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Inhaltsverzeichnis

ZUM BUCH
ZUR AUTORIN
Widmung
Vorwort
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Danksagung
Marian Keyes über Marian Keyes
Copyright

Danksagung

In erster Linie habe ich meiner Lektorin Kate Cruise O’Brien zu danken. Sie hat mich ›entdeckt‹, als ich einige Kurzgeschichten einfach so ins Blaue an den Poolbeg-Verlag schickte. Vom ersten Augenblick an hatten wir einen Draht zueinander. Von Wassermelone war sie noch vor mir überzeugt, sogar schon, als es noch gar nicht geschrieben war! Sie hat sich großartig mir gegenüber verhalten, mich unter ihre Fittiche genommen, war ungeheuer begeistert, stets für Änderungs- oder Verbesserungsvorschläge empfänglich, gar nicht davon zu reden, dass sie außerordentlich liebenswürdig, gastfreundlich und eine gute Freundin ist.

Zu großem Dank verpflichtet bin ich selbstverständlich auch Mr. Poolbeg, Philip MacDermott und all seinen fabelhaften Mitarbeitern. Philip hat mich in seinem Verlag mit offenen Armen willkommen geheißen, und alle haben das Projekt Wassermelone nach Kräften unterstützt. Besonders danken möchte ich Brenda für die hervorragende Umschlaggestaltung, Nicole für den akribisch genauen Satz, Breda für Marketing und Werbung und Kieran für seine Geduld bei der Abfassung meines Vertrages.

Ebenso danke ich meinen Eltern, die immer für mich da waren. Sie sind die selbstlosesten und besten Menschen, denen ich je begegnet bin. Auch meinen wunderbaren, schönen, begabten und einzigartigen Geschwistern Niall, Caitriona, Tadhg und Rita-Anne bin ich zu Dank verpflichtet.

Mein Dank gilt auch Charlotte und Niall für ihre grenzenlose Geduld, Nachsicht und Unterstützung. Ihnen beiden wie auch Kirsten muss ich für die Güte und Einfühlung danken, die sie mir entgegengebracht haben. Ebenfalls danke ich meinem »Versuchskaninchen« Belinda für ihre Begeisterung und Ermutigung.

Eileen habe ich vieles zu danken: ihre Freundlichkeit, ihre rückhaltlose Freundschaft und die Genauigkeit bei der Abfassung meines Vertrags.

Ailish danke ich für ihre Begeisterung, Tatkraft und die Freundschaft, die sie mir über die Jahre hinweg erwiesen hat.

Ich danke Louise, die zu mir gehalten und mir ihre Liebe und Freundschaft geschenkt hat.

Ich danke Conor, Patricia und Alan für alles, vor allem für den Januar 1994. Dafür gibt es keine Worte.

Ich danke Liam für das gute Beispiel und den großartigen Witz.

Jenny danke ich für alles. Sie hat so viel für mich getan, dass ich nicht weiß, wo mit der Aufzählung anfangen.

Ich danke der wunderbaren Albyn. Sie kennenzulernen war ein wirkliches Geschenk.

Ich danke Maureen Rice für ihr ausgesprochen schönes Zitat.

Ich danke den Mitarbeitern des Rutland Centre und denen, die während meines Aufenthalts ebenfalls dort waren. Mein Dank gilt all den großartigen Menschen, die ich bei den Anonymen Alkoholikern kennengelernt habe.

Schließlich danke ich meinem geliebten Tony, meinem sanften Pedanten – für seine Bewunderung, seinen Ansporn, wenn ich keine Lust hatte zu arbeiten, seine praktischen Ratschläge, sein Lachen, wenn es mir gelang, etwas Lustiges niederzuschreiben, und außerdem dafür, dass er mich so glücklich gemacht hat.

ZUR AUTORIN

Marian Keyes wurde 1963 als ältestes von fünf Kindern in Limerick geboren. Sie wuchs in Dublin auf, wo sie auch Jura studierte. 1986 siedelte sie nach London über und hielt sich anschließend mit Gelegenheitsjobs über Wasser. 1993 begann sie zu schreiben. Sie schickte erste Geschichten an einen Verlag und behauptete, ein Roman sei auch in Arbeit. Als sich der Verlag daran interessiert zeigte, musste sie ihn tatsächlich schreiben – so entstand Wassermelone. Wassermelone wurde ebenso wie alle folgenden Romane von Marian Keyes ein internationaler Bestseller. Marian Keyes lebt heute mit ihrem Ehemann in Dún Laoghaire, Dublin.

Marian Keyes über Marian Keyes

Guten Tag. Ich heiße Marian Keyes – na ja, eigentlich nicht, aber das kommt später – und wurde im September 1963 geboren. Ich war einen Monat überfällig, und ich frage mich oft, wie mein Leben wohl aussähe, wenn ich zum vorgesehenen Zeitpunkt auf die Welt gekommen wäre, wie ich als dynamischer und munterer Löwe statt als abwägende und allen Gefahren aus dem Wege gehende Jungfrau wäre. Das aber werden wir nie erfahren.

Ich habe lange schwarze Haare. Das ist ein bisschen merkwürdig, weil alle anderen in unserer Familie sehr blond sind. Meine Mutter stammt aus Clare, und möglicherweise hatte eine ihrer Ahnfrauen ein Techtelmechtel mit einem der Jungs von der im Sturm untergegangenen spanischen Armada. Das könnte eine Erklärung für meine schwarzen Haare sein. Meine Augen sind grün. Manchmal sagen mir Leute, ich sähe aus wie Vivien Leigh. Die haben dann meist was getrunken oder wollen sich Geld von mir leihen. Später tut es ihnen sehr leid, dass sie den Mund aufgemacht haben, weil ich den Rest der Woche hindurch »so ein Unsinn« sage und ihnen mit meinem imaginären Fächer einen Klaps auf den Arm gebe.

Ich habe vier jüngere Geschwister. Bis zu meinem dritten Lebensjahr war ich das einzige Kind im Haus und regierte infolgedessen mit eiserner Hand. Als Niall zur Welt kam, trug ich meine Nase so hoch, dass sie mir schon fast auf dem Hinterkopf saß. Als eineinhalb Jahre später bei meiner Mutter die Wehen einsetzten, weil meine Schwester Caitriona herauswollte, war ich so empört, dass ich meinem Vater sagte, er brauche sich nicht die Mühe zu machen, meine Mutter ins Krankenhaus zu fahren, sie könne ohne weiteres den Bus nehmen.

Schon in sehr jungen Jahren machte ich mir Sorgen über alles, aber auch wirklich alles. Bis auf den heutigen Tag ist es das Erste, was ich morgens tue – noch bevor ich die Augen aufschlage.

Mit sieben Jahren hatte ich solche Angst, zu spät zur Schule zu kommen, dass ich eine Zeitlang vollständig angezogen zu Bett ging und mein Nachthemd darüber trug. Einige Monate lang war ich von der neurotischen Panik besessen, unser Haus werde über Nacht abbrennen, und so stellte ich vorsichtshalber eine Schüssel voll Wasser zu Löschzwecken ins Badezimmer – bis mich meine Mutter eines Tages fragte, was zum Teufel ich da täte. Sie war es leid, jeden Abend über die Schüssel zu stolpern, wenn sie sich im Bad die Zähne putzen wollte.

Mein erster Schultag war fantastisch. Erst als es mir am nächsten Morgen dämmerte, dass ich wieder und wieder hingehen müsste, begriff ich, warum sich andere so heftig über die Schule beklagten.

Bis ich acht Jahre alt war, lebten wir in Cork. Dann zogen wir um, für kurze Zeit nach Caven, danach für zweieinhalb Jahre nach Galway, bis unsere Familie schließlich in Dublin Fuß fasste.

Ich war mir meiner hinterwäldlerischen Herkunft immer bewusst, und ich war dankbar, wenn sich Dubliner mir gegenüber anständig und freundlich verhielten.

Mit zwölf Jahren wäre ich gern Nonne geworden. Im Rückblick führe ich diesen Wunsch auf das durch die häufigen Umzüge hervorgerufene Trauma zurück. Nach wenigen Monaten hatte sich dieser Wunsch überlebt. An seine Stelle trat eine ausgeprägte Pubertät. Mehrere Jahre hindurch knallte ich Türen, heulte, klagte, dass mich niemand verstünde, schrieb Gedichte, wozu ich mich in mein Zimmer einschloss, träumte von Jungen, stibitzte meiner Mutter das Make-up und war überzeugt, dass ich sterben müsste, wenn ich einen bestimmten Pullover oder ein anderes Kleidungsstück nicht bekam – was damals eben gerade Mode war –, und verhandelte hart mit meinem Vater über die Uhrzeit, zu der er mich von der Disco in der Jungenschule abholen sollte. Wie sehnte ich mich nach dem Tag, an dem er nicht am Tor auf mich wartete. Ich war also im Großen und Ganzen durchaus normal für ein Mädchen meines Alters.

 

Mit vierzehn Jahren trank ich zum ersten Mal Alkohol. Er entzündete in mir ein Feuer, das sich schließlich zu einer tobenden Hölle auswuchs, in der ich fast umgekommen wäre.

Doch lange sah ich das nicht so, sondern hatte den Eindruck, dass mir ein wunderbares Geschenk gemacht worden war. Jetzt hatte ich etwas, das mir meine Schüchternheit nahm, mir Selbstvertrauen schenkte und es mir sogar möglich machte, mit – man glaubt es kaum! – Jungen zu reden.

Sechzehn Jahre lang habe ich getrunken. Während meiner Teenagerzeit konnte ich mir nicht einmal vorstellen, nüchtern in eine Disco oder zu einer Party zu gehen. Ich hielt mich für völlig normal. Ich war überzeugt, dass alle das taten. Davon später mehr.

 

Mit achtzehn Jahren fing ich in Dublin ein Jurastudium an. Es bildete einen rein zufälligen Hintergrund für mein aus Partys, Kellerbars und ganz allgemeinen Ausschweifungen bestehendes Leben. Was von mir als Studentin erwartet wurde, war mir durchaus bekannt. Ich wusste, dass man voraussetzte, ich würde mich betrinken, Drogen nehmen (womit ich leider nicht dienen konnte), Vorlesungen schwänzen, mich absonderlich kleiden, mich etwa eine Woche vor dem Examen mit einem streberischen Kommilitonen anfreunden, um mir von ihm alle Mitschriften des Studienjahres auszuleihen, sechs Tage lang ohne Nachtschlaf auszukommen, während ich mir einhämmerte, was darin stand, und schließlich und nicht zuletzt mein Examen zu bestehen.

Ich schloss mein Jurastudium im Jahre 1984 mit befriedigendem Ergebnis ab. Zwar grenzt das ans Wunderbare, wenn man bedenkt, wie viel ich nicht getan habe, es ist zugleich aber auch eine entsetzliche Schande. Wer weiß, was ich hätte leisten können, wenn ich ein bisschen gearbeitet hätte.

 

Ursprünglich hatte ich in Blackhall Place weiterstudieren wollen, doch hatte man mir inzwischen eine Anstellung in der Gesundheitsbehörde Eastern Health Board angeboten. Da mich das leicht verdiente Geld lockte, nahm ich sie an, mit der ernsthaften Absicht, mein Studium fortzusetzen. Allerdings tat ich es dann nicht – ich weiß bis auf den heutigen Tag nicht genau, warum. Ob es womöglich einfach altmodische Faulheit war? Sie hat durchaus etwas für sich.

Außerdem waren meine nihilistischen Neigungen wieder aufgeflammt, unter denen ich auch schon früher gelitten hatte. Es fiel mir schwer, mich dazu zu bringen, irgendetwas zu tun, weil ich den Eindruck hatte, dass nichts wirklich wichtig und letzten Endes nichts wirklich von Bedeutung war. Vielleicht hätte ich eine Behandlung mit Antidepressiva brauchen können.

Schließlich und endlich hatte ich keine Lust, mich dadurch kaputtzumachen, dass ich gleichzeitig Geld verdiente und studierte, denn eigentlich wollte ich gar nicht Anwältin werden. Dasselbe galt für die Hälfte der Leute in meinem Kurs. Wir studierten nur deshalb Jura, weil unsere Noten nicht gut genug waren, um Medizin zu studieren, aber besser als die der armen Teufel, die in der geisteswissenschaftlichen Fakultät gelandet waren.

Was wir studierten, war uns eigentlich nicht wichtig (richtig studiert wurde ohnehin nicht). Wir wollten einfach auf der Universität das wirkliche Leben und die damit verbundene Verantwortung noch drei Jahre lang von uns fernhalten. Wenn die Leute in der Vergabestelle für Studienplätze beschlossen, dass wir Jura studieren sollten, konnte uns das nur recht sein.

Kurz gesagt: Ich war verantwortungslos und zu nichts nütze. Ich trank ständig, so oft und so viel ich mir leisten konnte.

 

Ich habe eineinhalb Jahre lang bei Eastern Health Board gearbeitet (»gearbeitet« im weitesten Sinne), und zwar in der Abteilung, die sich mit der Adoption von Kindern und ihrer Unterbringung in Pflegefamilien beschäftigt.

Dann bin ich nach London gezogen. Auf mein Leben dort hatte ich große Hoffnungen gesetzt. Vermutlich hatte ich angenommen, es werde all meine Schwierigkeiten lösen und sei gleichbedeutend mit der Erhörung all meiner Gebete. Ich würde eine großartige Stelle bekommen (in Dublin gab es weder großartige noch überhaupt Stellen), einen wunderbaren Mann kennenlernen (es gab in Dublin weder wunderbare Männer noch andere) und mich endlich in meiner Haut rundum wohlfühlen.

Ich handelte nach dem Grundsatz, dass meine Aussichten, mich in London daheim zu fühlen, ebenso groß seien wie die irgendeines anderen Menschen, da niemand wirklich dort hingehörte.

 

Als Hausbesetzer zogen ein schwuler Freund und ich in eine Wohnung, die im einundzwanzigsten Stock eines Hochhauses lag. Ich war fest überzeugt, das sei jetzt das wirkliche Leben.

An meinem zweiten Tag in London ging ich in die King’s Road und brachte ein Stück Hühnerbrust aus dem Supermarkt nach Hause. Ich fühlte mich großartig, weil ich in der King’s Road eingekauft hatte.

Einen Vorteil hatte die besetzte Wohnung in jenem hässlichen Hochhaus: Von ihr aus hatte man einen wunderbaren Blick über große Teile Londons. Nur schade, dass es die unansehnlichen und armen Bezirke der Stadt waren.

An meinem dritten Tag in London blieb ich mit dem Aufzug stecken, und die Feuerwehr musste einige attraktive Männer in gelben Plastikhosen schicken, damit die mich herausholten. Ich hatte große Angst – immerhin steckte ich über eine Stunde in der Kabine und war überzeugt, dass ich zwanzig Stockwerke tief zu Tode stürzen würde. Da der Aufzug zwischen zwei Stockwerken stecken geblieben war, mussten die Feuerwehrleute das Dach abnehmen, um mich herauszuholen.

An meinem, ich glaube, fünften Tag in London, hielt der Aufzug im fünfzehnten Stock des Hochhauses an, und als sich die Türen öffneten, trat ein sehr asiatisch aussehender Mann ein. Er hatte einen Schäferhund bei sich, der so groß war, dass er sich am Hindernisrennen Grand National hätte beteiligen können, und trug ein langes Küchenmesser unter dem Arm. Außer ihm war nur noch ich in dem Aufzug. Ich empfand eher Interesse als Angst und hatte das Gefühl, versehentlich ins Leben eines anderen Menschen geraten zu sein.

An meinem vermutlich zehnten Tag in London entblößte sich vor mir ein Mann in der U-Bahn. Ich zuckte mit keiner Wimper – inzwischen hatte ich die Stadt im Griff.

 

Sechs Wochen lang war ich arbeitslos, und der Teil meines Ichs, dem es Spaß machte, so zu tun, als wäre er erwachsen, freute sich darüber. Es war für mich ein neues Erlebnis, auf den Markt zu gehen und ungeheuer billig Gemüse einzukaufen, wobei es keine Rolle spielte, dass es schon ziemlich angegammelt war. Oder im Supermarkt Käsereste zu herabgesetzten Preisen zu kaufen. Oder die auf dem Magnetstreifen meiner Wochenkarte gespeicherte Gültigkeitsdauer zu manipulieren, damit ich mir keine neue kaufen musste, wenn sie abgelaufen war. Und natürlich unanständige Summen für Alkohol auszugeben. Das änderte sich nie.

 

Nach sechs Wochen bekam ich eine Anstellung. Allerdings war es nicht das, was ich mir vorgestellt hatte. Niemand wollte eine junge Frau mit irischem Juraexamen beschäftigen. Und niemand wollte eine Mitarbeiterin haben, die in Irland in der Verwaltung gearbeitet hatte. Also bekam ich eine Stelle als Kellnerin in einem sehr coolen Lokal namens Videocafé. Ich fand es grandios. Es war mir gleichgültig, dass der Inhaber ein kokainsüchtiger Verrückter war, der Leute nach Lust und Laune rausschmiss. Einmal habe ich eine Geschichte gehört, die vielleicht nicht stimmt: Eines Abends soll er alle Kellnerinnen mit blauen Augen auf die Straße gesetzt haben. Ich würde sagen, dass das totaler Blödsinn ist. Wahrscheinlich hatten sie braune Augen.

In jenem Lokal habe ich mit Unterbrechungen etwa ein Jahr lang gearbeitet. Dann ging es mit mir aufwärts, und ich fand einen achtbaren Arbeitsplatz, nämlich in einem Büro. Vor etwa sieben Jahren bekam ich dann die Stelle, wo ich heute noch tätig bin. Ich arbeite in der Verwaltung einer Fachhochschule für Architektur, die sich zur Avantgarde zählt. Ehrlich gesagt weiß ich nicht so recht, warum ich noch dort arbeite, denn mein Interesse an avantgardistischer Architektur ist ebenso groß wie daran, die Pocken zu kriegen. Möglicherweise ist es noch geringer.

Was in der näheren Umgebung meines Arbeitsplatzes vor sich geht, ist mir absolut rätselhaft. Irrigerweise hatte ich angenommen, bei Architektur gehe es um das Entwerfen und Bauen von Häusern und dergleichen. O nein, so prosaisch ist das nicht! Man ermutigt die Studenten, den »Raum zu erleben«, sich »in eine andere Dimension einzufühlen« und ähnlichem Unsinn.

Die meisten Studenten und ein großer Teil der Mitarbeiter sind ziemlich überkandidelt, und es vergeht kaum ein Tag, ohne dass ein Student einen Koller bekommt oder zwei Dozenten in wilden Streit miteinander geraten. Es ist wirklich unterhaltsam und macht großen Spaß. Wahrscheinlich ist das der Hauptgrund dafür, dass ich es so lange da ausgehalten habe.

 

Eine Weile war ich der Ansicht, dass ich gern als Steuerberaterin arbeiten würde. Daher habe ich mich in Abendkursen ausbilden lassen und bin jetzt geprüfte Steuerbevollmächtigte. Für den Augenblick habe ich alle Pläne, aufzustocken und »richtige« Steuerberaterin zu werden, auf Eis gelegt. Ich hoffe, dass ich sie ganz aufgeben kann, wenn es mit meinem Schreiben so klappt, wie ich mir das vorstelle.

 

Weiter vorn habe ich gesagt, dass ich immer »gern einen gekippt« habe. Im Laufe der Jahre hat sich dieser Hang verstärkt. Es ist nach wie vor nicht ganz eindeutig, wann genau ich Alkoholikerin geworden bin. Mit Sicherheit bin ich nicht eines Morgens wach geworden und habe zu mir gesagt: »Tja, gestern Abend habe ich als Alkoholikerin getrunken.« Vermutlich ist es auch nicht wirklich wichtig, wann das war. Entscheidend ist, dass ich jetzt Alkoholikerin war.

Es war eine zutiefst unangenehme Erfahrung, für alle um mich herum wie auch für mich selbst.

Überrascht merkte ich morgens beim Aufwachen, dass ich unbedingt etwas zu trinken brauchte. Noch überraschter war ich, dass ich dann morgens tatsächlich auch trank. Dann aber hörte die Überraschung auf, und es wurde zum Normalzustand.

Tag für Tag betrunken zu sein wurde mir zur Gewohnheit. Sobald ich wieder nüchtern war, griff ich einfach nach der nächstbesten Flasche und ließ mich erneut volllaufen. Ich ging nicht zur Arbeit. Ich aß nicht. Ich wusch mich nicht. Nichts war mir wichtig, außer ich selbst und mein Alkohol. Ihn liebte ich über alles. Ich hatte richtige Saufexzesse. Dann war ich wieder eine Weile nüchtern, konnte den Alltag bewältigen und andere überzeugen, dass ich mir diesmal wirklich Mühe geben würde aufzuhören. Dass ich wirklich nicht mehr trinken würde.

Es ist einfach zum Brüllen. Ich war fest überzeugt, ich sei zu klug, um zu einer Trinkerin zu werden. Obwohl ich mich wie eine typische chronische Trinkerin aufführte, glaubte ich, anders zu sein. Ich war überzeugt, jederzeit aufhören zu können, wenn ich das nur wollte.

 

Es wurde immer schlimmer. Ich hatte fast keine Freunde mehr, weil ich sie so oft belogen und im Stich gelassen hatte. Ich war nicht bereit, meine Wohnung zu verlassen und mich mit anderen zu treffen, weil ich dann keine Möglichkeit gehabt hätte zu trinken. Ich merkte allmählich ganz deutlich, dass ich diese Hölle, denn das war mein Leben, nicht länger aushalten würde.

Ich war körperlich krank und wog kaum noch fünfundvierzig Kilo, ich war seelisch und emotional krank sowie geistig bankrott.

Ich nahm eine Überdosis. Es war ein ziemlich hilfloser Selbstmordversuch. Anschließend sorgte mein Vater dafür, dass ich an meinem Arbeitsplatz beurlaubt wurde und eine Entziehungskur machte. Sie dauerte sechs Wochen, danach war ich sechs Wochen in Dublin.

 

Mein Leben sieht jetzt völlig anders aus. Es grenzt an ein Wunder. Seit über drei Jahren bin ich trocken, und es waren die herrlichsten, schönsten, fantastischsten Jahre meines Lebens.

Alles, was ich mir je erträumt habe, ist Wirklichkeit geworden. Schon immer hatte ich schreiben wollen, aber nie etwas in der Richtung unternommen. Es war im September 1993. Mir war elend, weil ich gerade fünf Tage ununterbrochen getrunken hatte. In einer Zeitschrift las ich eine Kurzgeschichte, die einen Preis gewonnen hatte. Sie war ganz hübsch, aber eine Stimme in meinem Kopf sagte: »Du könntest eine mindestens ebenso gute schreiben.« Ich nahm Stift und Papier und fing an. Ich verfasste eine Kurzgeschichte über einen Engel. Es war unglaublich: Sie kam aus dem Nichts, und ich warf sie in einem Zug auf das Papier. In den nächsten drei Monaten verfasste ich vier weitere Kurzgeschichten, auf die ich sehr stolz bin. Ich trank sehr viel und schaffte es, die Geschichten zwischen den Saufexzessen zu schreiben. Im Januar 1994 bin ich dann in den Entzug gegangen, und mein Schreiben hörte erst einmal auf. Als ich im April 1994 nach London zurückkehrte, versuchte ich einige meiner Geschichten veröffentlichen zu lassen. Ich schickte sie an Poolbeg und einen anderen irischen Verlag und erwähnte in meinem Begleitbrief, dass ich fünfzehntausend Wörter eines Romans fertig hätte. Das stimmte aber nicht, ich dachte lediglich, es werde einen guten Eindruck machen. Dann kam ein Brief von Kate Cruise O’Brien aus dem Hause Poolbeg, die mir mitteilte, ihr gefielen die Geschichten, sie könne aber von einem unbekannten Autor keinen Band mit Kurzgeschichten herausbringen, und sie würde gern die fünfzehntausend Wörter meines angeblichen Romans lesen. Da muss ich mich dann wohl hinsetzen und sie schreiben, dachte ich. Also habe ich in einer Woche zwölftausend Wörter zu Papier gebracht, ihr das Ergebnis geschickt, und es hat ihr gefallen.

Nichts in meinem Leben hat mich je so befriedigt und mir solche Freude gemacht, wie an Wassermelone zu arbeiten. Schreiben ist eine ungeheuer befriedigende Tätigkeit. Ich hätte nie geglaubt, dass mir irgendeine Arbeit je Spaß machen würde, aber ich habe das Gefühl, endlich zu wissen, wozu ich auf der Welt bin. Und es ist so leicht. Der größte Teil von Wassermelone hat sich praktisch von selbst geschrieben. Ich kann es gar nicht abwarten, mit dem nächsten Buch anzufangen.

 

Und so viele andere wunderbare Dinge sind mir in der Zeit meines Nüchternseins widerfahren. Bei den Anonymen Alkoholikern habe ich einige ganz außergewöhnliche Menschen kennengelernt: kluge, begabte, lustige und warmherzige Menschen.

Zum ersten Mal in meinem Leben weiß ich, was Seelenfrieden ist. Die Welt ist nicht der schwarze Sumpf des Übels, für den ich sie immer gehalten hatte. Ich freue mich richtig, am Leben zu sein. Während ich früher nie zufrieden war, beglücken mich jetzt unzählige kleine Dinge. Ich habe eine wunderbare Familie, die ich sehr liebe, und viele gute Freunde.

Und ich habe geheiratet. Das zu glauben fällt mir am schwersten. Denn jede meiner Beziehungen ist früher oder später mit Tränen zu Ende gegangen, entweder seinen oder meinen. Ich war der Meinung, nie eine Liebesbeziehung auf partnerschaftlicher Ebene haben zu können, mit einem Mann, den ich mag, achte, begehre, liebe und mit dem ich gern zusammen sein möchte, wenn ich siebzig bin. Und ich war überzeugt, wenn ich je eine solche Beziehung hätte, würden meine selbstzerstörerischen Triebe dafür sorgen, dass sie zugrunde ginge. Das aber ist nicht geschehen.

 

Das also bin ich. Was könnte ich noch über mich sagen? Ich lese gern, und zwar alles, von kitschigen Liebesromanen bis hin zu Barbara Cartland. Nein, das war ein Spaß. Ich lese alles, von kitschigen Liebesromanen bis zu Gore Vidal. Gewöhnlich lese ich in vier Büchern gleichzeitig. Ich gehe gern ins Kino und mag eher ausgefallene und etwas schräge Filme als irgendwelche Hollywoodschinken, um die ein großes Spektakel gemacht wird. Ich gehe auch gern ins Theater, vermeide aber Klamaukstücke, wie sie etablierte Theater oft bieten; ihnen ziehe ich kleine Experimentierbühnen vor. Ich esse und rede gern, am liebsten beides gleichzeitig. Ich schlafe jede Nacht zehn Stunden und esse täglich etwa vier Schokoladenriegel.

 

Ach ja, mein Name: Ich heiße in Wirklichkeit Mary Catherine. Auf diesen Namen bin ich getauft worden, und er steht auch auf meiner Geburtsurkunde. Da meine Mutter ebenfalls Mary heißt, haben meine Eltern beschlossen, mich Marian zu rufen, um Verwechslungen zu vermeiden. Kein Wunder, dass ich so sonderbar bin.

Möglicherweise ist es aber auch ganz gut, dass sie mich Marian genannt haben, denn ich war als Kind so ungeheuer neurotisch – vielleicht wäre ich total plemplem geworden, wenn man mich mit einem Hinterwäldlernamen wie Mary Kate gerufen hätte.

Jetzt aber gefällt mir der bäuerische und bodenständige Name Mary Kate, vor allem, wo es richtig im Trend liegt, Ire zu sein. Ich ermuntere alle Leute, mich Mary Kate zu nennen.

 

Das wäre es, mehr oder weniger. Mein Freund, Entschuldigung, mein Mann, sagt, ich sei der großartigste Mensch, dem er je begegnet ist. Aber er ist voreingenommen und hat wohl auch ein bisschen Angst vor mir. Wer noch mehr über mich wissen will, soll sich ruhig bei mir melden.

 

Mai 1997

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