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Inhaltsverzeichnis
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Buch
Mädchen rechnen schlechter als Jungen, und Blondinen sind dumm. Das sind bloße Behauptungen, reine Vorurteile. Doch verfehlen sie ihre Wirkung nicht, wie Sozialpsychologen herausgefunden haben. Vorurteile halten sich hartnäckig und leiten unser Verhalten – meistens weit mehr, als uns bewusst ist. Der Sozialpsychologe Jens Förster hat untersucht, wie Vorurteile unsere Leistung beeinflussen. Seine These: Vorurteile sind an ganz bestimmte Erwartungen geknüpfte Prophezeiungen, die sich selbst erfüllen. Förster verbindet wissenschaftliche Erkenntnis mit anschaulichen Berichten von persönlichen Alltagserfahrungen, um zu erklären, wie Vorurteile und Stereotype zustande kommen, was sie anrichten, welche positiven Auswirkungen sie mitunter haben und wie wir das Brett vorm Kopf wieder loswerden können.

Autor
Jens Förster, geboren 1965, ist nicht nur Professor der Sozialpsychologie an der Universität Amsterdam, wo er Ursache und Wirkung von Vorurteilen erforscht, sondern auch Chansonnier und Kabarettist und wurde selbst immer wieder mit festgefügten Vorurteilen konfrontiert. »Kleine Einführung in das SchubladenDenken« vereint fundierte Forschungsergebnisse und persönliche Erfahrung des Autors.

Für Fritz Strack, der den Wissenschaftler in mir entdeckt hat
 
Für Frank G. Hirschmann, der den Künstler in mir geweckt hat
 
Und für Manfred Nußbaum, dem das im richtigen Moment so völlig egal ist

KAPITEL 1
Von Vorurteilen, Stereotypen und Diskriminierung
Warum meine Mutter beim Gedanken an Vorurteile schlesische Torten zerhackt. Was wir von Hochhäusern, Fitnesstrainern und Obdachlosen im Kopf haben. Von Wissen, das manchmal Pseudowissen ist, Emotionen, die nicht zu bändigen sind, und menschlichem Verhalten, das unmenschlich ist. Und über von Menschen gemachte Normen, die uns im Zaum halten.
 
 
 
Als ich zehn Jahre alt war, passierten viele aufregende Sachen in meinem Leben. Meine Eltern zogen mit uns in eine Eigentumswohnung, die im dritten Stock eines 38-Apartmenthauses am Rande der Stadt lag, und ich kam aufs Gymnasium. Ich musste mir neue Freunde suchen. Das war nicht so leicht, denn in dem neuen Haus gab es tatsächlich kein einziges Kind, das mich interessierte, und aus meiner alten Schule wechselten nur wenige Schüler aufs Gymnasium – und das waren ausgerechnet diejenigen, die ich nicht so toll fand. Ich war nicht auf den Mund gefallen, und nach ein paar Wochen hatte ich endlich einen netten Jungen gefunden, den man als Freund mal ausprobieren konnte. Er wohnte in der Stadt, seine Eltern hatten ein Geschäft in der Hauptstraße, und wir verbrachten einen Tag bei ihm zu Hause. Ich fand ihn langweilig, obwohl er komisch sprach, sehr hochgestochen, etwas abgehoben, aber ich gab ihm eine Chance, denn langweiliger als meine Einsamkeit konnte eine – wenn auch nicht perfekte – Freundschaft kaum sein. Und eine verschrobene Sprache ist ja schon mal was!
Das nächste Mal sollte er zu mir kommen. Meine Mutter hatte schlesischen Kuchen gebacken und die Wohnung auf Vordermann gebracht. Wir fuhren nach der Schule mit den Rädern zu uns raus, und ich plapperte viel, weil ich aufgeregt war, ob ihm unsere Familie, mein Aquarium und meine Bücher wohl gefallen würden. Als wir in der Hertwigstraße waren, zeigte ich auf den Wohnkomplex am Horizont: »Da wohne ich, Gernot!« Gernot stoppte sein Rad und fragte sichtlich verstört: »Da? Da wohnst du?« Ich wusste nicht, was er meinte, und rief: »Ja, komm, wir wohnen im dritten Stock, das ist cool, wir können von da oben das ganze Wiehengebirge sehen.« Er drehte sein Fahrrad in Richtung Stadt, sagte: »Hmm, Jens, aber ich kann da nicht mit hin. Wir haben bei uns zu Hause eben Vorurteile gegen Hochhäuser.« Und fuhr weg.
Es war das erste Mal, dass ich bewusst das Wort »Vorurteil« hörte, und ich glaube, ich habe geweint und bin ein wenig in die Felder gefahren, was ich immer tat, wenn was los war und ich zur Ruhe kommen musste. Meine Mutter hatte gewartet und war wütend und traurig zugleich. Ich erzählte ihr alles und fragte sie, was ein Vorurteil sei. Sie erklärte es mir. Ich sehe sie vor mir, wie sie dabei die Torte schnitt, die Gernot nun nicht genießen konnte. Sie schnitt und schnitt die wunderbare Torte in so viele kleine Teile, dass man die verhunzten Stücke kaum auf den Teller manövrieren konnte, denn die schlesische Torte ist eine leichte Quarktorte, die auf der Zunge zergeht und sehr fragil ist. Nun wurde sie, von wütenden Erklärungen begleitet, vor meinen Kinderaugen zerfetzt.
»Vorurteile! Das sind dumme Urteile! Dumme Urteile! Dummer Menschen! Dummer Menschen, die nicht wissen, was sie sagen. Das ist Hass. Dummer, unbegründeter Hass dummer Menschen. Wir haben uns krummgelegt für diese Wohnung. Wir haben alles für euch getan! Damit ihr anständig wohnt.«
Mama musste sich setzen. Sie ist keine hysterische Frau. Sie ist sehr vernünftig und weiß, wovon sie spricht. Aber jetzt rastete sie schlichtweg aus. Das musste etwas wirklich Schlimmes sein, so ein Vorurteil!
»Wisst ihr, als wir fliehen mussten und nach Uchte kamen, da waren wir Flüchtlinge an allem schuld. Wenn ein harter Winter kam, waren es die Flüchtlinge. Kamen die Kartoffelkäfer, waren es die Flüchtlinge. Wurde die falsche Partei gewählt, an allem, aber wirklich an allem, waren die Flüchtlinge schuld! Ich hatte keine Freunde, man machte einen großen Bogen um unser Haus, und der Lehrer nahm mich nie dran, obwohl ich die Beste war! Das, Jens, das ist ein Vorurteil. Hass gegen diejenigen, die anders sind, ohne dass sie etwas dafür können. Ein Urteil, bevor man mit jemandem überhaupt gesprochen hat. Und die Vorurteile treffen vor allem die Schwachen. Wenn jemand unten liegt, dann kommen die anderen wie Ratten aus den Löchern und treten nach. Manche Leute halten sich tatsächlich für etwas Besseres, sie halten sich für die Größten. Und dann fangen sie an, auf die Schwachen einzudreschen. Was kann ich denn dafür, dass wir flüchten mussten?«, sie holte tief Luft, und das Messer zerhackte die Torte und ihre weiteren Sätze. »Wenn ein Vorurteil wirkt, dann kann man machen – was – man – will! Sie hören nicht auf. Sie hören einfach nicht auf!«
Es schien, als hätte sie an diesem Tag den Kampf verloren. Sie hatte sich zusammen mit meinem Vater halb tot gearbeitet für uns. Sie, der Flüchtling, und er, der Kriegswaise, hatten sich aus dem sozialen Wohnungsbau hochgearbeitet. Er mit vier Jahren Schule, sie mit einer Ausbildung als Lederwarenstepperin hatten es geschafft, eine Wohnung zu kaufen, ohne jegliches Kapital im Hintergrund, förmlich aus dem Nichts, mit unglaublicher Disziplin und striktem Sparen, Sparen, Sparen. Mit zusätzlichen Arbeiten wie Hähnchengrillen auf Jahrmärkten, Gummibärenverkauf in Badeanstalten neben ihren Berufen als kaufmännischer Angestellter und Schuhverkäuferin. All das hatten sie für ihre drei Jungs getan, damit sie es mal besser hätten. Der Große, also ich, ging aufs Gymnasium, hatte passable Noten, las Bücher und ansonsten konnte man sich über sein Benehmen nicht sonderlich beklagen. Die anderen beiden standen ihm in nichts nach, auch sie würden sicherlich auf das – für meine Eltern damals recht teure – Gymnasium gehen wollen. Und jetzt schien es ihnen so, als hätten alle diese Anstrengungen nicht ausgereicht. Jetzt holte es sie wieder ein: das Vorurteil.
Ich hatte das aber immer noch nicht verstanden. Ich dachte, entweder man mag sich oder man mag sich eben nicht. Was war denn gegen eine Eigentumswohnung zu sagen? Schließlich floss bei Gernots Eltern das Spülwasser direkt in die Gosse, das hatte ich selbst gesehen. Ich wusste gar nicht, was er gegen eine so schicke, neue Eigentumswohnung hatte, wo alles so gut funktionierte und mich keine anderen Kinder hänselten, so wie es in der Mietwohnung ständig passiert war.
Meine erste Begegnung mit dem Vorurteil bescherte mir eine fast unbegreifliche Situation: Da stand meine wütende Mutter über einer zermatschten Torte, nebenan brüllte mein kleiner, dicker, Bruder Uli, für den Torten sogar wichtiger waren als sein kleiner, noch dickerer Dackel. Und mit Gernot war es seitdem komisch: Er schaute mich nicht mehr an, grüßte mich kaum, und beim Sport wählte er mich nie in seine Mannschaft. Gernot war in der Unterstufe einer der Besten. Das war ich nicht. Der Übergang zum Gymnasium war schwieriger, als ich dachte. Ich träumte mich in bessere Welten und musste viel nachdenken. Ich musste auch oft in die Felder gehen. Schon bald aber hatte ich die ostwestfälische Monokultur mit ihren Feldern und Rasenflächen satt und wanderte lieber durch beinahe alle Bände der Kirchenbücherei: Kleist, Lasker-Schüler, Kafka, Freud, Brecht, Sartre, Shakespeare und was sonst noch so da war. Und wenn ich etwas nicht bekam, weil ich dafür angeblich zu jung war, klopfte ich bei Frau Walter, meiner Lieblingslehrerin, an, und sie gab mir das Buch und meist noch ein französisches oder englisches und eins von Heine obendrauf. Irgendwann war ich wieder richtig gut in der Schule, denn von guten Schriftstellern lernt man mehr als aus schlechten Lehrbüchern. Irgendwann kamen auch Schulfreunde zu uns nach Hause, und es gingen viele schlesische Torten über unseren Tisch. Ich schwor mir, irgendwann Gernot meine Meinung zu sagen. Dazu hatte ich aber nie Gelegenheit, und zu den zehn- und zwanzigjährigen Klassentreffen konnte ich nie kommen, weil ich so beschäftigt war. Ich hatte mir damals auch geschworen, erst einmal zu erforschen, was an Gernot eigentlich so mies war. Schließlich war der Junge nicht dumm und wusste mit zehn Jahren, was ein Vorurteil war. Aber: Warum hatte er mich mit seinem Verhalten so verletzt?
Ich schrieb mich für Psychologie ein und widmete mich besonders der Psychologie des normalen Menschen. Der Psychologie der Gernots, der Französischlehrerinnen und Schuhverkäufer. Das Fach heißt Sozialpsychologie. Ich studierte, wie wir andere Personen beurteilen, was wir uns von ihnen merken, wie Vorurteile entstehen, wirken und wie viele Facetten sie haben. Ist es so, wie meine Mutter meinte, dass wir vor allem Schwachen gegenüber Vorurteile haben? Ist es so, dass Vorurteile vor allem abstruse Ansichten beinhalten, also von vornherein falsch sind? Kann man nichts anderes gegen sie tun, als wütend gegen sie aufzubegehren? Und ist vor allem Hass eine Brutstätte für Vorurteile, wie meine Mutter unterstellte?
Ich denke, nach zwanzig Jahren Forschung sollte ich in der Lage sein, Antworten auf diese Fragen zu formulieren, die, frei von jedem Rachegedanken aufzeigen, was Gernot antrieb. Ich habe durch mein Studium gelernt, wie normal und allgegenwärtig Vorurteile sind. Und dass wir alle irgendwie Gernots sind.
Ich werde Ihnen dabei durchaus unangenehme Dinge zu berichten haben. Bisher bin ich in der Geschichte ja der Gute, der Gerechte, der Jens, dem Übles widerfahren ist. Die arme Torte, die Tränen der Mutter, der auf dem Absatz kehrtmachende Gernot, das Spülwasser in der Gosse der Hauptstraße sind natürlich nur die halbe Wahrheit. Ich werde Ihnen erzählen müssen, dass Sie Vorurteile haben. Dass wir alle Vorurteile haben. Und dass sie manchmal unser Verhalten leiten, ohne dass wir uns dessen bewusst sind. Dass sie nicht nur auf Hass gründen, sondern Teil unseres menschlichen Wahrnehmungs- und Gedächtnissystems sind. Dass wir sie gegen fast jede menschliche Gruppe hegen, gegenüber Reichen wie gegenüber Armen, gegenüber Frauen und Männern, gegenüber Ausländern, Fitnesstrainern, Blondinen, Regisseuren – gegen jeden und jede. Manchmal bemerken wir diese Vorurteile im Gegenüber gar nicht, und manchmal überraschen sie uns.
Auch ich habe einst einem Freund den Laufpass gegeben. Ich war zwei Jahre lang mit Michael befreundet gewesen, als wir an einem lauschigen Sommerabend an einem See saßen, Mozart aus einem Kassettenrekorder hörten und er plötzlich sagte: »Weißt du, Sabine ist ja nett und sieht auch gut aus, aber sie hört dauernd Barbra Streisand. Kannst du dir das vorstellen? Dreimal am Tag Yentl rauf und runter. Ich kann dir sagen, diese jüdische Mucke geht mir so dermaßen auf die Nerven, dass ich manchmal meinen Kopf gegen die Wand schlagen möchte.« Ich dachte, ich hörte nicht richtig, aber dann fing er erst richtig an und erzählte von seinem Stolz, ein Deutscher zu sein, der Übertreibung des Holocausts und all dem blöden Quatsch. Ich war sehr ärgerlich und handelte wie viele Feiglinge – ich meldete mich nicht mehr bei ihm und gab ihm einfach seine Kassetten nicht zurück.
Antisemitismus! Dummer Hass gegen eine Gruppe von Menschen, die man kaum kennt. Und das von einem Freund?
Mit solchen Leuten will ich nichts zu tun haben – das ist auch heute noch so. Diese Einstellung hat sich schon in sehr jungen Jahren bei mir entwickelt, und ich werde sie niemals mehr ändern. Die Generation meiner Eltern konnte nämlich noch viele Geschichten über den Holocaust erzählen, zum Beispiel diese hier: Die Familie meiner Mutter wohnte mit einem Stall voll Kindern in einem Haus in Landeshut, Niederschlesien. Man lebte so vor sich hin, man war nicht politisch interessiert und kam selten über die Grenzen des Dorfs hinaus. Man hatte keinen Ehrgeiz, in keine Richtung, es lief ja alles, man blieb im Dorf, man fiel nicht auf, man machte, was alle machten. Bis das KZ in der Nachbarschaft gebaut wurde. Man wunderte sich. Was war das? Man glaubte, es würde schon seine Richtigkeit damit haben. Nachgefragt wurde nicht, und als dann der Krieg kam, da hatte man Angst, vor allem um die Kinder und was aus allem werden würde. Auch die Geschehnisse im KZ blieben nicht unbemerkt. Man hörte Schüsse, man hörte Schreie, und immer wieder kamen Transporte an. Aber die durfte keiner beobachten. Eine Vorhut von Uniformierten befahl den Dorfbewohnern, die Fenster zu schließen, sich mit dem Rücken zur Straße zu stellen oder die Augen zuzumachen. Das machte die Dorfbewohner erst recht neugierig. Sie stellten ihre Kinder zum Beobachten an. Nur Kinder durften hinsehen, ohne geschlagen oder mitgenommen zu werden. Meine Mutter war so ein Kind, drei, vier, fünf Jahre alt. Sie sollte hinschauen und erzählen, was sie gesehen hatte. Das, was das Kind sehen musste, war unendliches Leid. Angst in den Gesichtern. Schlimme Wunden. Stumme Hilferufe. Ein so junges Kind versteht nichts von Faschismus, aber es versteht, wenn es anderen schlecht geht. Das Kind wurde dann auch nachts zum KZ mitgenommen, als man anfing, Brot über den Zaun zu werfen. Man war nicht sicher, wer es finden würde und ob es überhaupt gefunden wurde. Es war eine hilflose, mitfühlende Geste; keine, die einen zum Helden macht, keine, die wirklich geholfen hätte, aber eine, die die Familie meiner Mutter über die meines Vaters stellt, der von einer angeblichen »von« adoptiert wurde, weil sie und ihr Mann, der Polizist, unbedingt einen Sohn in der Familie haben wollten. Meine Mutter war damals die beste Verteidigung gegen Gewehrläufe, die möglicherweise gegen einen gerichtet wurden; schließlich war sie ja ein deutsches Mädchen, ein blondes, schönes Kind mit dicken Locken. Das Kind wird den Nazis nie verzeihen, dass es niemand anderem erlaubt war, die Transporte zu sehen; das Kind wird auch niemals vergessen, wie sehr es sich über jedes Brot freute, das über den Zaun flog zu den Menschen, die so dünn waren, wie es noch kein Tier gesehen hatte.
Meine unter anderem aus solchen Geschichten gewachsene Einstellung Antisemiten gegenüber werde ich mit fast allen Lesern dieses Buches teilen. Und vermutlich hätten auch Sie sich von einem Freund wie Michael getrennt. Erstaunlich ist, dass ich mir mehr als zwei Jahre lang seiner Gesinnung nicht bewusst war. Gut, wir hatten wenig über Politik geredet, unser Thema war die Musik und die Literatur, aber trotzdem ist es mir bis heute rätselhaft, wie lange ich mit einem Antisemiten befreundet war. Offensichtlich hatte er es verstanden, mir gegenüber seine Einstellung gut zu verbergen. Offensichtlich hatte er gesellschaftliche Normen befolgt, denen zufolge wir andere nicht diskriminieren sollen. Normen werden von Mitgliedern einer Gruppe geschaffen und definieren, welches Verhalten wir akzeptieren und welches wir ablehnen. Normen sind Gesetze, die nicht unbedingt niedergeschrieben werden müssen. Sie können verinnerlicht oder als Druck von außen empfunden werden. Für Michael war es eine von außen aufgepropfte Norm, zu verschweigen, dass er Türken, Schwarze, Juden, kurz, alles andere als »das Deutsche«, verachtete. Denn wer Normen übertritt, hat üblicherweise mit Sanktionen zu rechnen. Und deshalb behielt er seine Haltung lange Zeit für sich.
Michael muss sich also sehr sicher gewesen zu sein, dass ich seine Einstellung teile, als er sie mir kundtat. Etwas, das mich sehr gekränkt hat. Wie konnte er nur denken, dass ich so etwas unterstützen würde? Ich habe Antisemiten und Faschisten immer schon für die widerlichsten Menschen gehalten, die es gibt, und letztendlich nie begriffen, wie eine solche Haltung möglich werden kann. Sollte man deshalb in meinem Fall nicht besser von einem Urteil sprechen? Und bei Gernots Handeln und Michaels Einstellung von einem Vorurteil?

Was ist eigentlich ein Vorurteil?

Vorurteile sind durch Erwartungen gefärbte Urteile, die zunächst nichts mit der Person an sich zu tun haben, sondern mit ihrer Gruppenzugehörigkeit. Und manchmal ist diese Gruppenzugehörigkeit das Einzige, was wir von einem Menschen wissen. Stellen Sie sich vor, Sie werden auf einer Party einem Fitnesstrainer vorgestellt: »Gestatten, das ist Herr Birkenkötter, er hat dieses tolle Fitnessstudio im Viertel.« Welche Erwartung hätten Sie? Vermutlich würden Sie denken, dass unter dem Hemd ein ziemlich knackiger Körper steckt. Ihr Urteil über seine geistigen Leistungen hingegen wird wahrscheinlich weniger positiv ausfallen. Aus irgendeinem Grund halten wir Fitnesstrainer zunächst einmal für nicht besonders intelligent. Das ist das Erste, was wir (das heißt viele) mit dieser gesellschaftlichen oder sozialen Gruppe assoziieren. Und wir glauben, sie seien gut trainiert. Bei Professoren erwarten wir das Gegenteil: einen schwabbeligen oder abgemagerten (keinesfalls aber athletischen) Körper und Intelligenz. Gruppeninformation ist das Erste, was wir haben, wenn wir einer Person begegnen, denn jede Person lässt sich zunächst einmal einer bestimmten Kategorie von Leuten zuweisen. Auch wenn wir noch so wenig wissen über eine Person, sehen wir doch wenigstens sofort, ob es sich dabei um eine Frau oder einen Mann handelt, ob sie teuer oder billig gekleidet ist, ob sie eine dunkle oder eine helle Hautfarbe hat, ob sie alt oder jung ist. Allein diese Information reicht aus, um in unserem Gedächtnis ein Vorurteil hervorzurufen. Frauen? Können weder Auto fahren noch rechnen, kochen gut und lieben Handarbeiten und Haustiere. Schwarze? Hängen in heruntergekommenen Gettos rum, spielen Basketball, dealen, sind sowieso oft kriminell, sind ganz gute Sänger und Tänzer, aber gebildet? Wohl eher nicht. Obdachlose? Haben ein psychisches Problem, trinken, haben versagt, sind selbst schuld an ihrer Misere. Geschlecht, Alter, sozialer Status und Hautfarbe sind grundlegende Kategorien, an die Vorurteile geknüpft sind. Speziellere Vorurteile hingegen hegen wir gegenüber gesellschaftlichen Rollen, wie zum Beispiel Müttern, Vätern, Lehrern, Fitnesstrainern, Vorgesetzten und Putzfrauen. Die Liste ist unendlich lang, und es kommen immer neue Kategorien hinzu, etwa VIVA-Moderatorinnen (aufgeregt und wortgewandt), Callcenter (nervig) und Scheidungskinder (selbstbewusst und unsozial).
Je näher wir eine Person kennen, umso mehr Informationen haben wir über sie und umso weniger formen Gruppenerwartungen unsere Urteile. Da sind wir wieder bei Gernot: Er kannte mich ja eigentlich nicht richtig, und eine einzige Information über eine Gruppenzugehörigkeit, meinen sozialen Status, reichte aus, eine Freundschaft im Keim zu ersticken. Bei Michael ist der Fall etwas komplizierter: Ihn kannte ich ja schon etwas besser, und vor allem habe ich damals geglaubt, dass ein intelligenter Mensch kein Antisemit sein kann. Das heißt, zumindest hier hatte mein Vorurteil über intelligente Menschen oder solche, die Heinelieder hören, gewirkt: Ich hätte nicht gedacht, dass sie anders sein können als politisch vernünftig. Vermutlich hat genau dieses Vorurteil meine Wahrnehmung gestört, und ich war blind geworden für jegliche Anzeichen seiner Einstellung.
Aber bringen wir es auf den Punkt: Ich selbst habe nach meiner Definition ein starkes Vorurteil gegenüber Faschisten und Antisemiten. Ich möchte nichts mit ihnen zu tun haben. Ich empfinde Ekel, allein wenn ich das Wort höre oder sehe, wie Neofaschisten polternd durch die Straßen ziehen. Mir kommt der Hass, wenn ich ihre armselige und verkümmerte Musik höre. Und wenn auch alle Freunde bei mir immer eine zweite, dritte Chance haben, ein Faschist hat bei mir eben keine einzige. Und bei dieser Meinung bleibe ich auch bis zum Ende des Buches und bis zum Ende meines Lebens. Aber genau genommen, ist das ein Vorurteil. Denn ich kenne nicht einen von ihnen persönlich; und damit ist zwangsläufig jedes Urteil über diese Personen ein Vorurteil, ein Urteil aufgrund von Gruppeninformationen. Nun kann ich Ihr Unbehagen bei der Vorstellung, ein Urteil gegenüber Faschisten sei ein Vorurteil, sehr gut verstehen. Weiß ich nicht mehr über sie als ein Faschist über die schwer zu definierende Gruppe der »Ausländer«?
Ja und nein. Ich habe Bücherwissen, und ich vertraue meinen Büchern, denn es sind gute Bücher, und sie wurden von vernünftigen Leuten geschrieben. Aber die Nazis haben sicherlich auch ihren Büchern und Autoren getraut; und sie haben sicherlich gedacht, sie wüssten alles über Juden.
Häufig definieren wir uns dadurch, was wir mögen und was wir nicht mögen, und das scheint uns sehr wichtig zu sein. Ich definiere mich selbst als eine Person, die keine Faschisten mag, das tun auch alle meine Freunde, und dieses Merkmal definiert damit mich und meine Identität, aber auch die Identität meiner Clique: Wir sind gegen Faschisten. Und der Kontakt zu ihnen, der nötig wäre, um aus einem Vorurteil ein (faires) Urteil über einen bestimmten Faschisten zu ermöglichen, ist sogar unerwünscht – ich möchte ihn nicht, und meine Freunde würden so etwas auch nicht von mir verlangen. Damit ist ein Vorurteil identitätsstiftend.
Wir werden später sehen, dass das eine Funktion von Vorurteilen ist: Sie enthalten nicht nur eine bestimmte Erwartung, sondern sie sind auch ein wichtiges Mittel, um sich von anderen abzugrenzen oder, positiver ausgedrückt, sich eine eigene Identität zu geben: »Ich bin jemand, der schlaue Menschen mag, und ich bin jemand, der dummen Faschismus verabscheut.« Psychologisch gesehen mag bei Gernot etwas Ähnliches im Kopf abgelaufen sein, als er mit seinem Fahhrad auf dem Absatz kehrtgemacht hat: »Ich bin keiner, der mit Leuten aus Hochhäusern spielt!« Und es mag Ähnliches im Kopf eines Faschisten vorgehen, wenn er aus noch so abstrusen Gründen sagt: »Ich bin niemand, der beim Türken Gemüse kauft!« Psychologisch gesehen geht es hier darum, dass eine Person bestimmte Gruppen mag und andere nicht und dieses Urteil sich kategorisch auf alle Mitglieder der Gruppe erstreckt.
In meiner Definition des Vorurteils mache ich keine Aussage bezüglich der moralischen Wertigkeit. Gordon Allport, einer der großen Vorurteilsexperten, der unser Gebiet etabliert hat, und viele andere Kollegen mit ihm hätten es vermutlich bedenklich gefunden, wenn man die Abneigung gegenüber Faschisten, aber auch gegenüber Mördern, Kinderschändern, Vergewaltigern, Selbstmordattentätern, Terroristen, Steuerbetrügern etc. als Vorurteil bezeichnet hätte, denn das sind Menschen, die unsere Gesellschaft gefährden. Hier erscheint eine Abneigung sogar als vernünftig, da diese Leute Unrecht tun, andere schädigen, Menschen diskriminieren etc. Aber es hilft alles nichts: Ein Vorurteil ist ein Urteil aufgrund einer vorgefertigten Einstellung gegenüber einem Mitglied einer Gruppe, das man nicht genügend kennt. Und das trifft auf die oben genannten Gruppen ebenfalls zu.
Weiterhin gibt es Vorurteile, die an bestimmte Bedingungen geknüpft sind: »Ich mag Frauen, wenn sie nicht so viel reden« ist zum Beispiel eines, was nicht die gesamte Gruppe der Frauen aus dem Kreis derer ausschließt, die man mag, sondern nur diejenigen, die sich hübsch aufs Sofa setzen und einfach zuhören. Genauso sagen manche, »Ich mag Schwarze, wenn sie eine Arbeit haben«, »Ich mag Alte, wenn sie nicht vertrottelt sind« oder »Ich mag Kinder, wenn sie ruhig sind«. Auch diese Wenn-Vorurteile (ich mag euch, wenn …) reflektieren eine generelle Erwartung, sonst hätte man ja gar nicht erst eine Einschränkung gemacht. Also: Schwarze sind faul, kriminell und arbeitslos – aber diejenigen, die anständig arbeiten, sind in Ordnung. Alte sind vertrottelt – aber die, die nicht vergesslich sind, mag ich. Kinder sind Nervensägen – aber wenn sie nicht schreien und grölen, dann mag ich sie. Frauen quatschen viel – und wenn sie das nicht tun, dann finde ich sie okay.
Vorurteile beinhalten also generell sehr vereinfachte Bilder, Assoziationen und Vorstellungen über Mitglieder einer Kategorie von Menschen; sie spiegeln Erwartungen wider: dass sie bestimmte Dinge tun, sich in einer bestimmten Weise kleiden und benehmen und ihre Stärken und Schwächen in unterschiedlichen Gebieten haben.
Bilder von Personen und Gruppen können aber auch vorteilhaft sein: »Männer sind gute Naturwissenschaftler«, »Frauen sind sprachbegabt«, »Alte sind weise«, »Schwarze sind die besten Musiker«, »Ostdeutsche sind sozial« und »Leute der sozialen Unterschicht sind gesellig«, »Schwule sind kreativ« und »Lesben sind sportlich« sind nur einige von diesen positiven Erwartungen. Kann also auch ein Vorurteil positiv sein? Ich denke ja, aber für die meisten Sozialpsychologen geht dies so völlig gegen unseren Sprachgebrauch, dass man für solche Erwartungen, die positiv oder sogar manchmal ganz neutral sein können, den Begriff »Stereotyp« geprägt hat.

Was ist ein Stereotyp?

Stereotypen bezeichnen das Wissen über bestimmte Gruppen und können positive, neutrale und negative Aspekte beinhalten. Vorurteile dagegen sind den meisten Forschern zufolge immer eindeutig negativ. Damit sich der Begriff »Vorurteil« erkennbar von dem Begriff »Stereotyp« unterscheidet, hat man folgende weitere Unterscheidung getroffen: Während ein Vorurteil eine Emotion beinhaltet, ist ein Stereotyp eine relativ emotionslose Vorstellung, so wie Wissen, das nicht notwendigerweise emotional behaftet ist.
Im Klartext: Gernots Abneigung gegenüber Hochhausbewohnern ist ein Vorurteil, an dem ganz klar eine Emotion wie Abscheu oder Verachtung beteiligt war, die sich deutlich in einem abwehrenden Verhalten und seinem Gesichtsausdruck zeigte. Meine Abneigung gegenüber Faschisten ist auch ein solches Vorurteil. Ganz klar habe ich starke negative Emotionen gegen diese Leute.
Für mich ist entscheidend, ob eine emotionale Reaktion ein vorgefertigtes Urteil begleitet; immer wenn das der Fall ist, handelt es sich um ein Vorurteil und nicht um ein Stereotyp. Daher sollte man das Wort Vorurteil auch für positive Emotionen gegenüber Gruppen zulassen. Wenn ich zum Beispiel aufgrund einer positiven Emotion, die ich mit einer bestimmten Gruppe verbinde, eine fremde Person dieser Gruppe besonders freundlich behandle, dann ist für mich ebenso ein Vorurteil im Spiel.
Ein Stereotyp hingegen betrachte ich als ein »kaltes« Wissen oder Pseudowissen über eine Gruppe – es beinhaltet all die Informationen, die einen nicht unbedingt stark emotional erregen müssen. Ich weiß etwa, dass Afrikanerinnen bei olympischen Wettspielen häufig schneller sind als europäische Frauen. Dies ist wiederum eine Erwartung, die ich an beide Gruppen habe. Sie lässt mich aber emotional kalt. Ich interessiere mich nicht für Sport, und es freut mich deshalb weder wenn die eine noch die andere gewinnt. Wenn ich allerdings daraus schlussfolgere: »Europäische Frauen sind unsportlich, sie sollten besser aufhören zu laufen!«, zeigt das, dass mir dieser Unterschied offensichtlich wichtig ist und ich eine Gruppe weniger mag. In diesem Falle handelt es sich um ein Vorurteil.
Anderes Beispiel: Ich weiß, dass viele denken, dass »Zigeuner klauen«. Neben der Tatsache, dass mir Sinti und Roma einfach gleichgültig sind – weder mag ich sie, noch mag ich sie nicht -, glaube ich diese Behauptung schlichtweg nicht. Damit aus diesem Stereotyp ein Vorurteil werden könnte, müsste mich die Gruppe interessieren, und ich müsste das Stereotyp glauben. Man nennt das Stereotypakzeptanz, das heißt, wir haben nicht nur das Wissen: »Zigeuner klauen«, sondern halten darüber hinaus diese Aussage für wahr. Die Akzeptanz von solchen Behauptungen (»die stehlen«) macht aus dem Stereotyp ein Vorurteil, denn wenn man bewertende Aussagen über Gruppen akzeptiert, ruft dies auch eine emotionale Reaktion hervor.
Das Stereotyp ist also ein Wissen über die Erwartungen gegenüber einer Gruppe. Man kann auch sagen: Stereotype sind emotionslose Gedanken über bestimmte Gruppen, die Erwartungen, Bilder und Assoziationen enthalten. Man muss aber nicht an sie glauben. Vorurteile dagegen sind emotionale, persönliche negative und positive Urteile über bestimmte Gruppen.
Wenn man sich die hier genannten Beispiele anschaut, kann man dann nicht sagen, dass alle oder wenigstens viele Vorurteile und Stereotype einen wahren Kern enthalten?
Ich habe ja von Stereotypen als »Wissen über eine Gruppe« gesprochen. Ich meine damit aber nicht, dass dieses Wissen notwendigerweise richtig ist, so wie dieser Begriff ja landläufig gebraucht wird. Psychologisch gesehen ist Wissen einfach eine Struktur von Assoziationen, die eine Wenn-Dann-Verknüpfung enthält (im Sinne von »wenn du auf eine heiße Herdplatte fasst, dann verbrennst du dich«) und die wir auf deren Wahrheitsgehalt hin überprüfen können. Diese Struktur kann falsch oder richtig sein. In unserem Gedächntnis haben wir viel falsches Wissen über alles Mögliche gespeichert. Viele glauben beispielsweise, dass Löwen die gefährlichsten Tiere Afrikas sind. Falsch, es ist das Nilpferd. Viele glauben, dass Alkohol im Winter wärmt. Falsch, er kühlt den Körper aus. Viele glauben, je kleiner das Hirn, desto geringer die Intelligenz. Falsch, Elefanten (Hirngewicht 5000 gr.) sind nicht schlauer als wir, und Frauen (Hirngewicht 1200 gr.) nicht dümmer als Männer (Hirngewicht 1400 gr.).
So verhält es sich auch bei Wissen über Menschen, denn was anderes sind Stereotype ja nicht. Und da gibt es richtiges und falsches Wissen über Gruppen. Zum Beispiel ist es so, dass Männer im Schnitt größer sind als Frauen und im Schnitt schneller laufen und höher springen – so sieht man es ja bei sportlichen Wettkämpfen. Aber dass Frauen keine mathematische Begabung haben und nicht Autofahren können, stimmt so schon mal nicht, wie wissenschaftliche Studien belegen. Und trotzdem haben viele es so im Kopf. Wissen kann also falsch, und es kann richtig sein. Wissen ist auch kulturabhängig. Becca Levy und Ellen Langer fanden etwa heraus, dass das Stereotyp gegenüber Alten in westlichen Kulturen, zum Beispiel bei uns, viel negativer ist als in östlichen, asiatischen Kulturen. Wir verbinden mit alt häufig vergesslich, zerbrechlich, geizig, arm. In China dagegen verbindet man mit Altsein positive Aspekte wie Weisheit und Durchblick. Allein dieser Befund zeigt, dass Stereotype veränderbar sind. Sie sind weder selbstverständlich noch genetisch bedingt, sondern von der Kultur geprägt, in der wir leben. Oder wie der Journalist Walter Lippmann, der als einer der Begründer der Vorurteilsforschung gilt, schon im Jahre 1922 sagte: »Vorurteile werden von Menschen gemacht.«
Bei Stereotypen ergibt sich noch ein weiteres Problem: Sie sind Wissen über Gruppen und nicht über Einzelpersonen. Das heißt, selbst wenn ein Stereotyp auf die meisten Mitglieder einer Gruppe zutrifft, muss es nicht zwangsläufig für jedes einzelne Gruppenmitglied stimmen. Selbst wenn in amerikanischen Gefängnissen mehr Schwarze als Weiße einsitzen, bedeutet das nicht, dass der Schwarze, der mir gegenübertritt, gefährlich ist. Selbst wenn nur ein sehr geringer Prozentsatz der Mathematikprofessoren Frauen sind, bedeutet das nicht, dass meine Nichte Marie nicht rechnen kann. Das Verallgemeinern, das Über-einen-Kamm-Scheren, das Überstülpen von Gruppenerwartung über einen individuellen Menschen, das ist das Fatale, wenn ein Stereotyp im Spiel ist. Als Opfer reagieren wir dementsprechend: Wir fühlen uns in ein Gerüst gepresst, in das wir einfach nicht passen und auch nicht passen wollen, wir werden ärgerlich oder traurig, müssen weinen oder in die Felder gehen.
Oder wir schlagen zurück. Ich habe zum Beispiel Kolleginnen, die Professorinnen sind, und alle sind mindestens einmal in ihrem Leben für eine Sekretärin gehalten worden. Und alle hat es sehr geärgert und ärgert es immer wieder, es sei denn, sie schaffen es, dem Ganzen mit Humor zu begegnen. Ich habe eine Professorenkollegin, die in einem solchen Falle sagt: »Ja, die Toiletten sind da vorne, Sie können das Papier dort abliefern. Aber machen Sie nicht wieder so viel Dreck wie beim letzten Mal.« Was meinen Sie, wie der andere ausrastet, weil er falsch eingeschätzt worden war! Und dann lächelt meine Kollegin nur triumphierend und sagt: »Gestatten, mein Name ist Professor Hildebrand!«
Ich habe einen belgischen Freund, der das Wort »Kindesmissbrauch« nicht mehr hören kann und deshalb immer, wenn er gefragt wird, ob es ihm was ausmacht, dass sein Land mit Kindesmissbrauch assoziiert ist, sagt: »Nein, wieso, das ist in Belgien eben so. Da müssen wir alle als Kinder durch!«
Nun haben wir also ein Vorurteil als ein emotionales Urteil über ein Gruppenmitglied und ein Stereotyp als ein Wissen, wie normalerweise über eine Gruppe gedacht wird, definiert. Diese beiden Dinge führen aber noch nicht unmittelbar zur Diskriminierung. Nehmen wir an, Gernot hat ein Vorurteil gegenüber Hochhausbewohnern, und nehmen wir an, er hat stereotypes Wissen über Hochhausbewohner der Form: »Hochhausbewohner sind ungebildet, arm, faul, kinderreich und kriminell.« Führt dies notgedrungen dazu, dass er mit seinem Fahrrad auf dem Absatz kehrtmacht?

Führen ein Gedanke und eine Emotion unmittelbar zu diskriminierendem Verhalten?

Die Antwort ist ganz klar nein. Es gibt genügend Leute, die Vorurteile haben und um Stereotypen wissen, aber sich ihre Meinung nicht anmerken lassen und ihr Verhalten kontrollieren. Zum Beispiel aus Angst, dass dieses diskriminierende Verhalten nicht besonders gut ankommt. Und hier sind wir wieder bei den Normen, die uns vorschreiben, bestimmte Gruppen nicht zu diskriminieren. Wenn eine Lehrerin denkt, dass Mädchen schlecht in Mathematik sind, würde sie dies vermutlich kaum ausgerechnet an einem Elternabend kundtun, genauso wie sie nicht fordern würde, Mädchen vom Mathematikunterricht auszuschließen und stattdessen für sie einen Putzkurs einzurichten. Das ist übrigens eines der großen Probleme unserer Forschung, denn wie können wir wissen, dass eine Person tatsächlich Vorurteile hat, wenn wir uns so gut unter Kontrolle haben? Die Messung von Vorurteilen ist derzeit ein großes Thema in der Sozialpsychologie, und eine Methode nach der anderen wird heftig diskutiert. Aber davon später. Zunächst zurück zu unserer Lehrerin, der ich Böses unterstellt habe, nämlich, dass sie eigentlich Mädchen für dumm hält und es nur deswegen nicht zugibt, weil sie einer gesellschaftlichen Norm folgt. Das ist natürlich nicht der einzige Grund dafür, ein Vorurteil kontrollieren zu wollen. Es kann ja sehr gut sein, dass man negative Emotionen gegenüber bestimmten Gruppen irgendwann für nicht mehr angebracht hält und gegen sie angehen will. Wir Menschen lernen ja ständig dazu, und manche mögen irgendwann einsehen: Frauen zu diskriminieren ist Blödsinn, und das Vorurteil, dass Frauen dümmer sind, führt dazu, dass 50 Prozent der Bevölkerung unter ihren Möglichkeiten arbeitet und lebt. Das ist vollkommen unwirtschaftlich und unvernünftig. Oder dass Schwule und Lesben eigentlich nett sind und niemandem etwas zuleide tun, schließlich arbeiten sie, wie wir wissen, in allen Berufen, sind Professoren, Künstler, Manager, Schlachter, Polizisten, Priester und Krankenpfleger. Oder dass Schwarze völlig normale Menschen sind, die Computer weiterentwickeln, in der Armee ihre Frau stehen, Sterneköchinnen sind und Brotverkäufer. Manchmal lernen wir dazu und merken trotzdem, dass wir gegen ein Vorurteil angehen müssen. Der Wille allein, Vorurteile loszuwerden, macht uns noch nicht zum vorurteilsfreien Menschen.
Nehmen wir ein weiteres Beispiel: Ich hatte einen Kollegen an der Columbia University in New York, der einer der großherzigsten Menschen war, den ich je kennengelernt habe. Er war ziemlich dick (dick = lieb, nett, warmherzig – ein Vorurteil?, egal, ich mochte ihn), trug auch im Winter kurze Hosen und immer nur T-Shirts, die mit bedrohten Tierarten bedruckt waren. Und dieser Kollege gab zu: »Weißt du, Jens, ich lebe seit Jahrzehnten in New York, ich bin zwar kein Sozialpsychologe, aber ich kenne doch die Literatur, ich habe haufenweise schwule Freunde, und trotzdem: Immer wenn ich an schwulen Sex denke, dann ekele ich mich total. Ich schäme mich deswegen. Zeigt das nicht ein tiefes Vorurteil, das in mir steckt?« Meine spontane Antwort war: »Weißt du, ich glaube Schwulen geht es manchmal nicht anders, wenn sie sich heterosexuellen Sex vorstellen.« Das fand er lustig und musste laut lachen.
Ich denke, dass mein Kollege nicht nur aus sozialen Zwängen sein Vorurteil aufgeben wollte, sondern weil er es selbst für unangebracht hielt. Mir geht es manchmal ebenso, wenn ich merke, ich habe ein Vorurteil. Ich gestehe mal eines, das mir nicht lieb ist. Wenn ich beipielsweise an Bauern denke, denke ich immer an »dumm«. Ich weiß nicht, woher das genau kommt, vermutlich daher, dass meine Oma väterlicherseits, die, die sich für eine »von« hielt, immer gesagt hat: »Iss nicht wie ein Bauer«, wenn ich nicht beide Hände auf dem Tisch hatte. Oder »Du gehst wie ein Bauer«, wenn ich nicht aufrecht ging. Oder »Du willst doch wohl kein Bauer werden!«, wenn ich eine schlechtere Note nach Hause brachte. Immer wenn ich wie ein Bauer aß, steckte sie mir Bücher unter die Achseln, und ich musste gerade sitzend ihre verkohlten Kartoffeln essen (sie war über achtzig und konnte nicht gut sehen). Ich habe die Assoziation »Bauer = dumm« gelernt, und jetzt finde ich das alles andere als gut und schäme mich sogar ein bisschen, das hier zu schreiben. Wer bin ich denn, dass ich eine Gruppe abwerte, die mir den knackigen Ruccola liefert und das gute Biosteak? Trotzdem werde ich aber einer leichten Abneigung gewahr, sobald ich an Bauern denke. Obwohl ich es besser weiß: Ich habe sogar einen sehr lieben Freund, der ist Bauerssohn und studiert Medieninformatik und rettet mich immer, wenn mein Computer streikt. Also habe ich doch Beweise, dass Bauern so dumm nicht sein können! Und eine meiner besten Studentinnen derzeit ist eine Bauerstochter! Trotzdem rutschte mir letztlich wieder das Schimpfwort raus, als mir ein Typ beim Aldi heftig in die Hacken fuhr – ich schrie: »Hey, du Bauer, kannst du nicht aufpassen!?« Manchmal rutscht es mir einfach heraus, dann, wenn ich richtig sauer bin. Und hinterher schäme ich mich.
Gibt es dafür eine Erklärung? Zunächst einmal scheint es nicht so einfach zu sein, ein Vorurteil zu verlernen. Emotionen sind etwas, was man nur schwer kontrollieren kann, das wissen wir aus der Emotionspsychologie. Ein unmittelbares Haarsträuben, eine spontane Gänsehaut kann man nicht so leicht bekämpfen, sie sind, so scheint es, einfach da. Sagen Sie mal jemandem mit Spinnenangst, dass Spinnen sehr nützliche Tiere sind. Selbst wenn er einsieht, wie toll Spinnen sind, wird er nicht freudestrahlend auf eine dicke pelzige Spinne zugehen und ihren Rücken massieren! Mir geht es selbst so, etwa wenn mein Freund mich auf einen Dreitausender zum Wandern mitnimmt und sagt: »Schau mal, ist diese Natur nicht einzigartig?« Ehrlich gesagt, ich habe Höhenangst und wünsche mir dann mein flaches Ostwestfalen zurück. Meine Angst ist stärker als der Gedanke: »Das musst du jetzt schön finden, das ist ja so abwechslungsreich und spektakulär!«
Die Emotion, die ich ja als ein bestimmendes Merkmal des Vorurteils definiert habe, ist genau das, was es uns schwer macht, gegen eine ungeliebte Vorstellung anzugehen. Denn Gefühle können doch nicht lügen, oder? Wir werden später sehen, wie man diese unmittelbaren emotionalen Reaktionen zur Vorurteilsmessung einsetzen kann. Emotionen lassen sich also, so halten wir hier mal fest, nicht so leicht kontrollieren.
Wie aber verhält es sich mit dem Stereotyp? Lässt es sich, wenn es auch manchmal falsches Wissen beinhaltet, leichter kontrollieren? Leider nicht. Hier macht uns unser Gedächtnisapparat, in dem unser Wissen abgespeichert ist, einen Strich durch die Rechnung. Denn unser Gedächtnis ist so aufgebaut, dass Gedanken, die ständig zusammen gedacht werden (z. B. Bauer = dumm), sich auch gegenseitig aktivieren, ohne unseren Willen. Denke ich an »Bauer«, denke ich unmittelbar auch an »dumm«. Und das ist deshalb so, weil ich es über Jahrzehnte hinweg so gelernt habe. Jahrelanges Zusammentreffen von Assoziationen führt zu einer hohen Assoziationsstärke (Mütter = lieb; Väter = nie da; Ausländer = Gemüseverkäufer, etc.). Dieser Aufbau des Gedächtnisses als assoziativer Speicher ist im Allgemeinen ungemein praktisch. Wenn ich an meinen Freund denke, dann fällt mir spontan die dazugehörige Telefonnummer ein; wenn ich für ihn kochen soll, dann erinnere ich mich blitzschnell an seine Speisevorlieben; und ich weiß auch die Straße, in der er wohnt. Weil ich diese Informationen in diesem Zusammenhang gelernt habe, rufe ich diese Assoziationen mühelos ab. Genauso ist es bei Gruppeninformation, die ich im Gedächtnis abgespeichert habe. Denke ich an »afrikanische Sportlerin«, denke ich spontan an »schnell«. Ein Gedächtnis vergisst nicht so leicht, und das ist generell gut. Bei ungeliebten Vorurteilen ist dieses Gedächtnis jedoch manchmal ein wahrer Teufel! Selbst ohne negative Emotion oder bösen Willen und ohne dass ich den Sachverhalt für richtig halte, kommen mir die Gedanken in den Sinn, die zum Stereotyp passen. Wir werden später sehen, dass manche Diskriminierungen auf diese teils unbewussten Gedächtnisfunktionen zurückzuführen sind.

Was ist Diskriminierung?

Ein Beispiel: Ich unterrichte an der International University Bremen, und wir haben Studierende aus achtzig verschiedenen Nationen dort. Als ich einmal ein Computerkabel für ein Seminar vergessen hatte, boten sich mehrere Studierende an, es mir schnell aus dem Büro zu holen, während ich schon mal anfangen sollte. Und ich – Vorurteilsforscher von Beruf! – schickte eine Studentin aus Nigeria. Als sie wiederkam, wurde mir klar, was passiert war – die für mich emotionslose, aber stereotype Assoziation »Afrikanerin = schnell« hatte zu einer blitzschnellen Entscheidung geführt. Kurzerhand machte ich meine Einsicht zum Diskussionsthema. Da kam heraus, dass die Studentin eine der langsamsten der Klasse gewesen war und ich eine Deutsche in der Klasse hatte, die Landesmeisterin in verschiedenen Distanzen war. Offenbar hatte hier eine verallgemeinerte Vorstellung ohne den bösen Willen des Urteilers zu einer Diskriminierung geführt. In diesem Fall hat sich glücklicherweise keiner beklagt, jedoch kann die Assoziation »Männer = gut in Mathematik«; »Frauen = schlecht in Mathematik« schon schlimmere Konsequenzen haben, etwa wenn wir uns aufgrund der bestehenden Assoziation für einen schlechteren männlichen Bewerber für eine technische Stelle entscheiden und der höher qualifizierten Frau keine Chance geben.
Natürlich kann man sich gegen solche Assoziationen wehren. Wenn ich weiß, dass ich eine ungeliebte Assoziation habe und mich konzentriere, kann ich deren Einfluss korrigieren. Begegne ich einem Bauern in der Kneipe, wende ich mich nicht sofort ab, sondern arbeite gegen mein Vorurteil an, indem ich freundlich zu ihm bin und erst recht ein Gespräch mit ihm beginne. Das funktioniert ganz gut. Ähnliches bestätigte auch mein dicker Kollege aus New York: »Natürlich lasse ich mir meinen Ekel nicht anmerken. Ich denke auch nicht, dass irgendein schwuler Freund ihn mir anmerkt. Trotzdem finde ich die Vorstellung von schwulen Zärtlichkeiten widerlich, und es erfüllt mich mit Scham, dass sie mich so anwidert. Bin ich ein schlechter Mensch?«
Ich beruhigte ihn und meinte, dass es einem Diskriminierungsopfer wichtiger ist, wie sich sein Gegenüber verhält, als was es fühlt oder denkt. Ein türkischer Angestellter, der anständig von seinem Chef behandelt, fair bezahlt und genauso gelobt wird wie seine deutschen Kollegen, wird dies als wichtiger empfinden, als die versteckten Emotionen und Gedanken, die dieser eventuell gegenüber Türken hegt. Ein schwuler Bekannter meinte einmal zu mir: »Mir ist das egal, was der Alte über mich denkt, ich muss mit ihm ja nicht ins Bett gehen. Hauptsache, mein Gehalt stimmt am Ende des Monats. Und wenn nicht, dann wird er eben irgendwann doch meinen schwulen Hintern von hinten sehen müssen.«
Halten wir fest: Das Schlimmste ist und bleibt diskriminierendes Verhalten. Das fängt bei der Nichtbeachtung von Leuten an und endet beim Völkermord. Diskriminierung ist eine Ungleichbehandlung gegenüber Personen aufgrund ihrer Gruppenmitgliedschaft, die von den benachteiligten Gruppen oder anderen als ungerecht empfunden wird. Bereits die Tatsache, dass ich die nigerianische Studentin aufgrund ihrer Gruppenmitgliedschaft zum Kabelholen geschickt habe, ist Diskriminierung. Wobei die Konsequenzen nicht immer klar abzuschätzen sind: Es kann sein, dass es niemanden stört; es kann sein, dass ich als Professor diese freundliche Geste abspeichere und die Studentin in Zukunft vor anderen Studentinnen bevorzuge; es kann aber auch sein, dass die Nigerianerin im Nachhinein denkt: »Komisch, immer, wenn jemand Sklavendienste verrichten soll, dann sind es die Schwarzen!« Dabei kann Diskriminierung ein negatives Verhalten (Lehrer H. ignoriert alle Mädchen in seiner Klasse) oder ein positives Verhalten betreffen (Lehrer H. lobt besonders die Jungen in seiner Klasse). Wie das Vorurteil ist Diskriminierung zunächst einmal ein negatives Verhalten; jedenfalls schreibt der übliche Sprachgebrauch es so vor.
Wenn ein Bauernkind von mir ständig schlechtere Noten bekommt, dann ist das Diskriminierung; wenn Frauen weniger Lohn für dieselbe Arbeit bekommen als Männer, dann ist das Diskriminierung; wenn Frauen es schwerer haben, in einem Verein Mitglied zu werden als Männer, ist das Diskriminierung. Als Junge durfte ich in Ostwestfalen nicht am Handarbeitsunterricht teilnehmen: Diskriminierung. Frauen dürfen in vielen Kirchen nicht Priesterinnen werden: Diskriminierung. In einem Kölner Nachtclub gibt es eine U 27-Fete, auf die nur Leute unter 27 dürfen (Passkontrolle!): Diskriminierung. Jedoch ist die Bevorzugung oder positive Behandlung einer Gruppe oder einer Person, allein weil sie einer Gruppe angehört, ebenfalls Ungleichbehandlung. Hiermit wird ebenso ein Unterschied zwischen Gruppen geschaffen, der von der nicht bevorzugten Gruppe als ungerecht empfunden werden kann. Kurz: Behandelt ein Mensch einen anderen aufgrund von dessen Gruppenmitgliedschaft schlechter oder besser als ein Mitglied einer anderen Gruppe, diskriminiert er.

Wie entdeckt man Diskriminierung?

Manchmal ist es schwierig zu entscheiden, ob es sich bei einem Verhalten um Diskriminierung handelt oder nicht. Wenn eine Person zum Beispiel eine andere schlecht behandelt, steht damit noch nicht fest, ob dies aufgrund ihrer Gruppenzugehörigkeit geschehen ist. Handelt es sich also, wenn sich ein serbischer Hochschulassistent um eine Professur bewirbt und diese nicht bekommt, um Diskriminierung? Diese Frage lässt sich nicht beantworten, solange man keine eindeutigen Informationen hat, also etwa nicht aus zuverlässiger Quelle erfahren hat, dass tatsächlich seine serbische Nationalität ausschlaggebend war. Ist der Kandidat so hoch qualifiziert, dass man ihn eigentlich hätte nehmen müssen, liegt Diskriminierung schon näher. Doch auch in diesem Fall kann es ja durchaus sein, dass die Kommission den Bewerber für unsympathisch hielt oder die Studenten ihn nicht mochten, um nur einige Möglichkeiten zu nennen, die zur Nichtberücksichtigung geführt haben können, ohne dass das Merkmal »serbisch« eine Rolle gespielt haben muss. Aber oft gibt es auch Situationen, die deutlich darauf hinweisen, dass Diskriminierung vorliegt.