Inhalt

  1. Cover
  2. Über diese Folge
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. 1
  8. 2
  9. 3
  10. 4
  11. 5
  12. 6
  13. 7
  14. 8
  15. 9
  16. 10
  17. 11
  18. 12
  19. In der nächsten Folge …

Über diese Folge

Um die Zitadelle im Herzen von Creos ranken sich viele Gerüchte. Sie soll verflucht sein, so raunt man sich zu – das Gefängnis der alten Magier. Wer verrückt genug ist, sie zu betreten, der ist für immer verloren. Doch ein bisschen Verrücktheit kann nicht schaden, denken sich die geübte Diebin Wydrin und der Söldner Sebastian, als ein mysteriöser Auftraggeber eine horrende Summe bietet, um die Geheimnisse der Zitadelle zu erkunden. Zu verlockend ist die Aussicht auf Reichtum, Abenteuer und die eine oder andere Geschichte, die sie hinterher bei Trinkgelagen in der Taverne zum Besten geben können.

Bald stellt sich jedoch heraus, dass in Gerüchten immer auch Wahrheiten und in den Tiefen verfluchter Zitadellen oftmals Gefahren schlummern – und an beidem sollte man nicht rütteln.

Über die Autorin

Jen Williams lebt mit ihrem Partner und ihrer Katze in London. Sie war schon immer von Piraten und Drachen fasziniert und schreibt über sie, seit sie denken kann. Mittlerweile lebt sie ihre Leidenschaft in rasanten Fantasy- und Sword-and-Sorcery-Romanen aus, in denen es nicht nur die bereits erwähnten Piraten und Drachen gibt, sondern auch jede Menge Magie und stets ein kleines Augenzwinkern. Bei den British Fantasy Awards war sie 2015 als Best Newcomer nominiert. »Von Göttern und Drachen« ist ihr Debüt.

JEN WILLIAMS

DER GEIST
DER
ZITADELLE

VON GÖTTERN UND DRACHEN
BAND 1

Aus dem Englischen von
Falko Löffler

beBEYOND

 

Mit Liebe für
Sidney und Phyllis Fulker

1

Alle anderen Zellen im Kerker stanken nach Angst, diese aber nicht. Der letzte noch lebende Sohn von Lord Frith war einfach zu stolz, um Angst zu empfinden. Selbst jetzt noch, da der Gelbäugige Rin seine Werkzeuge auf der blutbefleckten Bank ausbreitete und nacheinander jede Klinge im Licht der Fackel drehte, lag in den Augen des jungen Mannes, der auf dem Steinboden kniete, nichts als Wut.

Das Blut auf der Bank ist das seines Vaters. Wie auch das seines Bruders, dachte Lady Bethan. Und bald vermischt es sich mit seinem, aber er wird sich uns bis zum Ende widersetzen. Sturer Bastard.

Die Kerker der Feste von Dunkelforst waren eng und voller Schatten, weswegen Bethan näher bei dem Gelbäugigen Rin stehen musste, als ihr lieb war. Er war eine schmierige Warze von einem Mann. Glänzende Fleischbeulen ragten aus seiner Lederkluft, und glatte graue Haarsträhnen hingen von seinem knolligen Kopf. Den Namen hatte er von seinen immerzu wässrigen Augen, in denen kein Mitleid mit seinen Opfern stand. Rin mochte ein widerwärtiger Anblick sein, doch für Bethan war seine Fähigkeit, mit wenigen präzisen Schnitten für unerträglichen Schmerz zu sorgen, unerlässlich.

Mit dem jungen Aaron Frith sah es anders aus, trotz der rauen Behandlung, die sie ihm hatten zuteilwerden lassen. Mit dem markanten Kiefer und den grauen Augen, die alle Friths hatten, seiner gebräunten Haut und dem modisch geschnittenen, langen dunklen Haar sah er wirklich gut aus. Bethan wusste schöne Dinge zu schätzen. Sie hatte angeordnet, dass die besten Gemälde der Burg von den Wänden genommen und in Kisten gepackt werden sollten, damit sie diese später durchsehen konnte. Es schmerzte sie gewaltig, dass sie diese warme Haut verletzen musste – diese hübschen Augen. Im ersten Handgemenge hatte Frith einen Schlag auf die Schläfe abbekommen, und das getrocknete Blut ließ sein Haar an einer Kopfseite seltsam abstehen. Und der Gelbäugige Rin würde natürlich alles noch schlimmer machen. Was für eine Verschwendung. Aber er musste bald reden. Noch ein weiterer Tag ohne Antworten, und Fane käme vielleicht persönlich nach Dunkelforst – und darauf war niemand erpicht.

»Möchtet Ihr noch etwas sagen, Aaron, bevor es blutig wird? Oder soll ich Euch nun lieber Lord Frith nennen? Schließlich ist Euer Vater gestern hier gestorben.«

Aaron Frith sackte ein wenig tiefer in die Knie und wandte den Blick von ihr ab. Einen Wimpernschlag lang empfand sie Mitleid mit ihm, doch das Gefühl hielt nicht an. Der schwarze Samt und die Seide, die er bei der Eroberung der Feste getragen hatte, waren nun zwar verdreckt und zerrissen, aber dieser Mann hier war in ein privilegiertes Leben hineingeboren worden. Eine Silberbrosche in der Form eines Baums war immer noch an seine Brust geheftet. Kleine Saphirstücke in den Zweigen konnten Blätter oder Sterne darstellen. Es war eine gute Arbeit, und Bethan nahm sich vor, die Brosche in ihrer Tasche landen zu lassen, wenn sich dieses dreckige Geschäft dem Ende zuneigte.

Er sah zu ihr auf, und seine Augen waren trocken.

»Ich habe Abschaum aus Istria nichts zu sagen.«

Bethan seufzte und blickte sich in der kümmerlichen Zelle um. Die Fackeln ließen die Ecken nur noch dunkler erscheinen.

»Möchtet Ihr hier sterben, Lord Frith? Wofür? Ein paar Juwelen, ein wenig Gold? Reichtum, den Ihr wahrscheinlich sowieso niemals ausgeben können werdet?«

Frith schwieg. Bethan fühlte, wie sie ungeduldig wurde.

»Wir wissen, dass sich die Schatzkammer irgendwo im Wald befindet, Frith. Alle wissen das. Irgendwann entdecken wir sie, aber es wäre mir lieber, wenn Ihr es mir erzählt. So ist alles schneller vorbei.«

Zu ihrer Überraschung lächelte Frith. »Glaubt Ihr etwa, Ihr findet auf einem Pergament notiert, wie die Schatzkammer zu finden ist, vielleicht als Fußnote im Vermächtnis meines Vaters? Ihr scheint nicht zu verstehen, was ein Geheimnis ist.«

»Dann sagt Ihr es mir. Ihr seid der Letzte. Vielleicht lasse ich Euch sogar am Leben. Die Istrianer waren schon immer vom Adelsstand ihrer Nachbarn fasziniert und würden gut zahlen, um dich angaffen zu können.« Sie versuchte, vernünftig zu klingen. »Nun sage es mir, Aaron Frith, und ich schwöre, dass es für dich besser ausgeht. Du hast nichts davon, die gleiche Sturheit an den Tag zu legen, die schon den Rest deiner Familie in den Tod getrieben hat.«

»Tristan war neun Jahre alt. Er war nicht stur, er hatte Todesangst.«

Bethan näherte sich dem Gefangenen einen Schritt. Sie fühlte, wie sie errötete, und das verärgerte sie.

»Ihr wollt Euer Leben hier beenden, im Kerker Eurer eigenen Burg? Die Familiengeschichte der Frith umspannt Hunderte von Jahren, und nun wollt Ihr, dass alle in namenlosen Gräbern in Eurem eigenen verfluchten Wald enden?«

Zur Antwort spuckte Aaron Frith auf ihren Stiefel.

»Genug geredet«, sagte Rin mit einem Rachen voller Schleim. Er nahm eine bösartig funkelnde Klinge, kaum länger als Bethans kleiner Finger. »Wollen wir mal sehen, welche Farbe das Blut des jungen Lords hat. Ich habe gehört, es ist schwarz wie ihre Bäume, aber bei allen anderen war es bislang rot. Sehr enttäuschend …«

Bethan schüttelte die Spucke von ihrem Stiefel.

»Fang an.«

Bethan überließ Rin seiner Arbeit – letztlich konnte sie das alles auch nur bis zu einem gewissen Maß ertragen – und strich durch die Burg, um nach ihren Leuten zu sehen und sich zu erkundigen, ob sie etwas in den Dokumenten des alten Lord Frith gefunden hatten. Die Bediensteten waren im Hauptsaal versammelt worden, und Carlson, ihr Offizier, hatte versucht, die Information aus ihnen rauszuprügeln, doch niemand von ihnen wusste etwas.

Die Sache mit der Schatzkammer war verzwickt. Die Familie Frith war nicht nur für ihren Reichtum bekannt, sondern auch für ihren Verfolgungswahn. Vor vielen Generationen hatte der damalige Lord, ein gewisser Erasmus Frith, den Bau einer großen Schatzkammer mitten in Dunkelforst befohlen. Jeden Tag waren die Arbeiter mit verbundenen Augen zur Baustelle geführt worden, und jederzeit war ein Mitglied der Frith-Familie anwesend, um die Umsetzung zu überwachen. Hunderte von Jahren später war nur noch sicher, dass sich die Kammer irgendwo im Dunkelforst befand, diesem weitläufigen und labyrinthischen Wald. Dort lag das gesamte Vermögen der Frith-Familie und wartete auf jemanden, der es sich unter den Nagel riss …

Viele Stunden später kehrte Bethan in den Kerker zurück. Als sie sich der Zelle näherte, lauschte sie, ob sie die Geräusche hörte, die Männer am Ende ihrer Kraft von sich gaben, doch die Steinwände waren still.

»Bitte sag mir, dass du Antworten hast, Rin.«

Der Folterer wischte seine Hände an einem blutigen Tuch ab und zog eine Grimasse.

»Dieser Junge ist ein so großer Idiot, wie es die anderen waren.«

Aaron Frith war an die Bank gefesselt. Seine Hände steckten in Eisenmanschetten. Die teuren Kleider aus Samt und Seide hatte Rin schon lange entfernt, sodass er dort zitternd in Unterwäsche hing. Eine Seite seines Gesichts war blutverschmiert, und auch eine Hand war bis zum Gelenk voller Rot. Auf seiner Brust prangten Brandspuren, und Bethan roch den süßlichen Geruch von versengtem Fleisch in der Luft.

»Ich habe die üblichen Dinge ausprobiert. Glühender Schürhaken, Nadeln unter die Fingernägel – als das nicht funktioniert hat, habe ich sie einfach ausgerissen –, dazu noch ein paar Schnitte hier und da. Hab ihm eins seiner Ohren abgenommen und dachte, dann gibt er auf, aber jetzt scheint er mich zu ignorieren. Soll ich eins seiner Augen rausholen?«

Bethan sah den jungen Lord genau an. Seine Augen waren geschlossen, er atmete flach und schnell. Er wirkte, als würde ihn hohes Fieber plagen, aber sie war sicher, dass er sie trotzdem hören konnte.

»Einen Augenblick.«

Sie trat an die Bank und griff nach Friths Kinn, drehte seinen Kopf zu ihr. Eines seiner Augenlider flatterte, das andere war mit Blut verkrustet.

»Vergiss deinen Stolz, Lord Frith. Sag mir, wo die Schatzkammer liegt.«

Kurz war der Blick in dem offenen Auge verwirrt, als wüsste er nicht, wo er sich befand. Dann nahm er sie wahr, und sie sah den Hass.

»Der Dunkelforst wird dein Blut trinken, Gewöhnliche

Bethan nahm ihre Hand zurück.

»In deinem wertvollen Wald liegt irgendwo ein Grab, und es wird nicht für mich sein.« Sie wandte sich an den Folterer. »Der Hammer scheint mir angemessen. Ich will, dass ihm die Beine gebrochen werden.«

2

»Wir schreiten hier vorsichtig aus, Meister.«

Gallo blickte von der Karte auf. Sein Führer strich mit den Fingerspitzen über die roten Granitwände, schnupperte und schaute finster drein, als wäre er in etwas Unschönes getreten.

»Wirklich? Hier ist nichts eingezeichnet.« Gallo wedelte mit der Karte in seine Richtung. »Und ich würde es wirklich bevorzugen, wenn du mich nicht Meister nennen würdest, Chednit. Ich bin dein Auftraggeber, nicht dein Gebieter. Wir sind sozusagen Partner!«

Chednit blickte ihn mit seinen nicht zusammenpassenden Augen an. Eines war so braun wie eine Nuss und misstrauisch zusammengekniffen, das andere war künstlich – eine grüne Jadekugel mit einer eingeritzten silbernen Pupille, die sich in der Augenhöhle drehte.

»Du vertraust der Karte?«

»Wir haben sonst nichts, an das wir uns halten könnten. Außerdem habe ich sie ja nicht einem der grinsenden Scharlatane abgekauft, die wir in der Stadt gesehen haben. Sicher steht irgendwo in Krete ein kleines Haus, in dem Hunderte ausgehungerter Kinder Karten der Zitadelle fälschen. Die hier stammt aus den Ruinen eines Tempels in Relios und wurde direkt unter den Augen der Plappernden Männer gestohlen.« Gallo schwieg, um seine Worte wirken zu lassen, denn auf diese Leistung war er immer noch stolz.

»Wie Ihr meint, Meister.«

Gallo warf einen Blick in die Richtung, aus der sie gekommen waren. Er konnte noch die letzten Sonnenstrahlen über der Wüste sehen, die den entfernten Durchgang wie ein Fenster voll Gold erscheinen ließen. Sie waren vorsichtig eine Steintreppe heruntergekommen, hatten jeden Schritt in ängstlicher Erwartung von Fallen, Schlangen und Skorpionen gemacht. Es hieß, dass die verwünschte Zitadelle tausend Möglichkeiten beherbergte, wie man zu Tode kommen konnte, eine schrecklicher als die andere. Vor ihnen befand sich eine Kammer aus grauem Stein. Es war etwas kälter, als sie erwartet hatten, aber bislang war ihnen nichts Schlimmes widerfahren. Weiter vorne befanden sich drei in Dunkelheit gehüllte Durchgänge.

»Wovor hast du Angst?«

Sein Führer schaute zu ihm und schüttelte den Kopf. »Ich glaube, ich höre was. Immer wieder ertönt ein Rumpeln, ein Seufzen.«

»Wirklich?« Gallo verharrte reglos und lauschte, hörte aber nur das Rauschen des Winds, der weit über ihnen durch das Tor blies, und das Geräusch seines eigenen Atems. So hoch über Krete war es nicht einmal möglich, etwas aus der Stadt zu hören, denn die alten Steine ließen kein Geräusch durchdringen. Unvermittelt lachte er auf und schlug Chednit herzlich auf den Rücken. Der Führer zuckte zusammen.

»Schau uns an! Wir sind gerade mal ins erste Geschoss der Zitadelle gekommen und erschrecken uns jetzt schon bei jedem Geräusch, sind nervös wie Mäuse. Gehen wir weiter.« Gallo sah auf die Karte und nickte zu dem Durchgang hinten rechts. »Wir nehmen den.«

»Wie Ihr meint, Meister.«

In der nächsten Kammer stießen sie auf eine schmale Treppe, die nach unten führte. Das Licht von Chednits Fackel erleuchtete nur die ersten Stufen, die weiteren wurden von der Dunkelheit verschlungen.

»Wir sollten noch eine Fackel entzünden, Meister.«

»Ich habe lieber die Hände frei.« Gallo tätschelte die Schwertscheide an seiner Hüfte.

»Mir gefällt das nicht.« Chednit sah in die Dunkelheit, und sein ledriges altes Gesicht lag in tausend kleinen Falten. Das Licht der Fackel tanzte auf seinem Jadeauge, und es glühte in der Dunkelheit, als wäre es das einer Katze. »Wir hätten auf Euren Freund warten sollen. Noch ein Schwert, ja, das wäre weise gewesen. Wir können noch zurückgehen und in Krete auf ihn warten.«

Ungeduldig schüttelte Gallo den Kopf.

»Ich könnte mein ganzes Leben damit verschwenden, auf Sebastian zu warten, während die Zitadelle hier mit all ihren unentdeckten Geheimnissen steht. Außerdem haben wir die Wachen längst bestochen.« Es hatte einmal eine Zeit gegeben, da wäre sein Freund der Erste gewesen, der die Stufen in die Zitadelle hinabstieg, mit einem wilden Glühen in den Augen und seinem Schwert in der Hand, aber inzwischen wartete er lieber ab und, schlimmer noch, redete von Ehre. Einem echten Abenteurer drehte sich da der Magen um. »Schau, wenn du dich dann besser fühlst, schreitet meine Klinge voran.« Er zog sein Schwert und schenkte Chednit ein besonders beruhigendes Lächeln. »Bleib dicht hinter mir. Wir brauchen alles Licht, das deine Fackel verströmt.«

Sie stiegen die Treppe hinab. Gallo ging voraus, Chednit folgte ihm, hielt dabei die Fackel hoch über dem Kopf. Der Durchgang war schmal, die Stufen uneben. Gallo strich mit der freien Hand über die Steine, und an seinen Fingerspitzen blieb etwas grüner Schleim zurück. Vor ihnen erstreckte sich Dunkelheit, so tief und allumfassend, wie er es nie zuvor gesehen hatte. Als wäre sie ein festes Gebilde, und er müsste fürchten, gegen sie zu prallen, wenn er zu schnell lief. Ihre Schritte wurden als seltsame Echos zurückgeworfen, als würden sie sich erst entfernen und dann erst schneller, dann langsamer zurückzukehren. Nach ein paar weiteren Schritten knackten seine Ohren.

»Dies ist fürwahr ein dunkler Ort«, sagte Gallo. Er wollte sprechen, um diese beunruhigenden Echos zu übertönen, aber seine Stimme klang selbst in seinen eigenen Ohren angestrengt und schwächlich. »Sebastian würde das überhaupt nicht gefallen. Er hat lieber endlosen Himmel und seine Berge um sich.«