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Inhaltsverzeichnis

ZUM BUCH
ZUR AUTORIN
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Kapitel 50
Kapitel 51
Kapitel 52
Kapitel 53
Kapitel 54
Kapitel 55
Kapitel 56
Kapitel 57
Kapitel 58
Kapitel 59
Kapitel 60
Kapitel 61
Kapitel 62
Kapitel 63
Kapitel 64
Kapitel 65
Kapitel 66
Kapitel 67
Kapitel 68
Kapitel 69
Kapitel 70
Kapitel 71
Kapitel 72
Kapitel 73
Epilog
Anmerkung der Autorin
Danksagungen
Copyright

Danksagungen

Es gibt einige Menschen, denen mein Dank gebührt. Ich danke meinen Lektorinnen Kate Cruise O’Brien und Louise Moore für ihre Begeisterung und Unterstützung, ihre Unerschütterlichkeit und Geduld, ihre Freundschaft und ihr Vertrauen in mich in der Zeit, als ich das Buch schrieb. Ich danke auch den Mitarbeitern bei Poolbeg, Michael Joseph und Penguin für ihren unerschöpflichen Beistand.

Ich danke Jenny Boland, Rita-Anne Keyes und Louise Voss, die das Buch lasen, noch während ich es schrieb, und mir mit Rat und – viel wichtiger – Lob zur Seite standen. Es war oft schmerzhaft zu schreiben, und wann immer ich mich dem Selbstmitleid und der Verzweiflung hingeben wollte (ungefähr siebenundachtzig Prozent der Zeit), war ihre Unterstützung meine Rettungsleine.

Ich danke Belinda Flaherty, die drei Jahre in Folge mein Versuchskaninchen war und das fertige Buch zu lesen bekam. Ich danke ihr für ihre Anmerkungen und ihre Begeisterung.

Ich danke all den tapferen Männern und Frauen, die sich freiwillig bereit erklärten, zu Forschungszwecken Kokain zu nehmen, und mir über ihre Erfahrungen berichteten. Ihren Opferwillen werde ich nicht vergessen.

Ich danke Mags Ledwith, dass ich ihren »Dance of the Stolen Car« benutzen durfte, und Siobhán Crummery für ihre »Singing in the Decorated Kitchen«-Geschichte.

Ich danke Jonathan Lloyd und Eileen Prendergast dafür, dass sie meinen Vertrag und das Drumherum geregelt haben. Da ich in juristischen Dingen ziemlich hilflos bin, weiß ich diese Hilfe besonders zu würdigen.

Ich danke allen anderen »Rachels«, die mich an ihren Lebensgeschichten teilhaben ließen.

Ich danke Dr. Geoff Hinchley für die medizinische Beratung.

Und schließlich danke ich Tony – meinem Mann, meinem besten Freund, Testperson, Psychiater, Lexikon und Punchbag. Der Ärmste – gibt es etwas Schlimmeres, als mit einer Frau verheiratet zu sein, die eine neurotische Autorin ist? Ich hätte dieses Buch nicht ohne ihn schreiben können. Er hat mich die ganze Zeit hindurch gelobt, getröstet, beraten, mir gut zugeredet – gut zureden kann er besonders gut – mich gefüttert, gegossen, mit Schokolade und Eis versorgt. An schlechten Tagen musste er mich fast waschen und anziehen.

Dieses Buch ist für ihn.

Natürlich kann es sein, dass er es nicht will, nach dem, was er alles durchgemacht hat, aber er bekommt es trotzdem.

ZUR AUTORIN

Marian Keyes wurde 1963 als ältestes von fünf Kindern in Limerick geboren. Sie wuchs in Dublin auf, wo sie auch Jura studierte. 1986 siedelte sie nach London über und hielt sich anschließend mit Gelegenheitsjobs über Wasser. 1993 begann sie zu schreiben. Sie schickte erste Geschichten an einen Verlag und behauptete, ein Roman sei auch in Arbeit. Als sich der Verlag daran interessiert zeigte, musste sie ihn tatsächlich schreiben – so entstand Wassermelone, die Geschichte der ältesten Walsh-Tochter Claire. Wassermelone wurde ebenso wie alle folgenden Romane von Marian Keyes ein internationaler Bestseller. Marian Keyes lebt heute mit ihrem Ehemann in DúN LAOGHAIRE, DUBLIN.

Epilog

Ich wollte gerade ins Bett gehen, als ich unten in der Halle ein Lärmen hörte.

Zwei Wochen waren seit meinem Treffen mit Luke vergangen, und ich wartete immer noch vergebens darauf, dass mein Kummer vergehen würde. Es war ziemlich schwer, erwachsen zu sein. Aber mein Schmerz war mir auch ein kleiner Trost. Vielleicht würde es mich als Mensch stärker machen.

Manchmal glaubte ich daran.

Ungefähr zwei Sekunden am Tag.

Den Rest der Zeit weinte ich mir die Augen aus und war überzeugt, dass ich nie über ihn hinwegkommen würde. Ich putzte die Klos und deckte die Tische und saugte die Treppen in Il Pensione, während mir die Tränen über das Gesicht strömten. Niemand kümmerte sich darum, es waren Italiener, sie kamen mit solchen Gefühlsäußerungen wunderbar zurecht.

Als ich das Tohuwabohu hörte, hatte ich mir gerade die Tränen getrocknet und wollte mir erlauben, ins Bett zu gehen, ohne mein Make-up zu entfernen.

In dem Frauen-Hotel passierte so gut wie nie etwas Aufregendes, sodass ich aus dem Zimmer eilte, um zu sehen, was los war. Der Lärm kam anscheinend aus dem Erdgeschoß. Ich beugte mich über das Geländer und sah hinunter in die Halle, wo ein Handgemenge stattfand. Brad setzte sich mit allen Kräften gegen ein anderes Geschöpf zur Wehr.

Ein Geschöpf, das sich, als ich genauer hinsah, als Luke entpuppte. Fast blieb mir das Herz stehen.

»Männer dürfen hier nicht rein«, brüllte Brad. »Keine Männer.«

»Ich möchte nur mit Rachel Walsh sprechen«, protestierte Luke. »Ich will niemandem weh tun.«

Ich wusste – ich war zutiefst überzeugt –, dass dies kein zufälliger Besuch war. Unsere letzte Begegnung hatte viel zu viel Endgültigkeit gehabt.

Dann sah er nach oben und entdeckte mich.

»Rachel«, rief er und sah mir in die Augen, was gar nicht so leicht war, weil Brad ihn im Schwitzkasten hatte. »ICH LIEBE DICH!« Brad war offenbar entsetzt über seine Worte und ließ ihn los. Luke taumelte zu Boden.

Ich konnte nicht glauben, was ich gerade gehört hatte, und doch glaubte ich es. Schließlich liebte ich ihn auch.

»Sag das noch mal!«, rief ich mit bebender Stimme zu ihm hinunter, als er sich wieder aufrappelte.

»Ich liebe dich!«, brüllte er freudig und breitete seine Arme flehentlich aus. »Du bist wunderbar und schön, und ich kann dich einfach nicht vergessen.«

»Ich liebe dich auch«, hörte ich meine eigene Stimme sagen.

»Wir kriegen das schon hin«, sagte er eindringlich und sah mich immer noch an. »Ich komme wieder nach Irland und suche mir eine Stelle. Es war damals schon gut zwischen uns, und jetzt kann es noch viel besser werden.«

Alle anderen Frauen waren aus ihren Zimmern gekommen, manche schon im Nachthemd.

»Deine Chance, Rachel«, rief jemand.

»Vielleicht will sie nicht«, rief Wanda, die Texanerin.

»Ich liebe dich«, rief er wieder und kam die Treppe hinauf. Die Umstehenden jubelten und applaudierten.

»Und ich liebe dich«, murmelte ich, als ich, in der Tür zu meinem Zimmer, ihn näher kommen sah.

Er schritt den Flur entlang. Die Frauen traten zurück, als er an ihnen vorbeiging, und kamen dann wieder heraus, um seinen entschwindenden Po zu bewundern.

»Rachel«, sagte er, als er endlich bei mir angekommen war. Erstaunt sah ich, wie er vor mir auf die Knie ging. Und die Menge johlte wie wild! Er nahm meine Hand. »Ein kleiner Fick«, sagte er und sah mir tief in die Augen, »ist wohl nicht drin?«

Anmerkung der Autorin

Cloisters existiert nicht. In der ganzen Welt gibt es die unterschiedlichsten Suchtkliniken. Die Wohngegebenheiten, Behandlungsmethoden und die Psychotherapie sind je nach Klinik verschieden. In manchen geht es strenger zu als in Cloisters, in anderen weniger streng. Manche haben tatsächlich Jacuzzis!

Bei meinen Nachforschungen habe ich eine Gemeinsamkeit entdeckt: Allen genesenden Süchtigen wird empfohlen, sich der für sie angemessenen »Anonymen«-Gruppe anzuschließen. Deshalb fand ich es wichtig zu erwähnen, dass Rachel zu den Treffen der NarcoticsAnonymous geht, und gleichzeitig die Vertraulichkeit dieser Treffen zu bewahren.

1

Die haben gesagt, ich wäre drogensüchtig. Das war wie ein Schlag in die Magengrube – schließlich gehörte ich zur Mittelschicht, war in einer Klosterschule erzogen worden und nahm Drogen ausschließlich zur Entspannung. Und Drogensüchtige waren doch dünner als ich, oder? Es stimmte schon, ich nahm Drogen, aber keiner schien zu verstehen, dass Drogen für mich das Gleiche waren wie für andere ein oder zwei Gläschen am Freitag nach Feierabend. Sie genehmigten sich womöglich ein paar Wodka Tonic und schlugen ein bisschen über die Stränge, und bei mir waren es eben eine Line Kokain oder zwei. Wie ich meinem Vater, meiner Schwester, dem Ehemann meiner Schwester und irgendwann auch den Therapeuten in Cloisters zu erklären versuchte: »Wenn man Kokain in flüssiger Form und in Flaschen abgefüllt kaufen könnte, würde sich dann einer aufregen, dass ich es nehme? Jede Wette, dass nicht!«

Die Unterstellung, drogensüchtig zu sein, kränkte mich, denn ich war überhaupt nicht der Typ. Abgesehen von den Einstichstellen am Arm hatten Junkies wirres, fettiges Haar, liefen ständig frierend und mit hochgezogenen Schultern durch die Gegend, trugen Billigturnschuhe von Woolworth, hingen auf der Straße rum und waren, wie schon erwähnt, dünn.

Ich war kein bisschen dünn.

Nicht dass ich nicht dünn sein wollte. Ich habe jede Menge Zeit auf dem Stairmaster im Fitnessstudio zugebracht. Aber ich konnte Treppen steigen, so viel ich wollte, am Schluss siegten die Gene. Hätte mein Vater eine kleine zierliche Frau geheiratet, hätte ich vielleicht ein ganz anderes Leben gehabt. Mit Sicherheit hätte ich ganz andere Oberschenkel gehabt.

So war es stattdessen mein Schicksal, dass die Leute über mich sagten: »Sie ist eine stattliche Erscheinung.« Und dann fügten sie rasch hinzu: »Nicht dick. Das will ich nicht gesagt haben!«

Was indirekt heißen sollte, dass ich, wenn ich dick wäre, etwas dagegen tun könnte.

»Nein«, sagten sie dann, »sie ist ein großes, kräftiges Mädchen. Kräftig, das trifft es genau.«

Wie oft ich schon als kräftig bezeichnet worden war!

Ich konnte das nicht mehr hören.

Luke, mein Freund, hat mich manchmal als üppig bezeichnet. (Bei indirektem Licht und nach ein paar Gläsern Bier.) Mir gegenüber hat er das getan. Zu seinen Freunden hat er wahrscheinlich gesagt: »Ich will nicht sagen, dass sie dick ist ...«

Die Sache mit der Drogensucht kam an einem Morgen im Februar auf, als ich in New York lebte.

Ich hatte nicht zum ersten Mal das Gefühl, dass mein Leben in Versteckte Kamera lief. Ständig geriet es aus der Bahn, und ich glaubte schon lange nicht mehr, dass der liebe Gott, der für mich zuständig war, ein gütiger alter Mann mit langen Haaren und einem Bart war. Er war eher ein hämischer alter Spötter, und mein Leben war wie eine Theatervorstellung zur Unterhaltung der anderen Götter.

»Wollt ihr mal sehen«, fragte er und lachte, »wie es Rachel geht, als sie denkt, dass sie einen neuen Job hat und ihren alten ruhig kündigen kann? Und sie weiß noch gar nicht, dass die neue Firma kurz davorsteht, pleitezugehen!«

Schallendes Gelächter von den anderen Göttern.

»Und jetzt könnt ihr euch anschauen«, kichert er, »wie sie sich mit ihrem neuen Lover treffen will. Habt ihr gesehen, wie ihr Absatz in einem Kanalgitter hängenbleibt? Jetzt ist er ab. Sie konnte ja nicht wissen, dass wir damit rumgespielt haben. Jetzt muss sie die restliche Strecke humpeln.«Wieder lachen die versammelten Götter ausgelassen.

»Aber das Beste ist«, freut sich der liebe Gott, »dass der Mann, mit dem sie verabredet war, gar nicht erscheint. Er hat sich nur mit ihr verabredet, weil jemand mit ihm gewettet hatte. Guckt mal, wie unwohl sich Rachel in dieser vornehmen Bar fühlt. Und wie mitleidig die anderen Frauen gucken. Jetzt bringt ihr der Kellner eine enorm hohe Rechnung für das Glas Wein, aber das Heißeste kommt noch, denn Rachel hat ihr Geld zu Hause vergessen.«

Brüllendes Gelächter.

Die Ereignisse, die dazu führten, dass man mich für drogensüchtig hielt, waren die gleichen Versatzstücke einer himmlischen Farce wie der Rest meines Lebens. Und das kam so: Ich hatte es an einem Abend mit den aufputschenden Mitteln ein bisschen übertrieben und konnte nicht einschlafen. (Nicht dass ich zu viel nehmen wollte, aber ich hatte einfach die Qualität von dem Kokain unterschätzt). Da ich wusste, dass ich am nächsten Tag unbedingt zur Arbeit gehen musste, nahm ich ein paar Schlaftabletten. Nach ungefähr zehn Minuten war ich immer noch wach, also nahm ich gleich noch mal zwei. Trotzdem konnte ich nicht zur Ruhe kommen, und aus lauter Verzweiflung – ich musste unbedingt ein paar Stunden schlafen, um für die Arbeit fit zu sein – legte ich noch ein paar nach.

Endlich schlief ich ein. Es war ein wunderbarer, tiefer Schlaf. So wunderbar und tief, dass ich am Morgen, als der Wecker klingelte, ganz vergaß aufzuwachen.

Brigit, meine Mitbewohnerin, klopfte an die Tür, dann kam sie in mein Zimmer und schrie mich an, dann schüttelte sie mich und, in letzter Not, schlug sie mir ins Gesicht. (Das mit dem »in letzter Not« nehme ich ihr nicht ab. Es muss ihr klar gewesen sein, dass ich davon nicht aufwachen würde. Aber schließlich ist am Montagmorgen keiner gut drauf.)

Doch dann fiel Brigits Blick zufällig auf ein Stück Papier, auf das ich noch kurz vorm Einschlafen ein paar Worte gekritzelt hatte. Es waren die üblichen lyrischen Ergüsse, wie ich sie manchmal, wenn ich unter Drogen stand, zu Papier brachte: weinerlich, rührselig und selbstgefällig. Jedes Mal hielt ich mein Geschreibsel für irrsinnig tiefschürfend und dachte, ich hätte das Geheimnis des Universums entdeckt, aber wenn ich es bei kaltem Tageslicht las, vorausgesetzt, ich konnte es überhaupt lesen, trieb es mir die Schamesröte ins Gesicht.

Das Gedicht ging ungefähr so: »Brummel, brummel, das Leben ...«, das Nächste war unleserlich, »Schale voller Kirschen, brummel, und ich krieg die Kerne ...« Und dann – daran kann ich mich vage erinnern – fiel mir ein wirklich guter Titel für ein Gedicht über eine Ladendiebin ein, die pötzlich ihr Gewissen entdeckt. Er lautete: Ich mag nicht mehr.

Aber Brigit, die in letzter Zeit so komisch und empfindlich war, hat es nicht für das peinliche Gewäsch gehalten, das es eindeutig war, sondern sie kam, als sie auch noch das leere Schlaftablettenröhrchen auf meinem Kissen sah, zu dem Schluss, dass es ein Abschiedsbrief war. Und bevor ich wusste, wie mir geschah – buchstäblich bevor ich es wusste, denn ich schlief ja noch, beziehungsweise ich war bewusstlos, wenn man der Version der anderen Glauben schenkt –, hatte sie den Notarzt gerufen, und ich wurde ins Mount-Sinai-Krankenhaus verfrachtet, wo sie mir den Magen auspumpten. Das war schon nicht sehr angenehm, aber es kam noch schlimmer. Brigit hatte sich offensichtlich zu einer Enthaltsamkeitsfanatikerin entwickelt, von denen es in New York inzwischen wimmelt; die stempeln einen zum Alkoholiker ab, wenn man sich mehr als zweimal in der Woche die Haare mit Bierschampoo wäscht, und drücken einem dann gleich das Zwölf-Schritte-Programm auf. Sie rief also meine Eltern in Dublin an und sagte ihnen, dass ich Drogenprobleme hätte und gerade versucht hätte, mich umzubringen. Und bevor ich mich einschalten konnte, um zu erklären, dass es sich um ein peinliches Missverständnis handelte, hatten meine Eltern schon meine entsetzlich brave Schwester Margaret angerufen. Die kam dann auch prompt mit dem ersten Flug aus Chicago, den sie kriegen konnte, zusammen mit Paul, ihrem ebenfalls entsetzlichen Mann.

Margaret ist nur ein Jahr älter als ich, aber sie kam mir eher wie vierzig vor. Sie war fest entschlossen, mich nach Irland in den Schoß der Familie zu befördern. Und dort würde man mich nach kurzem Zwischenaufenthalt in eine Art Betty-Ford-Klinik einweisen, wo sie mir »ein für alle Mal«, wie mein Vater sagte, als er anrief, den Kopf zurechtsetzen würden.

Ich hatte natürlich nicht die geringste Absicht, überhaupt zu verreisen, aber inzwischen bekam ich es richtig mit der Angst zu tun. Nicht nur, weil alle davon redeten, dass ich nach Hause und in so ein Sanatorium kommen sollte, sondern weil mein Vater mich angerufen hatte. Er hatte mich angerufen. Das war in den ganzen siebenundzwanzig Jahren meines Lebens noch nie passiert. Es war schon schwer genug, ein Hallo aus ihm herauszubekommen, wenn ich zu Hause anrief und er zufällig am Apparat war. Meistens reichte es nur für: »Wer ist es denn? Ach, Rachel? Warte, deine Mutter kommt schon.« Danach hörte man nur noch das Knallen des Hörers, bevor er Mum holte.

Wenn Mum nicht da war, geriet er in Panik. »Deine Mutter ist nicht da«, sagte er dann, und seine Stimme wurde schrill vor Angst. Was er eigentlich sagte, war: »Bitte, verlang nicht, dass ich mit dir spreche.«

Es lag aber nicht daran, dass er mich nicht mochte oder dass er ein strenger, unnahbarer Vater war.

Er war ein sehr lieber Mann.

Mit siebenundzwanzig, nachdem ich seit acht Jahren nicht mehr zu Hause wohnte, konnte ich das widerstrebend zugeben, und auch, dass er nicht nur Der-große-Geldver-weigerer-für-neue-Jeans war, auf den meine Schwestern und ich als Teenager mit Vorliebe unseren ganzen Groll richteten. Aber auch wenn er ein lieber Mann war, so war er dennoch kein brillanter Konversationspartner. Es sei denn, man wollte über Golf sprechen. Dass er mich angerufen hatte, musste also heißen, dass ich diesmal wirklich ernsthaft in Schwierigkeiten war.

Beklommen versuchte ich, ihn zu beschwichtigen.

»Ich habe gar nichts«, sagte ich zu ihm. »Es ist alles ein Missverständnis, mir geht es gut.«

Davon wollte er nichts hören. »Du kommst nach Hause«, befahl er.

Davon wollte ich nun nichts hören. »Dad, sei doch mal vernünftig. Du musst das ... realistisch sehen, ich kann nicht einfach mein Leben hier hinschmeißen.«

»Was kannst du nicht hinschmeißen?«

»Meine Arbeit zum Beispiel«, sagte ich. »Ich kann doch nicht einfach meine Stelle aufgeben.«

»Ich hab schon mit denen gesprochen. Sie sind auch der Meinung, dass du nach Hause kommen sollst«, sagte er.

Plötzlich tat sich vor mir ein Abgrund auf.

»Was hast du getan?« Mir verschlug es fast die Sprache, so furchtbar war das alles. Was hatten sie Dad über mich erzählt?

»Ich habe mit deinem Chef gesprochen«, wiederholte Dad im selben Tonfall.

»Das kann doch nicht dein Ernst sein.« Ich musste schlucken. »Mit wem denn?«

»Mit einem gewissen Eric«, sagte Dad. »Er meinte, er sei dein Chef.«

»O nein!«, sagte ich.

Also gut, ich war siebenundzwanzig, und es sollte mir gleichgültig sein, ob mein Vater wusste, dass ich manchmal zu spät zur Arbeit kam. Aber es war mir nicht gleichgültig. Ich kam mir vor wie vor zwanzig Jahren, als meine Eltern zur Lehrerin bestellt wurden und erklären sollten, warum ich nie mit vollständig gemachten Hausaufgaben in die Schule kam.

»Das ist ja schrecklich«, sagte ich. »Warum musstest du auch bei meiner Arbeit anrufen? Es ist mir so peinlich! Was sie wohl denken? Wahrscheinlich feuern sie mich jetzt.«

»Rachel, soweit ich ihn verstanden habe, wollten sie das sowieso tun«, sagte Dads Stimme über den Atlantik hinweg.

Verdammt, ich war durchschaut. Dad wusste Bescheid! Eric hatte ihm wahrscheinlich alles erzählt.

»Das glaube ich dir nicht«, wehrte ich mich. »Du sagst das nur, damit ich nach Hause komme.«

»Überhaupt nicht«, sagte Dad. »Ich kann dir sagen, was dieser Eric mir erzählt hat ...«

Nein, schönen Dank! Es war schon schlimm genug, dass ich mir denken konnte, was Eric gesagt hatte, ich wollte es nicht auch noch hören.

»Bis zu dem Zeitpunkt, als du sie angerufen hast, war alles in bester Ordnung«, log ich hemmungslos. »Da hast du mir ja was Schönes eingebrockt. Ich werde Eric anrufen und ihm sagen, dass du völlig übergeschnappt und aus einer Anstalt entflohen bist und dass er dir auf keinen Fall glauben darf.«

»Rachel.« Dad seufzte hörbar. »Ich habe kaum ein Wort zu diesem Eric gesagt, er hat die ganze Zeit geredet und schien sehr froh zu sein, dich loszuwerden.«

»Mich loszuwerden?«, sagte ich dünn. »Du meinst, mich auf die Straße zu setzen? Heißt das, ich habe meinen Job verloren?«

»So ist es.« Dad klang sehr sachlich.

»Na, toll«, sagte ich, den Tränen nah. »Schönen Dank, dass du mir mein Leben kaputtgemacht hast.«

Wir schwiegen, während ich mich an den Gedanken zu gewöhnen versuchte, dass ich mal wieder ohne Arbeit war. Rieb sich der liebe Gott jetzt angesichts meines neuen Unglücks die Hände?

»Und was ist mit meiner Wohnung?«, wollte ich wissen. »Wo du doch schon alles andere zerstört hast.«

»Margaret kümmert sich mit Brigit darum«, sagte Dad.

»Kümmert sich darum?« Ich hatte erwartet, dass diese Frage Dad aus der Bahn werfen würde. Ich war entsetzt, dass er da auch schon etwas unternommen hatte. Sie taten geradezu so, als fehlte mir wirklich etwas.

»Sie gibt Brigit die Miete für zwei Monate, sodass Brigit Zeit hat, eine neue Mitbewohnerin zu finden.«

»Eine neue Mitbewohnerin?«, kreischte ich. »Aber das ist mein Zuhause.«

»Soweit ich verstanden habe, seid ihr beiden in letzter Zeit nicht so gut miteinander klargekommen.« Dad klang verlegen.

Er hatte recht. Und unsere Beziehung hatte sich noch einmal deutlich verschlechtert, seit Brigit meine Eltern angerufen und mir meine gesamte Familie auf den Hals gehetzt hatte. Ich war wütend auf sie, und sie schien aus irgendeinem Grund wütend auf mich zu sein. Aber Brigit war meine beste Freundin, und wir hatten immer zusammengewohnt. Es kam gar nicht in Frage, dass jemand anders bei ihr einzog.

»Da hast du aber viel verstanden«, sagte ich trocken.

Er schwieg.

»Unheimlich viel«, sagte ich, jetzt mit weinerlicher Stimme.

Ich verteidigte mich längst nicht so gut wie sonst. Aber um ehrlich zu sein, dieser Krankenhausaufenthalt hatte mich nicht nur meinen Mageninhalt gekostet, sondern auch eine Menge Kraft. Ich fühlte mich schwach und war nicht in der Lage, den Kampf gegen meinen Vater aufzunehmen, und das sah mir gar nicht ähnlich. Mit meinem Vater zu streiten, kam bei mir so instinktiv wie meine Weigerung, mit schnurrbärtigen Männern zu schlafen.

»Es hindert dich also nichts daran, nach Hause zu kommen und dein Leben wieder ins Lot zu bringen«, sagte Dad.

»Aber ich habe eine Katze.« Das war gelogen.

»Dann suchst du dir eine neue«, sagte er.

»Aber ich habe einen Freund«, sagte ich.

»Dann suchst du dir einen neuen«, sagte Dad.

Er hatte leicht reden.

»Gib mir noch mal Margaret, wir sehen uns dann morgen«, sagte Dad.

»Ich denke gar nicht dran«, murmelte ich.

Und damit schien die Sache besiegelt. Zum Glück hatte ich zwei Valium genommen, sonst hätte mich das Gespräch wahrscheinlich sehr, sehr unglücklich gemacht.

Margaret saß neben mir. Irgendwie war sie die ganze Zeit in meiner Nähe, fiel mir auf.

Nachdem sie mit Dad gesprochen hatte, beschloss ich, dem ganzen Spuk ein Ende zu machen. Es war an der Zeit, dass ich mein Leben wieder in die Hand nahm. Denn das hier war nicht lustig, es war nicht unterhaltsam und nicht amüsant. Es war unangenehm und vor allem völlig unnötig.

»Margaret«, sagte ich forsch, »ich habe gar nichts. Es tut mir leid, dass ihr umsonst hierhergekommen seid, und jetzt fahr bitte wieder weg und nimm deinen Mann mit. Das hier ist ein riesiger, enormer, schrecklicher Irrtum.«

»Das glaube ich nicht«, sagte sie. »Brigit hat mir erzählt...«

»Was Brigit sagt, spielt keine Rolle«, unterbrach ich sie. »Ehrlich gesagt mache ich mir Sorgen um Brigit. Sie ist in letzter Zeit so komisch. Früher war sie richtig lustig.«

Margaret sah mich zweifelnd an und sagte dann: »Du nimmst anscheinend wirklich viele Drogen.«

»Dir kommt das vielleicht viel vor«, erklärte ich sanft. »Aber du bist eben auch eine Schleimerin, dir würde alles viel vorkommen.«

Es stimmte, dass Margaret eine Schleimerin war. Ich hatte vier Schwestern, zwei ältere und zwei jüngere, und Margaret war die einzige, die wirklich brav war. Früher musterte unsere Mutter uns manchmal und sagte traurig: »Na ja, eine von fünfen, so schlecht ist das gar nicht.«

»Ich bin keine Schleimerin«, protestierte sie. »Ich bin einfach nur normal.«

»Das stimmt, Rachel.« Paul meldete sich zu Wort und nahm Margaret in Schutz. »Sie ist keine Schleimerin. Bloß weil sie kein ... kein Junkie ist und arbeitslos und von ihrem Mann sitzengelassen worden ist ... im Gegensatz zu anderen«, fügte er düster hinzu.

Ich erkannte sofort die Schwachstelle in seiner Argumentation.

»Mein Mann hat mich nicht sitzengelassen«, verteidigte ich mich.

»Bloß, weil du keinen hast«, erwiderte Paul.

Offenbar spielte Paul auf meine älteste Schwester Claire an, deren Mann sich an dem Tag aus dem Staub gemacht hatte, als sie ihr erstes Kind bekam.

»Und eine Stelle habe ich auch«, sagte ich.

»Jetzt nicht mehr.« Er grinste.

Wie ich ihn verabscheute!

Und er verabscheute mich. Ich nahm das nicht persönlich. Er verabscheute meine ganze Familie. Es fiel ihm nicht leicht zu entscheiden, welche von Margarets Schwestern er am meisten verabscheute. Das war kein Wunder, denn unter uns tobte ein harter Kampf um die Position des schwärzesten Schafes. Da war Claire, einunddreißig, die sitzengelassene Ehefrau. Ich, siebenundzwanzig, angeblich ein Junkie. Anna, vierundzwanzig, die noch nie richtig gearbeitet hatte und manchmal mit Haschisch dealte, um sich über Wasser zu halten. Und dann Helen, zwanzig, und bei ihr wusste man gar nicht, wo man anfangen sollte.

Wir verabscheuten Paul ebenso inbrünstig wie er uns.

Auch Mum verabscheute ihn, obwohl sie es nie zugeben würde. Sie tat gern so, als würde sie jeden mögen, weil sie hoffte, so schneller einen Platz im Himmel zu bekommen.

Paul war so ein aufgeblasener Wichtigtuer. Er trug die gleichen Pullover wie Dad und hatte mit dreizehn oder so, jedenfalls unheimlich jung, sein erstes Haus mit dem Geld gekauft, das er von der Erstkommunion gespart hatte.

»Am besten, du rufst Dad gleich wieder an«, sagte ich zu Margaret. »Denn mit mir wird das nichts.«

»Wie recht du hast«, sagte Paul böse.

2

Die Stewardess zwängte sich zwischen Paul und mir hindurch. »Könnten Sie bitte Ihre Plätze einnehmen? Sie verstellen den Gang.«

Paul und ich blieben aber stehen. Margaret, stets die Brave, hatte sich schon auf ihren Platz am Fenster gesetzt.

»Gibt es ein Problem?« Die Stewardess überprüfte die Bordkarten, dann blickte sie auf die Sitznummern.

»Aber die Sitze stimmen doch«, sagte sie.

Das war das Problem. Laut unserer Bordkarten saß ich neben Paul, und der Gedanke, auf dem ganzen Flug nach Dublin neben ihm zu sitzen, stieß mir übel auf. Mein rechter Oberschenkel würde sich sieben Stunden lang nicht entspannen können.

»Tut mir leid«, sagte ich, »aber ich will nicht neben ihm sitzen.«

Ich zeigte auf Paul.

»Und ich will nicht neben ihr sitzen«, sagte er.

»Und was ist mit Ihnen?« fragte die Stewardess Margaret. »Haben Sie irgendwelche Vorbehalte, neben wem Sie sitzen?«

»Nein.«

»Gut«, sagte sie mit äußerster Geduld. »Dann setzen Sie sich doch ans Fenster.«

Das war an Paul gerichtet.

»Und Sie«, sagte sie zu Margaret, »nehmen den Platz in der Mitte.« Dann sagte sie zu mir: »Und Sie sitzen am Gang.«

»In Ordnung«, sagten wir drei beschämt.

Der Mann in der Reihe vor uns verrenkte sich den Kopf, um uns ansehen zu können.

Eine Weile lang starrte er uns verwundert an, dann sagte er: »Verzeihen Sie mir die Frage, aber wie alt sind Sie?«

 

Ja, ich hatte mich bereit erklärt, nach Irland zu fliegen.

Obwohl ich anfangs nicht die geringste Absicht hatte mitzukommen, waren ein paar Dinge dazwischengekommen, die meine Einstellung geändert hatten. Zuerst besuchte mich Luke – groß, dunkel und sexy – in meiner Wohnung. Ich freute mich, ihn zu sehen.

»Musst du nicht arbeiten?«, fragte ich und stellte ihn dann voller Stolz Margaret und Paul vor.

Luke begrüßte sie höflich mit Handschlag, aber sein Ausdruck war verschlossen und angespannt. Um wieder ein Lächeln in sein Gesicht zu zaubern, begann ich, die Geschichte von meiner Eskapade im Mount-Sinai-Krankenhaus zum Besten zu geben. Er fand sie aber offenbar nicht lustig. Stattdessen packte er mich mit festem Griff am Arm und murmelte: »Ich muss mit dir unter vier Augen sprechen.«

Ich war verblüfft. Wir ließen Paul und Margaret im Wohnzimmer sitzen, und ich ging mit Luke in mein Zimmer. Seiner steinernen Miene nach zu urteilen, war er nicht im Begriff, mich an sich zu reißen und zu sagen: »Schnell, jetzt wollen wir dir mal die nassen Kleider ausziehen«, was er sonst immer tat.

Dennoch war ich nicht auf das vorbereitet, was dann kam. Er gab mir zu verstehen, dass er kein bisschen amüsiert sei über meinen Ausflug ins Krankenhaus. Im Gegenteil, er klang angewidert.

»Wo ist dein Sinn für Humor geblieben?«, fragte ich erstaunt. »Du bist fast so schlimm wie Brigit.«

»Darauf antworte ich erst gar nicht«, zischte er.

Dann erklärte er zu meinem Entsetzen unsere Beziehung für beendet. Mir wurde ganz kalt vor Schreck. Er machte mit mir Schluss? »Warum denn?«, fragte ich, während jede Faser meines Körpers »NEIN!« schrie. »Hast du eine andere kennengelernt?«

»Wie kannst du so eine unsinnige Frage stellen?«, herrschte er mich an.

»Warum denn dann?«, fragte ich.

»Weil du nicht die bist, für die ich dich gehalten habe«, sagte er.

Na, jetzt war ich genauso schlau wie zuvor.

Dann fing er an, mich aufs Gemeinste zu beleidigen, und behauptete, dass es alles meine Schuld sei und er keine andere Wahl habe, als unsere Beziehung zu beenden.

»O nein, mein Lieber.« So leicht würde ich nicht klein beigeben. »Wenn du mit mir Schluss machen willst, bitte, aber gib nicht mir die Schuld.«

»Himmel«, sagte er wütend. »Du willst es einfach nicht kapieren.«

Er stand auf und ging zur Tür.

Geh nicht.

Er blieb nur kurz stehen, um mir noch ein paar Beleidigungen an den Kopf zu werfen, und verließ dann türenknallend die Wohnung. Ich war am Boden zerstört. Es war nicht das erste Mal, dass ein Mann mich ohne ersichtlichen Grund sitzengelassen hatte, aber von Luke Costello hatte ich das nicht erwartet. Wir hatten schon seit sechs Monaten eine Beziehung, und ich war langsam zu der Auffassung gekommen, es sei eine gute.

Mit enormer Anstrengung gelang es mir, nicht unter dem Schock zusammenzubrechen und vor Margaret und Paul so zu tun, als wäre alles in Ordnung. Dann, mitten in mein Unglück hinein, das mir fast die Sinne raubte und den Magen umdrehte, sagte Margaret: »Rachel, du musst mit nach Hause kommen. Dad hat schon einen Platz für dich in Cloisters reserviert.« Ich hatte das Gefühl, dass man mir eine Rettungsleine zuwarf.

Cloisters! Cloisters war berühmt.

Hunderte von Rocksängern hatten sich in das ehemalige Kloster in Wicklow einweisen lassen (wo sie sich gleichzeitig dem Zugriff ihres Finanzamtes entzogen, das war ja klar) und blieben dort die erforderlichen zwei Monate. Und bevor man Zeit hatte zu sagen: »Für mich bitte ein Sprudelwasser«, hatten sie aufgehört, Kleinholz aus Hotelzimmern zu machen und ihre Autos in Swimmingpools zu fahren, und brachten stattdessen ein neues Album heraus, traten in jeder Talkshow auf, sprachen leise und freundlich und hatten die Haare sauber geschnitten und gekämmt, während die Kritiken von einer anderen Qualität und einer neuen Dimension ihrer Musik sprachen.

Ich hätte nichts dagegen, nach Cloisters zu gehen. Das wäre keine Schande. Ganz im Gegenteil. Und man wusste nie, wem man dort begegnen würde.

Dass Luke mit mir Schluss gemacht hatte, warf ein ganz neues Licht auf mein Leben.

Vielleicht wäre es nicht das Schlechteste, wenn ich eine Weile aus New York verschwand, dachte ich. Besonders, da es ja so schien, als würde mir der Spaß an diesem Leben gründlich verdorben. Es musste ja nicht für immer sein, nur für ein paar Monate, bis es mir wieder besser ging.

Was konnte es schon schaden, da ich jetzt sowieso keine Arbeit und keinen Freund mehr hatte, die mich halten konnten. Eine Stelle zu verlieren, war nicht so schlimm, schließlich konnte ich mir jederzeit eine neue suchen, aber den Freund ... nun ja ...

»Was meinst du, Rachel?«, fragte Margaret besorgt. »Hast du dich entschieden?«

Natürlich musste ich erst noch ein bisschen protestieren. Ich konnte ja nicht zugeben, dass mein Leben so wertlos war, dass ich es ohne mit der Wimper zu zucken einfach hinwerfen konnte. Also leistete ich einigen Widerstand, aber es war nur leeres Gehabe.

»Wie würde es dir gefallen, wenn ich in dein Leben hineinmarschierte und sagte: ›Los, Mags, jetzt verabschiede dich mal von Paul und deinen Freunden, von deiner Wohnung, deiner Arbeit und deinem Leben, und dann bringen wir dich in eine Klapsmühle dreitausend Meilen von hier, obwohl dir gar nichts fehlt.‹Was würdest du dann sagen?«

Margaret war den Tränen nahe. »Rachel, es tut mir leid. Aber es ist keine Klapsmühle und ...«

Ich konnte die Show nicht lange aufrechterhalten, weil ich es nicht ertrug, wenn ich Margaret unglücklich machte. Auch wenn sie komisch war, ihr Geld zusammenhielt und den ersten Sex erst in der Ehe hatte, so mochte ich sie doch. Und als ich sagte: »Margaret, wie kannst du mir das ruhigen Gewissens antun? Wie kannst du nachts ruhig schlafen?«, hatte ich meinen Widerstand schon aufgegeben.

Brigit, Margaret und Paul wechselten erleichterte Blicke, als ich sagte: »Also meinetwegen, ich komme mit«, und das ärgerte mich, weil sie so taten, als sei ich leicht debil.

 

Nachdem ich mich erst einmal an den Gedanken gewöhnt hatte, schien es mir eine gute Idee, an einen Ort zu kommen, wo ich mich entspannen konnte. Eine großartige Idee sogar.

Ich hatte seit Ewigkeiten keine Ferien gemacht. Ein bisschen Ruhe und Erholung konnten mir nur guttun. Ein Ort, wo ich mich verstecken und mir meine Luke-förmigen Wunden lecken konnte.

Die Worte von Patrick Kavanaghs Advent gingen mir im Kopf herum: »Wir haben zu viel geschmeckt und gekostet, Geliebter, durch einen zu breiten Spalt dringt kein Staunen.«

Über Cloisters hatte ich schon viel gelesen, und es klang wunderbar. Ich stellte mir vor, dass ich mich, in ein großes Badetuch gewickelt, auf einer bequemen Liege entspannen würde. Ich träumte von Dampfbad, Sauna, Massage, Algentherapie und dergleichen mehr. Ich würde nur Obst essen, gelobte ich, Obst und Gemüse. Und ich würde literweise Wasser trinken, mindestens acht Gläser pro Tag, um meinen Körper durchzuspülen und mich zu reinigen.

Bestimmt würde es mir guttun, mal einen Monat ohne Alkohol und ohne Drogen auszukommen.

Einen ganzen Monat, dachte ich plötzlich voller Panik. Doch in dem Moment zeigte das Valium seine beruhigende Wirkung. Zum Abendessen gab es bestimmt Wein. Und vielleicht war es solchen wie mir, die kein ernstliches Problem hatten, erlaubt, abends in den nächsten Pub zu gehen.

Ich würde in einer schlichten ehemaligen Mönchszelle wohnen: Steinfußboden, gekalkte Wände, ein schmales Bett mit hölzernem Gestell; und durch die Abendluft würden die fernen Klänge gregorianischer Gesänge zu mir dringen. Und natürlich gäbe es ein Fitnessstudio. Jeder weiß, dass körperliche Betätigung das beste Mittel für Alkoholiker und Konsorten ist. Am Ende meines Aufenthalts wäre mein Bauch hart wie ein Brett. Zweihundert Sit-ups pro Tag. Endlich einmal Zeit für mich! Und bei meiner Rückkehr nach New York sähe ich so toll aus, dass Luke mich auf Knien bitten würde, wieder zu ihm zurückzukommen.

Bestimmt würde es auch irgendeine Therapie geben. Eine richtige Therapie, meine ich, keine Cellulitis-Behandlung. Wo man sich auf die Couch legt und über seinen Vater erzählt, so in der Art. Dagegen hätte ich nichts. Ich selbst würde natürlich keine Therapie machen. Aber es wäre sicherlich interessant zu sehen, wie die richtigen Drogensüchtigen, die mit den Anoraks und den strähnigen Haaren, wieder zu Fünfjährigen wurden. Ich würde gereinigt, erfrischt und wie neugeboren Cloisters wieder verlassen. Alle, die im Moment alles Mögliche an mir auszusetzen hatten, wären plötzlich hellauf begeistert von mir. Das alte Ich gäbe es nicht mehr, das neue Ich wäre voller Energie und Tatendrang.

»Meinst du, ehm, sie kriegt Entzugserscheinungen?«, fragte Margaret Brigit, als wir uns für die Fahrt durch den Schnee zum Flughafen bereit machten.

»Mach dich doch nicht lächerlich«, regte ich mich auf. »Ihr übertreibt doch alle maßlos. Entzugserscheinungen, so ein Quatsch. Das kriegt man doch nur bei Heroin.«

»Und Heroin nimmst du nicht?«, fragte Margaret.

Ich verdrehte vor Empörung die Augen.

»Wie soll ich das denn wissen?«, schrie sie mich an.

»Ich muss aufs Klo«, sagte ich.

»Ich komme mit«, erbot sich Margaret.

»Auf keinen Fall.« Ich rannte los, kam vor ihr an und knallte ihr die Tür vor der Nase zu.

»Verpiss dich«, schrie ich hinter der Tür. »Sonst fang ich an zu spritzen, nur um dich zu ärgern.«

 

Als das Flugzeug startete, lehnte ich mich in meinen Sitz zurück und war überrascht, dass sich ein enormes Gefühl der Erleichterung in mir ausbreitete. Es war, als würde ich aus der Gefahrenzone ausgeflogen. Plötzlich war ich sehr froh, aus New York wegzukommen. In letzter Zeit war das Leben ziemlich schwierig gewesen. Und so einengend.

Ich war pleite und hatte bei fast jedem, den ich kannte, Schulden. Beinahe hätte ich gelacht, denn in dem Moment klang ich wirklich wie eine Drogensüchtige. Ich meinte ja nicht solche Schulden. Aber ich hatte alle meine Kreditkarten bis an die Grenzen ausgeschöpft und von sämtlichen Freunden Geld geborgt.

Die Arbeit als stellvertretende Geschäftsführerin in einem Hotel war immer schwieriger geworden. An manchen Tagen kam ich durch die Drehtür, um meine Schicht anzutreten, und wäre am liebsten laut schreiend wieder rausgerannt. Eric, mein Chef, war oft gereizt und schlecht gelaunt. Ich war oft krank gewesen und häufig zu spät gekommen. Worauf Eric noch unleidlicher wurde. Worauf ich natürlich noch öfter krank feierte. Bis mein Leben nur aus zwei Gefühlen zu bestehen schien: Verzweiflung, wenn ich arbeitete, Schuldgefühle, wenn ich nicht zur Arbeit ging.

Als das Flugzeug über Long Island durch die Wolken stieß, dachte ich: Eigentlich müsste ich jetzt arbeiten. Aber ich bin hier, und darüber bin ich froh.

Ich schloss die Augen, und unwillkürlich musste ich an Luke denken. Der anfängliche Schmerz der Zurückweisung war ein wenig gewichen, stattdessen merkte ich jetzt, wie sehr er mir fehlte. Wir hatten so gut wie zusammengelebt, und seine Abwesenheit war wie ein dumpfer Druck. Ich hätte mir nicht erlauben sollen, über ihn und das, was er gesagt hatte, nachzudenken, denn ich merkte, dass es mich ein bisschen hysterisch machte. Ein fast unwiderstehlicher Drang, ihn auf der Stelle zu sehen, ihm seinen Irrtum zu erklären und ihn zu bitten, zu mir zurückzukommen, überkam mich. Einen solchen Drang in einem Flugzeug zu Beginn eines siebenstündigen Fluges aufkommen zu lassen, war sehr dumm. Ich unterdrückte mühsam das Verlangen, die Notbremse zu ziehen. Zum Glück kam die Stewardess mit den Getränken, und ich nahm einen Wodka mit Orangensaft ebenso dankbar entgegen wie ein Ertrinkender das Rettungsseil.

»Guckt mich nicht so an«, sagte ich leise, als Margaret und Paul mich mit blassen, besorgten Gesichtern ansahen. »Ich bin deprimiert. Und überhaupt, seit wann darf ich keinen Alkohol trinken?«

»Solange du es nicht übertreibst«, sagte Margaret. »Versprichst du mir das?«

 

Anscheinend hat Mum die Nachricht, dass ich drogensüchtig war, sehr schlecht aufgenommen. Meine jüngste Schwester Helen und sie sahen sich gerade eine Vorabendsendung im Fernsehen an, als Dad ihr die Nachricht brachte. Offenbar kam er, nachdem er mit Brigit telefoniert hatte, ins Wohnzimmer geschossen und platzte heraus: »Deine Tochter ist drogensüchtig.«

Mum sagte nur: »Hmmm?« und wandte den Blick nicht von dem Geschehen auf dem Bildschirm ab.

»Aber das weiß ich doch«, ergänzte sie noch. »Warum regst du dich so auf?«

»Nicht Anna«, sagte Dad verärgert. »Ich meine es ernst. Es geht nicht um Anna. Ich spreche von Rachel!«

Offenbar nahm Mums Gesicht daraufhin einen merkwürdigen Ausdruck an, und sie stemmte sich hoch. Dann tastete sie sich – während Dad und Helen, der eine nervös, die andere frohlockend, ihr zusahen – blind in die Küche, legte den Kopf auf den Küchentisch und fing an zu weinen.

»Drogensüchtig«, schluchzte sie. »Das überlebe ich nicht.«

Dad legte ihr tröstend die Hand auf die Schulter.

»Anna vielleicht«, klagte sie. »Anna bestimmt. Aber nicht Rachel. Es ist schon schlimm genug mit einer, Jack, aber zwei? Und ich weiß auch nicht, was sie immer mit der Alufolie machen. Wirklich! Anna braucht massenweise davon, und wenn ich sie frage, was sie damit macht, kriege ich keine vernünftige Antwort.«

»Sie wickelt das Hasch in kleine Päckchen, um es zu verkaufen«, erklärte Helen hilfsbereit.

»Mary, hör mal auf, von der Alufolie zu faseln«, sagte Dad und versuchte, einen Plan zu meiner Rettung zu entwerfen. Dann drehte er sich plötzlich zu Helen um. »Was macht sie damit?«, fragte er entsetzt.

Inzwischen war Mum wütend geworden.

»Ach, du sagst also, ich soll aufhören zu faseln, ja?«, wandte sie sich an Dad. »Für dich ist es ja leicht, so was zu sagen. Du brauchst ja auch nicht den Truthahn zu braten, und wenn du ihn in die Folie wickeln willst, um ihn in den Backofen zu schieben, findest du nur noch die Papprolle. Es ist schließlich nicht dein Truthahn, der trocken und schrumpelig aus dem Ofen kommt.«

»Mary, bitte, um Himmels willen ...«

»Wenn sie mir nur sagen würde, dass sie sie genommen hat, dann wäre es ja nicht so schlimm. Wenn sie die Papprolle draußen liegen lassen würde, dann würde ich ja dran denken, neue Alufolie zu kaufen ...«

»Fällt dir der Name von der Klinik ein, in die dieser Mann eingewiesen wurde?«, fragte er.

»Welcher Mann?«

»Du weißt schon, der Mann, der Alkoholiker, der das ganze Geld unterschlagen hat, er ist verheiratet mit der Schwester von der, mit der du immer zu deinem Kaffeekränzchen gehst, du weißt genau, wen ich meine.«

»Patsy Madden, meinst du den?«, fragte Mum.

»Genau den!« Dad war hoch erfreut. »Du könntest mal herausfinden, wo der war, um sich behandeln zu lassen.«

»Aber Rachel hat kein Alkoholproblem«, protestierte Mum.

»Ich weiß«, sagte Dad, »aber da behandeln sie alle möglichen Sachen. Alkohol, Drogen, Spielsucht, Esssucht. Heutzutage kann man nach fast allem eine Sucht entwickeln.«

Dad kaufte jeden Monat zwei Frauenzeitschriften. Angeblich für Helen und Mum, aber eigentlich für sich. Deshalb kannte er sich mit allem Möglichen aus, wovon Väter sonst keine Ahnung hatten: Selbstverstümmelung, freie Radikale, Modetrends, Jean Paul Gaultier und wo es die besten Sonnenstudios gab.

Mum telefonierte also herum und zog diskret Erkundigungen ein. Wenn jemand nachfragte, sagte sie, dass ein entfernter Cousin von Dad eine übermäßige Vorliebe für Alkohol zeigte, bedankte sich für die Auskunft und legte schnell auf.

»Cloisters«, sagte sie.

»Cloisters!«, wiederholte Dad erleichtert. »Es hat mich ganz verrückt gemacht, dass mir das nicht mehr eingefallen ist. Ich hätte kein Auge zugetan, ich hätte die ganze Nacht wach gelegen und gegrübelt ...«

»Ruf da mal an«, unterbrach Mum ihn unter Tränen.