zahlen.

In den letzten Jahren entwickelte sich eine ungewöhnliche internationale Bewegungsfreiheit, die dazu führte, dass mehr als dreißig Prozent der Menschen außerhalb ihrer Heimatländer leben. Andere Menschen in unseren Ländern zu akzeptieren bedeutet zugleich, dass wir und unsere Kinder in den Ländern der anderen akzeptiert werden.

Doch trotz dieser Tatsachen bereitete mir eine Frage Kopfzerbrechen: Warum denken wir Menschen an die Auswanderung?

Kann es ein schlimmeres Gefühl geben, als sich fremd in der eigenen Heimat zu fühlen? Gibt es etwas Härteres als das Gefühl, nicht zugehörig, nicht sicher zu sein und kein Vertrauen in die Zukunft zu haben? All diese Gefühle drängen uns manchmal dazu, das Land zu verlassen, aber wohin soll es gehen? Das ist die Frage.

Der Mensch wird frei und ohne Fesseln geboren. Niemand schreibt uns vor, dort zu leben und zu sterben, wo wir geboren wurden. Selbst die Vögel migrieren, die Schmetterlinge schwirren in die Ferne und die Bienen verlassen ihren Bienenstock. Wichtig ist jedoch, dass diese Schwärme auch in ihre Heimat zurückkehren, und noch wichtiger ist, dass diese Heimat fruchtbarer Boden ist, der ihre Kinder in seinen Schoß aufnimmt und ihnen eine optimistische Zukunftsperspektive bietet, die ihren Ambitionen und Hoffnungen entspricht.

Dort, wo du geboren wurdest, aufgewachsen bist, und wo mit dir auch deine Träume größer wurden, jener Boden ist die Heimat deiner Erinnerungen. Jedes Erdkörnchen ihrer Weiden und Anhöhen, jeder Kieselstein ihrer Strände, das hektische Treiben in ihren Gassen und Cafés, all jene Melodien, Lieder und Erzählungen sind ein Teil von dir. Wie sollst du über Nacht all diese einfachen Dinge abstreifen, die ständig vor deinen Augen ablaufen, ohne dass es dir bewusst ist? So leben sie in deiner Seele weiter, ohne dass du es merkst.

Wenn du auswanderst, erlangen all diese Dinge eine andere Bedeutung und einen zuvor unbekannten emotionalen Wert, der manchmal in schmerzhaften Anfällen voll Wehmut und Sehnsucht gipfelt. Doch der Gedanke an deine Gegenwart, an deine Zukunft und auch an deine Heimat, die dir fehlt, gibt dir die Kraft, die Strapazen der Fremde und der freiwilligen oder unfreiwilligen Auswanderung zu ertragen. Denn du weißt nur zu gut, wenn deine Wurzeln nicht stark sind, werden sie immer bedroht sein und die Stürme der Auswanderung würden sie wegfegen und dich in der Ferne wieder abwerfen. Was uns angeht, so hatten diese harten Tage die Kraft unserer Wurzeln bis an die äußersten Grenzen gebracht. Nach dieser Erfahrung wüsste ich nicht, ob ich zum Auswandern oder zum Verbleib raten würde, denn beides ist schwer!

Im Exil bist du Opfer deiner Entscheidungen, besonders wenn sie Zustände wie unsere zur Folge haben. Wenn du selbst in der Fremde bist, kannst du die Gefühle der Fremden besser verstehen und bevor wir uns vom Prinzip der Zugehörigkeit vereinnahmen lassen, muss uns das Prinzip der Menschlichkeit durchdringen. Nur wer selbst vom Schmerz dieser Momente gekostet hat und Ähnliches in einem Land erlebt hat, das ihm oder ihr weitgehend unbekannt ist und von dem er oder sie nicht mehr kannte als Bilder aus Reiseprospekten und Berichte über Menschen, die sich vor lauter Überdruss und Eintönigkeit das Leben nahmen, kann den Schmerz dieser Momente nachempfinden.

An diesem seltsamen Ort bekam alles eine andere Bedeutung. Insbesondere die Abendzeit, denn es gab keinen Fernseher, keine sich gegenseitig beschimpfenden Politiker, keine Berichte über Bomben oder Detonationen und keine Bilder von herumfliegenden Körperteilen und Blutlachen. Vielleicht war das einer der Vorzüge dieses Ortes. Du kannst in dich kehren, ohne dass die Tragödien dieser Welt dich in Trübsal stürzen. Schließlich hast du genug mit dem zu tun, was dich selbst umgibt. Mehr könntest du nicht ertragen.

Unsere Abende waren eine Reise in die Erinnerung, wo alle Freunde, Familienmitglieder und Nachbarn aufkreuzten. All jene Namen und Gesichter waren nächtliche Besucher, die unsere Einsamkeit vertrieben. Ihre Nachrichten, ihr Lachen, was sie gesagt und was sie getan hatten, die Geschichten meiner Schüler in der Schule! Dinge, die früher belanglos erschienen. Sie querten unser Leben, ohne dass wir uns damit aufhielten, doch jetzt waren sie das Brot, das uns am Leben hielt. In der Fremde werden diese Dinge ein Teil deiner Seele. Wir holen sie zurück, um sie nicht zu vergessen, behalten sie in unseren Gedanken und hüten sie in unseren Träumen. Sie sind wie eine Handvoll Sand, von dem wir fürchten, er könne uns durch die Finger rieseln und verloren gehen. Wir würden dann ohne Erinnerungen bleiben, ohne Vergangenheit, ohne Gegenwart und ohne Zukunft.

Ein unumgängliches Bedürfnis

Der Tag verging still, als wäre der Rhythmus des Lebens auf den Kopf gestellt worden. Früher verliefen unsere Morgenstunden sehr lebhaft. Alle waren damit beschäftigt, sich für den Tag fertigzumachen. Während einer sich ankleidete, saß der andere beim Frühstück, wieder ein anderer wartete bereits auf den Schulbus und die Nächste fragte nach der Uhrzeit. Damals befanden wir uns ständig im Kampf mit der Zeit und jetzt verging der Tag so langsam und so ruhig. Es wäre sinnlos, zu sagen, welcher Rhythmus der bessere ist, denn zum Leben braucht der Mensch sie beide.

Nun saßen wir hier und tranken in Ruhe unseren Kaffee, bis es Zeit fürs Mittagessen wurde, und hatten bis dahin nichts zu tun. Um zwölf Uhr bewegten sich alle langsam in Richtung Haus 15, wo sich im ersten Stockwerk der Speisesaal befand. Solltest du dir Gedanken über die technischen Gegebenheiten, die Organisation und Sauberkeit machen, daran gibt es nichts zu bemängeln. Schließlich bist du in Europa. Was einem aber schwerfällt, ist, das Essen unter Leuten zu dir zu nehmen, die keinen Lebensglanz in ihren Gesichtern tragen. Denn hier ist der Spruch „Wir essen, um zu leben, und leben nicht, um zu essen“ in seiner vollen Wirkung zu spüren. Alle ringen darum, die Hoffnung nicht zu verlieren, damit das Leben weitergehen kann, denn wir Menschen benötigen Hoffnung ebenso sehr wie Nahrung.

Mit dem Tablett in der einen und der Karte in der anderen Hand standen wir in der Warteschlange – hinter uns unzählige Menschen und vor uns Küchenhelfer, die auch Asylwerbende waren, aber das Glück hatten, in der Küche arbeiten zu können. Der Gesichtsausdruck, den sie machten, während sie uns die Speisen ausgaben, gab uns das Gefühl, Bittsteller zu sein und Almosen zu empfangen, obwohl sie selbst Asylwerbende wie wir waren. Du musst dich beeilen, denn hinter dir warten viele darauf, an die Reihe zu kommen und diese sogenannte Nahrung, den Treibstoff des Lebens, in Empfang zu nehmen. Mengenmäßig gab es genug, aber es fehlte der Appetit und es war schwierig, diese Gabe zu genießen. Alle stillten ihren Hunger, aber sie aßen, als wären sie dazu verdonnert worden. Selbst die Kinder leerten ihre Teller in der gleichen Weise: freudlos und ohne ein Lächeln.

Du nimmst deine Ration entgegen und setzt dich an große Tische mit Holzbänken. Du kannst beobachten, wie jeder in dieser Menschenmenge den Teller vor sich mustert und dabei hofft, im Aussehen, Geruch oder Geschmack Ähnlichkeit mit den in der Heimat gewohnten Gerichten zu entdecken. Mit traurigen Blicken sehen sie zu dir und warten ab, wie du reagierst, nachdem du die Speise gekostet hast. Etwas später wird es durch das Gewirr von Stimmen und das Klirren des Geschirrs etwas lauter und jeder leert den Teller auf die eigene Art und Weise. Dabei verteilt sich wahrscheinlich mehr auf die Tische und den Boden, als gegessen wird. Sind die Speisen besonders ungewohnt, landet das meiste im Müll. Abschließend stehen alle mit ihrem Tablett in einer anderen Schlange, wo das gebrauchte Geschirr und die Abfälle an den dafür vorgesehenen Stellen abgegeben werden.

Es ist ein eigenartiges Gefühl der Demütigung, vielleicht liegt es daran, dass du für das Essen nicht zahlst und nichts tust, um es dir zu verdienen. So besteht kein Unterschied zwischen dir und den Bettlern auf der Straße. Umso unangenehmer ist, dass sich das dreimal am Tag wiederholt. Ob es gnädiger wäre, den Hunger zu ertragen?

Wie alle Anwesenden, besonders aber die Kinder, litt auch ich unter dieser Situation, doch niemand konnte etwas daran ändern. Meine Krankheit aber, die dazu führte, dass ich das Bett hüten musste, befreite mich aus dieser Klemme, und so musste ich das bloß einen einzigen Tag durchmachen. Ich war körperlich und seelisch geschwächt und ähnlich ging es Lara, die vom Lärm starke Kopfschmerzen bekam. Deshalb erlaubte uns der Arzt das Essen ins Zimmer mitzunehmen, was eigentlich sonst nicht gestattet war. Diese provisorische Lösung änderte jedoch nichts an der Allgemeinsituation, denn wir waren weiterhin am selben Ort und warteten auf einen guten Ausgang, doch nur Gott allein wusste, wann es so weit war.

Auszug ins Ungewisse

An unserem zweiten Tag im Lager mussten wir zum medizinischen Zentrum gehen. Dort bekamen wir einige Impfungen und man führte verschiedene medizinische Untersuchungen durch, um ansteckende Krankheiten auszuschließen. Der Ort ist gefährlich, denn eine Epidemie hätte verheerende Folgen für alle.

Im medizinischen Zentrum war die Situation nicht besser. Es gab stundenlange Wartezeiten, man sah die gleichen Gesichter und die gleichen Augen. Da waren Ärzte verschiedener Nationalitäten, die mit dir umgingen, als wärst du für sie eine Ware oder ein Gegenstand, und sie zögerten nicht, ihren Unmut zu zeigen. Wenn du noch das Pech hattest, einen an einem seiner schlechten Tage zu erwischen, wurdest du angeschrien, weil du nicht verstandst, was er sagte. Ob du etwas zu fragen hast, interessiert den Arzt nicht, denn für ihn bist du nicht mehr als eine Nummer und ein Fall von vielen.

Nach meiner partiellen Genesung versuchte ich mich zu überwinden und hinauszugehen, um die Kinder in den Garten zu begleiten. Sie machten sich Sorgen um mich, während ich mich im Glauben wähnte, sie aufzufangen und ihnen dabei zu helfen, das Erlebte zu vergessen. In Wirklichkeit waren sie diejenigen, die diese Rolle übernahmen. Sie spielten und lachten und ich fühlte in meinem Inneren ihren Schmerz. Mein Herz litt noch mehr, als ich durchschaute, dass sie versuchten zufrieden zu wirken, um meinen Schmerz zu lindern. Ihnen war ein Schuljahr verloren gegangen, die neue Sprache war schwer für sie und ihre Familie und ihre Freunde waren woanders.

An diesem eigenartigen Platz hatte ich immer Angst um sie. Wenn mein Mann unseren Sohn Jad zum Kindergarten begleitete, wo es Fernsehen für die Kinder gab, und allein zurückkam, verlor ich die Nerven und schickte ihn mehrmals dorthin zurück, um mich zu vergewissern, dass der Kleine noch dort und wohlauf war, und das, obwohl der Kindergarten nur einige Meter entfernt war. Vielleicht wäre es gut für Jad gewesen, das Leben zu entdecken und selbstständig zu werden, aber nicht an diesem unbekannten Ort.

Wohin sie auch gingen, begleitete ich die Kinder, selbst beim Toilettengang wartete ich bei der Tür. Nachts lagen wir dicht beieinander und hielten uns gegenseitig an den Händen, damit wir einschlafen konnten, denn die Zimmertür blieb für alle Fälle die ganze Nacht offen.

Heute war der Abend unseres vierzehnten Tages hier – dieser Abend war anders. Einer der Verantwortlichen kam und händigte uns ein Schreiben mit der Mitteilung aus, dass wir an einen anderen, uns gänzlich unbekannten Ort verlegt würden.

Eigentlich hatten wir die Verlegung nicht so schnell erwartet. Wir waren wohl zur Polizeiwache vorgeladen worden, wo wir Einzelheiten über den Gesundheitszustand von Lara erläutert und entsprechende Befunde vorgezeigt hatten, aber es hatte den Anschein, als reichte das nicht aus, um die gängige Prozedur zu verkürzen, nämlich die Antwort aller EU-Staaten abzuwarten, die sicherstellen würde, dass wir nirgendwo sonst einen Asylantrag gestellt hatten. Meistens nimmt das zwei Monate in Anspruch.

Trotz Laras Verletzung und ihrer kritischen Verfassung war die Verlegung in ein anderes Lager die einzig mögliche Lösung. Immerhin war es ein anderes Lager und wir würden dort über den nächsten Ladungstermin informiert werden. So unterschrieben wir die Verlegung, ohne zu wissen, was mit uns geschehen und wie dieser neue Platz sein würde. Alles, was wir wussten, war, dass es ein anderes Lager für Asylsuchende war und dass wir zu gehen hatten, wohin man uns schickte.

Wieder saßen wir still da. Um den Hunderten von Fragen zu entkommen, für die ich keine Antwort hatte, sammelte ich meine Kräfte, holte meinen Koffer und packte ein, was ich vor vierzehn Tagen ausgepackt hatte. Ein neues Lager! Sicher würde es besser sein, denn es konnte keinen zweiten Ort wie diesen hier geben. Abends konnten wir manchmal wegen des Geruches der Haschzigaretten, der aus dem Garten kam, das Zimmerfenster nicht öffnen. Es gab zwar regelmäßig Kontrollen durch die Polizei, aber wer könnte diesen kunterbunten Haufen schon im Zaum halten? Keiner wusste, wer sie wirklich waren, woher sie kamen und inwieweit die Angaben stimmten, die sie gemacht hatten. Was die Dunkelheit verbarg, war gefährlich genug, um nicht darüber zu reden.

Obwohl für Sicherheit gesorgt wurde, fehlte uns das Gefühl der Geborgenheit, nicht zuletzt, weil wir uns vor dem fürchteten, was uns erwartete, und es war besser, nicht zu optimistisch zu sein, damit uns die Realität nicht enttäuschen konnte, und ebenso wenig zuzulassen, dass der Pessimismus uns die Hoffnung nahm, damit wir nicht vor unserer Zeit sterben würden. In dem Glauben, der nächste Morgen würde Antworten auf alle Fragen bringen, flüchteten wir uns in den Schlaf.

Am Morgen kam ein Kleinbus, der uns mitnehmen sollte, und wir luden unser Gepäck ein. Mit uns wurde auch eine irakische Familie verlegt, eine Mutter mit ihren drei Kindern. Ihr Mann war nicht dabei, denn er hatte vor Jahren um Asyl in Deutschland angesucht und bei dem Versuch, ihm nachzufolgen, wurde die Familie an der Grenze von der Polizei aufgegriffen. So war ihnen nichts anderes übrig geblieben, als den Asylantrag in Österreich zu stellen. Die Strapazen waren ihnen ins Gesicht gezeichnet. Nach all dem Elend, das den Irak heimgesucht hatte, war das irakische Volk zu einem Volk von Flüchtlingen geworden, selbst im eigenen Land.

Wie immer bei der Verlegung von Bewohnern versammelten sich mehrere Personen vor der Haltestelle im Lager, die meisten von ihnen waren Kinder. Mit einer Mischung aus Hoffnung und Verzweiflung beobachteten sie sehr interessiert, was vor sich ging. Ihre Augen verabschiedeten sich von den Abreisenden und empfingen die Ankommenden. Manche von ihnen verbrachten Jahre in diesem Lager und andere wurden hierhergebracht, nachdem ihr Asylantrag abgelehnt worden war. Für sie gehörten wir zu den Glücklichen, denn unser Aufenthalt in Traiskirchen war relativ kurz, und sie meinten, kein anderer Platz könne schlechter sein als dieser. Außerdem kannten sie diese Prozedur, wenn nicht aus eigener Erfahrung, dann von Verwandten oder Freunden. Für uns jedoch war es eine Reise ins Unbekannte!

Etwa eine Stunde fuhren wir mit dem Bus, als wir uns einer bergigen Landschaft näherten. Ohne die Umstände, in denen wir gefangen waren, hätten wir diese Fahrt und die bezaubernde Natur genossen. Es war das erste Mal, dass wir innerhalb Österreichs herumfuhren. Entlang der Flüsse und zu Füßen der Berge standen schöne Häuser, die uns davon träumen ließen, eines Tages in einem dieser Häuser zu wohnen und die Ruhe und den Frieden zu genießen.

Endlich erreichten wir das Gebäude, das von einem Fluss und Bäumen umgeben war. So schön war die Natur hier, dass sie dich auf der Stelle deine Sorgen, deine Unruhe und deine Müdigkeit, ja sogar den Grund deiner Anwesenheit dort vergessen ließ. Die Lage des Hauses war die schönste von allen, die wir unterwegs gesehenen hatten. Trotzdem litt unsere Stimmung unter der bestehenden düsteren Situation, was unsere Gefühle einengte und unsere Wahrnehmung dieser Schönheit beeinträchtigte.

Das Gebäude war ein altes Hotel, das vom Staat für die Unterbringung von Asylwerbenden angemietet worden war. Es bestand aus drei Etagen und war von einem großen Garten mit altem Baumbestand umgeben, der durch einen Holzzaun begrenzt war. Mit einer langen Liste von Verboten und einer Hausordnung wurden wir vom Hausherren empfangen sowie mit dem Satz: „Denkt immer daran, dass ihr als Asylsuchende hier seid und jegliches Zuwiderhandeln euch dieses Recht verlieren lässt!“ Hätten wir das je vergessen können?

Über die Treppe begleitete er uns zu unserem Zimmer in der dritten Etage, was angesichts der gesundheitlichen Verfassung von Lara sehr mühsam war. Darauf wurde keine Rücksicht genommen, aber die Verantwortlichen traf keine Schuld, denn sie hatten uns dieses Schicksal nicht beschert. Wir bekamen Zimmer Nummer 4. Es lag etwas abseits vom Flur, an den sich die Zimmer reihten, was uns zusagte. Beim Betreten des Zimmers kam es uns vor, als hätten wir auch die Zeitschwelle zum vergangenen Jahrhundert überschritten. Heruntergekommenes Mobiliar und uralte Betten, wahrscheinlich Reste aus Lagern des Zweiten Weltkrieges oder eher noch des Ersten: Ein Schrank, ein Tisch, zwei Stühle und vier saubere Leintücher waren im Raum. Kopfkissen gab es keine und die Decken lagen zwar im Zimmer, aber ohne frische Bezüge konnten wir sie unmöglich benützen. Doch es war Freitag, die Wäscheausgabestelle war bereits geschlossen und wir mussten bis Montag warten.

Wie üblich putzte ich das Zimmer und räumte es auf, soweit das möglich war, damit wir es ein wenig wohnlicher hatten. Gott sei Dank hatte die Zimmertür von innen ein Schloss und einen Schlüssel, was uns das Gefühl einer Veränderung und von Privatsphäre vermittelte. Es ist zum Lachen oder auch zum Weinen, dass ein Türschloss für Veränderung steht und Hoffnung geben kann. Ja, es war vielleicht sogar das Beste, was uns bisher passiert war. Allerdings funktionierte das Türschloss nur von innen, und wenn du außerhalb des Zimmers warst, blieb die Tür offen. Deshalb mussten wir unsere persönlichen Sachen und wichtige Unterlagen immer mitnehmen. Seitens der Hausleitung bestand keine Haftungspflicht für verloren gegangene Gegenstände. Meine Gitarre war das Wertvollste, das ich hüten wollte. Von Anfang an begleitete sie mich auf meiner Reise. Sie ist mein Freund und mein drittes Kind, deswegen nahmen wir sie immer mit, wenn niemand von uns im Zimmer blieb.

Es gab ein Fenster mit Blick auf einen schönen Fluss. Nachdem ich das Zimmer aufgeräumt hatte, setzte ich mich auf die breite Fensterbank und betrachtete diese neue Welt um mich herum. Ich versuchte mich aufzuraffen und die letzten Reste meiner Hoffnung und verstreute Erinnerungen zu sammeln. Nach diesen vielen Ortswechseln und diesen großen Entfernungen fürchtete ich, dass meine Erinnerungen sich langsam auflösen würden. Mir war, als stünde ich an der Schwelle zu einem anderen Universum, wo schöne Träume nicht erlaubt waren, die Vergangenheit sich weit entfernt hatte, die Gegenwart sich auf den Augenblick beschränkte und die Zukunft gänzlich im Ungewissen lag. Dieses Herz, das all die Strapazen ertragen hatte, kämpfte weiter, nicht sich zuliebe, sondern anderen Menschen zuliebe, deren einzige Schuld es war, in dieser Welt geboren worden zu sein. Jetzt waren sie heimatlos. Sie suchten nach einem Ort, der ihren kleinen Träumen eine Wiege bieten würde, denn es war unmöglich zurückzukehren und die Umrisse des Weges, den wir eingeschlagen hatten, erschienen nur vage, wie auch die Richtung, in die er uns führen würde. Oh Gott, was sollten wir bloß machen und wohin gingen wir?

Diese schmerzhaften Gedanken und dringlichen Fragen trübten den Anblick des vorbeiziehenden Flusses mit seinem schönen Rauschen und der umgebenden Berge mit ihren grau eingehüllten Schneeresten. Selbst die Bäume, die dabei waren, die Ankunft des Frühlings zu feiern, schienen nicht imstande, meine Traurigkeit zu vertreiben. Als hätte meine Melancholie sich auf meine Umgebung übertragen und deren Schönheit in ein mir ähnelndes, trauriges Bild verwandelt!

Wenige Augenblicke und viele Gedanken später trieb mich meine Neugier dazu, unsere neue Unterkunft zu besichtigen, denn bevor ich sie bewerten würde, musste ich sie und ihre Bewohner anschauen. Vielleicht könnte ich etwas entdecken, wodurch sich mein Unbehagen als unbegründet erweisen würde. So machte ich mich auf den Weg. Dieses Gebäude war kleiner als das, in dem wir zuvor untergebracht waren, aber es beherbergte ebenso Asylsuchende aus aller Welt. Ich fand mehrere Zimmer, vor deren Türen Schuhe aller Größen aufgereiht waren. Dahinter verbargen sich viele Geschichten, darunter waren gewöhnliche, aber auch unglaubliche Geschichten.