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Georg Jaster

Vaovao

Was gibt’s Neues auf Madagaskar?
Ein Geschichtengeflecht.

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Georg Jaster

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Vaovao

Was gibt’s Neues auf Madagaskar?
Ein Geschichtengeflecht.

Vaovao

Was gibt’s Neues auf Madagaskar?
Ein Geschichtengeflecht.

© 2017 Georg Jaster

Umschlag-Illustration: Irene Mehl
Lektorat, Korrektorat:Udo Bremer, Hendrik Lambertus
Weitere Mitwirkende:Gisela Hebrant (Nachwort),
Markus Brand (Gestaltung, Satz)

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

ISBN
Paperback:978-3-7439-2655-4
Hardcover:978-3-7439-2656-1
e-Book:978-3-7439-2657-8

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Widmung:

Ich widme dieses kleine Buch denjenigen Bürgern Madagaskars, die für eine bessere Zukunft in ihrer Heimat kämpfen. Menschen wie Ketakandriana, Saholy, Irina, Faratiana, Stefana, Ndranto, Larissa, Jonah, Hasina, Jean Louis, Johary, Tse, Manantsoa und viele andere. Lasst euch nicht unterkriegen.

Und ich widme es meinem Großvater Richard Maatsch (1904 – 1992), der die Liebe zu dieser großen Insel in unsere Familie getragen hat.

Inhalt

VORBEMERKUNG

ANKUNFT UND ALLTAG IN ANTANANARIVO

In Tana ankommen

Wir richten uns ein

Der Verkehr

Fahren in Tana

Ein Marktbesuch

Neulich am Ho-Chi-Minh Platz

Der Müll, die Stadt und der Tod

Regenzeit I

Regenzeit II

Kinder

Bauboom

Ist Tana eine schöne Stadt?

DIE MADAGASSEN HABEN DIE WAHL

Der neue Präsident

Machtwechsel auf Madagassisch

Kommunalwahlen

ANSICHTEN, EINSTELLUNGEN, LEBENSWEGE

Die Vision des Dr. H.

Die Ausgewanderten

Rudi

Claudio und seine „Chérie“

Gerald

Monsieur Nany

Gräfin von L. und die Entführung durch die Kalanoro

Seherkunst in der Polizeiarbeit

Schwester Fabiola

What is and what should never be

Der Tod von Madame Lucie

Moderne Zeiten

Fihavanana

Gute Wünsche

Wer oder was ist eine Insel?

Ranavalona I, oder: Der weibliche Caligula

REISEN UND MOBILITÄT

Tana – Fianarantsoa

Fianarantsoa – Toliara

Die Reise nach Morondava

Eine Reise nach Mahajanga

Zu Fuß

Die Relativität von Zeit und Raum

Monsieur Romeo

Zen, oder die Kunst ein Motorrad anzumelden

Multitasking

Werkstattbesuch

NACHHALTIGKEIT, RECHTSSTAAT, GUTE REGIERUNGSFÜHRUNG UND DIE ZIVILGESELLSCHAFT

Die Zivilgesellschaft

Termine

Das Seminar

Willensbildung

Medienarbeit

Evaluierung

Nachhaltige Entwicklung

Krise? Welche Krise?

Der Rechtsstaat

Madagassisches Verwaltungshandeln

Ein General der Luftwaffe

Regierungsumbildung

Directrice Générale Ecologie (DGE)

Gute Regierungsführung

NATUR, SCHILDKRÖTENSCHMUGGLER UND ROSENHOLZMAFIA

Natur

Der Flamingojäger

771 kleine Schildkröten

00Hasina jagt den Lizard King

Die „Min Feng“, die „Min Leng“ und die Strafverfolgung

Die Bekämpfung der Rosenholzkriminalität

Don Quichote und der Rosenholzbaron

ARM UND REICH; WAS BLEIBT?

Die schlesischen Weber und die Zuckerfabrik von Morondava

Arm und reich

Poesie des Alltags

NACHWORT VOM „MAP“

Der erste Weg

Babylon

Angekommen

Ein Fazit

VORBEMERKUNG

In Antananarivo beginnen meine bewussten eigenen Erinnerungen. In Antananarivo begann meine Schulzeit. Es ist der Ort, an dem ich in den Jahren 1968-1970 gelebt habe. Das war von meinem sechsten bis achten Lebensjahr. Ich stellte mir immer vor, eines Tages an diesen Ort zurück zu kehren. Eigentlich nur aus Neugierde. In meiner kindlichen Erinnerung war es dort sehr schön gewesen. In dieser Erinnerung gab es ein weißes Haus mit einem großen Garten, davor eine kleine staubige Straße. Auf dieser Straße lernte ich Radfahren. Sie führte an unserem Haus vorbei und endete nach einigen hundert Metern in den Reisfeldern. 1970 kehrten wir nach Deutschland zurück, ich ging zur Schule, studierte, ergriff einen Beruf, gründete eine Familie, die Kindheitsjahre in Madagaskar verblassten in der Erinnerung und spielten in meinem Leben keine Rolle.

Dann, irgendwann im Laufe des Jahres 2012, entdeckte ich mehr oder weniger zufällig eine Stellenanzeige des CIM, des „Centrums für Internationale Migration und Entwicklung“. Es wurde ein Umweltjurist für einen Einsatz in Madagaskar gesucht. Ich bewarb mich und bekam die Stelle. Im September 2013 brachen wir auf. Wir, das waren Gisela, meine Lebensgefährtin, unsere damals 3 Jahre alten Zwillinge und ich. Und so fand ich mich wieder in der Stadt, die ich 43 Jahre zuvor verlassen hatte und von der ich so gut wie nichts wusste. Und die Stadt, das Land, die Welt waren eine vollkommen andere geworden.

Die folgenden Geschichten erzählen von diesem, meinem zweiten Aufenthalt in Antananarivo. Ich werde darin nicht die Umwelt- oder Entwicklungsprobleme Madagaskars, Afrikas, oder dieser Welt erklären. Ich bin kein Afrika- oder Madagaskar-Experte. Ich möchte einen Einblick geben, in das, was wir, meine Familie und ich, in unserem privaten und beruflichen Alltag in Madagaskar erlebt haben. Ich möchte davon erzählen, wie die Menschen in Madagaskar die kleinen und großen Herausforderungen des Lebens meistern. Davon erzählen, wie sich das Leben in einem Land wie Madagaskar anfühlt. Und was ich sah, war fast immer berührend und bewegend. Manchmal traurig, manchmal heiter. Oft war ich auch wütend. Wütend über die Arroganz der Herrschenden und wütend über die Sinnlosigkeit dieser bitteren Not und Armut in einem Land, das über vielfältige Chancen und Ressourcen verfügt.

Die Ruhe, die Gelassenheit, die Lebensfreude der Menschen hat uns beeindruckt und angesteckt. Und als ich den Aufsatz „Reise durch das Herz des schwarzen Kontinents“ von Bartholomäus Grill las (erschienen in: „Frühstück in Timbuktu“, Verlag Piper, 1999), erkannte ich vieles wieder. Grill schreibt:

„Anarchie, Rechtlosigkeit, Verrohung sind uns nur in den Metropolen begegnet, Rwanda ausgenommen, in moribunden Hauptstädten, wo die Regierungen so kriminell handeln wie Straßenräuber. Doch schon in den Slums zerfällt die Staatsgewalt. Dahinter auf dem Land, beginnt die Heimat von Staatenlosen, in deren Alltag Normalität und Ausnahmezustand nicht zu trennen sind. Verschlafene, verarmte Weltprovinz, über der eine unendliche Stille liegt. Die Stille Afrikas.

Gemäß apokalyptischer Vorhersagen müsste die Hälfte der Afrikaner längst verhungert sein. Warum ist dem nicht so? Wie überleben sie in jener tödlichen Unwirtlichkeit, die Europas Archive beschreiben? Den Menschen, die wir getroffen haben, gelingt es, weil sie unfasslich genügsam und geduldig sind. Weil ihre Lebenslust größer ist als ihre Armut. Weil ihre soziale Phantasie, ihr Gemeinsinn, ihre Improvisationskunst einzigartig sind. Weil sie unbändige Kraft der Versöhnung entfalten.

Wir könnten von diesen Tugenden lernen“.

Georg Jaster,
Ratingen im April 2017

ANKUNFT UND ALLTAG IN ANTANANARIVO

In Tana ankommen

Mir wurde vor meiner Abreise aus Deutschland gesagt, dass der Kontrast zwischen Antananarivo und dem ländlichen Madagaskar erheblich sei. Antananarivo, welches die Madagassen gerne „Tana“ nennen, sei im Grunde eine moderne Großstadt, so wie wir Europäer sie kennen. Die madagassische Provinz sei etwas vollkommen Anderes. Als ich in Tana ankam, war ich zunächst sprachlos. Sprachlos und fassungslos von dem Gewimmel, Gedränge und Gewirr aus Menschen, Fahrzeugen, Behausungen aller Art, die ich noch nie in dieser Art gesehen hatte. Ich fühlte mich orientierungslos und verloren. Das war keine Stadt, so wie ich sie kannte. Der Radius, den ich überblickte, war beschränkt auf das Haus mit Garten, in dem ich ein Gästezimmer bezogen hatte, und auf die kleine staubige Straße davor, die in den Reisfeldern endete. Erst ein Jahr später fand ich heraus, dass meine erste Unterkunft, die ich im Jahr 2013 bezog, nur wenige hundert Meter von der Straße entfernt war, in der ich Ende der 60er Jahre einen Teil meiner Kindheit verbracht hatte.

Die Stadt erschien mir als ein unentwirrbares Knäuel aus Straßen, Gassen, Pfaden und Treppen ohne Namen und ohne Hinweisschilder. In dieses Gewirr wagte ich mich kaum hinaus. Tana ist auf vielen Hügeln erbaut, nach der Legende und nach den Reiseführern sind es zwölf. Mir schienen es sehr viel mehr zu sein. Legte ich in der Stadt Wege zurück, so bewegte ich mich ständig in Serpentinen auf- und abwärts. Ich kaufte einen Stadtplan, aber es gelang mir nicht, das Auf- und Ab, das ich in der Wirklichkeit sah, irgendwie mit der flachen, zweidimensionalen Abbildung auf dem Plan in Übereinstimmung zu bringen. Adressen nützten nichts, niemand kannte sie. Alle Menschen in Tana orientieren sich an markanten Bauwerken oder sonstigen auffälligen Wegmarken. Ging ich zu Fuß, so musste ich mir meinen Weg sehr gut einprägen um zurück zu finden. Nahm ich ein Taxi, so musste ich ebenfalls einen markanten Punkt in der Nähe meines Zielortes wissen, damit ich dem Taxifahrer erklären konnte, wohin ich wollte. Ich lernte, dass Stadtteilnamen hilfreich waren. Für mich, den Neuankömmling aus Europa, waren sie aber für lange Zeit unaussprechlich und unmöglich zu merken: Antaninarenina, Antanimora, Ampefiloha, Ankorondrano, Ambohijatovo, Andrainarivo und viele weitere wunderliche Namen. Ein einziges Rätsel. Erst sehr viel später gelang es mir, einige der Namen fehlerfrei auszusprechen und ich war sehr stolz darauf, sie routiniert für die Wegbeschreibung nutzen zu können.

In den ersten Wochen aber kam ich ohne fremde Hilfe nirgendwo hin und nirgendwo weg. Wieder ein Kind. Völlig desorientiert. Nur fähig, mich in meiner eigenen Straße ein paar hundert Meter nach links und ein paar hundert Meter nach rechts zu bewegen. Ich wagte es nicht, einfach aufs Geratewohl in die Stadt zu spazieren, denn man hatte mich vor finsteren Ecken und vor Vierteln gewarnt, denen ich besser fern bleiben und in die ich nicht aus Versehen geraten sollte.

Das öffentliche Bussystem war für mich ebenfalls undurchschaubar und ich habe bis zum Schluss meines Aufenthalts kaum verstanden, wann und wo Busse halten und wo sie hinfahren. Meine madagassischen Kollegen rieten mir, dem weißen Ausländer, dem „Vazaha“, im Übrigen auch davon ab, diese Busse – es handelt sich übrigens ausnahmslos um Mercedes Sprinter – zu benutzen. Irgendwann, in einer der ersten Wochen meines Aufenthalts, unternahm ich mit einem weniger ängstlichen, afrikaerfahrenen Kollegen einen Versuch. Wegen des Feiertags war der Bus für die lokalen Verhältnisse relativ leer, d.h. es drängten sich nicht an allen Türen und Ecken noch Fahrgäste. Für mein Gefühl war es dennoch unerträglich voll. In dem Bus gab es winzige Sitze, links und rechts je zwei Reihen und in dem Mittelgang wurde bei Bedarf mit kleinen Brettern noch ein fünfter Sitz geschaffen. Ich bin in Polen oft mit genau denselben Mercedes-Sprintern gefahren. Dort sind in jeder Reihe drei Sitzplätze vorgesehen, dazwischen ein kleiner Gang. Die madagassische Bestuhlung der engen Busse führt dazu, dass man in innigstem Körperkontakt mit seinen Nachbarn sitzt. Fremde Hände in meinen Jacken- oder Hosentaschen hätte ich überhaupt nicht bemerkt, denn es drückte, zwängte, drängelte und wühlte ohnehin immer und überall jemand. Die Busfahrt kostete umgerechnet ca. 0,12 EUR und war damit verglichen mit dem Taxi, in dem eine Stadtfahrt regelmäßig ca. 3 bis 4 EUR kostete, sehr günstig.

An allen Straßen entlang sah ich unzählige Händler, die die ehemals vielleicht vorhandenen Bürgersteige mit Bretterbuden zugebaut hatten, in denen sie ihre Waren oder Dienste anboten. Das Warensortiment konnte Obst und Gemüse umfassen, aber auch Autoreifen, Schweißarbeiten, Möbeltischlerei, Handys, gebrauchte Kleider, Bankgeschäfte und Devisen, Gold und Gewürze, einen Haarschnitt oder auch Zahnheilkunde. Dazwischen liefen immer wieder zerlumpte Kinder jeden Alters herum und bettelten die Marktkunden und die Ausländer an. Diese Bettelkinder, so wurde mir dann später berichtet, könne man für ca. 10.000 Ariary am Tag mieten, was etwa 3,50 EUR entspricht. Diese Investition und noch einen „Gewinn“ dazu müssten die Kinder dann im Laufe des Tages für ihren, nennen wir ihn „Lehnsherrn“, erwirtschaften. Ich habe mich in meiner Zeit in Tana nie an den Anblick dieser verlorenen Kinder gewöhnen können, und es ist tragisch, dass dieses Geschäftsmodell offenbar funktioniert. So lohnt es sich für skrupellose Erwachsene, Kinder zum Betteln auf die Straße anstatt in die Schule zu schicken.

Anfangs scheute ich die Straßenmärkte. Ich hatte Angst, übervorteilt zu werden oder mich ungeschickt zu benehmen. Also kaufte ich in gewöhnlichen Supermärkten ein, die es als Filialen der großen französischen oder südafrikanischen Ketten ebenfalls überall gab und wo ich alle Waren, die ich aus Europa kannte, bekam. Ich entdeckte sogar sehr bald zwei kleine hochpreisige Einkaufsmalls, die Luxusgüter und die in solchen Malls üblichen Waren anboten und in denen es auch Cafés und Restaurants aller Art gab. Deutsche Freunde nahmen mich bald nach meiner Ankunft in schicke Bars und Diskotheken mit, in denen die „expatriates“ und die reichen Madagassen bei teuren Getränken und in edlem Ambiente die Abende ausklingen ließen und die tropischen Nächte feierten. In einer dieser Bars gab es einen Kälteraum. Man konnte darin den für ein heißes Land ungewohnten Luxus genießen, beim Schlürfen seines Drinks ein wenig zu frieren. Diese Bars hätten auch in London, Paris, oder Berlin sein können. Nur mit dem Unterschied, dass in Tana vor den Türen dieser Bars dann wieder zerlumpte Bettelkinder auf die Partygäste warten und versuchen, ihnen auf dem Weg zum Auto Zigaretten zu verkaufen oder irgendetwas aus der Jackentasche zu ziehen.

Wir richten uns ein

Nach einigen Monaten der Suche hatte ich ein geeignetes Haus für meine Familie gefunden. Bei der Suche hatte ich vor allem darauf geachtet, dass mein Weg zur Arbeit kurz sein sollte, da ich so wenig Zeit und Nerven wie möglich in den endlosen Verkehrsstaus verlieren wollte. Das Haus war nach europäischen Standards gebaut, Elektro-, Gas- und Wasserinstallation wirkten vertrauenserweckend. Dort konnten wir uns wohlfühlen. Es war, gemessen an madagassischen Standards und auch gemessen an unseren eigenen Maßstäben, sehr groß. Aber kleinere Häuser auf europäischem Sicherheitsniveau und in geeigneter Lage gab es nicht. Wir waren noch weit entfernt von der Kategorie „Luxusvilla“, wie die der reichen Händler oder der Politiker. Dennoch haderte insbesondere Gisela während unseres gesamten Aufenthalts mit ihrem Gewissen, ob wir es mit dem Wohnkomfort nicht übertrieben hatten. Und es war nicht nur das Haus, das für uns ungewohnt war. Noch viel fremder war für uns zunächst, dass wir auf einmal Personal haben sollten: Zu dem Haus gehörte eine Mannschaft von vier Wächtern, die das Haus 24 Stunden am Tag und 7 Tage die Woche rund um die Uhr bewachten. Vor unserem Einzug hatte es einige Jahre leer gestanden, so dass der Vermieter die Bewachungskosten getragen hatte. Mit unserem Einzug wollte der Vermieter nicht mehr für die Bewachung aufkommen, sondern überließ uns, ob überhaupt und wenn ja – durch wen wir uns bewachen lassen wollten. Die vier Wächter hatten bei unserem Einzug somit große Sorgen, dass sie ihre Jobs verlieren würden. Vielleicht waren wir leichtsinnig und wollten gar keine Bewachung? Vielleicht waren wir besonders ängstlich und wollten die schwarz uniformierten Männer einer der professionellen Wachfirmen anheuern? Wir überlegten tatsächlich beides. War Tana tatschlich so unsicher, dass man sich bewachen lassen musste? Finanziell konnten wir es uns jedenfalls leisten. Die deutsche Botschaft empfahl allen im Lande lebenden Europäern dringend, Wachdienste in Anspruch zu nehmen, deshalb wurden mir ortsübliche Kosten der Bewachung im Rahmen meines Entsendungsvertrags erstattet.

Wir entschieden uns schließlich, uns bewachen zu lassen. So brauchten wir niemanden zu entlassen, brauchten keine Rache arbeitsloser und enttäuschter Wächter zu fürchten (die berufsbedingt immer sehr viel über Haus und Hof wissen). Die Entscheidung war aus vielfältiger Perspektive gut. Es ist nie etwas passiert, in unser Haus und in unseren Garten ist nie eingebrochen worden. Und dank der Kontakte zu unseren Wächtern, die im Laufe der Jahre sehr herzlich wurden, haben wir vieles über den madagassischen Alltag gelernt.

Zu den vier Wächtern kam nach einigen Wochen noch eine fünfte Mitarbeiterin hinzu, eine Haushälterin. Auch was diese Stelle anging, waren wir erst zögerlich und hatten Schwierigkeiten uns vorzustellen, eine ganz fremde Person so nah an uns heran und mitten in unseren Familienalltag hineinzulassen. Wir erhielten jedoch ununterbrochen Bewerbungen und sahen ein, dass Europäer, die keine Haushaltshilfe einstellten, in den Augen der Madagassen krankhaft geizig waren, da sie noch nicht einmal eine kleine Arbeitsstelle für die Einheimischen einrichteten. So wollten wir nicht sein. Wir begriffen, dass jede europäische Familie in Madagaskar auch ein kleines Konjunkturprogramm zu sein hat und stellten also nach einigen Wochen Frau Lalaina ein, der wir, wie auch den Wächtern, etwa 100,- EUR im Monat zahlten. Frau Lalaina und die Wächter verdienten damit etwa das Doppelte des madagassischen Mindestlohns. Frau Lalaina erwies sich für uns als große Hilfe und wurde für Gisela fast zu einer Freundin. Auch die Kinder liebten sie und so waren wir alle froh, uns gefunden zu haben.

Bei unserem Einzug war das Haus bis auf Küche und Bäder vollkommen leer, also ging es ans Einrichten. Wir sind moderne Mittel- bzw. Nordeuropäer des 21sten Jahrhunderts. Wir zählen zu den Gewinnern des weltweiten Lottos um Chancen und Ressourcen. Unsere Kultur und unsere Art zu leben wird von großen Teilen der Weltbevölkerung beneidet und imitiert. Diese Neider ahnen nicht, was wir so alles brauchen, um unseren Alltag zu bewältigen, und wie hilflos wir ohne unsere tausende von Dingen und Gerätschaften sind. Bei einem Umzug sind nomadisierende afrikanische Hirten, arktische Inuit-Jäger oder mongolische Reiterstämme deutlich im Vorteil und wir Angehörigen der westlichen Industriekulturen stehen da wie Idioten. Es türmten sich Container, Truhen, Kästen und Koffer voller Gerümpel. Hätte ich geahnt, was alles erforderlich war, um einen europäischen Durchschnittshaushalt für vier Personen mit dem Allernötigsten auszustatten, ich wäre wohl zuhause geblieben. Und wir waren, glaube ich, noch nicht einmal ein besonders anspruchsvoller Haushalt.

Zu den zehn Umzugskartons aus Deutschland, deren Inhalt in unserem neuen Haus in Tana sofort verschwand als sei er Nichts gewesen, kamen rasch mindestens zehn komplett bis unters Dach vollgestopfte Auto-Ladungen und verschiedene Lieferanten-Fahrten hinzu. Wischmopp, Glühbirnen, Küchenutensilien, Matratzen, Gefäße, Körbe, Handtücher, Waschpulver, Teppiche, Wäscheleine, etwas Werkzeug, Spielzeug, Bücher, Waschmaschine und andere elektronische Geräte, etc. etc. Man braucht tausend und eine Sache. Und von den Lebensmitteln und den Möbeln, die wir natürlich auch herbeischafften bzw. uns liefern ließen, spreche ich noch gar nicht.

Dennoch: Nach diesen ganzen Wagenladungen sah unser Haus immer noch ziemlich leer aus und uns fiel ständig etwas Lebenswichtiges ein oder auf, das uns noch fehlte. Erst nach etwa einem Jahr ließ unser Drang langsam nach, andauernd emsig irgendwelche unerlässlichen Dinge beschaffen zu müssen.

Als ich 16 war, hatte ich ein romantisches Ideal von afrikanischen Wanderhirten, die ein einfaches Leben führten, die mit nichts als mit einer Reisigmatte unter dem Arm ihren Herden folgten und dabei in meiner Fantasie frei, glücklich und unbeschwert waren. Wir waren und sind keinesfalls unglücklich. Aber „einfach“ ist ein europäischer Haushalt nicht. Und ressourcenschonend auch eher nicht. Zum Trost sagten wir uns, dass jeder europäische Haushalt in Madagaskar dafür dutzende von Handwerkern, Händlern und Dienstleistern glücklich macht. Jeder Madagasse weiß, dass wir Europäer zumeist nicht vernünftig handeln und feilschen können und dass wir wegen unseres eigenen Wohlstands ein latent schlechtes Gewissen haben. Deshalb zahlen wir im Großen und Ganzen ohne zu murren (fast) jeden Preis für Waren und Dienstleistungen. Andere Ausländergruppen, z.B. die Inder, Pakistanis und Chinesen, gelten da als deutlich zähere Burschen und sind deshalb beim lokalen Handwerk weniger beliebt.

Alle Händler und Handwerker freuten sich, uns zu sehen, und verlangten von uns deutlich stolzere Preise als von ihren Landsleuten. Solange eine gewisse Schamgrenze und Abstand zur Unverschämtheit gewahrt wurde – was regelmäßig der Fall war –, konnten wir gut damit leben. Es war eigentlich eine Win-Win-Situation.

Der Verkehr

Die Straßen Tanas sind vollkommen verstopft von Fußgängern, Karren, Fahrrädern, Mopeds, Kleinbussen und Autos. Und was für Autos: Tana ist vom KFZ-Bestand her wie Havanna in Kuba, nur dass hier nicht die Blüten des amerikanischen, sondern vielmehr die des französischen Automobilbaus der 60er und 70er Jahre fröhliche Urstände feiern. Wie viele Kilometer hält eine alte Ente oder ein alter Renault R4? Es müssen Millionen sein. Die Taxiflotte besteht fast ausschließlich aus ausgelaugten und stark verlebten Klein- oder Mittelklassewagen aus der Produktion der ehemaligen Kolonialmacht Frankreich. Renault 4, 5, 9, 11, 12 und 16. Auch eine Dauphine aus den frühen 60ern sah ich fast täglich im Einsatz. Alle Varianten der kleinen Zweizylinder-Citroëns und alte Peugeots aller erdenklichen Typen befahren die Straßen. Im Grunde scheinen mir all die Autos aus meinen Kindertagen noch unterwegs zu sein, sie sehen nur deutlich müder aus.

Anlässlich einer Reise nach Deutschland begeisterte sich ein früherer Bürgermeister von Tana unter anderen Errungenschaften für das deutsche taxi-beige. Er führte es kurzentschlossen auch in seiner eigenen Stadt ein, was zur Folge hat, dass die in die Jahre gekommene Taxiflotte von außen relativ frisch und adrett in „unserer“ Taxifarbe durch die Straßen rollt und rumpelt. In den Autos sieht es je nach Basteltalent und Geldbeutel des Eigentümers sehr unterschiedlich, oft allerdings eher bedenklich aus. Die Rahmen, die Sitze, eigentlich alles, ist tausend Mal gebrochen, wieder geflickt, repariert, durch Kisten, Bretter, Schnüre, oder sonst etwas ersetzt, was gerade zur Hand war. Die kleinen Wägelchen haben sich in ihrem Autoleben völlig verausgabt. Meist hatten sie ein erstes Leben in Frankreich, Belgien, Italien oder in Deutschland. Als ihre europäischen Besitzer ihrer überdrüssig waren, verkauften sie die Autos an gewiefte Händler, die weder die Stürme um Kap Hoorn, noch die Frachtkosten, noch die madagassischen Zoll- und Hafenbehörden fürchteten und die die angejahrten Fahrzeuge dann für ihr zweites Leben auf die große Insel verschifften. Hier erwartete sie kein ruhiges Altenteil unter Palmen und tropischer Sonne, sondern die Arbeit ging nun erst richtig los. Manche Taxen knarzen und wimmern so erbarmungswürdig, dass sie sich offenbar nur noch wünschen, ein gnädiges Schicksal möge ihnen ein seliges Ende auf dem Schrottplatz gönnen. Aber nein: Sie müssen sich auch nach 30 oder wer weiß wie vielen Jahren noch tag-täglich die Berge Tanas herauf- und herunterquälen. Hinauf mit altersschwachen Kleinstmotoren, die die Steigungen nur noch im Schritttempo bewältigen, hinunter mit matten, erlahmenden Bremsen, die eigentlich keine Kraft mehr haben, selbst das bescheidene Gewicht der mageren Autos noch lange zu halten.

Die Taxifahrer tanken meistens nach Bedarf, d.h. man gibt sein Fahrziel an, handelt den Preis aus, und der Chauffeur wird dann an der nächsten Tankstelle genau die für diese Fahrt erforderliche Menge Sprit tanken. Oft braucht er hierfür einen kleinen Vorschuss, oder den Fahrpreis. Meist wird das Benzin auch nicht in den Tank geschüttet, sondern in einen kleinen Plastikkanister oder einfach in eine Flasche, die der Fahrer dann geschickt zwischen seinen Beinen hält, während er nebenbei kuppelt, bremst, Gas gibt oder das Auto während der Fahrt repariert.

Irgendwann löste ich das Rätsel der alten Mineralwasserflaschen als Benzintank: Die Taxifahrer sind selten die Eigentümer ihrer Fahrzeuge, sondern sie mieten diese morgens an und geben sie abends wieder an ihren Taxibaron ab. Sie übernehmen die Autos ohne Sprit und wollen sie dem entsprechend auch ohne Sprit wieder zurückgeben. Das Geld, um einen vollen oder halbvollen Tank auszuzahlen, hat weder der Taxifahrer noch der Taxibaron, daher die Flaschenlösung. Und der Taxifahrer muss ja die Kosten niedrig halten, um zunächst die Tagesmiete einzufahren.

Besonders günstig zu mieten und daher besonders beliebt scheinen Taxis zu sein, bei denen keine Lampe mehr geht, bei denen die Räder kreuz und quer in alle Richtungen stehen und die bei jeder Bodenwelle und bei jedem Schlagloch beängstigende Geräusche von sich verbiegendem und verformendem Metall machen. Ich fuhr in Tana dennoch, oder gerade deswegen gerne Taxi. Es war immer spannend und ich bin zu meiner eigenen Überraschung auch immer am Ziel angekommen. Liebhaber berauschender Genüsse schätzen die Mischung aus leichtem Benzinnebel (Wasserflasche) von vorne und betörendem Abgasnebel (undichter Auspuff und undichte Kofferraumklappe) von hinten, die bei fast jeder Fahrt ohne Aufpreis mitgeliefert wird und die ihre Wirkung selten verfehlt.

Und ich wünschte mir, ich hätte einmal für eine Woche einen Düsseldorfer Taxifahrer mit einem seiner Kollegen aus Tana die Städte und die Fahrzeuge tauschen lassen können. Der Tana-Taxichauffeur würde sich in einem klimatisierten, neuwertigen Benz mit Navi und im wohlgeordneten Düsseldorfer Stadtverkehr sofort zurechtfinden. Er käme vermutlich schnell zu dem Schluss, dass das Leben doch der vielzitierte Ponyhof sein muss. Sein nach Tana versetzter Düsseldorfer Kollege hätte sicher deutlich mehr Mühe, mit den hiesigen Straßenverhältnissen und mit einem 40 Jahre alten Kleinwagen, der nach jeder Fahrt intensiver Wartung und Zuwendung bedarf, seine Kunden sicher und pünktlich von A nach B zu bringen.

Neben den völlig heruntergekommenen Taxen und Alltagsfahrzeugen der madagassischen Mittelschicht fallen die vielen riesigen Geländewagen auf, die kaum in die engen, alten Straßen der Stadt passen. Sie gehören den reichen Madagassen, Politikern, Unternehmern oder führenden Mitarbeitern der NGOs [ 1 ], sowie den ganzen Expatriates aus den Botschaften und Hilfsorganisationen. Diese Autos wirken wie von einem anderen Stern in der Ansammlung aus kaputten Straßen, rollendem Schrott, bröckelnden Häusern und zerlumpten Menschen. Ein riesiger, nagelneuer, weißer Luxus-SUV mit dem Logo einer Hilfsorganisation, sagen wir z.B. zur Bekämpfung der Armut oder des Hungers, wirkt in diesem Umfeld irgendwie unanständig. Der Zustand der Straßen in und um die Stadt rechtfertigt ganz objektiv ein hochgebautes, solides und möglichst allradgetriebenes Auto. Das Problem ist, dass der Wagen nie nur ein Arbeitsmittel ist, sondern er ist auch ein ständig sichtbares Zeichen und sendet eine Botschaft. Es ist eine Botschaft von Macht, von Überlegenheit und von dem scheinbar grenzenlosen Reichtum, der aus der Sicht der Madagassen dort herrschen muss, wo die Hilfsorganisation herkommt. Einige Organisationen haben das erkannt und benutzen sehr bescheidene oder uralte Vehikel. Die sind aber eher die Ausnahme.

Ich persönlich erkannte sehr schnell, dass ich sehr gerne bei Bekannten oder europäischen Kollegen in deren weißen, dicken Luxus-SUVs mitfuhr. Man verlässt in dem Moment, in dem man in solch ein Auto einsteigt, die Realität des Entwicklungslandes und ist in einer aus Europa gewohnten Umgebung. Und schon kurze Zeit nach meiner Ankunft merkte ich, dass ich diese „Auszeiten“ brauchte. Aber es ist für entsandte Mitarbeiter wie mich eine ständige Gratwanderung. Man kann die Auszeiten wie: schönes Auto, schönes Haus, gute Restaurants, klimatisiertes Büro, etc. auch so weit ausdehnen, dass man in der Realität des Gastlandes nie ankommt. Dann kann man vermutlich nur sehr wenig bewirken.

Fahren in Tana

Irgendwann musste ich mir die Frage beantworten, ob ich mich selber in den anarchischen und chaotischen Verkehr wagen wollte, oder ob ich auf Taxis oder einen eigenen Chauffeur vertrauen wollte. Es war keine leichte Frage. Autofahren in Tana fühlt sich in etwa so an, als ob man mit einem Lastwagen durch die engen Tischreihen eines Flohmarkts fahren wollte. Das Wetter ist sonnig und schön, der Flohmarkt ist proppenvoll. Den richtigen Weg kennt man nicht, man ahnt ihn höchstens. Es geht eigentlich nicht.

Und auf diesem übervollen Flohmarkt muss man sich zusätzlich zu den Händlern und den Marktbesuchern auch noch Mopeds, Fahrräder, Handkarren und dutzende von Kleinbussen vorstellen, die da ebenfalls hindurch möchten. Und in Lücken, von denen man als Europäer denkt, es passt kein Fahrradfahrer mehr hinein, da passen in Wirklichkeit noch bequem zwei Kleinbusse. Einspurige Straßen werden grundsätzlich in zwei oder drei Reihen befahren. Mehrspurige Straßen im eigentlichen Sinne gibt es nicht, aber die braucht ja auch niemand, da die Verkehrsteilnehmer das mit den Spuren selbst unter sich regeln. Und über allem schwebt das Damokles-Schwert eines Unfalls. Verursacht man als weißer Ausländer einen Unfall, so wird es beim kleinsten Blechschaden sehr, sehr teuer werden. Und schlägt das Schicksal zu, so dass eine Person verletzt oder gar getötet wird, so ist auch der Unfallverursacher in ernster Gefahr. Es hat in solchen Situationen bereits Fälle von Lynchjustiz gegeben. Sollte man als Ausländer tatsächlich einmal einen Menschen im Straßenverkehr verletzen, so wird in den Vorbereitungskursen empfohlen, den Unfallort so schnell wie möglich zu verlassen und dann aus sicherer Entfernung per Telefon Hilfe zu holen. Auf keinen Fall soll man selber versuchen zu helfen und am Unfallort bleiben. Einer solchen Situation wollte ich mich auf keinen Fall aussetzen und diesem Rat wollte ich niemals folgen müssen. Ich überlegte von daher lang und gründlich, entschied mich dann aber letztlich doch für das eigene Fahren.

Als Mittelweg zwischen klappriger Ente und hochgerüstetem Gelände-SUV wählte ich einen Lada Niva Vorführwagen beim lokalen Händler, in der Farbe eines schweren Bordeaux-Weines. Er bekam bei uns den Namen Vladimir. Er war klein genug für Tanas Gassen und robust genug für die Überlandstrecken und Pisten. Und er erweckte niemandes Neid oder Missgunst, sondern regelmäßig eher Heiterkeit und Mitleid bei den madagassischen Kollegen.

Irgendwann fuhr ich zum ersten Mal allein den Weg ins Büro. Ich hatte auf den dutzenden Taxifahrten auf dieser Strecke versucht, mir den Weg genau einzuprägen. Und zu meiner allergrößten Erleichterung: Ich hatte kein Huhn und kein Kleinkind überfahren, war in keine Einbahnstraße falsch herum hinein und bin auch in keinen der offenen ca. 60 cm tiefen Straßengräben hineingefallen. Es gelang!

Und hier für die Nachwelt der Weg vom Stadtteil Ivandry nach Andrainarivo. Er geht in etwa so:

Aus meiner kleinen Stichstraße kommend, biegt man zunächst links ab in die Hauptstraße. Dann geradeaus an der russischen Botschaft und am Stadion vorbei, bis es bergauf geht. An der Steigung an der ersten Y-Kreuzung rechts halten (Achtung: Geradeaus ist Einbahnstraße, es steht aber kein Schild: man muss es wissen). Dann am öffentlichen Waschplatz geradeaus halten, bei der Tankstelle, an der immer die Polizisten stehen, scharf links abbiegen. Anschließend gleich wieder rechts und dem Straßenverlauf eine ganze Weile folgen, durch die Reisfelder und an der chinesischen Botschaft vorbei (wie passend: Reis, China!) bis zu der T-Kreuzung mit den Metallwerkstätten und den Schweißern. Hier nun scharf rechts. Nach wenigen hundert Metern an dem chaotischen Kreisverkehr, an dem sechs Straßen zusammenkommen (ich nenne ihn „den Todeskreisel“) irgendwie versuchen, nach links zu kommen. Das ist schwer und erfordert die hier im Verkehr notwendige Mischung aus äußerster Vorsicht, in die man jedoch einen kleinen Schuss Dreistigkeit und Drängelei hineinmischen muss. Nach wenigen Metern sofort wieder rechts abbiegen. Achtung: Hinter der Kurve gibt es ein sehr tiefes Schlagloch und eine Bushaltestelle. Aus allen Richtungen laufen stets eilige Fahrgäste über die Fahrbahn, die ihren Bus erwischen wollen. Ist man an Schlagloch und Bushaltestelle heil vorbeigekommen, dann passiert man noch die französische Schule „école B“ (Vorsicht Schüler!) und die Gendarmerie-Kaserne (Vorsicht Gendarmen!). Beim Mausoleum für den unbekannten Soldaten die Spitzkehre nach rechts nehmen und dann den steilen Berg hinunter. An der ersten Kreuzung halbrechts bergab in die steile, kleine Stichstraße. Angekommen! Ich brauchte nach den ersten Fahrten immer erst einmal einen Kaffee und eine Pause, um mich von den Strapazen der Fahrt zu erholen und um arbeitsfähig zu werden.

Später wurde ich routinierter und lockerer. Ich lernte, dass es in Tana immer drei Wege gibt, die einen von A nach B führen: Man kann entweder links um den Hügel herum fahren, rechts um den Hügel herum, oder aber die Serpentinen geradeaus über den Hügel hinweg nehmen. Alles führt zum Ziel, der gewählte Weg ist meist gar nicht so wichtig. Hat man sich verfahren, so fährt man weiter und wartet bis eine Kreuzung, ein Gebäude, ein Markt kommt, den man wiedererkennt. Die höhere Schule des Fahrens in Tana besteht dann darin voraus zu ahnen, wo am wenigsten Stau sein könnte und seine Wahl, ob man links herum, rechts herum oder über den Berg fährt, danach zu treffen.

Ein Marktbesuch

Irgendwann wollte ich meine Scheu vor den Märkten ablegen und auch meine Neugier befriedigen. An einem arbeitsfreien Tag nahm ich mein Hasenherz in beide Hände und wagte mich in das Gedränge auf den großen Markt in die Innenstadt. Ich wurde zuvor eindringlich vor den dortigen Taschendieben gewarnt und war natürlich vollkommen panisch. Ich beschloss deshalb, quasi ohne alles, also so gerade eben angemessen bekleidet, auf den Markt zu gehen. Alles irgendwie Wertvolle wie Uhr, Handy, größere Geldbeträge, Fotoapparat etc. ließ ich zuhause. Die notwendigsten Dinge (Führerschein, Aufenthaltserlaubnis, Sonnenbrille, etc.) verwahrte ich in meinem russischen Panzer Vladimir. Als weitere Absicherung beschloss ich, Vladimir direkt vor einer großen Bank zu parken, die von grimmig dreinschauenden, bewaffneten Wachmännern umstellt war. Hier würde niemand es wagen, ihn zu knacken!

Auf diese Weise gerüstet begab ich mich auf den Markt. Gleich vorweg: Kein einziger Taschendieb weit und breit. Niemand versuchte, seine geschickte Hand in meine Taschen gleiten zu lassen. Soweit alles ganz entspannt.

Aber zusätzlich zu den „normalen“ Händlern mit ihren Markständen gab es eine Vielzahl fliegender Händler, die engagiert und proaktiv auf mich, den potentiellen Kunden, zugingen. Ohne die Datensammlungen von Google und Co., dafür aber mit professionellem Feingefühl erspürten sie, welche Waren mich gerade brennend interessieren müssten, und boten genau diese Waren sehr offensiv an. Mir wurde Folgendes ganz persönlich und mit großem Nachdruck anempfohlen:

· handgemachte Holzspielzeugautos

· eine original madagassische Harfe

· eine Trommel

· eine Weltkarte und eine Karte von Madagaskar im Set oder einzeln

· das Chemie-Periodensystem als Wandkarte (?!)

· ca. 12 original Markensonnenbrillen (Roy Boon)

· ca. ebenso viele original Markenuhren (Krolex)

· Schuhputzzeug

· Fliegenklatschen

· handgedrehte Pornovideos original made in Mada

· eine Dach-Fernsehantenne (?!)

· Ledergürtel

· noch mehr Sonnenbrillen und noch mehr Uhren (Original)

· Lenkrad-Schoner und Autositzbezüge aus Lederimitat

· ein kleiner Hund

Und vieles mehr, das ich vergessen habe. Interessant war die Preisentwicklung bei diesen Verkaufsgesprächen: Die Verkäufer schlossen im Vorbeigehen zu mir auf und begleiteten mich dann schnellen Schrittes. Sie stiegen ein mit einem absurd hohen Preis. Für jedes „non merci“ und für jede zurückgelegten 20 Meter ging der Preis um ca. 25% herunter, bis er nach ca. 60 Metern wirklich günstig war und ich ins Grübeln kam, ob nicht vielleicht doch die Trommel? Oder das Periodensystem…? Allerdings glaube ich, dass alle Dämme gebrochen wären, wenn ich an einer Stelle nachgegeben hätte, und ich hätte zusätzlich einen Möbelwagen (Ochsenkarren mit zwei Original-Marken-Ochsen) kaufen müssen, um all diese äußerst günstigen Herrlichkeiten irgendwie nach Hause zu bekommen.

Ich kaufte schließlich ein Paar Leinenschuhe. Sicher original von der lizensierten Tochtergesellschaft in China hergestellt. Komischerweise sind ca. 60% der auf diesem Markt von den fest installierten Händlern angebotenen Waren Schuhe. Ich fragte mich, wer außer mir diese Schuhe alle kaufte, denn die meisten Madagassen laufen entweder barfuß oder in Badeschlappen herum. Die auf dem Markt massenhaft angebotenen Stiefel und Halbschuhe hatte ich hier noch an praktisch keinem Fuß gesehen. Rätselhaftes Madagaskar.

Und auch eine bestürzende Frage stellte sich: Wie gehe ich mit einem höchstens 14- oder 15-jährigen, hochschwangeren Mädchen um, das mich anbettelt? Tue ich nichts? Gebe ich 100, 500, 1.000 oder wie viel auch immer Ariary? Adoptiere ich Mutter und ungeborenes Kind?

Und was mache ich mit den dutzenden anderen Kindern, die mich und jeden anderen Passanten unablässig um Geld anbetteln? Die Madagassen, die ich kenne, bleiben in der Regel hart, geben nichts und sagen den Bettelkindern streng, sie sollten in die Schule gehen. Das hören diese nicht gerne und wenden sich ab. Meine madagassischen Freunde wollen damit erreichen, dass sich das Geschäft für die Lehnsherren der Kinder nicht lohnt.

Die meiste Zeit während meiner Jahre auf Madagaskar machte ich das auch so (bis auf den Satz mit dem in die Schule gehen; den konnte ich nie richtig aussprechen). Aber ich war mir nie sicher, ob es richtig war und es zerriss mir jedes Mal fast das Herz, diesen Anblick ertragen zu müssen.

Und zu den Taschendieben ist noch etwas nachzutragen: Es gibt sie unzweifelhaft, aber nicht nur. Ein europäischer Freund verlor in genau diesem Marktgewimmel einmal sein Portemonnaie. Er bemerkte es nicht sofort, sondern erst kurz darauf, als ihm ein aufmerksamer Passant das Portemonnaie hinterhergetragen und es ihm wiedergegeben hatte. Es fehlte nichts.

Neulich am Ho-Chi-Minh Platz

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