INKA MAREILA

 

Milans bunte Flügel

Ein modernes Märchen

 

 

 

 

Roman

 

 

 

 

 

Apex-Verlag

Inhaltsverzeichnis

Das Buch 

Die Autorin 

 

MILANS BUNTE FLÜGEL 

 

Zwischen Wundern, Träumen und Wahrheit 

Zehn Jahre später 

Am Fließband 

Endlich Wochenende 

Wer bin ich? 

Die Folgen des Vogelrauschs 

Aufgehalten 

Neue Wege 

Mein Flüstern galt dir 

Im Park 

Die Übergabe der Falafel 

Milans Wunder 

Hallo, Papa! 

Milans weiße Seite 

Emilias letzter Brief 

Ockelboer Tagblatt 

Milans Flügelschläge 

Epilog  

 

Das Buch

 

 

Von den Eltern wie Müll entsorgt, kämpfte ein Säugling gegen den Tod. Nur der alte Karl, der traurig durch die Gassen schlenderte, hörte die kläglichen Schreie, ging ihnen nach und entdeckte schließlich den kleinen Jungen.

Jahre vergingen, und die Frage, warum ihn seine Eltern verstoßen hatten, rumorte unaufhörlich in Milan.

Schließlich begab er sich auf die Suche nach seinen Wurzeln und kam dabei einem unfassbaren Geheimnis auf die Spur…

 

Mit Milans bunte Flügel präsentiert Inka Mareila ein modernes Märchen über die Suche nach dem Glück - und nach der Liebe zu sich selbst.

Die Autorin

 

Inka Mareila, Jahrgang 1981.

 

Inka Mareila ist eine deutsche Schriftstellerin, die ihre Karriere im Jahr 2013 mit Science-Fiction- und Horror-Romanen begann.

Ihr Debüt – neben fünf Bänden für die Zombie-Serie Violent Earth - war die dystopische SF-Trilogie Fynomenon.

Mehrfach wurde sie in den Folgejahren für den Vincent Preis nominiert: 2013 für die Kurzgeschichte Gramla, 2014 für Mordsucht GmbH und Co. KG (vier Horror-Märchen) und schließlich 2015 für den Mystery-Thriller Fleischfang – Parademonium.

2015 folgten die Romane Gladium - Schattenlicht und Gladium - Die Cyborg-Dämonin sowie das Drama Lila Floh in Lavendel - Das Rätsel des stummen Kindes. Für Phillip Schmidts SF-Serie Schattengewächse schrieb sie 2016 den Roman Tod und Spiele.

Außergewöhnliche Wege beschritt sie anschließend mit dem Kinderbuch/Spendenprojekt Die Superalma gibt es wirklich - ein Buch, gemeinsam verfasst mit neun Kindern und deren alleinerziehenden Müttern.

Nach der Veröffentlichung des modernen Märchens Milans bunte Flügel (2016) entschied sie sich für eine neue thematische Richtung; insbesondere mit ihren frühen Horror-Geschichten konnte sie sich nicht länger identifizieren. Sie trennte sich von ihrem bisherigen Verlag, um schriftstellerisch mehr Freiheiten zu haben und wagte einen Neustart.

Seither widmet sie sich vorrangig gesellschaftskritischen Texten, verfasst unerschrocken Texte zu Tabu-Themen - beispielhaft umgesetzt in ihrem aktuellen Thriller Der Feind, der im Apex-Verlag erscheint.

MILANS BUNTE FLÜGEL

 

  

 

 

 

 

 

 

Das Lächeln eines Menschen ist sein Wunsch, 

die Farben seines Herzens mit anderen zu teilen.

 

  

 

 

 

 

  

  Es geschah in Schweden, am Rande von Ockelbo. 

 

An jenem 31. Oktober dämmerte es bereits, als der dumpfe Klang einer Männerstimme im goldenen Abendlicht schwebte. Es war die Stimme eines Trinkers, die aus einer Hütte schallte. Vom Wind fortgetragen, gingen Karls Worte im Rascheln sterbender Gräser unter, verschluckt von einem Meer aus ockerfarbenen Halmen, die sich vor der strengen Brise verneigten. So wie sich jene Töne auflösten, verlor auch Karl stets seinen Mut, Milan endlich ein lang gehütetes Geheimnis anzuvertrauen.

Zu lange schon hielt sich der alte Mann in seiner Hütte versteckt, weil er sich vor der Wahrheit fürchtete. Hier könnte sie ihn niemals finden, glaubte er, schließlich wusste Karl, dass sein Häuschen kein gewöhnliches war...

Ein seltsames Gefühl beschlich jeden, der sich auf die unscheinbare Behausung zubewegte, denn je näher man ihr kam, umso deutlicher knüpften sich Ahnungen an echte Hoffnungen. Und wenn sich abends die Himmelsfarben darin spiegelten, schien es, als verberge sie einen glühenden Schatz, der inmitten eines goldenen Meeres thronte, denn allein in der Dämmerung leuchtete ihre Fassade in grellem Blutrot; tagsüber erschien sie fade und verblichen.

Zur Hütte gehörte ein von Schlingpflanzen und Weiden umwucherter See, weites Grasland sowie ein dicht bewachsener Garten.

Damit Karl stets beobachten konnte, was sein Ziehsohn draußen trieb, hatte er an jede der vier Hausseiten ein weiß-gerahmtes Fenster eingebaut. Gerade flogen Krähen über das Dach hinweg, die kreischten und zeterten, weil es allmählich kalt wurde in Ockelbo. Der Winter stand vor der Tür, und je kürzer die Tage wurden, umso drängelnder meldete sich Karls Gewissen.

Jeden Abend sprach er mit seinem Jungen über die Vergangenheit und den Wandel seines Lebens. Milan war inzwischen dreizehn Jahre alt, dennoch liebte er dieses Ritual so sehr, als wäre es jedes Mal etwas völlig Neues, wenn ihm der Alte berichtete, wie er ihn gefunden hatte.

Milan ging übrigens nicht zur Schule, dort war er noch nie gewesen. Er  hatte keine Freunde, besaß nicht einmal einen Fernseher. Er kannte ausschließlich einen einzigen Menschen. Karl. Und bei Karl war es genauso. Sein Lebensmittelpunkt war Milan, dem er seine Zuneigung ausschließlich dann erwies, wenn sein Alkoholpegel den allabendlichen Höchststand erreicht hatte. Erst dann nahm er sich Zeit für Milans Fragen, seine Umarmungen und fürs Zuhören.

Vielleicht war die Ernsthaftigkeit im Leben jener beiden der Grund dafür, dass Milan seinen Stimmbruch bereits mit elf Jahren hinter sich gebracht hatte. Wahrscheinlich wusste irgendetwas in ihm, dass es besser wäre, wenn er schneller alterte, um die Eintönigkeit eher hinter sich zu bringen – weil der Tod bestimmt spannender wäre, als dieses überwiegend triste Leben. Oft sah er zum Horizont und genoss die Weite seines Landes sowie die Unendlichkeit des Himmels, dennoch hätte er Karl niemals verlassen und akzeptierte dessen festgesetzte Grenzen.

Sein Ziehvater hatte ihm verboten, diese zu übertreten, woran sich Milan bereitwillig hielt, da er sich keinesfalls das Vertrauen des einzigen Menschen verscherzen wollte, von dem er Nähe erfuhr.

Trotz allem lag andauernd ein Lächeln auf Milans Mund. Der Schwung seiner Oberlippe zeichnete ein sanftes M, und seine Augen erinnerten an Silberteller, die stahlgrünen Rauch trugen. Sein Kinn hätte gut in das Gesicht eines Mädchens gepasst, denn es war eine Idee zu schmal für einen jungen Mann. Und seine Zähne waren blitzweiß und kerzengerade, im Gegensatz zur Katastrophe, die sich in Karls Mund präsentierte. Wäre dessen Mund ein bekannter Ort, so hieße er Tschernobyl oder New York nach der Apokalypse. Doch Karls Äußerlichkeiten waren Milan egal. Alles war ihm egal, solange Karl an seiner Seite war.

Der Alte lächelte verschmitzt und wühlte durch seinen Vollbart. Es knisterte, und in Milans Kopf hörte es sich an, als würde eine liebe Mutter Pausenbrote in Frischhaltefolie einpacken.

Er hatte schon viele Szenen beobachtet, wenn er im Ortskern Besorgungen erledigen musste. Immer waren es nur kurze Momente gewesen, denn Milan war dabei stets in Eile. Nur dort fühlte er sich gehetzt, im Leben der anderen. Dort gehörte er nicht hin. Allein seine Neugier zwang ihn manches Mal hinzusehen, wie zum Beispiel neulich im Supermarkt, als ein Großvater seinem Enkel anhand einer Zeitschrift erklärte, dass die Fotos darin Tschernobyl zeigten. Oder als an der Kasse eine Mutter ihrer maulenden, kleinen Tochter ein mitgebrachtes Sandwich reichte, weil diese sonst noch lauter geschrien hätte.

In solchen Momenten versuchte Milan zu erfassen, was ihm wohl bisher alles entgangen war. Er kannte ausschließlich die Umrisse der modernen Gesellschaft, die ihn erahnen ließen, was es da draußen noch alles gab.

Für ihn existierte nur Karl.

Schmutzige Lachfalten um Augen und Mund zeigten, dass sein Ziehvater durchaus Sinn für Humor hatte, was ihm ein Fremder bei einem flüchtigen Blick kaum zutrauen mochte, denn dessen Erscheinung erinnerte an einen muffigen Waldschrat, garniert mit Dreck und Flicken, umgeben von einem Potpourri aus beißenden Gerüchen. Hätte er Milan nicht mit diesem traumwandlerischen Charme und der rauen Stimme eines Märchenerzählers großgezogen, könnte sein Junge wohl kaum über all das Abstoßende hinwegblicken.

Zerzauste Haare wucherten rings um eine klebrige Glatze. Ungezähmtes, graues Haar voller winziger Kletten, Ungeziefer und eben all dem, was der Wind ihm in den vergangenen Tagen entgegen geblasen hatte, bewies zur Genüge, wie sehr er Körperpflege verabscheute. Karls Hände waren von Altersflecken übersät und glichen einem bebenden Gebirge mit aschgrauen, kugelförmigen Plattformen. Seine arthrotischen Gelenke erinnerten an die knubbeligen Äste einer zurückgestutzten Linde.

Karls Finger zitterten noch heftiger, als er nach der Bierflasche tastete und genüsslich daraus trank. Milan hörte ihn schlucken. Mit seinen smaragdgrünen Augen verfolgte er jede Regung – wie Karl die Flasche auf dem wackelnden Holztisch abstellte und Schaum den Flaschenhals herunterkroch, als wäre er eine Blasenschnecke... und wie der dunkle Tisch die Schnecke fraß und es dabei so typisch nach dem biergetränkten Holz einer Mooreiche roch.

Der Alte schloss die Augen und schmatzte genüsslich, danach rülpste er zischend in seinen verfilzten Vollbart. Milan hielt die Luft an und atmete anschließend in kurzen Stößen aus, als wäre sein Atem ein Degen, mit dem er den Gestank zurückdrängen konnte. Geduldig stützte er sein Gesicht auf seine Handballen und umrahmte es mit seinen schlanken Fingern. Erwartungsvoll bohrte sich sein Blick in Karls Augen. Da seufzte der Grauhaarige: »Du hast mein Leben bereichert, Milan, wie kein anderer Mensch. Keine Begegnung, ja nicht einmal unermesslicher Reichtum hätten meinen Lebensabend heller machen können.«

»Erzähl es mir bitte noch einmal, Papa Karl.«

»Also gut«, murmelte der Alte. »Hier, nimm noch ein bisschen Brot, solange es genießbar ist.«

Milan gehorchte, steckte sich ein Stück trockenes Brot in den Mund, kaute darauf herum und schaute gebannt auf Karls Lippen. Anfangs ließ er sich beim Zuhören von den Zahnlücken ablenken. Die wenigen verbliebenen Zähne erinnerten ihn an rußgeschwärzte Hochhäuser.

»Nur noch drei wackelnde Wolkenkratzer«, dachte Milan und fragte sich, wann der nächste Zahn ausfallen würde.

Endlich tauchte er mit Karl in eine ferne Welt ein, direkt in die Vergangenheit.

Er ließ sich von der warmen Stimme entführen, die ihn in Watte packte. Schon wurde ihm angenehm wohl ums Herz, und in diesen Minuten gab es nichts, was ihn in irgendeiner Weise stören konnte. Karls erzählerische Kunst, wie er Erinnerungen lebendig werden ließ, glich dem Kuss eines Traumes. Es war dessen scheue Liebe, die Milan dann am intensivsten spürte. Und selbst wenn Karl zu viel getrunken hatte, wirkte er beim Erzählen klarer denn je.

In den kiesgrauen Augen des abgemagerten Mannes spiegelte sich das flackernde Licht der Kerze. Milan beobachtete die Sterne in dessen weiten Pupillen und lauschte seinem Bericht im kratzigen Bass.

»Es war ein kalter Morgen. Die Luft war feucht und Nebelschwaden zogen durch die Straßen. Ich war, wie immer, alleine unterwegs und fragte mich nach dem Sinn meines traurigen Lebens. Bis dahin war nicht viel Gutes geschehen, deswegen dachte ich, es wäre allmählich an der Zeit zu gehen. Ich war überzeugt, dass sich auch in den kommenden Jahren nichts zum Besseren wenden würde. Ja, ich glaubte ganz fest daran, dass ich in dieser Welt keine Bedeutung hätte. Ich war ein Versager, Milan, habe Chancen nie genutzt und stets aufgegeben, bevor ich auch nur den Versuch wagte. Habe die Hände meiner Freunde ignoriert, die mir doch nur helfen wollten, bis ich keine mehr hatte. Keine Freunde...

Viel zu lange liebte ich es, mein Selbstmitleid im Alkohol zu ertränken, und er sollte auch mein letzter Vertrauter sein, der mir helfen musste, mich aus der Welt zu verabschieden.

Die Melancholie meiner grauen Stadt war die perfekte Umgebung für mich. Perfekt trist, perfekt ignorant. Herrlich für Menschen, die ihre Vergangenheit und ihr Versagen mehr pflegen, als ihre Zukunft. Ein Suhlen im Dreck, für all jene, die sich die Suche nach dem Glück nicht zutrauen, ja es gar nicht erst wagen wollen. So einer war ich damals, Milan. Ich war mehr tot als lebendig, war nur ein Schatten. Das Gefühl für mich hatte ich völlig verloren. Ich hatte sogar seit Wochen nicht mehr geduscht. Oh ja... ich stank wie ein Komposthaufen.«

Mit breitem Grinsen schnüffelte er an dem Stoff unter seiner Achsel und gluckste: »Manches bleibt uns ewig treu.«

Milan verdrehte belustigt die Augen. Seine Nase hatte sich an Karls Schweißgeruch schon längst gewöhnt. Da erzählte der Alte weiter.

»Ich schaute immer finster, blickte grimmig, wie einer, der jeden Menschen hasst, ganz gleich, wie gut man es mit mir meinte. Wie gesagt, ich war alleine unterwegs. Es war sehr früh. Gerade schlug die Kirchturmuhr fünf Mal.

Dong... dong... dong... dong... donnnng... –  

Ich blieb stehen und lauschte, wie der letzte Schlag im Dunst erstickte. Ich schloss die Augen und sog die feuchte Kälte in meine kranken Lungen. Ein kräftiger, aber leider unangenehmer Zug – Haaach. Auf einmal hörte ich ein Wimmern, kläglich und zitternd. Es war die Stimme eines kleinen Wesens, das in der Dunkelheit gegen die Kälte kämpfte. Ich folgte dem Jammern. Es wurde bald leiser, machte eine Pause. Ich ging zögernd über die Straße und näherte mich einer Seitengasse, in der Container und Mülltüten standen. Es war wohl eher ein Hinterhof...

Dann hörte ich es wieder, das leise Weinen. Ich kam näher und vermutete, dass dieses dumpfe Geräusch bestimmt aus dem Müllcontainer kam. Ich öffnete den Deckel und erkannte zuerst nur Plastiktüten, Glasscherben und verfaultes Gemüse. Pfui Teufel! Dazu vernahm ich einen Gestank von dampfendem Müll, der mir den Magen umdrehte, der schlimmer und verbotener war, als mein eigener Körpergeruch.«

Karl blinzelte Milan verschmitzt zu.

»Dann hast du mich gefunden!«, rief der Junge freudig dazwischen, und in diesen Sekunden loderten Milans Augenkerzen heller als die echte Flamme. Er lehnte sich weit über den Tisch und umgriff Karls bebende Hände.

»Geduld, nur Geduld...«, flüsterte der Alte.

Milan glitt langsam zurück in die knarrende Lehne.

Abermals gönnte sich Karl einen Schluck Bier, wischte sich grob über die Lippen und fuhr fort.

»Die zarte Stimme war jetzt klar und drang direkt in mein Herz. Ich wusste nun, was ich gleich finden würde. Und dann sah ich es, dieses winzige Menschlein – dich, mein Junge. In diesem Moment entschied ich mich, dich zu behalten. Eine Selbstverständlichkeit...«

Heute wollte Milan tiefer graben. Er spürte, dass es an der Zeit war, diese Frage zu stellen, weil er ahnte, dass Karl die Antwort darauf endlich gefunden hatte. Denn in letzter Zeit war Karl anders gewesen: zärtlicher, tiefgründiger, gesprächiger.

In den vergangenen Tagen hatte er nicht nur mit Milan gesprochen, wenn es Nacht wurde. Er war auch tagsüber zugänglicher gewesen. Das war neu für Milan. Ein inbrünstiges Gefühl sagte ihm, dass Karl etwas sehr Wichtiges gefunden hatte. Etwas, das in den hintersten Winkeln seines alten Herzens endlich erwacht war und nach Licht verlangte.

»Warum, Papa Karl? Warum warst du dir so sicher?«

»Ja, das war so ein Gefühl, Milan. Ich weiß, das habe ich dir noch nie gesagt, doch in deinem Alter kannst du sicher alles verstehen, was ich herausgefunden habe. Fast alles. Ja, ich denke, dass du die Frage heute stellst, ist kein Zufall. Bestimmt muss es so sein.« Und nach einer kurzen Stille ergänzte er flüsternd: »Ja, heute ist eine gute Zeit dafür...«

Milan schaute verwundert, wollte fragen, was er damit meinte, doch dazu kam er nicht mehr, da Karl eindringlich weitersprach.

»Weißt du, in jenem Moment wusste ich doch, dass dieses kleine Leben jemanden brauchte, der es wirklich gut mit ihm meinte. Es konnte alleine nicht überleben. Aber vor allem konnte ich in diesem Moment etwas spüren. Es war die Neugier auf eine Herausforderung, die ich noch nie zuvor gespürt hatte. – Ich war mir damals schon bewusst darüber, dass ich nicht wie alle anderen Menschen im Leben stehen kann. Ich bin einfach nicht dafür gemacht, eine Karriere zu erleben, geschweige denn ein normales Leben zu führen, denn ich bin feige, habe Schiss vor Druck und Erwartungen. In diesem einen Moment jedoch war mir klar, dass ich etwas Entscheidendes immer vermisst hatte und ebendiese neue Herausforderung – sollte ich sie meistern – mir helfen könnte, das gähnende Loch in meinem Leben zu stopfen... sowie auch in deinem Leben...«

»Was meinst du? Sag schon!«

Milans Augen glänzten erwartungsvoll, während Karl leise erklärte: »In unserem Leben fehlte die Liebe, mein Junge. Und es gab eine Sache, die uns verband: Auch ich habe meine Eltern nie kennengelernt. Unsere Väter und Mütter sind wie Geister. Sie waren irgendwann einmal dagewesen, haben uns auf die Welt gebracht, dann sind sie fortgeflogen. Seither schweben sie irgendwo in der Zeit herum, fern von uns, ihren Kindern, den Menschen, die sie doch am meisten gebraucht hätten.

Als ich dich sah, Milan, war es so, als hätte ich mich selbst gefunden, als wäre ich ein Besucher aus der Zukunft, der bei seiner Reise in die Vergangenheit die Ursache für seinen Selbsthass entdeckt hatte. Denn wie hätte ich mich je lieben oder an mich glauben können, wenn es nicht einmal meine eigenen Eltern konnten? Endlich hatte ich den Grund für mein Versagen und mein selbstzerstörerisches Verhalten gefunden und gleichzeitig hatte ich die Hoffnung erblickt, dass ich in einer Vaterrolle die Liebe zu mir selbst aufspüren könnte. Doch ich sollte bald noch etwas anderes herausfinden.«

»Was denn?!«

Karl ignorierte die Frage und wisperte stattdessen: »Unsere Begegnung war ein Wunder, Milan.«

Karl starrte auf den Tisch. Tränen glitzerten in seinen Augen.  Milan nahm Karls zitternde Hände und umklammerte sie fest.

»Du hast es geschafft, Papa Karl. Ich hätte keinen besseren Vater als dich haben können.«

Karl zitterte noch heftiger, als er schluchzte: »Ja, wir haben uns gebraucht, aber...« Der Alte blickte auf, dabei wirkte er geheimnisvoll und bitterernst. Milan drängelte: »Was aber?«

Da entdeckte Milan einen heimlichen Schrecken in Karls Augen. Eine versteckte Furcht.

»Nun, mein Junge, es gibt da ein großes Geheimnis, ein unwahrscheinlich großes Mysterium. Es betrifft eine Sache, die du selber entdecken wirst, irgendwann in deiner nahen Zukunft. Mir wurde verboten, es dir zu verraten. Es ist noch zu groß für dich...«

»Was... was meinst du? Woher weißt du...«

»Milan, ich habe herausgefunden, dass du auf einen bestimmten Zeitpunkt zusteuerst. Es gibt da etwas, das seine Hände nach dir ausstreckt, dich sehnlichst erwartet und dennoch kann es nicht auf dich zugehen. – Du musst laufen, du musst...«

Karl keuchte schwer und wirkte auf einmal so übertrieben aufgebracht. Milan redete besorgt auf ihn ein.

»Ist schon gut. Ich will es gar nicht wissen. Beruhige dich doch!«

Karl entspannte sich nicht. Er atmete immer heftiger und Milan verstand die Welt nicht mehr. So hatte er ihn noch nie erlebt! Milan bekam Angst, drückte sich an ihn und umarmte ihn fest. Seine Furcht wuchs. Er spürte Karls unregelmäßig polterndes Herz.

»Papa Karl!«

»Hilf mir bitte«, stöhnte der Alte und hustete. Milan stützte ihn und so gingen sie die beschwerlichen Schritte hinüber zum Bett. Dort legte sich Karl hin und schloss die tränenden Augen. Während er angestrengt atmete, hörte Milan zu, wie dessen Bronchien pfiffen und brodelten. Er wusste schon lange, dass Karl krank war, dennoch hatte er ihn nie überreden können, sich einem Arzt anzuvertrauen.

»Wenn meine Zeit gekommen ist, werde ich mich nicht dagegen wehren«, pflegte Karl stets zu sagen, so auch jetzt. Milan schob diese Sorge von sich weg. Zu schmerzlich waren die Gedanken daran.

In dieser Nacht wich Milan nicht von Karls Seite, ließ dessen Hände nicht los, beobachtete jede Regung und sprach kein Wort mehr. Um drei Uhr morgens wandte sich ihm Karl müde zu: »Wundere dich nicht, mein Sohn, wenn eine Zeit da ist, die du für unmöglich hältst.«

Kurz danach schliefen beide ein. Milan träumte in jenen Stunden von glücklichen Tagen. Er träumte, Karl wäre plötzlich so jung wie er selbst und beide würden in einem wunderschönen Garten um die Wette laufen, fern jeglicher Zeit, direkt in die gemeinsame Unendlichkeit.

Als morgens die Sonne durch das Ostfenster fiel und Milan wachküsste, waren Karls Hände bereits kalt und steif. Sein Brustkorb hob sich nicht mehr. Seine Augen sowie sein Mund blieben leicht geöffnet. Milan lag neben ihm und beobachtete die Staubkörner, die im Sonnenlicht über der Bettdecke tanzten, wie schwerelose Planeten ohne Heimat und ohne Ziel.

Er spürte, wie feuchte Perlen über sein Gesicht rollten und eine kühlende Spur zurückließen. Dabei verschwamm alles, was er sah. Die leuchtenden Staubplaneten wurden zu großen Blasen. Bei ihrem Sinkflug funkelten sie in schillernden Farben.

Sie brachen das Licht der Sonnenstrahlen und zauberten den Hauch von Türkis, Blau, Lila, Rot, Orange und Gelb. Die Regenbogenblasen tauchten sanft in das Stoffmeer ein, welches Milan und Karl bedeckte.

Milan weinte leise, dabei überkam ihn eine lähmende Furcht. Er hatte Angst, dass jene Einsamkeit, von der Karl oft geredet und die ihn einst mürbe gemacht hatte, nun auch er erleiden müsste. Zudem drängten sich ihm viele Fragen auf. Er schwankte zwischen existentiellen Sorgen und unbändiger, kindlicher Neugier. Nach vielem Hin- und Herüberlegen überzeugte sich Milan davon, dass er nicht zu dumm war, seine Ziele zu erreichen. Er war zwar arm und bestimmt ein wenig komisch, aber eben nicht dumm! Und was andere hinbekamen, würde er auch schaffen, irgendwann.

Bereits in diesen Stunden nahm er sich vor, nicht aufzugeben, sondern demnächst das Leben zu erkunden, von dem Karl ihn ferngehalten hatte. Schließlich blieb ihm gar nichts anderes übrig, wenn er leben wollte. Und das wollte er gewiss!

 

 

Milan kämpfte einen inneren Kampf, denn die Trauer schien übermächtig. Für ihn stand fest, Karls Tod geheimzuhalten, weil er auf keinen Fall in ein Heim oder eine Pflegefamilie wollte. Also vergrub er seinen geliebten Ziehvater in der folgenden Nacht im Garten, direkt unter der großen Trauerweide – Karls Lieblingsplatz. Annähernd zehn Stunden war er im Dreck zugange gewesen, hatte gewühlt, gegraben und geflucht; eine schweiß- und tränenreiche Arbeit. Danach ging es ihm etwas besser, als hätte er einen Teil seiner Sorgen mit Karl beerdigt.

Am frühen Morgen erhob sich ein Haufen Erde im Garten, auf dem wiederum Karls Gartenstuhl stand, gleich einem Thron für einen geliebten Geist. Milan wollte jeden Tag mit ihm sprechen, selbst wenn sein alter Vertrauter ihn bestimmt nicht mehr hören konnte.

Der Dreizehnjährige kannte das normale Leben nicht, auch der Wert von Äußerlichkeiten war ihm unbekannt, denn das hatte Karl ihm nicht beigebracht. Stets hatte sein Ziehvater Geselligkeiten gemieden. Einkäufe waren von Milan erledigt worden, während sich Karl mit Hingabe seinem kleinen, windschiefen Häuschen gewidmet hatte.

Mit Sorgfalt hatte er alles instand gehalten, wobei das Ergebnis zu wünschen übrig ließ: Weder schützte das Dach zuverlässig vor Regen noch hielten die Wände den Wind ab. Dennoch war es zu keiner Zeit übermäßig kalt gewesen. Milan hatte keine Ahnung, dass andere Menschen im Winter heizen mussten. Ihm kam es so vor, als würde sich Irgendetwas um derartige Angelegenheiten kümmern, denn sogar der Wind, der beizeiten hineinblies, schien eher zu erfrischen als zu stören...

Fremden gegenüber verhielt sich Milan unnahbar. Die meiste Zeit sah er auf den Boden, wenn er seine seltenen Einkäufe erledigte, denn wenn viele Menschen um ihn herum waren, fühlte er sich unwohl. Er grüßte niemanden, weil er glaubte, unbedeutend zu sein, da Karl ihm erklärt hatte, dass die reichen Menschen nichts von armen Leuten wissen wollten.

Milan kannte von Ockelbo nur den Weg zum Supermarkt, der ihn am stillgelegten Bahnhof und dem Wirtshaus ›Dancing Elk‹ vorbeiführte. Vom Supermarkt wiederum kannte er allein jene Regale gut, die Bohnen und Tomatenmark bereithielten. Alles, was sich in den wenigen Minuten darin abspielte, nutzte er für das Beobachten diverser Szenen.

Milan war ein ausgesprochen charismatischer Junge mit braunen Locken und einer zauberhaften Ausstrahlung, was vor allem an seinen anmutigen Bewegungen und dem verborgenen Leuchten in seinen Augen lag. Ansonsten besaß er nichts, was für die normalen, reichen Menschen von Interesse gewesen wäre.

Das bisschen Geld aus Karls Esstischschublade reichte gerade für das Nötigste. Immer waren darin ein paar Münzen zu finden, auch noch nach Karls Tod. Milan glaubte ernsthaft, dass es nachwachsen könne, weil ihm Karl das so erklärt hatte: »Schau zwei Tage nicht hinein, fass ihren Knauf nicht an, lass kein Licht herein. Dann, nach einem leisen Knacksen, ist wieder Geld gewachsen.«

Oft wünschte sich Milan, wie ›die Anderen‹ leben zu dürfen, besonders dann, wenn er Menschen in teuren Autos beobachtete, die mit heulenden Motoren durch die Straßen sausten. Zu gerne würde er selbst einmal darin sitzen, doch er rechnete keineswegs damit, dass er sich auch nur einen seiner wenigen Wünsche in der nächsten Zeit erfüllen könnte. Derzeit war er ohnehin damit beschäftigt, um Karl zu trauern, der ihm so einige Dinge hinterlassen hatte. Zum Beispiel einen Tontopf, in dem ein Mehl-Gemisch aufbewahrt wurde. Auch darüber wunderte sich Milan nicht, dass es niemals ausging. Genauso verhielt es sich mit den drei Bierflaschen im Wandregal. Karls einstige Erklärung musste Milan genügen, weshalb er glaubte, dass die Hefen in den Flaschen selbstständig »Brottrunk« produzierten. Und es kam ihm auch keineswegs komisch vor, dass aus dem Wasserhahn stets frisches, wohlschmeckendes Wasser rannte, weil er nicht ahnen konnte, dass Karls Haus keine gewöhnliche Zuleitung besaß. Aber das Wenige funktionierte einwandfrei, wie zum Beispiel auch das Abwasser und die zwei Herdplatten, die Karl an eine eigenartige Steckdose angeschlossen hatte. Die sah schwarz-verkohlt aus und hing schief in der dünnen Holzverkleidung, aber immerhin war auf sie Verlass. Milan machte sich häufig eine Büchse Bohnen warm, demnach schätzte er die ominöse Stromleitung.

Nach Karls Abschied, den Milan als »Giftschwarzen Schmerz« bezeichnete, ganze sieben Tage lang, wagte er sich nicht mehr nach draußen, nicht einmal in den Garten. Die meiste Zeit davon lag er genau in jener Kuhle der Matratze, in der Karl immer gelegen hatte, dazu legte er die Hände auf seinen Bauch und starrte an die Decke. Oder er beobachtete, wie sich seine Hände hoben und senkten. Unzählige Male. Das beruhigte ihn und ließ ihn manchmal vergessen, dass er von nun an alleine war. Das machte ihn müde und verträumt.

Letztlich verbot ihm seine Neugier, sich völlig aufzugeben. Milan seufzte schwer, erhob sich aus dem Bett, setzte sich seine blau-gelb gestreifte Wollmütze auf, wickelte sich einen grasgrünen Schal um den Hals, streifte sich mit statuenhaftem Ausdruck die braune Filzjacke über, nahm einige Münzen aus der Schublade und öffnete die Tür. Er blinzelte in den strahlend blauen Novemberhimmel. Die Luft war rein und erfrischend, so klar wie Quellwasser. Der Wind schenkte ihm einen frostigen Kuss und er spürte die Energie der Sonne, die ihm direkt ins Herz strahlte. Er hatte vorerst genug geweint, sagte er sich. Ab heute wollte er nach vorn sehen.

Eilig schritt er los, geradewegs den verschlungenen Kiespfad im Vorgarten entlang, vorbei an kargen Büschen, bleichen Gräsern und durch das schiefe Gartentor. Milan war erst wenige Meter gelaufen, da erblickte er ein dunkelhaariges, schlankes Mädchen. Die Fremde beachtete Milan nicht, denn sie hatte ihm den Rücken zugedreht und bog in einen Waldabschnitt ein, der die Hälfte des Sees umgab. Sie steuerte auf eine baufällige Villa zu, die sich gegenüber von Karls Hütte befand. Bisher hatte Milan dieses dreistöckige Gebäude kaum beachtet, da es beinahe schäbiger aussah, als sein eigenes Zuhause, dennoch brannte darin bisweilen ein schummriges Licht – nur nachts. Auch darüber hatte sich Milan bisher noch nie den Kopf zerbrochen. Allerdings schien die Villa seit neuestem eine sonderbare Anziehungskraft auszuströmen.

Manchmal hatte Milan des Nachts angestrengt versucht, einen Einblick in eines der erhellten Fenster zu erhaschen, doch nie etwas gesehen. Niemals war er dort drüben gewesen, da etwas »Abscheuliches« von dort ausgehe, hatte Karl ihn immer gewarnt und damit die Legende der Kleinstadt Ockelbo gepflegt, die besagte, dass dieses Anwesen nicht grundlos von allerlei Schlingpflanzen umwuchert sei. Es wäre besser, diesen Ort zu meiden.

Die Legende erzählte von einem Spiegel, der in Form eines Gewässers jene Villa vom Rest der Welt abschnitt. Sein Wasser tränkte die verwunschenen Pflanzen, welche eine undurchdringliche Hecke darum bildeten, ja es speiste die Villa selbst, deren Holzdielen lebten. Wie ein unsterblicher Wächter würde das Gebäude dort verharren. Keine Zeit und keine Hand könnten es je zerstören. Doch warum das so war oder was es bewachte, das konnte keiner sagen, auch nicht die Alteingesessenen, nicht einmal mithilfe des Ockelboer Stadtarchivs konnte die Angelegenheit aufgeklärt werden.

War es bloß ein Märchen? Nun, das glaubten alle, die von der Geschichte schon einmal gehört hatten. Allein Milan wagte es, dieser Legende Wahrheit abzugewinnen.

Selbstverständlich gab es in Ockelbo massenhaft normales Leben: keifende Ehefrauen, grillende Gatten mit Bierbäuchen, Fußballfans und Jugendliche, die eine Sprache benutzten, welche die Älteren kaum verstehen konnten. Doch daneben existierte eben dieses Stück ›Karls-Land‹, das vergessen schien, weil sich niemand darauf herumtrieb – keiner, außer Milan und dieses Mädchen.

Der Dreizehnjährige wusste in etwa, was um ihn herum passierte, dass beispielsweise viele Menschen jeden Morgen zur Arbeit gingen, um für ihren Lebensunterhalt zu sorgen,  und dass es große Läden gab, in welchen die Leute Unmengen von Geld liegen ließen, um sich zu jeder Zeit neue Dinge zu kaufen, womit sie gerne ihre Wohnungen füllten. Milan hatte zudem beobachtet, wie sie manchmal Tüten in große Tonnen fallen ließen. Er fragte sich, was sie da wohl hineinwarfen, schließlich besaß er keine eigene. Außerdem hatte er noch nie so viele Dinge besessen, dass etwas übriggeblieben wäre. Lebensmittel wurden vollständig verbraucht und mit dem Dosenblech oder anderen Verpackungsmaterialien hatte Karl immer das Dach sowie andere Dinge repariert. Für alles gab es eine sinnvolle Verwendung.

Um Milans Frage dazu – es war nur eine von Tausenden – zu klären, war er nun unterwegs. Er wollte einen Blick in eine dieser Tonnen riskieren, wollte sogar irgendjemanden dazu befragen, wenn er das Rätsel am Ende des Tages noch nicht gelöst hätte. Und so kam es, dass er sich dem Wohngebiet von Ockelbo näherte, wobei sich die Gedanken an das Mädchen und die Villa am See auflösten.

Neugierig steuerte er auf das Kommende zu. Irgendetwas würde schon passieren, was ihm den Weg weisen würde, hoffte er. Auf jeden Fall wollte er bloß die unvermeidbare Aufmerksamkeit auf sich ziehen, nicht mehr als sonst auch, da er befürchtete, den Behörden in die Hände zu fallen. Dabei kam ihm die allgemeine Teilnahmslosigkeit der Gesellschaft zugute und ihre Schnelllebigkeit. Es war beinahe so, als würde er sich in einer anderen Zeit bewegen, in einer gähnenden Dimension.

Als er vor dem Gartenzaun der Familie Momsson verweilte und sich schüchtern umsah, fiel er tatsächlich keinem auf. In den Augenwinkeln der Passanten verschwamm er mit den abgestorbenen Heckenrosen, die tot über den Zaun quollen. Außerdem hopste ein Pekinese an den Beinen einer älteren Dame hoch, weil sie ihm Leckerlis entgegenstreckte. Dann war da noch ein Postmann auf einem klapprigen Fahrrad, der einem Mann im Morgenmantel die Zeitung zuwarf: »Guten Morgen, Mr. Andersson!«

Das alles war viel interessanter, als ein schmutziger, hagerer Junge, der sich keinen Zentimeter regte. Milans Gesicht blieb wie versteinert, während er beschloss, in eine andere Gasse einzubiegen; dorthin, wo augenscheinlich weniger los war. Er musste nämlich befürchten, dass er dann doch bemerkt würde, sollte er seinen Kopf in fremde Tonnen stecken.

Kurz darauf befand er sich in einer Gasse, die wie ausgestorben war. Und so kam es, dass er beim Erreichen der ersten Mülltonne gleich etwas Schmackhaftes herauszog: abgelaufene Milchschnitten, noch verpackt!

Neugierig öffnete er die Verpackung. Während die honigsüße Creme auf seiner Zunge wie Butter zerging, fragte er sich, was wohl mit dem Restinhalt der Tonne geschehen würde, und... hatte er womöglich etwas Unrechtes getan?

Diebstahl war für ihn kein Fremdwort. Karl hatte ihm von verschiedenen Betrügereien erzählt und ihm eingebläut, dass sie es nicht nötig hätten zu klauen, weil sie alles besäßen, was wirklich wichtig wäre. Demnach vermutete Milan, dass es vielleicht nicht ganz richtig war, aus den Tonnen etwas für sich herauszuholen. Er wollte es genau wissen.

Er sprang die drei Stufen zur Haustür hinauf und hämmerte dann mit seinen Fäusten dagegen. Als er einen silbernen Knopf entdeckte, drückte er interessiert darauf herum und klingelte Sturm, dabei lag ihm ein breites Grinsen im Gesicht. Kurz darauf öffnete ihm eine angewidert dreinblickende Frau. Milan kam es so vor, als hätte sie seinen Geruch schon vor dem Öffnen der Tür wahrgenommen. Er schnüffelte hastig an dem Stoff unter seiner Achsel, ehe er den Dialog begann.

»Ähm, tut mir leid, wenn ich wie Karl stinke, aber der See ist derzeit zu kalt zum Baden. Ich muss also noch ein bisschen warten, bis ich mich richtig waschen kann. Der Grund übrigens, weshalb ich bei dir geklingelt habe, ist, weil ich etwas wissen möchte: Ich habe da eine Leckerei aus deiner Tonne herausgeholt und gegessen. Karl hat mir mal gesagt, dass man manche Dinge erst bekommt, wenn man dafür gezahlt hat. Willst du jetzt Geld von mir oder ist es okay, wenn ich einfach wieder gehe? Und wenn es okay ist, würde ich gerne noch wissen, was mit dem Rest in der Tonne passiert? Wenn es nicht so teuer ist, könnte ich es bezahlen.«

Die Frau blieb sprachlos und sah sich hilfesuchend um. Als sie verstand, dass der Fremde erst dann wieder reden würde, nachdem sie etwas gesagt hätte, stotterte sie: »Ä-ähm, nein, ich will kein Geld, aber lass das bitte. Das ist Müll, der ist wertlos, davon kannst du krank werden. Geh... geh am besten woanders hin, nach Hause zum Beispiel.«

»Warum?«

»Weil, weil... Was machst du hier eigentlich? Kommst du aus Ockelbo? Wo sind deine Eltern?«

Da wurde es Milan heiß. Solchen Fragen sollte er ausweichen, hatte er von Karl eingetrichtert bekommen, deshalb wiegelte er ab: »Ich muss jetzt gehen. Danke für das leckere Zeug!«

Flugs sprang er nach unten, wuschelte sich hektisch durch seine Locken, drehte sich vor dem Gartentor um und rief ihr zu: »Wenn es wirklich nichts kostet, kannst du die leckeren Sachen ja in Zukunft auf den Tonnendeckel legen, dann weiß ich, dass ich sie nehmen darf. Mach’s gut!«

Die verdutzte Frau Nilsson starrte dem vergnügt davonhüpfenden Jungen hinterher, ehe sie kopfschüttelnd in ihrem gemütlichen Heim verschwand, sich wundernd, woher der Knabe kam, was er hier trieb und warum er so erbärmlich stank. Sie wollte das heute Abend unbedingt ihrem Mann erzählen.

»So etwas hat es in Ockelbo ja noch nie gegeben!«, ereiferte sie sich am Telefon, als sie ihrer Freundin das Geschehnis brühwarm servierte. Ihr Erstaunen war derart groß, dass sie es keinesfalls für mehrere Stunden für sich behalten konnte. Es musste raus, noch bevor ihr Gatte heimkam. Und natürlich erzählte sie es auch ihren beiden Kindern, die heute mehr Gemüse als sonst essen mussten und mit Nachdruck erklärt bekamen, wie wichtig Anstand und Höflichkeitsformeln sind.

»Der hat einfach Du zu mir gesagt! Ungeheuerlich!«, regte sie sich vor den beiden auf. Und doch war es nur der Beginn einer Serie von Kuriositäten, die allesamt von Milan angestoßen wurden, was ihm jedoch niemand anlasten konnte. Nach seinem ersten Milchschnitten-Fund und der Begegnung mit Frau Nilsson, verhielt er sich nämlich wesentlich vorsichtiger.

Bei seinen weiteren Suchaktionen legte er beispielsweise alte Teller, selbstgebastelte Blechschälchen und Tabletts auf Mülltonnen und Mauerpfosten ab. Manchmal lagen auch eigenwillige Ast- und Gräsersträuße in Dosenvasen darauf, wohl als Dankeschön für diejenigen, die besonders leckere Dinge in ihren Tonnen entsorgt hatten. Übrigens wurde er davon niemals krank. Und bald wunderten sich die Ockelboer über unzählige bunte Abschnitte auf den Bürgersteigen, über angemalte Zweige und Baumstämme sowie über Basteleien, die von den Ästen herrschaftlicher Eichen herunterbaumelten. Bisweilen hatte Milan sogar tote Vögel angemalt, die am Wegesrand allmählich von Madenkolonnen weggeräumt wurden. Auch vor Verkehrsschildern machte er nicht Halt, veränderte die Zeichen darauf so, bis nur noch wilde Muster oder verwirrt dreinschauende Monster zu erkennen waren.

Vornehmlich nachts vertrieb er sich die Zeit mit der Herstellung von Farben, wozu er zum Beispiel Birkenblätter, Hagebutten, Erde, selbstgemachten Holundersirup sowie andere Dinge aus dem Vorratsregal benötigte. Und wenn er dann wieder einen Schwung Farben fertig hatte, machte er sich ans Bemalen jener Dinge, die ihm nicht gehörten, wohingegen er tagsüber am liebsten schlief, denn er hatte festgestellt, dass seine Träume dann viel lebendiger und abenteuerlicher waren. Das war erst seit Karls Begräbnis so. Letztlich erkannte er, dass Karls Ableben nicht den Anfang vom Ende bedeutete, wie er zuerst vermutet hatte, sondern ihm neue, spannende Wege eröffnete.

Schon bald spürte er ein noch nie dagewesenes Glück in sich, obwohl er völlig alleine war.

 

Inzwischen grassierte in Ockelbo ein Gerücht, wonach eine männliche Pippi Langstrumpf ihr Unwesen triebe, womöglich ein ›vernachlässigter Geist Astrid Lindgrens, der es nie in ein Kinderbuch geschafft‹ hatte, scherzte so mancher, immerhin hätte ›auch das männliche Geschlecht ein Recht auf einen derart gewitzten Fantasiehelden à la Pipi gehabt‹. Stattdessen wären auf Seiten der männlichen Helden »nur melancholische Trauergestalten aus Astrids Feder geflossen«, meinte sogar Pelle, ein Fischverkäufer, der noch nie ein Buch gelesen hatte, aber er wollte eben mitreden. Und Pelle machte sich damit mal wieder zum Gespött. Daraus entstand ein heftiges Wortgefecht, um die Ehre Astrids wiederherzustellen, die Pelle unerschütterlich beschmutzte. Letztlich stellte sich heraus, dass er es schlicht bedauerte, von seinen Eltern nie Geschichten vorgelesen bekommen zu haben – es hätte ihm doch so gut getan.

Emilia half gerade in der Restaurantküche ihrer Eltern mit, als sie das Drama um Pelle und die besudelte Ehre Astrids mitverfolgte. Emilia hatte Milan schon einmal gesehen. Das war im letzten Winter, am stillgelegten Bahnhof gewesen.

Sie hatte ihn dabei beobachtet, wie er in den Schnee pinkelte. Ihr Zuhause war genau gegenüber vom Bahnhof, in dem Wirtshaus, in welchem Pelle gerne von sich reden machte, ganz am Rande der Stadt. Auch die ebenfalls dreizehnjährige Emilia war ungewöhnlich. Sie wirkte stets derart verträumt, dass sie sogar der Schulpflicht entbunden worden war. »Frühkindliche Schizophrenie« hatten ihr die Psychologen unterstellt, aber das entsprach nicht der Wahrheit. Sie träumte einfach viel lieber als geistig anwesend zu sein und sie ärgerte sich darüber, dass die Erwachsenen dachten, das Wachsein sei wichtiger als das Fantasieren. Immerhin konnte sie in ihren Träumen wesentlich mehr tun, konnte mit den Wolken fliegen, ohne Sauerstoff stundenlang tauchen und die Sprache der Tiere verstehen – so lauteten stets ihre Argumente, wenn wegen ihres Verhaltens diskutiert wurde.

Ihre Tagträumereien wurden außerdem von der Unfähigkeit begleitet, mit anderen verständlich zu kommunizieren. Wirklich niemand war auf ihrer Wellenlänge, keiner konnte ihre seltsam verworrenen Sätze deuten. Sie zeigte außerdem keinerlei Interesse an Gleichaltrigen und lebte ununterbrochen in ihrer eigenen Welt.

Indes wurde die Resignation ihrer Eltern immer deutlicher. »Kann man nichts machen, Ilvi. Lass sie doch die Gummibärchen bis unter die Decke stapeln. Das stört mich nicht«, wiegelte dann beispielsweise ihr Vater ab. Ihre Mutter regte sich inzwischen nicht mehr über die Sache an sich, sondern ausschließlich über die Pflicht auf, sämtliche Sauereien allzeit alleine beseitigen zu müssen, weil Hausarbeiten, laut ihrem Göttergatten, zu den sogenannten Frauensachen zählten. Im Falle der Familie Eydotter gehörten dazu beispielsweise Butterpfützen, mit deren Hilfe Emilia das laute Verrücken der Stuhlbeine dämpfen wollte, oder die Stoppel von abgeschnittenen Zahnbürsten-Borsten im Waschbecken, weil das Töchterchen behauptete, die Zahnpasta fühle sich auf den langen Borsten weniger wohl, hätte nämlich Höhenangst! Und die ängstliche Zahncreme würde unter diesen Umständen weniger gut die Zähne reinigen.

Für ihre Eltern blieb sie das ewige Kleinkind. Da beruhigte es die beiden wenig, als eine Zeitschrift davon berichtete, dass die Entwicklung aller jugendlichen Gehirne während der Pubertät an eine Großbaustelle erinnere. Einzelne Teile müssten erst ihre richtige Form entwickeln, ehe sie sich in das Bauwerk einfügten. Und das geschehe nicht im gleichmäßigen Tempo, da einzelne Bauabschnitte unterschiedlich schnell mit der Umgestaltung fertig wären. Jugendliche seien damit für einige Zeit auf BLÖD gepolt und könnten für ihr irrationales Verhalten nichts.

Die meisten Eltern konnten sich damit trösten, dass diese Bauarbeiten irgendwann fertig und das Ergebnis befriedigend wäre. Bei Emilia würde dieses Erfolgserlebnis ausbleiben.

Ihr Vater, Oscar Eydotter, hatte sogar begonnen, eine Biografie zu schreiben. Nur stellte es mehr eine Auflistung von Emilias Eskapaden dar, über die er seit ihrem Kleinkindalter akribisch Buch führte. Waren es anfangs noch so harmlose Späße, wie sie vielen Kleinkindern einfielen (»Spaghetti Bolognese ist eine Frisur« und »Erbsenbrei sieht nur appetitlich aus, wenn ihn andere im Gesicht haben« et cetera), so wuchsen diese mehr und mehr zu verstörenden Entgleisungen heran.

Der ausschlaggebende Grund übrigens, warum Emilia das erste Mal einem Psychologen vorgestellt wurde, war ihr Ausraster im Ockelboer Freibad gewesen. Damals war ihre Andersartigkeit einfach zu vielen Leuten auf einmal aufgefallen.

Emilia war gerade sieben Jahre alt geworden. Sie hatte sich ins Kassenhäuschen des Freibads geschlichen, den Lautsprecher entdeckt und sogleich benutzt. Auf einmal hörten alle Badegäste ihren Ausruf: »Im Chlorwasser fühlen sich nur Bekloppte wohl. Bekloppte sind im Kopf ganz hohl und sind noch dümmer als Würmer im Kohl...«

Danach hörte man Emilia »Aaaah! Aua, Finger weg!« keifen, zudem donnerte ein wütendes »Schluss jetzt!« aus den Lautsprechern.

Etliche Schwimmbadbesucher schmunzelten belustigt und vergaßen diesen Zwischenfall ganz schnell wieder, doch für Emilias Eltern war die Sache noch nicht ausgestanden. Nur wenige Minuten später entfloh Emilia ein weiteres Mal der Obhut ihrer Eltern. Nachdem diese ihre Tochter, die Stieleis in großen Mengen in den Becken verteilt und dabei »Schwimmt euch frei, meine kleinen, bunten Eisfischchen!« gebrüllt hatte, endlich einfangen konnten, wurde ihnen nahegelegt, wie sinnvoll es wäre, Emilias Kopf doch einmal gründlich durchchecken zu lassen. Die Eltern taten wie ihnen geheißen.

So setzten sich Emilias wilde, bunte, aber auch manchmal sehr stille Momente fort, Jahre vergingen und immer wieder gab es neue Eskapaden zu verbuchen. Paradoxerweise beruhigte sich die Lage während ihrer Pubertät etwas. Die Eltern entwickelten ein Gespür für ihre Dreizehnjährige, hatten es inzwischen im Riecher, wenn Emilias Synapsen wieder Saltos schlugen. Nur eines holte das Mädchen einstweilen für Minuten aus ihrer Traumwelt fort. Dann waren ihre Gedanken plötzlich ganz klar, als sei es das Normalste der Welt, hinter einer Fensterscheibe einen Jungen zu beobachten und dabei wie ein verliebter Teenager zu hoffen, eines Tages auch ein herrlich spießiges Leben führen zu können. Kein geringerer als Milan war der Auslöser für diese lichten Momente, denn er unterschied sich grundlegend von sämtlichen Altersgenossen. Emilia durfte nicht mehr alleine nach draußen, weshalb sie sich die meiste Zeit in ihrem Zimmer aufhielt. Und Milan? Der fand Pflanzen und Käfer interessanter als Menschen. Wenn Gesichter dazu irgendwo hinter Glas verschlossen waren, wurde es noch unwahrscheinlicher, dass ihm jemand auffiel; demnach wären sich die beiden wohl nie begegnet. Doch es sollte so sein, dass es Emilia ab und zu schaffte, ihr Elternhaus zu verlassen. Alleine und heimlich. Und ausschließlich nachts, da sie es einmal tagsüber versucht hatte und dabei prompt erwischt worden war.

Heute war es wieder so weit. Sie stahl sich inmitten einer Dezembernacht davon, wohlgemerkt im Weihnachtsmann-Kostüm ihres Vaters, in welches sie leicht viermal reingepasst hätte.

 

  1. Zwischen Wundern, Träumen und Wahrheit

 

Als Milan aus dem weiß-umrahmten Fenster spähte, besah er sich jenes zerfallene Anwesen auf der gegenüberliegenden Seite. In einem der oberen Zimmer brannte Licht. Milan wandte seinen Blick nicht mehr davon ab, zumal es in Karls Hütte ohnehin nur weniges gab, was annähernd spannend gewesen wäre. Er kannte jede Kerbe in den Dielen, jeden verbogenen Löffel, jedes verbeulte Ding, doch von der Villa kannte er nur diese unfertige Legende. Als dann eine Gestalt im erleuchteten Fenster auftauchte, wurde seine Neugier noch größer. Alles um dieses fremde Anwesen herum, gehörte zu einem mächtigen Verbot, zu einem ungreifbaren Rätsel, und jetzt wollte er die Chance beim Schopf packen und dort hinübergehen.

Eilends streifte er sich seine muffige Filzjacke über und griff zu Schal und Mütze. Er schlotterte vor Aufregung. Milan hatte außer einer Kerze nichts dabei. Diese erlosch bereits nach den ersten Schritten an der frischen Luft.

»Wolkenpuste-Mistschlamassel!«, verfluchte er den Wind, kehrte zurück und steckte sich rasch eine Schachtel Streichhölzer und die Kerze ein.

Als er anschließend über schneebedecktes Unterholz stolperte, begann er vor Anspannung mit den Zähnen zu klappern, zudem war es eisig kalt.

Er kannte keine Geschichten über Geister, Dämonen oder den Satan selbst, Milan hatte von Karl nichts dergleichen erfahren. Deshalb kam er dem Haus mit unbändiger Neugier näher, wobei er durchaus eine heimliche Beklemmung spürte.

Die Luft über dem See schien zu prickeln, es war, als würde sie knistern. Der Vollmond spiegelte sich darin und hunderte Glühwürmchen tanzten im Nebel. Schritt für Schritt stapfte Milan durch das Dickicht um den See herum. Er vernahm jedes Knacken unter seinen Sohlen, roch das Harz der Tannen, hörte einen Uhu aus der Ferne und eine aufgeschreckte Krähe, die eilends floh. Ihre Schreie verhallten über den Tannenwipfeln.

Dank des Mondes, dessen Licht von der feinen Schneedecke reflektiert wurde, konnte Milan ausreichend Schattierungen erkennen. Somit tastete er sich immer weiter voran. Als er das Haus erreicht hatte und vor der eingebrochenen Veranda innehielt, spähte er über den See zurück, geradewegs zu Karls Haus und von dort zur großen Trauerweide, die vor den Lichtern der Kleinstadt aussah, wie ein Scherenschnitt. Dort drüben lag jene Welt, die Milan fremd war, viel zu fremd, als dass er jemals dazugehören wollte. Irgendwie fühlte er sich hier, auf der anderen Seite, viel wohler.

Die Nacht war still. Milan sah, wie sich der Mond in den geborstenen Fenstern der Villa spiegelte. Drohend ragten spitze Scherben aus den Fensterrahmen. Das Holz erschien im unwirklichen Blauschwarz, war sehr verwittert, weshalb es ächzte. Ja, es schien gegen jeden Windzug mit größter Kraftanstrengung ankämpfen zu müssen. Milan atmete vorsichtig, als er die Fassade berührte, weil er befürchtete, das Haus könnte gänzlich in sich zusammenfallen. Es glich beinahe einer zerbrechlichen Seele. Dieses Gebäude schien mehr zu sein, als er vermuten konnte.

Milan beobachtete seine Atemwolken, die sich im Mondschein verloren, während er überlegte, was er nun tun sollte.

Plötzlich erlosch das Licht aus dem dritten Stock. Kurz darauf waren ächzende Dielen zu hören. Die Schritte kamen näher...

Mal hörte er das Schleifen einer Sohle, dann ein leises Knarren. Er rechnete damit, dass sich gleich eine Tür öffnen würde, doch da war keine, sondern nur ein dunkles, offenes Rechteck. Eine Gestalt schlich heraus und kam ihm leichtfüßig entgegen.

Er hielt die Luft an, als er Haare erkannte, die das Mondlicht blaugrau reflektierten. Es war die silbergraue Perücke eines Weihnachtsmannes.

Milan staunte, wich einige Schritte zurück und bekam es mit der Angst zu tun, doch dann ertönte eine liebreizende Stimme, so sacht und warm, dass er glaubte, verzaubert zu werden.

»Es ist nicht wichtig, was du betrachtest, sondern was du sehen kannst. – Guten Abend. Bist du ein Vogel?«

Anschließend hörte er, wie die Fremde auf einem Kaugummi herumkaute.