Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Dollar-Baby
  4. Kapitel 1
  5. Kapitel 2
  6. Kapitel 3
  7. Kapitel 4
  8. Kapitel 5
  9. Kapitel 6
  10. Kapitel 7
  11. Kapitel 8
  12. Kapitel 9
  13. Kapitel 10
  14. Kapitel 11
  15. Kapitel 12
  16. Kapitel 13
  17. Kapitel 14
  18. Vorschau

BASTEI ENTERTAINMENT

Dollar-Baby

1963 startete der Bastei Verlag die Jerry Cotton Taschenbücher in Ergänzung zu der Heftromanserie, die zu diesem Zeitpunkt schon in der zweiten Auflage war.

Damals fragte der Klappentext der Taschenbücher noch: Wer ist G-man Jerry Cotton? Und gab auch gleich die Antwort:

»Er ist ein breitschultriger, gutaussehender FBI-Beamter, der sein Leben dem Kampf gegen Gangster gewidmet hat. Durch seinen Mut und seine Entschlossenheit hat er die Herzen von Millionen Lesern in mehr als 40 Ländern erobert.«

Die Jerry Cotton Sonder-Edition bringt die Romane der Taschenbücher alle zwei Wochen in einer Ausgabe.

Es ist eine Reise durch die Zeit der frühen 60er Jahre bis in das neue Jahrtausend.

1

Es war schon dunkel, als der alte Palmer noch einmal aus der Hintertür seines Hauses trat, um den Duft der Rosen zu riechen.

Er stand kaum zehn Sekunden beim ersten Rosenstock, als sich der Lauf einer Pistole in seinen Rücken bohrte.

„Kein Laut“, warnte eine Stimme. „Los, komm ins Haus!“

Ein Stoß mit der Pistole bekräftigte die Worte.

Mit weichen Knien wankte Richard Palmer den Weg zurück ins Haus. Der Mann mit dem Schießeisen folgte ihm. Nur undeutlich erkannte Palmer, dass ein zweiter Mann an der Haustür wartete.

„Er scheint vernünftig zu sein“, erklärte der Mann hinter Palmer.

Sie traten ins Haus. Die Tür flog hinter den drei Männern krachend ins Schloss.

***

Eine Stunde später warf Palmers Nachbar, der Tankwart Bob Dorsey, einen Blick durchs Fenster, weil ihm ein heller Schein auffiel. Im selben Augenblick schossen auch schon die Flammen aus dem Dachstuhl des Palmer’schen Hauses.

Dorsey raste ans Telefon, um die Feuerwehr zu verständigen. Aber bis die eintraf, hatte der Brand schon alles zerstört.

„War Palmer in seinem Haus?“, fragte der Feuerwehrchef.

„Ich fürchte, ja“, antwortete Dorsey stockend. „Wir haben nach ihm gerufen, aber er hat nicht geantwortet. Die Flammen waren so stark, dass wir nicht mehr ins Haus gekommen sind.“

Die Feuerwehrleute stocherten nur kurz in den kümmerlichen Resten herum, bis sie auf die verkohlte Leiche stießen. Ein paar Minuten später zeigten die Männer dem Tankwart etwas, das einmal eine Uhr gewesen war.

„Das ist Palmers Uhr“, sagte er entsetzt. „Jetzt ist er tot, elendig verbrannt. Scheußlich!“

„Hatte er Angehörige?“, fragte der Feuerwehrchef. „Wir müssen sie verständigen.“

„Einen Sohn“, antwortete Dorsey. „Er ist beim FBI in New York tätig.“

„Wird ein Schock für den G-man sein“, meinte einer der Feuerwehrleute. „Kann ich mal bei Ihnen telefonieren, Dorsey?“

***

Agent Clive Palmer hatte an diesem Abend Nachtdienst. So erreichte ihn die Hiobsbotschaft im District Office.

„Ich komme sofort“, sagte er, mühsam seine Fassung bewahrend. Als er wenig später neben Dorsey und dem Sheriff vor der Brandstelle stand und auf die ausgeglühte Uhr starrte, sagte er verzweifelt: „Ja, es ist Dads Uhr. Aber ich begreife nicht …“ Kopfschüttelnd betrachtete er das Trümmerfeld.

„Was begreifen Sie nicht, Agent?“, fragte der Sheriff.

Clive starrte auf die Leiche, die bis zur Unkenntlichkeit verbrannt war. „Mein Vater war sehr vorsichtig, wenn es um Feuer ging“, sagte er gedankenverloren. „Das hatte er sich in seinem Beruf angewöhnt. Er hatte viel mit brennbaren Chemikalien zu tun. Von klein auf hat er mir eingeimpft, ja kein Streichholz fallen zu lassen. Er wurde wild, wenn ich mal im Bett geraucht habe.“ Er machte eine Pause. „Wie ist es möglich …?“

„Vielleicht war ihm übel“, sagte Dorsey tröstend, „oder er ist ohnmächtig geworden.“

„Dad war für sein Alter kerngesund“, antwortete Clive. Unruhig lief er auf und ab, ließ jedoch den Blick nicht von der Leiche. Dann wandte er sich an Dorsey. „Hören Sie!“, sagte er. „Haben Sie im Lauf des Abends irgendeinen Fremden hier in der Nähe gesehen?“

Dorsey schüttelte den Kopf.

„Denken Sie an ein Verbrechen?“, fragte der Sheriff.

Clive zuckte mit den Schultern. „Ich kann mir nicht vorstellen, was ein Gangster von meinem Vater gewollt haben könnte.“

„Hatte er etwas Wertvolles im Haus? Geld, Schmucksachen?“

Clive schüttelte den Kopf. „Reich war mein Vater nicht, Sheriff. Er wollte seinen Lebensabend in Ruhe und Frieden hier genießen und hatte gerade sein Auskommen.“

„Hm“, brummte der Sheriff, „ihr sucht immer nach irgendeinem Geheimnis. Dass ein alter Mann mal aus Versehen leichtsinnig wird, passt nicht in euer Konzept.“

Bevor Clive etwas entgegnen konnte, kam Dr. Mallow an, den der Sheriff verständigt hatte. Der Mediziner warf einen bekümmerten Blick auf das, was von Richard Palmer übriggeblieben war, und zog dann ein Formular aus der Tasche.

Clive hatte noch ein Anliegen. „Ich möchte Sie bitten, Doc“, sagte er, „die Leiche meines Vaters noch einmal zu prüfen. Vielleicht gibt es irgendein Anzeichen dafür, dass er durch Gewaltanwendung ums Leben gekommen ist.“

„Nicht ganz leicht festzustellen“, murmelte der Arzt. Er beugte sich nicht gerade begeistert über den verkohlten Körper.

Gespannt und doch vom Schmerz überwältigt folgte Clive jeder Bewegung des Arztes.

Nach etwa zehn Minuten richtete sich der Doc auf. „Keine Hieb-, Schuss- oder Stichwunde.“

Clive nickte resigniert. Er hatte geahnt, dass sein Verdacht haltlos war.

Der Arzt reichte Palmer einen kleinen Gegenstand. „Vielleicht wollen Sie ihn zur Erinnerung behalten, Agent. Der Manschettenknopf lag unter der Leiche.“

Clive starrte abwechselnd den Arzt und den Gegenstand in seiner Hand an. „Sind Sie sicher“, fragte er aufgeregt, „dass der Knopf tatsächlich unter der Leiche meines Vaters gelegen hat?“

„Ganz sicher. Als ich den Körper herumgedreht habe, habe ich ihn entdeckt. Ist etwas damit?“

„Ja, Doc“, sagte Clive erbittert. „Jetzt weiß ich, dass hier etwas faul ist. In dem Haus muss ein Fremder gewesen sein, der meinen Vater umgebracht hat. Vater trug nämlich keine Manschettenknöpfe.“

***

Als ich am Morgen mein Büro betrat, saß Clive Palmer schon da. Ich sah ihm an, dass ihn der Tod seines Vaters sehr mitgenommen hatte.

„Hast du ein paar Minuten für mich Zeit, Jerry?“, fragte Clive. „Ich glaube, mein Vater ist ermordet worden.“

Palmer war noch nicht allzu lange bei uns. Er war ein hochaufgeschossener blonder Mann Ende zwanzig, noch nicht sehr erfahren, und Mr High hatte mich gebeten, mich in den ersten Wochen um Clive zu kümmern.

Clive erzählte mir, was im Haus seines Vaters passiert war. „Natürlich habe ich dafür gesorgt“, beendete er seinen Bericht, „dass die Mordkommission eingeschaltet wurde. Ich hatte aber das Gefühl, dass dem Lieutenant das Indiz mit dem Manschettenknopf nicht sonderlich gefiel. Auch der Polizeiarzt konnte keine anderen Verletzungen als die Brandwunden feststellen. Die Kollegen von der Mordkommission meinten, der Manschettenknopf könne durch jeden beliebigen Besucher ins Haus gekommen sein. Das sei jedenfalls noch kein Beweis für einen Mord.“

Ich nickte. Der Verdacht auf Mord stand nicht gerade auf festen Füßen. Vor allem, da sich Clive kein Motiv für die Tat vorstellen konnte. Natürlich wollte ich ihm helfen.

„Erzähl mir etwas von deinem Vater!“, bat ich ihn. „Was war er von Beruf?“

„Er war Graveur“, sagte Clive. „Hat eine ganze Anzahl Jahre fürs Schatzamt gearbeitet und die Druckstöcke für Banknoten hergestellt. Vielleicht hast du gerade einen Dollarschein in der Tasche, den er unter der Nadel hatte.“

Er lächelte schwach, und bei mir klingelte es. „Wo ist die Leiche deines Vaters jetzt?“

„In Greenwich. Nachdem die Mordkommission nichts gefunden hat, wird er wohl zur Beisetzung freigegeben werden.“

Ich angelte mir das Telefon und wählte die Nummer unseres Labors. „Hör zu, Frank!“, erklärte ich unserem Chemiker. „Nehmen wir mal an, ich habe eine verkohlte Leiche und will das Alter der Person bestimmen. Ist das möglich?“

„Kinderspiel, Jerry. Entweder finden wir ein paar Gewebeteile, die noch nicht ganz vom Feuer zerstört sind, oder wir analysieren die Knochen.“

„Wie genau ist das Ergebnis?“, wollte ich wissen.

„Den Geburtstag können wir dir natürlich nicht nennen, Jerry. Aber bis auf zwei oder drei Jahre können wir es genau sagen. Das hängt davon ab, welches Material wir zur Analyse vorliegen haben.“

„Das wirst du bald wissen, Frank. Bereite alles vor, sodass ihr möglichst schnell ein Ergebnis habt!“

„Von uns aus kann es sofort losgehen.“

„Okay, Frank. So long.“

Clive Palmer schaute mich verblüfft an, als ich den Hörer aufgelegt hatte. „Wenn ich dich recht verstanden habe, Jerry“, sagte er langsam, „zweifelst du daran, dass die Leiche wirklich mein Vater ist?“

„Genau, Clive. Ich gehe jetzt zu Mister High und bitte ihn um sein Einverständnis für die Untersuchung. Der Rest ist dann deine Sache.“

Ich trug Mr High den Fall vor. Natürlich konnten wir uns nicht offiziell in die Ermittlungen einschalten. Ich hoffte aber, wenigstens die Zustimmung zur Analyse zu bekommen.

Unser Chef erklärte sich sofort einverstanden.

Mein Kollege machte sich umgehend auf den Weg nach Greenwich, als er grünes Licht hatte.

***

„Sie haben es ja plötzlich sehr eilig, Ihren Vater beisetzen zu lassen“, sagte der Lieutenant von der Mordkommission, als Clive ihm gegenüberstand.

„Eilig? Wieso?“, wollte der Agent wissen.

„Vor einer halben Stunde rief das Bestattungsinstitut an, ob sie die Leiche abholen könnten. Sie haben sich auf Ihre Anweisung berufen.“

Überrascht blickte Clive den Lieutenant an. „Ich habe kein Institut damit beauftragt.“

„Ist das Ihr Ernst, Agent?“, fragte der Lieutenant. „Ich hatte natürlich keine Bedenken, die Genehmigung zu erteilen. Hoffentlich ist denen im Bestattungsinstitut kein Irrtum unterlaufen.“

Jetzt war Clive wie elektrisiert. „Wo ist die Leiche meines Vaters?“

„In unserem Keller. Warten Sie, ich gebe sofort Bescheid!“

Der Lieutenant hatte das Ohr schon an der Muschel. Er horchte einen Augenblick, nachdem er seine Anweisung durchgegeben hatte. „Stoppen Sie das augenblicklich!“, sagte er dann. „Ich komme gleich runter. Lassen Sie die Leute nicht weg!“

Der Lieutenant knallte den Hörer auf die Gabel. „Los, Agent! Die Männer vom Bestattungsinstitut sind gerade unten. Wir müssen uns beeilen.“

Er sprang vom Schreibtisch auf und eilte mit Clive Palmer aus dem Büro. Der Lift war unterwegs. Deshalb rannten sie die Treppen hinunter.

Vom Erdgeschoss war der Keller durch eine Stahltür getrennt. Der Lieutenant wollte sie bereits öffnen, aber sie war verschlossen.

„Das gibt es doch nicht“, rief der Lieutenant. „Die Tür ist immer offen. Hey, Joe, aufmachen!“

Clive brannte der Boden unter den Füßen. „Wo ist der Außeneingang zum Keller, Lieutenant? Sicher hält dort der Wagen.“

Sie rannten sofort hinaus und hasteten um das Gebäude herum. Als sie um die Ecke bogen, sahen sie einen schwarzen geschlossenen Wagen, wie ihn Bestattungsinstitute haben, mit einem Kavaliersstart davonbrausen.

Die beiden Männer blieben betroffen stehen. Dann sprinteten sie zum Kellerausgang. Diese Tür stand offen.

„Joe!“, schrie der Lieutenant.

Niemand antwortete.

Der Lieutenant sprintete hinein. Da sah er Joe leblos am Boden liegen.

Ein dünner Blutfaden verlief über den Estrich. Die beiden Männer verständigten sich durch einen Blick. Dann verließen sie keuchend den Keller. Der Lieutenant wies auf einen Streifenwagen, der auf dem Parkplatz stand. Sie sprangen hinein.

Der Lieutenant zerrte den Zündschlüssel aus der Tasche und startete, während Clive über Funk das Office benachrichtigte, dass Joe schwer verletzt im Keller liege. Innerhalb einer Minute würde Hilfe zur Stelle sein.

Der Lieutenant schaltete Warnlicht und Sirene ein. Heulend legte sich der Wagen an der Ausfahrt in die Kurve.

Die Männer starrten angespannt die Straße entlang, die stark belebt war. Palmer entdeckte den schwarzen Wagen zuerst. Vielleicht dreihundert Yards vor ihnen hatte er eben noch bei Rot an einer Kreuzung warten müssen. Jetzt setzte er sich wieder in Bewegung.

„Drücken Sie die Taste für den Sprechfunk!“, wies der Lieutenant an, während er das Gaspedal durchdrückte und sich zwischen den Wagen hindurchschlängelte, die vor ihnen waren.

Clive hielt ihm das Mikrofon vor den Mund.

„Hier Lieutenant Knox. Ich verfolge einen flüchtigen schwarzen Wagen vom Bestattungsinstitut über die Lincoln Avenue, Richtung Stamford. Der Wagen ist aufzuhalten. Einsatzwagen Standort melden! Ende.“

Clive drückte die Empfangstaste.

Wenige Sekunden später kam die Antwort. „Hier Einsatzwagen 3. Wir fahren zwischen Greenwich und Port Chester.“

„Das ist die falsche Richtung“, rief Knox.

Die Stimme aus dem Lautsprecher fuhr fort. „Wir wenden, Lieutenant.“

Der Fahrer des schwarzen Wagens vor ihnen schien bemerkt zu haben, dass er verfolgt wurde. Denn er hatte die Geschwindigkeit stark erhöht.

„Sehen Sie das schwarze Fahrzeug noch?“, fragte der Lieutenant.

Palmer nickte. Durch eine plötzliche Lücke sah er, dass das rechte Blinklicht des Bestattungswagens aufflammte. „Sie wollen nach rechts, Lieutenant!“

Der schwarze Wagen vor ihnen bog ab. Dann war er verschwunden.

Der Lieutenant kurvte mit dem Streifenwagen auf die rechte Seite. Die Reifen kreischten, als er das Steuer herumriss. Die Signalanlage an der Kreuzung war auf Rot gesprungen. Die Wagen stauten sich, und der Einsatzwagen fand keinen Durchlass.

Der Lieutenant trat auf die Bremse. Mit Schwung steuerte er den Wagen auf den Fußweg, aber das kostete wertvolle Sekunden. Endlich war es geschafft.

Der Lieutenant schimpfte wie ein Rohrspatz. Der Schweiß lief ihm von der Stirn. Clive Palmer starrte verbissen auf die Straße. Von dem schwarzen Wagen war jetzt nichts mehr zu sehen.

Der Lieutenant gab Gas.

„Sie müssen wieder abgebogen sein“, vermutete Clive.

An der ersten Kreuzung stoppten sie und blickten in beide Richtungen. Nichts zu sehen.

„Wir müssen weiter. Vielleicht die nächste Seitenstraße!“, sagte Palmer.

Doch der schwarze Wagen war wie vom Erdboden verschluckt. Der Lieutenant ließ den Streifenwagen vorwärtsschießen. Sie gelangten an die nächste Kreuzung.

Da! Sie hatten es kaum noch zu hoffen gewagt: Dort stand ein schwarzer Wagen. An der linken Seitenstraße.

Sie jagten die Straße entlang und stoppten genau auf Höhe des Wagens. Auf den ersten Blick sahen sie, dass niemand mehr am Steuer saß. Der Leichenwagen war verlassen.

Clive Palmer riss die Tür auf und sprang hinaus. Mit einem Griff hatte er die hintere Tür aufgezogen. Was er sah, genügte ihm.

Den Burschen, die die Verfolger hinter sich wussten, war der Boden zu heiß geworden. Sie hatten es vorgezogen, sich selbst in Sicherheit zu bringen, ohne die Ladung noch retten zu wollen.

***

Es stellte sich heraus, dass die Gangster jede Spur hatten verwischen wollen, und dazu gehörte auch die Leiche. Zum Glück war Clive rechtzeitig in Greenwich aufgetaucht.

Er saß jetzt vor mir in meinem Zimmer und machte ein betrübtes Gesicht. Leider konnte ich ihm noch kein Ergebnis der Laboruntersuchungen mitteilen. Clive war nervös.

„Frank ruft sofort an, wenn sie es geschafft haben“, sagte ich beruhigend.

„Du hast schon eine Theorie, nicht wahr, Jerry?“, wollte er wissen.

„Ja, Clive. Aber es hat keinen Sinn, darüber zu sprechen, ehe wir das Analyseergebnis haben. Übrigens, was war mit dem Beamten der Dienststelle in Greenwich? Joe hieß er, sagtest du.“

„Er ist schwer verletzt. Die Ärzte wissen nicht, ob sie ihn durchbringen können.“

„Hat er schon eine Aussage gemacht?“, wollte ich wissen.

„Er war kurz bei Besinnung. Zwei Männer seien es gewesen, die ihn niedergeschlagen hätten.“

„Konnte er sie beschreiben?“, fragte ich.

„Er wurde wieder ohnmächtig, ehe ich ihn danach fragen konnte“, sagte Clive resigniert.

„Klarer Fall“, stellte ich fest. „Dann haben sie die Kellertür abgeschlossen und geglaubt, Zeit genug zur Flucht zu haben. Aber die Rechnung ist nicht ganz aufgegangen.“

Das Telefon läutete. Mein Kollege zuckte zusammen. Die Sache ging ihm verständlicherweise an die Nieren.

Ungeduldig blickte er mich an, während ich den Hörer abnahm.

„Wir haben den Befund“, sagte Frank, unser Chemiker. „Es handelt sich um eine männliche Leiche. Sie muss, wenn man die Einwirkungen des Feuers in Rechnung stellt, zu Lebzeiten fünfeinhalb Fuß groß gewesen sein. Lebendgewicht schätzungsweise hundertfünfundsechzig Pfund.“

Ich schrieb mit. „Moment, Frank!“, sagte ich in den Hörer und wandte mich an Palmer, der kein Auge von mir ließ. „Wie groß war dein Vater etwa, Clive?“

Er hatte die Zahlen auf dem Zettel gelesen und nickte betrübt. „Das könnte stimmen.“

Ich runzelte die Stirn. Sollte ich mich geirrt haben? Ich wandte mich wieder an Frank. „Wie steht es mit dem Alter damit?“

„Der Mann stand in den besten Jahren, möchte ich sagen. Zweiundvierzig vielleicht. Könnte auch ein Jahr jünger oder älter gewesen sein. So genau möchte ich mich da nicht festlegen.“

Wenigstens ein Lichtschimmer, dachte ich, obwohl das Ergebnis nicht recht überzeugte.

„Frank“, sagte ich, „besteht die Möglichkeit, dass der Tote etwa fünfundsechzig Jahre alt gewesen ist?“

„Nein, ausgeschlossen“, sagte Frank prompt. „Der Brand hatte ein paar Gewebestellen am Rücken verschont. Wir konnten also Knochen und Gewebe analysieren.“

„Genügt mir, Frank. Du hast Clive und mir sehr geholfen. Aber ich habe noch eine Bitte: Glaubst du, dass du etwas über die Todesursache feststellen kannst?“

„Du meinst, der arme Kerl ist gar nicht im Feuer umgekommen?“

„Scheint mir ziemlich ausgeschlossen“, erwiderte ich.

„Wird jedenfalls nicht leicht festzustellen sein, Jerry. Aber es kommt wohl auf einen Versuch an.“

Ich legte auf. „Mit absoluter Gewissheit, Clive: Es war nicht dein Vater! Der Tote ist mindestens zwanzig Jahre jünger. Jemand wollte den Tod deines Vaters nur vortäuschen.“

Clive sprang auf. Man sah ihm die Freude an. „Mensch, Jerry, wie soll ich dir nur danken? Wenn du nicht geschaltet hättest … Ich kann es noch gar nicht fassen … Beinahe hätte ich meinen Vater beerdigen lassen.“

Meine Reaktion schockierte ihn. „Das wirst du trotzdem tun müssen, wenn du eine Chance haben willst, deinen Vater lebend wiederzusehen.“

„Was willst du damit sagen, Jerry?“

„Setz dich hin und hör mir gut zu! Bei mir fiel der Groschen heute Morgen, als du erzählt hast, welchen Job dein Vater hatte. Was ist das größte Problem, wenn jemand Geld fälschen will? Einen Graveur zu finden, der die Bilder auf den Scheinen so hinkriegt, dass sie echt aussehen. Dein Vater ist also für Leute, die mit gefälschten Bucks schnell reich werden wollten, im wahrsten Sinn des Wortes Gold wert.“

„Sie wollen ihn zwingen, für sie zu arbeiten?“

„Genau das. Für die Welt gilt er als tot. Niemand wird an ihn denken, falls mal irgendwo gefälschte Banknoten auftauchen werden. Aber warum sollte man es entdecken? Niemand kann die echten Noten besser nachmachen als einer, der die echten selbst entworfen hat!“

„Ein teuflischer Gedanke. Aber du kannst recht haben.“

„Ich wette, ich habe recht. Frank hat mir den Beweis geliefert. Die Gangster haben einen Mann umgebracht, der genau die Größe deines Vaters hatte. Das Alter erschien ihnen vermutlich nicht so wichtig. Dann haben sie deinen Vater überrumpelt, dem Toten andere Kleidung angezogen, die Uhr deines Vaters zugesteckt und das Haus in Brand gesetzt. Eine einfache Sache.“

„Und der Manschettenknopf?“

„Das war ihr Pech, Clive. Vermutlich war dieser Knopf im Hemd des unglücklichen Opfers und ist beim Umziehen auf den Boden gefallen, ohne dass die Gangster es bemerkt haben. Ohne diese Panne wärst du nicht auf die Idee gekommen, am Tod deines Vaters zu zweifeln.“

„Und“, fragte Clive, „warum soll ich, nachdem feststeht, dass der Tote nicht mein Vater ist, ihn trotzdem beerdigen lassen?“

„Wir dürfen die Gangster nicht wissen lassen, dass wir ihren Trick durchschaut haben. Vielleicht haben wir Glück und erwischen einen von ihnen beim Begräbnis. Aber vor allem geht es um die Sicherheit deines Vaters. Solange die Kerle die Gewissheit haben, dass wir keine Nachforschungen anstellen, ist dein Vater sicher. Er kann ihnen ja nicht gefährlich werden, wenn niemand nach ihm fahndet.“

Clive schlug sich mit der Hand vor die Stirn. „Natürlich, Jerry“, sagte er. „Du hast völlig recht. Aber was, zum Teufel, hat die Gangster veranlasst, die Leiche des armen Kerls entführen zu wollen?“

„Um jedes Risiko auszuschalten. Wenn die Leiche verschwunden wäre, könnte man, sollte die Polizei je Zweifel bekommen, nie die wirkliche Todesursache feststellen. Die Gangster wussten ja nicht genau, wie groß die Wirkung des Feuers sein würde.“

„Durch die Entführung haben sich die Burschen erst verdächtig gemacht. Das war ziemlich dumm von ihnen.“

„Das stimmt. Aber wir nehmen ihnen allen Wind aus den Segeln, wenn wir die Beerdigung deines Vaters vortäuschen.“

Clive Palmer nickte überzeugt. „Ich fürchte nur“, sagte er dann, „die Gangster werden es nicht leicht mit meinem Vater haben. Wie ich ihn kenne, wird er sich bis zum Äußersten sträuben, an der Fälschung zu arbeiten. Er kann störrisch sein wie ein Maulesel.“

2

Richard Palmer hatte das Gefühl, ungewöhnlich lange und tief geschlafen zu haben. Als er sich im Augenblick des ersten Aufwachens noch einmal behaglich strecken wollte, merkte er plötzlich, dass er sich nicht frei bewegen konnte.

Mit einem Schlag war er hellwach.

Er riss die Augen auf, blickte sich um und begriff, dass er nicht zu Hause war. An Händen und Füßen gefesselt, lag er in einem fremden Zimmer.

Im selben Augenblick fielen ihm die Ereignisse ein, die er am Abend erlebt hatte: Der fremde Mann. Der Weg ins Haus zurück.

Die Spritze, die man ihm gegeben hatte, während einer der beiden Männer ihn wie in eisernen Klammern festhielt.

Was hatte das alles zu bedeuten? Er konnte sich keinen Reim darauf machen.

Nach einiger Zeit versuchte er, sich aufzurichten. Aber sie hatten ihn ans Bett gefesselt. Unwillkürlich stieß er eine Verwünschung aus.

Da hörte er nebenan ein Geräusch. Die Tür öffnete sich. Eine junge Frau blickte interessiert herein. Sie war kaum älter als zwanzig Jahre, hatte braune Haare und war elegant gekleidet.

„Endlich sind Sie wach“, sagte sie lächelnd und keineswegs unfreundlich.

„Was hat das zu bedeuten?“, fragte der alte Palmer unwirsch. „Warum hat man mich hierher verschleppt und gefesselt?“

„Das werden Sie bald erfahren“, sagte die junge Frau freundlich. „Machen Sie sich nur keine Sorgen! Tun Sie alles, was man Ihnen befiehlt! Dann werden Sie sich hier bald wohl fühlen. Haben Sie Hunger?“

„Erst will ich wissen, warum ich hier bin“, sagte Richard Palmer störrisch. „Vorher esse ich keinen Bissen. Ich bin gekidnappt worden. Wissen Sie, was das bedeutet?“