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Gerald Hüther
Maik Hosang

Die Freiheit ist ein Kind der Liebe – Die Liebe ist ein Kind der Freiheit

Eine Naturgeschichte unserer menschlichsten Sehnsüchte – Eine Geistesgeschichte unserer menschlichsten Sehnsüchte

Impressum

Titel der Originalausgabe: Die Freiheit ist ein Kind der Liebe – Die Liebe ist ein Kind der Freiheit

Eine Naturgeschichte unserer menschlichsten Sehnsüchte – Eine Geistesgeschichte unserer menschlichsten Sehnsüchte

© KREUZ VERLAG in der Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2012, 2013

 

© KREUZ VERLAG in der Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2014

Alle Rechte vorbehalten

www.kreuz-verlag.de

 

Umschlaggestaltung und Konzeption: Agentur R.M.E Eschelbeck/Hanel/Gober

Umschlagmotiv: © Getty Images

E-Book-Konvertierung: epublius GmbH, Berlin

 

ISBN (E-Book): 978-3-451-80289-8

ISBN (Buch): 978-3-451-61144-5

Das Buch

Eine Naturgeschichte unserer menschlichen Sehnsüchte: der Neurobiologe Gerald Hüther und der praktische Philosoph Maik Hosang zeigen je aus ihrer Sicht, wie die Sehnsucht nach Unabhängigkeit und Freiheit und der Wunsch nach Zugehörigkeit und Verbundenheit erfüllt werden kann. Neue Erkenntnisse schärfen den Blick auf den Ursprung unserer Sehnsüchte nach Liebe.

Ein Buch, das von zwei Seiten und aus zwei Perspektiven zu lesen ist, die sich in der Mitte begegnen.

Die Autoren

Gerald Hüther, Prof. Dr. nat., Dr. med. habil., Leiter der Zentralstelle für Neurobiologische Präventionsforschung der Psychiatrischen Klinik der Universität Göttingen und Präsident der Sinn-Stiftung. www.gerald-huether.de.

 

Maik Hosang, Dr. phil., habilitierter Sozialökologe, Mitgründer des Modellprojekts LebensGutPommritz, wo er auch lebt. Zahlreiche Veröffentlichungen.

Inhalt

Das Buch

Die Autoren

Vorwort

Die Liebe ist ein Kind der Freiheit (Maik Hosang)

1. Einleitung

2. Wie wir Menschen wurden

3. Bewusstsein für die Freiheit

4. Die Kernsynthese der Liebe

5. Gesellschaftliche Neuanfänge

6. Selbst-Bewusstsein: systematische Zugänge

7. Innovationen

Die Freiheit ist ein Kind der Liebe (Gerald Hüther)

1. Einleitung

2. Die Naturwissenschaftler und die Liebe

3. Die neuen Einsichten der Biologen

4. Die Verbundenheit alles Lebendigen

5. Wie sich das Leben immer wieder neu erfindet

6. Die Umwandlung von Beziehungserfahrungen in Beziehungsstrukturen

7. Die biologischen Wurzeln der Liebe

8. Die äußeren Signale der Liebe

9. Die inneren Signale der Liebe

10. Das Spiel mit den Signalen der Liebe

11. Partnerwahl und Paarbildung

12. Die Kinder der Liebe

Wir bleiben Suchende

Eine Einladung

Vorwort

Falls auch Sie zu jenen Lesern zählen, die erst einmal hinten, auf den letzten Seiten eines Buches, herauszufinden versuchen, worauf die Geschichte darin hinausläuft, dann werden Sie irritiert sein. Denn auf den letzten Seiten dieses Buches finden Sie den gleichen Anfang, den Sie gerade lesen; egal, wie herum Sie es lesen, Sie finden zuerst dieses Vorwort. Denn dieses Buch beginnt von zwei Seiten; eigentlich sind es zwei Bücher, die in der Mitte zusammen führen: weil sie zwei Aspekte behandeln, die als untrennbare Komponenten oder Bestandteile unseres Seins miteinander verbunden sind – auch wenn sie bisher in den meisten Betrachtungen immer wieder voneinander getrennt worden sind.

Deshalb haben wir uns für diese ungewöhnliche Form der Darstellung entschieden. Aus zwei verschiedenen Perspektiven, einer geisteswissenschaftlichen und einer naturwissenschaftlichen, suchen wir hier nach dem Zusammenhang zweier Pole unseres Seins, die unsere Existenz und unser Selbstverständnis als Menschen bestimmen: Nämlich einerseits unsere Fähigkeit, uns als Liebende hinzugeben und in Verbundenheit mit anderen zu leben – und andererseits unser Streben nach Selbstbestimmung und Unabhängigkeit, nach einem Leben, das jede und jeder von uns in Freiheit selbst gestalten kann.

Woher kommt die Fähigkeit zu lieben? Woraus erwächst diese tiefe Sehnsucht nach Autonomie und Freiheit? Und wie lässt sich beides miteinander vereinbaren? Ist die Sehnsucht nach beidem der menschlichen Natur mitgegeben? Oder hat sie sich im Laufe der Ideengeschichte von Generation zu Generation so sehr mit unseren Vorstellungen verbunden, dass sie allmählich zu einem festen Bestandteil unseres eigenen Selbstverständnisses geworden ist?

 

Das sind die zentralen Fragen, denen wir in diesem Buch von zwei Seiten aus nachgehen. In der Mitte begegnen sich die Überlegungen, und das ist kein Zufall: das Zusammenfinden der beiden Sehnsüchte nach Verbundenheit und Freiheit ist nicht das Ende, sondern eher der zentrale Ort, von dem aus alles Weitere ausgeht.

Welche der beiden Seiten für Sie nun vorne und welche hinten ist und ob Sie also von hinten oder von vorn zu lesen anfangen, liegt ganz bei Ihnen. Ankommen werden Sie dort, wo sich jeder Anfang mit seinem Ende verbindet.

Maik Hosang

Die Liebe ist ein Kind der Freiheit

Eine Geistesgeschichte unserer menschlichsten Sehnsüchte

 

1. Einleitung

Wir alle haben eine gewisse Vorstellung davon, was wirkliche Liebe ist, und wir können auch beschreiben, was wir unter Freiheit verstehen. Allerdings wird das nicht zu allen Zeiten und in allen Kulturkreisen das Gleiche gewesen sein. Unsere Vorfahren, die in unserer Gegend vor 500 oder gar vor 1000 Jahren lebten, haben sich vermutlich unter Freiheit und Liebe etwas anderes vorgestellt als wir heute.

Und die Beduinen, die gegenwärtig noch in der Sahelzone umherziehen, werden unter Freiheit und Liebe etwas anderes verstehen als die Inuit in Grönland oder die Aborigines in Australien oder die Mitglieder der FDP in Deutschland. Freiheit und Liebe sind also Begriffe, die Menschen benutzen, um etwas zu beschreiben, was sich nicht so leicht fassen, geschweige denn mit einem Anspruch auf Allgemeingültigkeit objektivieren lässt. Eine Antwort auf die Frage, was denn die Liebe und die Freiheit ausmachen, wie beide zu definieren sind, was sie für unser Menschsein und unser Selbstverständnis bedeuten, erwartet man deshalb vielleicht bestenfalls von Anthropologen, von Kulturwissenschaftlern oder von Philosophen, aber nicht von Naturwissenschaftlern. Die Physik und die Chemie, die Mathematik oder gar die Geologie sind dafür nicht zuständig. Und selbst von den Vertretern derjenigen Disziplin, die sich mit der Natur des Lebendigen befasst, von den Biologen, wird gegenwärtig niemand ernsthaft erwarten, dass sie uns erklären können, was unter Liebe und Freiheit zu verstehen sei.

 

Etwas eigenartig ist das schon, denn irgendwie muss sich ja auch naturwissenschaftlich erklären lassen, wie es dazu gekommen ist, dass auf diesem Planeten Lebewesen und schließlich sogar die Vertreter unserer Spezies entstanden sind, für die das, was sie Liebe und Freiheit nennen, so wichtig war und ist, dass all ihre Märchen und Mythen, ihre zwar sozial relativ ausgleichende, doch letztlich unfreie Ideologie. In der anderen (westlichen) Hälfte, herrschte eine Ideologie der Freiheit, die angesichts ihres Gegenparts im anderen Weltteil auch Züge sozialer Gerechtigkeit aufwies.

In den späten 60er- und frühen 70er-Jahren brachen sich in Ost wie West vor allem kulturelle und individuelle Freiheitssehnsüchte neu Bahn. Dieser Aufbruch beseitigte manche innere Blockaden; fast musste er aber vor den scheinbar unverrückbaren äußeren Mauern – massiver Ausdruck innerer Panzer und äußere Grenze der Bewegungsfreiheit – völlig Halt machen.

Trotz äußerer und innerer Mauern aber wuchs die Freiheitskraft vieler Menschen weiter und ermöglichte 1989 schließlich auch den Fall der Mauern zwischen Ost und West. Es folgte ein geradezu globaler Freiheitsrausch. Und die möglichst ungebremste freie Bewegung und Initiative des freien Individuums wurde zum A und O von Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur. Im Überschwang solcher Freiheitslust wurde auch manches hinweggefegt, was nach der ersten großen Freiheitskrise, nach 1945, zur Regulierung der Gier ungebändigter Selbstbehauptung eingeführt worden war. Die Finanzwirtschaft, zuvor zumindest hauptsächlich dazu da, produzierende Unternehmen zu finanzieren, wurde zunehmend zum Selbstzweck. Inzwischen hat unser Planet heute mehr Geldmillionäre denn je, aber bald nicht mehr genug fruchtbare Erde und frisches Wasser für all die auf ihm lebenden Menschen.

Was also ist Freiheit und wohin führt sie? Woher kommt diese starke Sehnsucht in uns Menschen, und wie hat sie sich geschichtlich entwickelt? Führt sie zwangsläufig dazu, dass die sich selbst frei entfaltenden und behauptenden Menschen als Milliarden von Egoisten die Erde und damit ihre Lebensgrundlage und letztlich sich selbst zerstören? Oder ist die Freiheit noch nicht zu der Reife gelangt, die es braucht, um das Leben auf der Erde verantwortlich zu gestalten? Könnte wirklich freien Menschen noch ganz anderes in dieser Welt gelingen?

 

Woher diese Sehnsüchte nach Freiheit und Verbundenheit, die vermutlich allen Menschen gemeinsam sind, letztlich kommen, können wir an dieser Stelle offen lassen. Manches spricht dafür, dass ihre Quelle im Ursprung des Universums insgesamt zu finden ist: Was ursprünglich eines war, begann sich in immer mehr und vielfältigere Seinsformen zu entfalten, die jede für sich einzigartig und dennoch durch uns unsichtbare Felder miteinander verbunden sind. Bereits auf der elementaren Ebene des Seins gibt es das paradoxe Phänomen von Selbständigkeit und Zugehörigkeit: Die elementaren Strukturen des Lichts erscheinen einerseits als einzelne Quanten, andererseits zugleich als in sich verbundende Welle.

Im Unterschied zu den Quanten gibt es für uns Menschen eine zusätzliche Möglichkeit, tragen wir eine weitere Sehnsucht und Bestimmung in uns: Wir können das Zusammenspiel von Freiheit und Verbundenheit erkennen und so bewusster, und das heißt: auch intensiver und freudvoller verwirklichen. Ohne dieses Bewusstsein können die beiden anderen Sehnsüchte nicht wirklich erblühen. Dieses Buch vertritt die Idee, dass schon die bisherige, aber mehr noch die künftige Menschheitsgeschichte letztlich davon bestimmt ist, inwieweit es Menschen gelingt, diese drei Potenziale von Freiheit, Verbundenheit und Bewusstsein zu verwirklichen. Damit behaupten wir nicht, dass diese die einzigen Triebkräfte und Einflussfaktoren geschichtlicher Ereignisse und Innovationen sind. Im historischen Auf und Ab und in der Wechselwirkung, in der Individuen und Stämme, Nationen, Wirtschaftsbewegungen und Kulturen stehen, spielen viele andere Faktoren jeweils die erste Geige. Entwicklungen sind nie monokausal – klimatische und geologische Bedingungen, materielle und ideelle Ressourcen, Macht und Machtgier, Konkurrenzen, Eifersucht und andere menschliche Leidenschaften sowie deren Zusammenspiel wirken in je konkreten geschichtlichen Vorgängen. Der Kampf ums Überleben und der Wunsch nach einem besseren Leben sind Auslöser für wirtschaftliche, technische, medizinische Erfindungen und Entwicklungen. Bei alldem spricht jedoch vieles dafür, dass in diesem Auf und Ab die eigentlichen Fortschritte der Geschichte wesentlich durch die drei genannten Sehnsüchte und Potenziale ermöglicht werden.