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1. TeilVignette

1. Kapitel

Sie wartet auf eine Antwort, aber Elias hat keine Ahnung, was er sagen soll. Ihm fällt nichts ein, womit sie sich zufriedengeben würde. Stattdessen starrt er seine Hände an. Sie sind so blass, dass in dem grellen Licht der Neonröhren jede Ader zu sehen ist.

»Elias?«

Wie hält sie es nur aus, in diesem trostlosen kleinen Raum zwischen all den Aktenordnern, den traurigen Topfpflanzen und dem Blick auf den Schulparkplatz zu arbeiten? Wie hält sie es mit sich selbst aus?

»Kannst du mir erklären, was in dir vorgeht?«

Elias hebt den Kopf und sieht die Rektorin an. Natürlich hält sie es aus. Menschen wie sie passen wie selbstverständlich in diese Welt. Sie tun immer das Erwartete und Normale. Vor allem sind sie davon überzeugt, für jedes Problem die richtige Lösung zu haben. Lösung Nummer eins: Passe dich an und befolge die Regeln. Als Rektorin ist Adriana Lopez Königin einer Welt, die auf dieser Philosophie aufbaut.

»Diese Angelegenheit macht mir große Sorgen«, sagt sie, aber Elias merkt, dass sie eigentlich verärgert ist. Weil er sich nicht einfach zusammenreißt. »Seit den Ferien sind nicht einmal drei Wochen vergangen und du hast schon fünfzig Prozent Fehlstunden. Ich versuche, das hier mit dir zu klären, damit du nicht vollkommen den Anschluss verlierst.«

Elias denkt an Linnéa. Für gewöhnlich hilft das, aber in diesem Moment kann er sich nur an letzte Nacht erinnern, daran, wie sie sich angeschrien haben. Es tut weh, daran zu denken, dass sie geweint hat. Er konnte sie nicht trösten. Schließlich war er der Grund für ihre Tränen. Vielleicht hasst sie ihn jetzt.

Linnéa hält die Dunkelheit von ihm fern. Sie hindert ihn daran, die Auswege zu nehmen. Die Rasierklinge, die ihm für eine Weile die Kontrolle über die Angst zurückgibt. Das Rauchen, das ihn vergessen lässt. Aber gestern konnte er nicht mehr widerstehen und Linnéa hat es gemerkt, natürlich. Und jetzt hasst sie ihn vielleicht.

»Bei uns auf dem Gymnasium läuft vieles anders als in der Mittelschule«, fährt die Königin fort. »Du hast mehr Freiheiten, aber du musst auch verantwortungsvoll mit ihnen umgehen. Hier wird dich niemand verhätscheln. Es liegt allein an dir, den Rest deines Lebens zu gestalten. Dies ist der Ort, an dem sich deine Zukunft entscheidet. Willst du das wirklich einfach so wegwerfen?«

Elias muss beinahe laut loslachen. Glaubt sie diesen Mist am Ende etwa wirklich? Sie nimmt ihn doch gar nicht als Menschen wahr, für sie ist er nur ein weiterer Schüler, der »ein bisschen aus der Spur geraten ist«. Er kann unmöglich ein Problem haben, das sich nicht mit den Schlagworten »Pubertät« und »Hormone« wegerklären lässt. Das Einzige, was einem wie ihm hilft, sind »feste Regeln« und »deutliche Grenzen«.

»Es gibt ja auch noch Aufnahmeprüfungen.«

Es rutscht ihm einfach so raus. Der Mund der Rektorin verzieht sich zu einem schmalen Strich.

»Auch eine Aufnahmeprüfung erfordert zunächst einmal die Hochschulreife.«

Elias seufzt. Dieses Gespräch dauert schon viel zu lange.

»Ich weiß«, sagt er und weicht ihrem Blick aus. »Ich will das hier nicht vermasseln. Ich dachte, das Gymnasium könnte ein Neuanfang sein, es ist nur viel schwerer, als ich es mir vorgestellt habe … Ich bin mit dem Stoff wirklich ziemlich hintendran. Aber ich werde es schaffen.«

Die Rektorin scheint überrascht. Dann breitet sich ein Lächeln auf ihrem Gesicht aus, das erste echte Lächeln während des ganzen Gesprächs. Elias hat genau das gesagt, was sie hören wollte.

»Gut«, sagt sie. »Du wirst sehen, wenn du beschließt, dich am Riemen zu reißen, dann läuft es von ganz alleine.«

Sie beugt sich vor, zupft ein Haar von Elias’ schwarzem Pullover und zwirbelt es zwischen ihren Fingern. Es glänzt im Sonnenlicht, das durch das Fenster fällt. Unten an der Wurzel, wo seine natürliche Haarfarbe schon einen Zentimeter nachgewachsen ist, ist es ein wenig heller. Adriana Lopez starrt es fasziniert an, und Elias hat plötzlich die wahnwitzige Vorstellung, sie könnte es in den Mund stecken und darauf herumkauen.

Als sie seinen Blick bemerkt, legt sie das Haar vorsichtig in den Papierkorb.

»Entschuldige, ich bin manchmal etwas pedantisch«, sagt sie.

Elias lächelt auf eine Weise, die alles Mögliche bedeuten kann, weil er keine Ahnung hat, was er darauf erwidern soll.

»Nun, dann denke ich, wir sind fertig für heute«, sagt die Rektorin.

Elias steht auf und geht aus dem Zimmer. Als er sich umdreht, um die Tür richtig hinter sich zuzumachen, fällt sein Blick auf die Rektorin.

Er sieht gerade noch, wie sich Adriana Lopez über den Papierkorb beugt und mit ihren langen, schmalen Fingern etwas herausfischt. Dieses Etwas lässt sie in ein kleines Kuvert gleiten, das sie sorgfältig verschließt.

Elias bleibt verunsichert stehen. Er kann nicht einordnen, was er da eben beobachtet hat. Er traut seinen eigenen Sinnen nicht mehr, nicht nach den letzten Tagen. Wäre es nicht so unvorstellbar, würde er glauben, dass es das Haar war, das sie von seinem Pullover gezupft hatte.

In diesem Moment hebt die Rektorin den Kopf. Ihr Blick versteinert, dann presst sie ein Lächeln hervor.

»Ist noch was?«, fragt sie.

»Nein«, murmelt Elias und drückt die Tür zu.

Als sie sich mit einem Klick schließt, verspürt er eine unverhältnismäßige Erleichterung. Fast so, als habe er sich aus einer lebensbedrohlichen Situation gerettet.

Das Schulgebäude ist menschenleer. Ein unnatürlicher Zustand. Noch vor einer halben Stunde, als er ins Büro der Rektorin ging, wimmelte es hier von Schülern. Elias wählt Linnéas Nummer, während er die Wendeltreppe nach unten rennt. Sie nimmt ab, als er den Treppenabsatz erreicht hat und die Tür zum Korridor im Erdgeschoss aufstößt.

»Linnéa.«

»Ich bin’s«, sagt er.

Die Nervosität verursacht ihm fast körperliche Schmerzen.

»Ja, bist du«, antwortet sie schließlich, wie sie es immer tut.

Elias entspannt sich ein wenig.

»Entschuldige«, sagt er. »Es tut mir echt leid wegen gestern.«

Eigentlich wollte er ihr das schon heute Morgen sagen, gleich, wenn er sie sieht. Aber dann hat sich den ganzen Tag keine Gelegenheit ergeben. Linnéa ist ihm aus dem Weg gegangen. Und die letzte Stunde hat sie geschwänzt.

»Aha«, sagt sie nur.

Ihre Stimme klingt nicht wütend. Nicht einmal traurig. Nur leer und erschöpft – als hätte sie aufgegeben – und das erschreckt Elias mehr als alles andere.

»Es ist nicht … ich habe nicht wieder angefangen. Ich werde auch nicht wieder anfangen. Es war nur ein Joint.«

»Das hast du gestern schon gesagt.«

»Ich hatte nicht den Eindruck, dass du mir glaubst.«

Elias läuft an den Spinden entlang, an der Sitzgruppe mit den unbequemen Holzbänken, die am Boden festgeschraubt sind. Vorbei am Schwarzen Brett. Und Linnéa sagt immer noch nichts. Plötzlich registriert er ein anderes Geräusch. Schritte, die nicht seine sind.

Er dreht sich um. Niemand zu sehen.

»Du hast mir geschworen, dass damit Schluss ist«, sagt Linnéas Stimme.

»Ich weiß. Es tut mir leid. Ich weiß, dass ich dich enttäuscht habe …«

»Nein, verdammt«, unterbricht ihn Linnéa. »Du enttäuschst dich nur selbst! Meinetwegen musst du es nicht lassen, dann wirst du nämlich nie …«

»Ich weiß, ich weiß«, sagt er. »Das weiß ich doch alles.«

Elias ist an seinem Spind angekommen, schließt auf, steckt ein paar Bücher in seine schwarze Stofftasche und knallt die dünne Metalltür wieder zu. Er kann die anderen Schritte gerade noch wahrnehmen, ehe sie verstummen. Er dreht sich wieder um. Absolut niemand. Und doch fühlt er sich beobachtet.

»Warum hast du das gemacht?«

Sie hat gestern schon dieselbe Frage gestellt, hat sie mehrere Male wiederholt. Aber er hat ihr nicht die Wahrheit gesagt. Die Wahrheit ist zu erschreckend. Zu verrückt. Sogar für einen Psycho wie ihn.

»Ich habe es dir doch erklärt. Ich hatte Angst«, sagt er und versucht, seine Stimme neutral klingen zu lassen, um den Streit nicht neu zu entfachen.

»Ich weiß, dass mehr dahintersteckt.«

Elias zögert.

»Okay«, sagt er. »Ich werde es dir erzählen. Können wir uns heute Abend sehen?«

»Okay.«

»Ich schleiche mich raus, sobald meine Eltern eingeschlafen sind. Linnéa …«

»Ja?«

»Hasst du mich?«

»Ich hasse, dass du mir dermaßen idiotische Fragen stellst«, faucht sie.

Endlich. Das ist die Linnéa, die er kennt.

Elias legt auf. Er lächelt. Es gibt Hoffnung. Solange sie ihn nicht hasst, gibt es Hoffnung. Er kann es Linnéa erzählen. Sie ist seine Schwester, seine Seelenverwandte. Er muss das hier nicht alleine durchstehen.

In diesem Moment gehen die Lampen aus. Elias erstarrt. Durch das Fenster am Ende des Korridors fällt ein schwacher Lichtschein. Irgendwo in der Nähe schließt sich eine Tür. Dann ist alles still.

Hier gibt es nichts, wovor ich mich fürchten muss, versucht er sich einzureden.

Langsam bewegt er sich in Richtung Ausgang. Zwingt sich, mit ruhigem, festem Schritt zu gehen, der Panik, die in ihm aufsteigt, nicht nachzugeben. Hinter den Spinden biegt er um die Ecke.

Da steht jemand.

Der Hausmeister. Elias ist ihm erst ein paarmal begegnet, aber einen wie ihn vergisst man nicht. Vor allem nicht seine großen eisblauen Augen. Augen, die Elias anstarren, als könnten sie alle seine Geheimnisse sehen.

Elias schaut auf den Boden, als er an ihm vorbeigeht. Trotzdem kann er diesen brennenden Blick im Nacken spüren. Ihm wird übel. Das Herz schlägt ihm bis zum Hals. Elias geht schneller.

Im letzten Halbjahr ist es wirklich besser geworden. Er hat gespürt, dass sich etwas tut, dass er sich verändert. Die neue Psychologin in der Kinder- und Jugendpsychiatrie ist nicht so eine Idiotin wie die alte, er hat sogar den Eindruck, dass sie ihn tatsächlich ein klein wenig versteht. Aber vor allem hat er Linnéa. Bei ihr fühlt er sich lebendig, sie weckt in ihm das Verlangen, sich von der Dunkelheit zu befreien, die ihn erdrückt und gleichzeitig anzieht.

Deshalb fällt es ihm auch so schwer zu verstehen, warum es gerade jetzt passiert – wo er nachts endlich einigermaßen schlafen kann, wo er manchmal sogar fröhlich ist.

Vor drei Tagen hat er beobachtet, wie sich sein Gesicht im Spiegel veränderte. Wie es sich bis zur Unkenntlichkeit verzerrt und verdreht hat. Da ist ihm klar geworden, dass er im Begriff ist, wirklich verrückt zu werden. Stimmen-hören-und-halluzinieren-verrückt. Vor Angst hätte er sich fast in die Hose gemacht.

Drei Tage lang konnte er der Rasierklinge und Jontes Stoff widerstehen. Hat jeden Spiegel gemieden. Aber gestern hat er sich in einem Schaufenster gesehen, hat gesehen, wie sein Gesicht zitterte und auseinanderfloss, als wäre es aus Wasser. Das war der Moment, in dem er Jonte angerufen hat.

Du verlierst die Kontrolle.

Ein fremdes Flüstern in seinem Kopf. Elias sieht sich um und bemerkt, dass er die Wendeltreppe zurück nach oben gegangen ist und wieder im Korridor vor dem Büro der Rektorin steht. Er weiß nicht, warum er ausgerechnet hierhergekommen ist.

Die Deckenlampen flackern auf und gehen aus. Langsam gleitet die Tür zum Treppenhaus hinter ihm zu. Unmittelbar, bevor sie zufällt, hört er es. Das Geräusch weicher Schuhsohlen auf der Wendeltreppe.

Versteck dich.

Elias rennt den dunklen Korridor entlang. Am Ende jeder Spindreihe rechnet er damit, dass jemand oder etwas vor ihm auftaucht. Als er gerade um die nächste Ecke gebogen ist, hört er, wie hinter ihm die Tür zum Treppenhaus geöffnet wird. Schritte kommen näher, langsam, aber zielstrebig.

Er erreicht die große Steintreppe, das Rückgrat der Schule.

Lauf die Treppe hoch.

Elias’ Beine gehorchen, nehmen zwei Stufen auf einmal. Als er oben ist, rennt er weiter, den schmalen Gang hinunter, an dessen Ende eine verschlossene Tür zum Dachboden der Schule führt. Es ist eine Sackgasse, ein vergessener Ort. Hier gibt es nur die Toiletten, die niemand sonst benutzt. Linnéa und er haben sich schon oft hier getroffen.

Die Schritte kommen näher.

Versteck dich.

Elias öffnet die Tür zum Waschraum und schlüpft hinein. Vorsichtig schließt er sie hinter sich und versucht, so lautlos zu atmen wie möglich. Lauscht. Das einzig wahrnehmbare Geräusch kommt von einem Motorrad, das beschleunigt und in der Ferne verschwindet.

Elias legt ein Ohr an die Tür.

Es ist nichts zu hören. Aber er weiß es. Draußen steht jemand. Auf der anderen Seite der Tür.

Elias.

Das Flüstern ist jetzt deutlicher, doch Elias ist ganz sicher, dass es nur in seinem Kopf existiert.

Jetzt ist es so weit, ich bin verrückt geworden, denkt er und sofort hört er die Stimme:

Ja, das bist du.

Er schaut zum Fenster, sieht den blassblauen Himmel. Die weißen Fliesen glänzen. Es ist kalt hier drinnen. Grenzenlose Einsamkeit erfüllt ihn.

Dreh dich um.

Er will es nicht tun, trotzdem dreht Elias sich langsam um. So, als hätte er keine Macht mehr über seinen eigenen Körper. Die Stimme lenkt ihn jetzt – wie eine Marionette aus Fleisch und Blut.

Er steht vor den drei Waschbecken, über denen Spiegel hängen. Als er sein bleiches Gesicht sieht, würde er am liebsten die Augen schließen, aber es geht nicht.

Zerschlag das Glas.

Elias’ Körper gehorcht. Seine Hände schließen sich fest um die Griffe seiner Stofftasche und er schwingt sie durch die Luft.

Das Krachen des zersplitternden Spiegels hallt zwischen den gefliesten Wänden wider. Große Scherben fallen ins Waschbecken und zerspringen klirrend in tausend Stücke.

Irgendjemand muss es gehört haben, denkt Elias. Bitte, mach, dass es jemand gehört hat.

Aber es kommt niemand. Er ist alleine mit der Stimme.

Elias’ Körper geht auf das Waschbecken zu und greift nach der größten Scherbe. Jetzt weiß er, was geschehen wird. Vor Angst wird ihm schwindelig.

Du bist kaputt. Nicht mehr zu retten.

Langsam geht er rückwärts in eine der Kabinen.

Bald ist es vorbei. Dann musst du nie wieder Angst haben.

Die Stimme klingt fast tröstend.

Elias schließt die Tür hinter sich ab und lässt sich auf den Klodeckel sinken. Verzweifelt versucht er, seinen Mund zu öffnen, versucht zu schreien. Sein Griff schließt sich fester um die Glasscherbe und die scharfen Kanten schneiden ihm in die Handfläche.

Keine Schmerzen.

Und er fühlt keinen Schmerz. Er sieht, wie Blut aus seiner Handfläche sickert und auf den grauen Klinkerboden tropft, aber er spürt nichts. Sein Körper ist wie betäubt. Es gibt nur noch seine Gedanken. Und die Stimme.

Das Leben wird nicht besser. Du kannst es ebenso gut gleich beenden. Du entkommst dem Schmerz. Du entkommst der Verlogenheit. Das Leben ist nichts als ein erniedrigender Kampf. Die Toten sind die Glücklichen.

Als die Glasscherbe den langen Pulloverärmel durchtrennt und die vernarbte Haut darunter offenlegt, versucht Elias nicht mehr länger, dagegen anzugehen.

Mama, Papa, denkt er. Sie werden damit fertig. Sie haben ihren Glauben. Sie glauben, dass wir uns im Himmel wiedersehen werden.

Ich liebe euch, denkt er, und die scharfe Scherbe führt den ersten Schnitt durch seine Haut.

Er hofft, dass Linnéa versteht, dass es nicht seine Entscheidung war. Alle anderen werden denken, er habe sich umgebracht, aber das spielt keine Rolle. Solange nur sie das nicht glaubt.

Er schneidet ganz anders als sonst. Tief und zielstrebig.

Bald ist es vorbei, Elias. Nur noch ein kleines Stück. Dann ist es vorbei. So ist es besser für dich. Du hast schon so viel gelitten.

Das Blut pulsiert aus seinem Arm. Er sieht es, aber er spürt nichts. Schwarze Punkte tanzen vor seinen Augen. Sie tanzen und werden größer, wachsen zusammen, bis die ganze Welt schwarz ist. Das Letzte, was er hört, sind die Schritte auf dem Korridor. Wer auch immer dort draußen ist, versucht nicht mehr länger zu schleichen. Er hat keinen Grund mehr.

Elias will sich an Linnéa klammern. Wie damals, als er klein war und hoffte, den Albträumen entrinnen zu können, wenn es ihm nur gelang, beim Einschlafen einen hellen Gedanken festzuhalten.

Verzeih mir.

Er weiß nicht, ob er es selbst gesagt hat oder die Stimme.

Und in diesem Moment fühlt er den Schmerz.

2. Kapitel

Als sie wieder zu Bewusstsein kommt, kauert sie zusammengekrümmt in der Ecke, dort, wo sie liegen gelassen wurde.

Undurchdringliche Dunkelheit herrscht in dem Keller. Ihr ganzer Körper schmerzt.

Sie setzt sich auf, zieht die Beine unter ihren Kittel und schlingt die Arme um die Knie. Auf dem rechten Ohr kann sie noch immer nichts hören, und hinter dem Auge, das von Eiter und geronnenem Blut ganz verklebt ist, pocht ein dumpfer Schmerz.

Schritte hallen durch den Gang und die schwere Tür wird aufgerissen. Fackelschein erhellt den Raum. Als sie ihre geschundenen Füße sieht, die mit einer dicken Kette aneinandergefesselt sind, wendet sie den Blick ab. Zwei Wachen zerren sie vom Boden hoch und binden ihr die Hände auf den Rücken, während der Fackelträger zusieht. Das Seil schneidet in ihre Handgelenke ein, aber sie will sich nicht anmerken lassen, wie weh es tut.

Mit einem überheblichen Grinsen macht der Mann mit der Fackel einen Schritt auf sie zu. Er hat keine Zähne mehr und sein Atem stinkt wie fauliges Fleisch. Die Hitze brennt auf ihrer Haut, als er die Flamme dicht vor ihr Gesicht führt.

»Heute stirbst du, Hure«, sagt er und streicht ihr mit der freien Hand über die Wange und weiter nach unten bis zu ihrer Brust.

Der Hass, der sie erfüllt, macht sie stark und hart.

»Verflucht sollst du sein«, zischt sie. »Auf dass dein Schwanz verfaule und abfalle! Mein Herr Satan soll dich vom Totenbett holen und Dämonen sollen dich ewig quälen!«

Der Mann zieht die Hand zurück, als hätte er sich verbrannt.

»Gott schütze uns«, murmelt einer der Wachmänner.

Es ist ein kleiner Trost, sie so ängstlich zu sehen.

Sie ziehen ihr einen Sack über den Kopf und schleppen sie durch die labyrinthischen Gänge. Knarrend öffnet sich ein Tor.

Draußen. Die Luft riecht frisch nach Morgentau. Sie wappnet sich gegen das hasserfüllte Brüllen des Pöbels, aber das Einzige, was sie hört, ist Vogelgezwitscher. Das rote Licht der Morgendämmerung sickert durch den Stoff des Sackes. Im Süden ruft ein Käuzchen und verheißt den Tod.

Ein tiefer, animalischer Instinkt erwacht in ihr. Sie muss fliehen. Jetzt.

In ihrer Panik rennt sie blindlings los. Bei jedem Schritt schlagen die Eisenketten gegen ihre Knöchel. Niemand versucht, sie aufzuhalten. Sie wissen, dass es nicht nötig ist. Sie kommt nicht weit und stürzt auf den feuchten Boden. Die Wachen grölen und johlen.

»Sie hat es wohl besonders eilig, zu ihrem Herrn Satan zu kommen«, hört sie den Zahnlosen spotten.

Starke Hände packen sie unter den Armen und andere zerren ihre Füße hoch. Grob schleudern sie sie durch die Luft. Für einen Augenblick fliegt sie, dann schlägt sie auf einem harten Untergrund auf und bekommt einen Moment lang keine Luft mehr. Ein Pferd schnaubt und die Welt beginnt zu schaukeln. Sie liegt auf irgendeinem Wagen, so viel kann sie ausmachen.

»Ist hier jemand?«, flüstert sie.

Keine Antwort.

Auch gut, denkt sie. Im Tod sind wir alle allein.

Minoo wacht davon auf, dass sie am gesamten Körper zittert. Ihr ist eiskalt, als hätte sie die ganze Nacht bei offenem Fenster geschlafen. Das Atmen fällt ihr schwer, als säße etwas Großes, Massiges auf ihrem Brustkorb.

Sie zieht die Decke bis zum Kinn hoch und rollt sich zu einer Kugel zusammen. Sie hat schon viele Albträume gehabt, aber noch keinen, den sie körperlich so stark spüren konnte. Noch nie war sie so erleichtert darüber, ihr vertrautes Zimmer mit der gelb-weiß gestreiften Tapete zu sehen.

Wenig später fällt ihr das Atmen schon leichter und die Wärme kehrt langsam in ihren Körper zurück.

Sie wirft einen Blick auf ihr Handy. Schon fast sieben. Zeit zum Aufstehen.

Minoo steigt aus dem Bett und öffnet ihren Kleiderschrank. Sie wünschte, sie hätte einen besonderen Stil, statt Tag für Tag die gleichen nichtssagenden Jeans, Tops und Strickjacken zu tragen. Sie nimmt einen marineblauen Pullover vom Bügel und ekelt sich vor sich selbst. Sie ist so schrecklich … harmlos. Nicht einmal die Frisur hat sie gewechselt. Noch nie. Aber was würden die anderen sagen, wenn sie plötzlich mit etwas Neuem in die Schule käme? Die Alternativen, deren Stil ihr insgeheim gefällt, würden sie doch nur für einen müden Abklatsch halten.

Davon abgesehen hasst sie es, Klamotten zu kaufen. Sie kommt sich dabei vor wie ein Analphabet in der Buchhandlung. Bei jedem anderen kann sie sagen, ob etwas gut aussieht oder hässlich, ob etwas passt oder nicht. Aber wenn sie selbst einen Katalog durchblättert oder in einem Laden steht, geht sie immer nur auf Nummer sicher. Schwarz. Dunkelblau. Lange Shirts. Nicht zu weit ausgeschnitten. Die Jeans nicht zu eng. Keine Muster. Kleider sind wie eine Sprache, die sie zwar versteht, aber selber nicht spricht.

Sie nimmt ihre Sachen und geht auf den Flur. Die Tür zum Schlafzimmer ihrer Eltern ist zu und im Badezimmer liegt Papas Rasierer in einer Wasserpfütze am Waschbeckenrand. Minoo vermutet, dass er schon zur Arbeit gefahren ist. Mamas Handtuch ist feucht, offensichtlich ist sie also auch schon wach, obwohl sie heute frei hat.

Minoo legt ihre Kleider auf einen Hocker, steigt in die Badewanne und zieht den Duschvorhang zu.

Plötzlich bemerkt sie den Brandgeruch. Sie nimmt eine Strähne ihrer langen schwarzen Haare, hält sie sich prüfend vors Gesicht und riecht daran.

Sie muss die Haare zwei Mal einschäumen, bis sie den unerklärlichen Geruch ausgewaschen hat. Hinterher wickelt Minoo sie in einen Handtuchturban und putzt sich die Zähne. Ihr Blick fällt auf den alten gerahmten Stadtplan von Engelsfors, der neben dem Spiegel hängt. Letztes Jahr hat sie sich tatsächlich eingebildet, dass Mama und Papa sie zu ihrer Tante Bahar nach Stockholm ziehen lassen würden, damit sie dort aufs Gymnasium gehen könnte. Sie hasst es, jeden Morgen diese Karte ansehen zu müssen und immer noch hier festzusitzen.

Engelsfors. Hübscher Name, miese Stadt. Mitten im Nirgendwo, umgeben von endlosen Wäldern, in denen sich immer noch Menschen verlaufen und für immer verschwinden. 13000 Einwohner und hohe Arbeitslosigkeit. Das Stahlwerk wurde vor fünfundzwanzig Jahren stillgelegt. Im Zentrum stehen die meisten Geschäfte leer. Nur die Pizzerien können sich halten.

Reichsstraße und Eisenbahn ziehen eine Grenze durch die Stadt. Östlich dieser Linie liegen der Dammsee, Tankstellen, Fabriken, das alte Stahlwerk und ein paar deprimierende Hochhaussiedlungen. Westlich davon befinden sich Stadtzentrum, Kirche und Friedhof, die Reihenhaussiedlung, der schon lange verlassene Herrenhof und die »gute« Villengegend am idyllischen Kanal.

Hier wohnt auch Minoo Falk Karimi mit ihren Eltern, in einer hellgrauen, zweigeschossigen modernen Architektenvilla. An den Wänden kleben teure Tapeten und die meisten Möbel wurden von Designerläden aus Stockholm geliefert.

Mama sitzt am Küchentisch, als Minoo die Treppe herunterkommt. Die Tageszeitungen, die Papa jeden Morgen durchackert, liegen ordentlich gestapelt auf dem Tisch. Mama hat sich in ihr Ärzteblatt vertieft, ihr übliches Frühstück griffbereit – eine Tasse dampfenden schwarzen Kaffee.

Minoo füllt sich Erdbeerjoghurt in ein Schälchen und setzt sich ihr gegenüber.

»Ist das alles, was du essen willst?«, fragt ihre Mutter.

»Das musst du gerade sagen«, sagt Minoo und bekommt ein Lächeln als Antwort.

»Joghurt, Haferbrei, Butterbrot, Joghurt, Haferbrei, Butterbrot. Besonders toll ist das auf die Dauer wirklich nicht.«

»Aber Kaffee schon, oder wie?«

»Eines Tages wirst du das verstehen«, sagt Mama lächelnd. Aber dann bekommt sie plötzlich diesen Blick, als könne sie Minoo geradewegs in die Seele schauen. »Hast du schlecht geschlafen?«

»Ich hatte einen Albtraum«, sagt Minoo.

Sie erzählt von ihrem Traum und wie sie sich gefühlt hat, als sie aufgewacht ist. Mama streckt eine Hand aus und legt sie ihr auf die Stirn. Minoo zuckt zurück.

»Ich bin nicht krank. Das war kein Schüttelfrost.«

Minoo kann förmlich sehen, wie ihre Mutter in den »Ärztemodus« umschaltet. Ihre Stimme verändert sich: wird ernst und professionell. Sogar ihre Körpersprache wirkt distanzierter. Das war schon damals so, als Minoo noch klein war. Es ist immer ihr Vater gewesen, der sie umsorgt und mit Süßigkeiten und Comic-Heftchen verwöhnt hat, wenn sie krank war. Mama benahm sich eher wie eine Ärztin, die zur Visite kommt.

Minoo war deswegen oft traurig, aber inzwischen hat sie den Verdacht, dass Mama aus reinem Selbstschutz die Mutterrolle verlässt und in die des Profis schlüpft. Vielleicht kann sie die Kombination aus elterlicher Sorge und ärztlichem Wissen über die Dinge, die einem menschlichen Körper zustoßen können, nicht anders bewältigen.

»War dein Puls erhöht?«

»Ja. Aber er hat sich schnell wieder beruhigt.«

»Luftnot?«

Minoo nickt.

»Es könnte eine Panikattacke gewesen sein.«

»Ich habe keine Panikattacken.«

»Daran wäre nichts Ungewöhnliches, Minoo. Du bist gerade erst auf das Gymnasium gewechselt. Das ist eine große Umstellung.«

»Es war keine Panikattacke. Es hatte mit dem Traum zu tun.«

Sie findet es ja auch komisch, aber genau so war es.

»Es bringt nichts, seine Gefühle zu unterdrücken«, sagt Mama. »Irgendwann kommen sie sowieso an die Oberfläche, und je stärker man versucht, sie zu kontrollieren, umso unkontrollierter suchen sie sich einen Ausweg.«

»Hast du neuerdings von Chirurgin auf Psychologin umgeschult?«, fragt Minoo ironisch.

»Ich habe damals wirklich überlegt, in die Psychiatrie zu gehen«, entgegnet ihre Mutter ein wenig spitz. Dann verändert sich etwas in ihren Augen. »Ich weiß ja, dass ich selbst kein sonderlich gutes Vorbild bin.«

»Hör auf, Mama.«

»Nein, ich bin ein typisches braves Mädchen, ich lasse auch nichts raus. Ich will dir das nicht weitergeben.«

»Tust du nicht«, murmelt Minoo.

»Gib mir Bescheid, falls so was noch mal vorkommt. Versprich mir das.«

Minoo nickt. Auch wenn Mama sich manchmal zu sehr einmischt, ist es doch schön, dass sie sich Gedanken macht. Und sie versteht Minoo, meistens jedenfalls.

Himmel, wie armselig, denkt Minoo und schiebt den letzten Löffel Joghurt in den Mund. Meine Mutter ist meine beste Freundin.

Vanessa wird wach, weil ihr Brandgeruch in die Nase sticht.

Sie zerrt ihre Decke weg, springt aus dem Bett und reißt die Tür auf.

Aber im Wohnzimmer ist alles wie immer. Da sind keine Flammen, die an den Vorhängen lecken. Keine giftigen schwarzen Rauchwolken, die aus der Küche quellen. Auf dem Couchtisch stehen ein Pizzakarton und ein paar Bierdosen. Der Schäferhund Frasse liegt faul auf dem Boden in der Sonne. Mama, Nicke und Vanessas kleiner Bruder Melvin sitzen schon in der Küche und frühstücken. Ein ganz gewöhnlicher Morgen im Tornrosväg 17A, fünfter Stock, erste Tür rechts neben dem Aufzug.

Vanessa schüttelt den Kopf und dabei bemerkt sie es: Sie selbst riecht nach Rauch. Ihre Haare stinken. Wie damals, als sie klein war und in dieses sinnlose Maifeuer auf dem Olssons-Hügel gestarrt hatte.

Sie geht durchs Wohnzimmer, geht durch die Küche, wo Melvin spielt und so tut, als würden zwei Löffel miteinander über den Tisch tanzen. Manchmal ist er unglaublich goldig. Unfassbar, dass er zu fünfzig Prozent aus Nickes Genen bestehen soll.

Sie lässt ihren Schlafanzug auf den Badezimmerboden fallen und dreht die Dusche auf. Die Leitung ächzt und ein eiskalter Wasserstrahl spritzt ihr entgegen. Diese Dusche ist absolut unberechenbar, seit Nicke eigenhändig irgendwelche Rohre ausgetauscht und eine neue Mischbatterie eingebaut hat. Mama hatte zwar protestiert, aber schlussendlich darf Nicke ja doch immer machen, was er will.

Vanessa stellt sich in die Kabine und verbrüht sich fast, bis es ihr endlich gelingt, die richtige Temperatur einzustellen. Sie wäscht sich die Haare mit Mamas Shampoo, das süß nach Kokos duftet. Der mysteriöse Rauchgeruch bleibt, wo er ist. Sie schüttet sich noch eine große Portion Shampoo auf den Kopf und schäumt sich die Haare ein zweites Mal ein.

Als sie in ihren Bademantel gewickelt ins Zimmer zurückkommt, schaltet sie das Radio ein. Dank der überdrehten Reklamestimmen wirkt alles gleich irgendwie normaler. Sie zieht die Jalousien hoch und ihre Laune bessert sich schlagartig. Eindeutig ein Tag für Sommerklamotten. Sie will so schnell wie möglich raus in die Sonne.

»Mach das Ding leiser!«, brüllt Nicke in bester Bullenmanier aus der Küche.

Vanessa ignoriert ihn.

Ist doch nicht mein Problem, dass du einen Kater hast, denkt sie und rollt sich Deo unter die Arme.

Sie zieht sich an, nimmt ihr Schminktäschchen und geht zu dem Ganzkörperspiegel, der an der Wand lehnt.

Sie ist nicht da.

Vanessa starrt in den leeren Spiegel. Sie hebt eine Hand und hält sie vor sich. Da ist sie, ganz deutlich. Sie schaut wieder in den Spiegel. Nichts.

Es dauert einen Moment, bis sie begreift, dass sie immer noch schläft.

Vanessa lächelt. Wenn ihr klar ist, dass das hier ein Traum sein muss, dann sollte sie ihn eigentlich auch lenken können.

Sie stellt ihr Schminktäschchen ab und geht in die Küche.

»Hi«, sagt sie.

Niemand reagiert. Sie ist wirklich unsichtbar. Nicke hat den Kopf auf die Hand gestützt und scheint noch fast zu schlafen. Er stinkt nach abgestandenem Bier. Mama, die mindestens genauso müde aussieht, schiebt sich ein Schinkenbrot in den Mund und blättert den Prospekt eines Ladens namens »Kristallgrotte« durch. Nur Melvin dreht den Kopf, als hätte er etwas gehört, aber er kann eindeutig nichts sehen.

Vanessa stellt sich neben Nicke.

»Na, verkatert?«, flüstert sie ihm ins Ohr.

Keine Reaktion. Vanessa kichert. Sie fühlt sich außergewöhnlich gut.

»Weißt du eigentlich, wie sehr ich dich hasse?«, sagt sie zu Nicke. »Du bist so ein verdammter Loser, dass du nicht mal selbst merkst, was für ein Loser du bist. Aber das Schlimmste an dir ist, dass du dir dabei auch noch unglaublich perfekt vorkommst.«

Plötzlich spürt sie etwas Nasses, Raues an ihrer Hand. Sie schaut nach unten. Neben ihr steht Frasse und leckt ihr die Hand.

»Frasse macht?«, fragt Melvin mit seiner hellen Stimme.

Mama schaut den Hund an.

»Man weiß nie so genau, was Frasse alles einfällt«, antwortet sie. »Wahrscheinlich jagt er gerade eine Fliege oder so.«

»Gleich gehe ich rüber und schmeiß dieses verfluchte Scheißradio aus dem Fenster«, schreit Nicke in Richtung Vanessas Zimmer.

Vanessa kichert und lässt den Blick durch die Küche schweifen. Neben der Spüle steht Nickes blauer Lieblingsbecher, auf dem der weiße Schriftzug N.Y.P.D. und eine amerikanische Polizeimarke prangen. Er bildet sich garantiert ein, das Leben als Bulle in Engelsfors wäre mit dem eines New Yorker Cops vergleichbar.

Schwungvoll schubst Vanessa den Becher auf den Boden. Mit einem befriedigenden Klirren zerspringt er in zwei Teile. Melvin zuckt zusammen und fängt an zu weinen. Sofort bekommt sie ein schlechtes Gewissen.

»Was zur Hölle …!«, schreit Nicke und springt so heftig auf, dass sein Stuhl umkippt.

»Was für ein Jammer, dass du mir jetzt nicht die Schuld dafür geben kannst«, sagt Vanessa triumphierend.

Nicke starrt sie fassungslos an. Ihre Blicke treffen sich. Der Schock sendet kleine elektrische Stöße durch ihren Körper.

Er kann sie sehen.

»Und wem sollte ich deiner Meinung nach sonst die Schuld geben?«, zischt er.

Melvin heult und Nicke nimmt ihn auf den Arm, streicht ihm über die schokoladenbraunen, zerzausten Haare.

»Schon gut, Kleiner, schon gut«, murmelt er tröstend und starrt Vanessa dabei böse an.

»Vanessa, was sollte denn das jetzt wieder?«, sagt Mama mit müder Stimme.

Auf diese Frage hat Vanessa keine sinnvolle Antwort. Wo fängt dieser Traum eigentlich an und wo hört er auf?

»Habt ihr mich die ganze Zeit gesehen?«, fragt sie.

Mama sieht schlagartig hellwach aus.

»Hast du was genommen

»Ihr seid doch total zurückgeblieben!«, schreit Vanessa und rauscht aus der Küche.

Jetzt hat sie Angst, Todesangst, aber das wird sie sich nicht anmerken lassen. Stattdessen zieht sie ihre Schuhe an und schnappt sich ihre Tasche.

»Du gehst nirgendwohin!«, ruft Mama.

»Soll ich etwa schwänzen, oder was?«, schreit Vanessa zurück und knallt die Wohnungstür hinter sich zu, dass es durch das ganze Treppenhaus hallt.

Sie rast nach unten, raus aus dem Haus und quer über die Straße zur Haltestelle, wo sie den Bus gerade noch erwischt.

Gott sei Dank ist niemand unter den Fahrgästen, den sie kennt. Sie setzt sich ganz nach hinten.

Es gibt nur zwei Erklärungen für diesen kranken Morgen. Entweder ist sie verrückt geworden oder wieder schlafgewandelt. Als sie klein war, kam das ziemlich oft vor. Mama liebt es, sie damit aufzuziehen. Ganz besonders mit der Geschichte, wie Vanessa sich damals auf den Fußabtreter gehockt und einfach losgepinkelt hat. Vanessa erinnert sich noch gut an diesen Zustand zwischen Traum und Wachsein. In ihrem Innersten weiß sie, dass das eben etwas ganz anderes war.

Ich bin schlafgewandelt, beschließt sie.

Die andere Erklärung ist viel zu beängstigend.

Vanessa schaut aus dem Fenster, und als der Bus durch einen Tunnel fährt, sieht sie ihr Spiegelbild in der Scheibe. Zwei ungeschminkte Augen starren ihr entgegen.

»Verdammter Scheißdreck«, murmelt sie und fängt an, in ihrer Tasche zu wühlen.

Das Einzige, was sie findet, ist altes Lipgloss. Ihre Schminksachen liegen zu Hause auf dem Fußboden. Seit sie zehn Jahre alt ist, geht Vanessa nicht mehr ungeschminkt zur Schule, und sie hat keine Lust, jetzt wieder damit anzufangen. Ein Trauma pro Tag sollte eigentlich reichen.

Der Bus fährt weiter durch das trostlose Industriegebiet. Mama jammert immerzu, wie viel besser alles gewesen ist, als sie noch klein und das Stahlwerk der Stolz der Stadt war. Dass man sich damals wirklich etwas darauf einbilden konnte, aus Engelsfors zu kommen. Vanessa kann das nicht nachvollziehen. Hier muss es damals doch genauso langweilig und hässlich gewesen sein wie heute.

Der Bus überquert die Eisenbahnschienen und erreicht den Westteil der Stadt. Vor dem Fenster taucht das auf, was Mama spöttisch »das Beverly Hills von Engelsfors« nennt. Große Villen in leuchtenden Farben inmitten gepflegter Gärten. Auf dieser Seite der Stadt scheint sogar die Sonne ein wenig heller zu strahlen. Hier wohnen die, die Geld haben. Ärzte. Die wenigen erfolgreichen Geschäftsleute. Die Nachkommen der Werksbesitzer.

Es ist immer noch ein ziemliches Stück bis zum Gymnasium, das seltsamerweise weit außerhalb des Stadtzentrums erbaut worden ist.

Wie ein Gefängnis, vom Rest der Zivilisation abgeschnitten, denkt Vanessa.