Impressum

Als Ravensburger E-Book
erschienen 2010

Die Print-Ausgabe erscheint im
Ravensburger Buchverlag Otto Maier GmbH

© 2010 Ravensburger Buchverlag Otto Maier GmbH

Published by arrangement with HarperTeen
a division of HarperCollins Publishers, Inc.
1350 Avenue of the Americas, New York,
New York 10019, USA.
Text copyright © 2008 Michael Grant

Cover artwork copyright © Egmont UK Ltd. 2009.
Published by Egmont UK Ltd.
London and used with permission.

Agent Orange lyrics used by permission.
A Cry for Help in a World Gone Mad,
written by Michael A. Palm,
courtesy of Covina High Music

Dieses Werk wurde vermittelt durch die
Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, Garbsen.

Alle Rechte dieses E-Books
vorbehalten durch
Ravensburger Buchverlag Otto Maier GmbH

ISBN 978-3-473-38397-9

www.ravensburger.de

Für Katherine, Jake und Julia

Eins

299 Stunden, 54 Minuten

Der Lehrer, der gerade noch über den Bürgerkrieg gesprochen hatte, war auf einmal weg.

Da.

Weg.

Kein Puff. Kein Blitz. Kein Knall.

Sam Temple saß im Geschichtsunterricht, es war die fünfte Stunde an diesem Tag. Sein Blick war zwar zur Tafel gerichtet, in Gedanken war er aber ganz woanders gewesen.

Kurz dachte er, er hätte sich das Verschwinden des Lehrers nur eingebildet.

Sam wandte sich an Mary Terrafino, die links von ihm saß. »Hast du das gesehen?«

Mary starrte auf die Stelle, wo der Lehrer eben noch gestanden hatte.

»Äh, wo ist eigentlich Mr Trentlake?«, wollte jetzt Quinn Gaither wissen, Sams bester und wahrscheinlich auch einziger Freund. Quinn saß direkt hinter Sam.

»Er muss rausgegangen sein«, antwortete Mary zögernd.

Edilio, ein neuer Schüler, den Sam nicht unsympathisch fand, sagte: »Nein, Mann. Er ist verpufft.« Dazu vollführte er mit den Fingern eine Geste, die den Vorgang ziemlich gut beschrieb.

Die anderen schauten einander ungläubig an, reckten die Hälse hierhin und dahin und brachen in nervöses Kichern aus. Niemand fürchtete sich. Niemand weinte. Das Ganze schien irgendwie komisch.

»Hey«, sagte jemand, »wo ist Josh?«

Einzelne Köpfe wandten sich um.

»War er denn heute hier?«

»Ja. Er saß gerade noch neben mir.« Sam erkannte Bettes Stimme.

»Er ist verschwunden«, sagte sie. »Wie Mr Trentlake.«

Die Tür zum Flur ging auf. Alle Blicke schossen zu ihr. Gleich würde Mr Trentlake hereinkommen, wahrscheinlich mit Josh an seiner Seite, und ihnen erklären, mit welchem Trick er sie reingelegt hatte, um dann wieder in seiner anstrengenden, überschwänglichen Art über den Bürgerkrieg zu reden, für den sich kein Mensch interessierte.

Es war aber nicht Mr Trentlake. In der Tür stand Astrid Ellison aus der Neunten. Astrid, das Genie. Im letzten Jahr war sie noch in Sams Klasse gewesen. Wie Sam war sie erst vierzehn, sie hatte jedoch eine Klasse übersprungen.

Astrid hatte blonde schulterlange Haare und trug am liebsten kurzärmelige weiße Blusen, die Sams Blick auf sich zogen wie ein Magnet. Astrid gehörte einer anderen Liga an. Sam wusste das, es gab aber kein Gesetz, das ihm verboten hätte, an sie zu denken.

»Wo ist euer Lehrer?«, fragte Astrid.

Darauf folgte allgemeines Achselzucken.

»Verpufft«, sagte Quinn kichernd, als wäre das lustig.

»Ist er denn nicht im Flur?«, fragte Mary.

Astrid schüttelte den Kopf. »Hier passiert etwas sehr Seltsames. Meine ganze Klasse…«

»Was?«, fragte Sam.

Astrid sah ihn an. Normalerweise hielt er ihrem herausfordernden und skeptischen Blick nicht stand, doch diesmal war er anders: voller Angst. Ihre blauen Augen waren weit aufgerissen und zeigten viel zu viel Weiß. »Sie sind weg. Sie sind alle … einfach verschwunden.«

»Und euer Lehrer?«, fragte Edilio.

»Unsere Lehrerin ist auch weg.«

»Was heißt weg?«

»Verpufft«, meinte Quinn wieder, dem das Kichern aber allmählich verging, weil ihm zu dämmern schien, dass das womöglich doch kein Witz war.

Aus der Stadt war das ferne Heulen von Autoalarmanlagen zu hören. Sam stand ein wenig befangen auf, so als stünde ihm das nicht zu, und ging zur Tür. Astrid trat zur Seite, um ihn vorbeizulassen.

Aus der nächsten Tür, der Nummer213, steckte ein Junge den Kopf heraus. Sein Gesichtsausdruck zeigte eine Mischung aus Furcht und Wagemut, als wäre er im Begriff, sich für eine Achterbahnfahrt anzuschnallen.

Aus der 209 drang das unheimlich laute Gelächter von Kindern. Fünftklässler. Jetzt flog auf der gegenüberliegenden Flurseite eine Tür auf, drei Sechstklässler stürmten heraus und blieben wie angewurzelt stehen. Sie starrten Sam an, als befürchteten sie, er würde sie gleich anschreien.

Perdido Beach School war eine Kleinstadtschule, in der vom Kindergarten über die Vor- und Grundschule bis hin zur neunten Klasse alle in einem Gebäude untergebracht waren. Die Oberschule befand sich eine Busstunde entfernt in San Luis.

Sam machte sich auf den Weg zu Astrids Klasse. Sie und Quinn folgten ihm.

Die Klasse war leer. Niemand saß in den Bänken oder auf dem Stuhl der Lehrerin. Auf den Tischen lagen aufgeschlagene Mathebücher. Auch Notebooks. Die Computer, sechs altersschwache, in einer Reihe stehende Macs, zeigten nur weiß flackernde Bildschirme.

Auf der Tafel stand deutlich lesbar Polyn.

»Sie wollte gerade das Wort Polynom zu Ende schreiben«, flüsterte Astrid ehrfürchtig, als wären sie in der Kirche.

»Verstehe.« Sam hatte das Wort noch nie gehört.

»Sie setzte gerade zum o an. Ich sah ihr dabei zu und plötzlich war sie weg.«

Sam deutete zum Boden. Dort lag ein Stück Kreide, ziemlich genau an der Stelle, wo es hingefallen wäre, wenn jemand das Wort Polynom – was immer es heißen mochte – an die Tafel geschrieben und sich dabei in Luft aufgelöst hätte.

»Das ist doch nicht normal«, sagte Quinn.

Quinn war größer als Sam, stärker und ein mindestens ebenso guter Surfer wie er. Doch mit seinem schrägen Lächeln und seiner Vorliebe, sich so zu kleiden, als wollte er sich kostümieren – heute trug er weite Shorts, Wüstenstiefel aus dem Fundus der Armee, ein rosafarbenes Polohemd und einen grauen Filzhut vom Dachboden seines Großvaters–, wirkte Quinn sonderbar, was manche befremdete und andere ängstigte. Quinn brauchte keine Clique, er war sich selbst genug. Das war vielleicht der Grund dafür, dass er und Sam so gut miteinander klarkamen.

Sam war eher unauffällig. Er hielt sich an Jeans und schlichte T-Shirts, nichts, womit er die Aufmerksamkeit auf sich gezogen hätte. Er hatte fast sein ganzes Leben in Perdido Beach verbracht, ging hier auf die Schule und alle wussten, wer er war, doch nur wenige hätten sagen können, wie er war. Er war ein Surfer, der nicht mit anderen Surfern rumhing. Er war gescheit, aber nicht blitzgescheit. Er sah gut aus, aber nicht so gut, dass die Mädchen scharf auf ihn waren.

Es gab jedoch etwas, wofür er an der ganzen Schule bekannt war und was ihm in der Sechsten den Spitznamen Schulbus-Sam eingebracht hatte. Sie waren auf Klassenfahrt gewesen, als der Busfahrer mitten auf dem Highway einen Herzinfarkt erlitt. Sam hatte den Mann aus dem Sitz gezerrt, den Bus an den Straßenrand gelenkt, sicher zum Stehen gebracht und dann in aller Ruhe mit dem Handy des Fahrers den Notruf911 gewählt.

Hätte er auch nur eine Sekunde gezögert, wäre der Bus über den Klippenrand ins Meer gestürzt.

»Die ganze Klasse ist weg. Alle außer Astrid«, sagte Sam. »Das ist eindeutig nicht normal.« Er bemühte sich vergeblich, bei ihrem Namen nicht ins Stocken zu geraten. Sie hatte diese Wirkung auf ihn.

»Ja, seltsam still hier«, warf Quinn ein. »Okay, ich würde jetzt gern mal aufwachen.« Das war zur Abwechslung ernst gemeint.

Jemand schrie.

Die drei stürzten zurück in den Flur, der inzwischen voller Schüler war. Becka, ein Mädchen aus der Sechsten, starrte auf ihr Handy.

»Es geht keiner ran!«, rief sie unter Tränen. »Da ist gar nichts!«

Einen Moment lang rührte sich niemand.

Dann setzte ein Rascheln und Kramen ein, gefolgt vom Geräusch zahlloser Finger, die auf Dutzende Handytastaturen drückten.

»Ich hab keinen Empfang.«

»Das Internet funktioniert auch nicht. Ich bekomm ein Signal, aber es tut sich nichts.«

»Mein Handy zeigt drei Balken an.«

»Meins auch, aber es verbindet nicht.«

Alle redeten gleichzeitig, ein aufgeregtes Plappern, das in Geschrei zu eskalieren drohte.

»Versuch mal 911«, forderte eine verängstigte Stimme.

»Wo, glaubst du, hab ich grad angerufen, du Armleuchter?«

»Keine Antwort bei 911?«

»Gar nichts. Ich hab die Hälfte meiner Kurzwahlen ausprobiert, nichts funktioniert.«

Plötzlich schrillte die Pausenglocke. Die Schüler schraken zusammen, als hätten sie sie noch nie gehört.

»Was jetzt?«, fragten mehrere gleichzeitig.

»Jemand muss im Büro sein!«, rief eine Stimme. »Sonst würde die Glocke nicht läuten.«

»Das ist ein Zeitschalter, du Idiot.« Das war Howard.

Howard war ein mickriger Wurm, der sich bei Orc aus der Achten, einem finster dreinblickenden Koloss aus Fett und Muskeln, zur Nummer eins hochgeschleimt hatte. Orc war der am meisten gefürchtete Schläger der Schule. Niemand legte sich mit Howard an. Wer Howard beleidigte, bekam es mit Orc zu tun.

»Im Lehrerzimmer steht ein Fernseher«, sagte Astrid.

Sam und Astrid rannten los, dicht gefolgt von Quinn. Sie schlugen die Richtung zum Lehrerzimmer ein, sausten die Treppe hinunter bis ins Erdgeschoss, wo weniger Klassen und auch weniger Schüler waren. Sams Hand lag bereits auf der Türklinke zum Lehrerzimmer, als sie innehielten.

»Wir dürfen da nicht rein«, meinte Astrid.

»Sagt wer?«, erwiderte Quinn.

Sam stieß die Tür auf.

Die Lehrer hatten einen Kühlschrank. Er stand offen. Auf dem Boden lag ein Becher Heidelbeerjoghurt, sein zähflüssiger Inhalt war auf den schäbigen Teppich gelaufen. Der Fernseher war angeschaltet, zeigte aber kein Bild, sondern rauschte nur. Sam suchte nach der Fernbedienung. Wo war sie bloß?

Quinn fand sie. Er schaltete von einem Kanal zum nächsten. Nichts, nichts und wieder nichts.

»Kabelschaden«, meinte Sam, obwohl das irgendwie blöd klang.

Astrid langte hinter den Apparat und hantierte am Kabel herum. Der Bildschirm flackerte und das Rauschen hörte sich anders an, doch als Quinn die Kanäle der Reihe nach anklickte, tat sich wieder nichts.

»Lehrer verschwinden, Neuntklässler ebenfalls, Fernseher und Handys geben ihren Geist auf«, sagte Astrid. »Und das passiert alles zur selben Zeit.« Sie runzelte die Stirn.

Sam und Quinn warteten ab, als müsste sie eine Erklärung dafür haben, immerhin war sie Astrid, das Genie. Doch sie sagte nur: »Das ergibt keinen Sinn.«

An der Wand hing ein Festnetzapparat. Sam nahm den Hörer ab. »Kein Freizeichen. Gibt es hier ein Radio?«

Es gab keines.

Die Tür flog auf und zwei Jungs aus der Fünften platzten herein, ihre Gesichter waren vor Aufregung gerötet. »Die Schule gehört uns!«, rief der eine, während der andere einen Freudenschrei hinterhersandte.

»Fünfzehn«, sagte Astrid.

»Die waren höchstens elf«, entgegnete Quinn.

»Nicht die beiden. Die aus der Neunten, aus meiner Klasse. Sie sind fünfzehn oder älter, alle außer mir. Ich bin die Einzige, die erst vierzehn ist.«

»Ich glaube, Josh aus unserer Klasse war auch schon fünfzehn«, warf Sam ein.

Quinn blickte ihn verwirrt an. »Und?«

»Er war fünfzehn. Er … er ist verschwunden. Von einer Sekunde auf die andere.«

»So was gibt᾿s doch gar nicht«, sagte Quinn abwinkend. »In der ganzen Schule verschwinden alle Erwachsenen und älteren Kids? Das ist Quatsch.«

»Nicht nur in der Schule«, erwiderte Astrid.

»Was?«, entfuhr es Quinn.

»Die Handys, der Fernseher?«

»Nein, nein, nein.« Quinn schüttelte den Kopf und verzog die Mundwinkel, als hätte er einen schlechten Witz gehört.

»Meine Mom«, sagte Sam.

»Hör jetzt auf, Mann! Das ist nicht lustig.«

Zum ersten Mal spürte Sam einen Anflug von Panik. Sein Herz hämmerte plötzlich so angestrengt, als wäre er gerannt.

Sam sah seinen Freund an. Er hatte Quinn noch nie so verängstigt erlebt. Quinns Lippen zitterten und an seinem Hals breitete sich ein roter Fleck aus. Astrid wirkte ruhig und nachdenklich, als suchte sie immer noch nach einer plausiblen Erklärung.

»Wir müssen nachsehen«, sagte Sam.

Quinn atmete heftig ein. Es klang wie ein Schluchzen. Er war bereits im Begriff, sich umzudrehen, als Sam ihn an der Schulter packte.

»Lass los, Alter!«, fuhr Quinn ihn an. »Ich muss sofort nach Hause. Ich muss nachsehen.«

»Das müssen wir alle«, erwiderte Sam. »Lass uns das zusammen machen.«

Quinn wollte sich losreißen, doch Sam verstärkte seinen Griff. »Komm schon!«

Quinn hörte auf, sich zu wehren. »Okay, aber mein Haus als Erstes. Das ist alles so was von gestört.«

»Astrid?«, fragte Sam unsicher, weil er nicht wusste, ob sie mit ihnen mitkommen wollte. Es fühlte sich dreist an, sie zu fragen, und falsch, es nicht zu tun.

Sie blickte Sam an, als hoffte sie, in seinem Gesicht zu finden, wonach sie suchte. Sam erkannte plötzlich, dass Astrid genauso ratlos war wie er und genauso wenig wusste, was sie tun und wohin sie gehen sollte.

Vom Flur drang Lärm ins Zimmer. Durcheinanderredende und immer lauter werdende Stimmen. Schrill, angsterfüllt, manche wie aufgezogen, als würde alles in Ordnung kommen, solange sie nur nicht zu reden aufhörten, dazwischen wildes Grölen. Das hörte sich nicht gut an.

»Komm mit uns, Astrid«, sagte Sam. »Zusammen sind wir sicherer.«

Bei dem Wort »sicherer« zuckte Astrid zusammen. Aber sie nickte.

Die Schule war gefährlich geworden. Menschen, die Angst hatten, taten manchmal schreckliche Dinge – auch Kinder. Sam wusste das aus eigener Erfahrung. Angst konnte dazu führen, dass jemand verletzt wurde. Und momentan breitete sich die Angst in der Schule aus wie ein Lauffeuer. Etwas Großes und Furchtbares war geschehen.

Sam konnte nur hoffen, dass es nicht seine Schuld war.

Zwei

298 Stunden, 38 Minuten

Die Schüler strömten aus der Schule, einzeln oder in Gruppen. Einige der Mädchen zogen zu dritt los, sie hatten die Arme umeinandergelegt, ihre Gesichter waren tränenüberströmt. Die Jungs umarmten niemanden, aber auch viele von ihnen weinten.

Sam musste automatisch an die Fernsehbilder von Amokläufen denken. Die Kinder um ihn herum waren verstört und verängstigt, teilweise richtig hysterisch oder wie ferngesteuert, und dann gab es die, die ihre Panik mit viel zu lautem Gelächter und aufgesetzter Unerschrockenheit überspielten.

Geschwister blieben zusammen. Freunde ebenso. Kinder aus dem Kindergarten und der ersten Klasse wanderten ziellos auf dem Schulhof umher. Sie waren noch zu klein, um zu wissen, wie sie nach Hause kamen.

Die Vorschulkinder aus Perdido Beach gingen nach der Schule fast alle in eine Kindertagesstätte im Stadtzentrum. Diese Kita an der Plaza war mit verwitterten Disneyfiguren geschmückt und befand sich direkt neben der Eisenwarenhandlung und gegenüber vom McDonald’s.

»Was passiert mit den Kleinen?«, fragte Sam. »Wenn sie auf die Straße laufen, werden sie vielleicht überfahren.«

Quinn blieb stehen und starrte geradeaus. Nicht auf die kleinen Kinder, sondern auf die Straße. »Siehst du irgendwo Verkehr?«

Die Ampel schaltete gerade von Rot auf Grün, es war aber weit und breit kein Auto unterwegs.

»Zuerst sehen wir bei unseren Eltern nach«, meinte Astrid. »Es ist doch unwahrscheinlich, dass keine Erwachsenen mehr da sind, oder?«

»Ja«, stimmte Sam ihr zu. »Es können doch nicht alle verschwunden sein.«

»Meine Mom ist um diese Uhrzeit normalerweise zu Hause oder beim Tennisspielen«, sagte Astrid. »Außer sie hat Termine. Meinen kleinen Bruder nimmt sie oft mit. Er könnte allerdings auch bei meinem Dad auf der Arbeit sein. Der arbeitet bei PBNP.«

PBNP stand für Perdido Beach Nuclear Power. Das Atomkraftwerk lag ungefähr zwanzig Kilometer von der Schule entfernt. Inzwischen wurde in der Stadt kaum noch darüber geredet, aber in den Neunzigerjahren war es im Reaktor zu einem Unfall gekommen. Ein unvermuteter Störfall, hatte es damals geheißen. Ein Aufeinandertreffen von Umständen mit einer Wahrscheinlichkeit von eins zu einer Million.

Die Leute sagten, das sei der Grund, warum Perdido Beach eine Kleinstadt geblieben und nie richtig groß geworden sei wie zum Beispiel Santa Barbara im Süden. Obwohl es laut den Behörden keinen radioaktiven Niederschlag gegeben hatte, erhielt Perdido Beach nach dem Unfall den Spitznamen »Fallout Alley« – Niederschlagsgasse. Auch das trug dazu bei, dass kaum jemand hierherziehen wollte.

Die drei liefen die Chesney Road entlang und wandten sich an der Alameda Avenue nach rechts. Quinn war auf seinen langen Beinen schneller als die anderen und ihnen ein paar Schritte voraus.

An der Ecke zur Brace Road stießen sie auf ein Auto mit laufendem Motor. Der Wagen, ein Toyota, war in einen geparkten SUV gekracht. Seine Alarmanlage ging an und hörte auf, heulte eine Minute lang und verstummte wieder.

Im Toyota waren die Airbags ausgelöst worden. Die weißen Ballons hingen wie schlaffe leere Säcke vom Lenkrad und vom Armaturenbrett.

In dem SUV saß niemand. Von seiner eingedrückten Motorhaube stieg Dampf auf.

Sam fiel ein Detail auf, er beschloss aber, lieber nichts zu sagen.

Astrid tat es an seiner Stelle. »Die Türen sind abgesperrt. Seht ihr die Knöpfe? Wenn jemand im Wagen gewesen und ausgestiegen wäre, wären die Türen nicht verriegelt.«

»Da ist jemand beim Fahren von der Bildfläche verschwunden«, sagte Quinn ernst. Nach Scherzen war ihm längst nicht mehr zumute.

Sie waren jetzt nur noch dreihundert Meter von Quinns Haus entfernt. Quinn bemühte sich, locker zu bleiben. Weiterhin den coolen Quinn zu geben. Doch plötzlich fing er an zu rennen.

Sam und Astrid rasten ihm hinterher, Quinn war jedoch schneller. Der Hut flog ihm vom Kopf. Sam bückte sich und fischte ihn im Laufen auf.

Als sie ihn einholten, hatte Quinn schon die Tür aufgerissen und war ins Haus gelaufen. Sam und Astrid gingen in die Küche.

»Mom! Dad! Mom! Hey!«

Quinns Rufe kamen von oben. Seine Stimme wurde mit jedem Wort lauter. Lauter und schneller, dazu gesellte sich ein immer deutlicher werdendes Schluchzen.

Quinn kam die Treppen wieder heruntergepoltert. Er hörte nicht auf, nach seinen Eltern zu rufen, bekam jedoch keine Antwort.

Tränen liefen über Quinns Wangen und seine brüchige Stimme verriet, dass er einen dicken Knoten im Hals hatte.

Sam wusste nicht, wie er ihm helfen sollte. Er legte Quinns Filzhut auf die Ablage.

Quinns Atem ging stoßweise. »Mann, sie ist nicht hier. Hat sie einen Zettel dagelassen? Liegt hier irgendwo ein Zettel? Sucht nach einem Zettel!«

Astrid knipste einen Lichtschalter an. »Der Strom funktioniert noch.«

»Was, wenn sie tot sind? Das darf doch nicht wahr sein! Das alles ist nur ein Albtraum. Das … das ist doch gar nicht möglich.« Quinn griff nach dem Telefon. Er drückte auf die Sprechtaste und lauschte. Er drückte noch einmal darauf und wartete auf ein Signal, dann fing er an zu wählen, hieb mit dem Zeigefinger auf die Tasten und brabbelte vor sich hin.

Schließlich legte er den Apparat wieder weg und starrte ihn an.

Sam wollte jetzt auch unbedingt nach Hause. In ihm tobte eine Mischung aus Verzweiflung und Angst, er wollte Gewissheit haben und zugleich fürchtete er sich davor. Aber er konnte seinen völlig aufgelösten Freund nicht zur Eile antreiben.

»Gestern Abend habe ich mich mit meinem Dad gestritten«, sagte Quinn.

»Fang erst gar nicht an, so zu denken«, erwiderte Astrid. »Eines wissen wir mit Sicherheit: Du bist nicht schuld daran. Niemand von uns ist schuld an diesem Desaster.«

»Genau«, sagte Sam, ohne daran zu glauben. »Das ist nur so ein…« Er wusste nicht, wie er den Satz beenden sollte.

»Vielleicht war es ja Gott.« Quinn hob den Kopf und schien auf einmal voller Hoffnung. Seine Augen waren gerötet und er starrte wie ein Irrer nach oben. »Das war Gott.«

»Vielleicht«, meinte Sam.

»Kann doch nur so gewesen sein, oder? A-a-a-also«, Quinn fasste sich und unterdrückte das panische Stottern. »Also kommt auch alles wieder in Ordnung.« Der Gedanke, eine Erklärung gefunden zu haben, egal welche, egal wie unwahrscheinlich sie auch war, schien zu helfen. »Klar kommt alles wieder in Ordnung. Völlig in Ordnung.«

»Astrids Haus als Nächstes«, sagte Sam. »Es ist näher.«

»Du weißt, wo ich wohne?«, fragte Astrid.

Das wäre ein guter Moment gewesen, ihr zu gestehen, dass er ihr einmal nach Hause gefolgt war, um sie anzusprechen, sie vielleicht sogar zu fragen, ob sie mit ihm ins Kino gehen wollte, dass ihn dann aber der Mut verlassen hatte.

Sam zuckte jedoch bloß die Achseln. »Wahrscheinlich hab ich dich irgendwann gesehen.«

Bis zu Astrids einstöckigem Neubau mit Swimmingpool im Garten waren es zehn Minuten. Astrids Eltern waren nicht reich, trotzdem war das Haus viel schöner als das von Sams Mutter. Es erinnerte ihn an das Haus, in dem er früher gewohnt hatte, bevor sein Stiefvater ausgezogen war. Sein Stiefvater war auch nicht vermögend gewesen, aber er hatte einen guten Job gehabt.

Astrids Eltern hatten die Räume sehr hübsch eingerichtet. Sie wirkten irgendwie schick und waren vollkommen aufgeräumt.

Sam beschlich ein seltsames Gefühl. Es stand nichts herum, was zerbrechen konnte. An den Tischecken waren kleine Plastikpölsterchen angebracht. Die Steckdosen waren kindersicher. In der Küche entdeckte er einen Glasschrank, in dem die Messer aufbewahrt wurden. Er war mit einem Schloss versehen. Selbst die Schalter am Herd waren gesichert.

Astrid bemerkte, dass Sam sich umsah. »Die sind nicht für mich«, sagte sie schnippisch. »Sie sind für den kleinen Pete.«

»Ich weiß. Er ist…« Ihm fiel das richtige Wort nicht ein.

»Er ist autistisch«, erklärte Astrid betont locker. »Also hier ist niemand«, fügte sie in einem Ton hinzu, als hätte sie nichts anderes erwartet und auch kein Problem damit.

»Wo ist dein Bruder?«, fragte Sam.

Jetzt tat sie etwas, was er ihr nicht zugetraut hätte. Sie schrie ihn an.

»Ich weiß es nicht, okay? Ich weiß nicht, wo er ist!« Astrid legte eine Hand auf ihren Mund.

»Dann ruf ihn doch«, schlug Quinn vor.

»Ihn rufen?« Astrid schüttelte den Kopf. »Er … er reagiert nicht auf andere. Er wird mir nicht antworten, okay? Ich kann seinen Namen den ganzen Tag lang rufen.«

»Tut mir leid, Astrid«, sagte Sam. »Wir gehen auf Nummer sicher. Wenn er hier ist, finden wir ihn.«

Astrid nickte und kämpfte mit den Tränen.

Sie suchten das ganze Haus nach ihm ab. Unter den Betten. In den Schränken.

»Er kann jetzt eigentlich nur noch auf dem Tennisplatz oder im Kraftwerk sein.« Sam hörte die Verzweiflung in Astrids Stimme.

»Wir sollten aufbrechen«, sagte Sam. »Keine Sorge, wir finden ihn.«

»Wie soll ich das verstehen? Als Pro-forma-Beschwichtigung oder als konkrete Zusage?«

»Wie bitte?«

»Entschuldige, Sam. Ich meinte, wirst du mir helfen, nach Pete zu suchen?«

»Klar.«

Er hätte am liebsten hinzugefügt, dass er ihr überall, zu jeder Zeit, auf immer und ewig helfen würde, aber stattdessen schlug er den Weg zu seinem Zuhause ein, obwohl er längst wusste, was er vorfinden würde. Doch er musste sich Gewissheit verschaffen. Außerdem gab es da noch etwas, wonach er schauen wollte.

Er musste nachsehen, ob es noch da war.

Das war alles völlig verrückt. Aber für Sam war das Leben schon lange nicht mehr normal.

Drei

298 Stunden, 5 Minuten

»Seht mal, der Wagen da«, sagte Sam. »Noch ein Unfall.« Ein FedEx-Lieferwagen hatte die Hecke zu einem Vorgarten niedergemäht und war in eine Ulme gekracht. Der Motor surrte im Leerlauf.

Sie stießen auf zwei Kinder, einen Viertklässler und seine kleine Schwester, die auf der Wiese vor ihrem Haus halbherzig Fangen spielten.

»Unsere Mom ist nicht da«, sagte der Junge. »Am Nachmittag hab ich Klavierunterricht, ich weiß aber nicht, wie ich dort hinkomme.«

»Weißt du, wie du zur Plaza kommst? Zum Platz mitten in der Stadt?«, fragte Sam.

»Ich glaube schon.«

»Dann solltet ihr dorthin gehen.«

»Ich darf aber nicht allein aus dem Haus gehen«, erklärte die Kleine.

»Unsere Oma wohnt in Laguna Beach«, sagte der Junge. »Sie könnte uns abholen. Aber wir können sie nicht anrufen. Das Telefon funktioniert nicht.«

»Ich weiß. Vielleicht geht ihr doch lieber zur Plaza und wartet dort, okay?«

Als der Kleine ihn bloß anstarrte, fügte Sam hinzu: »Hey, nicht traurig sein. Sind im Haus irgendwo Kekse oder habt ihr Eis da?«

»Ja, bestimmt.«

»Na dann. Es ist keiner da, der euch verbieten könnte, ein paar Kekse zu essen, oder? Eure Eltern sind wahrscheinlich bald wieder zurück. Esst erst mal einen Keks und kommt dann zur Plaza.«

»Ist das deine Lösung? Esst Kekse?«, fragte Astrid.

»Nein, meine Lösung lautet: Rennt zum Strand runter und versteckt euch, bis alles vorbei ist. Aber ein Keks tut niemandem weh.«

Sie gingen weiter. Sams Haus lag östlich von der Innenstadt. Er und seine Mom wohnten sehr beengt in einem kleinen ebenerdigen Bungalow mit einem winzigen eingezäunten Garten. Sams Mutter, die als Nachtschwester in der Coates Academy arbeitete, verdiente nicht viel. Sams Vater hatte sich vor langer Zeit aus dem Staub gemacht. In Sams Leben war er das große Rätsel. Und im letzten Jahr hatte auch sein Stiefvater sie verlassen.

Als Sam schließlich davorstand, wollte er es nicht betreten. Seine Mutter würde ohnehin nicht da sein.

Außerdem gab es da noch etwas, was nicht einmal Quinn sehen durfte und Astrid schon gar nicht.

Er ging voran und stieg die drei verwitterten, grau gestrichenen Holzstufen hinauf, die bei jedem Tritt knarrten. Vor ein paar Monaten hatte jemand den Schaukelstuhl seiner Mom geklaut, in dem sie sich abends gerne auf der schmalen Veranda entspannte, bevor sie zur Arbeit musste. Seither zogen sie einfach die Küchenstühle nach draußen.

Für Sam und seine Mom war das die schönste Zeit des Tages, die paar Stunden nach Schulschluss, bevor der Arbeitstag seiner Mutter begann. Wenn er kam, war seine Mom, die fast den ganzen Tag schlief, bereits aufgestanden. Sie trank eine Tasse Tee und Sam eine Limonade oder einen Saft. Sie fragte ihn nach der Schule, und obwohl er ihr eigentlich nie viel erzählte, war es gut zu wissen, dass er mit ihr über alles sprechen konnte, wenn er es denn wollte.

Sam öffnete die Tür. Bis auf das Brummen des Kühlschranks herrschte Stille. Der Kompressor war alt und laut. Als sie zuletzt auf der Veranda gesessen und die Füße auf dem Geländer abgelegt hatten, hatten sie hin und her überlegt, ob sie den Kompressor in die Reparatur bringen sollten oder ob es eventuell billiger wäre, einen gebrauchten Kühlschrank zu kaufen. Und wie sie ihn ohne Pick-up nach Hause transportieren würden.

»Mom?«, rief Sam in die Leere des Wohnzimmers.

Keine Antwort.

»Vielleicht ist sie oben auf dem Hügel«, meinte Quinn. »Oben auf dem Hügel« war die Bezeichnung der Städter für die Coates Academy, eine private Internatsschule.

»Nein«, sagte Sam. »Sie ist weg. Wie alle anderen.«

Der Herd war an. Eine völlig verkohlte Pfanne stand darauf. Die Pfanne war leer.

Sam stellte die Herdplatte aus.

»Das wird in der ganzen Stadt so sein«, sagte er.

»Ja«, erwiderte Astrid. »Küchenherde, die noch an sind, Autos mit laufendem Motor. Jemand müsste von Haus zu Haus gehen und dafür sorgen, dass alles ausgeschaltet ist. Um die kleinen Kinder muss sich auch jemand kümmern. Außerdem liegen garantiert überall Medikamente herum und Alkohol und manche haben Waffen im Haus.«

»Das kann nur Gott gewesen sein«, sagte Quinn. »Kein anderer wäre imstande, alle Erwachsenen einfach verschwinden zu lassen.«

»Alle über fünfzehn«, erwiderte Astrid. »Mit fünfzehn ist man nicht erwachsen. Glaub mir, ich war mit ihnen in einer Klasse.«

»Aber warum?«, fragte Quinn. »Das kapier ich nicht. Was haben wir getan, dass Gott so sauer geworden ist?«

Sam öffnete den Kühlschrank. Er starrte auf die Lebensmittel. Milch. Ein paar Limos. Eier. Äpfel. Und Zitronen für den Tee seiner Mom. Das Übliche.

»Ich meine, irgendwas müssen wir doch getan haben, um das zu verdienen, oder?«, sprach Quinn weiter. »Ohne Grund würde Gott so was ganz bestimmt nicht tun.«

»Ich glaube nicht, dass es Gott war«, sagte Sam.

»Wer sonst?«

»Vielleicht hat Quinn Recht. Es gibt ja nichts, ich meine, nichts Normales, was dazu fähig wäre«, warf Astrid ein. »Ist doch so. Das alles ergibt einfach keinen Sinn. Es ist nicht möglich und dennoch ist es passiert.«

»Manchmal geschehen unmögliche Dinge«, sagte Sam.

»Nein, eben nicht«, entgegnete Astrid. »Das Universum funktioniert nach bestimmten Gesetzen. Denk zum Beispiel an die Schwerkraft. Du weißt schon, das ganze Zeug, das wir im Physikunterricht lernen. Deshalb kann auch nichts Unmögliches passieren.« Astrid biss sich auf die Unterlippe.

Sam zögerte. Wenn er es ihnen jetzt zeigte, diese Grenze überschritt, könnte er sie danach nicht mehr dazu bringen, es wieder zu vergessen. Sie würden ihn so lange löchern, bis er ihnen alles erzählte.

Sie würden ihn anders ansehen. Sie wären genauso entsetzt wie er.

»Ich zieh mir nur rasch ein frisches T-Shirt an, okay? In meinem Zimmer. Bin gleich wieder zurück. Im Kühlschrank sind Getränke. Bedient euch.«

In seinem Zimmer schloss er rasch die Tür hinter sich.

Er hasste dieses Zimmer. Durch das Fenster konnte er nur die Wand des Nachbarhauses sehen und selbst an einem sonnigen Tag blieb es hier düster. In der Nacht war es stockfinster.

Sam hasste die Dunkelheit.

Seine Mom bestand darauf, dass Sam nachts, wenn sie auf der Arbeit war, die Eingangstür abschloss. Es waren acht Monate vergangen, seit sein Stiefvater ihr altes Haus fluchtartig verlassen hatte. Und sechs Monate, seit sie in dieses Viertel und den schäbigen Bungalow gezogen waren und seine Mutter den schlecht bezahlten Job mit den lausigen Arbeitszeiten annehmen musste.

Vor zwei Nächten war es zu einem heftigen Gewitter gekommen und eine Zeit lang war der Strom ausgefallen. Bis auf das gelegentliche Aufleuchten der Blitze, in dem die vertrauten Gegenstände in seinem Zimmer wie unheimliche Schemen aufgetaucht und wieder verschwunden waren, war es im ganzen Haus stockfinster gewesen.

Es war ihm zwar gelungen einzuschlafen, doch dann hatte ihn der Krach eines gewaltigen Donnerschlags geweckt. Er war aus einem entsetzlichen Albtraum aufgeschreckt. Allein in dem leeren Haus und umgeben von pechschwarzer Nacht hatte er furchtbare Angst ausgestanden.

Er hatte nach seiner Mutter gerufen. Dabei war er schon ein großer Junge, fast fünfzehn. In seiner Panik hatte er die Hand ausgestreckt, als wollte er die Dunkelheit wegschieben.

Und dann war da plötzlich dieses Licht gewesen.

Es war im Inneren seines Kleiderschranks erschienen. Als er die Schranktür zumachte, war das Licht einfach durch sie hindurchgeschwebt. Als wäre die Tür gar nicht vorhanden. Seither ließ er die Tür einen Spaltbreit offen und verbarg das Licht mit ein paar über den Türrahmen geworfenen Hemden. Lange würde diese notdürftige Tarnung nicht genügen. Früher oder später würde seine Mom es entdecken – falls sie zurückkam.

Er zog die Schranktür auf. Die Tarnung fiel zu Boden.

Es war immer noch da.

Ein kleines grelles Licht. Es hing in der Luft, unbeweglich und ohne irgendwo befestigt zu sein. Es war keine Lampe oder Glühbirne, bloß ein winziges Bündel reinen Lichts.

Auch das war unmöglich. Das konnte es in Wirklichkeit gar nicht geben. Und dennoch war es da. Das Licht, das einfach aufgetaucht war, als Sam es gebraucht hatte, und seither nicht mehr verschwand.

Er fasste mit den Fingern hindurch. Es war so warm wie Badewasser.

Astrid und Quinn dachten, ihre Welt wäre erst vor zwei Stunden aus den Fugen geraten, doch Sam wusste es besser. Vor acht Monaten war schon einmal etwas Unfassbares passiert. Danach hatte eine Zeit lang wieder Normalität in Sams Leben geherrscht – bis dieses Licht aufgetaucht war. Und jetzt war alles vollkommen aus dem Lot.

»Sam?« Astrid rief ihn aus dem Wohnzimmer.

Er warf einen Blick zur Tür, besorgt, sie könnte hereinkommen. In aller Eile verbarg er das Licht wieder und kehrte zu ihr und Quinn zurück.

»Der Laptop von deiner Mom ist noch an«, sagte Astrid.

»Wahrscheinlich hat sie beim Kochen ihre E-Mails abgerufen.« Als er sich jedoch an den Tisch setzte und auf den Bildschirm blickte, war nicht der Browser offen, sondern ein Word-Dokument.

Eine Art Tagebucheintrag. Nur drei Absätze.

Gestern Nacht ist es wieder passiert. Ich wünschte, ich könnte G darauf ansprechen. Aber dann hält er mich für verrückt. Das könnte mich den Job kosten. Er wird denken, ich nehme Drogen. Wenn ich überall Kameras anbringen könnte, hätte ich wenigstens einen Beweis. Doch auch das würde nichts bringen. Man würde das Ganze einfach vertuschen, denn Cs »Mutter« ist reich und spendet großzügig für die CA.
Früher oder später wird C oder einer von den anderen etwas Schreckliches tun. Es wird Verletzte geben. So wie bei S und T.
Vielleicht konfrontiere ich C damit. Ich glaube aber nicht, dass er es zugeben würde. Würde sich das ändern, wenn er alles wüsste?

Sam starrte auf den Bildschirm. Die Seite war nicht gespeichert. Er durchsuchte den Desktop und entdeckte einen Ordner mit der Bezeichnung Tagebuch. Er klickte darauf. Der Ordner war passwortgeschützt. Hätte seine Mutter diese letzte Seite gespeichert, wäre sie auch mit einem Passwort gesichert gewesen.

CA war leicht. Das war die Coates Academy. Und G dürfte der Direktor der Schule sein, Grace. S war ebenfalls leicht. Sam. Aber wer war C?

Eine Zeile schien zu flimmern, als er sie anstarrte:

So wie bei S und T.

Astrid stand hinter ihm und las mit. Sie bemühte sich zwar, diskret zu sein, spähte aber eindeutig auf den Bildschirm.

Er klappte den Laptop zu. »Gehen wir.«

»Wohin?«, fragte Quinn.

»Egal, nur weg von hier«, antwortete Sam.

Vier

297 Stunden, 40 Minuten

»Lasst uns zur Plaza gehen«, schlug Sam vor. Er zog die Eingangstür hinter sich zu, schloss sie ab und steckte den Schlüssel in seine Hosentasche.

Perdido Beach befand sich auf einer Landzunge, die im Südosten der küstennahen Schnellstraße ins Meer hinausragte. Nördlich von der Straße stiegen die Hänge steil bergan. Es waren braune und stellenweise grüne Flächen, die mehrere Kämme bildeten und im Nordwesten und Südosten der Stadt zum Meer abfielen. Ihre Felsklippen rahmten die Landenge ein wie eine natürliche Grenze.

Perdido Beach zählte nur dreitausend Einwohner – jetzt noch weit weniger. Der nächste größere Supermarkt befand sich in San Luis, das nächste große Einkaufszentrum vierzig Kilometer weit die Küste hinunter.

In nördlicher Richtung drängten sich die Berge so nah ans Meer heran, dass mit Ausnahme des schmalen Streifens, auf dem das Kernkraftwerk stand, kein Platz zum Bauen blieb. Dahinter fing ein Nationalpark an, ein Wald aus uralten Mammutbäumen.

Zu Perdido Beach gehörten eine Hotelanlage am Südrand der Stadt, die Coates Academy oben in den Hügeln und das Kernkraftwerk. Davon abgesehen gab es nur eine Handvoll kleiner Betriebe: die Eisenwarenhandlung, den McDonald’s, ein Café, einen Sandwichladen, einen Lebensmittelladen, ein paar Geschäfte und die Tankstelle an der Schnellstraße.

Auf dem Weg zur Plaza stießen Sam, Astrid und Quinn auf immer mehr Kinder, die alle in dieselbe Richtung unterwegs waren. Als hätten sie beschlossen, lieber zusammen bleiben zu wollen. Zahlenmäßige Stärke zu beweisen. Vielleicht lag es auch nur an der bedrückenden Einsamkeit in ihren Häusern, die plötzlich kein Zuhause mehr waren.

Einen halben Block von der Plaza entfernt lag Rauch in der Luft. Sam sah rennende Kinder.

Die Plaza war ein offener Platz, eine Art Park mit ein paar Wiesen und einem Brunnen in der Mitte, der so gut wie nie funktionierte. Parkbänke säumten die Wiesen, es standen ein paar Mülleimer herum und die Gehwege waren aus Backstein. Ein bescheidenes Rathaus und die gleich daneben stehende Kirche schlossen den Platz ab. Um die Plaza herum lief eine Ladenzeile, lauter kleine Läden, von denen etliche für immer geschlossen hatten. Über ihnen befanden sich Wohnungen und aus einer dieser Wohnungen quoll dichter Rauch. Sie lag über einem Blumengeschäft und einem schäbigen Versicherungsbüro. Als Sam angelaufen kam, loderte aus einem der Fenster eine Stichflamme.

Eine Menschenmenge stand vor dem Gebäude und starrte nach oben. Irgendetwas kam Sam an ihr merkwürdig vor, bis ihm klar wurde, dass keine Erwachsenen da waren, nur Kinder.

»Ist dort oben jemand?«, rief Astrid. Niemand antwortete.

»Es könnte sich ausbreiten«, bemerkte Sam.

Jemand rief: »Bei 911 tut sich nichts!«

Sam zog besorgt die Stirn kraus. »Wenn es sich ausbreitet, brennt möglicherweise die halbe Stadt ab.«

Die Kita grenzte an die Eisenwarenhandlung und beide befanden sich nur einen schmalen Durchgang von dem brennenden Gebäude entfernt. Sam überlegte, dass ihnen, wenn sie rasch handelten, genug Zeit blieb, um die Kinder aus der Kita zu holen. Die Eisenwarenhandlung zu verlieren, konnten sie sich aber auch nicht leisten.

Vor dem Gebäude standen an die vierzig Kids, die alle bloß gafften. Niemand schien etwas unternehmen zu wollen.

»Na toll!«, sagte Sam. Er packte zwei, die er flüchtig kannte, an der Schulter. »Ihr lauft zur Kita. Sie sollen die Kleinen rausbringen.«

Die beiden starrten ihn an, rührten sich aber nicht.

»Nun macht schon!«, fuhr er sie an und sie liefen los.

Als Nächstes zeigte Sam auf zwei andere. »Du und du. Geht in die Eisenwarenhandlung und holt den längsten Schlauch, den ihr finden könnt. Bringt auch einen Sprühkopf. Im Durchgang müsste ein Wasserhahn sein. Spritzt zuerst auf die Seitenmauer der Eisenwarenhandlung und dann hinauf aufs Dach.«

Auch diese beiden blickten ihn begriffsstutzig an. »Mann! Worauf wartet ihr? Lauft los! Quinn? Geh mit ihnen mit. Die Eisenwarenhandlung muss möglichst nass sein – dorthin bläst der Wind das Feuer als Nächstes.«

Quinn zögerte.

Sie kapierten es nicht. Sahen sie denn nicht, dass sie eingreifen mussten?

Sam drängte sich durch die Menge nach vorne. »Hört mal alle her!«, sagte er mit lauter Stimme. »Das hier ist nicht der Kinderkanal. Wir können nicht einfach zusehen. Es sind keine Erwachsenen da. Es gibt auch keine Feuerwehr. Wir sind die Feuerwehr!«

Edilio, der sich in der Menge befand, trat vor. »Sam hat Recht! Ich helf dir.«

»Gut. Quinn? Du kümmerst dich um den Schlauch aus der Eisenwarenhandlung. Edilio? Wir holen die großen Schläuche aus dem Feuerwehrdepot und schließen sie an den Hydranten an.«

»Die sind sicher schwer. Dazu brauche ich ein paar kräftige Jungs.«

»Du, du, du, du.« Sam packte sie einzeln an der Schulter, schüttelte sie und setzte sie in Bewegung. »Kommt schon! Du. Du. Bewegt euch!«

Mit einem Mal ertönte ein Heulen.

Sam erstarrte.

»Da drinnen ist jemand«, stieß ein Mädchen hervor.

»Still!«, zischte Sam. Außer dem Knistern des Feuers und den fernen Alarmanlagen der Autos war nichts zu hören.

Dann ein Schrei: »Mommy!«

»Mommy, ich hab Angst!«, rief jemand mit gekünstelter Fistelstimme.

Das war Orc, der die Situation tatsächlich lustig fand. Die Kinder in seiner Nähe rückten von ihm ab.

»Was ist?«, fuhr er sie an.

Howard, Orcs ständiger Schatten, spottete: »Keine Sorge. Schulbus-Sam wird uns alle retten. Nicht wahr, Sam?«

Sam ignorierte ihn. »Los, Edilio, holt alles her, was geht.«

Dann wandte er sich dem Haus zu. »Hey, du da oben!«, schrie er. »Schaffst du es zur Tür oder zum Fenster?«

Er ließ seinen Blick über die Fassade schweifen. An der Vorderseite des Gebäudes reihten sich sechs Fenster aneinander, ein weiteres ging zum Durchgang hinaus. Die Flammen schlugen aus dem letzten Fenster auf der linken Seite, doch aus dem Fenster daneben drang jetzt auch Rauch. Das Feuer breitete sich aus.

»Mommy!«, schrie die Stimme erneut. Sie klang klar und deutlich. Es war kein Husten zu vernehmen. Noch nicht.

»Wenn du da reingehst, wickle dir damit das Gesicht ein.« Astrid reichte ihm ein nasses Tuch, das sie sich irgendwo geliehen und in Wasser getaucht hatte.

Sie berührte ihn am Arm. »Sam, das Feuer ist nicht so gefährlich wie der Rauch. Wenn du zu viel Rauch abbekommst, schwellen deine Lungen an und das kann dich umbringen.«

»Wie viel ist zu viel?«, fragte er.

Astrid versuchte zu lächeln. »Alles weiß ich auch nicht.«

Der Eingang zu dem Gebäude war unversperrt. Im Flur befanden sich Briefkästen, eine Hintertür zum Blumengeschäft und ein dunkler schmaler Treppenaufgang.

Sam hatte das obere Ende der Treppe fast erreicht, als er in eine Wand aus dichtem Rauch geriet. Das nasse Tuch nutzte gar nichts. Nach nur einem Atemzug ging er hustend und würgend in die Knie und spürte ein höllisches Brennen in seinen Augen.

In Bodennähe bekam er wieder Luft. »Kleine, hörst du mich?«, krächzte er. »Du musst schreien, sonst finde ich dich nicht.«

Sam kroch den Flur entlang. Es war eigenartig. Richtig gespenstisch. Der schäbige Läufer unter ihm schien so normal: ein zerschlissenes orientalisches Muster, ausgefranste Ränder, ein paar Krümel und eine tote Schabe. Über ihm leuchtete eine Glühbirne, deren schwaches Licht durch das verhängnisvolle Grau zu ihm herunterschimmerte.

Die in Flammen stehende Wohnung musste die zu seiner Rechten sein. Durch den schmalen Spalt unter der Tür quollen Rauchschwaden. Ihm blieben Sekunden, keine Minuten.

Er rollte sich auf den Rücken. Der hervorströmende Rauch sah aus wie ein auf den Kopf gestellter Wasserfall, der kaskadenförmig nach oben fiel.

Er hatte Angst. Und er war wütend – und zwar auf alle. Wo waren die ausgebildeten Feuerwehrleute? Wo waren die Erwachsenen? Wer sagte, dass das hier seine Aufgabe war? Er war viel zu jung dafür. Und warum war sonst keiner so verrückt und so blöd, sich Hals über Kopf in ein brennendes Gebäude zu stürzen?

Wenn Quinn Recht hatte und Gott dieses Chaos verursacht hatte, dann war er auch auf Gott wütend.

Aber wenn er in Wirklichkeit selbst an allem schuld war, durfte er nur auf sich wütend sein.

Sam riss sich zusammen, atmete möglichst viel Luft ein, sprang auf die Beine und warf sich gegen die Tür.

Nichts geschah.

Er warf sich noch einmal dagegen.

Wieder nichts.

Er musste jetzt dringend Luft holen, musste atmen, doch der Rauch war überall, in seiner Nase, in seinen Augen, er nahm ihm die Sicht. Er versuchte es erneut. Diesmal ging die Tür auf und er fiel mit dem Gesicht voran zu Boden.

Der in dem Raum gefangene Qualm entlud sich in den Flur, schoss nach draußen wie ein wild gewordener Löwe aus seinem Käfig. Ein paar Sekunden lang war auf Fußbodenhöhe frische Luft. Sam atmete sie gierig ein. Er musste dagegen ankämpfen, sie nicht wieder herauszuhusten. Wenn er das zuließ, würde er sterben, das wusste er.

Einen Augenblick lang klärte sich auch der Qualm in der Wohnung. Als ginge ein Riss durch einen Wolkenhaufen, der einen Streifen blauen Himmel zeigte.

Das Mädchen hockte würgend und hustend auf dem Fußboden, es war noch klein, höchstens fünf.

»Ich bin hier«, presste Sam mühsam hervor.

Mit seinem vermummten Gesicht, dem Ruß im Haar und den schwarzen Schlieren auf der Haut und seinen Kleidern musste er einen erschreckenden Anblick bieten.

Wie ein Ungeheuer musste er aussehen. Das war die einzige Erklärung. Denn das ohnehin schon panische Mädchen hob beide Hände, kehrte die Handflächen nach vorne und feuerte eine Ladung reinster Flammenstrahlen auf ihn ab. Flammen, die aus den kleinen Händen schossen!

Sie verfehlten Sam nur knapp. Die Strahlen zischten an seinem Kopf vorbei und trafen die Wand hinter ihm, wo sie kleben blieben und mit unglaublicher Intensität weiterbrannten.

Eine Sekunde lang war er vor Verblüffung wie gelähmt, konnte das Kind nur anstarren.

Das war verrückt.

Völlig unmöglich.

Das Mädchen schrie vor Angst und hob erneut die Hände. Dieses Mal würde es ihn nicht verfehlen.

Dieses Mal würde es ihn töten.

Ohne nachzudenken, streckte Sam seinen Arm aus. Aus seiner Handfläche schoss ein Lichtblitz, so strahlend hell wie ein explodierender Stern.

Das Kind fiel auf den Rücken.

Sam kroch zu ihm. Er zitterte, spürte, wie sich sein Magen verkrampfte, wollte schreien und dachte: Nein, nein, bitte nicht! Es darf nicht tot sein!

Direkt vor Sam war ein Fenster. Er schlug mit beiden Händen die Scheibe ein. Der vom Feuer zu dieser frischen Sauerstoffquelle gejagte Rauch umhüllte ihn wie ein Strudel.

Sam tastete im Dunkeln nach dem Kind, fand es und hob es auf. Und dann tauchten wie durch ein Wunder zwei Hände auf und warteten darauf, es entgegenzunehmen. Hände, die sich durch den Qualm streckten und beinahe übernatürlich schienen.

Sam brach über dem Sims zusammen, sein Oberkörper hing nach unten, und jetzt wurde er gepackt und die Aluminiumleiter hinuntergezerrt. Sein Kopf prallte gegen die Sprossen, aber das machte Sam nichts aus, denn hier draußen war es hell, er bekam Luft und durch den Tränenschleier vor seinen Augen konnte er den blauen Himmel sehen.

Edilio und ein anderer hievten Sam von der Leiter auf den Gehweg.

Jemand spritzte ihn mit einem Schlauch ab. Dachten sie, er hätte Feuer gefangen?

Sam öffnete den Mund und schnappte gierig nach dem kalten Wasser. Es floss über sein Gesicht.

Doch dann verlor er das Bewusstsein und schwebte auf sanften Wellen davon. Seine Mutter war da. Sie saß neben ihm auf dem Wasser. Ihr Kinn ruhte auf ihren Knien. Sie schaute ihn nicht an.

»Was ist?«, fragte er.

»Es roch wie Brathähnchen«, sagte sie.

»Was meinst du?«

Seine Mutter beugte sich zu ihm und gab ihm eine schallende Ohrfeige.

Er schlug die Augen auf.

»Entschuldige«, sagte Astrid. »Ich musste dich irgendwie wecken.«

Sie kniete neben ihm und drückte etwas auf seinen Mund. Eine Maske. Sauerstoff.

Er hustete und atmete. Er riss die Maske weg und übergab sich, direkt auf dem Bürgersteig, wie ein betrunkener Penner.

Er atmete mehr Sauerstoff ein.

Quinn richtete den Gartenschlauch auf die Eisenwarenhandlung. Edilio beeilte sich, einen der größeren Feuerwehrschläuche an den Hydranten anzuschließen. Zuerst kam nur ein Tröpfeln, doch dann, als Edilio den Hydranten mit dem langstieligen Schlüssel ganz aufdrehte, schoss das Wasser nur so heraus. Die Kids mussten mit dem Schlauch ringen, als kämpften sie mit einer Pythonschlange. Normalerweise wäre das lustig gewesen.

Sam setzte sich auf. Er konnte noch immer nicht sprechen.

Er deutete mit dem Kinn in die Richtung, wo eine Gruppe um das Feuerkind kniete. Die Kleine war schwarz vom Ruß. Auf einer Seite hatte sie kein Haar mehr, es war verbrannt. Auf der anderen Seite stand ein kleines, von einem rosa Haargummi zusammengehaltenes Zöpfchen ab.

Die ehrfürchtige Art, wie die anderen neben ihr knieten, sagte alles.

Dennoch musste Sam fragen. »Lebt sie noch?« Seine Stimme war ein leises Krächzen.

Astrid schüttelte den Kopf. »Nein, leider nicht.«

Sam nickte.

»Ihre Eltern haben wahrscheinlich gerade gekocht«, meinte Astrid. »Das dürfte das Feuer ausgelöst haben. Vielleicht auch eine Zigarette.«

Nein, dachte Sam. So war es nicht.

Das kleine Mädchen hatte die Kraft. Die Kraft, die Sam auch besaß, oder zumindest etwas Ähnliches.

Die Kraft, mit der Sam in Panik ein unmögliches Licht geschaffen hatte.

Die Kraft, mit der Sam beinahe jemanden umgebracht hätte.

Die Kraft, die gerade dem Menschen zum Verhängnis geworden war, den er unbedingt hatte retten wollen.

Er war nicht der einzige Freak. Es gab mindestens noch einen – besser gesagt, es hatte ihn gegeben.

Fünf

291 Stunden, 7 Minuten

Es wurde Nacht in Perdido Beach.

Die Straßenlampen gingen automatisch an. Ihr Licht war zu schwach, um die Dunkelheit zu vertreiben, doch stark genug, um tiefe Schatten auf die verängstigten Gesichter zu werfen.

Auf der Plaza tummelten sich an die hundert Kinder. Alle schienen einen Schokoriegel und eine Limo zu haben – wahrscheinlich aus dem kleinen Laden, der vor allem Bier und Chips verkaufte.

Auf dem Bürgersteig lag immer noch die Leiche des kleinen Mädchens. Jemand hatte sie mit einem Tuch zugedeckt. Dafür war Sam dankbar.

Sam und Quinn saßen nebeneinander auf dem Rasen in der Mitte der Plaza. Quinn hatte die Arme um die Knie geschlungen und wippte hin und her.