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ZEITREISEN

A.L. Kennedy

Jenny T. Colgan

Nick Harkaway

Trudi Canavan

Jake Arnott

Cecelia Ahern

Joanne Harris

Stella Duffy

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DOCTOR WHO – ZEITREISEN: DIE TODESGRUBE · Übersetzung: Andrea Bottlinger;

Die deutsche Ausgabe von DOCTOR WHO – ZEITREISEN: REISE INS NICHTS Übersetzung: Sabine Elbers

DOCTOR WHO – ZEITREISEN: STÄNDIGER WETTBEWERB · Übersetzung: Christian Humberg

DOCTOR WHO – ZEITREISEN: DAS SALZ DER ERDE · Übersetzung: Christian Humberg

DOCTOR WHO – ZEITREISEN: EINE HANDVOLL STERNENSTAUB · Übersetzung: Sabine Elbers

DOCTOR WHO – ZEITREISEN: DER MOORKRIEGER · Übersetzung: Stephanie Pannen

DOCTOR WHO – ZEITREISEN: DIE EINSAMKEIT DES LANGSTRECKENZEITREISENDEN

DOCTOR WHO – ZEITREISEN: DER ANTIHELD · Übersetzung: Stephanie Pannen;

Die deutsche Ausgabe von DOCTOR WHO – ZEITREISEN wird herausgegeben von Amigo Grafik, Teinacher Straße 72, 71634 Ludwigsburg. Herausgeber: Andreas Mergenthaler und Hardy Hellstern; verantwortlicher Redakteur: Markus Rohde; Lektorat: Kerstin Feuersänger und Gisela Schell; Satz: Rowan Rüster/Amigo Grafik

German translation copyright © 2016, 2018 by Amigo Grafik GbR.

Illustrations by Ben Morris © Woodlands Books Ltd, 2015

Doctor Who is a BBC Wales production for BBC One.

BBC and DOCTOR WHO (word marks, logos and devices) are trademarks of the British Broadcasting Corporation and are used under licence.

First published as ebooks in 2013 and 2014 by BBC Books.

Printausgabe ISBN 978-3-95981-523-9 · E-Book ISBN 978-3-95981-524-6

WWW.CROSS-CULT.DE

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DOCTOR

WHO

Die Todesgrube

A.L. Kennedy

INS DEUTSCHE ÜBERTRAGEN VON

ANDREA BOTTLINGER

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Inhalt

EINSAM

TRAURIG

NICHT GUT

SCHMERZ BÖSER SCHMERZ

BLUT

BLUT

BBBBBB …

Bbbb …

Aaabbb …

Paul Harris starb. Das hatte für diesen Nachmittag nicht in seinem Terminplan gestanden. Seiner Ansicht nach war der Tod eines dieser unangenehmen Dinge, die nur anderen Leuten zustießen. Er war bisher noch nicht einmal auf irgendeiner Beerdigung gewesen – diese ganze armselige Verwandtschaft. Er hatte auch Hochzeiten gemieden – diese ganze selbstgefällige Verwandtschaft. Und er war zu keiner der Taufen gegangen, zu denen seine Angestellten sich genötigt gefühlt hatten, ihn einzuladen – all diese klebrigen, quengeligen Babys … all diese klebrigen, quengeligen Angestellten …

Mr Harris’ Tod kam für ihn vor allem deshalb so überraschend, weil er bei lebendigem Leib von einem Sandbunker auf einem Golfplatz gefressen wurde. Er konnte nur vermuten, dass es in Wirklichkeit etwas unter dem Sand war, das ihn bei lebendigem Leibe fraß – inzwischen war er bis über die Knie eingesunken –, und er konnte nur vermuten, dass es nicht aufhören würde, ihn zu fressen, weil … es nicht aufhörte.

Während er einen komplizierten Schlag über das dreizehnte Grün ausgeklügelt hatte, hatte ihn etwas am Knöchel gepackt. Das Ganze war mit anfänglichem Druck und einem leichten, aber sehr beunruhigenden Schmerz einhergegangen. Danach hatte eine gewisse Taubheit eingesetzt. Als Nächstes war er ein Stück in den Sand eingesunken, und dann hatte irgendetwas einen weiteren – er versuchte, nicht an das Wort Bissen zu denken, aber es gelang ihm nicht – irgendetwas hatte einen weiteren Bissen genommen. Darauf folgten wieder sanfter Schmerz und Taubheit und dann ein weiterer Ruck, der ihn erneut ein Stück nach unten zog. Paul hielt sich gerne für stark und unbeugsam, und ganz sicher war hier ebenfalls ein starker und unbeugsamer Wille am Werk. Er hätte beides bewundert, wäre es nicht gerade dabei gewesen, seine schöne hellgrüne Golfhose zu ruinieren. Ganz zu schweigen von seinen schönen Beinen, die darin steckten.

Es überraschte Paul, dass er nicht in der Lage war, um Hilfe zu schreien. Zudem war niemand in der Nähe, der seine durchaus ungewöhnliche Situation bemerken oder ihn gar daraus befreien konnte. Sein Golfpartner David Agnew hatte sich unglücklicherweise vor einiger Zeit ins Clubhaus zurückgezogen. Während Paul tiefer in den Sand gezogen wurde, dachte er darüber nach, dass Agnew nicht nur ein schlechter Verlierer, sondern auch äußerst lästig war. Dennoch hätte er nun nützlich sein können, wäre er noch ein wenig länger geblieben. Vielleicht hätte er Paul aus dem Sand ziehen oder ein paar letzte Wünsche aufschreiben oder ebenfalls gefressen werden können. Zuzusehen, wie David Agnew von einem Sandbunker gefressen wurde, wäre sicher sehr befriedigend gewesen. Pauls Meinung nach waren Leute wie David Agnew das perfekte Sandbunker-Futter. Auch wenn er zugeben musste, dass er wenig über menschenfressende Sandbunker und ihre Vorlieben wusste. Hätte er irgendetwas über sie gewusst – vielleicht hätte seine treue Sekretärin Glenda ihn darüber informieren können –, dann würde er jetzt womöglich nicht bis zur Hüfte in einem stecken.

Die Liste der Dinge, über die Mr Harris nichts wusste, war ziemlich lang. Alles, was ihm keinen direkten Vorteil einbrachte, hatte ihn nie interessiert.

Aber selbst der neugierigste Mensch auf der Welt hätte nicht ahnen können, dass Paul Harris gerade von einem Wesen gefressen wurde, das so alt und so mythenhaft war, dass das Universum seine Existenz fast vollständig vergessen hatte. Dieses Ding war nicht einmal mehr eine Legende, sondern nur noch ein vages Unbehagen an den Rändern der Alpträume des Seins. In gewisser Weise war es großartig, dass ein solches Wesen noch immer existierte. Allerdings war es natürlich nicht großartig für Paul Harris. Seine Fähigkeit zur Kommunikation – sei es durch Handzeichen, Rufe oder durch ein kompliziertes telepathisches Feld, wäre er in der Lage gewesen, ein solches zu errichten – wurden von seinem Angreifer blockiert. Besagter Angreifer wurde beim Essen nicht gerne unterbrochen und glücklicherweise hatte ihn die Evolution mit der Fähigkeit gesegnet, seine Mahlzeiten davon abzuhalten, in irgendeiner Weise Hilfe herbeizurufen. Außer natürlich, dem Wesen war nach Nachtisch in Form einer großen Gruppe armefuchtelnder oder fühlerfuchtelnder oder tentakelfuchtelnder oder rankenfuchtelnder panischer und besonders leckerer Möchtegern-Retter. In diesem Fall waren Schreien, Flehen und natürlich auch alles andere in dieser Richtung erlaubt.

Die Evolution hatte außerdem dafür gesorgt, dass Paul nur ein wenig Unbehagen fühlte, obwohl er gerade schrecklich verstümmelt wurde. Eine zappelnde Mahlzeit zu verschlingen war potenziell gefährlich und anstrengend, deshalb hatte das Wesen viele komplexe und faszinierende Mechanismen dagegen entwickelt. Was bedeutete, dass mit jedem Bissen, den es nahm, Schmerz- und Beruhigungsmittel in – wenn man diesen Nachmittag als Beispiel nimmt – Pauls angenagtes Blut- und Nervensystem freigesetzt wurden.

In diesem Moment kamen seine Arme sacht auf der Oberfläche des Bunkers zu liegen. Sein Oberkörper war bis zu den Achseln im Sand versunken. Er war nicht dumm und er war ziemlich sicher, dass der Teil seines Körpers, auf den er hinunterschielen konnte, alles war, was noch für Vorstandssitzungen, Squash-Matches und natürlich auch Golf zur Verfügung stand. (Wobei er seine Leidenschaft für Golf einem Ende entgegengehen sah.) Es kam ihm seltsam vor, dass ihn das alles nicht sonderlich beunruhigte. Tatsächlich fühlte er sich auf eine Art ruhig und glücklich, die ihn an die Zeit erinnerte, als er noch ein freundliches Kind mit aufregenden und vielversprechenden Zukunftsaussichten gewesen war. Letztere hatte er später allesamt ignoriert oder vertan.

Als Pauls Kopf in den Sand gezogen wurde, konnte er die sanfte Sommerbrise auf seinen Handflächen spüren, die noch immer verhältnismäßig freilagen. Kurz bereute er, dass er aufgehört hatte, Klavierunterricht zu nehmen, und dass er Urlaub auf den Turks- und Caicosinseln gemacht hatte, anstatt auf die Beerdigung seiner Großmutter zu gehen. Dann dachte Paul: „Sind das Atemzüge? Ich glaube, ich höre Atemzüge … Ein bisschen wie von einer Kuh oder einem Pferd … einem sehr großen Tier. Ich frage mich, was es ist.“

Und dann hörte Mr Harris auf, sich irgendetwas zu fragen.

Jeder, der in diesem Moment an dem Sandbunker vorbeigegangen wäre, hätte zwei gepflegte Hände gesehen, die im Sand verschwanden. Derjenige hätte dann beobachten können, wie der Sand erzitterte und bebte, bis er wieder absolut glatt und harmlos dalag.

Bryony Mailer war derzeit mit großer Wahrscheinlichkeit der neugierigste Mensch auf der Welt. Und derzeit war 11:26 Uhr am 4. Juni 1978. Sie war eine schlanke, aber drahtige 24 Jahre alte Frau mit einem großartigen Sinn für Humor, einem scharfsinnigen Verstand und einem Abschluss in Europäischer Geschichte. Nichts davon sorgte dafür, dass sie ihre Anstellung als Junior-Tagesportier im Fetch Brothers Golf Spa Hotel genoss, von der sie einst gehofft hatte, sie sei nur vorübergehend. Es gab keinen Chefportier, weil der Hotelmanager Mr Mangold einen solchen besser hätte bezahlen müssen. Daher gab es für Bryony keine Aufstiegschancen, solange sie hier arbeitete, am wahrscheinlich langweiligsten Ort der Welt. Vor Kurzem hatten sogar Gäste eingecheckt und waren danach einfach geflüchtet. Ihr Gepäck hatten sie dabei zurückgelassen. Die Rechnung hatten sie im Voraus bezahlt, sie hatten also nicht versucht, die Zeche zu prellen. Bryony konnte nur vermuten, dass die überwältigende Langeweile sie vertrieben hatte. Außerdem waren die Tapeten in den Zimmern ziemlich geschmacklos. Sie hätte dort auch nicht schlafen wollen. Wenn Bryony nicht gerade die zurückgelassenen Schlafanzüge anderer Leute zusammenfaltete oder ihre Kulturbeutel sicher verstaute (für den Fall, dass sie sie doch noch holen kamen), kümmerte sie sich um die Wellness-Wünsche gelangweilter Golfer-Frauen und koordinierte das Coaching der Golfer, das Spiel, die Massage nach dem Spiel und das Mittagessen in der Bar. Außerdem war sie für jede noch so absurde Anfrage oder Beschwerde zuständig, die in einem alten Hotel voller launischer Menschen aufkommen konnte. Ihr blieb nicht viel Zeit zum Ausruhen.

Doch im Moment hatte sie ein wenig Ruhe. Ganze sechs Minuten hatte sie darüber nachdenken können, ob sie einen Keks zu ihrem Tee wollte und wenn ja, ob es ein Mint Yo Yo oder ein Abbey Crunch sein sollte. Vor nicht allzu langer Zeit hatte sie all die Winkelzüge der französischen Außenpolitik unter Kardinal Richelieu darlegen können, aber nun bekam sie schon Kopfschmerzen, wenn sie zwischen zwei Keksen wählen musste. Außerdem hatte Mangold sie inzwischen wahrscheinlich schon gegessen, obwohl es ihre Kekse waren …

Sie beschloss, das Risiko einzugehen und die abgewetzte Rezeption für einen Moment unbeaufsichtigt zu lassen. Sie lehnte eine kleine, handgeschriebene Karte an die bronzene Schelle – BITTE KLINGELN – und huschte durch die Tür neben dem Bord für die Zimmerschlüssel. Von dort ging es durch einen schmalen Gang zum Personalbüro.

Bryony hatte diesen Gang nie gemocht. Er war zu schmal und die Tapete war grauenhaft – noch schlimmer als die in den Zimmern. Ihr Muster war eine Platzangst verursachende Ansammlung lilafarbener und roter Wirbel, die sich zu winden schienen, wenn man sie ansah. Außerdem war der Gang immer entweder zu kalt oder – so wie heute – viel wärmer, als angenehm war. Sie beeilte sich meistens beim Durchqueren.

Während sie hindurchhastete – es war nicht weit und würde sie weniger als eine Minute kosten –, bemerkte sie nicht, dass sich hinter ihr die Tapete nicht nur wand, sondern auch an zwei Stellen Beulen bekam, die immer größer wurden, bis es so wirkte, als seien dahinter zwei Gestalten gefangen, die darum kämpften, auszubrechen. Hätte sie sich umgedreht und das beobachtet, hätte es ihr ordentlich Angst eingejagt und dafür gesorgt, dass ihr übel wurde. Aber sie eilte einfach weiter und bemerkte nur einen seltsamen Geschmack in ihrem Mund, als hätte sie an Penny-Stücken gelutscht.

Als Bryony die Tür zum Büro erreichte, erkannte sie, dass ihre beiden Packungen mit Keksen verschwunden waren. Auf dem Regal, auf dem sie sie abgelegt hatte, waren einige Krümel zurückgeblieben.

Was sie nicht sah – weil sie ihnen den Rücken zuwandte, und ehrlich, wer würde schon nach so etwas Ausschau halten? –, war, wie sich die zwei Gestalten von der schrecklichen Tapete lösten, als hätten sie daran festgeklebt, und sich ihr näherten. Jede von ihnen wirkte unfertig, wie grobe Entwürfe kleiner Menschen, die aus lilafarbenem und rotem Fleisch geformt waren. An den Rändern wellten sie sich und veränderten sich ständig. Augen und Zähne erschienen vorne in zwei halb ausgebildeten Köpfen; sie wirkten weiß und glänzend und intelligent auf den unruhigen Fleischmassen. Und es gab keinen Ausweg für Bryony. Das Büro war in jeder Hinsicht eine Sackgasse. Eine Tatsache, die sie selbst schon oft erkannt hatte.

„So ein Mist.“ Bryony seufzte. Es würde mal wieder ein schrecklicher Tag werden. Und es schien ihr, dass sie beobachtet wurde. Ihr Nacken kribbelte. Sie hatte das Bedürfnis, sich umzudrehen, aber auch das Gefühl, dass ihr nicht gefallen würde, was sie dort entdeckte, wenn sie es tat.

Während sie näher kamen – sie hatten Bryony fast erreicht –, veränderten sich die Gestalten. Ihre Ränder wurden fester, die Details entstanden und fanden ihren Platz. Dann streckten sich vier Arme nach ihr aus und wurde währenddessen in Haut gehüllt. Vier Hände nahmen die Gestalt richtiger Hände an, mit vier Daumen und sechzehn Fingern und zwanzig Fingernägeln, genau in dem Moment, in dem sie sie berührten.

Endlich fuhr Bryony herum, gerade als ihre Handgelenke gepackt wurden. „Buh!“, riefen zwei sehr ähnlich klingende Stimmen.

„In Gottes Namen!“ Es waren die Fetch-Zwillinge, Honor und Xavier. Sie sahen zu ihr hoch und kicherten, während sie ihre Handgelenke festhielten. „Ihr habt mich fast zu Tode erschreckt!“

„Das wäre schlecht. Du sollst doch leben“, sagte Xavier, der Junge. Die Fetch-Zwillinge waren nicht vollkommen identisch, wie sie immer wieder betonten. Sie waren ein Junge und ein Mädchen, sehr ähnlich, aber nicht gleich. „Tut uns leid.“ Xavier sah nicht so aus, als bedauerte er es wirklich.

Honor ebenso wenig. „Wir wollten dich nicht erschrecken … nur ein bisschen vielleicht. Damit es spannender wird.“ Sie lächelte und sah dabei sehr niedlich aus. „Spannung ist gut, oder?“

Bryony verzieh dem Mädchen, wie sie es immer tat. Sie verzieh den Zwillingen alles – sie waren sehr … verzeihungswürdig. Dennoch tauchten sie ständig plötzlich irgendwo auf oder schlichen herum, als planten sie etwas, von dem nur sie wussten. Und es war ja nicht so, als könnte Bryony ein wenig Spannung nicht gebrauchen. Sie sehnte sich danach.

Xavier nahm ihre Hände und zog daran. „Großmutter möchte, dass du zum Tee vorbeikommst.“

Das waren in gewisser Weise gute Neuigkeiten. Der Großmutter der Zwillinge, Julia Fetch, einer zurückgezogen lebenden alten Frau, gehörte das Hotel. Falls sie beschlossen hatte, Bryony zu mögen, würde das das Leben für den nicht-vorübergehenden Junior-Tagesportier sehr viel einfacher machen. Und vielleicht aß dann sogar Mangold ihre Kekse nicht mehr. Andererseits wollte sie hier wirklich nicht mehr lange arbeiten. Allerdings erhielt sie so vielleicht ein gutes Arbeitszeugnis …

Die Zwillinge spähten zu ihr hoch, identisch erwartungsvoll und süß mit ihren dünnen Armen und Beinen, der gebräunten Haut und dem sonnengebleichten Haar: Xavier in einem blau und weiß gestreiften T-Shirt und blauen Shorts und Honor in einem rot und weiß gestreiften T-Shirt und roten Shorts. Wie immer waren sie beide barfuß. Vielleicht sollte Bryony Mrs Fetch gegenüber erwähnen, dass es nicht sonderlich hygienisch war, ohne Schuhe herumzulaufen. Andererseits lief Mrs Fetch vielleicht auch barfuß herum. Niemand hatte sie je gesehen, und sie war unglaublich reich – sie konnte tun, was sie wollte. Wenn ihr danach war, konnte sie auch einfach gar nichts tragen oder sich als Pirat verkleiden. Bei diesen beiden Optionen war Bryony sehr für den Piraten.

Diesmal zog Honor an Bryonys Hand. „Bitte sag Ja. Wir würden uns so freuen und wir könnten gemeinsam Gurkensandwiches essen.“ Beide Zwillinge sprachen wie Kinder aus einem alten Buch. „Wahrhaftig, das würden wir.“ Aber vielleicht sprachen unglaublich reiche Leute die ganze Zeit so – Bryony hatte keine Ahnung. Sie selbst war eher unglaublich überhaupt nicht reich, wie sie es beschrieben hätte, wenn man sie dazu gezwungen hätte.

Bryony nickte den Zwillingen zu – während sie dachte: Bittepiratenkostümbittepiratenkostüm – und beide Kinder jubelten.

„Richtet eurer Großmutter ein Dankeschön aus. Sobald ich etwas Zeit habe, komme ich vorbei.“

„Heute Nachmittag! Heute Nachmittag!“ Die Zwillinge sprangen und riefen, während sie den Gang hinunterrannten und außer Sicht verschwanden.

„Seltsame kleine Leute.“ Bryony schüttelte den Kopf und machte sich mangels Keksen auf den Weg zurück zur Rezeption. Keine Spur von den Zwillingen, und die alte Standuhr ging wie immer nicht. Wenn man Bryony fragte, war das Leben staubig und heiß und langweilig, langweilig, langweilig.

Draußen auf dem Golfplatz, der inzwischen unter der Junisonne glühte, mühte sich eine sonderbare Person mit einer Golftasche ab, die viel größer zu sein schien als nötig. Sie überragte sie fast. Andererseits war der Mann recht klein. Schon wieder fiel ihm der Putter ins Gras und schon wieder sah ihn ein anderer Golfer genau da herumirren, wo er nicht sein sollte, und rief: „Geh verdammt noch mal aus dem Weg, Mann! Fore, um Himmels willen! Fore!“

Der Mann hob den Putter auf, aber gleichzeitig fielen mehrere Driver auf den sorgfältig manikürten Rasen und bildeten dort einen Haufen. Der Mann seufzte. „Vor was? Ich glaube, ich bin nicht mal … Ich glaube nicht …“ Er war der Situation nicht gewachsen, wie meistens, und in seinem schwarzen, völlig ungeeigneten Wollanzug war ihm warm. Er fühlte sich unwohl. Er spähte in Richtung des Fetch Hotels und des Vordereingangs des Fetch Hotels und der Rezeption des Fetch Hotels und des Bereichs nahe der Rezeption und in Richtung der genauen Stelle – deren Position er nur voller Sehnsucht erraten konnte –, an der Bryony Mailer in genau diesem Moment stand.

Noch einmal seufzte er, diesmal aus tiefstem Herzen und bis in seine Haarspitzen. Verliebtsein war schrecklich. Es war noch schrecklicher, in jemanden verliebt zu sein, der so schön war, dass man ihn nicht einmal ansehen sollte – außer man wusste, dass derjenige gerade in eine andere Richtung schaute, sodass man nicht Gefahr lief, dass sich die Blicke kreuzten und man rot wurde oder in Flammen aufging oder einfach verpuffte. Es war noch viel schrecklicher, wenn man genau wusste, dass die Person, die man liebte, einen deutlich weniger interessant fand als einen Kieselstein. Es war am allerschrecklichsten, wenn diese Liebe nie sein konnte, auf keinen Fall, niemals.

Er seufzte noch einmal, bis er sich vollkommen hohl fühlte, und zuckte noch nicht einmal zusammen, als ein Golfball so dicht an ihm vorbeisegelte, dass er hören konnte, wie die kleinen Vertiefungen die Luft verwirbelten.

„Fore, Idiot! Fore!“, rief eine wütende Stimme links von ihm.

Er musste diese Sache mit dem Vor wirklich mal rausfinden. Mit schwerem und tragisch romantischem Herzen bückte er sich, um seine Schläger wieder einzusammeln.

Während ein Golfball sehr viel weiter entfernt vom 12. Grün landete, als sein Besitzer beabsichtigt hatte, blätterte Bryony durch einen Stapel Reservierungen. Wieder einmal entschied sie, dass sie Golf hasste, Golfer hasste, Golfer-Frauen (hatten die kein eigenes Leben?) hasste und ihren Exfreund Mich besonders hasste, weil er ihr Selbstbewusstsein untergraben hatte, als sie nach dem Abschluss Karriereentscheidungen getroffen hatte. Vor einem Jahr hatte sie gedacht, hier zu arbeiten könne erholsam sein, könne ihr ein wenig Lebenserfahrung verschaffen und vielleicht könne sie nach Feierabend auch ein Buch schreiben über … irgendwas … irgendwas mit Geschichte … bevor sie irgendwo eine umwerfend attraktive und beliebte junge Professorin wurde. Inzwischen wusste sie, dass sie sich zu Tode langweilte und dass sie niemals irgendwas schreiben würde, wenn sie nicht von diesem schrecklichen Fetch-Anwesen wegkam, den schrecklichen Fetch-Gästen und dem schrecklichen Mr Mangold. Bryony war sich außerdem sicher, dass sie keine Ahnung hatte, was sie danach tun wollte. Diese Unsicherheit machte ihr Angst und war der Grund, warum sie noch nicht gekündigt hatte.

„Oh, darüber würde ich mir keine großen Sorgen machen, weißt du“, sagte eine freundliche, samtweiche Stimme.

Bryony schaute auf und sah einen sehr großen Mann, der sie von der Tür her beobachtete. Er grinste und zeigte dabei mehr Zähne, als eine einzelne Person besitzen sollte. Er schien von einem Komitee eingekleidet worden zu sein, höchstwahrscheinlich einem betrunkenen Komitee: Kläppchenkragen und etwas, das eine Krawatte zu sein schien, karierte, weite Hose, karierte, braune Weste, ein langer samtener, lilafarbener Gehrock mit ausgebeulten Taschen, ausgetretene Schuhe … ein ewig langer und schäbiger Schal, der ein Eigenleben zu führen schien …

„Oft lösen sich solche Probleme von selbst, und zwar auf höchst unerwartete Weise. Glück hat damit eine Menge zu tun. Auch wenn ich denke, dass man seines eigenen Glückes Schmied ist. Zumindest denke ich, dass ich das denke. Oder vielleicht hat mir das auch jemand anderes erzählt. Wahrscheinlich jemand Glückliches.“ Er kam durch das Foyer auf sie zu. Dabei schien er auf eine gewisse beschwingte Art zu gehen und wirkte dabei höchst erfreut über alles um ihn herum – den Staub und die kaputte Standuhr mit eingeschlossen. Bryony war sich sicher, nie zuvor jemandem begegnet zu sein, der so merkwürdig war.

Sie hatte recht.

Während der Mann leichtfüßig in Richtung der Rezeption ging, fuhr er gut gelaunt fort: „Ich bin sicher, du wirst feststellen, dass du dir sehr gut zu helfen weißt. Es ist übrigens sehr warm für den Januar, nicht wahr? Andererseits, womöglich habe ich den Januar verpasst. Und ich bin ganz sicher nicht in Chicago, oder?“

„Arbroath“, hörte Bryony sich selbst sagen.

„Na ja, das ist nicht so weit entfernt. Ich habe den Mackenzie-Graben entmagnetisiert, bevor ich aufgebrochen bin. Was manchmal funktioniert. Aber meistens nicht.“ Schon wieder lächelte er, sogar noch breiter. „Hallo. Ich bin der Doktor.“ Irgendwie kam er ihr wie ein alter Freund vor, wie ein wundersamer Verwandter, von dem sie viel gehört hatte, ohne ihn je zu treffen.

Bryony fragte sich, wie irgendjemand so viele Haare haben konnte – diese dichte, wogende Masse wilden, lockigen Haars. Gleichzeitig ging sie all die möglichen Antworten durch, die sie diesem Doktor geben konnte. Darunter waren: „Wer zur Hölle sind Sie eigentlich?“ Und: „Woher wussten Sie, woran ich gedacht habe?“ Und: „Was?“ Und: „Waschen Sie diesen Schal manchmal? Oder geht das nicht, weil er etwas dagegen hätte? Wäre das, als würde man versuchen, eine Katze zu baden …?“

Während Sie Uhs und Ähs von sich gab, nickte der Doktor die ganze Zeit geduldig, ja, sogar auf eine etwas nervige Art, als würde er einem begriffsstutzigen Kind bei einer sehr einfachen Rechenaufgabe helfen. Zum einen war er die Art von Person, die jeden vernünftigen Menschen nervös machen sollte. Andererseits hatte sie das Gefühl, ihm absolut vertrauen zu können. Was in ihr wiederum den Verdacht weckte, dass sie sich Sorgen machen sollte.

„Haben Sie reserviert?“, brachte sie schließlich hervor. Das war das Langweiligste, was sie hätte sagen können, und sorgte dafür, dass er etwas enttäuscht dreinschaute.

„Reserviert? Nein, ich glaube nicht. Auf Reisen bringe ich normalerweise meine eigene Unterkunft mit.“ Der Blick der großen und neugierigen Augen des Doktors richtete sich gen Decke, während sein Monolog sanft aber unaufhaltsam dahinplätscherte. „Natürlich könnte es sein, dass ich mal wieder Urlaub machen sollte. Ich vergesse das immer. Normalerweise erinnert mich jemand daran, aber derzeit gibt es niemanden, der das tun könnte.“

Bryony fragte sich, ob er wohl einfach ein Verrückter war, der im Gebüsch am Seeufer schlief – das Problem hatten sie schon mal gehabt. Er roch ein wenig seltsam – allerdings war es ein frischer Geruch, ein wenig wie die Luft kurz vor einem Gewitter, gemischt mit einem Hauch Zuckerguss und dem Erwachen in einem Zelt.

Während er ganz offensichtlich versuchte, nicht zu grinsen, fuhr er fort: „Erst vor Kurzem habe ich mich in einem virtuellen Dschungel verlaufen. Hast du dich je in einem virtuellen Dschungel verlaufen? Nimmt einen ziemlich mit. Vielleicht sollte ich Urlaub machen?“ Er schielte zu ihrem Namensschild. „Bryony Mailer, denkst du, dass ich Urlaub gebrauchen könnte? Soll ich hierbleiben?“ Dann sah er sie auf eine Art an, wie es ein hochintelligenter Junge getan hätte, der auf ein Eis hofft.

Das ist es, dachte Bryony Mailer. Das kommt als Nächstes.

Dem Doktor sagte sie: „Ja, ich denke, Sie sollten bleiben. Sie sollten hierbleiben.“

Im abgeschiedensten Winkel des Fetch-Anwesens in einem kleinen, aber unglaublich gut ausgestatteten Häuschen sortierte Miss Julia Fetch – sie war nie dazu gekommen, zu heiraten – ihre umfassende Sammlung an Oktopussen. (Oder Oktopoden.) Sie hatte sie in Venedig von einem Team aus bereits älteren Glasbläser-Meistern, Lampen-Herstellern und Glas-Künstlern fertigen lassen. Sie fuhr mit ihren – wie sie zugeben musste – bereits älteren Fingern über den runden Kopf eines Octopus rubescens und bewegte vorsichtig den perfekt modellierten Tentakel eines roten Weißstreifenkraken oder auch Octopus dierythraeus. Sie lächelte.

Im Laufe der Jahre war sie ein wenig vergesslich geworden, vielleicht sogar sehr vergesslich. Aber sie erinnerte sich immer an die Namen all der Oktopus-Spezies. Sie hatte Oktopoden (oder Oktopusse) schon immer gemocht und sie verwendete einen winzigen Teil ihres riesigen Vermögens darauf, eine Glasfigur von jeder Oktopus-Art herstellen zu lassen. Davon gab es über hundert, und für jede der zerbrechlichen Figuren brauchten die Künstler fast ein Jahr. Es war durchaus möglich, dass es ihr nicht mehr vergönnt sein würde, die Vervollständigung ihrer Sammlung zu erleben. Sie war außerdem der einzige Förderer und sehr großzügige Unterstützer der Julia-Fetch-Stiftung zur Pflege und Unterstützung von Oktopussen (oder Oktopoden). Das waren ihre einzigen beiden Freuden im Leben, abgesehen von der fantastischen Küche des Häuschens – die sie kaum nutzte – und dem mit Marmor ausgekleideten Badezimmer mit der sehr großzügig proportionierten Badewanne, in der sie von Zeit zu Zeit ihre schmerzenden Glieder entspannte, während sie sich wünschte, mehr Beine zu haben. Oder mehr Arme. Oder beides.

Als sie noch jünger gewesen war, hatte Miss Fetch sich an den üblichen Spielzeugen der Ultrareichen erfreut: Sportwagen und Villen an sonnenbeschienenen Stränden zu kaufen, ein Stadthaus in London zu besitzen ebenso wie ein mittelgroßes Schloss (mit zugehörigem Dorf) nicht weit von Folkestone, Rennställe voller Rennpferde, Landhäuser, in deren Anwesen es zu Jagdzwecken vor fetten, langsamen Vögeln und saftigem Wild nur so wimmelte. Aber sie fuhr nicht gerne Auto, und andere Leute dafür zu bezahlen, dass sie ihre Bugattis und Duesenbergs und Alfa Romeos fuhren, kam ihr dumm vor. In ihre Villen (und das Stadthaus und das Schloss) lauter laute Fremde einzuladen, hatte ihr lange nicht so viel Spaß gemacht, wie sie erwartet hatte, und Freunde einzuladen war ziemlich schwer. Wenn man unglaublich reich ist, wird es ziemlich kompliziert, Freunde zu finden. Es war deprimierend, bei den Swimmingpools ohne Schwimmer herumzuirren und allein durch die staubigen Ballsäle zu wandern. Sie hatte sich dabei erwischt, wie sie begonnen hatte, mit den Geckos zu reden und eine Antwort zu erwarten. Ihre Rennpferde waren wunderschön, aber schienen sie nie sonderlich zu mögen – sie wirkten meistens etwas angespannt. Außerdem hatte sie sich nie dazu überwinden können, auf ihren Anwesen irgendetwas zu jagen. Tatsächlich war sie seit zwanzig Jahren Vegetarierin, wenn nicht seit vierzig oder sechzig … Irgendwann hatte sie alle ihre Häuser verkauft, abgesehen von diesem hier. Sie waren in Gemeindezentren und wissenschaftliche Einrichtungen zur Erforschung von Oktopussen verwandelt worden. Sie hatte ihre Sportwagen und ihre Rennpferde verkauft und ihre Anwesen verwildern lassen, bis sie von den ganzen nicht erschossenen Tieren in Beschlag genommen wurden und inzwischen auch von einigen recht seltenen Pflanzen, auf die ebenfalls niemand schoss.

Zumindest war das die Vergangenheit, an die sie sich derzeit erinnerte. Manchmal kam es ihr so vor, als hätte sie sich zuvor bereits an andere Vergangenheiten erinnert, aber sie war sich nicht sicher. So alt zu sein war recht verwirrend. Andererseits – wie die Zwillinge öfter betonten – hatte man jedes Recht, verwirrt zu sein, wenn man so viel wusste und an so vielen Orten gewesen war und so viele Dinge getan hatte, manchmal auch in einer Tauchausrüstung. (Aber nie in einem Piratenkostüm.)

Und solange es die Zwillinge gab – ihre wunderschöne, freundliche und charmante Honor und den gut aussehenden, freundlichen und charmanten Xavier –, wusste sie, dass alles in Ordnung war. Das war etwas, das sie nicht vergaß.

Heutzutage verließ sie ihr Häuschen nie. Das musste sie nicht. Ein geostationärer Satellit füllte ihren persönlichen Datenknoten – der sich dort befand, wo einst die Speisekammer gewesen war – zuverlässig mit einem stetigen Informationsfluss. So konnte sie, wenn sie wollte, ihre Tage damit zubringen, mehr über die Tarntechniken von Kraken zu erfahren oder über die Tricks, mit denen sie sich als andere Seelebewesen ausgaben. Oder sie konnte die neuesten Forschungsergebnisse ihrer Stiftung zur Intelligenz von Oktopussen lesen. Über diesen Datenknoten konnte sie außerdem die Börse im Auge behalten und ihrem Geld dabei zusehen, wie es still und leise mehr Geld verdiente.

Aber hin und wieder hatte sie das Bedürfnis nach ein wenig Gesellschaft. Dann dachte sie – vielleicht regelmäßig, vielleicht auch nur einmal im Monat –, dass es schön wäre, ein paar nette Leute zum Tee einzuladen. Nichts Großartiges oder Aufwändiges – nur Tee mit Schnittchen und vielleicht Fruchtkuchen und eventuell Scones.

Manchmal erzählte sie den Zwillingen, dass sie vorhatte, zum Tee einzuladen, und sie versprachen, ein paar passende Gäste für sie zu finden. Aber wenn sie ehrlich war, konnte sie sich nicht erinnern, wie oft das geschehen war und ob sie je Tee ausgeschenkt oder die Paarungsrituale von Tintenfischen diskutiert hatte, während sie damit beschäftigt gewesen war, Butter auf sehr dünne Scheiben Toast zu streichen und Servietten auszugeben. Manchmal träumte sie, dass ihr Geist langsam von etwas übernommen wurde, das sehr viel klüger war als sie. Etwas mit dunklen Ranken oder Tentakeln, das in ihre Persönlichkeit hineingriff, sich sanft um ihre Erinnerungen wand und sie dabei durcheinanderwarf und verblassen ließ.

Aber das spielte keine Rolle. Sie war glücklich und hatte ihr letztes Kaffeekränzchen wahrscheinlich einfach vergessen, wie alte Frauen das eben tun. Wenn sie sich konzentrierte, wusste sie vielleicht wieder, wie viele Gurkensandwiches dieser oder jener Besucher gegessen hatte und ob genug Marmelade da gewesen war. Und wenn nicht, dann war das kein Grund zur Sorge. Während sie durch das Fenster die gepflegten Bäume und Sträucher am Rand ihres Golfplatzes betrachtete, nickte sie zufrieden und lächelte wieder. Sie hatte ein gutes Leben. Und sechsundachtzig ganz entzückende venezianische Glas-Oktopoden. Oder Oktopusse.

David Agnew war jemand, der vorsätzlich Tintenfisch aß, wann immer er konnte. Derzeit saß er in der Sweet Spot Bar des Fetch Hotels, während er sich wünschte, er läge stattdessen am Pool seiner griechischen Insel-Villa. Er aß frische Tintenfischringe und schoss mit seiner Luftpistole auf Geckos. Das waren die Dinge, die ihm Freude bereiteten.

Was ihm keine Freude bereitete, war sein Wodka Orange, der eher warm war und unerfreulich und ganz sicher keinen frischen Orangensaft enthielt, obwohl er ausdrücklich darum gebeten hatte. Natürlich konnte man in einer solchen Absteige keinen ordentlichen Service erwarten. Aber Fetch Brothers hatte einen ganz vorzüglichen Golfplatz und er konnte ihn normalerweise in 86 Schlägen durchspielen. Oder 90. Auf jeden Fall 98.

Agnew dachte über eine Beschwerde nach, aber er konnte sich nicht aufraffen, denn in diesem Moment war er sehr zufrieden mit seinem Leben. Nachdem er den Golfplatz verlassen hatte, hatte er zuerst geduscht und dann seinen neuen, schneidigen Safarianzug angezogen. Außerdem wurde er erst in zwei Stunden wieder im Büro erwartet. Das gab ihm mehr als genug Zeit für ein Mittagessen. Er schnippte mit den Fingern, um den Barkeeper herbeizuzitieren, und bestellte einen Garnelencocktail und einen Korb Scampi mit Pommes. Außerdem ein Glas Liebfrauenmilch.

Während er auf seine Barmahlzeit wartete, sah er sich um. Die Golfdrucke, die Fotos von Menschen mit großen Kappen und Golfhosen, das kleine Regal mit gespendeten Trophäen und dem Challenge Cup. Dieses Jahr standen seine Chancen gut, den Cup zu gewinnen. Es hatte zehn Spieler gegeben, die theoretisch besser waren als er, aber sieben davon nahmen diesmal nicht teil.

Eigentlich, verbesserte er sich selbst, würden sogar acht von ihnen nicht teilnehmen. Ja, da war er sich sicher. Er war vollkommen überzeugt, dass Paul Harris dieses Jahr nicht versuchen würde, den Challenge Cup zu gewinnen. Oder in irgendeinem anderen Jahr.

David Agnew strich sein beiges Hemd glatt. Die Welt war ein sehr befriedigender Ort.

Mit einem Mal wurde sie deutlich weniger befriedigend, als ein grasfleckiger, schäbiger, dürrer und schwitzender Mann in die Bar trampelte. Er trug eine Golftasche, die er offensichtlich nicht unter Kontrolle hatte. Auf seinem Weg zu einem Tisch in Agnews Nähe warf er ein paar Stühle um. Schließlich ließ er die Tasche einfach zu seinen Füßen fallen. Uralte Schläger purzelten heraus wie eine rostige Bedrohung und verunstalteten den Teppich.

Agnew bedachte den Neuankömmling mit seinem besten bösen Blick und deutete auf das Schild mit der Aufschrift: GOLFTASCHEN UND -KLEIDUNG SIND IM CLUBHAUS NICHT GESTATTET.

Der schreckliche Störenfried zuckte zusammen und sagte: „Oh. Oh je … Ich … aber ich bin … Na ja, ich dachte, weil ich … Ich bin ein Hausgast … Oder Gast … oh je … Es tut mir sehr …“ Er tastete ungeschickt nach dem Gurt seiner Tasche, der verrutscht war, und stand abrupt auf. Golftees, Grasbüschel und getrockneter Schlamm rieselten um ihn herum zu Boden. Dann griff er in die Tasche und zog – warum auch immer – den letzten noch darin befindlichen Schläger heraus, einen mitgenommenen Putter. Er wedelte damit herum, als würde er ein imaginäres Orchester dirigieren.

„Vorsicht! Sie schlagen mir damit ja noch den Kopf ab! Was ist Ihr Problem?“

Der Putter krachte auf Agnews Tisch, während der grauenhafte kleine Mann murmelte: „Mein Problem …? Nein, so bin ich halt … ich, wissen Sie … Die Leute denken immer, dass was mit mir nicht stimmt, weil ich ich bin … Ich mache das nicht absichtlich …“

„Setzen Sie sich hin!“, brüllte Agnew.

„Okay!“, quietschte der Fremde.

Agnew verkündete: „Ich habe Kopfschmerzen und würde gerne in Ruhe essen.“ Was eine etwas seltsame Aussage war, da er sein Mittagessen noch nicht bekommen hatte. Aber er war zu genervt, um Sinn zu ergeben. Agnew runzelte die Stirn, während der Fremde ihn musterte.

„Ähm, ich … Sorry, dass ich was gesagt hab … Ich werde Sie nicht unterbrechen. Das … Ich bin Mr Ian Patterson.“

Der schmutzige Mann gab seinen Namen wieder, als hätte er ihn selbst gerade erst vor Kurzem auswendig gelernt. „Und ich … hier zu sein, ohne Golf zu spielen, war … es hätte irgendwie … Aber ich spiele kein Golf … und …“

Abgelenkt schob er die herausgefallenen Schläger wieder in die Tasche zurück. „Sie haben mir diese … Dinger … geliehen … und das … Putter-Dingsi … hatte ich schon …“

Dann klopfte er seine Kleidung ab in dem vergeblichen Versuch, die Schicht matschigen Staubs loszuwerden, die ihn bedeckte. Es verteilte den Staub lediglich gleichmäßiger.

„Mr Patterson!“

„Ah!“ Für einen Moment duckte sich Patterson und hörte auf, sich abzuklopfen. „Ja?“

„Wie wäre es, wenn ich Ihnen Golfunterricht gebe?“ Agnew lächelte wie ein Krokodil, das sich gerade einem fetten Gnu nähert, das ganz allein im Wasser paddelt. „Würde Ihnen das gefallen? Achtzehn Löcher? Optimal, würde ich sagen … Ich bin David Agnew. Erlauben Sie mir …“ Es fiel ihm deutlich schwer, die nächsten Worte auszusprechen. „… zu helfen.“

Bevor Patterson auch nur darüber nachdenken konnte, wie unwahrscheinlich das alles war, wurde ihm plötzlich die Golftasche in die verwirrten Arme gedrückt. Agnew schob ihn aus der Bar, während er dem Barmann zurief: „Kein Mittagessen für mich. Bin beschäftigt. Stornieren Sie alles. Bin in einer Viertelstunde zurück.“

Das verwunderte Patterson, denn selbst er wusste, dass fünfzehn Minuten für eine volle Runde über den Platz nicht ausreichen würden. Nicht dass Patterson eine volle Runde oder auch nur irgendwas mit Golf zu tun haben wollte. Es schien ein lächerliches Spiel zu sein und – oh je – er wurde in Richtung des Haupteingangs gezerrt und – oh nein – da war Bryony, die liebliche Bryony, die mit einem absurd aussehenden Gast sprach und sich anscheinend bestens mit ihm verstand – es war das lockige Haar, Frauen liebten lockiges Haar. Pattersons Haar war genauso dünn und ohne Leben wie seine Hoffnungen. Außerdem war es rot. Und …

„Guten Tag, Mr Agnew.“ Bryony schaute auf. Dabei sah sie unglaublich attraktiv aus. Aufgrund der Sache mit der Attraktivität war es ihm unmöglich, sie nicht anzusehen, während sie als Nächstes sagte: „Guten Tag, Mr Patterson.“

Und aufgrund der Tatsache, dass er sie ansah, war sich Patterson vollständig und auf übernatürliche Weise bewusst, dass sie ihn ebenfalls ansah. Das schickte einen stechenden Schmerz mitten in sein Herz und aus seinem Rücken wieder heraus. Es fühlte sich so echt an, dass Patterson sich Sorgen machte, seine Jacke könnte beschädigt worden sein.

„Ach, es tut mir … leid … voller Matsch und … Gras … und … versuche mich am Golfen …“ Und das Letzte, was er von ihr sah, als er die Treppe runter und nach draußen gezogen wurde, war ein Lächeln. Es war ein leicht verwirrtes, wenn nicht sogar bestürztes Lächeln, aber es hatte ihm gegolten.

Sie hatte ihn angelächelt.

Das war großartig.

Als das golfbezügliche Chaos nachließ, sprach der Doktor weiter mit Bryony, während er gleichzeitig über eine ganze Menge Dinge nachdachte. Ihm war bewusst, dass diese Fähigkeit ein Ausdruck von Genialität war. Immerhin war er ein Genie, und was für ein Genie wäre er schon, wenn er das nicht wüsste?

Derzeit fragte er sich, warum die TARDIS ihn hier abgesetzt hatte. Selbst in ihren wahllosesten Momenten folgte die TARDIS ihrer eigenen Logik, also musste es irgendeinen Grund für seine Ankunft hier geben. Außer es gab keinen. Warum Arbroath jetzt, anstatt Chicago in einem Schneesturm vor mehreren Monaten, als der Chicagoer Hobby-Computerclub sein MODEM entwickelt hatte, das eine Gefahr für jegliches Leben auf der Erde darstellte? Darum würde er sich später kümmern müssen. Oder besser gesagt früher … Wie sein Freund Robert Louis Stevenson oft gesagt hatte, musste es meist einen sehr guten Grund geben, damit man nach Arbroath kam. Also, was war der Grund?

Gleichzeitig fand der Doktor es seltsam und bedenkenswert, dass er seit seiner Materialisation den Geschmack von maillinianischen Fieberbohnen auf der Zunge hatte. Dabei hatte er sie seit Jahren nicht mehr gegessen – eklige Dinger, als würde man auf irdischen Pennys herumkauen. Dafür musste es eine Erklärung geben. Metallischer Geschmack, metallischer Geschmack … Er suchte in seinem gewaltigen und äußerst unaufgeräumten Gedächtnis nach schrecklichen oder wunderbaren oder wichtigen Ereignissen, die ein metallischer Geschmack im Mund ankündigen konnte. Er zog die Worte telepathische Klammer in Erwägung, verwarf die Idee dann aber wieder. Niemand auf der Erde würde für die nächsten hundert Jahre so ein Ding besitzen. Und es gab sehr wenige Wesen, die etwas in der Art erzeugen konnten – jedes davon so atemberaubend schrecklich, dass sie längst die Art von Chaos hätten anrichten müssen, die man nicht übersehen konnte: Armfuchteln, Schreien, Rennen, wilde Geschichten … Und gleichzeitig sah er Bryony Mailer an und dachte, was für eine großartige Frau sie war, sehr vielversprechend für einen Menschen. Er wunderte sich, warum der dreckige Kerl, der zuvor vorbeigekommen war, nicht erwähnt hatte, dass er sie liebte, bevor er nach draußen geschoben worden war. Denn er betete sie ganz eindeutig an. Nicht zum ersten Mal sann der Doktor darüber nach, dass es ein Wunder war, dass Menschen sich überhaupt fortpflanzten, wenn man bedachte, wie schwer sie sich die ganze Sache machten.

Wenn sie nicht gerade herumliefen und Angst hatten und versuchten, einander zu töten, dann waren sie schüchtern. Es war wirklich lächerlich.

In diesem Moment rammte etwas in sein Bewusstsein, das der Doktor nur als den gewaltigsten GEDANKEN bezeichnen konnte, dem er je begegnet war. Er überlud jedes seiner erstaunlich agilen und anpassungsfähigen Neuronen.

Als er zusammenbrach, hatte sein Geist gerade noch genug Platz, um nach dem Wort faszinierend zu greifen, bevor alles schwarz wurde.

Augenblicke, nachdem der Doktor zusammengebrochen war, hantierte Julia Fetch in der Küche ihres Häuschens und legte einen Stapel Spitzendeckchen und kleine Teller bereit. Nur für den Fall, dass man sie brauchte, um Kuchen darauf abzulegen und später Teetassen. Man weiß nie, wann jemand vorbeischauen könnte. Dann überlegte sie, ob sie überhaupt Kuchen dahatte …

In der Zwischenzeit eilte Bryony – was deutlich hilfreicher war – um die Rezeption herum und erreichte den Doktor gerade rechtzeitig, um ihn nicht mehr auffangen zu können, als er sich zu einem farbenfrohen Haufen auf dem Boden des Foyers zusammenfaltete. „Oh mein Gott. Doktor? Doktor?“ Er wirkte sehr friedlich, war aber eindeutig bewusstlos. „Doktor wer auch immer Sie sind?“ Sein Puls war kräftig, was gut war. Er kam außerdem mit so einer Art Echo daher, was sicher nicht gut war.

Während Bryony neben dem großen, horizontalen Fast-Gast kniete und sich fragte, ob sie einen Krankenwagen rufen oder ein Glas Wasser holen sollte, hörte sie unverwechselbare schlurfende Schritte. Kevin Mangold, Hotel-Manager und Keksdieb, war gekommen, um eine peinliche Situation noch schlimmer zu machen. Das tat er immer.

„Miss Mailer, ich hoffe, Sie haben keinen unserer Gäste niedergeschlagen …?“ Mangold schnaubte, dann wartete er darauf, dass Bryony würdigte, was er offensichtlich für einen beeindruckenden Witz hielt. Sie ignorierte ihn, also musterte er den höchst eigenwilligen Kleidungsstil des Doktors durch seine Brille, auf der sich einige Haarschuppen niedergelassen hatten. Misstrauisch fragte er: „Ist er ein Gast …?“

Bryony erhob sich, unter anderem, weil sie ein ganzes Stück größer war als Mangold und wusste, dass ihn das störte. „Er wollte ein Gast werden. Er hat mir gerade eine Geschichte über Charles Darwin erzählt und dann wurde er sehr bleich und ist einfach zusammengebrochen.“

„Nun, das können wir so nicht dulden.“ Mangold schnalzte missbilligend mit der Zunge, als sei dafür zu sorgen, dass Menschen im Foyer ohnmächtig wurden, eine neue Idee von Bryony, wie man Touristen willkommen heißen konnte. „Ganz und gar nicht. Die anderen Gäste werden das nicht mögen … Vielleicht, wenn wir ihn ein wenig beiseiteräumen könnten. Er würde ins Büro passen oder in den Wäscheschrank …“

„Wir können ihn nicht einfach in einen Schrank stecken. Er könnte krank sein. Wir müssen einen … weiteren Doktor rufen.“

„Einen weiteren Doktor? Haben Sie schon einen gerufen?“ Mangold erinnerte sich ganz offensichtlich an den offiziellen Hotel-Arzt Dr. Porteous. Dieser war über 70 und stahl eher Handtücher und Brötchen, als bei einem medizinischen Notfall eine Hilfe zu sein.

„Nein, nein … Die Handtücher sind sicher … Ich meine nur, er ist ein Doktor.“ Bryony deutete auf den Doktor und sah, wie einer seiner Füße zuckte, als sei er ein großer Hund, der von Kaninchen träumte.

„Na ja, er kann kein guter Doktor sein – schauen Sie ihn sich doch mal an.“

Bryony fühlte das Bedürfnis, den inzwischen leise stöhnenden Fremden in Schutz zu nehmen. „Ich glaube nicht, dass das eine mit dem anderen zusammenhängt.“

Der Doktor drehte sich plötzlich auf den Rücken, öffnete die Augen und erklärte: „Ich habe es Ihnen doch gesagt, das Dymaxion-Haus setzt sich nie durch. Glänzt viel zu sehr.“ Dann wurde er wieder ohnmächtig.

Mangold wippte auf knarzenden Sohlen vor und zurück und sog die Luft zwischen die Zähne. „Oh, das gefällt mir gar nicht.“ Bryony hätte schwören können, dass eine kleine Wolke frischer Schuppen aufstieg und dann niederregnete, als Mangold den Kopf schüttelte. „Sie sind der Junior-Tagesportier. Es ist Ihre Aufgabe, dafür zu sorgen, dass so etwas nicht vorkommt, Miss Mailer.“

Bryony setzte zu einem scharfen Kommentar an über Idioten, die noch nicht einmal lustig sind, und über Kekse, als das hohe Heulen des einzigen Golfwagens im Fetch Resort sie unterbrach. Xavier stürmte herein. Er hielt eine Schottendecke in den Händen und rief: „Jemand ist krank! Ist das nicht schrecklich? Jemand ist krank!“

Mehrere Dinge geschahen gleichzeitig: Die Decke wurde über die Beine des Doktors geworfen, Mangold zog sich unauffällig zurück, damit man ihn nicht mit Schwierigkeiten in Verbindung brachte, während ein Mitglied der Fetch-Familie in der Nähe war, Honor stürmte herein und nahm Bryonys Hand und dann fuhr der Doktor abrupt in die Höhe. Er nieste und überraschte damit alle – sich selbst offensichtlich am meisten.

„Ah, wo war ich?“

Er wirkte erstaunlich wenig überrascht angesichts der Tatsache, dass er auf dem Boden saß, von mehreren Leuten umringt und teilweise von einer Decke mit Schottenmuster bedeckt war. Aber tief in seinen Augen sah Bryony einen Anflug von Sorge und das machte ihr wiederum Sorgen. Sie fragte sich außerdem, woher die Zwillinge gewusst hatten, dass jemand krank war.