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Als Ravensburger E-Book erschienen 2009

Die Print-Ausgabe erschien im Ravensburger Buchverlag Otto Maier GmbH
© 2003 der deutschsprachigen Ausgabe Ravensburger Buchverlag Otto Maier GmbH

Die Originalausgabe erschien 2002 unter dem Titel „Midnight for Charlie Bone“ bei Egmont Children’s Books, London
Text Copyright © 2002 by Jenny Nimmo

Redaktion: Ulrike Metzger

Alle Rechte dieses E-Books vorbehalten durch Ravensburger Buchverlag Otto Maier GmbH
Postfach 1860, D-88188 Ravensburg.

ISBN 978-3-473-38380-1

www.ravensburger.de

Prolog

Vor langer, langer Zeit tauchte im Norden ein König auf. Sie nannten ihn den Roten König, weil er einen scharlachroten Umhang trug und eine flammend rote Sonne als Schildwappen führte. Es hieß, er komme aus Afrika. Dieser König war zugleich ein großer Magier, und jedes seiner zehn Kinder erbte etwas von seiner Zauberkraft. Als dann eines Tages die Gemahlin des Königs starb, stellten fünf seiner Kinder ihre Kräfte in den Dienst des Bösen. Die anderen fünf aber verließen, um der Bosheit ihrer Geschwister zu entkommen, für immer das Schloss ihres Vaters.

Gebrochenen Herzens verschwand der Rote König in den Wäldern, die die Königreiche des Nordens bedeckten. Er zog jedoch nicht allein davon, sondern in Begleitung seiner drei treuen Katzen – Leoparden, genauer gesagt. Diese Katzen sollten wir niemals vergessen!

Die vielfältigen, wundersamen Gaben des Roten Königs vererbten sich auf seine Nachkommen weiter und tauchten oft ganz unerwartet bei jemandem auf, der keine Ahnung hatte, wo sie herkamen. So geschah es auch bei Charlie Bone und einigen jener Kinder, die er hinter den tristen, grauen Mauern der Bloor-Akademie kennenlernte.

Charlie hört Stimmen

An einem Donnerstagnachmittag, gleich nach dem Tee, sah Charlie Bone Rauch. Er guckte zufällig aus dem Fenster, als eine dunkle Wolke über den herbstbunten Bäumen emporquoll. Der Wind blies die Wolke nach Süden, und sie trieb am Himmel dahin wie ein riesiger Walfisch.

Irgendwo auf der anderen Seite der Stadt brannte es. Charlie hörte ein Feuerwehrauto in Richtung der Rauchwolke rasen.

Der Junge ahnte nicht, dass eine geheimnisvolle Verbindung zwischen diesem Brand und seinem eigenen Leben bestand und dass er sich bald an dem Ort wiederfinden würde, an dem das Feuer ausgebrochen war.

Charlie schlief gut, stand am nächsten Morgen auf und ging zur Schule. Nach dem Unterricht gingen er und sein Freund Benjamin Brown wie üblich zusammen nach Hause. Der Rauch war verschwunden, aber am Himmel ballten sich dunkle Unwetterwolken. Heftiger Wind wirbelte rote und goldene Blätter die Filbert Street entlang.

Benjamin ging über die Straße zum Haus Nummer zwölf, während Charlie Nummer neun ansteuerte. Die meisten Bewohner von Nummer neun beschwerten sich über den großen Kastanienbaum vor dem Haus: dass er ihre Zimmer so dunkel mache, dass er die Feuchtigkeit anziehe, dass er ständig ächze und knacke und eines Tages vermutlich aufs Dach krachen und sie alle im Schlaf erschlagen werde. Wobei aber natürlich niemand in Nummer neun je etwas gegen den Baum unternahm. Sie beschwerten sich und dabei blieb es. Das war typisch für diese Familie.

Als Charlie die Eingangstreppe hinaufrannte, ächzte der Baum und ließ eine Handvoll Kastanien herabhageln. Zum Glück dämpfte Charlies dickes, strubbeliges Haar das Bombardement. Dickes Haar hatte durchaus seine Vorteile, wenn auch nicht viele. Charlie wurde ständig ermahnt, sich ordentlich zu kämmen – eine unerfüllbare Aufgabe für jemanden mit einem solchen Haargestrüpp.

„Bin wieder da, Grandmas!“, rief Charlie, als er in die Diele trat.

In Haus Nummer neun gab es zwei Großmütter: Grandma Jones war die Mutter von Charlies Mutter und Grandma Bone die Mutter von Charlies Vater. Grandma Jones war mollig, fröhlich und energisch, während Grandma Bone den Mund nur aufmachte, um zu nörgeln. Sie lächelte kaum und zum Lachen war sie erst recht nicht zu bringen. Sie hatte dickes, weißes Haar und trug immer lange, steife Kleider in Schwarz-, Grau- und Brauntönen (niemals jedoch in Rosa, was Maisies Lieblingsfarbe war). Grandma Jones wollte Maisie genannt werden, aber Grandma Bone bei ihrem Vornamen Grizelda zu nennen, hätte Charlie sich nie getraut. Grandma Bone erinnerte die Leute gern daran, dass sie, ehe sie Mr Bone geheiratet hatte, eine Darkwood gewesen war. Die Darkwoods waren eine sehr alte Familie, und ihr Stammbaum strotzte von Künstlern und Menschen mit ungewöhnlichen Gaben wie Hypnose, Gedankenlesen oder Willensbeeinflussung.

Charlie wusste, dass er Grandma Bone enttäuscht hatte, weil er normal war. Und schlimmer noch, weil er ganz zufrieden damit war, normal zu sein.

Wenn Charlie aus der Schule kam, war es immer Maisie, die ihm einen feuchten Kuss auf die Wange drückte und ihm etwas zu essen vorsetzte. Heute prangte auf Maisies Stirn eine dicke Beule. „Die verflixte Kastanie“, erklärte sie Charlie.

Grandma Bone saß immer in einem Schaukelstuhl neben dem Herd und krittelte an Maisies Kochkünsten oder an Charlies Haar herum. Heute war der Schaukelstuhl leer. Das war das erste ungewöhnliche Ereignis an diesem Nachmittag.

Am Samstag war Benjamins zehnter Geburtstag, und Charlie hatte beschlossen, ihm eine Geburtstagskarte zu basteln, statt einfach nur eine zu kaufen. Er hatte dafür ein Foto gemacht, von Benjamins Hund Runnerbean, auf dem er lächelte oder jedenfalls seine langen, unglaublich gelben Zähne zeigte.

Charlie hatte seine Mutter gebeten, auf dem Rückweg von der Arbeit das Foto beim Kwik-Fotoservice vergrößern zu lassen. Er hatte vor, über Runnerbeans Kopf eine Sprechblase zu kleben, in der „Alles Gute zum Geburtstag, Benjamin!“ stand.

Doch gleich sollte das zweite ungewöhnliche Ereignis eintreten.

Um fünf nach vier kam Charlies Mutter herein, mit einer Kiste voller überreifer Äpfel und Rhabarber. „Das gibt einen feinen Kuchen“, sagte sie, stellte die Kiste rechts neben Charlies Teller ab und küsste ihren Sohn auf den Strubbelkopf. Amy Bone arbeitete halbtags in einem Obst- und Gemüseladen, sodass es in Nummer neun nie an Vitaminen mangelte.

Charlie drehte sich von dem gammligen Obst weg. „Hast du mein Foto, Mum?“, fragte er.

Amy Bone kramte in ihrer Einkaufstasche und förderte einen großen orangeroten Umschlag zutage. Sie legte ihn links neben Charlies Teller.

Charlie öffnete den Umschlag und fand – nicht Runnerbean, ja nicht einmal etwas Hundeähnliches. In dem Moment erschien Grandma Bone. Sie stand in der Tür, befingerte ihren Hals, betatschte ihr silberweißes Haar, zupfte an ihrem steifen, schwarzen Rock. Irgendwie wirkte sie, als warte sie auf den Ruf des Schicksals. Was in gewisser Weise auch stimmte, wenngleich man sich fragen konnte, ob sie mit ihren fünfundsechzig Jahren nicht etwas spät dran war.

Das Foto, das Charlie nun in der Hand hielt, zeigte einen Mann mit einem Baby auf dem Schoß. Der Mann saß in steifer Haltung auf einem Stuhl. Er hatte schütteres, schon etwas graues Haar und ein langes, trauriges Gesicht. Sein zerknitterter Anzug war schwarz, und durch die dicken Brillengläser wirkten seine blassgrauen Augen irgendwie starr und leblos.

Statt das Foto wieder in den Umschlag zu stecken, guckte Charlie wie gebannt darauf. Er konnte den Blick einfach nicht losreißen. Er fühlte sich merkwürdig benommen, und in seinen Ohren hallten seltsame Geräusche wie rauschende, knatternde Radiostimmen, wenn man den Sender nicht richtig reinkriegt. Was war das bloß? Charlie wunderte sich.

„Oh“, sagte er. „Äh, was …?“ Seine eigene Stimme klang weit weg wie durch eine Nebelwand.

„Was ist denn, Charlie?“, fragte seine Mutter.

„Ist was?“ Grandma Bone pirschte sich näher heran. „Tante Eustacia hat mich angerufen. Sie hatte eine von ihren Vorahnungen. Bist du am Ende doch ein echter Darkwood?“

Maisie funkelte Grandma Bone grimmig an, während Charlie an seinen Ohren zerrte und den Kopf schüttelte. Wenn doch nur dieses grässliche Rauschen wegginge. Er musste schreien, um seine eigene Stimme hören zu können. „Die haben da im Laden was verwechselt. Wo ist Runnerbean?“

„Kein Grund, so zu brüllen, Charlie.“ Seine Mutter guckte ihm über die Schulter. „Du liebe Güte, das ist allerdings kein Hund.“

„Auuu!“, jaulte Charlie. Doch plötzlich hörte das Rauschen auf, und die Stimmen wurden ganz deutlich.

Zuerst war da eine sanfte Frauenstimme, die Charlie nicht kannte: Ich wollte, du würdest es nicht tun, Mostyn.

Ihre Mutter ist tot. Ich habe keine andere Wahl. Das war unverkennbar eine Männerstimme.

Die hättest du sehr wohl.

Willst du sie etwa doch nehmen?, sagte die Männerstimme.

Du weißt, dass ich’s nicht kann, erwiderte die Frau.

Charlie sah seine Mutter an. „Wer war das?“

Sie guckte verdutzt. „Wer war was, Charlie?“

„Ist hier ein Mann im Haus?“, fragte er.

Maisie kicherte. „Keiner außer dir, Charlie.“

Charlie spürte, wie sich plötzlich Klauenfinger in seine Schulter gruben.

Grandma Bone beugte sich über ihn. „Sag mir, was du hörst“, befahl sie.

„Stimmen“, sagte Charlie verwirrt. „Ich weiß, es klingt komisch, aber es ist, als ob sie aus dem Foto kommen würden.“

Grandma Bone nickte. „Was sagen sie?“

„Guter Gott, Grizelda, sei doch nicht albern“, sagte Maisie.

Grandma Bone bedachte Maisie mit einem vernichtenden Blick. „Ich bin nie albern.“

Charlie merkte, dass seine Mutter ganz still geworden war. Sie zog einen Stuhl heran und setzte sich hin. Ihr Gesicht war blass und sie sah ängstlich aus.

Maisie begann lautstark mit Töpfen zu klappern und murmelte: „Du solltest das nicht noch fördern. Ist doch alles Quatsch. Ich lasse nicht zu …“

„Sch-sch!“, zischte Charlie. Er konnte das Baby weinen hören.

Die unbekannte Frau sprach jetzt wieder. Du hast sie erschreckt. Guck in die Kamera, Mostyn. Und bitte versuch zu lächeln. Du siehst todunglücklich aus.

Was erwartest du?, fragte der Mann.

Der Fotoapparat klickte.

Das war’s. Soll ich noch eins machen?

Mach, was du willst.

Du wirst es mir eines Tages danken, sagte die Frau hinter der Kamera. Wenn du das wirklich tust, wird das hier deine einzige Erinnerung an sie sein.

Hm.

Charlie bemerkte, dass hinter dem Stuhl des Mannes eine Katze hervorlugte. Sie hatte eine ungewöhnliche Farbe, ein glühendes Kupferrot wie eine Flamme.

Von fern hörte Charlie die Stimme seiner Mutter. „Soll ich das Foto zurückbringen, Charlie?“

„Nein“, murmelte Charlie, „noch nicht.“

Aber es schien, als hätte das Foto nichts mehr zu sagen. Das Baby quengelte noch einen Moment, war dann still. Der düstere Mann starrte stumm in die Kamera, und die Katze …? War das ein Schnurren? Maisie veranstaltete mit ihren Töpfen ein solches Getöse, dass alles andere unterging.

„Psst!“, befahl Grandma Bone. „Charlie kann nichts hören.“

„Ist doch alles Quatsch“, brummelte Maisie. „Ich verstehe nicht, Amy, wie du einfach dasitzen und deine närrische Schwiegermutter solche Dinge sagen lassen kannst. Der arme Charlie. Er ist doch noch ein Junge. Er hat doch mit diesen verrückten Darkwoods nichts zu tun.“

„Er hat ihr Blut“, sagte Charlies Mutter leise. „Dagegen kommt man nicht an.“

Nicht einmal Maisie. Sie kniff die Lippen zu einem Strich zusammen.

Charlie war total verwirrt. Heute Morgen war er noch ein ganz normaler Junge gewesen. Niemand hatte ihn mit einem Zauberstab berührt und er hatte sich auch nicht den Kopf angehauen. Er hatte keinen elektrischen Schlag gekriegt, war nicht aus dem Bus gefallen und hatte, soweit er wusste, auch keinen vergifteten Apfel gegessen. Und doch hörte er jetzt plötzlich Stimmen aus einem Stück Fotopapier. Was hatte das alles zu bedeuten?

Um seine Mutter zu beruhigen, sagte Charlie: „Ach, da war gar nichts. Hab’s mir nur eingebildet.“

Grandma Bone beugte sich noch näher heran und flüsterte ihm ins Ohr: „Horch heute Nacht noch mal. Nach Mitternacht geht so etwas besser.“

„Da schläft er längst, das kann ich dir versichern“, knurrte Maisie, die so gute Ohren hatte wie ein Kaninchen. „Ist doch alles Quatsch.“

„Ha!“, fauchte Grandma Bone. „Wart’s ab!“ Sie rauschte hinaus und hinterließ eine Wolke von Mottenkugel- und Pfefferminzgeruch.

„Ich hab nichts gehört“, sagte Charlie, als sie weg war.

„Bestimmt nicht?“, fragte seine Mutter ängstlich.

„Ich wollte Grandma Bone doch nur veräppeln.“

Charlie versuchte es nicht nur seiner Mutter, sondern auch sich selbst einzureden, dass überhaupt nichts passiert war.

„Charlie! Du schlimmer Junge!“, drohte Maisie fröhlich, während sie mit dem Fleischklopfer auf einen Suppenknochen eindrosch.

Charlies Mutter schien erleichtert und schlug die Abendzeitung auf. Charlie steckte das Foto in den Umschlag zurück. Er war irgendwie erschöpft. Ein bisschen Fernsehen würde ihm vielleicht guttun. Doch ehe er sich davonstehlen konnte, klingelte es an der Tür, und Grandma Bones Stimme polterte: „Benjamin Brown, wenn ich mich nicht irre. Charlie ist in der Küche. Und dieses räudige Vieh von Runnerbone kannst du draußen lassen.“

„Bean, nicht Bone“, hörte man Benjamins Stimme, „und ich kann ihn nicht draußen lassen. Es ist so ekliges Wetter.“

„Unsinn. Hunde lieben ekliges Wetter“, behauptete Grandma Bone.

Benjamin und sein Hund kamen in die Küche. Benjamin war ein kleiner, blasser Junge, und sein Haar hatte die Farbe von feuchtem Heu. Runnerbean war ein großer, langschnäuziger Hund, und sein Fell hatte ebenfalls die Farbe von feuchtem Heu. Aus irgendeinem Grund hackten die anderen Jungen immer auf Benjamin herum. Sie klauten ihm Sachen, stellten ihm Beine, lachten ihn aus. Charlie versuchte seinem Freund zu helfen, aber manchmal war Benjamin einfach nicht zu helfen. Ja, manchmal dachte Charlie sogar, dass er gar nicht merkte, was er alles mit sich machen ließ. Benjamin lebte in seiner eigenen Welt.

Runnerbean, der den Fleischknochen roch, sauste auf kürzestem Weg zu Maisie und leckte ihr die Fußgelenke.

„Verschwinde!“, rief sie und gab ihm eins auf die Nase.

„Du kommst doch zu meiner Geburtstagsparty, oder?“, fragte Benjamin.

„Klar“, sagte Charlie schnell und bekam sofort ein schlechtes Gewissen wegen der Geburtstagskarte.

„Gut, ich kriege nämlich ein Spiel, das man nur zu zweit spielen kann.“

Charlie ging auf, dass sonst niemand zu Benjamins Geburtstagsparty kommen würde. Das verstärkte sein schlechtes Gewissen noch. Runnerbean begann zu winseln, als ahnte er, dass er nicht auf der Geburtstagskarte sein würde.

„Ich komme“, sagte Charlie fröhlich. Er hatte noch kein Geschenk gekauft. Er würde losflitzen und etwas besorgen müssen, ehe er sich auf die Suche machte. Auf welche Suche denn? Charlies Gedanken schienen irgendwie ferngesteuert.

„Kommst du mit, Runner ausführen?“, fragte Benjamin hoffnungsvoll.

„Okay.“

Als Charlie und Benjamin aus der Haustür traten, rief ihnen Maisie noch irgendetwas wegen des Abendessens hinterher, aber der Wind pfiff ihnen um die Ohren und ein Donnerschlag krachte so laut, dass sie nichts verstehen konnten. Runnerbean jaulte auf, als ihm eine Kastanie auf die Nase ploppte, was Benjamin endlich ein Lächeln entlockte.

Als die beiden Jungen und der Hund gegen den Wind anrannten, flogen ihnen Blätter ins Gesicht und hefteten sich an Fell und Kleider. Im Freien ging es Charlie wieder besser. Vielleicht hatte ihm seine Fantasie ja wirklich nur einen Streich gespielt. Er hatte gar keine Stimmen gehört und sich alles nur eingeredet, und Grandma Bone hatte ihn noch ermutigt, nur um Maisie zu ärgern und seine Mutter zu erschrecken.

„Yep!“, rief Charlie fröhlich. „Alles nur blödes Zeug!“

„Und Laub“, sagte Benjamin, in dem Glauben, dass Charlie den Müll meinte, der die Straße entlangwirbelte.

„Und La-aub“, sang Charlie. Er sah eine alte Zeitung auf sich zufliegen und wollte sie mit dem Fuß abfangen. Aber die Zeitung wurde von einer jähen Bö emporgetragen und wickelte sich um seine Taille. Als er sie abpellte, sprang ihm ein Foto auf der Titelseite ins Auge.

Ein ziemlich fies aussehender Junge stand auf der Eingangstreppe eines grauen Gebäudes. Er hatte ein schmales, längliches Gesicht und auf seiner Oberlippe spross ein mickriges Bärtchen. Sein dunkles, fettiges Haar war in der Mitte gescheitelt und zu einem Pferdeschwanz zurückgebunden.

„Was ist das?“, fragte Benjamin.

„Nur ein Junge“, sagte Charlie und hatte aber das Gefühl, dass das nicht einfach irgendein Junge war.

Benjamin beugte sich über Charlies Arm und las vor: „Manfred Bloor, siebzehn, wurde gestern aus einem brennenden Turm der Bloor-Akademie gerettet. Manfred erklärte, er sei dankbar dafür, noch am Leben zu sein.“

„Stimmt nicht“, stieß Charlie atemlos hervor.

„Was heißt ‚stimmt nicht‘?“, fragte Benjamin einigermaßen irritiert.

„Das hat er nicht gesagt“, murmelte Charlie und rutschte plötzlich mit dem Rücken die Hauswand hinunter, bis er auf dem Gehweg saß. Er hielt die Zeitung auf Armeslänge von sich, geschockt von den Worten, die aus dem Foto herauskrochen.

Dafür wird jemand bezahlen.

„Woher …?“, hob Benjamin an.

„Ruhe, Ben!“, rief Charlie. „Ich muss horchen.“

„Worauf denn?“

„Sch-sch!“

Als Charlie weiter auf das Foto starrte, war da plötzlich ein lautes Stimmengewirr, dann eine Frauenstimme, die den Rest übertönte: Soll das eine Beschuldigung sein, Manfred?

Was denn sonst?, sagte eine heisere Stimme, die offenbar dem Jungen gehörte.

Wieso glauben Sie, dass das kein Unfall war?

Wieder die heisere Stimme: Weil ich nicht blöd bin, darum.

Ein Mann sagte: Die Feuerwehr hat erklärt, höchstwahrscheinlich sei eine brennende Kerze umgefallen. Glauben Sie das nicht?

GENUG JETZT! Diese Stimme war so durchdringend und eiskalt, dass Charlie die Zeitung fallen ließ. Sie wirbelte davon und landete im Rinnstein.

„Charlie, was ist?“, fragte Benjamin.

Charlie seufzte. „Ich höre Stimmen.“

„Oh.“ Benjamin setzte sich neben ihn und Runnerbean setzte sich neben Benjamin. „Was für Stimmen denn?“

Benjamin sagte nie: „So ein Quatsch.“ Er nahm alles im Leben für bare Münze, was nicht immer das Schlechteste war.

Charlie erzählte Benjamin von dem Foto von Runnerbean, das mit dem Bild von dem Mann mit dem Baby vertauscht worden war. „Es sollte eine Überraschung für dich werden, eine Geburtstagskarte, und jetzt geht’s nicht. Tut mir leid.“

„Macht nichts“, sagte Benjamin. „Erzähl weiter.“

Charlie erklärte, dass da plötzlich Stimmen gewesen waren, als er auf den Mann und das Baby geguckt hatte. Und sogar das Weinen des Babys und vielleicht auch das Schnurren der Katze.

„Krass“, flüsterte Benjamin.

„Ich hab mir eingeredet, dass das alles nur Einbildung war“, sagte Charlie, „aber gerade eben, als ich auf die Zeitung geguckt hab, ist es wieder passiert. Ich hab Reporter mit dem Jungen auf der Titelseite reden hören. Und dann auch seine Stimme. Er klang irgendwie fies und heimtückisch. Und dann hat noch jemand ‚Schluss jetzt‘ gesagt, und das war die gruseligste Stimme, die ich in meinem ganzen Leben gehört hab.“

Benjamin erschauerte und Runnerbean winselte mitfühlend.

Die Jungen saßen nebeneinander auf dem feuchten Bürgersteig und wussten nicht recht, was tun. Der Wind bewarf sie mit Blättern und in der Ferne grollte Donner.

Es fing an zu regnen. Runnerbean stupste Benjamin an und jaulte. Er hasste es, nass zu werden. Und dann, während eines besonders lauten Donnerschlags, stand plötzlich ein Mann vor den Jungen. Er trug einen dunklen Regenmantel und das nasse Haar klebte ihm in breiten, schwarzen Strähnen auf der Stirn.

„Es regnet“, verkündete der Mann. „Noch nicht gemerkt?“

Charlie sah auf. „Onkel Paton!“

Onkel Paton war Grandma Bones Bruder. Er war zwanzig Jahre jünger als sie, und die beiden verstanden sich überhaupt nicht. Paton führte sein eigenes Leben, an dem er niemanden teilhaben ließ. Er aß nicht einmal mit den anderen und er ging nie bei Tageslicht aus dem Haus.

„Du wirst zu Hause verlangt“, erklärte er Charlie.

Charlie und Benjamin standen auf und schüttelten die verkrampften Beine. Das war das dritte außergewöhnliche Geschehnis an diesem Tag. Normalerweise hätte sich Onkel Paton nie aus dem Haus gewagt, solange es noch nicht richtig dunkel war.

Charlie fragte sich, was in aller Welt so dringend sein konnte.

Tantenbesuch

Es war ganz schön schwer, mit Onkel Paton Schritt zu halten. Er fegte durch Wind und Regen, als hätte er Siebenmeilenstiefel an.

„Ich hab deinen Onkel noch nie bei Tag draußen gesehen“, keuchte Benjamin. „Er ist ein bisschen komisch, oder?“

„Ein bisschen“, sagte Charlie, der seinen seltsamen Onkel eher fürchtete. Er legte einen Spurt ein, da Onkel Paton bereits die Eingangstreppe von Nummer neun erreicht hatte.

Benjamin fiel zurück.

„Irgendwas ist bei euch los“, rief er Charlie atemlos hinterher. „Hoffentlich kannst du trotzdem zu meinem Geburtstag kommen.“

„Ich komme, ganz gleich, was passiert“, keuchte Charlie, der jetzt seinen Onkel eingeholt hatte.

„Keine Hunde“, sagte Onkel Paton, als Benjamin und Runnerbean angerannt kamen.

„Oooch, bitte“, sagte Benjamin.

„Heute nicht. Das ist eine Familienangelegenheit“, sagte Paton streng. „Geht nach Hause.“

„Na gut. Also bis dann, Charlie.“ Benjamin zockelte davon und Runnerbean folgte ihm mit hängenden Ohren und eingezogenem Schwanz.

Onkel Paton dirigierte Charlie in die Küche und verschwand dann nach oben.

Charlie sah seine Mutter und seine beiden Großmütter am Küchentisch sitzen. Maisie wirkte ziemlich mürrisch, aber um Grandma Bones schmale Lippen spielte ein verstohlenes Lächeln. Charlies Mutter rührte nervös in einer Tasse Tee. Charlie konnte sich nicht erklären warum. Seine Mutter nahm doch nie Zucker.

„Setz dich, Charlie“, sagte Grandma Bone, als sei er hier der Ehrengast.

„Lass dich von den Darkwoods nicht einwickeln!“, wisperte Maisie. Sie ergriff Charlies Hand und tätschelte sie.

„Was ist denn los?“, wunderte sich Charlie.

„Die Darkwood-Tanten kommen nachher“, sagte seine Mutter.

Die Darkwood-Tanten waren eigentlich seine drei Großtanten, Grandma Bones unverheiratete Schwestern. Charlie sah sie sonst nur an Weihnachten, und er hatte das Gefühl, dass er in ihren Augen eine einzige Enttäuschung war. Sie hinterließen jedes Mal seltsame Geschenke: Malkästen, Musikinstrumente, Verkleidungen und Umhänge, ja einmal sogar einen Chemiekasten. Lauter Sachen, mit denen Charlie absolut nichts anfangen konnte. Er mochte Fußball und Fernsehen und das war’s auch so ziemlich.

Grandma Bone beugte sich über den Tisch. Ihre Augen funkelten merkwürdig. „Meine Schwestern kommen, um dich einem Eignungstest zu unterziehen, Charlie. Und wenn sie dich für tauglich befinden – für so begabt, wie ich vermute –, dann werden sie das Geld zur Verfügung stellen, um dich auf die Bloor-Akademie zu schicken.“

„Mich? Aufs Bloor?“ Charlie war völlig verdattert. „Das ist doch nur für Genies.“

„Keine Sorge, Schatz. Du wirst die Prüfung nicht bestehen“, sagte Maisie zuversichtlich. Sie stand auf und murmelte: „Um die Vorbereitungen für den hohen Besuch darf sich mal wieder die olle Maisie kümmern, was? Ich weiß nicht, warum ich dieses Theater mitmache.“

Es würde ein Essen für die Tanten geben, erklärte Charlies Mutter. Sie würden das gute Silber, die feinen Kristallgläser und das sorgsam gehütete Festtagsgeschirr aus dem Keller holen und den Tisch im Esszimmer decken, einem ungemütlich kalten Raum, der nur benutzt wurde, wenn die Darkwood-Tanten kamen. Maisie war schon dabei, Huhn und Fisch und noch alles mögliche andere Zeug im Schnellverfahren aufzutauen.

Charlie hätte sich Sorgen gemacht, wenn er sich nicht sicher gewesen wäre, dass er den Test der Tanten nie bestehen würde. Er dachte daran, wie er einmal versucht hatte, ein Bild für sie zu malen, und kläglich gescheitert war. Wie er sich vergeblich mit der Geige, der Flöte, der Harfe und dem Klavier abgemüht hatte. Er hatte auch die Kostüme angezogen: Tiere, Clowns, Cowboys und Astronauten. Aber er hatte es nie geschafft, etwas anderes darzustellen als Charlie Bone. Schließlich hatten alle einsehen müssen, dass er keinerlei Begabungen hatte.

Deshalb war Charlie, während er auf die Tanten wartete, nicht so beunruhigt, wie er hätte sein sollen.

Benjamin hingegen war äußerst beunruhigt. Charlie war sein Freund, sein bester Freund. Was Charlie widerfuhr, würde indirekt auch ihm widerfahren. Finstere Dinge kamen auf seinen Freund Charlie zu. Benjamin saß an seinem Zimmerfenster und beobachtete Charlies Haus. Als es dunkel wurde, gingen die Straßenlaternen an, und in dem Haus hinterm Kastanienbaum wurden Lichter an- und ausgeknipst: im Keller, auf dem Speicher und in allen Zimmern. Was ging dort drüben vor sich?

Der Wind wurde stärker. Es blitzte und donnerte gleichzeitig, was hieß, dass das Gewitter direkt über ihnen war. Benjamin umklammerte Runnerbean, und der große Hund vergrub den Kopf in Benjamins Armbeuge.

Die Straße war leer gefegt, bis auf drei schemenhafte Gestalten. Sie kamen immer näher. Eine Front von schwarzen Regenschirmen verbarg alles außer drei dunklen Mantelsäumen und sechs Stiefeln: vier schwarzen und zwei roten. Trotz des Sturms bewegten sie sich seltsam rhythmisch, als tanzten die Gestalten unter den mächtigen Regenschirmen. Die Gestalten machten, wie Benjamin befürchtet hatte, bei der Kastanie halt und stiegen dann die Eingangstreppe zu Charlies Haus hinauf.

Zum ersten Mal im Leben war Benjamin froh, dass er nur Benjamin war und nicht Charlie Bone.

In Nummer neun war der Esstisch gedeckt und im Kamin schwelten feuchte Holzscheite. Als es klingelte, musste Charlie aufmachen. Die drei Großtanten segelten herein, traten sich die Füße auf dem Fliesenboden ab und schüttelten die nassen Schirme aus. Ihre Mäntel flogen durch die Diele und landeten auf Charlie, als wäre er ein Garderobenständer.

„Aufheben, Junge“, kommandierte Tante Lucretia, als Charlie sich unter den nassen Sachen hervorkämpfte. „Das sind echte Englischledermäntel, nicht irgendwelche Lumpen.“

„Sei nicht so grob, Lucretia“, sagte Tante Eustacia. „Charlie hat uns etwas mitzuteilen, nicht wahr, mein Kleiner?“

„Ähm …“, machte Charlie.

„Nicht so schüchtern.“ Tante Venetia, die Jüngste, kam mit wiegenden Hüften auf ihn zu. „Wir möchten es wissen. Alles.“

„Hier herein, Schwestern! Kommt hier rein!“, rief Grandma Bone aus dem Esszimmer.

Die drei Schwestern segelten durch die Tür; Lucretia, die Älteste, zuerst, Venetia, die Jüngste, als Letzte. Sie schnappten Grandma Bone die gefüllten Sherrygläser aus der Hand, scharten sich um das kümmerliche Feuer, schüttelten ihre feuchten Röcke und betatschten ihr üppiges Haar, Tante Lucretia das schneeweiße, Eustacia das stahlgraue, Venetia das schwarze, das aussah wie angelegte Rabenflügel.

Charlie drückte sich rückwärts zur Tür hinaus und flüchtete in die Küche, wo Maisie und seine Mutter am Herd zugange waren.

„Bring die Suppe rein, sei so lieb, Charlie“, sagte seine Mutter.

Charlie wollte nicht mit den Großtanten allein sein, aber seine Mutter wirkte verschwitzt und erschöpft, also tat er, wie ihm geheißen.

Die Suppenterrine war ungeheuer schwer. Charlie fühlte, wie ihm stechende Darkwood-Blicke um den langen Esstisch folgten. Er ließ die Terrine auf einen Untersetzer plumpsen und lief schnell die Schälchen holen, ehe sich Grandma Bone über den übergeschwappten Klecks Suppe beschweren konnte.

Als alles so weit war, schwang Grandma Bone ein Glöckchen, was Charlie ziemlich albern fand. Alle sahen doch, dass angerichtet war.

„Wozu brauchen wir die Glocke?“, fragte er.

„Tradition“, schnappte Grandma Bone. „Und außerdem hat Paton keinen Geruchssinn.“

„Aber Onkel Paton isst doch nie mit.“

„Heute“, sagte Grandma Bone nachdrücklich, „wird er’s tun.“

„Und basta“, feixte Maisie mit einem Grinsen, das sofort verschwand, als die vier Schwestern sie grimmig anfunkelten.

Onkel Paton kam mit gerunzelter Stirn herein und das Mahl konnte beginnen.

Maisie hatte ihr Bestes gegeben, aber zehn Minuten Vorwarnzeit waren doch ziemlich wenig, um ein Essen für gehobene Ansprüche zu zaubern. Die Suppe war versalzen, das Huhn trocken, und der Biskuitpudding sah traurig und matschig aus. Aber niemand beschwerte sich. Sie langten herzhaft zu und aßen in großer Eile.

Maisie und Charlies Mutter räumten ab. Paton und Charlie halfen mit. Und dann war es auch schon Zeit für den Eignungstest. Nun stellte sich heraus, dass Charlies Mutter nicht dabei sein durfte.

„Ich geh da auf keinen Fall ohne dich rein!“, sagte er. „Mach ich nicht.“

„Du musst, Charlie“, sagte seine Mutter. „Die Darkwoods sitzen auf dem Geld und bestimmen, was gemacht wird. Ich habe gar nichts zu sagen.“

„Ich begreife nicht, warum du Charlie auf diese alberne Akademie schicken willst“, sagte Maisie.

„Seinem Vater zuliebe“, antwortete Amy.

Maisie machte „Tss“ und sagte nichts mehr.

Charlies Vater war tot, warum war es dann so wichtig? Seine Mutter wollte es ihm nicht sagen. Sie schubste ihn sachte in Richtung Wohnzimmer, und schon war er drinnen.

„Ich will meine Mum dabeihaben, oder ich mach’s nicht“, sagte Charlie.

„Ach Gottchen, der Kleine kann nicht ohne seine Mutter sein“, flötete Tante Venetia.

„Ein Junge, der immer seine Mami dabeihaben muss, ist ein Baby“, sagte Tante Lucretia streng. „Schluss mit dem Kinderkram, Charlie. Das hier ist eine Darkwood-Angelegenheit. Da können wir keine Ablenkung brauchen.“

An diesem Punkt versuchte Onkel Paton, sich unauffällig zu verdrücken, aber seine älteste Schwester rief ihn zurück. „Paton, du wirst gebraucht. Tu ein Mal deine Pflicht.“

Onkel Paton schlüpfte widerstrebend auf den Stuhl, den sie ihm anwies.

Charlie musste sich an die eine Längsseite des Tisches setzen, den vier Schwestern gegenüber. Onkel Paton saß an der Schmalseite.

Charlie fragte sich, wie der Eignungstest wohl ablaufen würde. Da lagen, soweit er sehen konnte, nirgends Musikinstrumente, Verkleidungen oder Pinsel. Er wartete. Sie musterten ihn.

„Wo hat er bloß dieses Haar her?“, fragte Tante Lucretia.

„Aus der mütterlichen Linie“, sagte Grandma Bone. „Ein halber Waliser.“ Sie redete, als wäre Charlie gar nicht da.

„Aha!“ Die drei Großtanten seufzten abfällig.

Tante Lucretia kramte in einer großen Ledertasche. Schließlich zog sie ein Päckchen heraus, das mit einem schwarzen Band verschnürt war. Sie löste das Band, das Packpapier ging auf und zum Vorschein kam ein Stapel uralt aussehender Fotos.

Grandma Bone schubste das Päckchen zu Charlie hinüber und die Fotos fächerten sich auf dem Tisch auf.

„Was soll ich damit machen?“, fragte Charlie, der sich ziemlich genau vorstellen konnte, was er damit machen sollte.

Die Großtanten lächelten ermutigend.

Charlie betete, dass nichts passieren würde, dass er die verstaubte Fotosammlung kurz überfliegen und dann weggucken könnte, bevor er Stimmen hörte. Aber schon der erste kurze Blick sagte ihm, dass die Leute auf den Fotos einen Mordslärm machten. Sie spielten Instrumente: Cello, Klavier, Geige. Sie tanzten, sangen, lachten. Charlie tat, als hörte er nichts. Er versuchte, die Fotos zu Tante Lucretia hinüberzuschieben. Sie schob sie zurück.

„Was hörst du, Charlie?“, fragte Grandma Bone.

„Nichts“, nuschelte Charlie.

„Komm schon, Charlie, versuch’s“, sagte Tante Venetia.

„Und nicht lügen“, drohte Tante Lucretia.

„Sonst gibt’s Tränen statt Vergnügen“, zischte Tante Eustacia.

Das machte Charlie wütend. Ihn würde niemand zum Weinen bringen.

„Ich hör kein Garnichts“, sagte er und schob energisch die Fotos weg.

Gar nichts“, schnaubte Tante Lucretia und schob sie wieder zurück. „Du hörst gar nichts. Nicht kein Garnichts. Sprachlicher Ausdruck, Junge. Hat dich das niemand gelehrt?“

„Er hätte die Akademie wohl wirklich nötig“, sagte Tante Eustacia.

„Guck sie dir einfach noch mal an, Charlie, sei ein lieber Junge“, flötete Tante Venetia. „Nur ein Minütchen, und wenn dann nichts passiert, werden wir dich in Ruhe lassen und uns …“ Sie wedelte mit den langen weißen Fingern. „… in Luft auflösen.“

„Meinetwegen“, brummelte Charlie.

Er dachte, er könnte sich durchmogeln: einfach nur auf die Fotos gucken und die Geräusche ausblenden. Aber es klappte nicht. Cello- und Klaviermusik, Sopranstimmen und laute Lachsalven barsten ihm entgegen, füllten den Raum. Die Großtanten sprachen mit ihm, er sah, wie ihre schmalen Lippen sich bewegten, konnte aber bei dem schrecklichen Krach der Fotos kein Wort verstehen.

Schließlich packte Charlie die Fotos und schmiss sie mit der Bildseite nach unten auf den Tisch. Die jähe Stille war eine Wohltat. Die Großtanten starrten ihn triumphierend an.

Tante Venetia ergriff als Erste das Wort. „Na, war doch gar nicht so schlimm, oder, Charlie?“

Charlie begriff, dass er ausgetrickst worden war. In Zukunft würde er sich vor Tante Venetia hüten müssen. Sie war offenbar raffinierter als ihre Schwestern. „Wer sind die ganzen Leute überhaupt?“, fragte er kleinlaut.

„Deine Verwandten, Charlie“, sagte Tante Lucretia. „Sie hatten allesamt Darkwood-Blut in den Adern. Wie du auch, mein lieber, kluger Junge.“ Ihr Verhalten hatte sich völlig verändert. Aber die nette Tante Lucretia war genauso unheimlich wie die fiese Tante Lucretia.

„Du kannst jetzt gehen, Charlie“, sagte Grandma Bone. „Wir haben noch einiges zu besprechen, was deine Zukunft angeht.“

Charlie war mehr als froh, dass er gehen durfte. Er sprang auf und eilte zur Tür. Im Vorbeigehen sah er Onkel Paton kurz ins Gesicht. Sein Onkel schien traurig und weit, weit weg, und Charlie fragte sich, warum er die ganze Zeit kein Wort gesagt hatte. Paton lächelte Charlie flüchtig an und drehte sich dann weg.

Charlie lief schnell in die Küche, wo Maisie und seine Mutter gespannt auf das Prüfungsergebnis warteten.

„Ich glaub, ich hab bestanden“, erklärte er finster.

„Ach, du grüne Neune“, sagte Maisie. „Ich dachte, du könntest dich rausmogeln, Charlie. War es das mit den Stimmen?“

Charlie nickte jämmerlich.

„Diese verflixten Darkwoods!“ Maisie schüttelte den Kopf.

Charlies Mutter schien gar nicht so unglücklich. „Die Akademie wird dir guttun“, tröstete sie ihn.

„Nein, wird sie nicht“, sagte Charlie. „Ich will da nicht hin. Das ist eine olle, verstaubte Anstalt für Genies. Ich passe da nicht hin. Es ist am anderen Ende der Stadt, und ich kenne da keinen. Und wenn ich mich einfach weigere, Mum?“

„Wenn du dich weigerst, dann … wird es das alles hier vielleicht nicht mehr geben“, sagte seine Mutter und machte eine vage Handbewegung in Richtung Küchenschränke.

Charlie war sehr verblüfft. Waren seine Großtanten etwa ausgewachsene Hexen, die nur ihren Zauberstab oder vielleicht auch ihren Regenschirm zu schwenken brauchten, um ganze Häuser verschwinden zu lassen?

„Meinst du, das Haus könnte sich einfach in Luft auflösen?“, fragte er.

„Nicht direkt“, sagte seine Mutter. „Aber unser Leben würde sich ändern. Maisie und ich haben nichts. Keinen Hosenknopf. Als dein Vater Lyell starb, waren wir auf die Darkwoods angewiesen. Sie haben für alles gesorgt. Sie haben das Haus gekauft, die Rechnungen bezahlt. Tut mir leid, Charlie, du musst aufs Bloor gehen, wenn sie es wollen.“

Charlie fühlte sich plötzlich ganz müde. „Okay“, sagte er. „Ich geh jetzt ins Bett.“

Er hatte den orangeroten Umschlag ganz vergessen, aber als er in sein Zimmer kam, lag das Ding auf seinem Kopfkissen. Seine Mutter musste es vor dem ganzen Essen und dreckigen Geschirr gerettet haben.

Charlie beschloss, nicht noch einen Blick auf den Mann und das Baby zu riskieren. Gleich morgen würde er das Foto zum Kwik-Fotoservice zurückbringen und vielleicht Runnerbean dafür kriegen.

Als seine Mutter zum Gutenachtsagen heraufkam, bat er sie, sich auf sein Bett zu setzen und ihm ein paar Fragen zu beantworten. Er fand, dass es ihm zustand, mehr über sich zu erfahren, ehe er auch nur einen Fuß in die Bloor-Akademie setzte.

„Zuerst will ich wissen, was wirklich mit meinem Vater passiert ist“, sagte Charlie. „Erzähl’s mir noch mal.“

„Ich habe es dir doch schon so oft erzählt, Charlie. Es war neblig, er war müde. Er ist von der Straße abgekommen, und der Wagen ist in einen Steinbruch gestürzt, hundert Meter tief.“

„Und warum gibt es hier nirgends Fotos von ihm?“

Ein leiser Schatten huschte über das Gesicht seiner Mutter. „Es gab ja welche“, sagte sie, „aber eines Tages, während ich aus dem Haus war, sind sie alle verschwunden. Sogar das winzige Bild in meinem Medaillon.“

Das war Charlie neu. „Warum?“, fragte er.

Und schließlich erzählte ihm seine Mutter die Wahrheit über die Darkwoods: wie entsetzt sie gewesen waren, als Lyell sich in sie verliebt hatte – in Amy Jones, ein ganz normales Mädchen ohne außergewöhnliche Fähigkeiten. Ohne besondere Gaben.

Die Darkwoods hatten ihm die Heirat untersagt. Ihre Familiengesetze waren uralt und streng. Die Frauen konnten heiraten, wen sie wollten, aber ein männlicher Darkwood durfte nur ein Mädchen mit einer Gabe zur Frau nehmen. Lyell hatte das Gesetz gebrochen. Er und Amy Jones waren nach Mexiko durchgebrannt.

„Wir hatten wunderschöne Flitterwochen“, seufzte Charlies Mutter. „Aber als wir nach Hause kamen, merkte ich, dass Lyell Angst hatte. Er war ihnen doch nicht entkommen. Er guckte sich auf der Straße ständig um, fühlte sich verfolgt. Und dann, als du zwei warst, kam bei Nacht und Nebel dieser Anruf. Ein Befehl. Grandma Bone sei krank, er müsse sofort zu ihr kommen. Also stieg er ins Auto und … stürzte in den Steinbruch.“

Sie starrte einen Moment in die Ferne und murmelte gedankenverloren: „Er war an diesem Abend nicht er selbst. Irgendwas musste passiert sein. Er wirkte fast wie in Trance.“

Sie wischte sich eine winzige Träne weg. „Ich glaube nicht, dass Grandma Bone auch nur ein Fünkchen Liebe im Leib hat“, sagte sie. „Für die Darkwoods war Lyells Tod nur das Ende einer unseligen Episode. Aber an dir waren sie interessiert, Charlie. Angenommen, es stellte sich heraus, dass du eine Gabe hast? Sie wussten, dass sie sich um dich kümmern mussten, bis es klar war.

Also kauften sie mir ein Haus und ließen Maisie mit einziehen. Und dann kam Grandma Bone. Um uns zu beobachten. Und kurz danach kam auch Onkel Paton, weil … na ja, ich schätze, weil er sonst nirgends hinkonnte.