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Jack Michalek

Mit 50 ccm nach Kairo

Papa, hol uns hier raus!





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

kleines Impressum

Mit 50 ccm nach Kairo
– Papa, hol uns hier raus! –
Jack Michalek
VA-Verlag

(mehr Infos am Ende)

 

 

Dieses Buch ist allen gewidmet, die nicht hinter dem Ofen sitzen bleiben.

 

Diese Erzählung basiert auf einer wahren Begebenheit.

Darüber hinaus ist jede Ähnlichkeit mit lebenden oder toten Personen

sowie realen Geschehnissen rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Danksagung

Mein besonderer Dank geht an Rainer für seine technische, medizinische, moralische und seelische Unterstützung sowie an Biggi für ihre Liebe und ihr Vertrauen. Allen Sponsoren wie der Quad Assis Nabeul, dem Quad und Buggy Team Heinsberg, dem Haus der Braut in Mönchengladbach und den vielen anderen, ohne deren Hilfe und Unterstützung es nie zu diesem Abenteuer gekommen wäre, danke ich ebenfalls.

Vorwort

Was bewegt einen Mann dazu, Dinge zu tun, die sich nicht im Rahmen des „Normalen“ bewegen? – Die Liebe!

Nun kann man ganze Abhandlungen über die Liebe schreiben. Über die Liebe zwischen Mann und Frau, die Liebe zu einer Tätigkeit oder die Liebe eines Vaters zu seinen Kindern. Ein Mann, den ich als Freund bezeichnen durfte, der aber leider in Afghanistan gefallen ist, sagte mir einmal: „If you have nothing to die for, you ain‘t living.“ (Wenn du nichts hast, wofür es sich zu sterben lohnt, lebst du nicht.)

Ich habe gelernt, was er damit gemeint hat, und diesen Satz als Lebensmotto übernommen.

Vorgeschichte

Die Vorgeschichte zu diesem Abenteuer beginnt schon im Jahr 2005, als meine damals fünfzehnjährige Tochter Sandra unbedingt an einem Pfadfinder-Sommerlager teilnehmen wollte. Wegen „temporärer Geldnot“ konnte ich den Anmeldetermin nicht einhalten. Meine Tochter grollte mir deswegen sehr. Immerhin war ich einer der Leiter in diesem Pfadfinderstamm und Sandra langjähriges Mitglied. Wie auch immer, die Anmeldefrist war abgelaufen und wir konnten nicht mitfahren. Das Sommerlager fand in der Nähe von London statt, wo sie doch schon immer mal hin wollte.

„Papa du bist ein Doofkopf“ war einer der schmeichelhafteren Sätze, die ich zu hören bekam, nicht nur von meiner Tochter, sondern auch von meiner Frau, mittlerweile Exfrau.

An einem Samstagmorgen ließ Sandra dann den Satz fallen, dass sie nach London reisen würde, auch wenn sie mit ihrem alten 50-ccm-Roller fahren müsste. Überrascht zog ich eine Augenbraue nach oben. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie meine Frau darüber schmunzelte. Nach dem Frühstück baten wir Sandra, abzuräumen. Wir, meine Frau und ich, schlichen uns ins Büro und setzten uns an den Rechner. Internetauktionshäuser können manchmal wirklich weiterhelfen. Wir fanden, was wir suchten und … schlugen zu.

Am darauffolgenden Wochenende hielt ein LKW vor unserem Haus und lieferte das erstandene Vehikel, einen Chinakracher „par excellence“. Sandra war gerade unterwegs, zum Glück! Schnell schoben wir das gute Stück in meine Werkstatt, wo sich schon der Roller meiner Tochter befand.

Das große Tor schloss sich hinter mir und es ging los. Ich werkelte und schraubte. Ich nietete und bohrte. Sandra hatte mich gebeten, an ihrem Roller einige Kleinigkeiten zu reparieren. Das passte gut, denn so erregten die vielen Stunden, die ich in der Werkstatt verbrachte, nicht ihre Neugier.

Eine Woche vor dem von mir geplanten Abfahrtstermin wetterte Sandra noch immer, dass sie mit ihrem Roller nach London „abhauen“ würde.

„Sei doch mal clever“, sagte ich zu ihr. „Bring mir den Beweis, dass du in der Lage bist, die gesamte Route auszuarbeiten, inklusive Tankstellen und Übernachtungsmöglichkeiten.“

Heimlich tat ich das Gleiche. Und siehe da, ganze zwei Tage später legte sie mir eine wirklich erstklassig ausgearbeitete Route vor.

„Dann pack mal die Ausrüstung so zusammen, wie du es für richtig halten würdest“. Ich musste sie beschäftigen, um Zeit zu gewinnen. „Fertige auch eine Liste mit den Sachen an, die du benötigen würdest.“

Am darauffolgenden Freitagnachmittag legte sie, wie gefordert, das gesamte Equipment in den Hof und rief mich zu sich. Stolz präsentierte sie die Ausrüstung.

Gut, dachte ich mir. Dann ist es nun wohl soweit. Ich rief meine Frau dazu und wir positionierten Sandra wie zufällig vor der Werkstatt.

Als meine Exfrau dann das Tor aufschob, sagte ich nur kurz zu Sandra: „Dann belade mal deinen Roller, morgen früh um fünf geht es los.“

Ihre Augen wurden riesig, denn vor ihr stand nicht nur ihr komplett überholter Roller, sondern auch meiner. An beide Roller hatte ich Halterungen für Zurrgurte und Gepäck gebaut. Mein Roller sah wirklich aus, als käme er gerade von der Ostfront.

Die Freude meiner Tochter war kaum in Worte zu fassen. Vor allem aber war sie platt, meine Frau und ich allerdings auch, als am Abend ein Reporter des Lokalradios vorbeikam, um uns zu interviewen.

Viele Leute lachten uns aus und die Unkenrufe, dass wir es nicht schaffen würden, waren auch nicht gerade leise.

Aber allen zum Trotz haben wir die Fahrt geplant und durchgezogen! Meine Tochter und ich! Mit 50 ccm nach London und zurück. Es war eine echt anstrengende, aber auch schöne Reise. Wir lernten, dass Geschwindigkeit nicht immer gut ist.

Man verpasst so viel von dem, was um einen herum geschieht.

Wir schliefen am Straßenrand, aßen Trekkingfutter und genossen, was wir sahen und erlebten. Wir schafften die Reise und verdienten uns den Respekt derjenigen, die uns ausgelacht hatten.

Auch wenn das alles schon Jahre her ist, erinnere ich mich immer noch an jede Einzelheit. Das werde ich wohl den Rest meines Lebens tun. Und ich hoffe, dass es meiner Tochter genauso geht. Was ein Vater nicht alles aus Liebe anstellt …

Ein Kind wird erwachsen

Wie alles im Leben, vergeht natürlich auch die Zeit. Sandra wurde erwachsen und entschied sich für eine Kariere in der Tourismusbranche. Als Animateurin ging sie zunächst nach Tunesien, dann nach Griechenland und später nach Ägypten. Sie wollte viele Bereiche der Tourismusbranche kennenlernen, um dann eine Ausbildung zur Tourismuskauffrau zu absolvieren. Das Interesse an diesem Beruf hatte sich während der häufigen Familienurlaube in Tunesien entwickelt. Durch kuriose Umstände hatten wir uns mit dem dortigen Animateur-Team angefreundet, wodurch Sandra einen sehr tiefen Einblick in dieses Berufsfeld erhielt.

Zu der Zeit, als Sandra als Animateurin unterwegs war, hatte sich in meinem Leben vieles verändert. Die Scheidung von meiner Frau hatte mich sehr in Mitleidenschaft gezogen. Ich war arbeitslos geworden, lebte von Hartz IV. Ab einem gewissen Alter ist es eben nicht so leicht, Arbeit zu finden.

Ich besaß kein Auto mehr, mein Motorrad ging eines Tages aus absolut unerfindlichen Gründen in Flammen auf. Nur ein kleines 50-ccm-Quad war mir geblieben. Es genügte voll und ganz zum Einkaufen und für kleinere Erledigungen. Es tat treu seinen Dienst und ich war zufrieden, auch wenn die Leute mich ab und zu belächelten, weil sie mich noch aus besseren Zeiten kannten. Aber auf das Gerede anderer hatte ich noch nie viel gegeben. Mit meinem Sohn wohnte ich zunächst in Satzvey, während Sandra und ihre Schwester bei meiner Exfrau blieben. Allerdings begann Sandra bald nach der Scheidung mit besagtem Traumjob.

2008 nahm sie eine Stelle in einem Hotel in Berenike an. Dort lernte sie Aaron kennen, einen jungen Ägypter, der dort als Kellner arbeitete, Sandras Traumprinz.

Ich werde nie verstehen, was europäische Frauen an arabischen Männern finden. Ob sie den Frauen einen Hauch von Abenteuer vermitteln? Es wird schon einen Grund haben, dass Filme wie Der Dieb von Bagdad oder Aladin so erfolgreich sind. Offensichtlich stehen einige Frauen auf Exotik und Orientalisches. Nun ja, leider verliert man dabei schnell den Bezug zur Realität.

Meine Begeisterung hielt sich also in Grenzen. Zu oft hatte ich schon von Ehen und Beziehungen zwischen deutschen Frauen und arabischen Männern gehört, die grandios schief gegangen waren, sobald der normale Alltag sie eingeholt hatte. Ich dachte auch an die „Ehrenmorde“, von denen in den Nachrichten häufig gesprochen wurde, ein Begriff, der in meinen Ohren pervers und widersprüchlich klang. Aber was sollte ich tun? Meine Tochter versicherte mir, dass mit Aaron alles ganz anders wäre. Die beiden heirateten dann auch, zunächst nach muslimischem Ritus.

Als Hartz-IV-Empfänger konnte ich mir den Flug zur Hochzeit leider nicht leisten. Das traf mich sehr. Obwohl Sandra mir per E-Mail versicherte, dass sie nicht böse wäre, konnte ich hören, wie traurig sie war. In mir machte sich ein verdammt mieses Gefühl breit. Wir konnten nur E-Mails schreiben, ab und zu ein Foto auf diesem Weg schicken. Irgendwie war das beklemmend! Da lebte meine Tochter nun im sonnigen Ägypten, arbeitete in einem renommierten Hotel als Chefanimateurin und ich saß in Deutschland, ohne große Chancen, sie wiederzusehen. Mittlerweile war mein Sohn zu seiner Mutter gezogen. Mein einziger Lichtblick war meine Jugendliebe, die ich im Internet wiedergefunden hatte. Zwischen Biggi und mir hatte es wieder gefunkt und sie war mir in dieser Zeit eine sehr große Stütze.

Eines Tages traf dann eine merkwürdige E-Mail bei mir ein. Der Inhalt der Mail selbst war nicht merkwürdig. Sandra schrieb lediglich, dass sie an einem bestimmten Tag wieder ihren Messenger einschalten würde, damit wir uns dort über Kamera und Mikrofon unterhalten könnten. Das Eigenartige war die Anrede. Opa, wir müssen reden!, stand da. Zuerst wunderte ich mich darüber. Ob sie mich wegen meiner vierzig Jahre auf den Arm nehmen wollte? Immerhin nannte mich Biggi auch ab und zu scherzhaft „alter Mann“. Es dauerte eine Weile, bis es in meinem Kopf „klick“ machte. Genau diesen Satz hatte ich seinerzeit zu meinem Vater gesagt, um ihm beizubringen, dass er Opa werden würde. Der Weg zum Schrank mit dem guten schottischen Whiskey war nach dieser Erkenntnis unvermeidlich. Ich würde Opa werden! Meine kleine Tochter bekam ein Baby!

Biggi und ich waren ganz aus dem Häuschen. Aber … dieses Mal wollte ich nicht tatenlos herumsitzen. Ich musste zu Sandra. Nur wie? Das Geld für einen Flug würde ich nie zusammenkratzen können. Guter Rat war nun genauso teuer wie ein Flugticket. Ich war immer ein Träumer gewesen, versuchte aber stets, mit den Füßen auf dem Boden zu bleiben, vernünftig an die Dinge heranzugehen. Also versuchte ich, zu sparen. Doch wie hieß das Sprichwort? Meistens kommt es anders als man denkt? Immer dann, wenn ich einen Betrag zusammengekratzt hatte, passierte wieder irgendetwas und ich musste das gesamte Geld ausgeben.

Es war ja nicht so, dass ich verschwenderisch mit meinem Geld umging. Ich hatte gelernt, genügsam und bescheiden zu leben. Dabei hatte ich übrigens erfahren, dass man auch mit kleinen Schritten an sein Ziel kommen kann. Dass ich sehr bald mit diesen sprichwörtlichen kleinen Schritten einen sehr langen Weg bewältigen würde, ahnte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Eine „blöde“ Idee

Donnerstag! An Donnerstagen ging ich, wenn ich es mir leisten konnte, in meine alte Stammkneipe. Als meine Tochter noch bei mir gewohnt hatte, war sie immer gerne mitgekommen.

Ein irischer Pub in Mönchengladbach-Rheydt! Donnerstags gab es dort Karaoke. Ich kannte dort fast jeden. Viele erkundigten sich regelmäßig nach dem Befinden meiner Tochter und danach, ob es Neuigkeiten aus „Pharaonistan“ gäbe. Jedes Mal trug man mir auf, Grüße zu senden. Diesmal konnte ich strahlend, aber auch etwas bedrückt, berichten, dass Mad Jack, so ist seltsamerweise mein Spitzname, Opa werden würde. Das brachte natürlich Stimmung! Alle Bekannten sagten im Prinzip das Gleiche, dass sie sich freuten, sich aber auch Sorgen machten, weil ja niemand genau wusste, wie die Ärzte da unten so waren. Ich sollte Sandra viele Grüße und die besten Wünsche von allen per Mail ausrichten.

„Beabsichtigst du denn, zu ihr zu fliegen?“ Das fragte mich jemand, der mit mir Tisch saß. Ich weiß heute nicht mehr, wer es war.

Ich zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung, wie ich das hinbekommen könnte. Der Flug kostet um die sechshundert Euro.“ Am Tisch machte sich betretenes Schweigen breit. Alle nippten nachdenklich an ihrem Bier. Wir alle verfügten nicht über Reichtümer und vermieden es normalerweise, über Geld zu diskutierten. Von vielen wusste ich, dass der Donnerstag für sie fast schon wie ein Sonntag war, also ein Tag, an dem sie sich mal etwas gönnten – Nein, liebe Politfreunde, wir waren keineswegs die typischen Harz-IV-Empfänger. Wir wussten mit dem bisschen Geld umzugehen.

„Da müsstest du sparen wie ein Weltmeister“, meldete sich einer zu Wort.

„So viel geht nicht. Da bist du komplett überfordert“, sagte ein anderer.

Schließlich lehnte sich einer auf seinem Stuhl zurück. „Wie bist du denn heute Abend hergekommen?“, fragte er.

„Mit meinem Summie natürlich“, antwortete ich. So nannte ich mein 50-ccm-Quad. „Womit denn sonst? Schließlich habe ich ja nichts anderes mehr, nachdem mein Motorrad in Flammen aufgegangen ist. Die Versicherung weigert sich, zu zahlen und ich schaffe es nicht, mir etwas zusammenzusparen, um eventuell ein neues Gebrauchtes zu kaufen.“ Nicht einmal einen Nebenjob finde ich, fügte ich in Gedanken hinzu. Es ist zum Verzweifeln.

Wieder Schweigen. Dann brummelte einer in sein Bierglas: „Fahr doch damit. Brauchst ja nicht viel Sprit. Und schlafen kannst du in der Pampa. Bist doch gut ausgebildet worden in dem Trachtenverein in Flecktarn.“

Die versammelte Tischmannschaft lachte. Bis auf einen – und der war ich!

Irgendwann verabschiedeten wir uns, gingen oder fuhren nach Hause. Den ganzen Heimweg grübelte ich, ob so ein kleines Quad das überhaupt schaffen würde, ob ich die notwendige Ausrüstung unterbringen könnte und was sie alles beinhalten müsste. In meinem Kopf ratterte es. Die fünfzehn Minuten bis nach Hause verflogen wie nichts.

Dort angekommen lag ich noch lange wach im Bett und dachte nach. Ich besaß noch den ganzen Survival-Kram vom Militär und aus meiner Zeit als Pfadfinderleiter, wo ich Jugendlichen alles beigebracht hatte, was sie in der Wildnis wissen mussten. Natürlich fehlte noch eine Menge für ein solches Unterfangen, da ein großer Teil der Strecke durch die Wüste führen würde und nicht durch einen mitteleuropäischen Wald, aber – so ganz blöd war die Idee im Grunde ja gar nicht. Was brauchte ich denn noch? Natürlich nur rein theoretisch …

Schließlich nahm ich mir einen Atlas zur Hand, um mal kurz reinzuschauen. Und siehe da! So unmöglich, wie es sich anhörte, sah die Strecke auf der Landkarte gar nicht aus. Also, rein theoretisch war es möglich.

Am nächsten Tag gab es einen heftigen Streit mit meiner Biggi. Rückblickend kann ich mich nicht genau erinnern, worum es dabei ging. Es hatte etwas mit meiner Ex-Freundin zu tun, die mich immer noch per SMS bombardierte.

„Ich bin so sauer auf dich, ich kann dir nicht mehr glauben“, schrie Biggi.

Wie gesagt, Einzelheiten weiß ich heute nicht mehr. Wegen irgendetwas war Biggi felsenfest davon überzeugt, dass ich ein Lügner wäre, nichts auf die Beine stellen würde und keinen Biss hätte.

Und deshalb, weil sie das dachte, brannte sich mir ein Gedanke ins Hirn. Wenn ich ihr jetzt beweise, dass ich tue, was ich sage und zwar auch dann, wenn es immense Anstrengungen mit sich bringt, sogar unmöglich erscheint, wird sie mir vielleicht wieder glauben und vertrauen. Damit stand mein Entschluss fest. Ich würde mit meinem 50-ccm-Quad von Mönchengladbach aus nach Kairo aufbrechen. Ich mach das, redete ich mir gut zu. Komme, was da wolle.

Wir schrieben den 21. Juli 2010.


Was benötigte ich für eine solche Reise? Dokumente! Die Formulare für die Länder, durch die ich reisen müsste, würden wahrscheinlich den Großteil davon ausmachen. Außerdem brauchte ich eine gute Ausrüstung und natürlich das Fahrzeug. Also begann ich erst einmal damit, eine grobe Reiseroute festzulegen und die Botschaften anzurufen. Meine Lieblingsroute war von Anfang an die über Tunesien. Ich kannte das Land aus meinen Urlauben. Da mein Französisch sehr gut war und mein Arabisch auch recht passabel, hatte ich, was die Verständigung betraf, kaum Bedenken. Nur musste ich mir bei dieser Anreise auch eine Fähre von Italien nach Tunesien leisten. Mir war schleierhaft, woher ich das Geld nehmen sollte. Aber ich entschied mich dafür, erst einmal die theoretische Arbeit zu machen, bevor ich zu den Feinheiten überging. Und als ich dann auch noch vom tunesischen Generalkonsul persönlich zurückgerufen wurde, war ich dann doch auch ein bisschen stolz. Der fand meine Idee gar nicht so dumm.

Natürlich lachte er, nachdem ich ihm erklärt hatte, dass es sich bei meinem Fahrzeug im Grunde nur um ein mobilette handelte – so nennt man diese kleinen Dinger in Tunesien. Da er ebenfalls eine Tochter hatte, fand er meine Idee auch äußerst ehrenwert. Ich bekam alle Informationen, die ich benötigte. Schwieriger war der Umgang mit den Behörden in Libyen. Aber ich dachte mir, dass die schon noch weich werden würden. Ich war ja kein Amerikaner oder Staatsfeind oder so. Selbst die Leute in der ägyptischen Botschaft begegneten mir freundlich und kooperativ.

Nur zur Vorsicht erarbeitete ich mir noch eine Ausweichroute. Die östliche Route sollte über die Türkei, Syrien, den Libanon und Israel gehen. Auch diese Botschaften rief ich an. Leider musste ich dann feststellen, dass ich den Libanon umgehen musste, da die Grenze nach Israel wegen den ständigen Auseinandersetzungen dicht war.

Ich frage mich manchmal, ob man die Führer dieser Welt und alle Extremisten, egal welcher Gesinnung, nicht zusammen auf eine Insel sperren sollte. Von mir aus könnten sie dort für immer bleiben. Das mag dem geneigten Leser etwas extrem vorkommen, aber hey, egal ob Jude, Moslem, Christ oder Bayern-München-Fan – diese ewigen Kraftspiele sind wirklich nervig.

Soviel also zu den Botschaften. Bis auf die Herren aus Gadafis Sandkasten hatte ich alle in der sprichwörtlichen Tasche.

Nun benötigte ich noch die Ausrüstung. Eine Basisausstattung hatte ich. Zelt brauchte ich keines, aber eine Plane für den Notfall. Außerdem besaß ich eine Isomatte, einen Schlafsack, Kochgeschirr und Besteck. Ebenso verfügte ich über mehrere Feldflaschen, ein gutes Messer und noch andere Kleinigkeiten. Was fehlte, waren ein paar Sachen, die gerade in der Wüste lebensnotwendig waren, zum Beispiel ein Filter für das Wasser in einer Oase, denn das konnte man nicht so einfach trinken. Es sei denn, man war scharf auf Durchfallerkrankungen und sonstige Spielereien. Eine Weithalstonne, staub- und wasserdicht, ein Navi, spezielles Kartenmaterial, Benzinkanister und Wassertanks wären ganz gut.

Zu meiner Geldnot, noch immer hochaktuell, hatte Robert, ein Bekannter, die zündende Idee. Ich sollte nach Sponsoren suchen!

Sponsoren? Sah ich aus wie ein Hollywoodschauspieler, der umsonst ein Motorrad und eine komplette Ausrüstung geschenkt bekam? Nein, ich war doch nur der „kleine unbekannte Mad Jack“. Trotzdem versuchte ich es. Ich schrieb Expeditionsausrüster, Motorradhändler und die beiden Großhändler für Motorradteile an. In der Mail schilderte ich „mein Projekt“ und ging ausführlich auf meine Beweggründe ein. Schließlich schrieb ich noch an die Lokalredaktion der Rheinischen Post. Vielleicht hatten die ja Interesse an so einer verrückten Sache? Es ging mir nicht nur um finanzielle Hilfe. Ich hoffte auch auf Unterstützung mit Material. Ich schrieb und schrieb und schrieb.

Bis ich die ersten Antworten erhielt, vergingen zwei volle Tage.

Am Freitag, den 23. Juli trudelten die ersten Absagen ein. Was anderes hatte ich auch nicht erwartet. Aber, zu meinem großen Erstaunen, meldeten die Rheinische Post und das Lokalradio Interesse an.

Na ja, dachte ich mir, bringt Sponsoren eben viel mehr Ansehen und „Prestige“ ein, Schauspieler oder sonstige VIPs mit allem auszurüsten, was sie für eine vergleichbar irre Idee benötigen. Als kleiner Hartz-IV-Empfänger reicht es „nur“ fürs Lokalradio und die Lokalzeitung. Aber dann traf ich eine Entscheidung. Egal, ich bin härter als ein Obi-Wan Kenobi.

Am Montag, den 26. Juli erschien ein Reporter der Rheinischen Post mit einem Fotografen auf der Bildfläche. Es gab das obligatorische, wenn auch witzige Interview, und es wurden ein paar Bilder geschossen. Gleich am nächsten Tag bat das Radio 90,1 um „Audienz“.

Bei all dem Reden ging es letztendlich nur um eine Frage: Ob ich noch alle Nadeln an der Tanne hätte?

Ja, meine Herren, redete ich mir gut zu. Die habe ich noch alle genau da, wo sie hingehören. Aber ich möchte eben nicht hier zu Hause rumsitzen, wenn mein Enkelkind geboren wird. Und während ihr euch vor die Fernseher setzt und Survival-Serien oder Abenteuerfilme anglotzt, werde ich da draußen sein und das alles selbst erleben, tolle Sachen sehen und meiner geliebten Freundin zeigen, dass ich zu meinem Wort stehe. Ich dachte mich sozusagen regelrecht in Rage. Ich habe nämlich keinerlei Interesse daran, mich hinter einem Ofen zu verkriechen, während da draußen eine ganze Welt ist, die von den meisten Menschen gar nicht wahrgenommen wird, weil sie nur noch von einem Ort zum anderen jagen und von einem Termin zum nächsten hetzen. Aber das sagte ich natürlich nicht laut.

Im Internet gründete ich auf zwei Plattformen Gruppen mit dem Namen 50 ccm to Cairo, um auf mich und mein Projekt aufmerksam zu machen. Und siehe da, es trat etwas ein, was im Endeffekt die Reise ermöglichte. Die Foren füllten sich, zunächst langsam, dann immer rascher. Täglich berichtete ich über den Stand der Dinge, neueste Entwicklungen, Pläne und so weiter. Eine alte Schulkameradin bot mir ihren Esbit-Kocher an.

Sie finde die Idee großartig, gab sie mir zu verstehen, und ich solle mich nicht runtermachen lassen. Die Meckerer seien meistens nur neidisch, weil sie sich nicht selbst trauten, so etwas wunderbar Verrücktes durchzuziehen.

Ich erklärte ihr, dass ich einen solchen Kocher schon hätte, aber sie bestand darauf, ihn mir zu schicken. Dann sagte sie etwas sehr Interessantes. So könne sie auch irgendwie an der Reise teilnehmen, ohne selbst zu fahren. Dieser Satz gefiel mir, ich verinnerlichte ihn. Jeder der etwas beisteuerte, würde mit mir fahren – irgendwie.

Am Mittwoch, den 28. Juli wurde das Interview ausgestrahlt. Ich gestehe, dass ich vor dem Radio saß wie ein kleiner Junge, der auf die Bescherung wartet. Mensch Jack, sagte ich mir im Stillen, du hörst dich aber auch wirklich komisch an im Radio.

Danach rief jemand von unserem lokalen Fernsehsender an. Die hatten nämlich auch mittlerweile von der Sache Wind bekommen und wollten einen kleinen Beitrag drehen. Wir verabredeten uns für den 4. August. Dieser Tag, also der 28. Juli, hielt noch eine weitere Überraschung bereit.

Ein Bekannter rief an: „He Jack, über dich steht was in der Zeitung.“

Der Zeitungsartikel war an diesem Tag erschienen, viel früher, als mir das gesagt worden war. Sofort besorgte ich mir die Zeitung. Der Artikel stand nicht im Lokalteil, sondern im überregionalen Teil. Ganz NRW würde erfahren, was ich vorhatte. Ich staunte nicht schlecht, denn ich hatte lediglich mit einer Art Randnotiz über mein Vorhaben gerechnet. Doch so war es ganz und gar nicht. Eine halbe Seite Bericht erwartete die Leser und – ein fürchterliches Bild, wahrscheinlich das schlimmste, das je von mir geschossen wurde. Dass der Artikel nicht nur im Lokalteil stand, sollte mir noch nützen.

So langsam vertrug ich mich auch wieder mit Biggi. Es tat gut, sie wieder richtig an meiner Seite zu haben. Bis zum 4. August blieb zunächst alles ruhig.

Hatte ich eigentlich schon erwähnt, dass mich Biggi wegen dieser Tour auch für verrückt hielt? Also, das tat sie, aber sie unterstützte mich trotzdem. Manche Frauen sind eben mehr wert als Gold.


Mittwoch, 4. August

Schließlich war es so weit: Wir drehten für den Clip im Lokalfernsehen. Die Fernsehleute schlugen mir vor, eine kleine Kamera mitzugeben, um die gesamte Reise zu dokumentieren – allerdings erklärten sie mir gleich, dass sie erstmal eine geeignete Kamera finden müssten.

Die Idee fand ich großartig. Auf diese Weise konnten wir eine DVD anfertigen und für wohltätige Zwecke verkaufen, schließlich wollte ich mich ja nicht bereichern. Mein Gewinn aus der Reise wäre nicht materieller Natur, jeder halbwegs verrückte Globetrotter würde mir da zustimmen. Das Erlebnis und die Erinnerungen daran könnten mir niemand nehmen.

Ein weiterer Erfolg war zu vermelden. Durch den Zeitungsartikel hatte das Heinsberger Quad und Buggy Team von meinem Projekt erfahren und sich in der Redaktion der Rheinischen Post gemeldet. Sie wollten Kontakt zu mir aufnehmen. Diesem Wunsch kam ich sehr gerne nach und rief sofort dort an.

Es stellte sich heraus, dass diese Heinsberger Gruppe aus liebenswerten Verrückten bestand, die für mich im Team Geld sammeln wollten. Harry, der Mann an der Spitze der Heinsberger, lud mich sogar auf einen Kaffee und ein Schwätzchen zu sich nach Hause ein. Ich sollte ihm mehr von meiner Idee erzählen. Natürlich wollte Harry dabei herausfinden, ob ich nur ein Maulheld war, der sich wichtigmachen wollte, oder ob ich tatsächlich einen solch gewaltigen Dachschaden hatte, um dieses Ding durchzuziehen.

Ich überzeugte Harry und seine Frau Heike. Sie verkündeten ihre Meinung über mich am selben Abend in ihrem Internetforum, erklärten, dass sie davon überzeugt seien, dass ich das Ding tatsächlich durchziehen würde. Teilnehmer anderer Internetforen chatteten mit. Es ging wie ein Lauffeuer durchs Netz. Und wie es nicht anders zu erwarten war, teilten sich die Lager. Für die einen war ich ein Spinner, für die anderen ein Verrückter, aber einer, der den Mut hatte, seine Träume zu verwirklichen.

Eine regelrechte Lawine war losgetreten. Sogar Wetten wurden abgeschlossen. Im Pub gab es einen Gast, der bereit war, zweihundert Euro darauf zu verwetten, dass ich es nicht einmal bis zur österreichischen Grenze schaffen würde.

Die Heinsberger luden mich zum Stammtisch ihres Quad und Buggy Teams ein – An diesen Treffen nehme ich übrigens heute noch teil. Einmal im Monat finden wir zu einem Sonntagsfrühstück zusammen. Das ist zu einen herrlichen Gewohnheit geworden.

Durch diese Unterhaltungen auf den verschiedenen Foren wurde eine weitere wichtige Gruppe auf mich aufmerksam, die Quad Assis aus Nabeul in Tunesien. Die Quad Assis, das war ein Verein von Deutschen, die aber größtenteils in Tunesien lebten und dort ihr Hobby ausübten, echte „Off-Road-Ratten“.

Beide Gruppen, die Heinsberger und die Quad Assis

Liebe Waltraut – es ist nicht ihr richtiger Name, denn den darf ich nicht verraten – auch für dich werde ich fahren.

Montag, 9. August

Haus der Braut

Ich verstand zuerst gar nichts. Sie würden sich für meine Tour interessieren, teilte man mir mit. Also rief ich dort eine bestimmte Nummer an. Es meldete sich eine sehr freundliche Stimme, die der Chefin, Frau Kuchen, gehörte.

Leises Lachen am anderen Ende der Leitung. „Herr Michalek, Sie fahren zur Geburt ihres Enkels. Das ist ein Familienfest, egal in welcher Religion. Und Familienfeste sind unsere Sache.“

Nichts für ungut, Frau Kuchen. Ihr Schild hat mir viel Freude gemacht. Und einmal nutzte ich es am Straßenrand sogar als Esstisch.

Am selben Tag erhielt ich einen Anruf von Dennis, einem alten Freund. Wir tauschten Neuigkeiten aus.

Es gibt einen Gott und er liebt mich, dachte ich bei mir.

Der Vater von Dennis trat auf mich zu und schüttelte mir lachend die Hand. „Mit dem Ding wären Sie nicht weit gekommen. Aber keine Sorge, von uns kriegen Sie echte Qualitätsarbeit. Kommen Sie morgen vorbei, dann ist der Träger fertig“, sagte er schmunzelnd.