Kapitel

Titel

I. Persönliches

II. Religion und Philosophie

III. Kunst und Literatur.

IV. Individualität. Staat und Gesellschaft.

V. Frauen, Liebe und Ehe

VI. Vermischte Einfälle.

Heinrich Heine

Gedanken und Einfälle

 

Der Text wurde weder sprachlich modernisiert, noch der neuen geltenden Rechtschreibung angepasst, um das Charaktermerkmal nicht zu verletzen.

 

Ausgabe im SoTo Verlag, 2016

Bielatalstraße 14, 01824 Königstein

Vollständig und neu gesetzt durch Sandra Oelschläger

Herausgeber der Klassik-Reihe: Sandra Oelschläger

Umschlaggestaltung unter Verwendung von Bildern,

die der Creative Commons CC0 unterliegen.

 

ISBN Print: 978-1540478528
ISBN Großdruck: 978-1540478535

ISBN EPUB: 9783961126750

www.buch-klassiker.de

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I. Persönliches

Um meine Wiege spielten die letzten Mondlichter des achtzehnten und das erste Morgenrot des neunzehnten Jahrhunderts.

Die Mutter erzählt, sie habe während ihrer Schwangerschaft im fremden Garten einen Apfel hängen sehen, ihn aber nicht abbrechen wollen, damit ihr Kind kein Dieb werde. Mein Leben hindurch behielt ich ein geheimes Gelüste nach schönen Äpfeln, aber verbunden mit Respekt vor fremden Eigentum und Abscheu vor Diebstahl.

Ich habe die friedlichste Gesinnung. Meine Wünsche sind: eine bescheidene Hütte, ein Strohdach, aber ein gutes Beet, gutes Essen, Milch und Butter, sehr frisch, vor dem Fenster Blumen, vor der Tür einige schöne Bäume, und wenn der liebe Gott mich ganz glücklich machen will, läßt er mich die Freude erleben, daß an diesen Bäumen etwa sechs bis sieben meiner Feinde aufgehängt werden. Mit gerührtem Herzen werde ich ihnen vor ihrem Tode alle Unbill verzeihen, die sie mir im Leben zugefügt – Ja, man muß seinen Feinden verziehen, aber nicht früher, als bis sie gehenkt worden.

Ich bin nicht vindikativ – ich möchte gern meine Feinde lieben; aber ich kann sie nicht lieben, ehe ich mich an ihnen gerächt habe – dann erst öffnet sich ihnen mein Herz. Solange man sich nicht gerächt, bleibt immer eine Bitterkeit im Herzen zurück.

Daß ich Christ ward, ist die Schuld jener Sachsen, die bei Leipzig plötzlich umsattelten, oder Napoleon‘s, der doch nicht nötig hatte, nach Rußland zu gehen, oder seines Lehrers, der ihm zu Brienne Unterricht in der Geographie gab und ihm nicht gesagt hat, daß es zu Moskau im Winter sehr kalt ist.

Wenn Montalembert Minister wird und mich von Paris fortjagen wollte, würde ich katholisch werden – Paris vaut bien une messe!

Ich ließ mich nicht naturalisieren, aus Furcht, daß ich alsdann Frankreich weniger lieben würde, wie man für eine Maitresse kühler wird, sobald man bei der Mairie ihr legal angetraut worden. Ich werde mit Frankreich in wilder Ehe fortleben.

Mein Geist fühlt sich in Frankreich exiliert, in eine fremde Sprache verbannt.

Gott wird mir die Torheiten verzeihen, die ich über ihn vorgebracht, wie ich meinen Gegnern die Torheiten verzeihe, die sie gegen mich geschrieben, obgleich sie geistig so tief unter mir standen, wie ich unter dir stehe, o mein Gott!

II. Religion und Philosophie

Die Erde ist der große Felsen, woran die Menschheit, der eigentliche Prometheus, gefesselt ist und vom Geier des Zweifels zerfleischt wird. Sie hat das Licht gestohlen und leidet nun Martern dafür.

Kunst und Philosophie, das Bild und der Begriff, wurden erst durch die Griechen voneinander getrennt. Die Verschmelzung derselben in der Religion ging beiden voran.

Der Gedanke der Persönlichkeit Gottes als Geist ist ebenso absurd wie der rohe Anthropomorphismus, denn die geistigen Attribute bedeuten nichts und sind lächerlich ohne die körperlichen.

Der Gott der besten Spiritualitäten ist eine Art von luftleerem Raume im Reiche des Gedankens, angestrahlt von der Liebe, die wieder ein Abglanz der Sinnlichkeit.

Der Engel, der Karrikaturen malt, ist ein Bild des Pantheisten, der seinen Gott in der Brust trägt.

Der Gedanke ist die unsichtbare Natur, die Natur der sichtbare Gedanke.

Im Altertume gab es keinen Gespensterglauben. Die Leiche wurde verbrannt, der Mensch entschwand als Rauch in die Höhe, er ging auf in dem reinsten, geistigsten Element, im Feuer. Bei den Christen wird der Leib (aus Hohn oder Verachtung?) der Erde zurückgegeben – er ist wie das Korn, und sproßt wieder hervor als Gespenst (ein körperlicher Leib wird gesäet, ein geistiger entsproßt) – er behält die Schauer der Verwesung.

Gott hat nichts manifestiert, was auf eine Fortdauer nach dem Tode hinwiese; auch Moses redet nicht davon. Es ist Gott vielleicht gar nicht recht, daß die Frommen die Fortdauer so fest annehmen – In seiner väterlichen Güte will er uns vielleicht damit eine Surprise machen.

Bei keinem Volke ist der Glaube an Unsterblichkeit stärker gewesen wie bei den Kelten; man konnte Geld bei ihnen geliehen bekommen, um es in der anderen Welt wieder zu geben. Fromme christliche Wucherer sollten sich daran spiegeln!

Irdisches gewährte und verhieß das Heidentum, und darum pflegten die Glücklichen, welchen die Erfüllung ihrer Wünsche und das Gelingen ihrer Werke von dem Walten gnadenreicher Götter und von der Gunst derselben zeugte, frömmere Götterdiener als die Unglücklichen zu sein. Vgl. Aristoteles‘ Rhetoric, Lib. II, cap. 17, p. 240. Tom Individualität, ed. Bipont.

Der verzweiflungsvolle Zustand der Menschheit zur Zeit der Zäsaren erklärt den Succeß des Christentums. Der Selbstmord der stolzen Römer, welche auf einmal die Welt aufgaben, war so häufig in jener Zeit. Wer den Mut nicht hatte, auf einmal von der Welt Abschied zu nehmen, ergriff den langsamen Selbstmord der Entsagungsreligionen. (Christi Passion war ja ebenfalls eine Art Selbstmord.) Sklaven und unglückliches Volk waren die ersten Christen; durch ihre Menge und den neuen Fanatismus wurden sie eine Macht, die Konstantin begriff, und der römische Weltherrschaftsgeist bemächtigte sich bald derselben, und disziplinierte sie durch Dogma und Kultus.

Bei der Polemik zwischen Christen und heidnischen Philosophen vertauschen die Gegner oft im Kampfgetümmel die Waffen: hier sehen wir einen christlichen Versehungshelm auf dem Haupte des Griechen, dort ein griechisches Götterschwert in der Hand des Christen Ketzereien entspringen, Glaubenshelden verfallen in Irrtum und Zweifel.

Die Apolegeten des Christentums mußten in ihrem Kampfe gegen das Heidentum um so eher sich auf das Feld der Philosophen hinaus wagen, da die Philosophie damals (von Max Aurel bis Julian) auf dem Throne saß – durch Polemik arbeitet sich das Dogma aus.

Unterschied des Heidentums (der Inder, Perser) vom Judentum: Sie haben alle ein unendliches, ewiges Urwesen, aber dieses ist bei jenen in der Welt, mit welcher es identisch, und es entfaltet sich mit dieser aus dem Gesetze der Notwendigkeit – der Gott der Juden ist außer der Welt und erschafft sie durch einen Akt des freien Willens.

Judentum – Aristokratie: Ein Gott hat die Welt erschaffen und regiert sie; alle Menschen sind seine Kinder, aber die Juden sind seine Lieblinge und ihr Land ist sein auserwähltes Dominium. Er ist ein Monarch, die Juden sind der Adel, und Palästina ist das Exarchat Gottes.

Christentum – Demokratie: Ein Gott, der alles erschaffen und regiert, aber alle Menschen gleich liebt und alle Reiche gleich beschützt. Er ist kein Nationalgott mehr, sondern ein universeller.

Das Christentum tritt auf zur Tröstung: Die, welche in diesem Leben viel Glück genossen, werden im künftigen davon eine Indigestion haben – die, welche zu wenig gegessen, werden nachträglich das beste Gastmahl aufgetischt finden; die irdischen Prügelflecken werden von den Engeln gestreichelt werden.

Die, welche den Kelch der Freuden hienieden getrunken, bekommen dort oben den Katzenjammer.

Im Christentume kommt der Mensch zum Selbstbewußtsein des Geistes durch den Schmerz – Krankheit vergeistigt selbst die Tiere.

Das Christentum wußte die blaue Luft der Provence zu entheitern und erfüllte sie mit seinem Glockengeläute.

Beim Anblick eines Domes