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Man schreibt das Jahr 1312 Neuer Galaktischer Zeitrechnung: Ein geheimnisvoller Notruf bringt Perry Rhodan dazu, mit dem kleinen Raumschiff JOURNEE nach Andromeda aufzubrechen. In der Nachbargalaxis herrscht ein verheerender Konflikt.

 

Eine dunkle Macht überzieht die Zivilisationen in Andromeda mit Terror und Verwüstung. Nur eine Handvoll von Gefährten steht Perry Rhodan bei seinem verzweifelten Kampf gegen die Angreifer zur Seite.

 

Die Gefahr, der er sich stellen muss, kommt aus der Vergangenheit. Und sie verfügt über Machtmittel, die jene von gewöhnlichen Menschen weit übersteigen ...

 

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Andromeda

 

Gesamtausgabe

 

 

Andromeda 1

Die brennenden Schiffe von Uwe Anton

 

Andromeda 2

Die Methanatmer von Hubert Haensel

 

Andromeda 3

Der schwerelose Zug von Leo Lukas

 

Andromeda 4

Die Sternenhorcher von Frank Böhmert

 

Andromeda 5

Der Schattenspiegel von Frank Borsch

 

Andromeda 6

Die Zeitstadt von Ernst Vlcek

 

 

Pabel-Moewig Verlag GmbH, Rastatt.

Impressum

 

 

EPUB-Version © 2012 Pabel-Moewig Verlag GmbH, PERRY RHODAN digital, Rastatt.

Chefredaktion: Klaus N. Frick.

ISBN: 978-3-8453-3191-1

Internet: und E-Mail: mail@perry-rhodan.net

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Andromeda Band 1

 

Die brennenden Schiffe

 

von Uwe Anton

 

Pabel-Moewig Verlag GmbH, Rastatt.

Kapitel 1

 

Das Leid einer ganzen Galaxis

 

 

LEIF ERIKSSON, Bordzeit 5. März 1312 NGZ

 

»Rhodan!«, wisperte es in der Dunkelheit. »Perry Rhodan!« Die Stimme war samten weich und volltönend zugleich. Sie war körperlos, schien aus dem Nichts zu kommen oder aus der Unendlichkeit. Doch gleichzeitig erklang sie direkt neben seinem Ohr, wenn nicht sogar in seinem Kopf. In ihr schwang ein starkes Gefühl mit, aber Rhodan konnte es nicht einschätzen. Zu seltsam waren die Eindrücke, die er wahrnahm.

Unter den beiden vertrauten Worten, die seinen Namen bildeten, taten sich Schicht für Schicht Regungen auf, die von einem völlig fremdartigen Verstand kündeten, einer Denkweise, die sich ihm nur bruchstückhaft erschloss.

Der Resident der Liga Freier Terraner war in seinem langen Leben schon vielen Wesen begegnet, hatte aber nur selten direkten Zugang zu den Gedanken eines fremden Geschöpfs bekommen. Und der Kontakt, den er in diesem Augenblick hatte, war bruchstückhaft, beschränkte sich auf kleine Splitter eines Ganzen, das für ihn undurchschaubar blieb. Er nahm viele Eindrücke wahr, die einander widersprachen. Perfektion und Unerfahrenheit, Begeisterung und Niedergeschlagenheit, Reife und Jugend.

Und ganz deutlich Furcht, aber auch, tief darunter, vielleicht eine Spur von Hoffnung.

Träume ich?, dachte er. Ist das einer jener Augenblicke, die ich immer wieder durchlebe, wie alt ich auch geworden bin? Jene seltsame Erfahrung früh am Morgen, wenn ich noch nicht ganz wach bin, aber auch nicht mehr schlafe?

Oh ja, er kannte sie gut, diese so unterschiedlichen und doch einander so ähnlichen Gefilde zwischen Traum und Wirklichkeit, diese Bereiche, in denen kleine Probleme riesig groß, längst vergessen geglaubte Missgeschicke fürchterlich aktuell und ausgestandene falsche Entscheidungen von neuem bedrohlich wurden. Jene Regionen, in denen man sich gleichzeitig so wohl fühlte, dass man sie nie mehr verlassen wollte, und so unbehaglich, dass man das Erwachen geradezu herbeisehnte. Aber der Geist war wie gelähmt, und aus Sekunden wurden Ewigkeiten.

»Rhodan!«, sagte die körperlose Stimme erneut. »Wir brauchen deine Hilfe!« Aber dieses Eingeständnis schien nur zurückhaltend zu erfolgen, fast schon widerwillig, als scheue sich die Erscheinung, ihn um etwas zu bitten, ja ihn überhaupt auf ihre Existenz aufmerksam zu machen.

Wo bin ich?, dachte Rhodan. Und was geschieht hier?

Einen Augenblick lang wusste er es wirklich nicht. War er noch in einem Traum gefangen oder schon in die Wirklichkeit zurückgekehrt?

Er schlief, aber nicht mehr ganz, und er war wach, aber noch nicht ganz. Er hatte den Eindruck, in einem jener seltsam klaren, luziden Träume zu verharren, bei denen man wusste, dass man träumte, aber aus eigener Kraft nicht aufwachen konnte. Weit entfernt schien das regelmäßige Pochen unter dem linken Schlüsselbein zu sein, die vom Zellaktivator auf den Körper ausstrahlenden Impulse, denen er seine relative Unsterblichkeit verdankte.

Aber diese Präsenz ... nein, sie war eindeutig mehr als ein Traum. Plötzlich wusste er ganz genau, dass sie eigentlich gar nicht vorhanden sein durfte, und das erfüllte ihn mit Sorge.

In seinem Traum tastete er nach einer Waffe, fand aber keine.

Dann war er mit einem Schlag hellwach. Natürlich fand er keine Waffe.

Er lag auf dem Bett seiner Kabine in der LEIF ERIKSSON, dem Flaggschiff der terranischen Flotte, die sich im Sektor Hayok versammelt hatte. Die Lage war angespannt, aber stabil. Das Reich Tradom zog in einem Aufmarsch neue Kräfte für einen weiteren Angriff zusammen, der nach Einschätzung der Strategen aber noch eine Weile auf sich warten lassen würde.

Es war mitten in der Nacht, er hatte tief und fest geschlafen. In der Kabine befand sich gar keine Waffe, und selbst wenn, hätte er sie wohl kaum mit ins Bett genommen.

Rhodan kniff die Augen zusammen, konnte das Dunkel jedoch nicht durchdringen. Er hätte sich blindlings bewegen können, wusste genau, wo sich jeder Einrichtungsgegenstand befand, doch sehen konnte er nichts.

War es doch nur ein Traum gewesen?

Oder ... irgendein Schachzug der Gegenseite, ein Angriff der Schergen des Reiches Tradom auf einer parapsychologischen Ebene?

Nein, das glaubte Rhodan nicht. Das entsprach nicht dem Bild, das die militärischen Analysten und Strategen gezeichnet hatten.

Mit einem Mal erschien ein winziger Lichtpunkt in der Kabine, doch seine Leuchtkraft war so stark, dass er den ganzen Raum in einen fahlen, unnatürlichen Schein zu baden schien. In genau dem Maß, in dem der Punkt größer wurde, zog das Licht sich dann wieder in ihn zurück. Es bildete eine Kontur, einen Umriss ...

Sah er das Schimmern wirklich oder nur vor seinem inneren Auge? Rhodan konnte es nicht sagen, genauso wenig, wie er sagen konnte, ob er die Stimme, die ihn aus tiefem Schlaf geschreckt hatte, tatsächlich in seinem Kopf vernommen oder sie sich nur eingebildet hatte.

Der unwirkliche Schein mitten in seiner Kabine nahm immer deutlichere Formen an. Rhodan kniff die Augen zusammen. Unwillkürlich fühlte er sich an eine Art Transmittersprung erinnert oder an eine mit unerklärlicher Zeitverzögerung ablaufende Transition eines Raumschiffs.

Nur, dass dies hier nicht mit Materie, sondern mit Licht geschah. Licht, das in feste Materie verwandelt zu werden schien.

Ein irrwitziger Gedanke ging Rhodan durch den Kopf. Verfügte das Reich Tradom etwa über einen Fiktivtransmitter, der solch ein Objekt an jeden beliebigen Ort schicken konnte, ohne dass er in einer Gegenstation rematerialisieren musste?

Nein. Rhodan war sich völlig sicher. Dieser Vorgang, dieses Phänomen, hatte nicht das geringste mit dem Reich Tradom zu tun, das Terra aus einer fast 400 Millionen Lichtjahre entfernten Galaxis angegriffen hatte.

Licht wurde stofflich, und vor Rhodan entstand ...

Ein Körper aus Fleisch und Blut?

Nein, dachte der Terranische Resident. Ganz bestimmt nicht. Eher schon ein ... Abbild.

Vor Rhodan verdichtete sich zusehends die Erscheinung des Körpers einer Frau. Sie war vielleicht einen Meter und siebzig groß. Ihr Gesicht war ebenmäßig geschnitten, die geradezu makellosen Züge wurden von einer aristokratisch anmutenden, geraden Nase und vollen, blassen Lippen beherrscht. Auch ihr Teint war blass, ein samtenes Hellbraun mit einer Häufung sommersprossenartiger Flecken um die Nase.

Sie trug ein halb transparentes, bis zu den Knöcheln reichendes Kleid in einer ockerähnlichen Farbe, das trotz des ziemlich durchsichtigen Stoffes keinerlei Merkmale der Figur enthüllte. Ob ihre Füße den Boden tatsächlich berührten oder dicht darüber schwebten, konnte Rhodan nicht genau erkennen.

Nein, dachte er erneut. Diese Frau kann kein Mensch aus Fleisch und Blut sein.

Sie war geradezu überirdisch schön. Der Resident musste an eine geheimnisvolle, in sich ruhende Priesterin voller Weisheit und innerer Ausgeglichenheit denken, deren Lebenserfahrung der seinen in jeder Hinsicht mindestens gleichkam.

Aber ... lebte sie überhaupt? Oder war sie nur eine Statue, die perfekte Darstellung eines idealisierten Wesens?

In der Kabine wurde es etwas heller. Das Licht schien aus dem Körper zu strömen, einzig deshalb, damit Rhodan die Gestalt besser wahrnehmen konnte.

Sein Blick fiel auf ihre Augen. Sie waren kohlschwarz, leicht schräg gestellt, mit einem asiatischen Einschlag. Und sie versprühten eine beinahe unbändige Energie und ließen Willenskraft bis zur Selbstaufgabe erahnen. Diese Augen waren es, die die fast schon zu perfekte Erscheinung erst zum Leben erweckten.

Rhodan richtete sich langsam von seinem Bett auf. Ihm kam die Situation unwirklich, fast surreal vor. Er war als Sofortumschalter bekannt, wusste aber nicht, was er nun tun sollte. Aus einem fast lächerlichen Grund: Alle Möglichkeiten erschienen ihm furchtbar profan. Wenn dieses Wesen Kontakt mit ihm suchte, sich mit einem Hilferuf an ihn wenden wollte, würde es schon wissen, wie es vorgehen musste.

Aber die überirdisch schöne Frau stand einfach nur da und schwieg.

»Wer bist du?«, fragte Rhodan schließlich.

Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis so etwas wie eine Antwort erfolgte. Zuerst glaubte der Resident, einen unverständlichen Wortfetzen zu vernehmen, unter dem wieder ein starkes Gefühl mitschwang, doch dann konkretisierte das Geräusch sich zu einem Begriff.

Zu einem Namen.

»Kiriaade.«

»Syntron«, sagte Rhodan. Seine Kabine wurde, wie alle anderen auch, von der Bordsyntronik des Schiffes überwacht. Zusätzlich sorgte der Kabinenservo für ein Maximum an Komfort und den direkten Zugriff auf alle Informationsquellen, die die LEIF ERIKSSON aufzubieten hatte. »Wer befindet sich außer mir in meiner Kabine?«

»Niemand«, erklang wie aus dem Nichts eine angenehm modulierte, zweifelsfrei aber künstliche Stimme. Sie war mit ihrem rauchigen, vollen Timbre zu perfekt, um natürlichen Ursprungs sein zu können. »Du bist allein, Resident.«

Rhodan riss die Augen auf. »Analyse mit sämtlichen zur Verfügung stehenden Mitteln!«, befahl er. »Direkt vor mir, mitten in meiner Kabine, steht eine mir unbekannte Person.«

»Ich versichere dir«, erwiderte der Kabinenservo, »dass dort niemand ist. Meinen objektiven Kriterien zufolge ist gar nichts zu erkennen. Du bist allein.«

»Liegen Informationen über den Begriff Kiriaade vor?«

»Ich bedaure, nein. Dieser Begriff ist mir völlig unbekannt.«

»Rhodan«, unterbrach die Frau das Zwiegespräch. »Ich brauche deine Hilfe.«

»Wer bist du? Wie kann ich dir helfen? Vertraue mir, ich ...« Er verstummte. Etwas hatte sich verändert.

Plötzlich drangen wieder Gefühle auf Rhodan ein, aber nicht, wie zuvor, die des Wesens selbst, das sich Kiriaade nannte. Nicht die Verzweiflung, Furcht und vielleicht sogar die Spur von Hoffnung, die er zuvor wahrgenommen hatte.

Nicht ihre Gefühle, sondern die anderer Wesen. Zuerst konnte Rhodan sie noch bewältigen, doch dann fegten sie ihn einfach hinweg, erfassten ihn mit unglaublicher Gewalt und drohten ihn zu zermalmen. Es waren Myriaden starker Gefühle, alle unterschiedlich und doch irgendwie gleich.

»Oh, nein«, flüsterte Rhodan. Er schwankte, musste nicht nur um sein seelisches, sondern auch sein körperliches Gleichgewicht kämpfen.

In seinem Geist entfalteten sich, einer schrecklichen, nachtschwarzen Blume gleich, die Facetten unermesslichen Leids. Des Leids einer Unmenge von Wesen, ein jedes davon eine eigenständige Persönlichkeit, obwohl nur ein winziges Bestandteil dieser Erscheinung hier war. Rhodan glitt an ihnen entlang, erhaschte hier einen Eindruck und dann dort, wurde sofort weitergerissen, bevor er etwas konkret wahrnehmen und der Schrecken, den diese Wesen empfanden, ihn überwältigen konnte. Doch die bruchstückhaften Einblicke blieben bestehen, ergänzten sich, bauten aufeinander auf, fügten sich zusammen zu eben jener Vorstellung unermesslichen Leides, die Rhodan tief in seinem Innersten erschütterte und ihm fast das Herz zerriss.

Er hatte den Eindruck, das Leid einer ganzen Galaxis konzentriere sich in diesem Augenblick in ihm, in seinem Geist, und würde ihn von innen heraus verbrennen.

Im nächsten Augenblick war es vorbei, als würde Kiriaade einsehen, dass sie dem Terraner mehr nicht zumuten konnte, ohne ihn um den Verstand zu bringen.

Sie stand da und schwieg einen Moment lang, als müsse sie sich zu dem Eingeständnis überwinden: »Wir brauchen deine Hilfe, Rhodan.«

Der Resident stöhnte leise auf. »Wenn ich dir helfen soll, muss ich mehr wissen, Kiriaade.«

»Nein«, sagte Kiriaade, »das musst du nicht.« Ihre Gestalt schien das Licht, das sie kurz zuvor eingesogen hatte, um ihren Körper zu bilden, nun wieder abzugeben. Erneut füllte dieser unwirkliche, fahle Schein Rhodans Kabine aus. »Du wirst mich finden.«

Rhodan wusste, was nun geschehen würde. »Warte, Kiriaade«, sagte er dringlich. »Ich möchte ...«

Zu spät. Die Erscheinung verlor sich so langsam, wie sie entstanden war, zumindest in ihrer Lichtgestalt. Er hatte tief und fest geschlafen, als sie sich ankündigte, und er konnte nicht sagen, wie lange sie ihn schon beobachtet oder versucht hatte, ihn aus diesem Schlaf zu reißen, bevor er dann endlich erwacht war.

Er stand völlig überwältigt da. Einerseits verspürte er Erleichterung, nicht mehr diesem schrecklichen Leid ausgesetzt zu sein, andererseits Bedauern, Kiriaade schon wieder verloren zu haben. Kiriaade ...

Einen Augenblick lang wusste er nicht einmal, ob er nicht doch nur geträumt hatte. Die Präsenz war fort, als hätte es sie nie gegeben.

Wo war er wirklich gewesen, in welchem Bereich dieser seltsamen Gefilde zwischen Traum und Wirklichkeit, in denen das eine nicht weniger real, aber auch nicht realer als das andere war?

Dann schrillte es an der Kabinentür, und Rhodan sagte: »Öffnen!«, und Benjameen da Jacinta stürmte in die Kabine, die Augen weit aufgerissen, die Hände ausgestreckt, als wolle er etwas ergreifen und festhalten. »Wo ist sie, Perry?«, fragte er. »Wo ist diese ... Präsenz?«

 

Rhodan musterte den arkonidischen Zeroträumer mit gutmütigem Amüsement. Benjameen rutschte aufgeregt auf der Couch aus Formenergie hin und her, die der Kabinenservo für ihn projiziert hatte. In diesem Augenblick erinnerte er den Residenten an jenes schmächtige, siebzehnjährige Kerlchen, als das er ihn kennen gelernt hatte.

Es schien unendlich lange zurückzuliegen, war in Wirklichkeit aber gerade einmal dreiundzwanzig Jahre her. Mittlerweile war da Jacinta einen Meter und zweiundachtzig groß und fast athletisch-kräftig gebaut. Normalerweise trug er sein langes, weißes Haar im Nacken von einer Spange gerafft, doch jetzt hing es frei bis über die Schultern hinab, genau wie seine dünne, schwarze Schlafkombination ein Zeichen dafür, dass er die Kabine, die er mit Tess Qumisha teilte, mehr oder weniger überstürzt verlassen hatte.

»Du hast es also ... wahrgenommen?«, fragte Rhodan und musterte Benjameen. »Ja ... wenn nicht du, wer sonst?«

Da Jacinta war Mutant. Er war in der Lage, sein Bewusstsein – seinen Wahrnehmungsfokus, drückten manche Paraforscher es aus – vom Körper zu lösen, in Nullzeit selbst große Entfernungen zu überbrücken und in gewissen Grenzen dann auch telepathisch zu kommunizieren. Wenn er in diesen paranormal aktiven, jedoch körperlich passiven Zustand fiel, konnte er mit anderen Wesen eine traumhaft-unwirkliche Kommunikation aufnehmen. Dazu musste er seine eigenen Träume jedoch so exakt steuern oder programmieren, dass er im Traum die richtigen Orte aufsuchte, die richtigen Informationen sammelte und die richtigen Handlungen unternahm.

Er hatte diese paranormale Begabung durch ständiges Training geschult, so dass er sie sogar bei einem bewusst herbeigezwungenem Sekundenschlaf durch prädormitale Befehle und mentale Selbstprogrammierungen gezielt steuern konnte. Er hatte die Kräfte zu beherrschen gelernt und wurde nur noch in Ausnahmefällen ohne sein Zutun in die Träume anderer Wesen verschlagen, die unter einem besonderen psychischen Druck standen.

Solch eine Ausnahme war wohl gerade eben eingetreten.

»Das ist genau der richtige Ausdruck, Perry. Ich habe wahrgenommen, dass es zwischen dir und eben jener unbekannten Präsenz einen Kontakt gab.«

»Mehr nicht?«, fragte Rhodan enttäuscht.

Benjameen schüttelte mit einer typisch menschlichen Geste den Kopf. Er sah sich nach langen Jahren auf Terra keineswegs als Untertan des arkonidischen Imperators Bostich I., sondern als Kosmopolit. Seine Heimat hatte er auf Terra gefunden, ebenso seine große Liebe, Tess Qumisha.

»Mehr nicht. Diese Präsenz war für mich nicht fassbar. Ich ... habe nur so eine Art Aura gespürt. Es klingt vielleicht pathetisch, aber ich habe Güte und Edelmut wahrgenommen, eine Reinheit des Herzens und der Gedanken ... und schreckliche Besorgnis.«

Rhodan blickte auf. Er bemühte sich nicht, seine Erleichterung vor dem Arkoniden zu verbergen. »Du kannst mir aber nicht sagen, was genau es mit dieser Aura auf sich hat? Oder der Präsenz an sich?«

Benjameens Blick war eine einzige Frage.

»Ja, es hat solch einen Kontakt gegeben«, bestätigte Rhodan. »Aber ich habe kurz gezweifelt, ihn anfangs für einen Traum gehalten.«

»Und jetzt nicht mehr?«

Rhodan atmete tief ein. »Schon während der seltsamen Erfahrung nicht mehr. Aber ich bin trotzdem froh, dass du es auch gespürt hast. Denn ich fürchte ...« – er lächelte schwach – »... ein letzter Rest von Zweifel blieb doch noch. Ich bin wohl zu rational eingestellt, um solch ein Erlebnis einfach so hinzunehmen.« Er berichtete, so gut er es in Worte kleiden konnte, was geschehen war.

»Sie hat dir eine Vorstellung unermesslichen Leids vermittelt?«, fragte Benjameen. »Was für ein Leid?«

Rhodan schüttelte den Kopf. »Wie dieses Leid genau aussieht, an welchem Ort der Milchstraße es droht ... das alles habe ich nicht erfahren. Aber es war auch nicht nötig, in dieser Hinsicht hatte Kiriaade Recht. Ich habe verstanden.«

»Was hast du verstanden?«

»Dass ich einfach helfen muss. Dass es wichtig und richtig ist. Ich werde diesem Hilferuf Folge leisten. Mein Instinkt sagt mir, dass Kiriaade es wert ist, ihr zu helfen. Ich kann es nur unzureichend beschreiben, doch hinter ihr steht weit mehr als nur eine Frau oder nur ein Wesen. Und ich habe nicht den Eindruck, dass sie mich täuschen oder betrügen will.«

»Davon bist du überzeugt?«

»Ganz fest.«

»Was willst du nun tun?«

Rhodan antwortete nicht, sondern stand auf und ging zu einer Vitrine hinüber. Er öffnete sie, holte eine Karaffe heraus, in der eine goldfarbene Flüssigkeit schwappte, und sah Benjameen an.

Der Arkonide nickte.

Der Resident füllte zwei bauchige Gläser jeweils bis zur Hälfte und gab eins da Jacinta. Er nahm sein Glas in die linke Hand und rieb mit der rechten gedankenverloren eine kleine Narbe am rechten Nasenflügel, die sich weiß verfärbt hatte. Er roch die schwere Süße fast überreifer Trauben. Dann trank er einen kleinen Schluck.

»Wie ich schon gesagt habe, dem Hilferuf Folge leisten.«

»Einfach so? Obwohl es hier am Sternenfenster jeden Augenblick zur Eskalation kommen könnte?«

Rhodan überging den Einwand. »Es war ganz seltsam. Kiriaade schien keineswegs vollständig von mir überzeugt zu sein. Irgendwie hatte ich den Eindruck, als riefe sie mich nur widerwillig zu Hilfe. Ausgerechnet mich ... so könnte man es ausdrücken.«

»Kiriaade«, sagte Benjameen. »Du sprichst von dieser Erscheinung, als würdest du sie kennen.«

Zu seiner Überraschung nickte Rhodan. »Das ist richtig. Sie war unglaublich fremdartig, aber gleichzeitig hatte ich den Eindruck, sie zu kennen. Ihr vielleicht schon einmal begegnet zu sein.«

»Aber du weißt nicht, wann und wo?«

»Nein.«

»Vielleicht ist ... Kiriaade nicht nur dir erschienen«, sagte der Arkonide. »Ich habe sie ja auch wahrgenommen.«

»Syntron«, sagte Rhodan, »hat es in der letzten Stunde Meldungen über seltsame Erscheinungen an Bord gegeben? Führe alles auf, was irgendwie aus dem Rahmen fällt.«

»Es liegen keinerlei derartige Meldungen vor«, antwortete die Syntronik.

Rhodan nickte. »Das habe ich mir gedacht. Niemand außer mir vermochte die mentale Stimme wahrzunehmen. Von dir natürlich abgesehen, Benjameen. Ich habe geglaubt zu träumen, anfangs vielleicht tatsächlich geträumt, nur dass es kein Traum, sondern die Wirklichkeit war, wenn du verstehst, was ich meine, und die Intensität meiner Gefühle hat dich in meinen Traum gezogen.«

»Überlege«, kam der Arkonide wieder zur Sache. »Sonst hat Kiriaade nichts gesagt? Vielleicht fällt dir ja noch etwas ein ...«

»Eigentlich hat sie überhaupt nichts gesagt. Das ... Gespräch blieb seltsam unkonkret, und ich bin mir nicht einmal sicher, ob der Wortlaut nicht nur ein Konstrukt meines Unterbewusstseins ist. Ihre Hilfsbedürftigkeit erschloss sich mir nicht durch konkrete Informationen, sondern hauptsächlich durch den emotionalen Kontakt.«

»Ich verstehe.«

Rhodan lächelte schwach. »Kiriaade erschien mir nicht wie ein wirklicher Mensch.«

»Sondern?«

»Sondern wie ein fernes Ideal, das ich niemals erreichen kann, aber unbedingt erreichen muss.«

»Perry, das alles hört sich ...«

»Ich weiß«, unterbrach Rhodan ihn und trank noch einen Schluck. »Vielleicht lautet die Antwort: Weil er da ist.«

»Wie bitte?« Der Arkonide hatte noch nicht von dem alkoholhaltigen Getränk gekostet und hielt die Nase darüber.

»Der Berg«, sagte Rhodan. »Warum steigen Menschen auf den Gipfel eines Berges? Ganz einfach. Weil er da ist.«

Benjameen räusperte sich unbehaglich. Wahrscheinlich hat er noch nie erlebt, dass ich mich einem anderen dermaßen offenbare, dachte Rhodan.

»Ich gestehe es ein«, fuhr der Resident fort. »Manche behaupten, ein wichtiger Zug meines Charakter sei unstillbare Neugier. Sie haben Recht. Dieser Wissensdrang gilt sowohl Menschen und anderen Wesen, für deren Schicksal ich mich interessiere und an dem ich Anteil nehme, als auch den Geheimnissen des Kosmos. Seit ich zum ersten Mal den Fuß auf den Erdmond gesetzt habe, vor fast dreitausend Jahren, möchte ich erfahren, wirklich verstehen, welche Kräfte und Mächte den Kosmos prägen und beeinflussen. Ich bin davon überzeugt, dass Kiriaade mich kennt. Mich und diesen Wesenszug. Vielleicht will sie ihn ganz gezielt ausnutzen. Aber das ändert nichts daran, dass ihre Sache richtig und gerecht ist.«

Benjameen nippte an dem Getränk. Es war in der Tat fast schon unangenehm süß.

»Samos«, sagte Rhodan. »Likörwein. Gekeltert aus original griechischen Trauben. Ich würde dir nicht empfehlen, mehr als ein Glas davon zu trinken.«

»Das habe ich auch nicht vor.«

»Begleitest du mich?«

Der Arkonide zuckte zusammen. Die Frage schien für ihn nicht unerwartet zu kommen, ihn aber trotzdem zu überraschen. Rhodan vermutete, dass er am liebsten spontan bejaht hätte, doch an Tess dachte, und daran, was sie dazu sagen würde.

Manchmal warf seine Lebensgefährtin ihm vor, träumerisch veranlagt zu sein, ein im Grunde viel zu vertrauensvoller Charakter, während sie sich gern als knallharte Realistin sah ... die sie wohl auch war. In dieser Hinsicht ergänzen die beiden sich perfekt, dachte Rhodan.

»Tess hätte ich selbstverständlich auch gern dabei«, fuhr er fort. »Und wir nehmen die JOURNEE.«

»Die JOURNEE?«, echote Benjameen. »Wir fliegen nicht mit der LEIF ERIKSSON?« Der Arkonide biss sich auf die Lippe, als würde ihm klar, dass er soeben seine Zustimmung erteilt hatte.

»Das sollten wir in einer etwas größeren Runde besprechen«, sagte Rhodan. »Syntron, wecke Tess Qumisha, Zim November und Coa Sebastian und bitte sie, so schnell wie möglich in meine Kabine zu kommen.«

 

Mittlerweile waren schon zwei Stunden des 6. März 1312 Neuer Galaktischer Zeitrechnung verstrichen, es herrschte also tiefste Bordnacht. Zumindest Tess Qumisha erweckte nicht den Eindruck, bereits geschlafen zu haben.

Rhodan musterte die Hyperphysikerin unauffällig. Er hatte in seinem langen Leben schon viele Frauen gesehen, doch Tess Qumisha hatte etwas. Sie stand in der Blüte ihrer Jugend, war gerade mal 39 Jahre alt, vielleicht einen Meter und achtzig groß, hochgewachsen, schlank, wies so gut wie keine Oberweite auf. Ihre schwarzen Haare waren etwa fingerlang geschnitten, wirr und struppig. Rhodan hatte sie eigentlich noch nie ohne ihr eigentümliches Augen-Make-up gesehen, dessen dunkle Umrandung ihr einen übernächtigt wirkenden, zugleich geheimnisvollen Ausdruck verlieh, auch wenn man sie nicht gerade mitten in der Nacht aus der Kabine geholt hatte.

Er konnte sich gut vorstellen, dass Benjameen da Jacinta von dieser Frau fasziniert war.

In ihren dunkelbraunen Augen schienen goldene Fünkchen zu tanzen. An ihrem rechten Ohr baumelte ein verschlungener Anhänger mit einem dunkelgrünen Kristall in der Mitte; im linken hing am oberen, ein wenig spitz zulaufenden Rand ein schmaler Goldring.

Sie kam Rhodan trotz ihres Alters mädchenhaft vor.

Wie fast immer trug sie auch jetzt schwarze Kleidung: ein Trägershirt, eine enge Hose, die ihre Figur betonte, zusammengehalten von einem breiten Gürtel, darunter Stiefeletten, darüber ein dünner, langer, ebenfalls schwarzer Mantel, der wohl eher modische Akzente setzen als wärmen sollte.

»... ich bitte euch also, mich auf diese Hilfsmission zu begleiten. Zugegeben, Kiriaades Botschaft war sehr vage. Doch wo auch immer Kiriaade sich befindet, die Sache dürfte in überschaubarer Zeit erledigt sein.«

Der Blick des Residenten glitt weiter zu Zim November, den er als Ersten Pilot vorgesehen hatte. Bei Zim stand außer Frage, dass er den Flug mitmachen würde; der junge Mann schien schon jetzt vor Ungeduld zu platzen. Und Rhodan brauchte ihn, trotz seiner Unerfahrenheit.

»Die Lage am Sternenfenster ist angespannt«, fuhr er fort. »Die LEIF ERIKSSON stellt eine beträchtliche militärische Macht dar, die ich nicht vom Fenster abziehen möchte. Wir werden Kiriaade also mit einem Beiboot zu Hilfe kommen, und zwar mit der JOURNEE.«

Rhodan stellte leicht amüsiert fest, dass Zim November aufhorchte. Der junge Mann war Emotionaut, konnte ein Raumschiff dank einer so genannten SERT-Haube allein mit der Kraft seiner Gedanken steuern, was die Reaktionsschnelligkeit beträchtlich erhöhte. Genauer gesagt, er war Emotionauten-Praktikant. Der Terraner war erst 19 Jahre alt, jedoch in bester körperlicher Verfassung, trotz seiner Jugend sogar in Dagor-Kampftechniken hinreichend ausgebildet.

Rhodan wusste, dass Zim das Ausnahmetalent der Emotionautenakademie von Terrania war. Er hatte an Bord der LEIF ERIKSSON keinen offiziellen Rang, sollte nach Absolvierung des Praxisjahrs wieder auf die Akademie zurückkehren. Doch Zim brachte bereits in jungen Jahren alles mit, was ihn einmal befähigen würde, ein eigenes Kommando zu führen. Er war zwar introvertiert und wortkarg, aber mit einem ausgeprägten Charisma ausgestattet. Man nahm Zim Novembers Gegenwart einfach wahr.

»Und du wirst sie fliegen, Zim«, sagte Rhodan.

Die JOURNEE war ein soeben von den Werften des Solsystems eingetroffenes, neu konstruiertes Spezialschiff, eins der wenigen Beiboote der LEIF, die man per SERT-Haube steuern konnte.

»Ich bin bereit«, sagte der junge Mann. Diese Chance würde er sich natürlich nicht entgehen lassen.

»Habe ich dich richtig verstanden?«, warf Tess Qumisha ein. »Ich soll die wissenschaftliche Leitung übernehmen?«

»Ja.«

Hinzu kam ein weiterer Grund, der aber unausgesprochen blieb. Tess und Benjameen waren innig miteinander verbunden. Sie kannte ihn so gut wie niemand sonst; sollte der Arkonide tatsächlich seine Fähigkeit des Zeroträumens einsetzen müssen, würde Tess ihm am ehesten die eventuell nötige Unterstützung geben können.

»Ich fühle mich geehrt und werde deinem Wunsch selbstverständlich nachkommen«, sagte die ehemalige Mutantin. »Allerdings hätte ich noch eine Bitte ...«

Rhodan sah sie fragend an, begriff aber, bevor sie fortfahren konnte. »Norman?«

»Norman«, bestätigte sie.

»Ist es wirklich sinnvoll, ihn in einen Kampfeinsatz mitzunehmen?«

»Wer spricht denn von einem Kampfeinsatz, Perry? Wir fliegen mit einem kleinen Beiboot. Würdest du einen Risikoeinsatz befürchten, würdest du doch bestimmt schwerere Geschütze auffahren. Außerdem ...« Tess zögerte kurz und lächelte dann entwaffnend. »Außerdem hat sich mittlerweile mehrmals erwiesen, dass wir uns selbst in hochtechnisierten Umgebungen auf seinen Spürsinn und Instinkt verlassen können. Er war uns schon oft eine große Hilfe.«

Rhodan seufzte. Sowohl Benjameen als auch Tess hatten bei ihren Einsätzen immer wieder auf Normans Teilnahme bestanden. Deshalb verfügte er sogar über einen Schutzanzug.

Norman war ihr Haustier, ein nur fünfzig Zentimeter großer indischer Klonelefant. Rhodan mochte den gutmütigen Burschen mit den kleinen Ohren und der hellgrauen Haut gut leiden, bezweifelte aber, dass es vernünftig war, ihn auf diesen Einsatz mitzunehmen. Auch wenn man Normans Intelligenz mit der eines sehr fähigen Hundes vergleichen konnte, war er immer noch ein Tier.

Andererseits ... er hatte Tess diesen Einsatz nicht befohlen, er hatte sie um ihre Hilfe gebeten. »Einverstanden«, gab er sich geschlagen. »Selbstverständlich könnt ihr Norman mitnehmen.«

»Danke.«

Rhodan wandte sich der letzten Person in der Runde zu, Coa Sebastian, der Kommandantin der JOURNEE. »Und was hältst du von dieser Mission?«

Die Frau zuckte gleichmütig mit den Achseln. »Du bist der Terranische Resident. Der Oberbefehlshaber der Flotte und damit auch mein Oberbefehlshaber.« Ihre Stimme klang ein wenig schleppend, als hätte sie die Müdigkeit noch nicht aus den Knochen geschüttelt.

Kein Wunder, dachte Perry Rhodan. Sie hat Freischicht, und mein Befehl hat sie vor nicht ganz zwanzig Minuten aus dem Bett geholt. Dafür hält sie sich sehr gut ...

»Versteh mich nicht falsch. Ich möchte dir diesen Flug nicht befehlen. Ich bitte dich um einen Gefallen.«

»Du bist der Resident. Selbstverständlich steht dir die JOURNEE zur Verfügung.«

»Und deine Leute?«

»Stammbesatzung achtzig Personen. Sie können in zehn Minuten ihre Posten eingenommen haben.«

Rhodan lächelte schwach. Es war ausgeschlossen, dass sie bereits in zehn Minuten starteten, obwohl alles in ihm danach drängte. Auch nachdem der Kontakt abgebrochen war, schien die Verbundenheit mit Kiriaade noch immer stärker zu werden, keineswegs schwächer. Er spürte ihre Präsenz deutlicher denn je, obwohl ihre Gestalt verblichen war. Und er wusste, dass der Kontakt nicht abreißen, dass sie ihn führen würde, wohin die Reise auch ging.

Kiriaade ...

Er riss sich zusammen und musterte Coa Sebastian. Mit einem Meter und dreiundsiebzig war sie nicht besonders groß, aber so hager, dass sie fast ausgezehrt wirkte. Die Kommandantin trug ihr pechschwarzes Haar halblang; gemeinsam mit den stets dunkel umrandeten Augen und der scharfrückigen Nase verlieh ihr der Schnitt ein ziemlich strenges Aussehen, das noch durch schmale Lippen und ein spitzes Kinn betont wurde.

»So habe ich das nicht gemeint. Werden deine Leute diesen Flug freiwillig mitmachen?«

»Du kannst dich in jeder Hinsicht auf sie verlassen.«

Rhodan nickte knapp. Das war noch immer keine Antwort, genügte ihm aber.

Er kannte die Frau nur flüchtig, eigentlich gar nicht. Die JOURNEE war erst am gestrigen Tag mit ihrer Besatzung an die LEIF ERIKSSON überstellt worden. Aber Coa Sebastians Leumund war einwandfrei. Sie stand seit 1286 NGZ im Dienst der Liga-Flotte und hatte ihren Job von Grund auf gelernt. Sie hatte am 28. März 1291 NGZ an der Entscheidungsschlacht gegen MATERIA beim Dengejaa Uveso teilgenommen, dem Schwarzen Loch im Galaktischen Zentrum, seit 1300 NGZ das Kommando auf mehreren Leichten Kreuzern der LFT geführt und war am 24. Januar 1304 NGZ beim Kampf um das Solsystem dabei gewesen.

Sie blinzelte. Irgendwie störte er sich daran. Ihre sonstigen Bewegungen waren effektiv, fast sparsam, als würde sie sich auch in dieser Hinsicht keinen Luxus gönnen, sondern rein zweckgebunden agieren. Sie kam Rhodan schon nach wenigen Sekunden fachlich sehr kompetent, menschlich dagegen eher kühl und zurückhaltend vor, wie eine reine Technokratin, die ihr Schiff im Schlaf beherrschte, zu ihrer Besatzung aber Abstand hielt.

Ist das die richtige Kommandantin?, fragte der Resident sich. Für das, was ich vorhabe? Für etwas, was ich vor mir selbst kaum rechtfertigen kann, aber tun muss? Aus welchen Gründen auch immer ...

Vielleicht war sie gerade deshalb genau die Richtige. Rhodan traute sich selbst nicht ganz über den Weg. Er verfügte über eine Lebenserfahrung von knapp drei Jahrtausenden, doch so etwas wie in dieser Nacht war ihm noch nie passiert.

Aber er hatte keine Wahl. Er musste Kiriaade helfen, es gab keine andere Möglichkeit.

Er fragte sich, wie dieser innere Zwang, den er verspürte, entstanden war.

»Gut«, sagte er. »Die Besatzungsmitglieder der JOURNEE sollen sich auf ihre Posten begeben. Wir starten in etwa vier Stunden. Bis dahin werde ich einige Gespräche führen müssen ...«

 

Hathorjan

Es stank.

Die eigentümliche, durchdringende Mischung aus zahlreichen Einzelgerüchen war allerdings weniger auf die Vielzahl der Spezies zurückzuführen, die sich in der riesigen Arena versammelt hatten, als auf die Ausdünstungen der Kämpfer. Sie wirkten auf Raye Corona unglaublich intensiv. Ihr feiner Geruchssinn kam ihr in diesem Augenblick wie ein Fluch vor.

Die Ärztin glaubte, die Verzweiflung der Unterlegenen genau vom Triumph der Sieger unterscheiden zu können und sogar die Hoffnung, aber auch die Angst der beiden Kontrahenten, die sich für das Finale qualifiziert hatten. Der eine Geruch war bitter wie Galle, der andere süß wie Honig. Überdies rochen die Forrils, zumindest in Rayes Nase, schon von Natur aus sehr streng, und dieser Umstand schien durch die aufgepeitschten Emotionen nur noch verstärkt zu werden.

Es stank nicht nur, es war auch schier unerträglich heiß in der Halle. Die Körperwärme von schätzungsweise 20.000 Wesen staute sich unter dem Kuppeldach. Zahlreiche Ventilatoren, Abzugshauben und Gebläse kämpften vergeblich gegen sie an.

Reine Profitsucht, dachte die junge Tefroderin. Die Arena war nicht für solche Zuschauermassen gebaut. Die Veranstalter des Schaukampfturniers wollten so viele Hathors wie möglich mitnehmen und hatten die Zuschauerkapazität rücksichtslos erhöht, die Sperrsitzreihen für die Tefroder zusammengerückt und die Logen für Extremweltbesucher verkleinert.

Raye Corona fühlte sich einerseits abgestoßen von den Kämpfen, andererseits konnte sie sich der brutalen Faszination, die sie ausstrahlten, nicht entziehen. Sie verabscheute die schiere Gewalttätigkeit, das maskuline – und eigentlich völlig sinnlose – Messen der Kräfte, das Blut, das floss, und die Verletzungen, die es zu behandeln galt.

Gleichzeitig hingegen schienen diese Aktivitäten tatsächlich irgendwelche Duftstoffe auszuschütten, Pheromone, Lockstoffe, die bis in ihr Innerstes griffen und sie auf eine Weise ansprachen, die sie selbst anwiderte. Sie mochte es sich nicht eingestehen, aber irgendwann hatte sie Gefallen an den Kämpfen der Forrils gefunden.

Nein. Keinen Gefallen, eher ...

Sie wusste es nicht. Vielleicht ein animalisches Interesse.

Und sie saß bei diesen Kämpfen zu allem Überfluss in der ersten Reihe.

Was tue ich eigentlich hier?, fragte sich Raye Corona. Ich bin Medizinerin, mit dem Schwerpunkt Implantat-Chirurgie. Ich bin darauf spezialisiert, Tefroder, aber auch Angehörige anderer Völker mit maschinellen, computerisierten Implantaten zu versorgen, und kein Feldscher, den es irgendwie auf ein archaisches Schlachtfeld verschlagen hat, auf dem er mehr Schaden als Nutzen anrichtet.

Sie seufzte leise. Sie wusste genau, was sie hier tat. Mit 21 Jahren war sie eine der jüngsten Medizinerinnen, die im letzten Jahrtausend in Hathorjan zur Praxis zugelassen worden waren. Genkonditionierung hin, Hypnoschulung her – um in so frühen Jahren tatsächlich Lebewesen behandeln zu dürfen, war durchaus einiges an Begabung erforderlich.

Sie durfte zwar schon praktizieren, aber ihre Ausbildung war längst noch nicht abgeschlossen. Oder ihre Fortbildung. Sie musste Erfahrungen gewinnen, aus erster Hand Angehörige fremder Völker kennen lernen und sie auch behandeln, wenn sich die Gelegenheit dazu bot.

Und wann bot sich schon mal die Gelegenheit, einen Forril zu behandeln?

So gut wie gar nicht. Diese seltsamen Wesen hatten ursprünglich als Techno-Sklaven der Maahks auf einer Ausweichstation der Weltraumbahnhöfe der Methanatmer gelebt. Nachdem sie vor fast 2500 Jahren während des Kriegs gegen die Meister der Insel befreit worden waren, waren sie erst einmal dort geblieben. Dann jedoch waren sie in die Fänge gewisser Veranstalter geraten, über deren Moral und Ethik Raye nicht nachdenken wollte. Sie hätte sich nur sinnlos aufgeregt.

Seitdem zogen die Forrils durch Hathorjan und boten auf zahlreichen Welten, zumeist aber im Randgebiet, ihre traditionellen Kämpfe dar. Und vor einigen Jahren waren diese Veranstaltungen so richtig in Mode gekommen.

Die meisten Sippen hatten sich geweigert, ihre Heimat zu verlassen. Sie zogen es vor, weiterhin in den etwa 3000 Raumschiffen zu leben, die auf der riesigen Station gestrandet waren und die sie zu einem obskuren, stadtähnlichen Gebilde verschweißt hatten.

Aber sie hatten einzelne Angehörige ausgeschickt, die in der großen, weiten Galaxis Hathors verdienen und direkt wieder in Technologie investieren sollten, die wiederum die Lebensqualität der zurückgebliebenen Sippenangehörigen verbessern sollte. Und die leichteste Möglichkeit, schnelles Geld zu machen, war das Angebot eines Sportveranstalters gewesen, der die Forrils ihre traditionellen Kämpfe vor Publikum abhalten ließ. Wobei dieser Veranstalter natürlich kräftig mitverdiente.

Der Haken dabei war: Der Kampf der Sippen untereinander war seit Jahrtausenden Lebensinhalt der Forrils. Hier ging es nicht darum, den Zuschauern eine Schau zu bieten, hier ging es hart zur Sache. Deshalb waren bei jeder Veranstaltung auch mehrere Mediker anwesend.

Raye ließ den Blick durch die Wettkampfkuppel schweifen. Auf den fünf Bühnen des erhöhten Podests im Zentrum fand vor dem großen Endkampf, dem Höhepunkt des Abends, zurzeit ein eher uninteressantes Zwischenprogramm statt. Eine Gruppe von Twonosern versuchte mit nur geringem Erfolg, das Publikum bei der Stange zu halten.

Die etwa zwanzig seltsamen Wesen jonglierten mit ihren jeweils beiden Armen und Rüsseln unterschiedliche Gebilde aus Formenergie, die explodierten und sich in reale Energie umwandelten, wenn sie sie versehentlich fallen ließen. In Feuer, das etwa zehn Sekunden lang loderte und den Artisten keine schwerwiegenden, aber durchaus schmerzhaften Verletzungen zufügen konnte. Nichts, was man nicht innerhalb von wenigen Minuten mit einem entsprechenden Verband ohne Nachwirkungen heilen konnte, was aber verdammt weh tat, wenn man ihm nicht ausweichen konnte. Und die Twonoser hatten sich vertraglich verpflichtet, die Bühne sogar bei solchen Fehlversuchen nicht zu verlassen.

Die Wesen faszinierten Raye irgendwie. Sie erreichten dieselbe Größe wie ein durchschnittlicher Tefroder, die Beine und der Rumpf waren durchaus humanoid geformt. Aber schon die zwei dünnen Schulterarme wichen von der Norm ab: Sie waren etwa einen halben Meter lang und wirkten zerbrechlich, ebenso wie die kleinen, weißen, vierfingrigen Hände. Auf dem starken Hals, der kaum noch als solcher zu erkennen war, saß ein 40 Zentimeter langer kegelförmiger Kopf mit nur einem großen Facettenauge in der Mitte.

Direkt unterhalb des Kopfes kamen zwei Rüssel, durch die die Geschöpfe atmeten. Jeder der Rüssel hatte vier kräftige Greiffinger, die wesentlich stärker als die Hände der verkümmerten Arme waren.

Dort auf der Bühne versuchten lediglich Weißrüssel, die immer schneller rotierenden Sphären aus Formenergie an einer Berührung mit dem Boden zu hindern.

Typisch, dachte Raye.

Das Gesellschaftssystem der Twonoser war in drei Kasten aufgeteilt, die der Rot-, Blau- und Weißrüssel. Die Twonoser wurden in ihre Schicht hineingeboren, gleich nach Geburt wurde ihnen die Zeichnung der entsprechenden Kaste eingefärbt, eine Prozedur, die in regelmäßigen Abständen wiederholt werden musste. Nur die unterste Schicht behielt die natürliche Farbe ihrer Rüssel, weiß. Je niedriger die Kaste, um so schlechter waren die Lebensbedingungen. Im Lauf der Zeit war das Ritual der Einfärbung tabuisiert worden, so dass keine der unteren Kasten auf die Idee kam, sich die Rüssel einzufärben.

Doch nicht diese Teilung in drei Kasten faszinierte Raye am meisten, sondern das seltsame Schicksal dieser Spezies.

Die Meister der Insel hatten die Twonoser vor etwa zweieinhalb Jahrtausenden ausgerottet. Doch vor knapp 900 Jahren waren sie wie durch ein Wunder wieder in Hathorjan aufgetaucht. Rund zwanzig Milliarden Twonoser hatten eine vorübergehende Bleibe in einer vorgelagerten Kleingalaxis gefunden. Maahks wie Tefroder hatten sich um dieses Volk gekümmert, das gar nicht wusste, wie ihm geschehen war. Und in den über acht Jahrhunderten, die seitdem vergangen waren, hatte sich das Leben der Rüsselwesen erst ansatzweise normalisiert. Noch immer ging der Aufbau einer sinnvollen Kultur nur schleppend voran.

Die Twonoser waren Entwurzelte, die sich ihre Beine von explodierenden Kugeln aus Formenergie verbrennen ließen, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Je länger die Pause dauerte, desto mehr Kugeln explodierten. Die Darbietung kam trotzdem nicht besonders gut an. Die Zuschauer johlten zwar, wenn die Twonoser hüpften und sprangen, um den Flammen auszuweichen, doch immer mehr ungeduldige Rufe wurden laut.

Raye hatte den Eindruck, dass das Publikum tatsächlich Blut sehen wollte.

Die beiden Forrils, die es bis in die Endrunde – den Höhepunkt des Abends – geschafft hatten, ließen noch auf sich warten. Wahrscheinlich pflegten sie ihre Wunden und sammelten alle Kräfte für den letzten Kampf.

Warum tue ich das?, fragte sich Raye erneut. Sie verstand ihre medizinische Fachrichtung einerseits als heilende Aufgabe, wenn die konventionell-biologische Medizin ebenso wenig weiterhalf wie die Psychomedizin, aber auch als Möglichkeit der zivilisatorischen Weiterentwicklung.

Ihr Blick wanderte weiter.

Dutzende verschiedener Fremdwesen saßen in den für sie speziell eingerichteten Logen. Dort, unter einem glockenförmigen Energieschirm, der mit einer Atmosphäre aus den farblosen Gasen Wasserstoff, Methan und Ammoniak gefüllt war, saßen tatsächlich ein paar Maahks. Wahrscheinlich Diplomaten, die der guten Beziehungen zu den Tefrodern wegen dieses Schauspiel verfolgten, obwohl sie ihm als von der reinen Logik geprägte Wesen zwar folgen, es aber wohl kaum genießen konnten.

Drüben, in einer nicht durch einen Schirm atmosphärisch abgetrennten Loge, saßen einige Gaids. Sie waren durchaus tefroderähnlich, etwa einen Meter und achtzig groß, hatten überaus schlanke, doch kräftige Arme und Beine und eine blaugrüne Hautfarbe. Vom humanoiden Äußeren wich am deutlichsten der Kopf ab: Er war nur faustgroß und haarlos. Die Gehör- und Geruchsöffnungen waren vergleichsweise winzig. Auf der Vorderseite saß ein großes Facettenauge. Mit dem breitschultrigen Körper war der Kopf durch einen zehn Zentimeter langen schlauchförmigen Hals verbunden. Direkt unter dem Hals befand sich der Mund, der sowohl zur Nahrungsaufnahme als auch zum Sprechen diente, und auf gleicher Höhe das Gehirn, das mit den Sinnesorganen durch komplizierte Nervenleiter verbunden war.

Raye wusste kaum etwas über die Gaids. Obwohl sie ein energisches Volk waren, das viele Hundert Sonnensysteme beherrschte, hielten sie sich im Hintergrund, was die galaktopolitische Großlage betraf.

Zu den Exoten zählten ebenso die Roten Dreier, große, schlanke, von rotem Pelz bedeckte Wesen mit ungewöhnlich kleinen, kugelrunden Schädeln, die sie hier und da ausmachen konnte, ein krötenähnlicher Krash-Ovaron, ein an ein Feuerrad erinnernder, Fremdgas atmender Hugha unter einem Energieschirm, ein spindeldürrer, tefroderähnlicher Blan, ein aufrecht gehendes Echsenwesen aus dem Volk der Bronk und ein tonnenförmiger, mit Tentakeln gespickter Shingel.

Die Twonoser beendeten endlich ihre Vorstellung und zogen sich unter spöttischen Beifallrufen und höhnischem Applaus von den fünf Bühnen zurück.

Schrecklich, dachte Raye. Wird diese Spezies je wieder ihren eigentlich angestammten Platz in der Völkervielfalt von Hathorjan finden?

Aus verborgenen Lautsprechern erscholl eine Fanfare. Unwillkürlich verlagerte Raye ihr Gewicht auf dem Sitz nach vorn. Der Höhepunkt des Abends stand unmittelbar bevor.

Wie peinlich, dachte sie. Ich kann meine gespannte Erwartung nicht verbergen.

Sie sehnte sich kurz danach, eine der zahlreichen Kompositionen Lasky Batys hören zu können, verdrängte den Gedanken dann aber und konzentrierte sich wieder auf das Geschehen.

In die Backstage-Bereiche, in denen die Forrils untergebracht waren, kam nun Bewegung. Als Angehörige des Ärzteteams, das die Veranstalter der Schaukämpfe hinzugezogen hatten, saß Raye zwischen den unter den Tribünen befindlichen Verschlägen und den Kampfringen, um gegebenenfalls sofort eingreifen zu können. So bot sich ihr ein ungehinderter Blick auf die seltsamen Wesen mit den sechs Gliedmaßen.

Die großen, massigen Geschöpfe waren nach der Färbung ihrer Pelze getrennt worden. In den Räumlichkeiten links von der Arena befanden sich die mit dem gelben Fell, die Ganzväter, in der Mitte die Halbväter mit dem violetten Fell, rechts die Mütter mit dem roten Fell. Von allen drei großen Logen führten geschlossene Gänge direkt in die Bereiche unter den Tribünen.

Alle 18 Tage häuteten sich die Forrils. Dazu zogen sie sich allein in ein Versteck zurück; bei ihnen galt es als höchst anstößig, sich vor anderen zu häuten, anderen beim Häuten zuzusehen oder sich nackt seiner Sippe zu zeigen. Ein Forril im nackten Zustand wurde von allen in Ruhe gelassen, selbst für Angreifer war er tabu.

Bei der Begeisterung, die Forrils für die Kämpfe entwickelten, war zu befürchten, dass sie die Kontrolle über sich verloren und zu lange in der Gruppe ausharrten, obwohl sich eine Häutung ankündigte. Um ihnen die Peinlichkeit zu ersparen, dabei beobachtet zu werden, hatten die Veranstalter diese Rückzugsmöglichkeiten für sie aufbauen lassen.

Ein weiterer Fanfarenstoß ließ das Publikum in donnernden Jubel ausbrechen, und dann hatten die beiden Kontrahenten des Endkampfs ihren großen Auftritt. Von Traktorstrahlen gehalten, schwebten sie auf die Bühne hinab. Urplötzlich tauchten sie aus einem Verdunkelungsfeld unterhalb des Kuppeldachs auf.

Der Beifall erreichte einen ersten Höhepunkt, als die beiden Forrils gleichzeitig den Boden der Arena in der Mitte berührten und sich schüttelten, als die Strahlen sie nicht mehr hielten. Einen Augenblick lang hatte es den Anschein, als wollten sie gleich aufeinander losgehen, doch dann rissen sie sich zusammen und wandten sich den Zuschauern zu. Es war Sitte bei den Forrils, dass die Kämpfer vom Publikum akzeptiert werden mussten.

Raye war davon überzeugt, dass die Zuschauer kaum etwas über die Forrils wussten. Im Gegensatz zu ihr: Sie hatte auf dem Flug von Cyrdan hierher nach Rakusa alles über diese Wesen gelesen, was sie auftreiben konnte. Nein, für die meisten anderen waren die Forrils nur eine Realität gewordene, von Geheimnissen umgebene Legende, die unbedeutende Fußnote einer schrecklichen Vergangenheit, die es aber zu einer gewissen Berühmtheit gebracht hatte.

Sie alle wollten nur Blut sehen. Blut, dessen Fluss Raye gegebenenfalls stillen musste.

Beide Finalisten waren von den Ausscheidungskämpfen schwer gezeichnet. Ihr gelbes Fell war an einigen Stellen rostrot gesprenkelt – Blutflecken, die man nicht entfernt hatte, ein billiger Schaueffekt, der seine Wirkung jedoch nicht verfehlte.

Selbstverständlich besaßen die beiden Kämpfer dichtes gelbes Fell. Sie waren Ganzväter; nur die hatten als Sippenbeherrscher von Alters her das Recht, um die traditionelle Wazala-Ehre kämpfen zu dürfen.

Die beiden Kontrahenten brachten jeweils etwa zwei Zentner auf die Waage. Der eine setzte zu einem schnellen Lauf entlang des Arenenrands an, um ja keinen Zuschauer bei seiner Begrüßung auszuschließen. Anfangs spreizte er lediglich die vier kurzen Beine in alle Richtungen ab und schob sich auf ihnen voran, dann senkte er auch die beiden kräftigen Arme bis auf den Boden, um an Schnelligkeit zu gewinnen. Dabei kam es zu einer unbeholfen wirkenden Schlängelbewegung seines Hinterteils, doch Raye wusste, dass es nur diesen Anschein hatte. Der Ganzvater war nicht nur wendig, sondern auch unglaublich muskulös und jedem Tefroder kräftemäßig weit überlegen.

Der Forril bremste ab, als wäre ihm klar geworden, dass er den Zuschauern nicht zuwinken konnte, wenn er auf allen Sechsen lief, und hob die kräftigen Arme wieder.

Vor dem Gehege der rot bepelzten Mütter blieb er stehen und ließ sich von ihnen ausgiebig bejubeln. Die Halbväter hingegen ignorierte er. Ganzväter duldeten das dritte Geschlecht lediglich, akzeptierten es aber nicht. Die violett Bepelzten hatten weitestgehende Narrenfreiheit, konnten ihr – in den Augen der Sippenführer – possenhaftes Getue aufführen und den Müttern den Kopf verdrehen. Sie verrichteten ansonsten keinerlei Arbeiten, waren faule Nichtstuer und so feige, dass sie bei den Auseinandersetzungen, für die die Ganzväter lebten, völlig nutzlos waren.