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Inhaltsverzeichnis
 
 
 

Einleitung
Einer der scharfsinnigsten, wenn auch umstrittensten Beobachter der Vorgänge vor und während der ungarischen Revolution war der aus Ungarn stammende amerikanische Journalist Leslie B. Bain. Er schrieb 1960 in seinem Buch über Osteuropa: »Über kein Ereignis hat man in der jüngsten Geschichte so viel gelogen, kein Ereignis hat man so verdreht und besudelt wie die ungarische Revolution.«1
Diese Worte sind eine sehr treffende Beschreibung der Berichte und der langjährigen Diskussionen über die dramatischen Ereignisse vom 23. Oktober bis zum 4. November 1956, die vor allem durch die vom Kádárregime betriebene Desinformationspropaganda zum Teil in Nebel gehüllt, zum Teil durch und durch verlogen dargestellt wurden. Die zahlreichen Bücher und Studien, die ungarische Emigranten und westliche Historiker über den Ablauf und die Folgen des Aufstandes und des nationalen Freiheitskampfes vor 1989, vor dem Zusammenbruch des Ostblocks und dann des Sowjetsystems, veröffentlicht hatten, konnten so nur teilweise die Tatsachen richtig stellen beziehungsweise die Motive hinter den Entscheidungen in Ungarn und im Ausland freilegen, weil die wichtigsten Dokumente in den Geheimarchiven in Budapest und vor allem in Moskau nicht zugänglich waren.
Dass man heute über das Drama vor fünfzig Jahren und seine weltpolitischen Folgen weitgehend gesicherte Erkenntnisse präsentieren kann, verdanken wir in erster Linie der Tätigkeit des 1991 gegründeten Budapester »Dokumentations- und Forschungsinstituts für die Geschichte der Revolution von 1956«. Die beiden ungarischen Historiker György Litvän, der Gründungsdirektor, und János M. Rainer, sein Nachfolger seit 1999, sowie ihre Mitarbeiter haben zahlreiche Studien und Forschungsberichte zur Vorgeschichte, zum Ablauf und zu den Nachwirkungen der Revolution (allerdings überwiegend in ungarischer Sprache) veröffentlicht. Durch ihre Kommentare und Ergänzungen kann man erst die 1993 und 1996 durch russische Zeithistoriker zusammengestellten Dokumentensammlungen aus den früheren sowjetischen Archiven richtig einordnen und ihren jeweiligen Aussagewert überprüfen. Schon jetzt sollte auch die besondere Bedeutung der vom Institut 1996 herausgegebenen drei Handbücher über die Chronologie der Ereignisse, zur Bibliografie und zum Thema Vergeltung und Erinnerung sowie der jeweils zweibändigen Biografien zu Imre Nagy (verfasst von János M. Rainer) und János Kádár (von Tibor Huszär) hervorgehoben werden.2
In Deutschland, Österreich und in der Schweiz (wie auch in anderen Ländern) ist für den Aufstand und den Freiheitskampf des ungarischen Volkes fünfzig Jahre danach noch erstaunlich viel Interesse zu beobachten. Und dies keineswegs nur in den Reihen der älteren Generation. Trotz der Erinnerung an die weltgeschichtliche Bedeutung der ungarischen Revolution sind jedoch Ablauf und Hintergründe der Ereignisse von damals wenig bekannt, nicht zuletzt wohl wegen der Sprachbarriere.
Ich beschrieb die Revolution von 1956 bereits kurz in meinem Erinnerungsband »Auf schwarzen Listen« wie auch in meiner Geschichte Ungarns. Der Triumph und die Tragödie des Ungarnaufstandes haben mich aber, wie so viele meiner Landsleute, in mehrfacher Hinsicht so entscheidend geprägt, dass ich auch in den vergangenen sieben Jahren weiter darüber recherchiert und nachgedacht habe. Auch wenn ich Ungarn am 13. Januar 1957 für immer verlassen habe, konnte ich doch im Zentrum des Geschehens bei der Kiliankaserne hautnah erleben, wie Weltgeschichte gemacht und wie der Freiheitsdrang eines Volkes durch eine fremde Armee brutal abgewürgt wurde. Den Zeitzeugen war es freilich damals nicht möglich, die Hintergründe zu überschauen. Trotzdem spielt bis heute das Gefühl, »dabei gewesen zu sein«, also das unmittelbare persönliche Erlebnis, eine besondere Rolle. Manche maßgebliche Persönlichkeiten in der Umgebung von Imre Nagy wie den 1958 hingerichteten Miklös Gimes und den zu fünf Jahren Haft verurteilten Miklös Väsärhelyi, aber auch einige wichtige politische und wirtschaftliche Sprecher des langjährigen Kádárregimes habe ich gut gekannt. Dank der besonderen Beziehungen zwischen Ungarn und Österreich war es mir möglich, wenn auch lückenlos überwacht und bespitzelt, in den siebziger und achtziger Jahren über Ungarn für die Londoner »Financial Times« wie auch für österreichische, deutsche und Schweizer Zeitungen sowie später als Chefredakteur und Intendant für das Österreichische Fernsehen (ORF) zu berichten. So konnte ich auch durch viele persönliche Gespräche, Begegnungen und Erlebnisse in Ungarn selbst die Phasen der bis heute viel diskutierten Amnesie, der »gesamtnationalen Verdrängung« (so der 1959 zu einer zehnjährigen Gefängnisstrafe verurteilte Psychologe Ferenc Merei), verfolgen.
Vor diesem besonderen persönlichen Hintergrund habe ich den Entschluss gefasst, mich in einem eigenen Werk mit jenen großen Themen – Aufstand und Revolution, Freiheitskampf und Unterdrückung, Vergeltung und Anpassung – zu beschäftigen, die mich in dieser oder jener Form seit nunmehr fünfzig Jahren in ihren Bann ziehen. In diesen Rahmen fügt sich die Analyse solch komplexer Persönlichkeiten wie Imre Nagy und János Kädär und auch die Darstellung der durch ihren Rollenwechsel symbolisierten Dialektik zwischen Verrat und Heldentum. Die öffentliche Meinung damals und heute ist ein weiteres faszinierendes Kapitel der ungarischen Zeitgeschichte.
Wenn es auch noch im Hinblick auf die geschlossenen Archive der Staatssicherheit und des Innen- und Verteidigungsministeriums in Moskau wie auch zum Teil in Budapest so manche blinde Flecken gibt, so kann man doch heute auf Grund der neuen Quellenlage einst heiß diskutierte Fragen wie die Verantwortung für den »Hilferuf« an die Sowjetunion, die Belagerung und Eroberung des Rundfunkhauses durch die Aufständischen, die Hintergründe der ersten sowjetischen Militärintervention, die Phasenverspätung und die Wende in der Haltung Imre Nagys, das »Verschwinden« Kádárs und seine Haltung vor und nach der zweiten sowjetischen Intervention, den Zick-Zack-Kurs im Kreml, die umstrittenen Sendungen des Münchner US-Senders Radio Freies Europa und die amerikanische Zurückhaltung während und nach der Revolution, Irreführung und Verrat der Gruppe um Imre Nagy während des dreiwöchigen Asyls in der jugoslawischen Botschaft durch das Titoregime und schließlich Kádárs Rolle bei dem Prozess gegen Nagy und seine Mitarbeiter klären.
Über die Dokumente und persönlichen Eindrücke hinaus konnte ich bei den Recherchen für dieses Werk auch auf Interviews zurückgreifen, die ich führte mit dem ehemaligen KGB-Chef Wladimir Krjutschkow in Moskau, dem langjährigen sowjetischen Ungarnreferenten und bis Ende 2005 russischen Botschafter in Budapest, Valeri Musatow, mit dem früheren US- Außenminister Henry Kissinger (durch Hilfe des ORF-Büros in Washington) sowie mit herausragenden ungarischen Persönlichkeiten wie dem Staatspräsidenten (von 1990 bis 2000) Árpád Göncz, dem Abgeordneten Imre Mecs, dem (kürzlich verstorbenen) Dichter Istvän Eörsi, der Witwe von General Pál Maleter, Judit Gyenes, dem früheren Vorsitzenden des Bundes der Politischen Gefangenen, Jeno Fonay, und Ödön Pongratz, einem der legendären Brüder (der in seinem Museum noch heute die Tradition der »Corvinisten« pflegt).
Die ungarische Revolution war nach dem Zweiten Weltkrieg die größte Herausforderung der sowjetischen Hegemonialmacht in Osteuropa und zugleich ein weithin sichtbares Symbol des Bankrotts des Sozialismus sowjetischer Prägung. Sie war ein international beachtetes Ereignis, das bis heute ein zutiefst positives Weltbild von Ungarn mitgeprägt hat. Sie war eine »siegreiche Niederlage«, eine authentische »antitotalitäre« Revolution – und vielleicht vor allem eine »fantastische Geschichte«. Es ist paradox, aber wahr: Die moralische Bedeutung dieser Revolution der Aussichtslosigkeit wurde und wird im Ausland besser gesehen und gewürdigt als in Ungarn selbst.
 
Wien, im Frühjahr 2006
Paul Lendvai

I
Ein Tag, der die Welt erschütterte
Niemand ahnte an diesem strahlend schönen, denkwürdigen Herbsttag, als Budapest in einem prachtvollen Licht erstrahlte, dass der 23. Oktober 1956 einmal als weltgeschichtliches Datum wahrgenommen und dokumentiert werden würde. Seit Jahrzehnten streiten die Historiker und Publizisten über jenes Elementarereignis, das an diesem Tag den Weg zu einem revolutionären Prozess, dramatisch und blutig in seinem Ablauf und oft ohne ersichtliche Logik, in Ungarn frei gemacht hat. Jacob Burckhardt sagt in seinen Betrachtungen über geschichtliche Krisen: »Entwicklungen, die sonst Jahrhunderte brauchen, scheinen in Monaten und Wochen wie flüchtige Phantome vorüberzugehen und damit erledigt zu sein. Nur aus der Betrachtung der Vergangenheit gewinnen wir einen Maßstab der Geschwindigkeit und Kraft der Bewegung, in welcher wir leben.«1
Die »unerwartete Revolution«2 begann an diesem Dienstag nach außen hin mit zwei mächtigen Demonstrationszügen der Studenten, die von den Universitätsgebäuden auf der Pester Seite zum Petöfidenkmal am Donauufer und von der Technischen Universität in Buda zum Denkmal des legendären polnischen Generals Joseph Bem unterwegs waren, der 1849 die ungarischen Truppen gegen die Habsburger und die zaristische Interventionsarmee mehrmals zum Sieg geführt hatte. Am Vormittag hatten schon die Studentenführer ihre Aufmarschpläne koordiniert. Die Studenten der TU, der Sporthochschule und 800 Kadetten der Petöfipolitakademie für Offiziere marschierten anfänglich stumm, Arm in Arm. Die Studenten der Philosophischen und Juristischen Fakultäten forderten in Sprechchören Freiheit, sie gingen mit ihren Tafeln und Transparenten, auf denen Slogans zu lesen waren wie: »Polen zeigt uns, dass es geht, folgen wir auf Ungarns Weg!«, zum Petöfidenkmal. Als dort der berühmte Schauspieler Imre Sinkovits Petöfis Revolutionsgedicht »Talpra magyar, hiv a haza« (»Auf, die Heimat ruft, Magyaren!«) vortrug, erklang der Refrain aus rund 10 000 Kehlen auch in den engen umliegenden Gassen: »Bei dem Gotte der Magyaren schwört den Eid, schwört den Eid, dass ihr nicht mehr Sklaven bleibt!«
Die spontane, ursprünglich als Sympathiekundgebung für die von den Sowjets bedrohten polnischen Reformer von unten organisierte Demonstration war in den Augen der an von oben verordnete Massenaufmärsche gewöhnten kommunistischen Parteiführung etwas Unerhörtes. Während der vorangegangenen über acht Jahre seit der kommunistischen Machtübernahme hatte es nur eine einzige spontane, in den Medien aber schamhaft verschwiegene Unmutsdemonstration gegeben: die von erbitterten Fußballfans nach der verlorenen Weltmeisterschaft im Sommer 1954 in Bern. Sonst wurden in der Hauptstadt Massenkundgebungen und Aufmärsche nur von den Machthabern selbst organisiert. Für die Studenten, und nicht nur für sie, war das also eine neue Erfahrung. Die oft ausgestrahlten TV-Bilder zeugen davon, wie fröhlich und aufgeregt die jungen Menschen waren, im Hochgefühl, Nachfolger der revolutionären Jugend von 1848 zu sein.
Meist erfuhr man überhaupt erst durch die sich widersprechenden Ankündigungen im Radio, dass etwas Ungewöhnliches im Gange war. Um 12.35 Uhr wurde im Radio eine Zigeunermusiksendung unterbrochen und ein vom Innenminister erlassenes Demonstrationsverbot bekannt gegeben. Die Studenten selbst kümmerten sich allerdings nicht um das Verbot. Dessen wieder im Radio verkündete Aufhebung um 14.23 Uhr kam ihnen wie ein erster Sieg vor.
Der Funke, der den lange angehäuften Zündstoff zur Explosion brachte, war der Durchbruch der Reformer in Polen. Die traditionelle Freundschaft zwischen den beiden Ländern, die sogar gemeinsame Könige hatten, das gemeinsame Schicksal nach dem Zweiten Weltkrieg (über 100 000 vor der deutschen Besatzung fliehende Polen fanden 1939/40 in Ungarn Aufnahme) und die gemeinsame Bedrohung der parallel abgelaufenen Reformbewegungen durch die sowjetische Hegemonialmacht – all das bewirkte eine zusätzliche Dynamik der Auflehnung gegen das eigene diskreditierte Regime. Die lang anhaltende Gärung erhielt einen besonderen Auftrieb, als klar wurde, dass trotz sowjetischer Drohgebärden der lange Jahre inhaftierte Wałdysław Gomułka auf triumphale Weise an die Spitze der Vereinigten Polnischen Arbeiterpartei zurückkehren würde, was am 21. Oktober 1956 auch tatsächlich geschah. Alle ungarischen Zeitungen brachten am Tage der Solidaritätskundgebung auf zwei ganzen Seiten die Rede des siegreichen Gomułka vor dem Zentralkomitee seiner Partei.3
Jeder politisch interessierte Ungar wusste, dass es auch um die eigene Zukunft ging. Der Damm war eigentlich bereits am Vorabend bei einer stürmischen Versammlung von über 5000 Studenten der Budapester Technischen Universität gebrochen. Der damalige Student und heutige liberale Abgeordnete Imre Mecs, wegen seiner Teilnahme an der Widerstandsbewegung 1958 zum Tode verurteilt, erinnert sich lebhaft an die leidenschaftlichen Diskussionen, deren Leitung bald der Kontrolle der kommunistischen Jugendfunktionäre entglitt:
»Wir diskutierten in einer leidenschaftlichen und am Ende fast euphorischen Stimmung die 16 Punkte unseres Programms. Zuerst wollten wir die Gründung eines eigenen Studentenverbandes nach dem Vorbild unserer Kommilitonen von der Universität Szeged beschließen und dann die Forderung nach der Bildung einer neuen Regierung unter Imre Nagy an die Spitze der Pogrammpunkte stellen. Die Studenten von mehreren anderen Universitäten und von der Petöfimilitärakademie waren auch dabei. Und dann stürmte mitten in der Diskussion Jözsef Szilägyi, ein wiederholt gemaßregelter Vorkriegskommunist, der in dieser Zeit 39-jährig ein Fernstudium absolvierte, rein. Er hat in einer eindrucksvollen Rede die dramatische Lage in Polen beschrieben und die begeisterten Zuhörer aufgerufen, politische und nicht studentische Fragen in den Vordergrund zu stellen. Dann haben wir alle einmütig beschlossen, am 23. Oktober eine Solidaritätskundgebung für Polen zu organisieren.«4
Dass die legendären Punkte der TU, nach dem Vorbild der Zwölf-Punkte-Programme der 1848er Revolutionäre formuliert, in vielen Versionen kursierten, war die Folge des spontanen Charakters dieser einzigartigen Veranstaltung, an der in den späten Abendstunden auch Delegationen von anderen Universitäten und Arbeiter aus mehreren Großbetrieben teilgenommen hatten. Das Programm ging schließlich weit über alle bisher diskutierten Reformen hinaus. Die Forderung nach Abzug der sowjetischen Truppen rückte an die Spitze des Programms. Die anderen Kernpunkte lauteten: Einberufung des Parteikongresses und Wahl einer neuen KP-Führung, Bildung einer neuen Regierung unter Imre Nagy und die Entfernung der verbrecherischen stalinistischen Führer; freie Wahlen, also ein Mehrparteiensystem, freie Medien, Entfernung des Stalindenkmals; Wiedereinführung der ungarischen Nationalfeiertage und Staatssymbole.
Es geschah etwas Unglaubliches. Auf den mit Maschine geschriebenen Blättern, die in der Nacht mit Hilfe der wenigen Geräte in den Universitätsbüros in mehreren tausend Exemplaren vervielfältigt wurden, stand zum ersten Mal schwarz auf weiß zu lesen: der Ruf nach Abzug der sowjetischen Truppen und nach freien Wahlen. In der Atmosphäre der überschäumenden Begeisterung entstand um 19.30 Uhr die Idee, die Forderungen sogar in der 20-Uhr-Nachrichtensendung des Rundfunks verlesen zu lassen. Der Assistenzprofessor Istvän Jankovics fuhr schnell mit drei Studenten in seinem Topolino Baujahr 1938 zum Funkhaus. Unterwegs hatte sich herausgestellt, dass die Forderungen noch nicht einmal niedergeschrieben waren. Im Auto fassten Jankovics und die Studenten hastig in zehn Punkten die Forderungen der TUVERSAMMLUNG zusammen. Auf diese Weise sind die so genannten »Topolinopunkte« (so später der »Corriere della Sera«) entstanden. Doch die Rundfunkleitung war nur bereit, fünf Punkte, aber keineswegs die Forderungen nach dem Abzug der sowjetischen Truppen und nach freien Wahlen auszustrahlen. Auch die anwesenden Korrespondenten der Zeitung des kommunistischen Jugendverbandes lehnten die Weiterleitung des hochbrisanten Dokumentes ab. Deshalb riefen die empörten Studenten zu einer Solidaritätskundgebung mit Polen am folgenden Tag auf.5
Bereits in den frühen Morgenstunden am Dienstag tauchten an Hauswänden, Bäumen und Plakatsäulen hektografierte Aufrufe oder kleine Plakate mit den TU-Studentenforderungen auf. Manche bestanden aus zehn oder zwölf, andere aus 14 oder 16 Punkten. Dass mehrere Versionen in Umlauf kamen, zeigte den impulsiven, spontanen Charakter sowohl der TU-Versammlung wie auch der Vorbereitungen der verschiedenen Fakultätsvertreter für den großen Aufmarsch.
Jeder hat diesen denkwürdigen Herbsttag anders erlebt. Ich saß gerade das zweite Mal an meinem neuen Arbeitsplatz bei der Abendzeitung »Esti Hirlap«, im selben Pressehaus, in dem sich auch die Redaktion der zentralen Parteizeitung »Szabad Nép« (»Freies Volk«) befand. Nach 15 Monaten Militärdienst, acht Monaten Haft und drei Jahren Berufsverbot, also insgesamt fünf langen (vergeudeten) Jahren, durfte ich seit genau einem Tag wieder als in jeder Hinsicht rehabilitierter Journalist arbeiten. Als einige Kollegen beschlossen, sich ein Bild von der Situation in der Stadt zu machen, fuhr ich mit ihnen. Noch herrschte trügerische, aber gespannte Ruhe. Wir sahen aber hier und da bereits junge Menschen mit Rosetten in den Nationalfarben. Einige befestigten bereits Aufrufe an Plakatsäulen. Wir alle, die hinter Imre Nagy und der von ihm verkörperten Reformrichtung standen, hofften auf eine demokratische Umgestaltung des sozialistischen Modells. Wir waren von den Veränderungen in Polen und vor allem von den Experimenten in Jugoslawien fasziniert, dem einzigen kommunistischen Staat Osteuropas, der sich der sowjetischen Einflusssphäre entzogen hatte. »Wir« – das heißt zumindest alle, die ich kannte – waren Reformer und nicht Revolutionäre.
Am frühen Nachmittag setzten sich also Demonstrationszüge in Bewegung. Zuerst sangen die Studenten nicht nur die Nationalhymne, sondern auch die Marseillaise und andere Revolutionsund Volkslieder. Wo immer der mächtige Demonstrationszug vorbeimarschierte, kam das Leben zum Stillstand. Die Menschen winkten aus den Fenstern, die Straßen dröhnten von Parolen. Die Demonstranten führten ungarische und fallweise auch polnische Nationalflaggen mit. Sie marschierten durch die Innenstadt und auf der Pester Ringstraße über die Margaretenbrücke nach Buda (die im Zweiten Weltkrieg zerstörte Elisabethbrücke war damals noch nicht wiederaufgebaut) zum Bemdenkmal. Hier zählte die Menschenmenge bereits Zehntausende.
Inzwischen hatte sich aber der Charakter der Demonstration geändert. Viele, vor allem junge Arbeiter und sympathisierende Passanten schlossen sich den Studenten an. Die Losungen wurden immer radikaler und nationaler: »Russen raus!«, »Geht nach Hause und nehmt euren Stalin (gemeint war das riesige Denkmal) mit!«, »Räkosi in die Donau, Imre Nagy an die Macht!«, »Bleibt nicht stehn auf halbem Weg, fegt den Stalinismus weg!«, »Bist du Ungar, bist du mit uns!«. Es tauchten immer mehr Fahnen auf, auf denen der rote Sowjetstern herausgeschnitten war.
Nachdem unser Blatt mit einer optimistischen Schlagzeile über den friedlichen Sieg der polnischen Reformer und die bevorstehenden bzw. bereits angelaufenen Studentenkundgebungen gedruckt und ausgeliefert worden war, versuchte ich mit einigen Kollegen, zunächst im Auto und dann zu Fuß jenen Demonstrationszug zu erreichen, der sich am Spätnachmittag beim Bemdenkmal einfand.
Niemand war in der Lage, die spontane Demonstration zu lenken oder die Eigendynamik der Entwicklung überhaupt zu beeinflussen. Es gab nicht einmal funktionierende Lautsprecher. Die bisher noch nie erlebte, gewaltige »Welle von unten« überrollte buchstäblich sowohl die Vertreter des Petöfikreises, des Diskussionsforums der innerparteilichen Rebellen (deren Lautsprecherwagen irgendwo in der unübersehbaren Menge stecken blieb), wie auch die inzwischen mobilisierten Funktionäre des kommunistischen Jugendverbandes und die Parteiaktivisten. Die Rede des Vorsitzenden des Schriftstellerverbandes ging im Lärm ebenso unter wie das von einem bekannten Schauspieler vorgetragene Gedicht »Der Ruf« von Mihäly Vörösmarty.
»Die verlassene Masse«, so lautet der Titel einer glänzenden Essaysammlung des ungarischen Zeithistorikers László Varga. Das ist eine sehr treffende Beschreibung dessen, was an diesem Tag in Budapest geschah. Der 23. Oktober 1956 war ein politisches Naturereignis ohne Zentrum, ohne Konzept und ohne koordinierte Führung. Dass die fast 900 000 Mitglieder starke »Partei der Ungarischen Werktätigen« (MDP), die »Vorhut der Arbeiterklasse«, nur ein Koloss auf tönernen Füßen war, bewiesen bereits die nächsten Stunden. Es war also geradezu folgerichtig, dass sich die Demonstranten und die unübersehbaren Menschenmassen, die sich den Studenten nach Dienstende in Pest und Buda angeschlossen hatten, vom Bemplatz über die Margaretenbrücke in Richtung Parlament am Donauufer in Bewegung setzten. Sie wollten den 60-jährigen Hoffnungsträger der Opposition, den Anfang 1955 von den Stalinisten gestürzten, aus allen Funktionen entfernten und erst zehn Tage vorher wieder in die Partei aufgenommenen Imre Nagy hören.
Wie habe ich aber diesen Tag später erlebt? Nach der eindrucksvollen Kundgebung am Bemdenkmal ging ich nach Hause. Ich wusste nichts von der versammelten Menge vor dem Parlament oder von den beginnenden Demonstrationen vor dem Funkhaus. Ich hatte zunächst einen persönlichen Besuch zu absolvieren. Mein Freund Endre Gömöri, damals Sonderkorrespondent des Rundfunks, hatte mich aus Warschau angerufen und gebeten, bei seiner Frau und seinem einige Monate alten Töchterchen vorbeizuschauen. Sicherheitshalber, sagte er. Offenbar war er durch die Weltagenturen und polnischen Korrespondenten in Budapest besser informiert als ich. Jedenfalls fuhr ich am späten Nachmittag noch mit der Straßenbahn zu seiner Wohnung und fand die beiden wohlauf.
Vor dem Parlamentsgebäude und in den umliegenden Straßen waren um 18.00 Uhr bei Einbruch der Dunkelheit nach allgemeinen Schätzungen rund 200 000 Menschen versammelt – Studenten, Arbeiter, Angestellte, Pensionisten -, und sie alle riefen immer wieder nach Imre Nagy. Der Weg zum Aufstand konnte mit den altbewährten Methoden des kommunistischen »Krisenmanagements« – Gewaltandrohung und Propagandalügen – nicht mehr aufgehalten werden. Es war in den frühen Abendstunden offensichtlich, dass das von der sowjetischen Besatzungsmacht eingesetzte und aus Moskau ferngelenkte Regime den Boden unter den Füßen verlor.
Es war für die Machthaber in der Parteizentrale, die in unmittelbarer Nähe zum Parlament lag, eine gespenstische Situation. Vom Aufruhr das Schlimmste befürchtend, waren sie von den Massen, ja von den eigenen Parteimitgliedern völlig isoliert. Seit dem vom Kreml gebilligten, ja in der Anwesenheit des Präsidiumsmitglieds der KPdSU Anastas Mikojan erzwungenen Rücktritt von Mätyäs Räkosi, dem verhassten »besten Schüler« Stalins, am 18. Juli ging der Zerfallsprozess der Staatspartei unaufhaltsam weiter. Sein Nachfolger, der fast ebenso unpopuläre und unbelehrbare Moskowiter Ernö Gerö, bezeichnete selbst in einem Gespräch mit dem damaligen Sowjetbotschafter Juri Andropow am 12. Oktober die Situation als »außerordentlich ernst«.6 Der »recht nervös« und »unsicher« wirkende Erste Sekretär der Partei fügte noch hinzu, sie werde sich weiter verschlechtern. Der frühere Budapester Bürgermeister und Planungschef Zoltán Vas, auch ein Moskowiter, aber nunmehr Anhänger Imre Nagys, warnte den Botschafter unverblümt vor einer »nahenden nationalen Katastrophe«, welche »die sowjetischen Genossen nicht sehen, weil sie auf Leute hören, die weder in der Partei noch im Volk unterstützt werden«.7 Selbst der hochintelligente Andropow, der nach einer langen Karriere als Chef des Geheimdienstes KGB im November 1982 zum Generalsekretär der KPdSU gewählt werden sollte, hatte den Ausweg in einem »harten Durchgreifen« der ungarischen Parteiführung gesehen, »sonst halten wir es für durchaus möglich, dass Imre Nagy zum Führer der Partei und des Landes werden könnte«.8
Die Parteispitze, und vor allem Gerö selbst, unterschätzte aber die Gefahren und wollte trotz der innenpolitischen Warnzeichen die auf Moskaus Druck erfolgte bedingte »Versöhnung« mit dem bis vor kurzem als revisionistischer Erzfeind geltenden Marschall Tito auskosten. So fuhr eine Partei- und Regierungsdelegation, bestehend aus fast der Hälfte des Politbüros, unter anderem Parteichef Gerö, sein Stellvertreter János Kädär, Regierungschef Andräs Hegedüs und der Budapester Parteisekretär István Koväcs, für acht Tage nach Jugoslawien. Während sie freundliche Worte mit den Gastgebern wechselten, über die verschiedenen Wege zum Sozialismus plauderten und sogar auf die Jagd gingen, zerfiel das Regime zu Hause von Tag zu Tag mehr. Ahnungslos teilten Kädär und Hegedüs in einem gemeinsamen Interview mit der Belgrader Zeitung »Politika« mit: »Die Dinge gehen in eine gesunde Richtung.« Nach der Unterzeichnung eines völlig belanglosen gemeinsamen Kommuniqués kam die Abordnung mit dem Zug in den Morgenstunden des 23. Oktober am Budapester Ostbahnhof an. Alle restlichen Mitglieder des Politbüros und zwei ZK-Sekretäre waren am Bahnhof erschienen, um der heimgekehrten Führungsspitze den Ernst der Lage klar zu machen. Die ganze Gruppe fuhr sofort in die Parteizentrale, und um 10.00 Uhr begann eine praktisch ununterbrochene Serie von Krisensitzungen.
Dieser Tag war der eigentliche Wendepunkt im Zerfallsprozess eines gelähmten Apparates, dessen Lenker unsicher, unfähig und vor allem unbelehrbar waren. Angesichts einer immer dramatischeren Situation hatte der kopflose Führungskreis alledem nicht nur nichts entgegenzusetzen, sondern er steigerte die Situation durch fatale Fehlkalkulationen ins Unerträgliche. Bereits in den Mittagsstunden gaben sich erzürnte Delegationen von Schriftstellern und Studentenführern, Parteiorganisationen und Journalisten der Parteizeitung »Szabad Nép« die Klinke in die Hand. Schreiduelle zwischen den rebellischen Parteijournalisten, die in ihrem Leitartikel unter dem Titel »Neue Frühlingsheerschau« die Studentenbewegungen begeistert begrüßten, und den »Falken« im Politbüro, die nicht nur das Verbot der Demonstration, sondern, falls notwendig, auch einen Schießbefehl forderten, zeigten deutlich die früher unvorstellbare Aufweichung der geheiligten Dogmen über die Parteidisziplin. Der damals 35-jährige Ministerpräsident András Hegedüs, ein Günstling Räkosis und Gerös, der im Frühjahr 1955 den populären Imre Nagy abgelöst hatte, schrieb dreißig Jahre später in seinen Memoiren, dass das Politbüro damals schon kein Führungskollektiv des Landes war, sondern ein Haufen verwirrter Menschen, die jede halbe Stunde fähig waren, diametral entgegengesetzte Beschlüsse zu fassen. So wurde im Politbüro die Demonstration zuerst verboten und später genehmigt, dann wieder verboten und neuerlich genehmigt, je nachdem, ob die Anhänger der harten oder die der nachgiebigen Linie momentan die Überhand gewonnen hatten.9
Dass man aber schließlich doch das Versammlungs- und Demonstrationsverbot aufgehoben hat, war die Folge der einhelligen Meinung der hochrangigen Armee-, Polizei- und Sicherheitsoffiziere, dass sie für die Auflösung der Massendemonstrationen keine »geeigneten Mittel« zur Verfügung hätten. Der mit der innerparteilichen Opposition sympathisierende Polizeichef der Hauptstadt, Oberst Sándor Kopäcsi, hatte den Studenten bereits vormittags zugesichert, die Polizei würde die Demonstration nicht verhindern. In diesen Stunden sprachen sich die Führungsschwäche und die sich bereits abzeichnende Panikstimmung des Apparates und vor allem der Spitzenführung wie ein Lauffeuer herum.
In der chaotischen Situation wählte nun die Parteiführung die denkbar schlechteste Lösung: Parteichef Gerö sollte noch am Abend um 20.00 Uhr eine Rundfunkrede halten. Während sich bereits Zehntausende vor dem Parlamentsgebäude versammelt hatten und andere Gruppen von Demonstranten sich auf den Weg zum Rundfunkgebäude und zum Stalindenkmal am Rand des Stadtparks begaben, zog sich der Erste Sekretär in sein Büro zurück, um an seiner Ansprache zu arbeiten. Was tat zum Beispiel die offizielle Nummer zwei, Ministerpräsident Hegedüs, also in dieser Zeit? Laut seiner Angabe in einem viel später veröffentlichten Interviewband habe er im Büro in den zehn Tagen seiner Abwesenheit angehäufte Akten bearbeitet, kein Radio gehört und daher nicht gewusst, was in der Stadt vor sich ging. Einige Jahre später gab aber der inzwischen zu einem systemkritischen Denker gewandelte Hegedüs von sich aus zerknirscht zu, dass er vollständig vergessen habe, dass unter seinem Vorsitz am 23. Oktober der Ministerrat getagt hatte! Die nach dem Umbruch 1989 veröffentlichten Protokolle zeigen, dass der Ministerpräsident mit dem Hinweis auf Gerös bevorstehende Rede seine Kollegen beruhigte und den Beschluss des Politbüros mitteilte, eine Sitzung des Zentralkomitees für den 31., also nächsten Mittwoch, einzuberufen. Hier würde dann ein »klares Pogramm für den weiteren Ausbau der sozialistischen Demokratie neben dem ungebrochenen Festhalten an der Freundschaft mit der Sowjetunion« präsentiert. Mehrere wichtige Minister waren aber im Gegensatz zu Hegedüs wegen der kritischen Lage besorgt und forderten einen früheren Termin für die ZK-Sitzung. Ein geradezu klassisches Beispiel für Freud’sche Verdrängung, für »Amnesie als Heilmittel des Überlebens!«10
Während in der Parteizentrale Gerös inzwischen fertig gestellter Redetext bei einer neuerlichen Sitzung des Politbüros zur Billigung vorgelegt wurde, überstürzten sich die Ereignisse in der Stadt. Auf dem Platz vor dem Parlament hatte man sogar die Straßenbeleuchtung abgedreht, um die ungeduldig noch immer auf Imre Nagy wartende unübersehbare Masse dazu zu bewegen, sich zu zerstreuen. Das war mehr als eine Provokation – es war ein grober taktischer Fehler. Die aufgebrachten Menschen gingen nicht auseinander, sondern zündeten ihre mitgebrachten Zeitungen an. Schließlich gab die Parlamentswache nach und ließ die Platzbeleuchtung wieder einschalten. Bereits ab 17.00 Uhr erschienen immer mehr Demonstranten vor dem Rundfunkhaus und verlangten immer energischer, dass die 16 Punkte der Studentenresolution in den Nachrichten gesendet werden sollten. Die Rundfunkleitung lehnte, nach Rücksprache mit der Parteizentrale, bis zuletzt die Ausstrahlung der Forderungen nach Abzug der Sowjettruppen und nach freien Wahlen für ein Mehrparteiensystem ab. Später versuchten die aufs Äußerste gereizten Menschen, mit Gewalt in das Gebäude einzudringen. Fast gleichzeitig versammelten sich Tausende Demonstranten, wütend vor Zorn nach dem stundenlangen vergeblichen Warten auf Imre Nagy vor dem Parlament, am Rande des Stadtparks, um das acht Meter hohe und achtzig Zentner schwere Stalindenkmal vom Sockel zu holen. In der Stadt rasten schon einige mit Nationalfahnen beflaggte Lastwagen voller junger Fabrikarbeiter zum Teil zum Rundfunk oder zum Stalindenkmal, zum Teil aber bereits auf der Suche nach Waffenfabriken und Depots.
»Jetzt oder nie!«, lautete eine der gerufenen Parolen. In dieser bis zum Äußersten gespannten Stimmung wirkte die immer wieder im Voraus angekündigte, viertelstündige Rundfunkrede Gerös wie eine Lunte, die den angehäuften Zündstoff zur Explosion brachte.11 Die Rede löste allgemeine Empörung aus. Sie war im Grunde eine langatmige und langweilige Verteidigung der angeblichen Errungenschaften und der ewigen Freundschaft mit der Sowjetunion auf der Basis völliger Gleichberechtigung. Dann folgten aber aufreizende und provokative Drohungen gegen jene, »die das Gift des Chauvinismus unter unserer Jugend zu verbreiten suchen und zu nationalistischen Demonstrationen die demokratische Freiheit missbrauchen, die unser Staat dem arbeitenden Volk gesichert hat. Selbst diese Demonstrationen werden die Partei nicht davon abbringen, in der Entwicklung der sozialistischen Demokratie fortzufahren.« Allerdings findet man im Text keinen Anhalt für die damals weltweit und zum Teil bis heute verbreitete Behauptung, Gerö habe die jungen Demonstranten »Gesindel« oder gar »faschistisches Gesindel« genannt. In der dramatischen Situation wirkte seine arrogante Rede mit ihren sattsam bekannten Phrasen und Drohungen vor allem in den Reihen der Demonstranten, die das Radio belagerten, aber auch überall sonst geradezu katastrophal. Sie goss bedenkenlos Öl ins Feuer. Die Ansprache war vorher in der Parteizentrale auf Band aufgenommen worden, und viele Demonstranten, die den verhassten Parteichef vor dem Rundfunk mit ihren Forderungen konfrontieren wollten, waren empört. Obwohl das Geschehen in der Hauptstadt von entscheidender Bedeutung war, ist es wichtig, daran zu erinnern, dass die Studenten auch in den wichtigsten Provinzstädten Versammlungen organisiert hatten. Es ist kaum bekannt, dass die ersten Opfer am Dienstag in den frühen Abendstunden in der Stadt Debrecen in Ostungarn zu beklagen waren. Dort demonstrierten tagsüber bereits rund 30 000 Studenten und Arbeiter. Als sie das Haus der regionalen Verwaltung des Innenministeriums mit Steinen bewarfen, erschossen die Sicherheitskräfte drei Demonstranten.
Die an diesem Abend und in den nächsten Tagen überall zu beobachtende Explosion des aufgestauten Hasses richtete sich nicht zuletzt gegen die auch in der Gerörede zum Ausdruck gebrachte unerträgliche und zynische Kränkung der Menschen und der Nation. Nie bestand die leninistische Parteidiktatur nur aus Gewalt. Alexander Solschenizyn formulierte es in seiner Rede, als er den Nobelpreis erhielt, so treffend: »Die Gewalt kann sich nur mit der Lüge zudecken, und die Lüge kann sich nur mit der Gewalt erhalten.« Die Menschen stürzten sich in ihrem unbändigen Zorn zuerst auf die Symbole der Diktatur und der Fremdherrschaft. Deshalb war der Koloss auf dem Paradeplatz, wo vom Marmorpodest die Machthaber und zugleich Agenten einer fremden Macht den zwangsweise vorbeimarschierenden Hunderttausenden am 4. April (dem offiziellen Befreiungstag) und 7. November (Tag der russischen Revolution) zuwinkten, das vorrangige Ziel der aufgebrachten Demonstranten. Den Facharbeitern gelang es schließlich genau um 21.37 Uhr, das verhasste Stalindenkmal mit Hilfe von Lastwagen und Schweißpistolen vom Sockel zu holen. Dann gingen die wartenden Menschen mit großer Lust daran, das Symbol des Systems mit Hämmern und Beilen zu zerschlagen. Die protzigen roten Sterne wurden von immer mehr Staats- und Parteigebäuden entfernt. Die Menge zündete noch in den späten Abendstunden des ersten Tages Bücher und Bilder von und über Marx, Lenin und Stalin an.12
Noch vor der berüchtigten Radiorede Gerös, noch vor den Schüssen auf die Demonstranten vor dem Rundfunkhaus und noch vor dem Auftauchen der ersten sowjetischen Panzer war ein in erster Linie von jungen Arbeitern und Studenten getragener Volksaufstand im Gange. Die zahlreichen Propagandaschriften des Kädärregimes zwischen 1957 und 1988 hatten gerade in den Grundfragen mit der Wahrheit nichts zu tun. An Stelle eines von »westlichen Geheimdiensten« angezettelten und organisierten Aufstands mit der Besetzung der wichtigsten Macht- und Kommunikationszentren, wie der Telefon- und Telegrafenzentrale, der Polizeistationen, der Ministerien und Parteihäuser, erlebte die Welt einen elementaren Ausbruch der Wut des ungarischen Volkes gegen die Diktatur und die Fremdherrschaft.
Heute wissen wir aus Originalquellen, dass unter dem Druck des Aufruhrs der Straße und des späteren bewaffneten Widerstandes die Lage in den Machtzentren in Moskau und Budapest nicht von Tag zu Tag, sondern oft von Stunde zu Stunde wechselte und dass Präsidiumsmitglieder der KPdSU, vor allem der Hauptakteur N. S. Chruschtschow, in ihrer Meinung schwankten, ja sie sogar bei ein und derselben Sitzung mehrfach änderten (genau so wie ihre Handlanger in Budapest), um die eigene Position nicht zu gefährden. Vor diesem politischen Hintergrund nahmen die Ereignisse vor allem in der Hauptstadt Budapest, später freilich im ganzen Land, einen von niemandem mehr kontrollierbaren Verlauf.
Die so genannten Leninisten erlebten also eine revolutionäre Situation, die laut ihrem Lehrmeister drei Merkmale zeigt: Erstens die Unfähigkeit der oberen Schichten, ihre Herrschaft unverändert aufrechterhalten zu können. Dazu gehört auch eine Spaltung in der herrschenden Klasse selbst. Zweitens sei eine revolutionäre Situation durch die Verschärfung der sozialen Gegensätze zwischen der herrschenden Klasse und den unterdrückten Massen der Bevölkerung über das gewöhnliche Maß hinaus gekennzeichnet. Drittens ein bedeutendes Anwachsen der politischen Aktivität der Bevölkerung, ein schnelles Anwachsen der Kampfbereitschaft der revolutionären Klassen, der Drang zu revolutionären Aktionen.13 Anders ausgedrückt genügt es für den Ausbruch einer Revolution nicht, dass die »Unterschichten« nicht mehr den Willen haben, sondern es ist auch erforderlich, dass die »Oberschichten« nicht mehr die Fähigkeit haben, es in der alten Weise weiterzutreiben.
Der einzige ungarische Politiker, der möglicherweise einen Funken Chance gehabt hätte, mit richtigen Worten zur richtigen Zeit den Ausbruch des bewaffneten Aufstands zu verhindern, war Imre Nagy. Wo war er, was hat er und was haben seine Gesinnungsfreunde und Berater an diesem denkwürdigen Tag getan?
Imre Nagy galt seit Juni 1953 den meisten Ungarn als Symbol des Aufbruchs. Er wurde zwar durch ein Machtwort der sowjetischen Führung als Ministerpräsident gegen den hinhaltenden Widerstand des mächtigen Parteichefs Mätyäs Räkosi eingesetzt, der bis dahin als Stalins Vertrauensmann über die totale Macht verfügt hatte. Es gelang aber dem bedächtigen, wie ein jovialer Professor wirkenden und (im Gegensatz zu Räkosi) ein für die Menschen verständliches und schön klingendes Ungarisch sprechenden Mann, einen neuen gemäßigten Kurs zumindest 17 Monate lang bis November 1954 durchzusetzen. In den letzten viereinhalb Monaten seiner Amtszeit war er infolge des Kurswechsels in Moskau und der Intrigen des von Räkosi beherrschten Parteiapparates bereits machtlos. Obwohl lebenslanger Kommunist, der zwanzig Jahre in sowjetischer Emigration verbracht hatte, war er nicht bereit, nach seiner Degradierung die rituelle Selbstkritik zu üben. Er verlor seine Professur und seine Parteimitgliedschaft, blieb aber nicht nur populär, sondern auch eine latente Gefahr für die stalinistische Clique um Räkosi. Nach dem XX. sowjetischen Parteitag, der von Chruschtschow eingeleiteten Entstalinisierung und dem Sturz Rákosis wurde der bedächtige und misstrauische Nagy, obwohl nur »Privatmann«, ohne Funktion wieder zur Schlüsselfigur des wahren Geschehens. All das, was sich zwischen dem 23. Oktober und dem 4. November 1956, ja in den letzten zwanzig Monaten seines Lebens ereignete, darf nicht losgelöst von der Persönlichkeit, vom Werdegang und vom späteren inneren Wandel des Reformkommunisten und Patrioten gesehen werden.
Der Autor der ersten umfassenden Nagybiografie, János M. Rainer 14, schätzt, dass der Kreis der Anhänger Imre Nagys bzw. aktiver Sympathisanten im Sommer 1956 aus 200 bis 300 Personen bestand. Viele von ihnen lasen seine unter der Hand zirkulierenden, theoretisch-politischen Schriften, die zum Teil auch an die Parteiführung gerichtet waren. Diese Intellektuellen, überwiegend Schriftsteller und Journalisten, Vorkriegskommunisten und reformistische Parteiaktivisten bzw. Jugendvertreter, bildeten keine Organisation, sondern »eine lose politische Gruppe mit informellem Druck«. Die Reformer, allen voran der sich streng an Parteidisziplin haltende Nagy, wollten die Korrektur des politischen Systems, nicht dessen Abschaffung. Keiner aus dem engeren Kern um ihn und auch nicht die Tausende überzeugter Anhänger der Reform wussten oder vermuteten, dass im Ungarn des Oktobers 1956 eine Korrektur bereits gleichbedeutend mit der Abschaffung des Systems war.15
Nagy selbst war nach der Meinung seiner engsten Weggefährten der Vorsichtigste und der Skeptischeste von allen. Herzleidend und zu zeitweiligen Depressionen neigend, war er ein Zauderer und kein entscheidungsfreudiger Politiker. Oft gab es bei ihm unverständliche Perioden der Passivität in entscheidenden Situationen. So war es auch in den Tagen nach seiner Wiederaufnahme in die Partei. Am 22. Oktober fuhr er zum Beispiel zu einer Weinlese nach Badacsony am Plattensee, obwohl sein enger Berater, der Publizist Miklös Vásárhelyi, mit Hinweis auf die gespannte Lage vom Ausflug abgeraten hatte. Unter dem Eindruck der aufregenden Nachrichten über den Machtwechsel in der polnischen Partei fuhr er dann doch früher als geplant nach Budapest zurück. In den Abendstunden suchten ihn bereits zwei einflussreiche Parteifreunde, beide ZK-Mitglieder, auf, es folgten mehrere Anrufe, er solle an der Technischen Universität zu den Studenten sprechen. Knapp vor Mitternacht flehten ihn bei einem Blitzbesuch in seiner Wohnung ein ihm aus der Moskauer Emigration bekannter Professor und zwei Assistenten von der TU an, die Studenten zur Mäßigung aufzurufen, zumal da die Forderung nach dem Abzug der sowjetischen Truppen an die erste Stelle der Punkte rückte. Nagy lehnte alle Bitten ab, unter anderem mit der Begründung, er kennte den aktuellen Standpunkt der Partei nicht, folglich könnte er die Fragen der Studenten nicht beantworten. Er war auch mit der Demonstration selbst nicht einverstanden.
Am Vormittag des 23. Oktober kümmerte sich Nagy zuerst um seine erkrankten Enkelkinder, bis sein Schwiegersohn und auch engster Freund Ferenc Jánosi Medikamente brachte. Jánosi war ein ehemaliger protestantischer Geistlicher, der nach einer antifaschistischen Schulung in der sowjetischen Gefangenschaft als hoher Politoffizier, Vizeminister für Kultur und Generalsekretär der Volksfront politische Karriere machte. Nach dem Sturz seines Schwiegervaters wurde auch er auf einen unbedeutenden Posten versetzt und seine Frau als Übersetzerin bei der russischsprachigen Monatsschrift »Vengriya« entlassen. Während der nächsten turbulenten Tage war Jánosi stets an der Seite Nagys. So auch dann, als Nagy und der engste Freundeskreis einander am späten Vormittag in der Wohnung des Publizisten Geza Losonczy zu wichtigen Beratungen trafen. Losonczy, damals Redakteur der Tageszeitung der Volksfront »Magyar Nemzet«, war ein Vorkriegskommunist, zeitweilig Staatssekretär im Kulturministerium und wurde nach dreijähriger Haft 1954 schwer krank freigelassen. Er galt für die oppositionellen Schriftsteller und Studenten als ein angesehenes Sprachrohr Imre Nagys. Zugegen bei der Besprechung waren ferner: der Journalist Sándor Haraszti, der Schwiegervater von Losonczy, ein Vorkriegskommunist, der von den Stalinisten zum Tode verurteilt wurde und dann, ebenso wie der mitangeklagte und gleichfalls anwesende Intellektuelle Szilard Ujhelyi, vier Jahre Haft verbüßen musste, sowie zwei herausragende prominente reformkommunistische Journalisten, Miklös Väsärhelyi, Pressechef Nagys, als er Ministerpräsident war, und Miklös Gimes, der radikalste Vordenker im engeren Freundeskreis.
Angesichts der dramatischen Wende in Polen und der Rückkehr von Gomulka an die Parteispitze waren sie alle der Meinung, dass auch Imre Nagy bald wieder Ministerpräsident werden könnte. Deshalb besprachen sie auch die in diesem Fall notwendigen umfassenden Änderungen in der Zusammensetzung des Politbüros und des Zentralkomitees. Die wichtigste Schlussfolgerung war, dass, was immer geschieht, Imre Nagy nur nach der Erfüllung der personellen und politischen Forderungen, allen voran also nach dem Rücktritt Gerös als Erster Sekretär, eine Einladung zur Rückkehr an die Führungsspitze annehmen dürfte. Es gab kein politisches oder wirtschaftliches Programm. Im Sommer sagte Nagy einem Besucher, im Herbst werde die Macht in seinen Schoß fallen. Treffend stellte sein kritischer Biograf dazu fest: »Wenn er das tatsächlich glaubte, dann ist es fast unverständlich, warum er nicht darüber nachgedacht hat, was er mit der Macht anfangen sollte.«16 Wie ein enger Freund später vermerkte, wäre es sehr bedauerlich, aber sie hätten eigentlich keine Diskussionen über grundsätzliche Fragen geführt.
Die Meinungen über die Studentendemonstration waren aber unterschiedlich. Nagy lehnte sowohl die Demonstration als auch den Vorschlag der Freunde ab, dass er bei der inzwischen genehmigten Massenkundgebung beim Petöfidenkmal erscheinen sollte. Beim Abschied sagte er ihnen noch, die Demonstration könnte schwerwiegende Folgen haben. Dann ging er mit seinem Schwiegersohn nach Hause. Während dieser sich in die Stadt begab, nahm Nagy zu Hause das Mittagessen ein und legte sich anschließend zu einem Schläfchen hin. Diese angesichts des Aufruhrs in der Stadt fürwahr verblüffende Tatsache hat sein Biograf mit einem Bündel von Gründen zu erklären versucht: Gewohnheit, die von Kardiologen angeratene »schonende Lebensweise«, die bis in die Nachtstunden andauernden aufregenden Gespräche tags zuvor und vielleicht auch eine zum Teil unbewusste Flucht vor der Verantwortung.
Am späteren Nachmittag trafen dann Augenzeugen der Demonstrationen in der Villa ein. Befreundete Schriftsteller wie Tibor Dery und Peter Veres berichteten – wie auch andere in Telefonanrufen – von der auf ihn wartenden riesigen Menschenmenge vor dem Parlament. Nicht nur seine anwesenden Anhänger, auch eine kleinere Studentengruppe bedrängte ihn, sich zum Parlament zu begeben. Die Präsidentin des Rundfunks, Valeria Benke, bat zwischen 18.00 und 19.00 Uhr zweimal telefonisch um seinen Rat, ob sie die 16 Punkte der Studenten doch verlesen lassen sollte. Nagy beschied, sie müsste das Politbüro fragen, und später sagte er ihr weiters, wenn es die aufgebrachte Menge vor dem Rundfunkhaus beruhigen könnte, sollten die Forderungen ausgestrahlt werden. Inzwischen riefen drei verzweifelte stellvertretende Ministerpräsidenten, darunter zwei Politbüromitglieder aus dem Parlament, nacheinander Nagy an, der bisher von einer öffentlichen Rede überhaupt nichts hören wollte. Als man ihm um 20.00 Uhr sagte, sie übermittelten die Bitte des Politbüros, er solle sofort zum Parlament kommen und zu der wartenden Menge sprechen, gab Nagy schließlich nach und verfasste eine kurze Rede. Später las er den Text den wenigen anwesenden Freunden und Anhängern in der Wohnung vor der Abfahrt vor. Alle fanden den Entwurf schlecht, inhaltslos und unpassend. Doch Nagy hat am Text nichts geändert. Der Leiter des Sekretariats des Ministerrats holte ihn in dem groβen schwarzen gepanzerten Wagen des Ministerpräsidenten ab. Mit Nagy saßen sein Schwiegersohn Jänosi und der befreundete Journalist György Fazekas im Auto.17
Es war bereits nach 21.00 Uhr, als Nagy in einem Fenster des Parlaments erschien, um zu der unübersehbaren und ungeduldigen Menge, die Schätzungen reichten von 150 000 bis 200 000 Menschen, zu sprechen. Der so vorsichtige, alles abwägende, sich stets an die Parteinormen haltende Altkommunist, der nicht improvisieren konnte und der sich gerade in diesen Tagen nach Warnungen vor einer enormen Provokation des bedrängten Gerö gefürchtet hat, wurde plötzlich mit »einer unbekannten Kraft«, nämlich mit dem Volk, konfrontiert.18 Es war, wie so vieles in diesen Tagen, eine unglaubliche Szene. Fazekas hatte Angst, dass der korpulente Nagy aus dem Fenster fallen könnte, und so wurde er von beiden Seiten von Fazekas und dem stellvertretenden Ministerpräsidenten Erdei gehalten. Nach Zwischenrufen – »Wir wollen Nagy Imre sehen« – hat Erdei mit einer Taschenlampe sein Gesicht beleuchtet. In diesem Augenblick begriff Nagy, dass seine vorbereitete Rede unpassend war, dass er besser improvisieren sollte. Bereits seine ersten Worte, die übliche Anrede »Liebe Genossen«, wurden mit Pfiffen und Sprechchören – »Wir sind keine Genossen!« – und seine folgenden dämpfenden, nichts sagenden Ausführungen mit blanker Enttäuschung quittiert. Er strich ganze Absätze des kurzen Redetextes, aber was er sagte, bestand dennoch aus schablonenhaft wiederholten Versprechungen der Demokratisierung durch die bevorstehenden Beschlüsse des Zentralkomitees, immer wieder gespickt mit Aufforderungen zur Nüchternheit und Disziplin. Seine einzige gelungene Geste bestand darin, dass er zum Abschluss die Zuhörer ersuchte, mit ihm die Nationalhymne abzusingen.19