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Alfred Bekker, Horst Bieber

Gekillt! Ein Krimi Trio

Drei Romane in einem Buch





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Gekillt! Ein Krimi Trio

von Alfred Bekker, Horst Bieber & A. F. Morland

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 335 Taschenbuchseiten.

 

Krimis der Sonderklasse - hart, actionreich und überraschend in der Auflösung. Ermittler auf den Spuren skrupelloser Verbrecher. Spannende Romane in einem Buch: Ideal als Urlaubslektüre.

Mal provinziell, mal urban. Mal lokal-deutsch, mal amerikanisch. Und immer anders, als man zuerst denkt.

 

Dieses Buch enthält folgende drei Krimis:

Horst Bieber: Zuviel Gier schadet dir

A. F. Morland: Sie nannten ihn Natter

Alfred Bekker: Stadt der Schweinehunde

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Authors

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de



Zuviel Gier schadet dir

(Die Kommissarin wusste es genau...)

Kriminalroman von HORST BIEBER


Nick Ardey ist ein tüchtiger junger Mann, erfolgreich in seinem Beruf und wohl gelitten bei den Damen, denen er, wenn sie hübsch sind, unverdrossen nachstellt. Er hat nur einen kleinen Fehler: Er ist zuallererst verliebt ins Geld. Als dann eine neue Chefsekretärin Lore in seine Firma kommt, ist Nick mächtig beeindruckt und geht auf Eroberungsfeldzug. Der gelingt auch.
Nick und Lore heiraten und er wittert bald eine neue Chance, sich wirklich viel Geld zu verschaffen. Dass dafür einige Menschen sterben müssen, beschwert ihn nicht sehr. Er kann den Hals nicht voll genug bekommen. Drei Kriminalbeamtinnen und ein Polizist aus Mallorca versuchen seine so ehrgeizigen wie skrupellosen Pläne zu durchkreuzen.


Personen:

Malte Larsson: Multimillionär, hälftiger Eigentümer der Firma Rubidia, Anlagen- und Beteiligungsgesellschaft mbH

Gesine Larsson, geborene Ilsenberg: Maltes Ehefrau, hälftige Miteigentümerin der Firma Rubidia, Anlagen - und Beteiligungsgesllschaft mbH

Daphne Corridis: Ein hübsches, aber armes Mädchen

Dr. Christian Bülow: Maltes Anwalt

Gerulf Cortmann: Faulpelz und Daphnes Ehemann

Lore Cortmann: Tochter von Gerulf und Daphne

Nikolaus (Nick) Ardey: Assistent von Malte Larsson

(Friede)Rike Hiller: Angestellte in der Rubidia

Roswitha Künzel: Eine Nachbarin Rikes, wohnt in Steingraben

Alma Wünsche: Maltes Schwiegermutter, hatte nach dem Tod ihres ersten vermögenden Mannes Ludwig Ilsenberg wieder reich geheiratet

(Mar)Lene Schelm: KHK

Hans Widder: KOK

Helga Löwe: KK

Jutta Ellermann: KK-Anwärterin

Justus Held: Staatsanwalt

Artur Montillo: Kriminalbeamter aus La Palma/Mallorca


Alle Namen und Taten, Personen und Ereignisse, Geschäfte und Organisationen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.



Erstes Kapitel

Er hatte seinen Vater noch nie so wütend und so laut erlebt: „Bist du verrückt geworden, von allen guten Geistern verlassen. Das kommt überhaupt nicht in Frage, schlag' dir das aus dem Kopf. Meinst du, ich habe mein Leben lang geschuftet, damit so ein kleines Girl daherkommt, sich hinlegt, die Beine breit macht und dafür ihr Leben lang kassiert?”

„Wie kannst du so etwas von ihr sagen. Du kennst sie doch gar nicht.”

„Ich will sie auch gar nicht kennenlernen. Je weniger ich von ihr weiß, sehe und höre, desto besser für uns alle. Bist du überhaupt sicher, dass das Kind von dir ist?”

Der Sohn zitterte, bleich vor Wut und Demütigung. „Natürlich bin ich sicher, sie liebt mich. Da gibt es keinen anderen. Und deswegen kann ich sie nicht im Stich lassen.” Er schnaufte und ballte die Fäuste, was er sich in Gegenwart seines Vaters noch nie getraut hatte. Dem war die Geste nicht entgangen.

„Okay, okay. Aber eine Heirat kommt nicht in Frage. Wenn sie Geld braucht, um das Kind wegzumachen, können wir darüber reden. Was sagen denn ihre Eltern zu der ganzen Geschichte?”

„Die Eltern sind tot. Sie lebt hier bei einem Onkel. Und wenn das mit der Schwangerschaft herauskommt, muss sie die Schule kurz vor dem Abi verlassen, die da auf ihrem Gymnasium sind so. Was soll sie dann machen?”

„Das weiß ich doch nicht. Aber heiraten is' nich', mein Sohn. Und Vorsicht! - wenn deine Mutter was von der Sache erfährt, helfe ich dir überhaupt nicht. Basta!” Von seiner Seite war die Unterredung damit beendet.

Der Sohn hatte allen Mut zusammenraffen müssen, um seinem Vater zu gestehen, dass er seine gerade 19 Jahre alte Freundin ungeplant geschwängert hatte. Mit seiner Mutter konnte er über solche Dinge gar nicht reden. „Okay”, sagte der Sohn und riss sich zusammen. „Was soll ich also deiner Meinung nach tun?”

„Rede mit deiner Freundin und frage sie, welche Summe sie sich vorstellt, um die Geschichte aus der Welt zu schaffen.”

„Dein letztes Wort?”

„Das allerletzte!”


Die Freundin Daphne brach nicht in Tränen aus, wie er befürchtet hatte, sondern drohte eher vor Wut zu platzen: „Eine Abtreibung kommt nicht in Frage, merk' dir das, du Weichei. Ganz gleich, ob das Kind aus Liebe, aus Unachtsamkeit oder durch eine Vergewaltigung entstanden ist.”

„Was willst du dann tun?”

„Ich brauche Geld für mich, für die Geburt und das Baby, bis ich einen Job gefunden habe.” Einen Moment rechnete sie stumm: „Sechzig- tausend Euro.”

„Wo willst du denn mit einem Baby, ohne Ausbildung, einen Job finden?” Denn dass sie, wenn die Schwangerschaft sichtbar wurde, das Gymnasium verlassen musste, wussten sie beide.

„Ich hab' eine große Familie, die zusammenhält und hilft, anders als bei dir. Da werde ich schon irgendwo unterkommen.”

„Soll ich dabei nicht helfen?”

Soviel Verachtung war ihm noch nie entgegengeschlagen: „Lieber nicht. Hau' mal ab, ich muss sofort telefonieren. Ich melde mich wieder, hoffentlich geht wenigstens das mit dem Geld glatt. So einer wie du regelt doch alles mit Geld. Das lernt man doch in deinen Kreisen von seinen Eltern.”


Sie kannte Ulf, den Speer, aus der Nachbarschaft und wusste, dass Gerulf - wie er richtig hieß -, scharf auf sie war. Aber sie hatte den handwerklich geschickten, doch arbeitsscheuen, verlotterten Herumtreiber nie leiden mögen, und er wollte anfangs auch nicht glauben, was sie ihm vorschlug. „Heiraten? Bist du verrückt?”

„Nur für die Papiere. Hinterher trennen wir uns sofort und du kannst tun und lassen, was du willst ... Nein, du musst nicht für mich oder das Kind sorgen. Wenn du unbedingt willst, gebe ich dir das gerne schriftlich.”

„Das hat aber seinen Preis.”

„Welchen? Wie viel willst du?”

„Komm darauf an. Erst mal runter mit den Klamotten. Und zehn Riesen müssen für mich schon rausspringen.”

Sie lag bewegungslos unter ihm. Er stank nach Schweiß und sein Mundgeruch konnte einen Elefanten betäuben. Während er sich abmühte, zum Erguss zu kommen, blieb sie stumm und fühlte sich, als sei sie an dieser Vergewaltigung gar nicht beteiligt, schwor sich aber, dass dafür einer würde bezahlen müssen. Als er endlich fertig war und sich von ihr herunterrollte, fragte er dümmlich: „Na, wie war's?”

„Scheußlich. Du bist nicht nur ein ungewaschenes Ekel, sondern auch als Mann und Liebhaber ein totaler Versager.”

„Das wird sich ja noch zeigen.”

„Gib dir keine Mühe, ich bin schon schwanger, von einem, der in jeder Beziehung besser ist als du.”

„Von wem?”

„Das geht dich nichts an. So, ich muss jetzt gehen. Zehn Riesen?”

„Ja. Und einen Brief, dass ich für dich nicht sorgen muss.”

„Und nach dem Standesamt trennen wir uns sofort für immer?”

„Meinetwegen.”

„Und du stellst keine Ansprüche an mich, was immer passiert?”

„Nein, wenn du willst, machen wir das auch schriftlich.” Ein grandioses und großherziges Angebot, sie wusste, dass er kaum schreiben konnte.

„Mehr als zehn Riesen gibt es nicht, verstanden?”

„Okay, okay.” Er hatte allen Grund, rasch und unauffällig aus Behlenbrück zu verschwinden, aber das musste sie nicht wissen.


Sie rief den Vater ihres Kindes an: „Also! Sechzig Riesen, und wir sehen uns nie wieder. Keine Heirat, kein Skandal, keine Alimente. Einverstanden?”

„Ich muss noch mit meinem Vater reden.”

„Mach das! In zwei Tagen rufe ich wieder an. Ach, noch was, ich brauche das Geld in bar.”


Sein Vater schaute ihn fest an: „Was habe ich gesagt? Sechzigtausend für eine Abtreibung. Die Kleine hatte es von Anfang an nur auf dein Geld abgesehen.”

„Möglich”, sagte der Sohn kurz und kämpfte stumm gegen den Schmerz in seiner Brust an. „Sie will es in bar und verzichtet auf alle weiteren Ansprüche.”

„Na, immerhin etwas. Kopf hoch, das kriegen wir hin. Und wenn dich wieder mal deine Hormone quälen, halte dich an Gesine. Die ist unsterblich in dich verknallt. Wenn du sie schwängern würdest, wäre das mir und deiner Mutter nur recht, eine sehr große Freude sogar. Ihre Mutter ist mit einer Heirat einverstanden.” Gesines Vater war schon lange tot, die Mutter hatte ein zweites Mal geheiratet und dabei darauf geachtet, dass dabei wieder Geld zu Geld kam. Gesine würde als Mitgift dringend benötigtes Kapital in die Rubidia einbringen.

„Abwarten, Vater.”


Er übergab die sechzig Riesen seiner schwangeren Freundin Daphne und sah sie danach nicht wieder. Die Freundin heiratete in aller Stille den Nachbarssohn Gerulf und brachte drei Monate später ein gesundes Mädchen zur Welt. Unmittelbar nach dem Eintrag der ehelichen Tochter Lore ins Geburtsregister tauschten sie ihre gegenseitigen Verzichtserklärungen aus und fuhren zum Flughafen, er hatte einen sehr preiswerten Last-Minute-Flug nach Mallorca ergattert, und war nicht traurig, dass er mit zehntausend Euro in der Tasche Kind und Frau zurücklassen und hoffentlich auch den Staatsanwalt hinter sich lassen konnte. Sie veränderte ihren Vornamen Daphne in Dorine und verließ wenig später Onkel und Tante, die von der Heirat nichts mitbekommen hatten, ihr aber heftige Vorwürfe wegen der Schwangerschaft gemacht hatten, und zog an den Bodensee, wo ein anderer Bruder ihrer verstorbenen Mutter ein gut gehendes Restaurant betrieb und ihr einen Job anbot, mit dem sie ihr Kind großziehen konnte.

Der Erzeuger des Kindes hatte seine Daphne schnell vergessen und heiratete drei Jahre später die von seinen Eltern ausgesuchte millionenschwere und hübsche Erbin Gesine.



Zweites Kapitel

Larsson traf ihn auf dem Flur und hielt ihn an: „Morgen, Nick.”

„Morgen, Chef.”

Seit einigen Monaten duzten sich Malte Larsson, Geschäftsführer und Fünfzig-Prozent-Eigentümer der Rubidia Anlagen- und Beteiligungs-GmbH und der etwa dreißig Jahre jüngere Nicolaus Ardey, Assistent der Geschäftsleitung, den alle Welt nur Nick nannte.

„Kannst du mal mitkommen? Ich möchte dir jemanden vorstellen.”

„Wichtig?”

„Denke schon. Ich hab' mich für eine Nachfolgerin der armen Anneliese entschieden.”

Anneliese Hoffmeister, die schon Maltes Vater als Sekretärin und Vorzimmerfee gedient hatte und nach dem Tod des Seniors die gleiche Funktion für den Junior ausübte, war vor zwei Jahren erkrankt. Es hatte Monate gedauert, bis man festgestellt hatte, woran sie litt und danach mussten die Ärzte ihr beibringen, dass es für diese Autoimmunerkrankung keine Therapie gab. Sie hatte so lange wie möglich durchgehalten und dann um eine vorzeitige Verrentung gebeten. Es gehörte zur Unternehmens-Philosophie der Rubidia, Treue mit Treue zu vergelten und deshalb lebte Anneliese Hoffmeister jetzt in einem erstklassigen Seniorenheim, wo sie hervorragend untergebracht war und rund um die Uhr betreut wurde. Malte Larsson besuchte sie oft, auch seine Frau ließ sich häufig in dem Heim blicken, das etwa eine Dreiviertel-Autostunde von der Stadtgrenze Behlenbrück entfernt lag.

„Wie heißt sie denn?”

„Lore Cortmann. Hier in Behlenbrück geboren, aber in Konstanz aufgewachsen.”

„Und wie alt?”

„Warum fragst du?”

„Kann sie eine zweite Anneliese Hoffmeister werden?”

„Schon möglich. Neunundzwanzig.”


Sie sah jünger aus. Eine große, schlanke, schwarzhaarige Schönheit, die Nick Ardey auf den ersten Blick bezauberte. Zurückhaltend, aber nicht schüchtern, energisch und höflich, sie wusste, was sie wollte und sie wusste auch, was sie konnte und für die Firma wert war. Ardey hatte ihre Bewerbungsunterlagen gelesen, sie besaß Berufserfahrung, hatte mehrere Jahre im Ausland gearbeitet und schien jenes Maß an Sturheit und Eigenwilligkeit zu besitzen, das man bei einem so hippeligen und ruhelosen Chef wie Malte Larsson besitzen musste, um nicht unter die Räder zu geraten. Wenn die schnell eifersüchtige Ehefrau Gesine, die auch eine Hälfte der Rubidia besaß, mit der Schönen im Vorzimmer ihres Mannes einverstanden war, hatten sie wohl die Richtige ausgewählt.

„Auf gute Zusammenarbeit”, wünschte er.

„Danke.”

„Dann kommen Sie mal mit. Ich stelle Sie in den Abteilungen vor.”

„Wie viel Angestellte arbeiten denn hier.”

„Achtzehn Männlein und Weiblein. Klatsch und Tratsch und Intrigen

halten sich in Grenzen. Ich sollte Ihnen aber nicht verheimlichen, dass sich eine Mitarbeiterin aus der Abteilung Lizenzen und Patente große Hoffnungen auf den Job gemacht hat, den Sie jetzt besetzen werden.”

„Und warum hat sie ihn nicht bekommen?”

„Das müssen Sie bitte selbst herausfinden”, sagte er zwar freundlich, aber entschieden.

Lore Cortmann überstand diese milde Form des Spießrutenlaufens mit Bravour, unterhielt sich sogar entspannt und heiter mit Friedrike Hiller, der sie den begehrten Posten weggeschnappt hatte, und ging mit Nick noch in die Kantine - so hieß das kleine Lokal im Nebenhaus, das mit seinem Namen bewusst tief stapelte und hauptsächlich von Angestellten der Büros links und rechts frequentiert wurde ... Am Nachmittag wollte sie den Mietvertrag für eine Wohnung am Hofgarten unterschreiben und sich um ihren Umzug kümmern. Nach Konstanz würde sie erst am nächsten Tag fahren. Ardey lud sie zum Abendessen ein, was sie dankbar annahm. Er wusste inzwischen auch, was sie verdiente, und war beeindruckt. Sie musste sehr zäh und sehr geschickt verhandelt haben, um auf diese Summe zu kommen. Während des Essens bemühte er sich herauszufinden, ob und in welcher Form ein Mann in ihrem Leben existierte. Laut Bewerbungsunterlagen war sie ledig. Aber sie ließ sich nicht aushorchen und ging auch auf seine dezenten Flirtversuche nicht ein, bekam ihn aber dazu, aus seinem Leben zu berichten.


Malte Larsson hatte eine gute Wahl getroffen. Lore Cortmann wurde in wenigen Wochen eine unentbehrliche Mitarbeiterin, von der kleinen Mannschaft als Nachfolgerin der heimlichen Chefin Anneliese Hoffmeister uneingeschränkt akzeptiert. Larsson verließ sich bald blind auf sie und sie kam oft zu Ardey, wenn sie was über das Geschäft wissen wollte. Sie hatte, wie Nick das nannte, Geschäftsinstinkt und witterte regelrecht, ob man ihnen einen reellen deal anbot oder wurmstichige Äpfel andrehen wollte. Sie verstand sich gut mit Ehefrau Gesine, die den Assistenten Nick weniger schätzte als ihr Mann, und hätte sich sogar mit ihr angefreundet, wenn nicht Ehemann und Chef Lars diskret interveniert hätte - er wollte nicht pausenlos unter weiblicher Kontrolle stehen. Die Frauen lachten und verständigten sich hinter seinem Rücken.

„Wo haben Sie das Feilschen gelernt?” fragte Ardey sie einmal erstaunt.

„Auf dem Großmarkt”, gab sie freundlich zurück.

„Sie haben auf dem Großmarkt gearbeitet?”

„Nein. Aber in dem Restaurant eines Onkels am Bodensee, und mit ihm bin ich oft frühmorgens auf den Großmarkt gefahren, um für das Restaurant einzukaufen. Das ist auch eine Form von Basar, auf dem man leicht untergebuttert werden kann. Denn der Satz, dass man die dicksten Kartoffeln bei den dümmsten Bauern bekommt, stimmt leider nicht.”

Nick kratzte sich den Kopf: „Lore, Sie verblüffen mich jeden Tag auf's Neue.”

„Wie schön für mich.”

„Auf in die Kantine?”

„Heute Mittag nicht. Ich bin heute Abend zum Essen eingeladen. Und in meinem Bad lauert unerbittlich die Personenwaage mit dem anklagenden Display.”

„Und welcher Glückliche genießt heute Abend Ihre Gesellschaft?”

Sie schaute ihn lange stumm an. Dass er sich für sie auch privat interessierte, war ihr nicht entgangen, aber so offen hatte er das noch nie angedeutet.

„Kein Glücklicher, sondern eine Bekannte”, erwiderte sie endlich. „Roswitha und ich haben uns - halten Sie sich fest - bei einem Vortrag über die Fische und die Seevögel im und am Bodensee kennengelernt. Und so ein Lokal gefunden, das frische Felchen serviert.”

„Hm. Dann wünsche ich Ihnen und Ihrer Freundin guten Appetit.”

„Danke.”


In der Kantine setzte sich Friederike Hiller zu ihm an den Tisch.

„Du bist mir untreu geworden”, behauptete sie anklagend. „Ist die Neue so faszinierend?”

Er hatte mit Rike mal ein kurzes Techtelmechtel gehabt und friedlich beendet, aus dem sie heute das Recht auf eine ziemlich hemmungslose Neugier ableitete.

„Faszinierend?” fragte er zurück. „Nein, das nicht. Aber sie ist nett und tüchtig, und sie gefällt mir, ich arbeite gerne mit ihr zusammen, wenn du das meinst.”

„Mehr nicht?”

„Nein”, sagte er ehrlich und hielt auch ihrem ungläubig forschenden Blick stand.

„Na, das kommt dann bestimmt noch”, meinte sie schließlich und vertiefte sich in die Karte mit den Tagesgerichten.

Die Bemerkung verstimmt ihn, obwohl er wusste, warum sie das gesagt hatte. Zum Ende ihrer Beziehung hatte auch eine neu eingestellte Mitarbeiterin beigetragen, deren Ehrgeiz weiter reichte als der Job am Empfang und an der Telefonanlage. Ihr suchender Blick fiel auf den ledigen und einflussreichen Nikolaus Ardey, der ihren unzweideutigen Angeboten nicht lange widerstand, aber sehr bald merkte, was sie wirklich von ihm erwartete. Zu der Zeit musste Anneliese Hoffmeister in die Klinik, und Friderike Hiller suchte einen Helfer bei ihrer Bewerbung um das Vorzimmer des Chefs. Er hatte abgelehnt, was sie ihm verargte. „Was soll ich nehmen, Nick? Eigentlich habe ich heute gar keinen Hunger.”

Bei ihrer Frage kam ihm eine Idee. „Sag mal, du kennst dich in der Stadt doch besser aus als ich. Wenn du guten und frischen Fisch essen willst - wohin würdest du gehen?”

„Fisch? ...” Sie schüttelte sich, was er ausgesprochen albern fand. „Wenn es denn sein müsste, in den Deichgang - Das Lokal heißt Netz & Angel. Aber vorbestellen, sonst kriegst du keinen Platz.”


Also wartete Nick bei Dunkelheit im Auto, für das er nur mit Mühe einen Parkplatz in der schmalen Straße am Fluss-Deichgefunden hatte, und beobachtete den Eingang zum Fischrestaurant Netz & Angel. Wenn sie geöffnet wurde, wehte immer eine Geruchs-Wolke bis zu ihm. Und sie wurde oft geöffnet und geschlossen, das Restaurant brummte; die meisten Gäste kamen mit dem Taxi. Dass er eine Parkmöglichkeit gefunden hatte, war das reinste Wunder. Gegen 22 Uhr kamen dann endlich die beiden erwarteten Frauen heraus. Sie verabschiedeten sich zügig, Lore stieg in das wartende Taxi, die andere, eine zierliche Blondine, die noch wie eine Schülerin aussah, schaute sich suchend um und lief dann einem Mann entgegen, der auf sie zukam. Sie fielen sich in die Arme und küssten sich heiß und ausgiebig. Dann stiegen sie in einen kleinen Wagen, der so gelb und annähernd so groß war wie eine Zitrone auf Rädern. Der gelbe Wagen hatte hinter Nick Ardey geparkt und rollte nun an ihm vorbei. Warum er ihm folgte, wusste Nick selbst nicht so genau - vielleicht wegen der kleinen Blondinen, die Eindruck auf ihn gemacht hatte. Größe und Farbe des Autos waren so auffällig, dass es keine Mühe machte, dem Winzling bis nach Steingraben zu folgen, wo die Blondine vor einem dreistöckigen Mietshaus ausstieg. Nick ließ die Zitrone fortfahren, notierte sich Straßennamen und Hausnummer und stellte sich dann so ab, dass man sein Kennzeichen nicht ohne weiteres lesen konnte. Das Klingelbrett schaute er sich ratlos an. Neun Parteien, aber als er auf die Straße zurücktrat, ging im zweiten Stock eine Zimmerlampe an und ein Fenster wurde geöffnet. Wenn die Klingelknöpfe und -Schildchen nach Stockwerken geordnet waren, hieß die Blondine A. Beer, H. Lohne oder R. Künzel. Im Auto notierte er die Namen und fuhr dann nach Hause. Nachts träumte er davon, in einem bis auf den letzten Platz belegten Restaurant einen Karpfen im Stehen essen zu müssen, immerhin konnte er die Gräten auf den Boden spucken.


Lore staunte, als er sich am nächsten Vormittag erkundigte, wie denn die Felchen geschmeckt hätten: „Das haben Sie behalten?”

„Ich habe sogar Ihretwegen gegoogelt und mich schlau gemacht, was Felchen eigentlich sind.”

„Man kann nicht alles wissen”, tröstete sie etwas spöttisch. „Aber danke der Nachfrage - sie waren hervorragend - das fand sogar Roswitha, die noch nie welche gegessen hatte.”

„Wer ist Roswitha?”

„Die Freundin, mit der ich im Netz & Angel war.”


In seinem Zimmer konsultierte er seinen Notizblock. Es gab im zweiten Stock nur einen Vornamen, der mit R. begann, Roswitha Künzel. Warum machte er sich die Mühe, den Namen dieser Frau herauszufinden, die er nur kurz in dem aus dem Restaurant herausfallenden Licht gesehen hatte? Was an ihr hatte ihn so an ihr beeindruckt? Was sollte das, wenn sie sich bereits in festen Händen befand. Und das war ja wohl der Fall, nach der Intensität des Kusses mit dem Zitronen-Fahrer zu schließen. Nick verstand sich selbst nicht mehr. Ihr Netzanschluss war im Telefonbuch verzeichnet: „Hier ist der Anschluss von Roswitha Künzel. Wenn Sie nach dem Piepton Namen und Nummer angeben, rufe ich zurück.” Nick legte auf und ärgerte sich, dass er sich das Kennzeichen der vierrädrigen Zitrone nicht aufgeschrieben hatte. Dann lachte er über sich selbst, holte sich einen Kaffee und verdrängte Madame Roswitha, ihren Freund und dessen zitronengelbes Auto aus seinem Kopf und widmete sich wieder der Post, die er noch nicht erledigt hatte.


Dass Nick Ardey extrem neugierig war, wussten alle Mitarbeiter der

Rubidia. Wichtige oder vertrauliche Sachen durfte man nicht offen auf dem Schreibtisch liegen lassen und dann aus dem Zimmer gehen. Nick las ungeniert alles, was ihm unter die Augen kam, und Mitarbeiterinnen, die ihm nicht gut gesonnen waren - und davon hatte sich der Schürzenjäger Nick mehr als genug in der Firma geschaffen - behaupteten sogar, er schaue in unverschlossenen Schubladen nach und was er so erfuhr, verbreitete er, wenn es ihm nützte, eifrig im Büro. „Man” hatte Lore vor dieser Seite des ansonsten charmanten Nick unverzüglich gewarnt, und sie hatte es nicht vergessen. Aber seine Versuche, sie auszuhorchen, startete er zu plump und zu durchsichtig, bis jetzt hatte sie ihn immer auflaufen lassen, was ihn, wie sie bald merkte, nur noch mehr reizte. Sein Balzen fiel bald so auf, dass Malte Larsson sich erkundigte: „Willst du mir Lore abwerben?”

„Nein. Nein, bestimmt nicht!”

„Aber ins Bett würdest du sie schon gerne mitnehmen?”

Nick bemühte sich vergeblich, beschämt dreinzuschauen. „Das ja.”

„Na, dann viel Glück.”

Was ja wohl hieß, Malte Larsson würde ihm einen Versuch nicht übelnehmen. Nick wusste, dass Untreue eine Art Tabu in der Ehe seines Chefs war. Zwischen Lars und Gesine Larsson, geborene Ilsenberg, gab es, so weit der Assistent wusste, überhaupt nur ein heikles Thema. Die Ehe war bis zur Silberhochzeit kinderlos geblieben, und Lars traute sich nicht, das Thema „Nachfolge” anzusprechen, obwohl es ihn sehr beschäftigte und gelegentlich schon bedrückte.

Seine gar nicht so seltenen Seitensprünge hielt Malte erfolgreich geheim und auch Gesine achtete peinlich auf ihren guten Ruf. Anneliese Hoffmeister, der auch solche privaten Eskapaden nicht entgingen, schwieg wie ein Fisch und wehrte alle Versuche des Ehepaares ab, sie zur vertrauenswürdigen Mitwisserin ihres außerehelichen Liebeslebens zu machen. Ihre Loyalität galt der Rubidia, nicht unbedingt dem Ehepaar Larsson. Nick hätte sie gerne ab und zu ausgehorcht, aber die Hoffmeisterin konnte auf beiden Ohren ungeheuer taub sein.


Nach einem in dieser Beziehung erfolglosen Besuch im Seniorenheim setzte Nick alles auf eine Karte und rief Roswitha Künzel an, um sie zum Essen einzuladen. Doch sie ließ ihn so drastisch abfahren, dass er mit roten Ohren beschloss, die zierliche Blondine zu vergessen, zumindest vorerst, und sich lieber der Kollegin zu widmen, die er jeden Tag sah. Und was er sich vorgenommen hatte, verfolgte er mit Eifer und Zähigkeit.


Lore ließ sich von Nick umwerben. Sie konnten hervorragend zusammenarbeiten und verstanden sich auch privatim von Monat zu Monat besser. Dass Nick und ihr Chef mittlerweile eng befreundet waren, machte es ihr auch leichter. Sie musste nicht fürchten, gegenüber Malte Larsson einen Vertrauensbruch zu begehen, wenn sie sich mit Nick offen über Firmeninterna unterhielt.

Nach sechs Monaten lud sie ihn zum ersten Mal in ihre Wohnung am Hofgarten ein. Der Wein war gut, die Stimmung auch, und irgendwie waren sie beide nicht überrascht, dass sie im Bett landeten. Die Nacht verlief so, dass sie beide wussten: Es würde mehr als eine Fortsetzung geben. So kam es auch, Lore war damit sehr zufrieden; sie hatte nur nicht bedacht, dass Nick Ardey ein unverbesserlicher Filou, ein Windhund war, der es nicht lange bei einer Frau aushielt. Als sie dann erzählte, sie wollte mit zwei Freundinnen einen „Weiberabend” verbringen, von dem Männer ausgeschlossen seien, wünschte er ihr viel Spaß, dachte nach langer Zeit zum ersten Mal wieder an Roswitha Künzel und fragte, ob er in ihrer Wohnung auf Lore warten solle.

„Das wäre schön, wenn es dich nicht stört, dass ich dann nicht mehr ganz nüchtern sein werde.”

„Überhaupt nicht. Das Gleiche wird dann wohl auch für mich gelten.”

„Du weißt ja, wo du alles findest.”

Sie verriet ihm noch, dass diesmal nicht nur Roswitha Künzel, sondern auch deren Partnerin Olga mit von der Partie sein werde.

„Partnerin? Ist sie lesbisch?”

„Ganz und gar nicht. Eher im Gegenteil. Roswitha und Olga betreiben eine Event-Agentur. Übrigens mit großem Erfolg.”

Nick wusste, was eine Event-Agentur war, er wusste auch, dass Eltern, die was auf sich hielten, die Geburtstagsfeiern ihrer Sprösslinge von solchen Agenturen ausrichten ließen. Er verstand es zwar nicht, aber wenn jemand sein Geld aus dem Fenster werfen wollte, dachte er nicht daran zu widersprechen.

„Geht's wieder ins Netz & Angel?”

„Nein, wir wollen das neue Lokal Feuerstein im Pulverturm mal testen.”

„Viel Spaß.”

„Danke. Und langweil' dich nicht so sehr.”

Das hatte Nick auch nicht vor. Er gab ihr gut eine Viertelstunde Vorsprung und begann dann, systematisch ihre Wohnung zu durchsuchen und erst einmal alle Schriftstücke zu lesen und zu knipsen, die sie aufbewahrte. Ihm war aufgefallen, dass sie ausgesprochen wenig aus ihrer Jugend in Behlenbrück erzählte. Und Nick wusste es gerne ganz genau. Auf dem Schreibtisch lag offen die private Post von heute. Eine Freundin Tina schickte schöne Urlaubsgrüße aus dem Tessin. Tante Xenia bedankte sich in holprigem Deutsch für das prächtige Geburtstagsgeschenk. Ein Immobilienmakler bot ihr eine Beteiligung an einem geschlossenen Schiffs-Fond an. Der Wahlkreis-Bundestagsabgeordnete lud zur allmonatlichen Sprechstunde ein. Die Firma Belezza riet ihr dringend, die neue Wundercreme auf rein pflanzlicher Basis namens Jungbrunnen auszuprobieren.

Den größten Teil würde sie wohl in den Papierkorb befördern. Nick zog die Schreibtischschubladen auf. In einer Mappe waren die gelochten Kontoauszüge abgeheftet. Er knipste mit seiner Handykamera die letzten Belege und staunte nicht schlecht. Sie war eine wohlhabende Frau. Für die größte Überraschung sorgte der Inhalt eines abgegriffenen Schnellhefters. Zuunterst hatte sie einen Briefumschlag abgeheftet, auf dem weder Adresse noch Absender standen, sondern nur handschriftlich vermerkt war. „Erst nach meinem Tod zu lesen, Mutter.” In dem Umschlag befanden sich vier von Hand beschriebene Blätter. Die Handschrift war krakelig und für ihn unleserlich, die Sprache fremd für ihn. Nick begriff keine Zeile. Er knipste den Text zur Sicherheit mehrmals und nahm sich vor, ihn später in aller Ruhe zu studieren. Zwei DIN A5-Umschläge ohne Aufschrift oder Marken enthielten zwei Schreiben, eines von einem Menschen, der ein halber Analphabet gewesen sein musste und in zittrigen Druckbuchstaben, voller Verachtung für Orthographie und Grammatik, einen für Nick unverständlichen, unwiderruflichen Verzicht auf alle denkbaren Ansprüche erklärte, das zweite Schreiben mit dem handschriftlichen Vermerk „Kopie” war auf einem Drucker entstanden und erklärt auch einen für Nick ebenfalls unverständlichen, unwiderruflichen Verzicht auf Hilfe und Geld, dahinter steckte, auf halbes Format zusammengefaltet, die amtlich Kopie mit Gebührenmarke einer Geburtsurkunde für Lore Cortmann, Eltern Daphne, geborene Corridis und Gerulf Cortmann, ausgestellt vom Standesamt I (Mitte) in Behlenbrück.

Nick knipste alles und räumte sorgfältig zusammen, sie sollte auf keinen Fall sehen, dass er geschnüffelt hatte. Es wäre ihm schrecklich peinlich gewesen. Aber darauf verzichten konnte er auch nicht. Etwas nicht zu wissen, was anderen bekannt war, empfand er als persönliche, beleidigende Kränkung. Als letztes Stück war die Visitenkarte eines Rolf Kramer abgeheftet, Privatdetektiv im Ruhlandhaus in Tellheim. Auf die Rückseite hatte jemand eine Reihe unverständlicher Ziffern gekritzelt: [73] 0034 971 549 022. Nick knipste unverdrossen.

Als Lore vergnügt und aufgekratzt, umgeben von einer schwachen Weinwolke, nach Hause kam, saß er vor dem Fernseher und verfolgte anscheinend gefesselt eine Talkrunde zum Thema: „Behindern unsere Gerichte die Politik?” Er ließ sich gern von ihr ablenken. Das neue Restaurant war teuer, aber verdiente die guten Kritiken in der Presse. Roswitha und Olga hatten mehrere tolle Aufträge an Land gezogen und würden sich freuen, ihn einmal näher kennenzulernen. Er sagte nichts. Offenbar hatte Roswitha darauf verzichtet, seine plumpen Annäherungsversuche ihren Freundinnen zu erzählen, was ihm nur recht war.

„Nix dagegen. Im nächsten Monat, wenn Malte und Gesine nach Amerika fahren, haben wir bestimmt genug Zeit.”

„Was machst du morgen Abend?”

„Ich habe mich bei Anneliese angemeldet.”


Bevor Nick Ardey am nächsten Abend gegen 19 Uhr Anneliese Hoffmeister besuchte, hatte er die Aufnahmen auf Positive vergrößert und den unverständlichen Brief bei einem Übersetzungsbüro abgeliefert - „das ist Neugriechisch”, erklärte man ihm - war er erschrocken über Annelieses Aussehen. Bleich, abgemagert, wie ausgenergelt und völlig erschöpft. Auf ihrer Stirn glänzten dicke Schweißperlen. Da hatte sich jemand angemeldet, den keine ärztliche Kunst mehr verjagen würde. Sie deutete seine Miene richtig. „Es wird Zeit für mich, von meinen Bekannten Abschied zu nehmen.”

„Sag' doch so was nicht!” entsetzte sich Nick, der sie immer etwas gefürchtet, aber sich an sie und ihren scharfen Blick auf alles in der Firma gewöhnt und verlassen hatte.

„Warum vor der Wahrheit die Augen verschließen? Wie macht sich denn Lore?”

„Privatim oder dienstlich?”

„Na, also doch! Auf beiden Feldern.”

„Bist du beleidigt, wenn ich ehrlich sage, dass sie ein vollwertiger Ersatz für dich ist?”

„Nein, Nick, das freut mich für die Firma und für Malte.” Sie rückte ihr Kopfkissen zurecht: „Und nun privatim. Wie steht's mit dir?”

Er hatte diese Frage erwartet und sich die Antwort reiflich überlegt. Es konnte nicht schaden, eine Verbündete zu gewinnen: „Ich möchte ihr gern einen Heiratsantrag machen, aber ich traue mich nicht.”

„Was ist los? Früher warst du nicht so schüchtern.”

„Nein, aber diesmal habe ich echt Angst vor einem Nein.”

„Ich glaub's nicht! Bist du etwa richtig verliebt?”

„Sieht so aus, wie?”

Sie schüttelte ungläubig den Kopf: „Dass es dich noch mal erwischen würde! Wer hätte das gedacht. Was sagt denn Malte dazu?”

„Den kann man zurzeit nicht darauf ansprechen, er fliegt

nächste Woche mit Gesine nach Amerika.”

„Und du musst bleiben und die Stellung halten?”

„So ist es.”

„Okay, aber sobald er zurück ist. Ich drück' dir die Daumen.”

„Danke. Und du machst keine Dummheiten. Du musst bis zu meiner Hochzeit - wenn sie denn stattfindet - unbedingt durchhalten.”

„Ich geb' mir Mühe!”

Eine Woche später war die Kollegin von ihrem (Heimat-)Urlaub auf Korfu zurück und drei Tage später hielt Nick die sauber getippte Übersetzung des neugriechischen Textes in Händen. Anfangs wollte er nicht glauben, was er da las.



Drittes Kapitel

Die Hauptkommissarin Marlene Schelm, von allen Freunden und Kollegen nur Lene genannt, mochte keine Waldspaziergänge, erst recht nicht am frühen Morgen, wenn es noch düster, kalt und zudem regnerisch und windig war. Sie fluchte leise, aber ausdauernd vor sich hin, als sie am Arm ihres Kollegen Hans Widder durch das feuchte Gras einer mit Buckeln und Löchern übersäten Wiese auf den Hochsitz zustolperte, vor dem sich die Kollegen und Kolleginnen der Spurensicherung versammelt hatten. Musste dieser Förster auch unbedingt so früh durch seinen Wald stapfen und dann noch eine Leiche finden? Am Fuße der Leiter lag eine Gestalt, mit einem grünen Tuch abgedeckt, das der Arzt gerade wieder zurückschlug.

„Guten Morgen, Medizinmann.”

„Morgen, Lene. Arbeit für Euch.

„Dann lass mal sehen!”

Die Frau mochte Mitte oder Ende fünfzig sein, groß und sportlich-kräftig. Sie trug schwarze Stepphosen, einen schwarzen Stepp-Anorak und hatte eine dicke Pudelmütze bis weit in die Stirn gezogen. An einer Hand hatte sie den Handschuh verloren.

„Was ist mit ihr?!” fragte Lene aufsässig. „Erfroren?”

Der Arzt grinste hämisch und gemein: „Nicht alle Frauen sind so empfindlich wie du.”

„Sondern? Nun mach' schon, du hast ganz Recht, ich friere mich noch hier zu Tode!”

Der Arzt zog eine Hälfte des Anoraks zur Seite. Darunter trug die Frau ein graues Shirt, das nun in Höhe des Herzens von Blut dunkel gefärbt war.

„Nur ein Schuss, so weit ich das hier erkennen kann. Aber der war tödlich.” Er deutete auf ein Gewehr, das drei oder vier Meter entfernt neben der Frau auf dem Boden lag.

Lene knurrte: „Wissen wir, wer sie ist?”

Der Förster trat einen Schritt vor: „Ja, sie heißt Wünsche, Alma Wünsche. Ihr Mann und sie haben diese Jagd gepachtet.”

„Hm. Kein Einschussloch im Anorak. Hatte sie den geöffnet oder ausgezogen, als auf sie geschossen wurde?”

„Ich konnte sie nicht mehr fragen”, brummte der Arzt gereizt.

„Wo ist sie erschossen worden? Oben auf dem Ansitz oder hier unten auf dem Boden?”

„Das kann ich so nicht sagen. Dazu müsste ich sie entkleiden und schauen, ob sie sich Brüche und Prellungen unmittelbar vor dem Exitus zugezogen hat.”

„Und was hat sie zu dieser unchristlichen Zeit hier auf dem Hochsitz getrieben?” Bevor jemand antworten konnte, flüsterte sie dem Kollegen Widder zu: „Das mit dem unbeschädigten Anorak halten wir zurück. Wahrscheinlich Täterwissen. Die Kollegen sollen aber gründlich nachsehen, ob sie da was finden, was der Frau gehört haben kann.”

Jetzt kam der Förster zu Wort: „Der Wildschweinbesatz ist zu hoch. Sie wollte sich einmal ansehen, wie viele Tiere hier nachts unterwegs sind und das Feld umgraben.”

„Hätten Sie ihr das nicht sagen können?”

Der Förster schmunzelte. „Sie sind keine Jägerin?”

„Nein. Ich jage nur Menschen, aber nicht mit der Knarre. Konnte sie auch schießen?”

„Gut sogar.”

„Wildschweine können gefährlich werden?”

„Es empfiehlt sich nicht, Ihnen nachts überraschend zu begegnen, wenn sie fressen oder wenn sich ein Eber in der Nähe befindet. Bachen mit Frischlingen können auch sehr unangenehm werden.”

„Dann wäre Alma Wünsche nicht ohne Waffe auf ein Feld gelaufen, auf dem sich Wildschweine befanden?”

„Nein, dazu war sie zu erfahren. Vielleicht hatte sie ein Glas mit Restlichtverstärker mitgebracht, dann hätte sie von da oben mehr gesehen als hier unten.”

„Hatte sie so ein Glas dabei?”

Es stellte sich heraus, dass noch keiner der Männer oben gewesen war.

„Ist das das Gewehr der Frau Wünsche - nicht anfassen!”

Der Förster beugte sich hinunter: „Ja. Ich glaube schon.”

„Habt ihr noch eine andere Waffe gefunden?” fragte Lene in die Runde.

Der Leiter der Spurensicherung brummte vernehmlich: „Nein. Entweder hat der Täter die Mordwaffe mitgenommen, oder der Schuss wurde aus diesem Gewehr abgegeben.”

Das konnte sich Lene zwar nicht so richtig vorstellen, aber in dem Moment hörte sie das Motorbrummen des Geländewagens, mit dem sie die Leiche abtransportieren konnten. Alles weitere in einem geheizten Zimmer des Präsidiums oder der Rechtsmedizin.

„Für dich habe ich noch eine schöne Aufgabe”, knurrte sie ihren Kollegen Widder an. Der kannte seine Chefin und wusste längst, welche unangenehmen Aufgaben sie gerne auf ihn abschob. So gut sie sich mit den Kolleginnen verstand, so sehr neigte sie dazu, ihn wie einen Lakaien zu behandeln. Er hatte mehr als einmal überlegt, seine Versetzung zu beantragen.

„Okay, ich fahre am Hause Wünsche vorbei. Wenn der Ehemann da ist, nehme ich ihn mit in die Rechtsmedizin.”

„Ja, danke, ich rede dann hinterher mit ihm.”

Fern im Osten zeichnete sich ein hellerer Streifen am bewölkten Himmel ab. Und über dem Feld, das bis zum Wald gegenüber reichte, begann es schwach zu dampfen. In der zunehmenden Helligkeit konnte man auch erkennen, welch gründliche Arbeit die Schwarzkittel geleistet hatten. Als ob der Bauer gestern Abend, schon ziemlich angetrunken, bei Dunkelheit noch gepflügt hätte, obwohl die Lenkung seines Traktors völlig defekt war und sein GPS nicht funktionierte.


Zwei Stunden später brachte Kollege Hans Widder einen weißhaarigen, sichtlich erschütterten Mann in Lenes Zimmer. Alfred Wünsche hatte seine Frau identifiziert und berichtete unaufgefordert, dass der Förster in der Vorwoche sie angerufen hatte, es lägen jetzt so viele Beschwerden der Landwirte vor, dass sie sich ernsthaft um den Wildschwein-Bestand kümmern müssten. Eigentlich wollt er mitgehen, aber die Aufsichtsratssitzung zog sich so in die Länge und wurde so unangenehm und anstrengend, dass er Alma gegen zwanzig Uhr angerufen hatte, er müsse seine Zusage zurückziehen: „Heute Nacht keine gemeinsame Wildschweinzählung.”

„Hatte Ihre Frau keine Angst, nachts allein im Wald?”

„Nein, Angst kannte sie nicht, sie schoss sehr gut und meinte immer, alle Wilderer sollten beten, ihr nicht über den Weg zu laufen.”

Lene lachte. „Hat sie mal auf einen Menschen geschossen oder jemanden verletzt?”

„Alma Wünsche nicht, aber Alma Ilsenberg.”

„Das verstehe ich nicht.”

„Meine Frau war in erster Ehe mit Ludwig Ilsenberg verheiratet. Aus der Ehe stammt auch ihre Tochter Gesine Ilsenberg.”

„Wo finde ich die?”

„Gesine ist verheiratet mit Malte Larsson und befindet sich mit ihrem Mann im Moment auf einer Rundreise in den Vereinigten Staaten.”

„Können Sie sie erreichen?”

Lenes Stimme hatte einen bestimmten flehenden Unterton angenommen, und er nickte verständnisvoll: „Ja, ich sage ihr Bescheid.”

Alle übrigen Fragen - hatte Ihre Frau Feinde, war sie in letzter Zeit bedroht worden, wurde sie belästigt? beantwortete Wünsche ohne Zögern mit „Nein.” Ein Motiv konnte er sich nicht vorstellen, mögliche Feinde kannte er nicht, und als Lene voller Skrupel die unvermeidliche Frage stellte. „Gibt es jemanden, der vom Tode Ihrer Frau einen Nutzen hat?” knurrte er gereizt: „Nein. Gesine erbt, was Alma ihr hinterlässt - also alles. Denn ich bin per Ehevertrag von den voll gefüllten Fleischtöpfen Ilsenberg ausgeschlossen und Gesine bekommt außerdem den Teil, den ihr Vater Ludwig Ilsenberg vererbt hat. Bis zu ihrem Tode durfte meine Frau die Zinsen dieses treuhänderisch angelegten Geldes für sich verwenden. Aber nur für sich. Ich schaue auch bei diesem Geld sozusagen in die Röhre.”

Sein Ton war sehr ärgerlich geworden, und Lene beeilte sich, mehrfach demütig zu versichern, wie fern es ihr liege, ihn zu verdächtigen. Alfred Wünsche ging halbwegs beruhigt.


Die KTU hatte einige Überraschungen für sie parat. Am Hochsitz war geschossen worden, so, wie das Projektil oben hinter dem Sitzholz in der Bretterwand steckte, mit einer Pistole von unten nach oben. Aus dem Gewehr war nur ein Schuss abgegeben worden, wenn Alma Wünsche normal geladen hatte. Die Gerichtsmedizin wollte sich darauf festlegen, dass Alma Wünsche auf dem Erdboden stand, als der tödliche Schuss sie traf. Sie war die Leiter nicht hinuntergestürzt, sondern hinuntergeklettert. Das im Moment noch nicht gelöste Problem war - als sie hinunterstieg, war es da schon dämmerig genug, um den Täter am Fuße der Leiter zu erkennen? Oder hatte sie ihn an der Stimme erkannt? So oder so sprach vieles dafür, dass sie ihn gekannt hatte. Wenn sie sich von ihm bedroht gefühlt hätte, hätte die geübte Schützin ihn mit einem Schuss vertreiben oder ausschalten können.

Kruse, der Chefballistiker, meinte trocken: „Oder sie hat das Gewehr hinuntergeworfen, bevor sie rücklings die Leiter hinunterkletterte.”

„Was sie bestimmt nicht mit halb offenem Anorak getan hat!” kommentierte Carlo Seidel, der Chef der KTU, spöttisch. Kruse und Seidel vertrugen sich nicht gut.


Am Nachmittag traten sie beim Staatsanwalt an. Justus Held war an sich ein angenehmer Chef, aber die Geduld hatte er nicht erfunden und begann zu maulen, als weder Marle Schelm noch ihr Vertreter Hans Widder noch die dritte im Referat, die Kommissarin Helga Löwe, eine plausible Theorie dessen vorzutragen wussten, was sich am Hochsitz abgespielt haben konnte. Carlo Seidel komplizierte die Aufgabe noch mit der Aussage, dass seine Leute auf dem Hochsitz ein funktionstüchtiges

Nachtsichtglas gefunden hatten. Ob es stark genug war, das Gesicht eines Menschen deutlich erkennbar abzubilden, der da im Dunkeln über das Feld auf den Hochsitz zukam, würden sie noch testen müssen.

Helga Löwe kicherte: „Auf der Flucht vor einer Rotte wütender Wildschweine zum rettenden Hochsitz?”

„Oder hungriger Löwen”, schloss Widder an. Die Mannschaft in der Landeshauptstadt Tellheim war das „Schachtrio”: Ellen König, Jule Springer und Sigrid Bauer. Nur die noch nicht berufene Chefin in Tellheim passte unter Umständen nicht in das Schema. Die beiden ernsthaft im Rennen liegenden Kandidatinnen Lisa Otten aus Weelbeck und Marlene Schelm aus Behlenbrück würden die junge „Tradition Schach oder Horoskop” auf jeden Fall sprengen. Jutta Ellermann, K-Anwärterin, ließ sich von Justus Held zu einem Wein einladen und atmete seitdem freier in ihrem Referat.


Drei Tage später erschien die Familie Larsson im Präsidium. Mit großen Schwierigkeiten hatten Malte und Gesine Larsson Plätze nach Frankfurt bekommen. Doch rein aus Sicht der Aufklärung eines Mordes hätten sie sich die Mühe sparen können. Trotz stundenlanger Befragung erfuhr das Team nichts, was eine Spur oder ein Ermittlungsansatz hätte sein können. Malte Larsson hatte sich mit seiner Schwiegermutter gut verstanden, aber Geheimnisse hatte sie ihm nicht anvertraut, von Feinden, Gegnern und Geschädigten erfuhr er nichts. Gesine Larsson, geborene Ilsenberg, schätzte den zweiten Mann ihrer Mutter und hatte ihr sogar zugeredet, Alfred Wünsche zu heiraten; die Ehe war nach Aussage aller Freunde und Bekannten gut und spannungsfrei (bis auf die Tatsache, dass sie auf der Jagd besser schoss als ihr Mann), für Alfred Wünsche war beim schlechtesten Willen kein Motiv zu erkennen, warum er, nach einer anstrengenden und streitbaren Aufsichtsratssitzung nachts in den Wald gelaufen sein sollte, um seine Frau auf dem Ansitz zu erschießen. Tagelang pesteten sie die Pächter der angrenzenden Jagdreviere mit Fragen und Aufforderungen, Zeugen für ihre Alibis beizubringen. Natürlich kannte man sich, es gab Differenzen wegen der verdammten Wildschweine und des Rotwildbestandes, aber deswegen einen Menschen kaltblütig zu erschießen? Wie sagte selbst Staatsanwalt Held: „Man kann es auch übertreiben.” Sie konnten die Ermittlungen nicht formell einstellen, aber sie konnten die Akten im Stapel Wiedervorlage nach ganz unten schieben - womit auch Justus Held schließlich einverstanden war.


Die Mannschaft der Rubidia blieb von dem Todesfall Wünsche unberührt. Nur Nick Ardey wusste, dass sich das Vermögen der Miteigentümerin Gesine Larsson durch den Todes- und Erbfall beträchtlich erhöht hatte, was aber am Geschäftsbetrieb nichts änderte. Als die formelle Danksagung der Familie für die Beileidsbekundungen im Tagesanzeiger abgedruckt wurde, stand auf der anderen Seite ein kleiner Artikel unter der Überschrift: „Freundlichkeit zahlt sich aus.” Ein Hausmeister aus Behlenbrück hatte von einer dankbaren Mieterin auf Mallorca rund zwei Millionen Euro geerbt. Nick begann zu telefonieren.

Eine Folge des Mordes war, dass die Familie Larsson an der Beerdigung von Anneliese Hoffmeister teilnehmen konnte, die dann doch überraschend schnell gestorben war. In der Nacht nach der Beerdigung wagte Nick, seine Lore um ihre Hand zu bitten, und als Malte Larsson davon erfuhr, war er einverstanden, meinte aber, sie sollten vielleicht noch ein paar Monate warten. Lore versprach, auch nach der Eheschließung weiter Malte Larssons Vorzimmer und seinen Terminkalender zu behüten. Wann und ob ein Lorescher Nachwuchs das verhindern würde, musste sich noch zeigen.

Lore und Nick heirateten drei Monate später in aller Stille nur standesamtlich und verzichteten auf eine große Feier. Im Tagesanzeiger erschien nur eine kleine Anzeige: „Wir haben geheiratet. Lore Cortmann - Nikolaus Ardey. Nick hatte Lars und Gesine Larsson und seine Eltern eingeladen, Lore hatte keine Familie mehr und beschränkte sich deshalb auf ihre beiden Freundinnen Roswitha Künzel und Olga Sternenberg, die beide gehofft hatten, ihre Agentur könne mal eine große Hochzeit ausrichten statt immer wieder nur Kindergeburtstage zu organisieren. Nick wollte gern seinen Schwiegervater kennenlernen, aber Lore meinte, ihr Vater sei seit Ewigkeiten verschollen und auf den könne sie heute gut verzichten. Sie hatte ihren Vater nie gesehen. Die Familie Heinz und Maria Ardey schloss die Schwiegertochter sofort ins Herz.