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Was zählt, ist, wie wir miteinander umgehen

Bei aller Liebe: Es wäre allmählich doch an der Zeit, dass wir den Kindern ein neues Betriebssystem aufspielen. Eines, das besser zu unserer modernen Welt passt. Also, worauf warten wir? Den Reset-Knopf drücken, ein paar Sekunden warten, und schon gibt es keine Zornanfälle mehr, keinen Protest gegen gesunden Brokkoli und gerne auch keine Pubertät! Vor allem aber nicht dieses Theater, wenn es ans Schlafen geht. Klick und weg damit! Stattdessen eine solide, moderne Schlaf-App: Einschlafen ohne Stress. Mit einstellbarer Einschlafzeit. Zehn Minuten vor dem »Tatort« zum Beispiel. Natürlich alleine, ohne Weinen und Betteln.

Nun ist das Leben bekanntlich kein Wunschkonzert. Und das mit der Schlaf-App leider nur eine Fata Morgana aus der bleischweren, schlafentwöhnten Traumwelt junger Eltern. Gemein eigentlich. Ja, wir werden wohl weiter mit den alten Programmen leben müssen, die schon zum Lieferumfang des Menschenkindes gehört haben, als es noch nicht einmal eine vernünftige Zeitmessung gab. Von Einkommenssteuerbescheiden ganz zu schweigen. Von wegen smarte Babys: Unsere Kinder sind echte Steinzeitbabys! Und genau deshalb haben wir dieses Buch geschrieben. Wir würden gerne über die Kinder reden, wie sie sind. Nicht über Idealkinder, Traumkinder oder Modellkinder, die begegnen uns ja auf den öffentlichen Laufstegen oft genug. Sei es in den Medien, den Ratgebern oder in unserem eigenen Kopf.

Wir würden gerne über den Schlaf reden, wie er ist. Nicht über den Schlaf, wie er ach so einfach und praktisch wäre. Der echte Schlaf, ob bei Kindern oder Erwachsenen, hat Haken und Ösen. Besser, wenn wir uns von Anfang an darauf einstellen. Nur wenn die Landkarte stimmt, mit der wir reisen, können wir die Wege finden, die zu unserem Kind und zu unserer Familie passen. Und deshalb dreht sich dieses Buch nicht einfach um Tricks, Trainings und Programme. So verlockend das Ziel ist, und ein schlafendes Kind IST ein verlockendes Ziel, wir dürfen den Weg nicht aus den Augen verlieren.

Nirgendwo begegnen sich Eltern und Kind direkter, persönlicher und auch ungeschützter als beim Schlafen – und das in einer für beide wohl einmaligen Umbruchphase. Auf dieser Rüttelstrecke werden Beziehungen geknüpft, gestärkt und auf die Probe gestellt. Da müssen wir uns bewähren, ohne unsere gemeinsame Notration aufzubrauchen. In diesem Buch wollen wir Wege zeigen, mit denen das Schlafen gelingt, ohne dass wir das Wichtigste verlieren, was uns verbindet: das Vertrauen zueinander.

Aus diesem Grund sind wir kritisch gegenüber den vielen Behauptungen, Mythen und Erlösungsversprechen rund um den Kinderschlaf. Ja, wir stellen sie gründlich und konsequent auf den Prüfstand. Ab welchem Alter schlafen kleine Kinder wirklich durch? Werden Kinder selbstständiger, wenn sie das Alleineschlafen packen? Auf diese Fragen aufrichtige Antworten zu geben und nicht nur Werbefloskeln für irgendein »Programm« oder irgendeine »Methode« zu produzieren, sind wir den Kindern schuldig. Sie sind oft genug Versuchskaninchen psychologischer Theorien gewesen. Vielleicht erinnert sich noch jemand an die »frühe Sauberkeit«, die Kindern angeblich zu einem besseren Charakter verhelfen sollte?

Wir werden deshalb immer wieder auf die harten Fakten Bezug nehmen: Was genau ist über den Baby- und Kinderschlaf bekannt? Wir werfen einen Blick in die menschliche Evolutionsgeschichte, in die Verhaltensforschung, die Bindungsforschung, auch in andere Kulturen. Und vor diesem Hintergrund klären wir die praktischen Fragen, so konkret und lebensnah wie nur möglich. Und so wenig festgelegt wie möglich. Wir haben in unserem eigenen Leben mit Kindern festgestellt, dass man als Eltern ganz schön betriebsblind sein kann. Dabei gibt es viele zündende Ideen abseits der ausgetretenen Wege. Wir geben deshalb in diesem Buch auch den Trampelpfaden Raum. Interessant ist übrigens, dass sie in anderen Kulturen häufig den üblichen Weg darstellen, wie man mit Kindern umgeht. Zum Beispiel auch, weil sie sich in der Praxis gut bewähren.

Warum sollen wir nicht bei diesem Thema, das für viele Familien ein Tal der Tränen ist, mutige Fragen stellen? Und dabei auch die vordergründig verrückten Fragen zulassen, wie etwa die: Braucht ein Baby immer ein Bett? Braucht es eine »Schlafenszeit«? Ein »Bettgehritual«? Dürfen kleine Menschen nicht auch im Kino einschlafen, beim Konzert unserer Lieblingsband oder im Tragetuch beim Aushelfen in der Eisdiele?

Vielleicht interessiert Sie, wer wir sind?

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Ich, Nora Imlau, bin Journalistin, Mutter von drei Kindern und schreibe seit knapp zehn Jahren unter anderem für die Zeitschrift »Eltern« darüber, wie Familien die Bedürfnisse der Großen und der Kleinen auf liebevolle Weise unter einen Hut kriegen können. Darüber hinaus begleite ich als Stillberaterin Mütter und Väter, die Fragen zum Stillen, Schlafen und Schreien ihres Babys haben. Um Eltern auf ihrem Weg hin zu einem respektvollen, bindungsorientierten Familienleben zu unterstützen, habe ich außerdem mehrere Bücher geschrieben, darunter »Das Geheimnis zufriedener Babys«. Mehr über mich und meine Arbeit auf meiner Website www.nora-imlau.de.

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Und ich, Herbert Renz-Polster, bin Kinderarzt, und das schon so lange, dass alle meine vier Kinder inzwischen nicht nur alleine schlafen, sondern sogar außer Haus sind. Ich habe lange Zeit in der Wissenschaft gearbeitet und mich insbesondere mit Fragen der Förderung von Kindern befasst sowie mit der Entwicklung der Kinder aus Sicht der evolutionären Verhaltensforschung. Zu diesen Themen habe ich schon mehrere Bücher für Eltern geschrieben, unter anderem »Kinder verstehen« und »Wie Kinder heute wachsen«. Mehr zu mir und meinen Büchern finden Sie auf meiner Webseite www.kinder-verstehen.de.

Wir beide kommen also aus ganz unterschiedlichen Ecken, könnte man sagen. Aber da ist eine Überzeugung, die uns vereint: In der Erziehung geht es nicht um große Ziele oder große Theorien. Das Einzige, was zählt, ist, wie wir miteinander umgehen. Ob wachend oder schlafend.

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Im Vergleich zu den anderen Menschenaffen sind Menschenjunge echte Pfleglinge. Sie können ja zunächst nicht einmal den Kopf heben. Kein Wunder, dass sie nach Nähe suchen. Dadurch bekommen sie den Schutz, den sie brauchen. Sie können so aber auch ihre Bedürfnisse am besten anzeigen!

Die steinzeitliche Schutzfunktion

Jetzt bleibt rund um die Anatomie des kindlichen Schlafes nur noch ein Rätsel, das auf seine Lösung wartet: Warum packen die Kleinen den Leichtschlaf ausgerechnet an den Anfang ihrer Schlafetappen? Warum schalten sie nicht gleich ab? Die Antwort auf diese Frage führt uns wieder zu dem »unsichtbaren Gummiband« aus dem ersten Kapitel (>). Mit dieser auch als Bindung bezeichneten Leine haben die leckeren Kleinen ja während der gesamten Menschheitsgeschichte dafür gesorgt, dass sie nicht als Tierfutter enden. Kleine Kinder, so scheint es, wollen dieses lebensnotwendige Gummiband nicht einmal im Schlaf sofort aus der Hand geben.

Aber warum ist das so? Nehmen wir nur einmal an, Säuglinge fielen nach dem Einschlafen sofort in den Tiefschlaf: Wie könnten sie anzeigen, wenn ihnen etwas fehlt? Etwa, dass ihnen zu warm oder zu kalt ist, dass sie hungrig sind oder dass die vielen Fliegen sie stören? Und wie könnten sie vor allem sicherstellen, dass die wichtigste Bedingung für einen sicheren Schlaf erfüllt ist, nämlich dass sie nicht alleine sind? Die Antwort lautet: Lieber zuerst eine Art Testschlaf einschieben! Lieber zuerst durch einen Traumwald gehen, durch dessen Bäume die echte Welt zumindest noch hier und da durchblitzt. Lieber darauf setzen, dass man nicht einfach in den Schlaf gelegt, sondern in den Schlaf »gehütet« wird!

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Bei wichtigen Entwicklungsschritten ändert sich auch die Schlafarchitektur. Die leichten Anteile des Schlafs nehmen zu, weil sie von entscheidender Bedeutung für die Gehirnentwicklung sind. Es stellen sich kürzere Schlafzyklen mit entsprechend mehr Leichtschlaf ein.

Was ist normal? Fakten zum Kinderschlaf

Warum ist eigentlich das Vorsorgeheft so dick? Anstatt dass dort einfach eine Liste mit den für alle Kinder gültigen Normalwerten abgedruckt ist, finden sich seitenweise komplizierte Kurven: für den Kopfumfang, für die Länge, für das Gewicht und so weiter. Jedes Kind folgt auf diesen Kurven seinem eigenen Pfad. Der eine läuft in der Mitte der Kurve, der zweite weiter oben, ein anderer unten. Solange sich diese Pfade in einem bestimmten Korridor bewegen, entwickeln sich die Kinder allesamt normal – in einer Herde kann nicht jeder vorne laufen. Das gilt auch, wenn der sechs Monate alte Tim am Tag 500 Milliliter Milch trinkt und sein gleichaltriger Freund Max täglich die doppelte Menge verputzt: ganz normal. Und genau so ist das auch mit dem Schlaf.

Nach den Aufzeichnungen von Historikern hat Albert Einstein doppelt so viel Schlaf gebraucht wie Napoleon Bonaparte. Babys sind kaum weniger unterschiedlich: Als Neugeborene schlafen manche Babys 11, andere 20 Stunden pro Tag. Im Mittel liegen sie bei 14,5 Stunden. Mit 6 Monaten schlafen sie durchschnittlich immerhin noch 13 Stunden. Manche kommen allerdings mit 9 Stunden aus, andere brauchen dagegen bis zu 17 Stunden. Im zweiten Lebensjahr liegt der tägliche Schlafbedarf im Schnitt bei 12 Stunden, plus/minus 2 Stunden. Mit 5 Jahren kommen manche Kleinkinder mit 9 Stunden aus, andere brauchen aber noch immer 14 Stunden. Also: So wie manche Kinder mit weniger »Futter« gut wachsen können, so scheinen manche auch den Schlaf besser verwerten zu können! Sowohl die guten als auch die schlechten »Schlafverwerter« sind jedoch völlig normal.

Während der Schlaf beim Neugeborenen gleichmäßig über Tag und Nacht verteilt ist, lässt sich ab zwei bis drei Monaten immerhin schon ein Muster erkennen: Jetzt wickeln die Babys einen immer größeren Teil ihres Schlafs in der Nacht ab. Trotzdem halten die meisten Babys mit fünf bis sechs Monaten immer noch etwa drei Tagesschläfchen, wenige Monate später kommen viele von ihnen dann tagsüber schon mit zwei Schlafportionen aus. Und sobald sie laufen können, begnügen sich viele von ihnen, aber eben längst nicht alle, mit einem einzigen Mittagsschlaf. Und mit vier, spätestens fünf ist auch der bei den allermeisten Kindern Geschichte.

Das zweite Rüstzeug: zusammen schlafen

In den 1990er-Jahren bat der US-amerikanische Schlafforscher James McKenna ganz normale, gesunde Mütter mit ihren ganz normalen, gesunden Säuglingen ins Schlaflabor und zeichnete deren gemeinsamen Schlaf mit einer Infrarotkamera auf. Beim Schnelldurchlauf der Videos musste er staunen: Die Seite an Seite Schlafenden haben gar keinen getrennten Schlaf! Mutter und Baby stimmen sich in ihrem Schlaf vielmehr unbewusst aufeinander ab. Sie hängen sozusagen an gemeinsamen Schnüren. Die bevorzugte Schlafposition ist dabei Gesicht zu Gesicht, im »Kuschelkringel« (siehe die Abbildung auf >). Immer wieder greift die Mutter schützend oder »ordnend« ein, lagert ihr Baby um, auch während sie selbst schläft. Dabei legt sie ihr Baby auf den Rücken oder auf die Seite. Und immer wieder bekommt das Kind Zuwendung: Die Mutter klopft, streichelt, schaukelt und umarmt das Baby, manchmal wird sogar geflüstert. Als der Forscher bei Mutter und Kind nun die Hirnstromkurven im Schlaf ableitete, erkannte er den Grund für das ineinander verflochtene Schlafverhalten: Die Schlafstadien von Mutter und Kind hatten sich aufeinander eingestellt! Schlief die Mutter leicht, so war meist auch das Baby im Leichtschlaf.

Warum diese intuitive Abstimmung so praktisch ist, liegt auf der Hand: Auf diese Weise meldet sich das Kind nur dann zum Stillen, wenn sich auch die Mutter im Leichtschlaf befindet. Dadurch muss die Mutter ihren Schlaf zum Stillen nicht komplett unterbrechen. Schläft das Baby dagegen in seinem eigenen Bett, lässt sich dieses »schlafschonende« Zwiegespräch nicht beobachten. Das Baby klopft jetzt möglicherweise zum unpassendsten aller Zeitpunkte an, nämlich, wenn die Mutter gerade tief im Murmeltierschlaf liegt. Der Schlaf im Nahbreich der Mutter hat für das Baby einen weiteren positiven Effekt: Es verbringt zumindest in den ersten Lebensmonaten mehr Zeit in den leichteren Schlafphasen. Das heißt, es taucht häufiger für kurze Zeit an die Schlafoberfläche auf. Ein Umstand, den es zum Trinken nutzt. Häufigeres Aufwachen und regelmäßige Trinkpausen aber gelten als ideale Maßnahmen, um dem plötzlichen Kindstod vorzubeugen (siehe ab >).

Wie schafft die Natur diese Abstimmung? Zum einen scheint bei stillenden Müttern die intuitive Wahrnehmung deutlich geschärft zu sein. (Sie sorgt auch sonst dafür, dass selbst Schläfer mit großem Bewegungsdrang nie aus dem Bett fallen oder sich in Experimenten über eine ins Bett gelegte Stoffpuppe legen.) Eine Rolle für die gesteigerte Feinfühligkeit der Stillenden dürften übrigens die Hormone Prolaktin und Oxytocin spielen, die beide tief in den Hirnstoffwechsel eingreifen und dafür sorgen, dass die Mutter nach dem Stillen leichter zurück in den Schlaf findet.

Der Schlaf von Babys, die bei ihren stillenden Müttern schlafen, ist also nicht derselbe wie der von Babys, die getrennt von ihren Eltern im eigenen Bett liegen. Ihr Schlaf ist deshalb aber nicht von minderer Qualität. Es stimmt: Sie wachen häufiger auf, dafür tauchen sie aber schnell wieder in den Schlaf zurück. Die Einzelschläfer dagegen wachen seltener auf, aber wenn, dann sind sie richtig wach und machen sich gehörig bemerkbar. Für die Mutter gilt Ähnliches: Schläft sie zusammen mit ihrem Säugling, so ist ihr Schlaf zwar leichter, aber nicht weniger erholsam. Weil sich ihre Schlafphasen auf den Schlaf des Kindes einstellen, wird sie seltener aus dem Tiefschlaf gerissen.

Das dritte Rüstzeug: die Salamitaktik

Eigentlich seltsam, dass Eltern kleiner Kinder über Schlafmangel klagen! Denn die Kleinen sind im Grunde wahre Schlafmützen: Babys schlafen als Neugeborene im Schnitt etwa 14 Stunden am Tag und am Ende des ersten Lebensjahres immer noch 12. Allerdings, und da kann man die Ringe unter den Augen wieder verstehen, schlafen Babys am liebsten häppchenweise. Bei den Neugeborenen dauert ein Häppchen etwa 30 Minuten bis vier Stunden, bei älteren Säuglingen auch schon mal sechs Stunden. Für die schutzlosen und gleichzeitig schnell wachsenden Kleinen hat sich diese Salamitaktik bestens bewährt – auf diese Weise sorgen sie ja nicht nur für Sicherheit, sondern auch für die regelmäßige Zufuhr von Kalorien (das war Thema auf >).

Mit etwa drei Monaten beginnen die Kleinen, ihre Schlafportionen auf die Nacht zu konzentrieren, sie haben gelernt, Tag und Nacht zu unterscheiden. Das Schlafhormon Melatonin in ihrem Blut zeigt ein wunderschönes Tag-Nacht-Wellenmuster.

Die meisten Einjährigen decken zu diesem Zeitpunkt 70 bis 90 Prozent ihres Schlafbedarfs in den Nachtstunden. Und sie fügen die jetzt nachts immer dichter beieinanderliegenden Salamischeibchen immer öfter zusammen. Allerdings brauchen sie dazu noch bis ins zweite und oft auch dritte Lebensjahr hinein immer wieder Hilfe – und zwar von ihren Eltern. Denn wenn Babys und Kleinkinder aufwachen, wird noch immer dieses unsichtbare Gummiband aktiviert, das uns auf > begegnet ist: Sie wollen wissen, dass sie ihre vertrauten Großen in der Nähe haben. (Manchen reicht dafür jetzt schon mal das Geschnarche, Kichern oder Reden nebenan.) Finden sie das Gewünschte nicht vor, hakt es beim Zusammenkleben der Salamischeibchen. Statt wieder entspannt in den Schlaf abtauchen zu können, signalisieren die Kleinen ihre Unentspanntheit: sie weinen.

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Mutter und Baby fühlen sich instinktiv im »Kuschelkringel« besonders wohl – das scheint für den Schlaf so etwas wie eine natürliche Schutzstellung zu sein, die dem Baby zudem optimalen Zugang zur »Milchquelle« verschafft.

Das Durchschlafen der Eltern

Und spätestens jetzt haben die Eltern das Thema »Durchschlafen« an der Backe! Sie wachen auf, sie trösten das Baby – und können danach nur dann wieder in den Schlaf finden, wenn sie selbst entspannen können. Ob das funktioniert, hängt von mehreren Dingen ab: ob sie aus dem Tiefschlaf aufgeweckt wurden oder aus dem Leichtschlaf. Ob sie jetzt viel Aufwand betreiben müssen, wie etwa aufstehen, zum Baby wandern, Fläschchen zubereiten und so weiter. Und ob sie jetzt selbst »Hilfe« beim Wiedereinschlafen erhalten … Und damit sind wir beim Durchschlafprogramm der Natur: Schläft ein Baby bei seiner Mutter, so wird diese in aller Regel auf die sanfte Tour (also nicht aus dem Tiefschlaf) geweckt. Sie muss jetzt nicht aufstehen, sondern legt ihr Kind an. Und erfährt dadurch selbst eine Art »Einschlafhilfe«, schließlich setzt das Stillen, und zwar gerade nachts, in ihrem Körper das schlaffördernde Hormon Prolaktin frei.

Durchschlafen ist ein Gemeinschaftsprojekt

Die Natur hat Durchschlafen also eigentlich als Gemeinschaftswerk geplant – und macht damit einen ziemlich dicken Strich durch die (meist in der noch kinderlosen Zeit entstandene) Idealvorstellung, dass man die Kleinen abends zufrieden in ihr Bettchen legt, wo sie dann morgens munter und fröhlich aufwachen. Unter natürlichen Bedingungen sind solche Kinder Raritäten, Sammlerstücke sozusagen. Die meisten Kinder schlafen bis ins dritte Lebensjahr eben nicht durch, auch wenn manche von ihnen ihre Eltern phasenweise positiv überraschen.

Warum hält sich dann die Vorstellung hierzulande so hartnäckig, dass Babys »eigentlich« durchschlafen sollten? Und warum sehen andere Kulturen das ganz anders?

Tatsächlich antworten auf die Frage: »Wann erwarten Sie, dass ein Kind die Nacht durchschläft?« deutsche Eltern: »Mit etwa vier bis fünf Monaten.« Eltern aus Costa Rica und aus Kamerun meinen dagegen: »Mit etwa dreieinhalb Jahren.«

Dass die deutschen Eltern an einen solchen Frühstart glauben, liegt auch daran, dass das frühe Durchschlafen hierzulande als Ausweis erfolgreicher Erziehung gilt. Dazu kommt, dass Eltern, wie alle Menschen, mit ihren Triumphen freigiebiger umgehen als mit ihren Niederlagen. »Mein Tim schläft jetzt durch«, heißt es dann in der Krabbelgruppe. Wenn Tim seine Eltern in der nächsten Nacht dann alle zwei Stunden geweckt hat, unterbleibt das »Übrigens, mein Tim …« allerdings zumeist.

Würde sich das Laufenlernen in einer ähnlich uneinsehbaren Dunkelheit abspielen wie das »Schlafenlernen«, dächten viele Eltern wahrscheinlich, dass alle anderen Babys schon mit drei Monaten laufen können – außer eben, wie bedauerlich, ihrem eigenem! Ja, sie würden sich vielleicht dafür schämen, dass ihr Paul erst mit 13 Monaten seine ersten Schrittchen macht, so wie heute viele Eltern verschämt verschweigen, dass ihr Paul sie auch mit fast zwei Jahren noch jede Nacht mindestens einmal weckt. Dabei ist genau das normal.

Wünschenswert ist nicht immer normal

Fest steht, dass »normal« oft mit »wünschenswert« verwechselt wird. So stützen die Autoren des Schlafratgebers »Jedes Kind kann schlafen lernen« ihre Aussage, mit spätestens sechs Monaten sei eine etwa zehnstündige Nachtruhe (ohne Mahlzeiten) normal«, nicht etwa auf statistische Untersuchungen oder andere wissenschaftliche Erkenntnisse. Vielmehr untermauern sie damit ihre Behauptung, dass sich eine solche verlockend lange Nachtruhe erzielen lässt, wenn man die Kinder einem entsprechenden Schlaftraining unterzieht. Es handelt sich bei dieser Aussage also im Grunde lediglich um ein Werbeversprechen (in den älteren Auflagen war sogar von elf Stunden die Rede, die Kleinen haben sozusagen Nachlass erhalten). Leider bleibt bei den Eltern aber oft eine ganz andere Botschaft hängen: »Was mache ich nur falsch, dass mein Kind es einfach nicht schafft, nachts durchzuschlafen?«

Durchschlafen — die Fakten

Das vierte Rüstzeug: der Biorhythmus

Zwischen vier und sechs Monaten hat sich bei den meisten Kindern ein individueller Rhythmus eingependelt: Die einen (die Lerchen) wachen früh, die anderen (die Eulen) spät aus dem letzten Nachtschlaf auf (die Vorliebe für den einen oder den anderen der Vögel ist wie die Schlafdauer zum Teil ein Familienerbe). Und ihre Tagesschläfchen legen sie jetzt in etwa auf die gleichen Tagesstunden. Aber trotz dieser Regelmäßigkeit bleiben sie bis in die Kleinkindzeit hinein flexibel: Wenn sich günstige Gelegenheiten ergeben, können sie ihren Rhythmus stauchen oder dehnen. Stehen die Sterne auf Entspannung – wird ein Baby etwa ins Tragetuch gepackt oder vom Auto auf der Fahrt geschaukelt –, kann es auch schon vor der nächsten »Schlafzeit« einfach abtauchen. Passiert dagegen Spannendes, bleibt es länger wach.

Diese Flexibilität passt gut zu den Entwicklungsaufgaben der Kinder. Ja, Babys müssen schlafen – aber sie müssen sich auch mit der Welt auseinandersetzen und dabei lernen. Mit ihrem »opportunistischen« Schlafverhalten, also der Fähigkeit, sich je nach den äußeren Bedingungen in den Schlaf einzufädeln, können sie sowohl Lerngelegenheiten als auch Schlafgelegenheiten optimal nutzen. Zumindest die Säuglinge sind also sozusagen »unrhythmisch rhythmisch«!

Und genau deshalb braucht es zum Schlafen auch Mitbestimmung. Kinder werden in Wellen müde, das Tor zum Einschlafen steht also nicht die ganze Zeit offen. Vielmehr öffnet sich das Tor in recht ähnlichen, oft schon an die späteren Schlafphasen angelehnten Abständen von etwa 50 Minuten. Verpasst das Kind die Welle, so ist es nach wenigen Minuten schon wieder munter. Kann das Kind dagegen selbst bestimmen, wann es auf den Schlafzug aufspringen will, sucht es sich in seiner »Tiefphase« vielleicht die Brust oder die Nähe einer vertrauten Person und schlüpft durch das Schlaftor.

Leider ist gerade diese Zutat zum Schlaf, die Selbstbestimmung, bei den Kleinen unter Druck geraten. Ihr Tag ist immer öfter durchgetaktet, beginnt früh und zu einer festgelegten Zeit. Abends ist dann eine baldige Schlafenszeit angesagt, weil Ausschlafen am nächsten Tag nicht drin ist, Müdigkeitsgefühle hin oder her. Nicht wenige Kinder schlafen im Grunde nicht mit ihrem individuellen Biorhythmus, sondern gegen ihn!

IMG Wie viel Rhythmus, wie viel Regelmäßigkeit?

Die Hoffnung lautet so: Wenn wir die Kleinen schon früh an regelmäßige Zeiten gewöhnen, finden sie den Weg in den Schlaf leichter. Entsprechend wird empfohlen, sie immer zu den gleichen Zeiten ins Bett zu legen – das gebe ihnen Sicherheit und einen vorhersehbaren Rahmen. Auch die Eltern könnten ihren Abend auf diese Weise besser planen, win-win! Wir geben aber zu bedenken:

Aufwecken — des besseren Nachtschlafs wegen?

Nach der Devise »Wer müde genug ist, kann auch schlafen« wird manchmal empfohlen, die Kinder abends durch Spielangebote aufzumöbeln, damit sie ihren Schlafbedarf eher in den Nachtstunden stillen. Oder sie gar aus dem Mittags- oder Nachmittagsschlaf aufzuwecken. Viele Eltern müssen aber feststellen, dass der Schlaf der Kleinen gar nicht so leicht zu manipulieren ist, ja, dass der Schuss auch nach hinten losgehen kann.

Zum einen werden Babys und kleine Kinder nicht einfach immer müder, je länger sie wach sind. Vielmehr führt Schlafmangel gerade bei den etwas aktiveren Babys leicht (und oft urplötzlich) zu Stress – und der Stress wiederum erschwert das Einschlafen. Zum anderen besteht die Gefahr, dass die Kleinen ihren »inneren Absacker« im wahrsten Sinn des Wortes überspielen und damit das Tor zum Schlaf erst finden, wenn es sich geschlossen hat.

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Babys haben ihren Rhythmus immer im Alltag ihrer Mütter gefunden. Das ist auch heute möglich – solange die Mutter ihr Kind bei sich haben und flexibel sein kann. Hier die italienische EU-Abgeordnete Licia Ronzulli mit Baby Vittoria.

Das fünfte Rüstzeug: die Persönlichkeit

Dieses Rüstzeug darf nicht fehlen. Und doch: Kein Experte hat es je gesehen, auch kein Wissenschaftler. Es sieht nämlich bei jedem Kind anders aus – und welcher Experte oder Wissenschaftler hat denn in letzter Zeit bei Ihnen angeklopft, um genau Ihr Kind kennenzulernen? Eindeutig, dieses Mitbringsel kennen nur Sie! Die einzigartige Persönlichkeit Ihres Kindes macht auch seinen Schlaf individuell. Auch in der gleichen Familie. Ja, vielleicht kam Ihr erstes Kind schon durch ein Schlaflied zur Ruhe und bei Ihrem zweiten wirkt nichts als die Brust. Und noch mal die Brust. Dieses Mitbringsel hat damit zu tun, wer Ihr Kind ist. Wie es auf Stress reagiert, wie es mit seinen Emotionen umgeht, wie es Beziehungen erlebt. Der Schlaf ist ein Seismograph des kindlichen Wesens. Und was sich alles darin spiegelt!

Die einen brauchen viel Struktur und Klarheit, sie würden ihr Kind am liebsten nach einer Tabelle behandeln, die anderen sind Lebenskünstler und der nächste Tag kommt sowieso. Und jeder von ihnen steckt mittendrin im Rollenwechsel seines Lebens, mitten im Übergang von Mensch zu Familienmensch, jeder ist wieder in der Entwicklungsabteilung gelandet, genauso wie das Baby, jeder auf der Rüttelstrecke! Und was es alles zu meistern gibt bei diesem Umzug in ein neues Ich! Ach was, in ein neues WIR, denn auch die Paarbeziehung muss neu erfunden werden …

IMG »Schlafen ist Glückssache«

Lukas hat vom ersten Tag an immer in seinem eigenen Bett geschlafen. Das ging ganz easy: Ich hab ihn gestillt und dann einfach hingelegt, und er machte die Augen zu und war weg. Hat er doch mal kurz geweint, konnte ich ihn so beruhigen, wie ich gelesen hatte, dass es am besten ist: Nicht hochnehmen, nur durch die Gitterstäbe ein bisschen streicheln. Ich fand mich total gut: Liebevoll und konsequent von Anfang an, hatte ich den Grundstein dafür gelegt, dass mein Sohn ein guter Schläfer werden würde. Und tatsächlich: Mit sieben Wochen fing er an, nachts sieben Stunden am Stück durchzuschlafen. Und als er ein halbes Jahr alt wurde, waren es zwölf. Verlässlich, jede Nacht, auch wenn er zahnte.