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Copyright © 2018 Fabulus-Verlag Tanja Höfliger, Fellbach


Lektorat: Fabulus Verlag

Umschlaggestaltung, Satz und Herstellung: r2 | röger & röttenbacher, büro für gestaltung, Leonberg

Druck und Bindearbeiten: CPI books GmbH, Leck Printed in Germany ISBN Print: 978-3-944788-60-9

ISBN E-Book: 978-3-944788-61-6


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Für Renate und Peter Wolff, in Liebe und Dankbarkeit

Die Menschen kamen am frühen Nachmittag zum Waldrand. Sie rammten schnell und gründlich zwei spitze Pfähle in die weiche Erde und befestigten ein großes Schild daran.

Es waren ihre Hammerschläge, die ihn weckten. Erschrocken auffahrend wäre er beinahe aus der Astgabel gekippt. Ruhe hatte er gesucht von seinem Alltagsgeschäft, Ruhe zum Nachdenken. Er kam oft hierher, der Baum war stark, dichtbelaubt und liebte sein Volk, welches er gern in seinen Ästen beherbergte. Doch mit der Ruhe war es jetzt vorbei. Mechanisch und gleichgültig dröhnten Hammerschläge durch den Wald, in dem alles andere ängstlich verstummt war. Nur ein paar Vögel zeterten aufgeregt durcheinander. Als sich sein Herzschlag etwas beruhigt hatte, rutschte er lautlos auf dem Ast entlang, weiter nach vorn, damit er besser sehen konnte, was da unten vorging.

Vor dem saftigen, lebendigen Grün des Waldes wuchs die schwarzweiße Tafel aus der Erde wie ein Warnschild:

Hier entsteht das Wellnesshotel Feengrund 

Bauherr Harry Kaiser

Er spürte bittere Galle aufsteigen und schluckte hart. Menschen. Da hatte sein Volk endlich einen Flecken Erde gefunden, wo es ungestört leben konnte, dann kamen sie und zerstörten alles. Wieder einmal. Bauherr? Er wusste, was das bedeutete. Eisen und Stahl, Maschinen und Geräte, die sie schicken würden, um zu graben, zu hacken, zu beißen und zu bohren. Sie würden das Herz des Waldes herausreißen und es noch zuckend, schlagend, unter Beton begraben. Und damit nicht genug, nein, sie verhöhnten das kleine Volk auch noch. Feengrund? Seine Leute waren ein Märchen geworden, ein Mythos, benutzt und ausgelacht. Höchstens noch gut, um kleine Kinder zu erschrecken. Oh, wie sehr er sich nach der alten Zeit zurücksehnte, als die Menschen ihnen noch Respekt gezollt hatten. Er ballte seine Linke zur Faust und schlug auf den Baum ein. Ein Zittern lief durch den Stamm.

»Entschuldige«, murmelte er leise.

Die Menschen dort unten betrachteten ihr Werk zufrieden, aßen und rauchten. Die Kippen, immer noch glimmend, warfen sie achtlos in den Königsfarn, dessen Blätter sich zusammenkrümmten, während sich die Glut durch seine Adern fraß.

Feuer! Der Erzfeind der Wälder, Zerstörer alles Lebendigen! Angst griff nach seinem Herzen, knüllte es zusammen wie die Hand des Menschen da unten die bunte Hülle eines Schokoladenriegels. Im nächsten Moment schon ließ er sich an den Ästen des Baumes nach unten gleiten, schnell und geräuschlos. Eilte zu den Farnen hinüber, wo die Glut bereits erlöschte. Trat zur Sicherheit noch einmal darauf. Nur dem Umstand, dass es in letzter Zeit fast ununterbrochen geregnet hatte, war es zu verdanken, dass kein größerer Schaden entstanden war.

»Was für eine langweilige Gegend«, sagte einer der Menschen.

»Nicht mehr lange«, sagte ein anderer.

»Ich bin allergisch gegen so viel Grünzeug. Wird höchste Zeit, dass wir in die Zivilisation zurückkehren.«

»Wird höchste Zeit, dass wir die Zivilisation hierher bringen.« Er musste sich nicht ducken, sich nicht verstecken. Wenn er nicht wollte, dass die Menschen ihn sahen, dann sahen sie ihn auch nicht. Aber sie achteten ohnehin nicht auf ihre Umgebung. Sie waren blind für so vieles. Lachend trampelten sie durch das Unterholz davon. Sie würden wiederkommen mit Eisen und Stahl, Elementen, gegen die sein Volk machtlos war. Zorn rauschte ihm in den Ohren wie ein mächtiger Wind in den Blättern. Seine Fäus- te zuckten. Schluss mit dem Weglaufen, Schluss damit, sich vertreiben zu lassen. Sein Volk hatte hier eine Heimat gefunden. Hier würde es bleiben. Er würde die Menschen lehren, wieder an sie zu glauben. Sie sollten ihn fürchten und um ihre Kinder bangen. Verflucht sollten sie sein und den Tag bereuen, an dem sie seine

Ruhe gestört hatten.

Die Katze gähnte. Finn gähnte zurück.

Mit dem Zeichenblock auf den Knien und seinem schwarzen Stift in der Hand war sogar die grüne Hölle erträglich. Dabei hätte Finn gar nichts gegen eine grüne Hölle gehabt. So ’ne richtige, also ein Dschungel, mit exotischen Pflanzen und Tieren. Futter für seinen Zeichenstift. Aber das hier war eigentlich gar keine echte grüne Hölle. Das war ein Häuschen am Waldrand in einem Kaff namens Erlenbruch, eine feuchte, grüne Enttäuschung nahe der polnischen Grenze. Das Oderbruch im Sommer, hatte sein Vater geschwärmt. Naturnah, unberührt, unerschlossen. Was er vergessen hatte zu erwähnen: regnerisch, klamm, öde. Und warum er der Meinung war, die ganze Familie hierher verschleppen zu müssen.

Finn setzte sich auf dem klapprigen Gartenstuhl zurecht und beobachtete die Katze.

Er war viel zu früh aufgewacht, jedenfalls zu früh für die Sommerferien. Hatte mies geschlafen und wirres Zeug geträumt, an das er sich kaum erinnern konnte. Finn war nicht wirklich böse gewesen darüber, dass er aufgewacht war. Meistens huschten irgendwelche Spukgestalten durch seine Träume.

Wenigstens regnete es gerade nicht. Und die Veranda des Häuschens, das sich am Waldrand duckte, war überdacht.

Finn hatte sich seinen schwarzen Hoodie übergezogen, seine Zeichensachen gepackt und war über die knarrende Treppe nach unten geschlichen. Wenn er schon hier in der Einöde festsaß, wollte er die Zeit auch nutzen. Vor allem dann, wenn ihn keiner nerven konnte, weil sie alle noch schliefen.

Die Katze dehnte und streckte sich ausgiebig und elegant. Sie hatte ebenfalls ein trockenes Plätzchen, auf einem Holzstapel neben dem windschiefen Schuppen im überwucherten Garten. Finns Stift lief von ganz allein über das Papier. Er sah zu, wie etwas entstand, halb Frau, halb Katze. Ne heiße Lady mit scharfen Krallen. Klasse. Gefiel ihm. Würde allerdings garantiert keinem der Professoren gefallen, die sich seine Mappe ansehen würden. Finn hatte die Bewerbungsunterlagen für die Kunsthochschule so lange immer wieder gelesen, dass er die wichtigste Passage auswendig konnte:

Bitte bringen Sie zur Aufnahmeprüfung eine Bewerbungsmappe mit. Die Mappe sollte so zusammengestellt sein, dass sie Aufschluss über Ihre Persönlichkeit, Entwicklung und Ihre Kenntnisse gibt.

Auf dem Zeichenblock räkelte sich das Katzenmädchen und zwinkerte Finn zu. Was sagte das wohl über seine Persönlichkeit aus? Er wusste, was die Mitschüler an seiner letzten Schule über ihn gedacht hatten. Nur weil er dummerweise mal ein Blatt hatte offen rumliegen lassen. Und dann auch noch von seinem größten Wunsch gesprochen hatte.

Du willst Comiczeichner werden? Bist du schwul oder nur blöd?

Das aus dem Mund von Typen, die mit hochgestelltem Hemdkragen im Poloshirt rumliefen, sich gegenseitig die dicken Autos zeigten, die ihnen ihre Daddys geschenkt hatten, und deren höchstes Ziel im Leben ein Haufen Knete und ’ne geile Braut waren. Da wurde allerhöchstens BWL studiert, nicht Design oder Visuelle Kommunikation.

In solche Gesellschaft geriet man eben, wenn man der Sohn von Harry Kaiser war. Für den Hotelkaiser, wie er sich selbst gerne nannte, war das Beste gerade gut genug. Das bedeutete auch, seinen Sprössling auf die besten Schulen zu schicken. Teure Schulen voller eingebildeter Schwachköpfe. Egal. Hauptsache, das machte sich gut im Lebenslauf. Hauptsache, Sohnemann trat dann später mal in Vaters Fußstapfen.

Finn hatte nicht das geringste Interesse an Hotels oder deren Management. Er wollte einfach nur zeichnen. Am liebsten solche Stories wie die Sandman Comics von Neil Gaiman. Was für eine Rolle der wohl dem Katzenmädchen zugedacht hätte? Finn ließ eine warzige Kröte auf dem Blatt erscheinen. Eine Zombiekröte. Aber das imponierte dem Katzenmädchen kein bisschen. Sie hatte Krallen und machte kurzen Prozess mit dem Krötenvieh. Zack, schlitz, quak, glibber. Finn hatte eine Seite voll gemalt. Die Blutstropfen konnte er später noch kolorieren. Er schaute hoch.

Die Katze saß auf ihren Hinterpfoten und blickte zu ihm hinüber. Es sah fast so aus, als würde sie ihn angrinsen. Finn grinste zurück.

Er legte das Blatt zur Seite und begann ein neues. Eins für die Professoren. Diesmal richtig, mit Katze, Schuppen und Perspektive. Ohne Zombiekröte und vor allem ohne Catwoman. Langweilig, aber sauber und künstlerisch einwandfrei. Er brauchte mindestens fünfundzwanzig von den Dingern: aussagekräftige Arbeitsproben. Die wollten sie haben, auch wenn sie im Studiengang Visuelle Kommunikation den Schwerpunkt Comic anboten. Finn konzentrierte sich und skizzierte drauflos. Zwei Blätter hatte er schon in seiner Mappe. Es hätten mehr sein können. Aber es gab nirgendwo Ruhe zum Zeichnen. Nicht in der Schule, nicht zu Hause. Vielleicht waren diese Ferien ja doch kein kompletter Reinfall.

»Was machst du da? Kann ich mitmachen?«

Ein kleiner Schatten schob sich über das Papier. Ein unruhiger Schatten, der auf und ab hüpfte. Finns Stiefbruders Johannes. Drei Jahre alt und eine echte Nervensäge. Konnte kaum stillsitzen, weshalb Finn ihn JoJo getauft hatte: immer auf und ab. Vorbei war’s mit der Ruhe.

Mit leisem stetigem Tropfen setzte der Regen wieder ein.


Zeig doch mal.«

JoJos Haare waren schlafzerzaust, doch seine Augen strahlten munter und erwartungsvoll. Finn versteckte den Zeichenblock in seinem Mathe-Hefter. Zombiekröten waren nichts für Dreijährige.

»Nur die Katze«, sagte Finn und deutete zum Schuppen hinüber.

»Katze!«, wiederholte JoJo aufgeregt. »Wo?«

Der Holzstapel an der schiefen Schuppenwand war leer. Finn zuckte die Achseln. »Ist wohl frühstücken gegangen. Ich könnte jetzt auch einen Kaffee vertragen.«

»Malst du mir was? Bitte?«

»Nachher. Wenn du mir versprichst, niemandem zu erzählen, dass ich gezeichnet habe.«

JoJo nickte ernst.

Finns Stiefmutter, gehüllt in einen seidig schimmernden Morgenmantel, stand in der Küche neben dem Kühlschrank und löffelte Joghurt mit gesunden Bakterien in sich hinein. Finn hätte sie gerne gezeichnet. Als böse Stiefmutter aus Schneewittchen vielleicht.

»Ich könnt jetzt nen Kaffee vertragen«, trompetete JoJo hinter Finn fröhlich in die Küche hinein.

»Milch«, befahl Vanessa.

JoJo schmollte, aber nicht lange. Er hatte ein sonniges Gemüt und ihm fiel immer etwas Neues ein.

»Kakao?«

»Zuviel Zucker«, beschied Vanessa. »Das ist nicht gut für die Zähne. Iss dein Müsli.«

JoJo zog die Nase kraus. »Ich will Toast!«

»Müsli ist viel gesünder, mein Schätzchen.«

JoJo kletterte auf einen Stuhl am Küchentisch und betrachtete skeptisch die gesunde Auswahl an langweiligen Bio-Sachen, die seine Mutter aufgebaut hatte.

»Und du gehst nachher mit ihm raus, hörst du? Hier wird es ja wohl einen Spielplatz geben, irgendwo.«

Na super. Musste er doch wieder Babysitter spielen. Finn legte seinen Mathe-Ordner auf den Tisch und nahm sich einen Kaffeebecher.

»Spielplatz?« JoJo, der gerade noch finster auf die in Milch schwimmenden Haferflocken gestarrt hatte, sah hoffnungsvoll auf.

»Es regnet«, sagte Finn.

Wenn das so weiterging, würden ihnen allen Kiemen wachsen. Vanessas Augen irrten zum Küchenfenster, an dem von außen die Tropfen herunterrannen.

»Dann macht halt drinnen was. Aber keine Unordnung. Und benutzt vor allem nicht den Salon.«

Inneneinrichtung war Vanessas neuestes Steckenpferd. Sie hatte das Häuschen mit Designermöbeln in Glas und Stahl spärlich möbliert. Total unpassend. Als würde man einen Ferrari in einen Holzschuppen schieben. Aber eine Frau braucht was Eigenes, und Vanessa war wild entschlossen. Das mit dem Bademodenlabel war ein Flop gewesen und die Boutique, die sie in Paris eröffnet hatte, in kürzester Zeit pleite gegangen. Vanessa wollte unbedingt mehr als Harry Kaisers hübsches Anhängsel sein – die Schönheitskönigin, die er bei einem Wettbewerb in einem seiner Hotels getroffen und vom Fleck weg geheiratet hatte. Das war noch nicht mal ganz ein Jahr nach dem Tod von Finns Mutter gewesen.

Finn hatte Harry dafür gehasst. Aber wenigstens musste er sich die beiden nicht lange zusammen angucken. Kurz nach der Hochzeit schoben sie ihn ab ins Internat.

»Und wo gehst du hin?«, wollte Finn wissen. Vielleicht war ja nicht der ganze Tag verloren.

»Nicht, dass es dich etwas angehen würde. Aber ich habe Termine.«

»Kosmetik? Fitness? Friseur?«

Vanessa zupfte an ihrem schreiend blond gefärbten Haar herum.

»Hier draußen nicht völlig zu verkommen, wird keine leichte Aufgabe sein«, sagte sie nachdenklich. »Was ist Harry nur eingefallen.«

Wie aufs Stichwort Finn hörte seinen Vater die Treppe herunter stampfen. Dann war er auch schon in der Küche, grunzte zur Begrüßung und steuerte die Kaffeemaschine an, dieses metallisch blinkende Monster.

»Alles fertig, Liebling«, flötete Vanessa.

Espresso mit einer richtigen Espressomaschine kochen war das Erste, was sie gelernt hatte. Harry Kaiser legte Wert auf frisch handgemahlene Bohnen und ein starkes, bitteres Gebräu. Finn hatte das Zeug mal probiert. Schauderhaft. Gott sei Dank konnte Vanessa auch ganz normalen Kaffee kochen. Sein Vater stürzte das Spezialgebräu in einem Zug hinunter. Vanessa räusperte sich, schob die linke Hüfte vor und machte einen Schmollmund: »Liebling, meinst du nicht auch, dass deine Familie in einem Hotel in der Stadt besser aufgehoben wäre?«

Finn hätte ihr sagen können, dass der frühe Morgen ein schlechter Zeitpunkt für Gespräche mit seinem Vater war. Vanessa müsste das wissen. Sah sie denn nicht, dass dunkle Wolken über Vaters Stirn zogen, die finsterer aussahen als alles, was gerade draußen den Himmel verdüsterte?

Aber sie hielt sich eben für unwiderstehlich, und legte gleich nach.

»Es ist nicht weit nach Berlin. Du kannst uns am Wochenende besuchen. Und das Landleben bekommt mir einfach nicht.«

Vanessa gefiel es hier ebenso wenig wie ihm. Das war das Einzige, was sie gemeinsam hatten. Und obwohl es Finn gar nicht in den Kram passte, unterstützte er sie. Er hatte nichts zu verlieren.

»Hier ist überhaupt nichts los. Total tote Hose. Und ich habe Ferien!«

»Es regnet!«, sagte JoJo hilfreich.

Einen kurzen Augenblick lang schob sich die Sonne durch die Wolken. Harry Kaiser sah seinen Jüngsten, der mit dem Löffel im Müsli herummatschte, liebevoll an. Dann fiel sein Blick auf Vanessa und Finn. Das Unwetter brach los.

»Ich dachte, ich hätte das klar kommuniziert«, sagte Harry gefährlich leise.

 »Aber Liebling … «, hauchte Vanessa.

»In diese Entscheidung waren wir alle unmittelbar eingebunden.«

Finn erinnerte sich genau an den Moment, als Harry ihnen verkündet hatte, dass sie den Sommer auf dem Land verbringen würden. In einer gesunden, idyllischen Umgebung.

»Dieses Projekt ist das Wichtigste in meiner gesamten Karriere! Das Wellness-Hotel Feengrund wird ein märchenhaftes Schmuckstück werden und Touristen aus aller Welt verzaubern!«

»Ich wünschte, es wäre schon fertig«, seufzte Vanessa leise.

»Wir sind ein Team. Ich erwarte Unterstützung und dass jeder das Seine dazu beiträgt, es zu einem Erfolg zu machen. Oder wollt ihr in Zukunft von Hartz 4 leben?«

Vanessa schüttelte sich. Vater starrte Finn an. »Meine Söhne machen Abitur und studieren. BWL. Aus denen wird was, definitiv!«, sagte er.

JoJo patschte bestätigend mit seinem Löffel in die Müslipampe.

»Definitiv!«, wiederholte er.

Harry Kaiser ließ noch einen kurzen Sonnenstrahl aufleuchten, mit dem er liebevoll seinen Jüngsten bedachte. »Mein kleiner Kaiser.« Dann wandte er sich Finn zu:

»Dein Kleidungsstil lässt allerdings immer noch zu wünschen übrig. Ich will nicht, dass mein Sohn und Nachfolger rumläuft wie ein Penner. Was sollen die Leute denken?«

Finn sah an seinen Jeans herunter. Die waren sogar sauber. Ebenso wie sein schwarzes T-Shirt mit der blutroten »Eat The Rich«-Aufschrift. Er fuhr sich durch die kurzen schwarzen Haare, die ebenso verstrubbelt waren wie die von JoJo.

»Hier ist doch niemand«, sagte Finn.

»Bin ich etwa niemand?«, donnerte Harry.

»Wirklich«, zirpte Vanessa. »So geht das nicht. Ich gehe mit dir shoppen. Aus dir könnte man etwas machen, du siehst aus wie der Sänger dieser Boygroup, wie war noch mal gleich sein Name?«

»Nein, danke«, sagte Finn.

Er hatte genug Zeit auf verschiedenen Schulen verbracht, war in Schuluniformen gesteckt und von seinen elitären Mitschülern schief angeguckt worden, weil er keinen Wert auf angesagte Klamotten legte.

»Ändere das!«, befahl der Hotelkaiser.

Finn sparte sich die Antwort. Es machte ja doch keinen Unterschied, was er sagte.

»Kann ich dich zum Abendessen erwarten?«, fragte Vanessa vorsichtig. »Es gibt Lachscarpaccio und Salat.«

Finn tauschte einen kurzen Blick mit seinem Vater. Früher hatten sie gerne zusammen Steak und Pommes gegessen. Aber Vanessa war der Meinung, dass sein Vater sich nicht gesund genug ernährte. Er sollte auf seinen Blutdruck achten und nicht so viel Fett essen. Eigentlich hatte Vanessa recht. Seit Mutters Tod war sein Vater ziemlich auseinander gegangen. Und dass er immer so rot wurde im Gesicht, das konnte auch nicht gesund sein.

»Es wird spät werden. Ich muss da noch einiges afterworken«, sagte der Hotelkaiser.

Finn hasste es, wenn sein Vater den Manager-Sprech raushängen ließ. Auch das war früher anders gewesen. Vanessa sah ebenfalls nicht glücklich aus. Das mit dem Afterworken bedeutete bestimmt, dass er irgendwo in ein Restaurant ging. Wenn es hier in der Nähe überhaupt so etwas gab.

»Das ganze Projekt ist wie verflucht«, beschwerte sich sein Vater. »Aber daran sind nur diese verdammten Ökos schuld, die ruinieren mir den ganzen Zeitplan.«

»Nicht fluchen vor den Kindern«, tadelte Vanessa.

»Verdammte Ökos!«, strahlte JoJo.

Vanessa sah seinen Vater mit dieser Ich-hab’s-dir-ja-gesagtMiene an, die sie so oft aufsetzte.

»Was ist mit denen?«, wollte Finn wissen.

»Umweltschützer. Ausgerechnet hier, mitten im Nirgendwo. Anstatt froh zu sein, dass ich der Region Arbeitsplätze und Touristen bringe. Aber nein, sie regen sich auf wegen ein paar Kröten und Krüppelkiefern!«

Finn kannte seinen Vater gut genug, um zu wissen, dass Widerstand den Hotelkaiser nur noch mehr anspornte. Er war sich sicher, dass die Ökos keine Chance hatten.

»Du hältst dich fern von der Baustelle, ist das klar!«

Finns Neugier war geweckt. Er hätte gerne gewusst, wer es wagte, seinem Vater die Stirn zu bieten. Der Hotelkaiser hatte in der ganzen Welt gebaut, und jedes Mal hatten sich die Leute vor Ort förmlich überschlagen vor lauter Glück, dass er ausgerechnet bei ihnen einen seiner modernen Glasund Stahlklötze hinstellen wollte. Dass Harry jetzt auf Wellness machte, war neu. Aber Finn zweifelte nicht daran, dass sein Vater auch diesmal Erfolg haben würde.

»Haltet den Ball flach. Wir sehen uns.«

 »Definitiv«, sagte JoJo.

»Passt mir ja auf meinen kleinen Kaiser auf.«

Harry drückte seinem Jüngsten einen flüchtigen Kuss auf den Kopf. Dann fiel sein Blick auf den Mathe-Ordner, der vor Finn auf dem Küchentisch lag. Seine Miene wurde weich. Ganz kurz und flüchtig sah Finn den alten Vater. Den, der ihn geliebt und ihm zugehört hatte.

»Weiter so«, sagte er zu Finn. Und dann, mit dem nächsten Satz, machte er alles wieder kaputt: »Lerne was Anständiges. Vergeude deine Zeit nicht mehr mit diesen kindischen Kritzeleien.«

»Das sind keine ...«, protestierte Finn, doch sein Vater schnitt ihm das Wort ab:

»Deine schulischen Leistungen in letzter Zeit sind katastrophal. Am Ende des Tages ist es die Bildung, die über Erfolg und Versagen entscheidet, und diese Kritzeleien sind keine Grundlage für ein ordentliches Leben. Du hast doch gesehen, wo das hinführt!«

Finn merkte, dass sein Vater die Worte bereute, kaum dass er sie ausgesprochen hatte. Denn sie erinnerten beide an den schrecklichen Nachmittag, als seine Mutter Julia gestorben war. Stunde Null. Der Beginn einer neuen Zeitrechnung. Die Tage vor Julias Tod: Angefüllt mit Lachen und Farbe. Die Tage nach ihr: Schweigen und Finsternis.

Sein Vater war bereits draußen. Ein Motor heulte auf.

»Ich gehe mich umziehen«, sagte Vanessa. »Wenn ich wiederkomme, seid ihr hier fertig und die Küche ist aufgeräumt!«

JoJo ließ missmutig seinen Löffel in die Müslischüssel patschen.  Das  Tischtuch  tränkte  sich  mit  nasser,  grauer  Pampe.

Finn griff hastig nach seinem Mathe-Ordner. Puh, das war knapp gewesen.


Was soll denn das sein?«

Finn betrachtete den großzügig vollgemalten Papierbogen, den JoJo ihm gereicht hatte.

»Ein Pferd«, sagte der Knirps stolz.

Na ja, wenn man die Augen ein wenig zusammenkniff und nicht so genau hinsah, vielleicht. Ein kubistisches Pferd.

»Gut gemacht«, lobte Finn.

Er hatte den Küchentisch abgeräumt und kaum, dass Vanessa aus dem Haus war, seine Zeichensachen darauf ausgebreitet. JoJo bekam ebenfalls etliche Bögen Papier und ein paar Buntstifte. Wenn das sein Vater spitzkriegte, würde es echt Ärger geben. Aber JoJo hatte sein Ehrenwort gegeben, und das hatte er bisher immer noch gehalten. Erstaunlich für so eine halbe Portion. Erstaunlich auch, dass er sich solange ruhig selbst beschäftigen konnte. Finn hatte fast zwei Stunden Zeit gehabt, um an seinen Bewerbungsblättern zu arbeiten. Blöderweise hatte er zwei Stunden lang nichts anderes getan, als das Katzenmädchen noch ein paar Abenteuer erleben zu lassen. Mit Baumriesen und kleinen grünen Goblins.

Er warf den Bleistift hin, gähnte und reckte sich, sah aus dem Fenster. Blinzelte, sah noch mal hin. Tatsächlich. Es regnete nicht mehr. Das war die Gelegenheit, rauszugehen und die Umgebung zu erkunden. Finn hatte zwar schon am ersten Tag, als sie durch das Kaff gefahren waren, genug gesehen. Nämlich nichts. Aber vielleicht hatte er ja was übersehen. Wär’ doch möglich. Und irgendwie musste er die nächsten sechs Wochen rumkriegen, ohne verrückt zu werden. JoJo war als einzige Gesellschaft auf die Dauer ziemlich anstrengend.

»Los, lass uns rausgehen.«

»Au ja! Spielplatz!«

»Keine Ahnung, ob es hier einen gibt. Wir gucken mal.«

Finn packte die Zeichensachen sorgsam zusammen und schob die Blätter in seinen Mathe-Ordner. Dann nahm er sein Skizzenbuch, die Schachtel mit den Stiften und verstaute alles in seinem kleinen schwarzen Rucksack. Den hatte er immer dabei. Vielleicht gab’s ja hier draußen doch noch was, das sich als Model für seine Bewerbungsmappe eignete. Und wenn nicht, konnte er immer noch die Abenteuer vom Katzenmädchen weiterzeichnen.

JoJo hatte blaue Gummistiefel. Die brauchte er auch. Draußen war es zwar von oben trocken, aber die aufgequollene Erde auf den weichen Wegen saugte an Finns Turnschuhen.

»Guck mal, Finn! Die Katze!«

Tatsächlich, da war sie wieder. Hinten, am Ende des verwilderten Gartens, der hauptsächlich aus Moos, Farnen und giftig gelben Sumpfpflanzen bestand, da, wo der Wald begann. Die Katze saß auf einem dicken alten Baumstumpf, ihr silberfarbenes Fell glänzte, als wäre es aus Regentropfen gemacht. Ihre leicht schräg stehenden grünen Augen musterten Finn eingehend. Einen Moment lang hatte er den Eindruck, dass da mehr war. Nicht nur eine Katze. Sondern etwas dahinter, etwas da drin, das nur Katzenform angenommen hatte. Weil es das konnte.

»Darf ich sie streicheln?« Finn schüttelte den Kopf.

»Nee, geh mal lieber nicht so nah ran. Die ist vielleicht wild.« Die grünen Augen funkelten, unter den zitternden Schnurrhaaren verzog sich das Mäulchen. Grinste diese Katze ihn etwa an? Und jetzt? Ja, tatsächlich, sie streckte ihm die Zunge raus. Ganz eindeutig.

»Die ist sooo süß!«, sagte JoJo und steuerte auf den Baumstumpf zu.

»He, warte!«

Die Katze zwinkerte Finn zu. Dann stand sie auf, reckte und streckte sich. Kurz bevor JoJo sie erreichte, sprang sie mit einem eleganten Satz von ihrem Beobachtungsposten herunter und huschte in den Wald.

»Weg!«, sagte JoJo und blieb stehen.

Finn stellte sich neben ihn. Gemeinsam sahen sie ins dunkle Grün, das soeben die Katze verschluckt hatte. Der Wald hatte nichts Zivilisiertes, nichts, was zu einem Sonntagsspaziergang für die ganze Familie einlud. Dieser Wald sah wirklich wild aus. Knorrige Bäume, von grünem Efeu üppig überwuchert, ein dichtes dunkelgrünes Blätterdach. Auf dem Boden umgestürzte Baumstämme und zu Stolperfallen verschlungenes Wurzelwerk, alles kreuz und quer durcheinander. Es war ein alter Wald, und er wollte keine Besucher.

»Vielleicht wohnt da die Hexe drin«, sagte JoJo. »Und das ist ihre Katze.«

 »Es gibt keine Hexen, Knirps«, sagte Finn. »Außerdem sind Hexenkatzen immer schwarz.«

Sollte es doch welche geben, wäre dies allerdings ein idealer Ort für sie. Aber es gab keine. Basta.

»Gehen wir nachgucken?«, beharrte JoJo.

»Du willst ja nur am Häuschen knuspern, du alte Naschnase.«

»Aber es gibt doch keine Hexen«, sagte JoJo unschuldig.

Der Junge war zu schlau für sein Alter. Finn grinste. Genau vor ihnen begann ein kleiner Pfad sich durchs Unterholz zu schlängeln.

»Also gut. Aber nur ein paar Schritte. Und dann gehen wir ins Dorf.«

»Definitiv«, sagte JoJo und sie tauchten in die grüne Dämmerung unter den Bäumen.

Von den Blättern tropfte Regenwasser, unter ihren Füßen quietschte der Morast. Eine feuchte Kühle schlüpfte unter Finns Sweatshirt und tappte mit kalten Füßen auf seinem Rücken herum. Irgendwo seitlich von ihnen raschelte es.

»Ist sie das?«, wollte JoJo aufgeregt wissen.

Aus dem Dickicht funkelte ein Paar grüner Augen. Finn konnte das Gefühl nicht abschütteln, dass sie mit ihnen spielte. Katz und Maus. Er hatte was dagegen, die Maus zu sein.

»Es reicht, Knirps. Lass uns ins Dorf gehen.« Doch JoJo zog an Finns Hand.

»Guck mal, da vorne, was ist das?«

Der Pfad hatte einen Bogen beschrieben und vor ihnen lichtete sich das Waldesgrün.

»Keine Ahnung«, sagte Finn und ließ sich vorwärts ziehen.

 Sie waren an den Rand einer großen Lichtung gelangt. Auf der anderen Seite führte eine schmale Straße durch den Wald. Neben dieser war ein Stückchen gerodet worden. Die gefällten Bäume lagen wie große borkige Tote am Straßenrand. Ein Bagger stand mit weit aufgerissenem Maul stumm Wache. Über ihm erhob sich mit mörderischer Freude eine große schwarzweiße Anschlagtafel:

Hier entsteht das Wellnesshotel Feengrund 

Bauherr Harry Kaiser

Die klobigen Buchstaben waren bestimmt noch vom Mond aus zu sehen.

»Das ist Vaters Baustelle.«

»Papa?« JoJos Augen leuchteten. »Wo?«

Gute Frage. Finn war zwar neugierig gewesen, hatte aber absolut keine Lust, hier seinem Vater zu begegnen. Er blickte sich um. Es schien überhaupt keiner da zu sein. Abgesehen von dem Bagger und ein paar Baugeräten wirkte es nicht so, als würde hier viel passieren. Kein Wunder, dass sein Vater sauer war.

»Niemand hier«, sagte Finn.

Über ihnen raschelte der Wind in den Blättern. Ein kleiner Schauer von Regentropfen ging auf sie nieder.

»Niemand«, hauchte der Wind. »Niemand.«

»Die Katze!«, rief JoJo.

Sie saß drüben neben den toten Bäumen, hatte ihr silberfarbenes Köpfchen in den Nacken gelegt und maunzte herzzerbrechend. Als würde sie trauern. Trauern? Blödsinn, dachte Finn. Mir wächst wohl doch schon Moos im Gehirn. JoJo hatte bereits die halbe Lichtung überquert. Wenn ein Tier in Not war, konnte man ihn schwer bremsen.

 »Komm zurück«, rief Finn.

Hinter Finn krachte etwas. Er drehte sich um, spähte in das Dickicht. Da, wo sich ihr Pfad um die Ecke schlängelte, bewegte sich da etwas?

»Unerwünscht«, schnarrte eine böse Stimme leise. »Unerwünscht!«

Ja, da  bewegte  sich  wirklich  etwas. Nicht  nur  ein  Etwas. Zwei oder sogar drei kleine Gestalten, kaum größer als JoJo. Grün waren sie und hässlich. Hatten Fledermausohren und in den breit grinsenden Mündern gelbe spitze Zähne. Sie kamen den Pfad entlang gestampft, auf Finn zu. Was hielten die da in den Fäusten? Knüppel! Sie sahen aus, als wären sie geradewegs aus den Illustrationen von JoJos irischem Märchenbuch geklettert: Goblins.

Das gab’s doch gar nicht, was war denn hier los, wo war er da reingeraten? Das war doch ein dummer Witz! Oder nur Lichtund Schattenspiel.

»Guck mal, sie ist ganz lieb!«

JoJo hatte die silberfarbene Katze erreicht. Er streichelte sie, und sie ließ es sich gefallen. Hinter Finn wurden die Geräusche lauter. Er drehte sich nicht um. Ihm war gerade noch eine andere Möglichkeit eingefallen. Kein Licht und Schatten, nichts Merkwürdiges, Übernatürliches. Sondern die Baustellengegner, von denen sein Vater gesprochen hatte. Vielleicht waren die ausgeflippt und militant geworden. Vielleicht war deshalb keiner hier, weil sie Vaters Arbeiter gewaltsam vertrieben und sich dazu in merkwürdige Kostüme gezwängt hatten. Aber warum waren sie so klein?

»Unerwünscht!«

Ja, klar, das hatte er schon kapiert. Vor Finn lag ein dicker Ast auf dem Boden. Nicht besonders gut als Knüppel, aber allemal besser als die spitzen Bleistifte in seinem Rucksack. Finn hob ihn auf, umklammerte ihn fest mit der rechten Hand. Fühlte sich schon ein wenig besser. Betont langsam machte er sich daran, die Lichtung zu überqueren, rüber zu JoJo. Er zuckte zusammen, als unmittelbar hinter ihm ein besonders lautes Krachen ertönte. Die silbergraue Katze sprang drüben auf einen Baumstamm, machte einen Buckel und fauchte in seine Richtung. Sie sah wütend aus, eine kleine Furie.

Das Krachen verstummte. Noch ein leises »Unerwünscht« und dann nichts mehr. Jetzt wagte Finn einen schnellen Blick über seine Schulter. Der Pfad war leer.

»Sie mag mich«, sagte JoJo.

Keine Spur mehr von den Gnomen. Die silbergraue Katze schnurrte und ließ sich von JoJo streicheln. Aus schmalen grünen Augen warf sie erst auf Finn einen prüfenden Blick. Dann auf den Ast in seiner Hand. Sie grinste doch nicht etwa schon wieder? Finn ließ den Ast verlegen fallen.

»Los, wir gehen«, sagte Finn.

Allerdings ganz bestimmt nicht auf demselben Weg, den sie gekommen waren. Aber wo lang sonst?

»Wir können sie doch nicht ganz alleine lassen«, protestierte JoJo.

Die Katze gähnte zierlich. Dann sprang sie vom Baumstamm herunter und machte ein paar Schritte die Straße hinab. Sah sich auffordernd nach ihnen um.

»Die wohnt bestimmt im Dorf«, sagte Finn. Sie würden einfach der Straße folgen.


Über das Kopfsteinpflaster der Hauptstraße wackelten gemütlich drei Gänse und schnatterten miteinander.

»Wo ist sie hin?«

JoJo sah sich suchend um. Die silberfarbene Katze hatte sich davongemacht, kaum dass sie an den ersten Häusern vorbeigekommen waren.

»Nach Hause gegangen«, sagte Finn.

Es war immer noch trocken, obwohl oben am Himmel schon wieder ein paar dunkle Wolken aufzogen. Finn betrachtete die Ansammlung aus Fachwerkhäusern, von denen sich die meisten hinter dunkelgrünen Hecken versteckten. Ansonsten schien Erlbach nur aus einem kleinen Platz in der Dorfmitte zu bestehen.

Hier gab es einen kleinen Tante-Emma-Laden, hinter dessen schmierigen Fensterscheiben grau angelaufene Plastikwürste dekoriert waren. Gleich daneben ein Dorfgasthaus, das Zur Erle hieß, und gegenüber eine kleine Kirche. In der Mitte des Platzes eine große alte Kastanie, darunter ein paar Bänke. Und endlich auch Menschen. Jugendliche, genauer, drei Jungs, ein Mädchen. Sie hatten sich laut unterhalten und gelacht, bis einer der Jungs Finn und JoJo bemerkte und die anderen anstieß. Finn hoffte, dass man sie in Ruhe lassen würde. Er drehte sich zu seinem kleinen Bruder um und erschrak. Ein Mann stand hinter ihnen, als wäre er gerade aus der Hecke gewachsen. Dünn, im Gesicht faltig wie einer dieser teuren chinesischen Hunde, die Vanessa so gerne kaufen würde, wäre Harry nicht strikt gegen Haustiere. SheiPei? Der  Hundemann hatte feuchte braune Augen, verfilztes braunes Haar und roch drei Meter gegen den Wind nach Suff. JoJo betrachtete den Fremden neugierig. Dieser wiederum sah den Knirps mit einem fast schon gierigen Gesichtsausdruck an und nuschelte:

»Du liebes Kind, komm geh mit mir! Gar schöne Spiele spiel’ ich mit dir!«

Ein alter Perverser, auch das noch. Finn griff nach JoJos Arm und zog ihn zu sich heran.

»Der geht nirgendwo hin, schon gar nicht mit Ihnen!« Von den Bänken unter der Kastanie ertönte Gelächter.

»He, Schmidtchen, erschrecke uns die Touristen nicht. Wir brauchen sie noch!« rief einer der Jungs zu ihnen hinüber. Mehr Gelächter, Gejohle.

Der Hundemann zuckte zurück. Die Gier war aus seinem Gesicht verschwunden. Jetzt sah er nur noch wie ein müder alter Säufer aus.

»Er will doch nur spielen«, sagte JoJo. Oder kleine Jungs beißen, dachte Finn.

»In dürren Blättern säuselt der Wind«, flüsterte der Hundemann und blickte Finn an.

Den erinnerte das daran, was er gerade eben noch da draußen im Wald erlebt hatte. Die Stimmen in den Bäumen, und dann diese Gestalten auf dem Pfad. Es war, als würde der Hundemann genau wissen, was passiert war. Verrückt.

»Komm weiter«, sagte Finn und nahm JoJos Hand.

»Nehmt euch vor dem Erlkönig in acht!«, sagte der Hundemann eindringlich zu Finn, und diesmal klang seine Stimme ganz klar und deutlich.

»Schleich dich, Schmidtchen!«

»Mach den Schmidtchen Schleicher!«

Zwei der Jungs waren herüber gekommen und hatten sich neben Finn und JoJo aufgebaut.

Der Mann sah nun wirklich aus wie ein Hund, der Angst vor Prügel hatte. Er murmelte noch etwas Unverständliches und warf einen sehnsüchtigen Blick auf JoJo, dann drehte er sich um und trottete eilig davon.

»Keine Angst, der ist harmlos«, sagte einer der Jungs. Er war ebenso groß wie breit, dazu weizenblond, und hatte etwas von einem Wikingerkrieger. Die Sorte, die mit Vorliebe Siedlungen plünderte und niederbrannte. »Jedes Dorf hat einen Dorftrottel. Schmidtchen ist unserer.«

Finn schätzte es, dass sie den Perversen vertrieben hatten.

Aber er mochte weder ihren Tonfall noch die Art und Weise.

»Neu hier?«

Der Zweite war etwas kleiner, aber genauso weizenblond und kriegerisch. Auch wenn der Gesamteindruck durch sein bonbonrosa T-Shirt etwas gemindert wurde.

»Definitiv!«, sagte JoJo.

»Und Ausländer noch dazu«, sagte der Große. Finn verkniff sich ein Grinsen.

 »Sommerferien«, brachte er betont unverbindlich heraus.

»Siehste, Touristen, sag ich doch. Es geht schon los«, freute sich der Große. »Ich bin Ronny. Mein Vater ist der Bürgermeister. Wenn Schmidtchen euch Probleme macht, komm einfach zu mir. Der alte Penner hat schon öfter in der Ausnüchterungszelle übernachtet.«