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Samantha Young

Das Erbe
des Flammenmädchens

Roman

Aus dem Amerikanischen von
Alexandra Hinrichsen

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darkiss ®

darkiss ® Bücher

erscheinen in der Harlequin Enterprises GmbH,

Valentinskamp 24, 20354 Hamburg

im Vertrieb von MIRA ® Taschenbuch

Geschäftsführer: Thomas Beckmann

Copyright dieses eBooks © 2015 by Harlequin Enterprises GmbH

Titel der englischen Originalausgabe:

Scorched Skies

Copyright © 2012 by Samantha Young

Konzeption/Reihengestaltung: fredebold&partner gmbh, Köln

Umschlaggestaltung: pecher und soiron, Köln

Redaktion: Mareike Müller

Autorenfoto: © Mark Archibald Photography

Titelabbildung: Thinkstock; pecher und soiron, Köln

ISBN eBook 978-3-95576-429-6

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eBook-Herstellung und Auslieferung:

readbox publishing, Dortmund

www.readbox.net

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder

auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich

der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Alle handelnden Personen in dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.

PROLOG

TANZ DER RIESEN

Der rostrote Boden unter Aris Füßen bebte, aus den Spalten, die sich darin auftaten, leuchtete es in der Dunkelheit wie geschmolzener Bernstein. Ari spürte die sengend heiße Luft an ihren Wangen, als ob sie in einem Kreis aus unsichtbarem Feuer gefangen wäre – sie kriegte kaum Luft, und ihr Mund war trocken. Verwirrt blinzelnd schaute sie sich um. Wo war sie? Und wie war sie hierhergekommen? Hektisch sah sie nach links und rechts. Doch in der Finsternis konnte sie nicht das Geringste erkennen. Die Nacht hatte unendliche Dunkelheit über sie gebreitet.

„Hallo?“, brachte sie hervor. Ihre Stimme hallte heiser im Nichts wider.

Wo bin ich?

Kaum hatte sie die Frage in Gedanken in die Nacht geschickt, da hörte sie aus der Ferne auch schon ein bedrohliches Grollen. Es wurde immer lauter und ließ nichts Gutes erahnen. Ein unerklärliches Dröhnen setzte ein, das die Erde erzittern ließ.

Kriegsgeschrei zerriss die Nacht. Ari sah aus dem Augenwinkel ein Knäuel aus gigantischen Armen und Beinen donnernd zu Boden fallen. Sie verlor die Balance und stürzte.

Es dauerte einen Moment, bis sie wieder atmen konnte. Stöhnend fühlte sie, dass sie sich den Ellbogen und die nackten Beine am scharfkantigen Fels abgeschürft hatte.

Entsetzt verfolgte sie den grausamen Kampf, der von markerschütterndem Schlachtgebrüll begleitet wurde, und hatte keine Zeit mehr, sich zu fragen, wo sie war und wieso sie eigentlich noch immer die Pyjamahose und ein T-Shirt trug.

„Ach, du heilige Sch…ande“, flüsterte sie und kam schwankend auf die Füße. „Aah!“ Kaum hatte sie ihr Gleichgewicht wiedergefunden, musste sie auch schon einem durch die Luft rasenden Erdklumpen ausweichen, geworfen von der größten Faust, die Ari je gesehen hatte. Vor ihr kämpften zwei Dschinn miteinander. Zwei gewaltige, zwölf Meter große Dschinn. Ari war ein gutes Stück von ihnen entfernt aufgeprallt. Sie musste den Hals recken, um die beiden beobachten zu können. Bestimmt wäre es jetzt klüger gewesen, sich zu verstecken. Ihr natürlicher Fluchtinstinkt versagte jedoch, obwohl das Adrenalin durch ihre Adern pumpte. Es war die Faszination des Grauens, die es ihr unmöglich machte, den Blick abzuwenden. Ari musterte die beiden Dschinn. Sie kämpften wie von Sinnen miteinander und gingen dabei immer wieder in Flammen auf, bevor sie wieder Gestalt annahmen. Einer der beiden Gegner war weiblich. Das lange Haar und die Stirn der Dschinniya waren blutverschmiert, ihr schönes Gesicht war allerdings ansonsten unversehrt. Ihr männlicher Widersacher hatte nicht so viel Glück gehabt. Blut strömte aus tiefen Schnitten in seinen Wangen, während die Dschinniya ihm immer wieder neue Wunden zufügte, sobald die anderen heilten. Strähnen seines mitternachtsschwarzen Haars lösten sich aus dem Zopf, an dem die Dschinniya nun zog, als wollte sie ihn ausreißen. Ari erschien es so, als würde der schöne Dschinn versuchen, sich seine Gegnerin vom Leibe zu halten, ohne sie zu verletzen. So gut es jedenfalls möglich war.

Die Dschinniya warf sich nun auf ihn. Die beiden gingen zu Boden, und Ari verlor ebenfalls wieder die Balance. Blut rann über ihren Arm, doch sie bemerkte es gar nicht, als sie sich eilig wieder aufrappelte. Die Dschinniya packte jetzt den Hals ihres Widersachers. Atemlos beobachtete Ari, wie sich die langen Fingernägel in seine Haut bohrten. Der Dschinn griff nach oben und versuchte, die Hand wegzuziehen. Über seinem Bizeps spannte sich ein goldener Reif, der mit frischem hellrotem Blut bedeckt war. Die Farbe entsprach in etwa dem Rubin, der die Mitte des Schmuckstücks zierte. Ängstlich betrachtete Ari wieder das Gesicht des Dschinns. Traurig schaute er der Dschinniya in die Augen, ohne einen Laut von sich zu geben. Die Dschinniya erstarrte, löste jedoch nicht die Hand von seiner Kehle.

Ohne nachzudenken, trat Ari einen Schritt auf die Kontrahenten zu. Der Schmerz in den Augen des männlichen Dschinns ließ ihr Herz schneller schlagen. Sie wünschte sich, sie hätte ihm helfen können. Irgendwie kam es ihr so vor, als würde sie ihn kennen. Zugleich spürte sie aber auch, was die Dschinniya fühlte … Ihre Sehnsucht … Ihren verzweifelten Wunsch … Aber wonach? Wonach?

„Es tut mir leid, Bruder“, flüsterte die Dschinniya, und eine Träne rollte ihr über die Wange. „Ich muss es machen.“

Doch bevor die Dschinniya tun konnte, was sie tun musste, wurde sie von einer unsichtbaren Hand zu Boden geschleudert. Die Erde erbebte. Dieses Mal war Ari jedoch vorbereitet und schwankte zwar, blieb allerdings auf den Beinen. Mit weit aufgerissenen Augen starrte sie den riesigen Fuß an, der genau vor ihr lag und größer war als sie selbst. Sie schluckte. Fasziniert musterte sie das goldene Fußkettchen und den goldenen Zehenring, durch den sie mühelos ihren Kopf hätte stecken können.

Ein Luftzug traf ihre Wangen, und Ari spürte eine ungeheure Hitze. Ein dritter Dschinn näherte sich langsam. Sie ließ den Blick von seinen Füßen über die blaue Seidenhose und seinen muskulösen Bauch bis hin zu den kräftigen Armen mit den beiden Goldreifen gleiten …

Ari blinzelte. Der Kopf des Dschinns schien im Nachthimmel zu verschwinden. Taumelnd wich sie ein paar Schritte zurück. Die Erde bebte, bis der Dschinn schließlich stehen blieb und über dem am Boden Liegenden aufragte.

„Du wirst ihn nie bekommen, Mutter“, dröhnte seine Stimme.

Die Dschinniya sah zu ihm hoch und setzte sich auf.

„Dann schützt du ihn also vor mir, Gebieter?“ Ihre Stimme klang wie Sphärengesang, bei dessen Melodie die Erde seufzte.

„Ich will dich vor dir selbst schützen.“

„Nein!“ Ihr Schrei zerriss die Nacht, und die Sterne zersplitterten. Instinktiv hielt Ari sich die Ohren zu und wurde nun zum gefühlt fünfzehnten Mal zu Boden geschleudert. Fieberhaft dachte sie nach. Was ging hier vor? Was hatte er gesagt? Was bedeuteten seine Worte? Wieso empfand sie eine solche Verzweiflung?

Ihr Körper landete auf einem weichen Untergrund, und Ari öffnete die Augen.

„Ach, du …“, hauchte sie, während ihre Augen sich langsam an die Dunkelheit in ihrem Schlafzimmer gewöhnten. Ihr Puls raste noch immer, und sie bewegte sich unbehaglich. Hätte sie die normale Körpertemperatur eines gewöhnlichen Menschen gehabt, wäre sie nach diesem Traum wahrscheinlich vollkommen durchgeschwitzt aufgewacht. Ein angenehmer Luftzug wehte durch das gekippte Fenster herein, und Ari rollte sich auf die Seite, um die sanfte Kühle auf ihrem Gesicht zu spüren. Gut, es wäre wundervoll kühl gewesen, wenn sie die Kälte wirklich hätte fühlen können. Dieses verrückte Temperaturempfinden machte sie fertig.

Ist das echt dein größtes Problem? fragte sie sich sarkastisch. Was ist denn mit diesem Traum?

Was zum Teufel hatte das alles zu bedeuten? Drehte sie jetzt endgültig durch?

Das musste am Stress liegen. An den Schwierigkeiten mit ihrem Vater Derek. Mit Charlie. Mit Jai. Ganz zu schweigen von denen mit ihrem leiblichen Vater, der irgendwo in der Dunkelheit geduldig auf sie lauerte. Ari vergrub ihr Gesicht im Kissen und versuchte, wieder einzuschlafen, damit sie sich erst am Morgen mit all den Problemen beschäftigen musste. Hoffentlich träumte sie nicht wieder von dem merkwürdigen Riesendschinn. Konnte sie nicht wie alle anderen Menschen sein?

Sie stöhnte auf.

Ach ja, richtig.

„Ich bin ja nicht wie alle anderen.“

1. KAPITEL

EINE DUNKLE WOLKE AUS GESTOHLENEN TRÄUMEN

Ari schaffte es nicht, wieder einzuschlafen. In aller Herrgottsfrühe quälte sie sich aus dem Bett, duschte wie ferngesteuert und bereitete sich innerlich auf einen weiteren chaotischen Tag vor. Ihr Vater Derek war inzwischen glücklicherweise aus dem Koma erwacht, mit dem der Dämon Pazuzu ihn belegt hatte. Seitdem klingelte schon frühmorgens das Telefon. Nachbarn und Kollegen von Derek aus Sandford Ridge riefen an, um ihm gute Besserung zu wünschen – natürlich hatten sie keine Ahnung, was wirklich passiert war. Auch an diesem Morgen stand das Telefon nicht still. Wie immer erzählte Ari allen, dass Derek noch Zeit brauche, um sich zu erholen, dass er sich aber bestimmt bald melden würde. Als Derek um elf Uhr noch immer nicht sein Zimmer verlassen hatte – wieder einmal –, ging Ari mit seinem Frühstück auf einem Tablett hinauf – kalter Toast, Eier, Kaffee. Sie klopfte an und horchte, ob sich drinnen etwas rührte. Seit mehreren Tagen hatte sie Derek nicht zu Gesicht bekommen. Nicht einmal, als Jai und Charlie sich vor ein paar Tagen lautstark gestritten hatten. Derek schien das völlig verschlafen zu haben. Ari stellte ihm für gewöhnlich das Essen auf einem Tablett vor die Tür und holte das benutzte Geschirr später wieder ab. Vielleicht war es an der Zeit, sein Zimmer zu belagern, bis er herauskommen würde.

„Dad“, fragte sie leise. „Bist du wach?“

Es kam zwar keine Antwort, aber sie hörte, dass sich im Zimmer etwas bewegte.

„Ich bringe dir dein Frühstück.“

Erneut keine Antwort.

Allmählich riss Ari der Geduldsfaden. Mühsam zwang sie sich, ruhig zu bleiben. „Mr Zellman aus deinem Büro hat wieder angerufen.“ Als ob sie gerade keine anderen Probleme hätte.

„Ich rufe ihn später zurück“, antwortete Derek. Es klang, als würde er direkt hinter der Tür stehen.

„Das hast du gestern schon gesagt.“

„Ich werde ihn anrufen, Ari. Ich bin nur … müde, mein Schatz. Wir reden später.“

Diese ständige Zurückweisung wurde mit jedem Tag schwerer zu ertragen. Ari hatte es satt, immer wieder wie eine Idiotin vor verschlossener Tür zu stehen. Wütend stellte sie das Tablett so schwungvoll auf den Boden, dass das Geschirr klapperte. Dann drehte sie sich um. „Das habe ich gestern auch schon gehört“, stieß sie verärgert hervor.

Wütend flüchtete sie vor der Einsamkeit des Hauses. Sie trat hinaus, knallte die Hintertür zu und lief in den Garten. Die Sonne schien hämisch auf sie herunter zu grinsen. Am liebsten hätte Ari sie ausgeknipst.

Ihr ganzes Leben war ein einziges Durcheinander. Mit Charlie hatte sie nicht mehr gesprochen, seit sie Jai gebeten hatte, ihn rauszuwerfen. Das war an dem verhängnisvollen Morgen passiert, an dem sie erfahren hatte, dass Charlie sich in einen Zauberer hatte verwandeln lassen. Ari war zu aufgebracht gewesen, um sich auch nur im selben Raum wie Charlie aufzuhalten. Noch immer wollte sie ihn nicht sehen, geschweige denn mit ihm sprechen. Und weil er ständig anrief, weil er mit ihr reden wollte, hatte sie ihr Handy ausgestellt.

Zauberer? Laut Jais Buch waren Zauberer ausgesprochen zwiespältige Wesen. Ein Mischblut wurde bei ihnen schon nervös, ganz zu schweigen von einem Menschen, der zufällig Dschinn-Kräfte hatte.

Wer konnte ahnen, was diese Verwandlung bei Charlie auslösen würde? Und warum hatte er es überhaupt gemacht? Bei dem Gedanken wurde Ari schwer ums Herz. Wieso wollte Charlie unbedingt Teil dieser Welt werden? Einer Welt, der sie, wie sie ihm gesagt hatte, liebend gern sofort und für immer den Rücken kehren würde? Ari schaute mit finsterer Miene hinauf in den blauen Himmel. Nein, sie war nicht so dumm, zu glauben, dass Charlies Entscheidung etwas mit ihr zu tun hatte. Ihm ging es nur um Rache. Ausschließlich darum. Und wahrscheinlich würde das seinen Tod bedeuten.

Dass er nicht verraten wollte, wer ihm seinen Wunsch erfüllt hatte, hatte die Situation zwischen ihnen nicht gerade entspannt. Jai vermutete, dass es ein Marid oder Shaitan gewesen war. Ari hingegen wollte auch nicht ausschließen, dass ihr leiblicher Vater dahintersteckte.

Dass es allerdings auch ihr Onkel, der Red King, gewesen sein könnte, mochte sie sich nicht einmal vorstellen. Nein, das durfte einfach nicht sein! Auf gar keinen Fall! Sie brauchte in all diesem Wahnsinn wenigstens einen mächtigen und zuverlässigen Verbündeten.

Aris Niedergeschlagenheit verwandelte sich plötzlich in heißen Zorn. Nichts war noch so zwischen ihr und Charlie wie früher, und es würde auch nie wieder so werden. Sie konnten die Zeit nicht zurückdrehen. Um sich abzulenken, konzentrierte sie sich auf den blauen Himmel und ließ schwarze Wolken über sich aufziehen, aus denen im Gleichklang mit ihrem Schmerz dicke Tropfen fielen.

Hör auf damit, Ari.

Ari zuckte zusammen, als sie die gebieterische Stimme in ihrem Kopf hörte. Sie wirbelte herum. In der Tür stand Jai, die Hände zu Fäusten geballt. Eindringlich musterte er sie. Er wirkte angespannt. Ari konnte ihm an den Augen ablesen, dass er verärgert war. Tja, sie war auch wütend. Seit er Charlie auf ihren Wunsch hin rausgeschmissen hatte, kam er kaum noch zu ihr. Und wenn er sie ausnahmsweise mal mit seiner Anwesenheit beehrte, schaffte er es kaum, ihr in die Augen zu schauen. Ari musste daran denken, wie er sie in jener Nacht zurückgewiesen hatte, und sie wurde rot. Sie war nicht dumm. Seitdem fühlte Jai sich offensichtlich unwohl in ihrer Gegenwart.

Obwohl Ari enttäuscht von ihm war, wollte sie im Moment nicht näher darüber nachdenken. Also zuckte sie nur mit den Schultern und sah wieder hoch zum Himmel. Mir geht es dadurch besser.

Hör auf. Sofort.

Was ist denn los? Sie seufzte erschöpft. Was hast du?

„Ich habe gesagt, du sollst damit aufhören, Ari“, erklang es hinter ihr.

Ari drehte sich um. Was bildete er sich eigentlich ein, sie so herumzukommandieren? Um sich zu sammeln, ehe sie unangemessen reagierte, holte sie tief Luft und ließ den Regen weiter über ihre Wangen und hinunter zu ihren Lippen laufen. Schließlich gab sie nach, konzentrierte sich und ließ die Wolken verschwinden. Über ihnen wurde der Himmel wieder blau, und die Sonne schien. „Was ist mit dir?“, fragte sie ungeduldig.

Jai seufzte. Erst jetzt bemerkte Ari die dunklen Schatten unter seinen Augen. Er strich sich übers Haar – eine Geste, die Ari inzwischen vertraut war. Gegen ihren Willen ließ sie ihren Blick ein bisschen zu lange über sein schönes Gesicht, hinunter zu den muskulösen Armen und wieder hinauf zu dem winzigen Diamanten in seinem rechten Ohr wandern, der im Sonnenlicht funkelte. Sie runzelte die Stirn. Der Diamant war neu.

Jai räusperte sich. Unsicher betastete er den Ohrring. „Von meinem Freund Trey. Ein Geschenk. Ich konnte es nicht ablehnen. Er meint es nur gut.“

Sein verlegenes Lächeln ließ Ari erschauern. O Gott, warum hatte er bloß so eine sinnliche Wirkung auf sie? Mann! „Steht dir.“ Der Ohrstecker war so klein, dass man ihn kaum bemerkte. Stilvoll. Trotzdem war ihr danach, Jai noch ein bisschen aufzuziehen. „Jetzt siehst du aus wie die Dschinn aus Tausendundeine Nacht.“

„Das hatte ich befürchtet.“

„Nein, wirklich – es sieht echt gut aus“, versicherte sie und wünschte sich im selben Moment, sie hätte den Mund gehalten. Es hatte geklungen, als würde sie mit ihm flirten … Ari wurde rot, Jais Blick verfinsterte sich, und sie spürte, wie angespannt die Atmosphäre zwischen ihnen auf einmal wieder war. Wortlos starrten sie einander einen Moment lang an. Ja, vielleicht hatte sie tatsächlich geflirtet. Und ja, Jai war erneut daran erinnert worden, dass sie in ihn verknallt war. Ari konnte den Blick einfach nicht von ihm wenden. Seine Augen zogen sie magisch an.

Eigentlich müsste er sich jetzt nur noch zu ihr herunterbeugen und …

Ja, tu es, bitte tu es …

Ari biss sich auf die Unterlippe und dachte daran, wie leicht Jai ihre Gedanken lesen konnte, wenn sie nicht aufpasste. Mann, warum stand zwischen ihnen nicht ein Blitzableiter, an dem sich die aufgeladene Atmosphäre entladen könnte, damit alles wieder normal würde?

Was machte sie hier überhaupt? Wollte sie sich noch mal einen Korb holen? Jai war in eine andere verliebt, verdammt! Kopfschüttelnd senkte Ari den Blick. „Wieso hast du eigentlich so miese Laune und meckerst wegen des bisschen Regens?“

Jais Miene wurde erneut undurchdringlich. Ihre Frage erinnerte ihn daran, weswegen er hierhergekommen war. „Es wird Zeit, dass wir uns über Magie unterhalten.“ Er sprach leise und klang erstaunlich unsicher. „Und dieses Mal ganz ehrlich und offen.“

Ari runzelte die Stirn und wunderte sich über seine Wortwahl. „Ehrlich und offen?“

„Würdest du bitte mit reinkommen?“

Ihr Herz schlug schneller. Ari nickte nur. Was sie da hörte, klang gar nicht gut. Dennoch folgte sie ihm ins Haus, ohne lange zu fragen, und bemühte sich, dabei nicht auf seinen Po zu starren. Stattdessen musterte sie seine breiten Schultern, und sofort wurde ihr wieder heiß. Wie es wohl wäre, ihn zu umarmen? Bestimmt wunderbar. Sie würde sich sicherlich geborgen fühlen. Versonnen malte sie sich aus, wie sie die Wange an seinen Hals schmiegte und seinen Duft einatmete, während er sie festhielt. Im Wohnzimmer setzte Jai sich auf einen Sessel und sah sie an. Schnell wandte Ari den Blick ab, damit er ihr nicht an den Augen ablas, was sie dachte. Was nicht sonderlich schwer gewesen wäre. Ari unterdrückte ihre Sehnsüchte – auch wenn ihr das nicht leichtfiel –, setzte sich ebenfalls und fragte: „Was ist los?“

„Magie hat immer ihren Preis.“

Verwirrt blinzelte sie. „Ähm … Was?“

Jai stöhnte und fühlte sich offensichtlich unwohl in seiner Haut. Er schaffte es nicht, ihr in die Augen zu sehen. „Als … Als ich dich ausgebildet habe, durfte ich dir auf Anweisung des Red Kings nicht alles über das Wesen der Magie verraten. Für den Fall, dass du dich dann geweigert hättest, sie anzuwenden. Wir brauchten dich und deine Fähigkeiten. Genau wie dein Dad.“

Aufregung ergriff sie. „Preis? Was soll das heißen, Jai?“

„Als du es eben regnen lassen hast … Damit hast du woanders eine Dürre heraufbeschworen.“

Ari blieb der Mund offen stehen. „Okay. Ich begreife kein Wort.“

„Dschinn-Magie basiert auf einem Gleichgewicht. Nur wenn wir uns verteidigen oder anderen helfen, ihr Schicksal zu erfüllen, speist sich unsere Magie wirklich nur aus unseren Kräften. Wir können uns und alle, die bei uns sind, durch Zauberei schützen, wenn es notwendig wird. Auch der Peripatos funktioniert so. Das sind Formen unserer ureigenen Dschinn-Kräfte. Genau wie das Fliegen und die Telepathie. Wünsche zu erfüllen und anderen Türen auf ihrem vorgezeichneten Lebensweg zu öffnen sind natürliche Fähigkeiten, die auch die Marid und Shaitane besitzen. Und sogar manche Ifrit. Wie du ja weißt, haben die Ifrit auch immer eine ganz individuelle Gabe, die ihre Magie zu etwas Besonderem macht. Diese Kräfte sind genetisch bedingt und deshalb frei für uns verfügbar. Sie machen uns aus. Die anderen Dinge aber … Na ja, man kann die eigenen Kräfte mit Talismanen und durch andere Möglichkeiten verstärken. Deshalb benutzen Zauberer sie gern.“

„Die anderen Dinge?“, fragte Ari gepresst. Ihr gefiel nicht, was sie gerade hörte.

„Der unnötige Einsatz von Magie – zum Beispiel für Nahrung, Kleidung, Geld. Dabei handelt es sich immer um Dinge, die dann woanders fehlen. All diese Dinge existieren bereits und materialisieren sich nicht einfach aus dem Nichts. Das Geld befand sich vorher in einer fremden Brieftasche, die Kleidung in einem Geschäft …“

Ari riss die Augen auf. „Auch die Lederjacke, die ich mir herbeigezaubert habe? Habe ich die aus einem Geschäft geklaut?“

Jai ignorierte, wie aufgeregt sie klang, und nickte nur ruhig. „Ja.“

Ari traute ihren Ohren nicht. Sie hatte jemanden bestohlen! Wütend starrte sie Jai an. „Und was ist mit den Sachen, die du dir zauberst?“

„Das sind alles Dinge, die mir tatsächlich gehören. In den meisten Fällen zumindest. Frische Kleider aus meinem Schrank zu Hause. Geld von meinem Konto. Doch solche Sachen wie zum Beispiel der Ananassaft für die Bruderschaft der Aissawa – tja, der kam von woanders.“

„Und woher bitte genau?“

„Wahrscheinlich aus dem Kühlschrank von irgendeinem Nachbarn. Solche Dinge stammen für gewöhnlich aus der nächstgelegenen Quelle.“

„Um genau zu sein, hast du den Saft also geklaut“, stellte Ari aufgebracht fest.

Jai zuckte mit den Schultern, und sie hätte am liebsten die Fernbedienung nach ihm geworfen.

„Warum hast du mir das nicht erzählt?“ Aris Herz zog sich zusammen. Bitte nicht auch noch Jai. Er mochte ja ihre Gefühle nicht erwidern, bisher allerdings hatte sie ihm vollkommen vertraut. „Dann hast du mich also absichtlich in dem Glauben gelassen, dass meine Magie ein toller Trostpreis für die grässliche Situation ist, in der ich mich plötzlich befinde?“

„Dein Onkel hatte es mir befohlen, Ari. Ich habe es dir schon erklärt. Er wusste, dass du deine Magie wegen moralischer Bedenken sonst nicht eingesetzt hättest. Das musstest du aber, um deine Macht als Siegel zu aktivieren.“

„Aber hättest du es mir nicht trotzdem sagen können? So hätte ich eben nur Sachen herbeigezaubert, die mir auch gehören.“

Ungeduldig schüttelte Jai den Kopf. „Nein, du musstest lernen, auch schwierige magische Aufgaben zu bewältigen, die dich zwangen, deine Kräfte fast komplett auszuschöpfen.“

„Du hättest mir die Wahrheit sagen müssen.“ Ari klang verbittert. „Ich dachte, du wärst mein Freund.“

Ein Schatten huschte über Jais Gesicht, bevor er sich wieder im Griff hatte und Ari scheinbar unbewegt ansah. „Ein Auftrag vom Red King ist ziemlich bedeutend. Das wollte ich nicht vermasseln.“

„Und dennoch hast du mir das Buch gegeben, obwohl du das nicht durftest“, widersprach sie.

„Das war etwas anderes. Dieses Buch hat dir viele grundsätzliche Informationen vermittelt, die du für deine Ausbildung brauchtest.“

„Doch das hier war auch eine wichtige Information! Ich hätte das unbedingt wissen müssen.“

„Es tut mir leid, Ari. Ich hatte meine Anweisungen.“

Jai klang nicht besonders schuldbewusst, aber Ari war zu wütend, um sich darüber aufzuregen. „Gut, dann weiß ich jetzt wenigstens, wo deine Prioritäten liegen.“

„Komm schon, Ari …“

„Was hast du mir noch alles vorenthalten?“, unterbrach sie Jai und musterte ihn misstrauisch aus leicht zusammengekniffenen Augen.

Bevor er darauf etwas entgegnen konnte, waren Dereks schwere Schritte auf der Treppe zu hören. Ari sprang auf und drehte sich um. Ihr Vater stürmte durch den Flur und griff nach seinen Autoschlüsseln. Er sah furchtbar aus. „Dad?“, rief sie und lief zu ihm.

„Ich muss hier raus“, murmelte Derek, ohne sie anzuschauen. Dass Jai Ari folgte, schien ihm gar nicht bewusst zu sein.

„Nein, Dad, wir müssen unbedingt miteinander reden.“

„Nicht jetzt, Ari.“ Damit verschwand er und knallte die Tür hinter sich zu.

Geschockt und zornig stand Ari da und lauschte, wie draußen der Wagen angelassen wurde. Sie wirbelte herum und sah Jai an, dem keine Zeit mehr blieb, seinen besorgten Blick zu verbergen. „O nein!“ Sie biss die Zähne zusammen. „Kommt gar nicht infrage!“ Ari konzentrierte sich auf ihre Autoschlüssel, die sich gleich darauf in ihrer Hand befanden.

2. KAPITEL

AUCH WENN ICH TRINKE, BLEIBEN MEINE LIPPEN TROCKEN UND MEIN DURST WIRD NICHT GESTILLT

Es war bitterkalt, und auf Dalís Armen bildete sich eine Gänsehaut. Er trug nichts als ein T-Shirt und begann nun, leicht zu zittern, als er sich über die Brüstung des Balkons beugte. Wie immer bei seinen sehr seltenen Besuchen wohnte er in einem Gästezimmer. Dalí konnte von Glück sagen, dass sein Vater ihn wenigstens einmal im Jahr nach Mount Qaf einlud. Vom Balkon aus betrachtete Dalí die Berge. Sie glitzerten und funkelten in der Wintersonne. Das dunkle Grün der im Fels sitzenden Smaragde weckte Dalís Sehnsucht – den unstillbaren Hunger nach Macht und Einfluss, danach, mehr zu sein als das, was er war. Um sie zu wecken, brauchte es nicht viel, und die Smaragde von Mount Qaf befeuerten dieses Verlangen ganz besonders … Seufzend dachte er an die Macht seines Vaters, an sein Reich in diesem Teil der Berge. Überall hier gab es wunderbare Häuser.

Schmale Pfade verbanden sie miteinander. Das Tor zum Palast seines Vaters war mit wallenden Vorhängen versehen, und wie alle Paläste der Dschinn-Könige war auch der Herrschaftssitz seines Vaters in den Fels der Berge gehauen.

Aus dem Augenwinkel bemerkte Dalí plötzlich eine Bewegung. Es war eine Gruppe von Dschinn, die sich über einen der Pfade auf den Palast und sein verhängtes Tor zubewegten. Sein Vater erklärte die Vorhänge damit, dass sie einladend wirken sollten. Die Gruppe bestand aus mehreren Dschinn in leichter, farbenfroher Kleidung. Dalí hätte darin gefroren. Die Männer und Frauen begleiteten einen fliegenden Teppich, der direkt aus der Erzählung Tausendundeine Nacht hätte stammen können. Auf dem wundervoll geknüpften marokkanischen Teppich kniete eine schöne Dschinniya. Ihre Familie geleitete sie hierher zum Palast.

Noch nie hatte Dalí einen fliegenden Teppich gesehen. Gut, in aufgerollter Form hatte er sie schon hier im Palast liegen sehen. Doch er hatte nie einen in Aktion erlebt. So viele fliegende Teppiche gab es nicht. Sie waren sehr selten. Dass die Familie, die sich dem Palast näherte, einen der Teppiche benutzte, sprach dafür, dass es sich um einen feierlichen Anlass handelte. Die verführerische Schönheit auf dem Teppich war ein Geschenk für seinen Vater. Dalí runzelte die Stirn. Mit seinem Vater verband ihn schon sein Leben lang eine Hassliebe – bittersüß, wie Schokolade und zugleich Salz auf der Zunge. Es war schwer, in der Welt der Menschen zu leben, die keine Ahnung davon hatten, wie außergewöhnlich er tatsächlich war. Im Laufe der Jahre hatte er eine gewisse Anhängerschaft um sich versammelt, etwas Geld verdient, Kontakte geknüpft – und dennoch sah er seinen Vater nur einmal im Jahr. Ihm wurde nie mehr als ein flüchtiger Blick auf Mount Qaf gewährt. Dann musste er sich wieder losreißen und wurde zurückgeschickt in die graue Realität der Menschen, während er sich nach allem verzehrte, was sein Vater besaß. Dass er nie die Macht besitzen würde, die sein Vater innehatte, zerfraß Dalí innerlich, zerstörte die Liebe zu seinem Vater. Da spielte es auch keine Rolle, wie liebevoll und großzügig der sich ihm gegenüber stets zeigte. Sein Vater erkundigte sich bei jedem von Dalís Besuchen danach, wie es seiner Mutter ging, und gab ihm Geschenke für sie mit. Dank dieser Geschenke hatten Dalí und seine Mutter immer ein angenehmes Leben geführt.

Wenn es seiner Mutter das Herz gebrochen hätte, dass sein Vater sie beide bei den Menschen zurückgelassen hatte, wäre es Dalí leichter gefallen, ihn zu hassen. Doch so war es nicht. Ganz im Gegenteil. Seine Mutter war seinem Vater dankbar – dankbar für die Geschenke, dankbar für Dalí, dankbar dafür, dass jemand wie er sie einmal begehrt hatte. Dalí presste die Lippen aufeinander, als er daran dachte. Unten öffneten sich die Vorhänge wie von selbst, und das Tor schwang auf. Die Gruppe, der die Kälte offensichtlich nichts ausmachte, näherte sich fröhlich dem Palast. Das Mädchen auf dem Teppich lächelte unsicher. O Mann, sie war so schön! Dalí seufzte, und Verlangen durchströmte ihn – nicht das Verlangen nach ihr, sondern nach alldem, was sie repräsentierte. Sie war eine Dschinniya, eine echte Dschinniya, und sie wurde seinem Vater zum Geschenk gemacht. Was hätte Dalí nicht darum gegeben, so viel Macht und Ansehen zu besitzen wie sein Vater.

Jemand klopfte an, und Dalí kehrte schnell ins Zimmer zurück. Es gehörte zu dem Teil des Gebäudes, der nicht in den Fels gehauen war, daher waren die Wände hell, und es funkelten keine Smaragde darin. Das Himmelbett war aus dunklem Mahagoni gefertigt, und es gab bequeme Sessel und weitere solide Holzmöbel. Auf dem Bett lagen unzählige Kissen, die man erst zur Seite räumen musste, um sich hinlegen zu können. Dalís Reisetasche lag am Fußende des Bettes. Es lohnte sich nicht, sie auszupacken. Die Besuche bei seinem Vater dauerten nie länger als ein paar Tage. Außerdem durfte Dalí seine kriminelle Organisation nicht allzu lange allein lassen. Ohne ihn würden seine Leute sonst schnell vergessen, dass sie überhaupt eine Organisation waren. „Ja?“

Die Tür öffnete sich, und ein Shaitan mit blutroten Augen kam herein. Bei seinem Anblick rann Dalí ein Schauer über den Rücken. Dieses Wesen war so viel mächtiger, als er es jemals sein würde. Andererseits war er aber auch nicht mächtig genug, um sich aus der Knechtschaft des Königs zu befreien. Dalí drängte die Gedanken beiseite und straffte die Schultern.

„Mein Gebieter erwartet dich.“

Dalí hätte schwören können, dass der Shaitan ihn so verächtlich ansah, als wüsste er, wie viel Angst er vor ihm hatte. Dalí ermahnte sich selbst, dass er ein erwachsener Mann, ein Mischblut und ein Zauberer war. Instinktiv legte er die Hand auf den smaragdgrünen Talisman, der um seinen Hals hing. Sofort pulsierte Dalís Aura durch den Raum.

Der Shaitan lächelte angesichts dieser kindischen Machtdemonstration nur herablassend. Sein Blick sprach Bände: „Ja, ja, du bist der Sohn meines Meisters. Ich zittere wie Espenlaub!“

Dalí zeigte nicht, wie gedemütigt er sich fühlte. „Bring mich zu ihm.“

Der Shaitan lachte, und seine roten Augen glühten. Dalí folgte dem kleinen Dämon hinaus, der keine Schuhe trug und auf dem kalten Steinboden kein Geräusch machte.

Sie passierten hell gestrichene Flure, in denen zahlreiche Porträts und Landschaftsgemälde hingen. Schließlich gelangten sie in einen weiteren Korridor. Mehrere Shaitane standen hier und hielten Wache. Sie starrten unbeirrt geradeaus und würdigten Dalí keines Blickes. Weiter ging es durch noch mehr Flure, die immer dunkler wurden. Inzwischen hatten sie den Teil des Gebäudes erreicht, der in den Berg gebaut war. Kerzen erhellten ihren Weg, in deren Licht die Smaragde in den Wänden glitzerten. Ohne darüber nachzudenken, berührte Dalí einen der Edelsteine und spürte, wie Stärke ihn erfüllte, die er später für seine Magie verwenden konnte. Begehrlich fasste Dalí einen weiteren Stein an.

„Lass das!“, befahl der Shaitan, ohne sich umzudrehen. Dalí zog die Hand zurück, obwohl sein ganzer Körper sich dagegen zu wehren schien.

Es kam Dalí wie eine Ewigkeit vor, bis der Shaitan endlich an eine Tür klopfte, sie öffnete und zur Seite trat, um den Sohn seines Meisters vorbeizulassen.

„Mein Sohn“, erklang eine tiefe warme Stimme vom anderen Ende des Raumes. Dalí befand sich in einem der kleinen Thronsäle. An den Wänden stand ein Dutzend Shaitane aufgereiht. Tänzerinnen saßen zu Füßen des Königs, lachten und boten ihm Wein und Leckereien an. Dalís Vater saß auf einem hohen weißgoldenen Thron und lächelte ihm zu.

„Vater.“ Dalí erwiderte das Lächeln des Gleaming Kings, als er kurz darauf vor dem Thron stand. In ihm kämpften seine Liebe zu diesem Mann mit dem Neid auf dessen Macht und Reichtum. Der Gleaming King hatte die schwärzesten Augen und den undurchdringlichsten Blick, die Dalí je gesehen hatte. Doch wenn der König ihn ansah, standen in ebendiesen Augen Warmherzigkeit und Lachen. Der kahle Kopf des Gleaming Kings glänzte im Schein der flackernden Kerzen, und das funkelnde Gold der Schmuckstücke an seinen Fingern und in seinen Ohren machte seinem Namen alle Ehre.

„Wie schön, dich zu sehen.“ Sein Vater erhob sich, und seine kräftige Gestalt warf im Kerzenlicht einen langen Schatten. Langsam stieg er die Stufen vor dem Thron hinunter und blieb vor Dalí stehen, der nur ein paar Zentimeter kleiner war als er. „Du machst dich. Offenbar hast du einen Weg gefunden, deine Fähigkeiten … produktiv einzusetzen.“

Wenn er damit die perfektesten Banküberfälle aller Zeiten meinte, die Dalí mithilfe seiner magischen Kräfte und seines Talismans erfolgreich eingefädelt und durchgeführt hatte, konnte er seinem Vater nur zustimmen.

„Danke, Vater.“

„Es gibt Neuigkeiten.“ Der Gleaming King legte ihm den Arm um die Schultern und führte ihn fort von den Tänzerinnen.

„Falls du damit die bezaubernde Dschinniya meinst, die man dir zum Geschenk gemacht hat – die habe ich bereits gesehen. Sehr hübsch.“

Der Gleaming King lachte, aber dieses Lachen hatte einen scharfen Unterton. Dalís Nackenhaare stellten sich auf. „Die meinte ich damit nicht, Dalí, obwohl ich mich sehr über sie gefreut habe. Nein, ich wollte dir vielmehr mitteilen, dass der Krieg zwischen meinem Bruder und meinem Vater sich zuspitzt.“

„Du meinst den White King?“ Dalí runzelte die Stirn. Sein Vater hatte ihm vom Krieg der Flammen berichtet und auch davon, wie Azazil die Welt der Sieben Könige aus dem Gleichgewicht gebracht hatte. Die Aufgabe der Sieben Könige der Dschinn war es, das Schicksal der Bedeutenden zu lenken und zu formen. Seitdem die Einigkeit zwischen den sieben Brüdern zerstört war, bemühte sich der White King darum, die alte Balance wiederherzustellen. Gleichzeitig wollte er selbst den Platz des Sultans aller Dschinn einnehmen. Für Dalí klang dieser Plan vollkommen verrückt. Doch das behielt er für sich, denn sein Vater unterstützte den White King.

Mein Bruder hat einen Weg gefunden, um seine Chancen in diesem Konflikt entscheidend zu verbessern. Der Gleaming King kommunizierte nun telepathisch mit seinem Sohn, damit die anderen Anwesenden sie nicht hörten.

Wie das?

Er hat es vor mir geheim gehalten. Es betrifft das Siegel.

Dalís Augen weiteten sich. Das berühmte Siegel des Salomon. Der Ring, der an einem Lederband um Asmodeus’ Hals hing. Wie es hieß, verlieh das Siegel seinem Träger die Macht, alle Dschinn zu beherrschen – ganz gleich, ob sie nun gut oder böse sein mochten. Was ist mit dem Siegel?

Sein Vater grinste ihn an. Es gibt da dieses Mädchen …

Und dann erzählte er Dalí eine Geschichte, die unglaublich klang. Doch falls sie der Wahrheit entsprach, könnte es noch höchst interessant werden.

3. KAPITEL

DIE WAHRHEIT ERHÄLT IHRE LETZTE CHANCE

Aris Herz klopfte, und sie bekam kaum Luft. Fast hatte sie das Gefühl, als wäre sie ihrem Vater durch die gesamte Stadt bis zu diesem abgelegenen Winkel von Vickers Woods hinterhergerannt und nicht gefahren. Sie hielt an und sprang aus dem Wagen. Derek war natürlich nicht entgangen, dass sie ihn verfolgte. Er lief in den Wald und rief Ari über die Schulter hinweg zu, dass er einfach Zeit für sich brauche.

Die hatte er gehabt. Tagelang.

Zu ihrer Überraschung hielt er genau dort an, wo sie Charlie die Wahrheit über ihre Herkunft verraten hatte. Ironie des Schicksals, dachte sie sarkastisch und rang nach Luft, während sie ihren Vater umkreiste.

Derek musterte sie misstrauisch. Zwischen seinen Augenbrauen bildete sich eine steile Sorgenfalte. „Ich habe dir doch gesagt, dass ich Zeit für mich brauche.“

„Die hattest du, Dad, und zwar weiß Gott genug. Was willst du ausgerechnet hier im Wald?“

Er zuckte mit den Schultern und sah sich um, als hätte er sich verirrt. „Nachdem meine Eltern gestorben waren, bin ich oft hierhergekommen. Es schien der einzige ruhige Platz in der Stadt zu sein.“

Erstaunt blieb Ari stehen. Nie zuvor hatte ihr Dad freiwillig seine Eltern erwähnt. Offenbar erahnte er ihre Gedanken und lächelte unglücklich.

„Ja, Mom und Dad.“ Er ließ sich auf einen Baumstumpf fallen, und Ari bemerkte zum ersten Mal die kleinen Fältchen um seine Augen und sah, dass sein Haar allmählich grau wurde. Vor Kurzem war ihr das noch nicht so deutlich aufgefallen. Derek sah Ari mit so traurigem Blick an, dass sie erstarrte. „Mein Vater war nicht oft zu Hause. Und wenn er mal da war, trank er. Meine Mutter war eine zurückhaltende Frau, die mit dem Verhalten meines Vaters nicht umgehen konnte. Also ließ sie irgendwann nichts und niemanden mehr an sich heran. Auch mich nicht. Deshalb musste ich mich mehr oder weniger selbst großziehen. Wusstest du, dass mein Vater betrunken war, als der Unfall passierte, bei dem die beiden starben?“

Ari keuchte auf. „Nein, das wusste ich nicht.“ Du hast es mir ja nie erzählt.

Zitternd zuckte Derek mit den Schultern, fuhr sich durchs Haar und ließ schließlich frustriert die Hand wieder sinken. „Ich hatte einfach keine Ahnung, wie das ging – Familie. Weil ich niemals eine hatte, Ari. Ich war immer auf mich allein gestellt. Ich wusste nicht einmal, ob ich es überhaupt wollte. Sala war die erste Frau, die ich je geliebt habe.“ Er nickte Ari zu, und sie horchte auf, als der Name ihrer geheimnisvollen Mutter fiel.

„Wie war Sala denn?“

„Du siehst ihr sehr ähnlich. Aber es war nicht nur ihre Schönheit … Sie hatte Humor, war leidenschaftlich und glaubte an das Unmögliche. Mit ihr zusammen zu sein war wie ein einziger großer Rausch. Ich war vollkommen gefesselt von ihr, beinahe schon abhängig, obwohl sie in mein Leben platzte und wieder abtauchte, wie es ihr gerade passte. Wenn ich wissen wollte, wohin sie verschwand, oder wenn ich sie nach ihrer Vergangenheit fragte, zog sie sich zurück. Das machte mir Angst. Also hörte ich auf, danach zu fragen. Ich wollte sie nicht verlieren. Doch am Ende hielt auch das sie nicht davon ab, mich zu verlassen. Als sie fortging, brach es mir das Herz. Und als sie neun Monate später hochschwanger wieder vor der Tür stand, war das für mich wie der Hauptgewinn in der Lotterie. Ich dachte, sie würde jetzt endgültig bei mir bleiben, Ari. Wenn schon nicht um meinetwillen, dann doch immerhin deinetwegen. Aber kaum warst du auf der Welt … ging sie einfach. Meine innere Stimme flüsterte mir zu, dass ich einen Vaterschaftstest durchführen lassen solle, doch ich hatte Angst, dass du vielleicht wirklich nicht von mir sein könntest. Und glaube mir, ich wollte dich. Du warst ein Stück von Sala.“ Mit Tränen in den Augen sah Derek seine Tochter an, die ebenfalls einen Kloß im Hals hatte. „Ich liebe dich, meine Kleine, nur habe ich dich wohl nie genug geliebt.“

Seine Worte trafen Ari wie Stiche ins Herz. Es tat so furchtbar weh, dass es ihr einen Moment lang den Atem und auch die Sprache verschlug.

Als Derek bemerkte, welche Wirkung sein Geständnis auf Ari hatte, rollte ihm eine Träne über die Wange. „Ich wollte dir nie wehtun, mein Schatz. Trotzdem weißt du doch selbst, was für ein schlechter Vater ich war. Als du klein warst, war ja noch alles in Ordnung, aber je älter du wurdest, desto ähnlicher wurdest du ihr auch. Das war für mich kaum zu ertragen … Es fiel mir schwer, in deiner Nähe zu sein. Ich war immer allein, Ari. Ich kenne es nicht anders. Es war selbstsüchtig, dich bei mir zu behalten.“

„Dad …“ Ari schluchzte leise.

„Ich wünschte wirklich, ich wäre ein besserer Vater gewesen. Ein besserer Mensch. Und dass ich dich so geliebt hätte, wie du es verdienst. Ich trage seit Jahren diesen Zorn in mir, Ari. Aber erst als ich die Wahrheit über dich und Sala herausgefunden habe, konnte ich meine Wut auf deine Mutter überhaupt wahrnehmen.“

Ari wusste nicht, ob sie noch mehr hören wollte. „Dad, bitte …“

„Ich würde im Nachhinein gern so vieles ändern, Ari, und ich bereue meine Fehler. Aber als ich die unfassbare Wahrheit erfuhr – also, dass diese Wesen real sind, wer du bist und was sie von dir wollen … Es hat einen Moment gedauert, bis ich das alles verarbeiten konnte.“ Derek unterbrach sich und holte tief Luft. „Was ich eigentlich sagen will, ist Folgendes: Trotz allem, trotz meiner Fehler werde ich nie bereuen, dass ich dir so lange eine gewisse Sicherheit bei mir geben durfte. Obwohl mir nicht einmal bewusst war, dass ich dich beschützt habe.“

Diese bittersüße Offenbarung war das ehrlichste Gespräch, das sie je miteinander geführt hatten. Ohne genau zu wissen, was sie erwidern wollte, öffnete Ari den Mund, um zu antworten …

Doch bevor sie auch nur eine Silbe herausbringen konnte, stand der Wald in Flammen. Sie sprang auf. Ihr Körper spürte die Gefahr, bevor ihr Verstand sie registrierte. Aber es war zu spät. Irgendetwas traf ihren Kopf, und ohne dass Ari auch nur einen Gedanken fassen konnte, wurde es schwarz um sie.

Seit Jai Ari damals geküsst hatte, konnte er sie orten und ihre Emotionen wahrnehmen – ganz gleich, wo sie sich aufhielt. Jetzt gerade schienen die widersprüchlichsten Gefühle in ihr zu toben. Jai konnte es spüren und wusste, dass sie in Vickers Woods war.

Er ließ sich in Dereks Sessel fallen und überlegte, was da draußen im Wald wohl gerade passierte. Natürlich war es allerhöchste Zeit, dass die beiden sich aussprachen. Andererseits hatte Jai aber auch Angst, dass Derek Ari mit seinen Worten wehtun könnte. Insbesondere, weil sie heute schon einmal verletzt worden war. Und zwar von mir. Verunsichert fuhr Jai sich übers Haar. Es war die richtige Entscheidung gewesen, Ari nicht gleich die ganze Wahrheit über das Wesen der Magie zu verraten. Er hatte nur seinen Job erledigt. Was wollte sie eigentlich von ihm? Sie wusste doch, dass er für den Red King arbeitete und ihr Bodyguard war, nicht ihr Freund. Wieso also die Vorwürfe? Jai fluchte leise, als in diesem Moment sein Handy klingelte. Er zog es aus der Hosentasche, klappte es auf und warf einen Blick aufs Display. „Hallo, Trey. Was gibt’s?“

„Hat er ihr gefallen?“, fragte sein Freund, und man hörte Treys Stimme an, dass er grinste.

„Wem soll was gefallen haben?“

„Ari. Hat ihr der Ohrring gefallen?“

Jai presste die Lippen aufeinander. Es wäre wirklich besser gewesen, er hätte Ari niemals erwähnt. Ebenso wenig wie den unsicheren, heißen Moment an ihrer Tür, als sie ihn hatte küssen wollen. Er war versucht gewesen, einzulenken und ihrem Wunsch nachzugeben. Seine Sehnsucht nach ihr war kaum noch zu beherrschen gewesen. „Hast du mir den Ohrring deshalb aufgedrängt? Du meintest, es wäre ein Geschenk dafür, dass ich diesen Auftrag an Land gezogen habe. Also ein Geschenk, das ein Freund schlecht ablehnen kann. Wenn es aber in Wirklichkeit mit irgendeiner kranken Idee bezüglich Ari zu tun hatte …“

„Was ist dir denn für eine Laus über die Leber gelaufen?“, unterbrach Trey ihn.

„Ich habe Ari die Wahrheit über unsere Magie gesagt.“

„Wurde auch Zeit.“

„Stimmt schon, aber sie hat es nicht gerade entspannt aufgenommen.“

„Und du hast jetzt ein schlechtes Gewissen, weil du etwas für sie empfindest.“

„Hör auf, mich analysieren zu wollen. Ich habe kein schlechtes Gewissen. Ich bin nur genervt. Außerdem sitze ich hier herum und warte darauf, dass sie nach Hause zurückkehrt. Sie ist vorhin mit ihrem Dad verschwunden.“

„Hat er sich also doch noch dazu aufgerafft, sein Zimmer zu verlassen?“

Jai verdrehte die Augen. Trey hatte ein erschreckend gutes Gedächtnis und vergaß nie auch nur eine Silbe von dem, was man ihm erzählte. „Ja, das hat er.“

„Tja, wenn sie zurückkommt und dir deine Lüge verziehen hat, bring sie mit nach L. A. Ich würde sie auch gern mal kennenlernen.“

Jai stellte erstaunt fest, dass er eifersüchtig wurde. „Die Frau ist tabu für dich, Trey.“

Sein Freund lachte. „So meinte ich das nicht. Außerdem bin ich gerade mit jemand anders zusammen. Ihm gehört ein Club in der Innenstadt, und der Mann ist richtig heiß. Diesmal ist es übrigens ein Mensch. Die letzte Dschinniya, mit der ich zusammen war, konnte ganz schön anstrengend werden. Bei jedem Streit hat sie sich mit dem Peripatos einfach aus dem Staub gemacht.“

„War sie der Grund für deine Frauenabstinenz?“

„Ja. Es hat aber nicht lange gehalten. Wobei … Schon seit einer vollen Woche hatte ich nichts mehr mit einer Frau.“

„Dann ist der Clubbesitzer neu?“

„Ja, wir kennen uns ungefähr seit einem Monat.“

Jai seufzte und dachte daran, dass Treys Vater Rik der Schlag treffen würde, wenn er die Wahrheit über seinen Sohn erfahren würde. Rik vertrat noch mittelalterliche Ansichten und war ein schlimmer Schwulenhasser. Trey behauptete immer, dass Rik nicht völlig durchdrehen würde, wenn er es herausfand, weil er sich ja auch mit Frauen traf. Dennoch wusste Jai, dass Trey eine Riesenangst vor dem Tag hatte, an dem sein Vater alles herausbekommen würde.

„Was ist?“, fragte Trey lachend. „Wir haben uns keine Treue geschworen oder so etwas. Mit solchen Versprechungen bin ich durch.“

Das lag nur daran, dass seine letzte längere Beziehung ihn fast umgebracht hätte. Trey war nicht nur ein Dschinn-Bodyguard, ein Wächter, sondern auch Maler. Noch etwas, das sein Vater nicht wissen durfte.

Er hatte sich damals in einen Kunsthändler aus L. A. verliebt. Nachdem sie ein Jahr zusammen gewesen waren, hatte der Typ keine Lust mehr gehabt, geduldig zu warten, bis Trey es seiner Familie sagen wollte. Also hatte er Trey verlassen und ihm damit das Herz gebrochen.

„Ja.“ Jai seufzte noch einmal. „Hast du nur deshalb angerufen? Um mich wegen Ari zu nerven?“

„Sie klingt toll, Mann. Und heiß. Vergiss deinen alten Herrn und schnapp sie dir.“

„Woher willst du denn wissen, ob sie heiß ist? Ich habe dir ja nicht mal erzählt, wie sie aussieht.“

„Aber ich erkenne doch diesen Blick bei einem Mann, wenn er über jemanden redet, den er gut findet. Du hast ja schon fast gesabbert.“

Jai wurde rot. „Du hast keine Ahnung, wovon du sprichst.“

„Idiot.“

„Selber.“

„Klingt sehr erwachsen“, sagte Trey lachend. „Aber mal im Ernst, Jai. Du darfst dich nicht länger von Luca so lenken lassen. Mach dich frei, triff deine eigenen Entscheidungen.“

„Sie ist noch ein Mädchen.“

„Okay, mag ja sein. Du solltest trotzdem für dich einstehen, Jai.“

„Das mache ich, sobald du deinem Dad sagst, dass du für die andere Mannschaft spielst.“

„Das tue ich doch gar nicht. Ich spiele für beide Teams.“

„Du weißt schon, was ich meine.“