cover

Sprechblase

MARTIN HÄUSLER

STELL DIR VOR ...

... jeder sagt die Wahrheit!

50 UTOPIEN, die die Welt verändern

GÜTERSLOHER VERLAGSHAUS

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://portal.dnb.de abrufbar.

Copyright © 2014 by Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH, München

Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Das Gütersloher Verlagshaus, Verlagsgruppe Random House GmbH, weist ausdrücklich darauf hin, dass bei Links im Buch zum Zeitpunkt der Linksetzung keine illegalen Inhalte auf den verlinkten Seiten erkennbar waren. Auf die aktuelle und zukünftige Gestaltung, die Inhalte oder die Urheberschaft der verlinkten Seiten hat der Verlag keinerlei Einfluss. Deshalb distanziert sich das Gütersloher Verlagshaus, Verlagsgruppe Random House GmbH, hiermit ausdrücklich von allen Inhalten der verlinkten Seiten, die nach der Linksetzung verändert wurden, und übernimmt für diese keine Haftung.

ISBN 978-3-641-14278-0

www.gtvh.de

»Imagination is more important than knowledge.«

ALBERT EINSTEIN

»Evolution and all hopes for a better world rest in the fearlessness and open-hearted vision of people who embrace life.«

JOHN LENNON

Inhalt

Vorwort

STELL DIR VOR, ...

1 ... wir können uns giftfrei ernähren!

2 ... die Menschen fliehen wieder aufs Land!

3 ... es gibt kein Geld!

4 ... es hat eine Menschheit vor der Menschheit gegeben!

5 ... wir können mit Liebe heilen!

6 ... wir etablieren ein paralleles Internet!

7 ... es ist Wahl und alle gehen hin!

8 ... jede reiche Familie übernimmt eine Sozialpatenschaft!

9 ... wir synchronisieren die Welt mit Liedern!

10 ... jede Bundestagssitzung beginnt mit einem Stück Literatur!

11 ... wir zahlen mit einer Sozialwährung!

12 ... wir führen eine Tor-Abgabe ein!

13 ... es gibt Wirtschaft ohne Wachstum!

14 ... eine Spendenverpflichtung ersetzt die Kirchensteuer!

15 ... die Welt wird von Grünhelmen kontrolliert!

16 ... wir leben nach der Goldenen Regel!

17 ... Whistleblowing wird zum globalen Hobby!

18 ... wir kommen in Kontakt mit außerirdischer Intelligenz!

19 ... Parlamentarier werden von Mentalcoaches betreut!

20 ... Kinder und Jugendliche organisieren sich als Lobbygruppe!

21 ... es gibt keine Massentierhaltung mehr!

22 ... wir können im Supermarkt Biophotonenscanner nutzen!

23 ... der Journalismus stellt wieder die vierte Macht im Staate!

24 ... wir verfügen über geistige Supersinne!

25 ... jeder sagt die Wahrheit!

26 ... das Fernsehen macht Sendeschluss!

27 ... Meditation ist das neue Joggen!

28 ... wir begegnen der Macht der Maschinen mit einem Jobwunder!

29 ... wir gewinnen Energie aus dem Äther!

30 ... Deutschland stellt seine Rüstungsexporte ein!

31 ... Herzensbildung wird gelehrt!

32 ... wir erleben einen Evolutionssprung!

33 ... wir leben die freie Liebe!

34 ... wir etablieren eine freiwillige Cyberwehr!

35 ... Flüchtlinge revitalisieren unsere Städte und Dörfer!

36 ... der Mond ist das neue Mallorca!

37 ... weltweit wird ein bedingungsloses Grundeinkommen gezahlt!

38 ... wir legen einen Weisheitsspeicher an!

39 ... wir stellen uns unseren Ängsten!

40 ... die Welt lebt nach den Gesetzen des Ayurveda!

41 ... wir begrenzen die Wochenarbeitszeit!

42 ... wir führen eine politische Haftpflicht ein!

43 ... wir machen Flughäfen und Autobahnen dicht!

44 ... auf den Finanzmärkten herrscht die Scharia!

45 ... wir schaffen wieder Urwälder!

46 ... wir können als Psychonauten unser Innerstes erkunden!

47 ... Sonntag ist tatsächlich Ruhetag!

48 ... wir schmelzen alle Filmpreise ein!

49 ... wir fördern Rohstoffe im All!

50 ... wir verträumen unsere Zeit!

Quellenverzeichnis

Sprechblase

Vorwort

Im Frühjahr 2014 veröffentlichte die amerikanische Weltraumorganisation NASA eine Studie über die Zukunftsfähigkeit der Menschheit. Dafür hatte der Mathematiker Safa Motesharri der Frage nachgehen dürfen, welche Faktoren es eigentlich sind, die große Zivilisationen immer wieder zu Fall gebracht haben. Er setzte Variablen wie Bevölkerungswachstum, Klimawandel, Naturkatastrophen und den Zugang zu Wasser, Nahrung und Energie in seine Gleichung ein und kalkulierte verschiedene Szenarien. Unterm Strich kommt die Studie zu einer überaus ernüchternden Erkenntnis: »So ziemlich jedes Modell, das unsere heutige Realität widerspiegelt, läuft auf einen Kollaps hinaus.«1

Die Eliten hätten ein großes Interesse daran, das derzeitige Modell am Leben zu erhalten, auch wenn es zum Scheitern verurteilt ist, erläutert der Bericht. Das werde die Probleme nur verschlimmern. »Während einige zwar auf den Untergang hinweisen und das System ändern wollen, um eben diesen zu vermeiden, verweisen die Eliten und deren Unterstützer auf die lange zeitliche Haltbarkeit des Systems – um nichts ändern zu müssen.«2

Ein Jahr zuvor hatten britische Wissenschaftler Schreckensszenarien entworfen, um Politik wie Öffentlichkeit schonungslos vor Augen zu führen, wie schnell es mit der Menschheit – oder zumindest mit den Annehmlichkeiten unseres Lebensstandards – vorbei sein kann. Auf der sogenannten Doomsday List (Liste für den Tag des Jüngsten Gerichts) standen potenziell mögliche Sofortangriffe durch Nahrungsknappheit, Klimakatastrophe, Pandemien, Cyberattacken oder künstliche Computerintelligenz. »Wir sind weniger sicher als wir annehmen«, kommentierte Lord Rees of Ludlow, britischer Astronom und ehemaliger Chef der Royal Society. »Unsere politischen Führer sollten sich weit mehr Gedanken über Szenarien machen, die dankenswerterweise noch nicht eingetreten sind – Ereignisse, die genauso unerwartet über uns hereinbrechen können wie die Finanzkrise von 2008, aber mit einem globalen Totalzusammenbruch verbunden sind.«3

Die beiden Warnungen sind nur zwei weitere Höhepunkte einer Alarm-Serie, die spätestens 1972 mit dem legendären wie wirkungslosen Bericht »Die Grenzen des Wachstums« des Club of Rome begonnen hatte. Natürlich hat es seitdem viele Anstrengungen gegeben, den selbstzerstörerischen Kurs der Menschheit umzunavigieren. Natürlich lebt ein immer größerer Teil der Weltbevölkerung nach den Prinzipien ökologischer und sozialer Nachhaltigkeit. Natürlich wird an Herkulesprojekten wie der Energiewende gebastelt. Aber grundsätzlich haben die Warnungen nicht wirklich etwas bewegt, weder bei den politischen Eliten, die am Gängelband Hunderter Wirtschaftslobbys gehen, noch bei der großen Masse der Menschheit, die entweder so arm ist, dass sie wahrlich andere Probleme hat, oder sich so an ihren Wohlstand gewöhnt hat, dass sie nicht einsieht, messbaren Verzicht zu üben und Dinge anders zu tun.

In Zeiten, in denen wir Dinge aber anders tun müssen, um einen noch halbwegs bewohnbaren Planeten in die Hände der nächsten Generationen zu geben, sprechen Politiker wie Angela Merkel noch immer von der Alternativlosigkeit von Entscheidungen. Es stimmt: Heute müssen manche Entscheidungen alternativlos sein. Diese Entscheidungen hatte Merkel aber nicht gemeint, als sie 2010 dafür sorgte, dass der Begriff der Alternativlosigkeit zum Unwort des Jahres gewählt wurde. Damals ging es um die Alternativlosigkeit der Griechenlandrettung, »Stuttgart 21« war alternativlos, die Gesundheitsreform war alternativlos.

Dabei ist nichts alternativlos. In einer Zeit, in der die Menschheit auf ihr Endspiel zusteuert, muss es Handlungsalternativen geben. Bastapolitik nach Parteiräson und Wirtschaftsgusto kann nicht das Nonplusultra sein. Wenn heute von Alternativlosigkeit gesprochen werden muss, dann nur in Bezug auf Entscheidungen, denen es in zum Teil radikaler Weise um den Erhalt der Lebensgrundlage der Menschheit geht. Das war bei den nationalen wie internationalen Grundsatzbeschlüssen der vergangenen Jahre aber selten der Fall.

Blickt man allein auf die apokalyptischen Bilder, mit denen über die Medien nahezu täglich Angst verbreitet wird, kann man kaum anders, als die Menschheit für verloren zu halten. Keine nachhaltige Lösung für den demographischen Wandel, keine nachhaltige Lösung für die Zähmung der Banken, keine nachhaltige Lösung, den Klimakollaps abzuwenden, keine nachhaltige Lösung, um die Kluft zwischen Arm und Reich zu schließen. Wirklich? Natürlich nicht. Unzählbar viele Variationen von Zukunft geben Anlass zu großer Hoffnung. Nur werden diese Utopien viel zu selten im Lichte der massenmedialen Kampfplätze zur Diskussion gestellt.

Dabei ist es überaus wichtig, uns immer wieder und in aller Öffentlichkeit die Frage zu stellen, in was für einer Welt wir leben wollen. Denn die Utopien von heute sind die Realitäten von morgen. Wir müssen die Handlungsspielräume, die wir definitiv haben, konsequent ausnutzen. Dafür dürfen – besser: müssen – die Utopien, die wir entwerfen, über die alten Horizonte hinausgehen, die wir derzeit in der Lage sind zu überblicken. »Wir müssen mehr Fantasie wagen!«, lautet heute der gesellschaftliche Imperativ frei nach Willy Brandt. Nutzen wir endlich die Kraft der Vorstellung und geben damit unserem schöpferischen Bewusstsein die Möglichkeit, Gedanken freizusetzen und so den ersten Impuls zu geben für den Wandel!

Ärgerlich wie beruhigend ist, dass viele Utopien, so fantastisch, irreal, bizarr und seltsam sie klingen mögen, sehr einfach und mit sehr wenigen Entscheidungen einzuleiten wären. Oft ist das Einzige, das dazu fehlt, der politische – oder allgemeiner – der menschliche Wille, der bedingungslose Vorsatz, ein Problem auf ungewöhnliche Weise bei der Ursache zu packen und keinem mehr etwas vorzumachen. Denn wir haben die Wahl. Geht es weiter wie bisher, schaffen wir uns ab. Entscheiden wir uns anders, öffnen wir neue, lebenswerte Räume. Die Antwort kann nur lauten: anders!

So sieht es auch Safa Motesharri, der Mann, der die NASA-Studie betreute. Er sagt nicht, dass der Kollaps unausweichlich ist. Am Ende appelliert er an die Eliten, die fürs Überleben notwendigen Balancen wiederherzustellen. Ein Weckruf für die Regierenden ist allerdings zu wenig. Steht heute doch jeder in der Verantwortung, seinen Teil zum Überdauern der Menschheit beizutragen. Und was wäre einfacher, als mit der Vorstellung von einer besseren Zukunft anzufangen? Haben nicht alle Revolutionen in einem einzigen Kopf begonnen?

Dieses Buch will diese ersten Impulse geben. Es bietet utopische Szenarien zum Staunen, Empören und Weiterdenken an, positive Utopien im Sinne des »guten Ortes« (griechisch: eu topos). In der Hoffnung, dass die eine oder andere ziemlich bald zum Leben erweckt werden mag. Dabei will und kann dieses Buch keinen Anspruch auf totale Vollständigkeit und komplette Schlüssigkeit erheben. Es muss Experimente wagen. Es muss bei allen recherchierten Fakten und Stellungnahmen der Fantasie freien Lauf lassen. Damit will es der kreative Akt sein, der möglicherweise genau den Widerstand erzeugt, den es gerade braucht. Viel Spaß!

MARTIN HÄUSLER

Sprechblase

1. STELL DIR VOR, ...

... wir können uns giftfrei ernähren!

Wird das Brot zu teuer, steigt die Chance auf eine Revolution. Diese Faustregel konnte die Lebensmittelindustrie in den letzten Jahrzehnten mit billigsten Discounterpreisen außer Kraft setzen. Doch die Revolution kam trotzdem. Auslöser waren die unerträglich steigenden Zahlen krebskranker und dementer Menschen. Jedes Jahr starben Massen in der Größenordnung der australischen Gesamtbevölkerung von über 20 Millionen an Krebs. Jedes Jahr erkrankten über 100 Millionen Menschen an Alzheimer. Friedhöfe mussten drastisch erweitert werden. Die Krematorien dampften nonstop. In den Städten entwickelten sich Gesellschaften lebender Toter – atmend zwar, aber hilflos, weil geistig in anderen Sphären. Hauptauslöser waren das Gift im Fleisch, das Gift im Brot, das Gift im Apfel, das Gift im Salat, das Gift im Bier und das Gift in der Dose vom Bier.

Nachdem die im Schulterschluss mit der Wirtschaft marschierende Politik nicht Willens war, den Eintrag von Giften in unsere Nahrungskette radikal auf null zu setzen und damit Schaden von der Bevölkerung abzuwenden, unterzeichneten Hunderte besorgter Forscher, Ärzte, Ernährungsexperten und Prominenter einen offenen Brief an ihre Regierungen. Das wiederum führte dazu, dass erst einige Umweltaktivisten, dann Hundertausende empörter Bürger Bauernhöfe und Äcker besetzten, die Anlieferung von Pflanzenschutzmitteltransportern stoppten und Landmaschinen in ihre Gewalt brachten. Auf ihren Plakaten: »Giftfreies Obst und Gemüse für die Unterschicht!«, »Demeter-Qualität für alle!« oder »Fresst euren Scheiß doch allein!« Wieder einmal war es der gewaltige und lang anhaltende Druck aus der Bevölkerung, der bei den Regierenden einen weiteren Fukushima-Effekt auslöste – eine 180-Grad-Wende und die Ankündigung des Ausstiegs aus der chemisch unterstützten Nahrungsmittelproduktion.

Giftfreies Essen für alle also. Was nach einer banalen Forderung klingt, wurde zu einem der größten Kraftakte seit dem Zweiten Weltkrieg. Nicht einen militärischen Gegner galt es zu bezwingen, sondern den Goliath Lebensmittelindustrie mit seinen über Dekaden organisierten Lobbyisten-Trupps. Dieser Goliath hat mehr Todesopfer zu verantworten als jeder Krieg – und er wurde kaum daran gehindert.

Der Sündenfall Europas: Mit dem Marshall-Plan brachten die Amerikaner nicht nur ihre Landmaschinen über den Atlantik, sondern auch ihre Chemikalien, mit denen sie auf den Feldern Unkraut, Insekten und Pilze in Schach hielten, um massenhaft ernten und anschließend die Supermärkte befüllen zu können. Seitdem gehörte auch hier das Gift zum täglich Brot. »Vergessen Sie nicht: Pestizide sind Gifte. Die Sicherheit hängt von Ihnen ab!«, wurden 1964 US-Farmer zynisch von den Chemieherstellern per Aufklärungsvideo sensibilisiert.1 Das musste reichen. Zwar gibt es heute Grenzwerte, die im sogenannten Codex Alimentarius der Welternährungsorganisation (FAO) und der Weltgesundheitsorganisation (WHO) festgelegt werden, aber dessen Plausibilität wird stark bezweifelt. Dem Normenverzeichnis für Nahrungsinhaltsstoffe, von dem es offiziell heißt, Verbraucherschutz zu gewährleisten, wird gar nachgesagt, Grundlage eines strategisch geplanten Angriffs auf die Volksgesundheit zu sein, um das Ausmaß der Weltbevölkerung zu kontrollieren.

Fest steht, dass Chemie-, Agrar- und Lebensmittelindustrie – unter anderem mit Studien, die für die Öffentlichkeit zensiert sind – starken Einfluss auf den Codex Alimentarius nehmen. Kritiker prangern an, dass die Kartelle bis heute nach dem Motto verfahren: Wir profitieren, das Risiko trägt allein der Bürger. »Ich weiß jetzt, dass die Giftrückstände in unseren Lebensmitteln von einem willkürlichen und unzuverlässigen Zulassungssystem herrühren«, sagt die französische Filmemacherin Marie-Monique Robin, die sich dem Thema verseuchter Nahrung in einer vielbeachteten Doku widmete.2 In Robins Films versichert Erik Millstone, Politikprofessor an der Uni Sussex: »Solange die Regulierungsbehörden und die WHO die Praxis der Geheimhaltung von Studiendaten nicht ändern, hat sie das Vertrauen der Öffentlichkeit nicht verdient.«3 Toxikologische Daten zur Sicherheit von Produkten, so Millstone, sollten Gemeingut sein. Zudem gelten besonders die Wirksamkeit geringer Giftdosen und der Effekt sogenannter Giftcocktails aus verschiedenen Nahrungsmitteln als nicht ausreichend erforscht.

Nach der Agrar-Revolution liegt jedoch alles auf dem Tisch. Schauderhafte Dokumente einer jahrzehntelang geduldeten Vergiftungspolitik. Dokumente, die den Anklägern vor dem Internationalen Gerichtshof für Menschenrechte in Den Haag als Faustpfand dienen, um die Drahtzieher der Nahrungsmittelbranche und die Politiker, die sie trotz besseren Wissens gewähren ließen, zu bestrafen.

Warum hatte man all die Jahre nicht gehandelt? Gingen doch Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation davon aus, dass 80 bis 90 Prozent der drastisch zunehmenden Krebserkrankungen auf Lebensbedingungen und Lebensstil zurückzuführen sind.4 Ernährung spielt dabei eine zentrale Rolle. Vor allem in den sogenannten hochentwickelten Ländern des Westens steht der Krebs als Todesursache ganz weit oben – während weniger industrialisierte Länder, die noch traditionelle Landwirtschaft betreiben oder nach den Rezepturen ihrer Ahnen ihr Essen zubereiten, diese Krankheit kaum kennen. Im Westen hat sich die Zahl der Krebsneuerkrankungen in den letzten 30 Jahren verdoppelt. Nach Ansicht vieler Wissenschaftler ist das die Konsequenz der industrialisierten Nahrungsmittelproduktion, bei der nach wie vor massenweise mit Pestiziden, Herbiziden und Fungiziden gearbeitet wird, mit chemischen Haltbarmachern und schädlichen Verpackungen. Nicht nur Krebs, auch Demenz, Schädigungen des Nervensystems und Unfruchtbarkeit werden in den allermeisten Fällen durch die Gifte ausgelöst, die die Menschen täglich zu sich nehmen. Und warum wohl gilt Parkinson vielerorts inzwischen als Berufskrankheit bei Landwirten?

»Ich bitte um Verständnis für die Realität einer Branche, die so viele unterschiedliche Produkte unter nicht gerade leichten Bedingungen für einen Massenmarkt zur Verfügung stellen muss«5: Appelle wie der des neuen Hauptgeschäftsführers der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie, Christoph Minhoff, von Anfang 2014 halfen mit, die Hoffnung zu begraben, dass eine entfesselte Milliardenindustrie freiwillig etwas ändern würde, sondern sich ausschließlich nach den Gepflogenheiten des Marktes richtet. Nach der Agrarwende kaufen auch Leute wie Minhoff nur noch Bio. Weil es nichts anderes mehr gibt. Für zehn Jahre wurde die arbeitsintensivere Bio- und Demeter-Wirtschaft staatlich subventioniert, danach entließ man die Betriebe in den freien Wettbewerb und bemerkte, dass die Preise nicht anstiegen, sondern ein Ringen um die beste Qualität eines Produktes initiiert wurde und nicht um dessen preiswerteste Herstellung. Eine rein biologische Landwirtschaft funktioniert.

Für die Volksgesundheit läutete der politische Entschluss eine neue Epoche ein. Nun können sich endlich auch Hartz-IV-Familien gesunde Nahrung leisten. Die Krebsraten gehen kontinuierlich zurück. Auch die Demenzfälle werden seltener. Die Zeugungsfähigkeit nimmt wieder zu. Nicht nur, weil in Nahrung, Getränken und deren Verpackung keine Giftstoffe mehr zu finden sind, sondern auch, weil die Haushalte nach einer Aufklärungskampagne ihre Küchenschubladen entrümpelten und giftverbreitende Gegenstände wie Plastik- oder Aluminiumbehältnisse ausrangierten. Die Krankenkassen wurden in Milliardendimensionen entlastet. Aus einem staatlichen Fonds werden unabhängige Studien bezahlt. Millionen Essversehrter aus der Zeit der Giftproduktion erhalten Entschädigungszahlungen von den Lebensmittelkonzernen – wie nach dem Contergan-Skandal, nur schneller. Sämtliche Patente auf Pflanzenschutzmittel wurden entzogen. Und die Verantwortlichen haben nach einem der größten Prozesse aller Zeiten ihren Gang in diverse Haftanstalten angetreten.

Was bleibt, bis die Nahrungsrevolution kommt? Bis dahin liegt es an den Verbrauchern selbst, den Giftverzehr – etwa durch den Totalverzicht auf Fertigprodukte oder den kompromisslosen Kauf von Bioprodukten – so weit es geht zu reduzieren und zeitgleich das Immunsystem zu stärken, um den Giften wenig Angriffsfläche zu geben (siehe auch Utopie 5). Solange bis wieder die hippokratische Weisheit gelten kann: »Lass die Nahrung deine Medizin sein, und Medizin deine Nahrung.«

Sprechblase

2. STELL DIR VOR, ...

... die Menschen fliehen wieder aufs Land!

Wenn es nicht echt wäre, müsste man meinen, man säße inmitten der heilen Welt eines Rosamunde-Pilcher-Films. Ein zentraler Marktplatz, darum Läden und Bistros mit lokaler und regionaler Ware, schöne, bezahlbare Wohnungen, viel Grün, Spielplätze, eine ehemalige Kirche als ökumenischer Ort der Andacht, Kindergarten, Schulen, kein Verkehr, die Parkplätze vor den Toren des Dorfes, gelegen zwischen den Äckern und Feldern, deren Ertrag den Bedarf der örtlichen Bevölkerung deckt, die Einwohner jung wie alt, ethnisch durchmischt und beruflich breit aufgestellt. All die selbstverständlichen Errungenschaften innerstädtischen Zusammenlebens, die sich über Jahrtausende entwickeln konnten und innerhalb weniger Jahrzehnte vom Turbokapitalismus zerfressen wurden, haben eine nicht mehr für möglich gehaltene Renaissance erlebt.

Nicht etwa, weil Regierungen auf die Idee kamen, mit steuerfinanzierten Förderprogrammen das Landleben wieder attraktiver zu machen, sondern weil sich vom Stadtleben frustrierte Freundes- und Interessenkreise zusammentaten, um ganze Dörfer zu entern, die vor Jahren verlassen worden waren. Einige pendeln noch zu ihrer alten Arbeitsstelle, viele haben ausgedealt, ihren Job per »Home Office« zu erledigen, die meisten allerdings sortierten ihr Leben neu, indem sie im Dorf halbtags ihrer bisherigen Profession nachgehen und die andere Hälfte des Tages nutzen, für ihre Familie und die Dorfgemeinschaft Nahrung anzubauen, Reparaturen durchzuführen und die eigenen Fertigkeiten zur Verfügung zu stellen. »Urbane Subsistenz, Gemeinschaftsgärten, Tauschringe, Netzwerke der Nachbarschaftshilfe, Verschenkmärkte, Einrichtungen zur Gemeinschaftsnutzung von Geräten und Werkzeugen würden zu einer graduellen De-Globalisierung verhelfen«, bewertet der Volkswirtschaftler Niko Paech diese Entwicklung1. Der Oldenburger Professor sagt sogar, dass unser auf Wachstum basierendes Wohlstandsmodell unrettbar geworden und stattdessen Genügsamkeit angesagt sei, Selbstversorgung sei nie notwendiger als heute (siehe auch Utopie 13).

Die Rückkehr zum Dorfleben ist kein Rückfall in die Zeiten vorindustrieller Agrarkulturen. Was zuerst vielleicht so aussieht, ist ein gewaltiger Fortschritt in der Evolution menschlichen Miteinanders. Während die Auspizien des Niedergangs in erster Linie in den Städten zu beobachten sind, bietet das Dorf plötzlich die Form von Wohlstand, den man für einen gesunden Alltag braucht: die Wiederverbindung mit der Gruppe, die Wiederverbindung mit der Natur, die Wiederverbindung mit der Spiritualität. Dies alles aufgewertet durch die technischen und tatsächlich nachhaltigen Errungenschaften der Industriegesellschaft – wie Internet und regenerative Energiegewinnung.

2011 war die Welt gekippt. Erstmals lebten mehr als 50 Prozent der Menschen in Städten – oder sollte man von Molochen sprechen? Obwohl der Lebensstandard in den Ballungsräumen drastisch sank, hielt die Landflucht weiter an. Auf der hoffnungsvollen Suche nach Arbeit und vermeintlich besseren Lebensbedingungen wurde nahezu alles in Kauf genommen. Bereits die Wachstumsprognosen für 2030 wurden weit übertroffen: Nicht 60 Prozent hatten sich mit und in den tumorartig wuchernden Metropolen arrangiert, über zwei Drittel der Weltbevölkerung verbrachten nun dort ihr Leben. Alle viel zu langsamen Anstrengungen von Regierungsinitiativen und Technologiekonzernen, in großartig visionären Akten nachhaltig funktionierende »Städte der Zukunft« für über sechs Milliarden Menschen zu bauen, wurden von der Realität niedergewalzt.

Die Bürger nahmen ihr Schicksal selber in die Hand. Ausgelöst durch die massenhafte Erkenntnis, dass Alltag in einem sterbenden städtischen Raum mit maroder Infrastruktur, schlechter Luft, ständigem Lärm und immer weniger Grünflächen keine Qualität hat, sondern unglücklich und krank macht, begann die Stadtflucht zu einem gigantischen Massenphänomen zu werden. Und man floh nicht mehr allein oder nur mit der eigenen Familie, man solidarisierte sich und machte sich in alters- und talentmäßig wild gemischten Gruppen, Cliquen, Bekannten- und Freundeskreisen Gleichgesinnter auf den Weg, um die verlassenen Dörfer wiederaufzubauen.

Vorbilder für das neue Leben auf dem Land waren die meist von visionären Einzelpersonen als Wertegemeinschaften gegründeten spirituellen Communitys, sogenannte Ecovillages und Permakulturen, deren Wurzeln zum Teil bis in die Sechzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts zurückreichen. Die im Norden Schottlands beheimatete »Findhorn Community« und das südostindische Auroville, jene »universelle Stadt«, die niemandem wirklich gehört, zählen zu den populärsten Erfolgsbeispielen nachhaltigen Zusammenlebens. In Deutschland gilt das kurz nach der Einheit ins Leben gerufene Zentrum für Experimentelle Gesellschaftsgestaltung (ZEGG) im brandenburgischen Bad Belzig als Vorzeigeprojekt. Auf einem 16 Quadratkilometer großen Gelände leben über 100 Personen, um einen sozial und ökologisch nachhaltigen Gemeinsinn zu praktizieren und zu lehren. 100 Prozent der Heizenergie sowie 85 Prozent des Strombedarfs werden selbst generiert. Die rein vegetarische Küche wird durch den eigenen biologischen Landbau beliefert. Wie bei vielen Ökodörfern ist auch hier der Seminarbetrieb Haupteinnahmequelle.

Seit 1995 hält das Global Ecovillage Network (GEN) die Fäden der Stadtfluchtbewegung zusammen, verknüpft und berät weltweit inzwischen Tausende nachhaltiger Dörfer und Lebensgemeinschaften. Das GEN ist getrieben von der Vision, »eine Welt selbstermächtigter Bürger und Kommunen zu schaffen, die ihre eigenen Pfade in eine nachhaltige Zukunft planen und beschreiten und Brücken der Hoffnung und internationaler Solidarität bauen«.

In diesem Sinne ist das Landleben zu neuer Blüte gekommen. Es ist nicht mehr nur eine Sehnsucht, die in Dutzenden eskapistischer Wohlfühlzeitschriften oder eben im Heile-Welt-TV befriedigt wird. Es ist nicht mehr nur ein Ziel zur Wochenenderholung. Es ist wieder der Platz, an dem Leben passiert – und zwar lebenswertes Leben. Und damit sich Geschichte nicht wiederholt, sind diejenigen in den vielen wiederbelebten Dörfern unerwünscht, die mit übertriebenem Kommerz auf Expansionskurs gehen wollen. Die beiden Hauptgesetze der Postwachstumsökonomie stehen als Mahnung auf jedem Ortsschild: Suffizienz und Subsistenz – also das konsequente Ausmustern von Wohlstandsschrott und Wohlstandsverhaltensweisen einerseits (Genug ist genug!) und die ebenso rigorose Verwandlung von der Fremd- zur Selbstversorgung (Ich durch mich!).

Und die Metropolen, die sich im Zuge der Stadtflucht mehr und mehr entleert haben – was wird aus ihnen? Zum Teil ergeht es ihnen anfangs so wie Detroit oder Duisburg zu Beginn des dritten Jahrtausends, wo stadtteilweise abgerissen wurde und die Mietskasernen, Produktionshallen und Konsumtempel von einst dem Erdboden gleichgemacht wurden. Parkanlagen, Wiesen, Bäume halten so wieder Einzug in Territorien, in denen früher der Betondschungel wuchs – und schaffen plötzlich Lebensqualität. Das wiederum hat den Städten die Chance gegeben, sich mit zeitlichem Verzug in eine ähnliche Richtung zu bewegen wie die Ecovillages in der Provinz – und sich selbst zu heilen.

Sprechblase

3. STELL DIR VOR, ...

... es gibt kein Geld!

1988 machten sich die Schöpfer der »Star Trek«-Anthologie Gedanken über eine Welt ohne Geld. In Episode 26 der ersten TV-Staffel lassen sie die Crew um Captain Picard im All einen alten Satelliten einsammeln. Darauf finden sie drei Menschen, die sich im 20. Jahrhundert hatten einfrieren lassen. Nach der Reanimation fordert einer von ihnen, ein Finanzmakler, sofort zu seiner Bank gebracht zu werden. Er müsse sich um sein Vermögen kümmern. »Wir sind im 24. Jahrhundert, materielle Nöte existieren nicht«, klärt ihn Jean-Luc Picard auf. »Was hat man da noch für ein Ziel?«, fragt der Aufgetaute aus der Vergangenheit. Antwort: »Sie können sich weiterentwickeln, ihr Wissen vergrößern. Das ist ein Ziel.«

Eine Gesellschaft, die durch und durch von Geld gestaltet, bestimmt und reguliert wird, wird eine grundlegend andere sein, sobald die Dollar-, Euro- und Yuán-Zeichen aus dem täglichen Leben verschwinden. Sie wird sich wandeln zu einer Gesellschaft des Teilens, des Tauschens und der Talente.

Der Banker steht nicht mehr deswegen hoch um Kurs, weil er Millionenkredite vergibt und sich selbst ein Millionenvermögen zusammenverdient hat. Er ist gefragt, weil er ein guter Organisator ist und jetzt Krankenhäuser managt. Der Steuerberater ist nicht mehr wohlgelitten, weil er mit gerissenen Finanztricks hilft, sondern weil er fabelhaften Honig, schmackhafte Marmelade und hervorragendes Öl herstellt. Die Finanzbeamtin wird endlich gemocht und hat erstmals Spaß an ihrem Job, weil sie sich nun hingebungsvoll mit behinderten Kindern beschäftigen kann. Und der Ingenieur, dessen visionäre Vorschläge in einem allein auf Profit getrimmten Großkonzern nicht gehört wurden, kann nun in einem Unternehmen, das auf gesellschaftlichen Nutzen setzt, seine Ideen für neue Technologien voll zur Entfaltung bringen. Kurz: Finanzberufe sterben, Sozialberufe blühen. Profitmaximierer gehen, Sozialisierer kommen. Dienst nach Vorschrift ist am Ende, die Kreativen kriegen ihre Chancen. Aus Leistungsgesellschaft wird Gesellschaftsleistung (siehe auch Utopie 37).

Der kalifornische Investmentberater Joseph Alexopoulos hält Vorträge darüber, welche Vorzüge eine Gesellschaft der Talente, er nennt es »resource based economy«, gegenüber der aktuellen profitgeprägten Gesellschaft, er nennt es »mad economy«, hat. »Das Größte, das uns in unserem aktuellen System verloren geht, sind Ideen«, sagt er. »Ideen sind aber die Vorläufer von Innovationen. Wir verschwenden Milliarden von Leben, Billionen von Stunden, die unseren Lebensstandard nachhaltig auf ein Niveau erhöhen würden, das uns heute unvorstellbar erscheint. Weil eine neue Technologie ein existierendes Profitmodell zerstört, wird die Innovation unterm Deckel gehalten. Wirklich neue Technologien vermögen es gar, die Preise fallen zu lassen, wie bei einer Hyperdeflation. Geld würde irrelevant. Stellen Sie sich eine ressourcenbasierte Gesellschaft vor! Ein solches System hält keine Ideen zurück, es fördert sie. Wir können die Richtung ändern!«1 Für solche Thesen erntet Alexopoulos kräftigen Applaus. Auch dafür, dass er vorgibt, nicht zu verstehen, dass ständig niedrige Arbeitslosenzahlen bejubelt werden. »Warum, wenn Leute Jobs tun müssen, die sie gar nicht tun wollen?«

In der Tat bleibt einem Menschen im Jahr 2014 nichts anderes übrig, als zu dienen und zu verdienen, um zu überleben. Er prostituiert sich, verkauft seine Lebenszeit, seine Intelligenz, seine Kraft und bekommt Geld dafür. Laut einer Studie des Marktforschungsinstituts YouGov von 2013 sind aber bereits 50 Prozent aller deutschen Arbeitnehmer mit ihrer Jobsituation unzufrieden. Eine Studie der GfK (Gesellschaft für Konsumforschung) aus demselben Jahr fand heraus, dass lediglich fünf Prozent der Angestellten ihren Job lieben. Für Geld tut man alles. Oder eher: Für Geld muss man alles tun.

In einer Gesellschaft ohne Geld entfällt der Zwang, eine Stelle nur aus materieller Not heraus anzunehmen. Man hat keinen Beruf, man folgt seiner Berufung. Gleichzeitig richten sich soziales Prestige und Status nicht mehr nach finanziellem Vermögen. Stattdessen wird man an persönlichen Fertigkeiten und Fähigkeiten, Sozialverhalten und Seelenbildung gemessen, daran, was jeder einzelne in die Gemeinschaft mit einbringen und anbieten kann. Oben und Unten sind plötzlich auf Augenhöhe, alle Talente stehen auf einmal zur freien Verfügung. Sämtliche wirtschaftlichen und sozialen Blockaden, die das Geld beziehungsweise seine Vermehrer geschaffen haben, sind aufgehoben. Die Konsequenz: zwangsläufig zufriedenere und gesündere Menschen, friedvolleres und verantwortungsvolleres Zusammenleben, technologischer Aufschwung im Sinne des Allgemeinwohls und eine höhere Qualität von Produkten – weil sie die Menschen endlich mit Leidenschaft herstellen.

Eine Agentur für Arbeit, wie sie heute die Arbeitslosen verwaltet, ist bei derartigen Zuständen obsolet. Eine Talentagentur führt ausnahmslos alle Bürger in ihrem Register – von A wie Altenpfleger bis Z wie Zimmermann. Jeder Arbeitsfähige kann mehrere Talente angeben, das heißt sich für verschiedene Tätigkeiten empfehlen. Für unterbesetzte Berufe mit schlechtem Image gibt es eine Art Zivildienst, den jeder einmal im Jahr für eine Woche leisten muss. Das erdet und schützt davor, sich in einem Anflug von Elitendünkel aus der gesellschaftlichen Verantwortung zu stehlen.