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LITERATUR KOMPAKT

Herausgegeben von Gunter E. Grimm

Volker Wehdeking

HERMANN HESSE

Prof. Dr. Volker Wehdeking, bis 2007 Professor für Literaturwissenschaft und Medien an der Hochschule der Medien (HdM) Stuttgart. Veröffentlichungen und Forschungsschwerpunkte in der Deutschen Literatur seit 1945, Amerikanistik, Mentalitätsgeschichte, u.a. Alfred Andersch und Erzählliteratur der frühen Nachkriegszeit. Herausgeber von Werken wie Mentalitätswandel in der deutschen Literatur zur Einheit, Deutschsprachige Erzählprosa seit 1990 im europäischen Kontext (mit Anne Corbin), Generationenwechsel: Intermedialität in der deutschen Gegenwartsliteratur sowie der Festschrift Kopf-Kino. Gegenwartsliteratur und Medien.

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Volker Wehdeking
Hermann Hesse

Literatur Kompakt – Bd. 6
ISBN EPUB: 978-3-8288-5717-9
(Dieser Titel ist zugleich als gedrucktes Buch unter der ISBN 978-3-8288-3119-3 erschienen.)

© Tectum Verlag Marburg, 2014

Bildnachweis Cover: Hermann Hesse, 1925, Fotografie von Gret Widmann

Reihenkonzept und Herausgeberschaft: Gunter E. Grimm

Projektleitung Verlag: Christina Sieg

Layout: Sabine Manke

Lektorat: Rainer Landvogt, Sabine Manke

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Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Angaben sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.

Inhalt

I. Hermann Hesses Aktualität

II. Zeittafel

Grafik: Wichtige Punkte

III. Leben und Werk

Grafik: Hesse kompakt

IV.  Voraussetzungen, Werkaspekte, wiederkehrende Konstellationen

              1.   Hesses lebenslange Auseinandersetzung mit dem Pietismus

              2.   Nietzsche und die Psychoanalyse C. G. Jungs

              3.   Romantische Entgrenzung, Hinduismus, Buddhismus

              4.   Hesse und die Musik, Hesses Malerei

V. Die wichtigsten Romane

              1.   Peter Camenzind

              2.   Unterm Rad

              3.   Demian

              4.   Der Steppenwolf

              5.   Narziß und Goldmund

              6.   Das Glasperlenspiel

VI. Die wichtigsten Erzählungen

              1.   Knulp. Drei Geschichten aus dem Leben Knulps

              2.   Klein und Wagner

              3.   Siddhartha

              4.   Die Morgenlandfahrt

VII. Die Gedichte

VIII. Autobiografische Schriften

IX. Die Wirkung in Filmmedien

              1.   Fred Haines’ Kinofilm Steppenwolf

              2.   Jo Baiers Fernsehfilm Die Heimkehr

X. Literatur

Glossar

Abbildungsnachweis

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I. Hermann Hesses Aktualität

Er ist Nobelpreisträger und schon längst der weltweit erfolgreichste Autor der deutschsprachigen Hochliteratur des 20. Jahrhunderts – und erst jetzt, fünfzig Jahre nach seinem Tod, ist Hermann Hesse bei den Lesern wie den Kritikern ‚angekommen‘. Erst jetzt, nachdem mehr als 120 Millionen Exemplare seiner Bücher verkauft wurden, hat ihn auch die Germanistik begriffen, die lange bei ihm abseits stand. Denn er passte nicht so recht in ihre Periodisierungen, und die tiefenpsychologischen Botschaften der Selbstfindung in seinen Romanen schienen der Literaturkritik im Land des Holocausts der falsche Ansatz.

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Jetzt aber ist Hermann Hesse Kult, und nichts hätte dies deutlicher machen können als ein Essay im Spiegel, auf dessen Titel er, als »Der Störenfried. Sinnsucher, Dichter, Anarchist«, mit provokativ erhobenem Mittelfinger zu sehen ist (Matussek 2012). Zum fünfzigsten Todestag am 9. August 2012 widmeten ihm sämtliche wichtigen deutschsprachigen Feuilletons oft ganzseitige Beiträge. Andy Warhols berühmtes psychedelisches Hesse-Porträt illustrierte dabei, dass der Autor schon im Amerika der sechziger und siebziger Jahre seine erste Kultära erlebt hat. In der filmischen Transformation der Hesse-ErzählungDie Heimkehr zeigte Regisseur Jo Baier 2012 ein mythisches ‚Gerbersau‘, hinter dem sich Hesses Heimatstadt Calw verbirgt. Dieser TV-Film stellt nicht die einzige zeitgenössische Adaptierung für Fernsehen oder Kino dar. So erschienen auch vom Steppenwolf und Siddhartha aktuelle Verfilmungen auf DVD (2005 und 2003).

Neues Interesse der Germanistik

Als J ahr des 135. Geburts- wie des fünfzigsten Todestages wurde 2012 zum Hesse-Jahr. Das intensive Interesse der Germanisten, zuletzt dokumentiert durch einen Kongress im Jahr 2002 (Mainz), machten gleich zwei wissenschaftliche Großkongresse deutlich (März 2012, Bern; Mai 2012, Szeged). Die Aufmerksamkeit für Hesse erreichte Höhen wie zuvor nur in den amerikanischen Jahren der Flower-Power. Damals waren Conrad Rooks Siddhartha-Film (1972) und Fred Haines’ Steppenwolf-Verfilmung (1974) zum Auslöser wichtiger Monografien geworden (Ziolkowski 1979, Freedman 1999). Mittlerweile werden überdies auch der Maler Hesse und seine über 3 000 Aquarelle gewürdigt (Ausst.-Kat. Bern/Montagnola 2012).

2012 erschienen auch neue Biografien: von Heimo Schwilk, Gunnar Decker und, zu Hesses Frauen, Bärbel Reetz. Nach Lektüre der einfühlsamen, materialreichen Studie von Schwilk erscheinen von den drei Titelstichworten des Spiegel-Essays »Sinnsucher, Dichter, Anarchist« nur die ersten zwei für Hesse wirklich zutreffend. Der Biograf zieht das Fazit, die Weltanschauung des betont unpolitischen Autors mache ihn letztlich zu einem »konservativen Liberalen«. Er bescheinigt ihm jedoch auch den »Eigensinn« (Schwilk 2012, S. 12) der Selbstsuche eines bewährten Dieners des »ihn selbst transzendierenden Ideals« (ebd., S. 13), etwa in der Bewahrung des kulturellen Gedächtnisses der Weimarer Klassik und der Romantik und besonders im Manifest gegen das NS-System, das sich im Glasperlenspiel (1943) lesen lässt. Insgesamt sieht Schwilk in Hesse nur eingeschränkt den Pazifisten; vor allem sei er, bei allem »Patriotismus, seine[r] Liebe zu Deutschland« (ebd., S. 12) und der (Tessiner) Schweiz, transkultureller Brückenbauer und »Sachwalter des europäischen Erbes« (ebd., S. 13) gewesen. Ein »alles in allem wunderbar gelungene[s] Leben« (ebd.) habe Hesse gehabt: Obgleich ein Einzelgänger auf der Reise ins eigene Innere und gesellschaftlich unangepasst, hatte er doch einen riesigen Freundeskreis unter Malern und Schriftstellern, zu dem unter anderen Stefan Zweig, Romain Rolland und – zuallererst – Thomas Mann gehörten. Der Versuch, »die Freiheit des Schriftstellers mit der Fürsorge für die Familie zu verbinden« (ebd.), gelang Hesse allerdings erst in der dritten Ehe; erst sie konnte auf eine Grundlage gemeinsamer Interessen in Kunst, Musik und Literatur bauen.

Am schönsten und vielleicht genauesten hat Thomas Mann den Mann und sein Werk charakterisiert, als er ihn bereits im Jahre 1937 aus dem Exil in der Neuen Zürcher Zeitung für den Nobelpreis vorschlug:

Er hat den romantischen Timbre, die Versponnenheit, den krausen und hypochondrischen Humor deutsch-seelenhafter Art, − organisch-persönlich verbunden mit Elementen sehr anderer, viel weniger gemüthafter Natur, europäisch-kritizistischen, psychoanalytischen. Das Verhältnis dieses schwäbischen Lyrikers und Idyllikers zur Sphäre der Wiener erotologischen ‚Tiefenpsychologie‘, wie es sich etwa in ‚Narziß und Goldmund‘, einer in ihrer Reinheit und Interessantheit durchaus einzigartigen Romandichtung offenbart, ist ein geistiges Paradoxon der anziehendsten Art. Es ist nicht weniger merkwürdig und charakteristisch als seine Hingezogenheit zu dem pragerisch-jüdischen Genie Franz Kafkas, den er früh einen »heimlichen König der deutschen Prosa« genannt hat (Briefwechsel Hesse/Mann, S. 167 f.).

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Thomas Mann, 1937, Fotografie von Carl van Vechten

Die Mann’sche Würdigung ist dem Nobelpreis-Komitee nicht entgangen. Sie bescheinigt Hesse zudem, er habe im Demian (1919) »mit geheimnisvoller Genauigkeit den Nerv der Zeit« (ebd., S. 168) getroffen, nämlich die Stimmung intellektuellen Neubeginns nach dem Ersten Weltkrieg, und kreiert damit einen Topos der Hesse-Kritik.

Wegbegleiter Thomas Mann

Thomas Mann und Hesse hatten sich nicht mehr aus den Augen verloren, seitdem Manns Tonio Kröger und Hesses Durchbruchsroman Peter Camenzind im gleichen Jahr (1903) in Samuel Fischers Neuer Deutscher Rundschau als Vorabdrucke erschienen waren. Die Exilzeit schließlich machte sie endgültig zu Freunden. Überdies kann man an einigen Stellen ihrer Werke eine Motivnähe (Trabert 2011) entdecken. Dass am Ende von Hesses Roßhalde (1914) der Sohn des Malers Veraguth von einer Hirnhautentzündung tödlich heimgesucht wird und der Maler zum ersten Mal – schmerzlich – lernt, was Liebe ist, entspricht einer ähnlichen Thematisierung des Liebesverbots in Manns Doktor Faustus. Dort quält der Teufel den Knaben Echo mit derselben Krankheit, weil Leverkühn den kleinen Jungen liebt, und Faustus kann diesen nicht retten. Die Spirale als Struktur der Persönlichkeitsentwicklung von Josef Knecht im Glasperlenspiel korrespondiert mit der ‚hermetischen Pädagogik‘, der Hans Castorp im Zauberberg unterworfen wird. Die Glasperlenspiel-Figur Thomas von der Trave spielt auf Thomas Mann an, und das Ende des Romans zeigt als Parallele zum Tod in Venedig den schönen Jüngling, der als Geleiter der Seele ins Totenreich oder ins Unvordenkliche fungiert (Wehdeking 2005, S. 148). Beide Autoren sind zudem Goethes Pantheismus verpflichtet.

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Hermann Hesse mit Thomas Mann in St. Moritz, um 1932

Dass intertextuelle Bezüge wie etwa diese zu Mann mittlerweile die verdiente genauere Analyse erfahren, spricht für die Geltung, die Hermann Hesse in der Germanistik gewonnen hat. Außerdem ist nun auch die intermediale Verschränkung der Künste im Schreiben dieses Autors als Teil seiner Aktualität zu entdecken.

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II. Zeittafel

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Hermann Hesse, um 1880

1877

Karl Hermann Hesse wird am 2.7.1877 in Calw geboren, als Sohn des evangelischen Missionars Johannes Hesse (1847–1916) und von Marie geb. Gundert, verwitwete Isenberg (1842–1902)

1881

Umzug der Familie nach Basel, wo der Vater bei der Mission unterrichtet

1886

Rückkehr nach Calw, wo Hesse das Calwer Reallyceum besucht

1890

Hesse wechselt auf die Göppinger Lateinschule, um, wie die Eltern es wollen, ans Tübinger Stift zu kommen und Theologe zu werden. Voraussetzung ist das Landexamen

1891

Juli: Landexamen

 

September: Aufnahme im evangelisch-theologischen Seminar des Klosters Maulbronn

1892

März: Flucht aus dem Klosterseminar Maulbronn, um Dichter zu werden

 

Mai: Unterbringung in der psychiatrischen Anstalt Bad Boll

 

Juni: Selbstmordversuch und anschließende psychologische Betreuung in der Nervenheilanstalt Stetten

 

November: Besuch des Gymnasiums in Cannstatt (bis zur Obersekunda)

 

Hesse entdeckt Heine, Eichendorff, Gogol und Turgenjew

1894

Aufnahme einer 14-monatigen Lehre in der Turmuhrenfabrik von Heinrich Perrot in Calw (Praktikum 5. Juni bis 19. September)

1895

Beginn der Lehre in der Buchhandlung Heckenhauer in Tübingen (nach erster schnell abgebrochener Buchhändlerlehre 1893 in Esslingen)

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Buchhandlung Heckenhauer, Tübingen, 2005

1896

Erste Gedichtpublikation »Madonna« in Wiener Zeitschrift

1898

Gedichtband Romantische Lieder, erster unveröffentlichter Roman

1899

Wechsel von Tübingen nach Basel als Buchhändler und später Antiquar; von dort aus Reisen in der Schweiz

 

Prosasammlung Eine Stunde hinter Mitternacht erscheint im Diederichs Verlag

1900

Veröffentlichung unter Pseudonym: Hinterlassene Schriften und Gedichte von Hermann Lauscher (herausgegeben von H. Hesse)

1901

März bis Mai: Erste Italienreise

 

Arbeit in Basler Antiquariat, Gedichte erscheint

1902

Tod der Mutter

1903

Burckhardt- und Nietzsche-Lektüre

 

Bekanntschaft, gemeinsame Italienreise und Verlobung mit Maria (Mia) Bernoulli

1904

Erster Ruhm mit Peter Camenzind (bei S. Fischer auf dessen Einladung); Hesse erhält den Bauernfeldpreis und lernt Thomas Mann kennen

 

Arbeit in Gaienhofen als freier Autor, Freundschaft mit Othmar Schoeck und Albert Welti

 

Ehe mit Maria Bernoulli (bis 1923)

1905

Stefan Zweig besucht Hesse in Gaienhofen

 

Dezember: Geburt von Sohn Bruno

1906

Unterm Rad, Zeitschrift März mit Ludwig Thoma und Albert Langen

1907

Hausbau »Am Erlenloh« in Gaienhofen

 

Aufenthalt bei der Reformbewegung von Gustav (Gusto) Gräser auf dem Monte Veritá bei Ascona

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Postkartenansicht von Gaienhofen am Bodensee, um 1900

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Monte Verità, um 1900

 

Erster Sammelband mit Erzählungen unter dem Titel Diesseits bei S. Fischer

1909

März: Geburt von Sohn Heiner

1910

Gertrud, Beginn der Korrespondenz mit Ninon Ausländer

1911

April/Mai: Italienreise mit Othmar Schoeck, Hesse lernt Altistin Ilona Durigo kennen

 

Juli: Geburt von Sohn Martin

 

November bis Dezember: ‚Indienreise‘ mit dem Maler Hans Sturzenegger bis Ceylon, Singapur und Sumatra

1912

Übersiedlung nach Bern ins Haus des verstorbenen, befreundeten Malers Albert Welti

1913

Aus Indien erscheint

 

April: Italienreise mit dem Komponisten Othmar Schoeck und dem Maler Fritz Widmann

1914

Roßhalde

 

Freundschaft mit Romain Rolland, Treffen mit dem Maler Louis Moilliet

 

3. November: Erster Aufruf Hesses gegen Kriegschauvinismus – »O Freunde, nicht diese Töne« in der NZZ

1915

Als Kriegsfreiwilliger zurückgestellt, arbeitet Hesse seit 1915 für die Kriegsgefangenenfürsorge, Knulp erscheint

1916

Nach Tod des Vaters, Krise um Ehefrau und Sohn Martin, psychiatrische Behandlung beim C. G. Jung-Schüler J. B. Lang, der sein Freund wird

 

Aufnahme der Malerei unter psychiatrischer Beratung, zunächst »keine Natur, nur Geträumtes«

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Casa Camuzzi in Montagnola (Tessin), 1978 (links) und 2006 (rechts)

1919

April: Übersiedlung nach Montagnola, Tessin in die Casa Camuzzi, nach Trennung von Ehefrau und Kindern

 

Zentrale Künstler-Erzählungen entstehen: Klingsors letzter Sommer, Klein und Wagner (beide Veröffentlichung 1920)

 

Demian erscheint unter Pseudonym Emil Sinclair (dafür erhält Hesse den Fontane-Preis)

1920

Rückgabe des Fontane-Preises, Tessiner Skizzen in Wanderung

1921

Psychoanalyse bei C. G. Jung, Ausgewählte Gedichte, mit Ruth Wenger nach Stuttgart

1922

Siddhartha, Piktors Verwandlungen

1923

Scheidung von Maria Bernoulli

 

Kuraufenthalt in Baden

1924

Ehe mit Ruth Wenger

1925

Kurgast, Winteraufenthalt in Zürich

1926

Besuch von Maskenbällen in Zürich mit Künstlerfreunden

1927

Veröffentlichungen Der Steppenwolf und Die Nürnberger Reise

 

Scheidung von Ruth Wenger; Hugo Ball stirbt

1928

Erste Veröffentlichung der Krisis-Gedichte unter diesem Titel, Reise mit Ninon Dolbin bis Berlin

1930

Narziß und Goldmund

1931

November: Dritte Ehe mit Ninon Dolbin, geb. Ausländer

 

Bezug des Domizils »Casa rossa«, erbaut durch H. C. Bodmer für den Freund, Nutzung auf Lebenszeit in Montagnola

 

Erstmalig gemeinsame Winterferien mit Thomas Mann und Samuel Fischer in St. Moritz

 

Beginn der Arbeit an Das Glasperlenspiel

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Casa Rossa in Montagnola (Tessin), 1931

1932

Die Morgenlandfahrt; Thomas Mann (im Exil ab 1933) wird zum wichtigsten Freund

1936

Gottfried-Keller-Preis

1941

Verfassen des Gedichts »Stufen«

1942

Sammelband Die Gedichte; Abschluss der Arbeit an Das Glasperlenspiel

1943

Publikation von Das Glasperlenspiel durch den Fretz und Wasmuth Verlag in Zürich; der Versuch der Veröffentlichung in Deutschland scheitert aufgrund der NS-Zensur nach vergeblichen Bemühungen Peter Suhrkamps, der Hesse die Rechte zurückgibt

1945

Ernst Morgenthaler (1878–1962) malt acht Porträts von Hesse

1946

Goethepreis und Nobelpreis für Literatur

1947

Ehrendoktor der Universität Bern und Ehrenbürgerschaft der Stadt Calw; Hesse schreibt nur noch Prosaskizzen und Gedichte

1950

Wilhelm-Raabe-Preis

1954

Orden Pour le Mérite für Wissenschaft und Kunst

1955

Friedenspreis des Deutschen Buchhandels (durch den Freund Theodor Heuss vermittelt)

1957

Umfangreiche Hesse-Ausstellung in Marbach im Schiller-Nationalmuseum

 

Festakt zum 80. Geb. in der Stuttgarter Liederhalle mit R. A. Schröder und Martin Buber

 

Die 7-Bde-Ausgabe der Gesammelten Schriften erscheint bei Suhrkamp

 

In Sils Maria besuchen den Autor Theodor Heuss, Carl Jacob Burckhardt und Erika Mann; der Bildhauer O. Ch. Bänninger (1897–1973) modelliert Hesse in Montagnola

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Kurt Tassotti: Skulptur von Hermann Hesse (2002) auf der Nikolausbrücke Calw, 2008

1962

1. bis 8. August noch Arbeit am letzten Gedicht »Knarren eines geknickten Astes«, das Ninon Hesse als eines seiner »besten« imponierte, mit zugehöriger Zeichnung einer Rubinie im Garten und Botschaft künstlerischen Durchhaltens, dem Hanser-Verlag gesandt

 

9. August: Tod des Autors im Schlaf (Gehirnblutung) in Montagnola

 

Ehrenbürgerschaft der Gemeinde Montagnola (heute Collina d’Oro)

posthum

Einrichtung von Hesse-Museen in Calw (seit 1990), Montagnola (seit 1997), Gaienhofen, Seoul (seit 2002) und Tübingen (seit 2013)

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Hesse-Museum in Calw, 2008

Hesses ‚Indien‘-Reise im Jahr 1911

Dauer: 4. September bis 13. Dezember 1911

Überfahrt auf der Prinz Eitel Friedrich

Hinreise

Schaffhausen – Genua – Neapel – Port Said – Aden – Colombo (Ceylon) – Penang (Malaysia) – Ipoh – Kuala Lumpur – Singapur – Djambi (Sumatra) – Pelalang – Palembang

Rückreise

Singapur – Penang – Colombo – Aden – Suez – Neapel – Genua

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Calwer Marktplatz mit Geburtshaus (rechts)

III. Leben und Werk

Wie Hermann Hesse beerdigt wurde, das ist symbolisch stimmig mit seinem Leben: Der seit 1912 permanent in der Schweiz lebende Autor wurde 1962 auf dem Friedhof der Tessiner Gemeinde Sant’ Abbondio beigesetzt, der Sarg getragen von seinen Söhnen Heiner und Martin, beide in Schweizer Militäruniform. Für Hesses schwäbische Ursprünge und Prägungen steht, dass Hans Völter, der Freund aus der schwierigen Zeit im Maulbronner Klosterseminar, den Trauergottesdienst hielt. Aus Maulbronn aufgebrochen zu einem Schriftstellerleben, das die Eltern lange ablehnten, war Hesse nun wieder zurückgekehrt in ein Refugium, wie auch die von ihm im Glasperlenspiel entworfene Welt Kastaliens eines war. Neben der Schweiz und Schwaben kommt als dritter Bezugsraum der Orient hinzu, besonders konzentriert nachzuvollziehen in der langen Erzählung Siddhartha (1922); Hesse verdankt diesen Orientbezug dem großen Einfluss seines Großvaters Hermann Gundert wie auch der eigenen Indienreise 1911.

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Grab von Hermann Hesse in Gentilino, 1977

Persönliche Krisen

Hermann Hesse erlebte zwei tief greifende persönliche Krisen: zum einen die Flucht aus dem Klosterseminar und den anschließenden Prozess der Selbstfindung bis zum literarischen Durchbruch mit dem noch neuromantischen, zu Natur und Heimat zurückkehrenden Peter Camenzind (1904); zum anderen, zugleich mit der Abwendung vom penetranten Weltkriegsnationalismus, die Verarbeitung erlittener persönlicher Erschütterungen: Tod des Vaters, lebensgefährliche Erkrankung des eigenen Sohns, Ehekrise und eigene Depression. Nach einem Sanatoriumsaufenthalt mit Psychoanalyse bei dem Jung-Schüler Josef Bernhard Lang zog Hesse mit Demian, seiner ‚Seelenbiografie‘, einen Schlussstrich. Die dabei gemachte Bekanntschaft mit der Archetypenlehre Carl Gustav Jungs war entscheidend für seine von nun an bipolaren Gestaltungen, von den Erzählungen Klein und Wagner (1919) und Klingsors letzter Sommer (1919) bis hin zu Siddhartha: Natur und Geist, Anima und Animus, Apollinisches und Dionysisches (Nietzsche), Künstler und Bürger.

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C. G. Jung (1875–1961)

Calw und Basel

Das Elternhaus Hesses stand unmittelbar am Marktplatz in Calw, einer mittelgroßen Stadt, in der man einander kannte und scharf beobachtete. Dort leiteten der Großvater Gundert und Vater Johannes, die beide in der pietistischen Indienmission tätig waren, den Calwer Verlagsverein. Dieser war Teil des Netzwerkes der Basler Mission, was dazu führte, dass die Familie 1881 nach Basel zog, wo Hesse bis 1886 eine glückliche und prägende Periode seiner Kindheit verlebte. »Basel mit seinem lebendigen […] Treiben, den köstlichen Kreis unserer Missionsfreunde, unser sonniges heimeliges Logis, unsere liebe Nachbarschaft zu verlassen, fällt mir wohl schwer«, notierte seine Mutter Marie in ihr Tagebuch (zitiert nach Gundert 1977, S. 197), als man auf Wunsch des Großvaters wieder nach Calw zurückkehren musste. Die Basler Zeit wird Hesse bis zur Morgenlandfahrt (1932) beschäftigen und Basel ein wichtiger Ort für ihn bleiben: Dort findet er nach der Tübinger Lehrlingszeit im Buchhandel die erste Stelle als Antiquar und Buchhändler (1899–1904); dort heiratet er die Fotografin Mia Bernoulli, die einer alten Basler Gelehrtenfamilie entstammt; und dort an der Universität lehrten auch seine Vorbilder Jacob Burckhardt und Friedrich Nietzsche.

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Jacob Burckhardt, um 1890

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Friedrich Nietzsche, um 1885

Maulbronn und Stetten

Bereits mit dreizehn Jahren weiß Hesse, dass er »Dichter oder gar nichts werden« will (Kurzgefaßter Lebenslauf, SW 12, 48). Mit fünfzehn läuft er, genial und schwer erziehbar, der von den Eltern gewünschten Ausbildung zum Theologen im Maulbronner Seminar – in dem schon der liberale Großvater gewesen ist – buchstäblich davon. Am 7. März 1892 kommt der verzweifelte Ausreißer bis Hessen, verbringt die kühle Nacht ohne Mantel und Geld im Freien – und muss am nächsten Mittag, von einem Landjäger begleitet, erschöpft und hungrig in die Klosterschule zurückkehren (Schwilk 2012, S. 15–27). Es folgen Monate der physischen und psychischen Schwäche, in denen er an Selbstmord denkt. Noch im gleichen Jahr verlässt Hesse Maulbronn für immer. Schockiert und hilflos, wie sie sind, bringen die Eltern den sensiblen, aber störrischen Jungen zu einem befreundeten Exorzisten nach Bad Boll. Pfarrer Blumhardt, der an Hesses Besessenheit glaubt, schlägt bald vor, ihn in die »Anstalt für Schwachsinnige und Epileptische« nach Stetten zu geben. Dort wirkt der Anblick der Irren auf Hesse so befremdend, dass er sich von Glaube und Elternliebe abwendet: »Wenn Ihr mir schreiben wollt, bitte nicht wieder Euren Christus, Er wird hier genug an die große Glocke gehängt. […] Ich glaube, wenn der Geist des verstorbenen ‚Christus‘, des Juden Jesus, sehen könnte, was er angerichtet, er würde weinen« (KuJ 1, S. 265 f.).

Die Eltern, in ihrem pietistischen Denken befangen, das ganz auf die Unterdrückung der Eigenpersönlichkeit ausgerichtet ist, beklagen Hesses Feindseligkeit gegen ihre Art des Glaubens. Hesse schreibt: »Ihr seid Christen, und ich – nur ein Mensch« (KuJ 1, S. 161). Nach seinem Einjährigen-Examen am Cannstätter Gymnasium wohnt Hesse zwar noch ein halbes Jahr bei den Eltern, doch ist der Gedankenaustausch mit ihnen abgerissen, die kein Verständnis für die Romanlektüre und die eigene Lyrik des angehenden Dichters aufbringen. 1894/95 absolviert er eine Lehre als Turmuhrenmechaniker in der Calwer Fabrik von Heinrich Perrot und findet langsam zu innerer Ruhe und Heiterkeit zurück. Als Bollwerk gegen die kirchliche Frömmelei sucht er ein neues, anthropozentrisches Weltbild. Intensiv setzt er sich mit Heine und Turgenjew auseinander und wird bald Nietzsches Zarathustra-Botschaft, dass Gott tot sei, zum Anlass nehmen zu propagieren, dass einzig die Kunstwerke überdauern.

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Heinrich Heine, 1838

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I. S. Turgenjew, vor 1883

Romantisch inspirierte Frühwerke

Noch aber steht er unter dem Einfluss der Romantik – deren Nachtseite eingeschlossen – und von Novalis. Die Gedichte Romantische Lieder (1899) sind in den Tübinger Jahren beim Buchhändler Heckenhauer seine erste Veröffentlichung. Hoffnungsvoll schickt er sie nach Calw, doch die Mutter kann nur skeptisch reagieren; zu wenig »keusch und rein« findet sie diese »Fiebermuse« (KuJ 2, S. 304, 357). Dann erscheint im gleichen Jahr die Prosasammlung Eine Stunde hinter Mitternacht. Das fantastische Traumreich dieser neun Erzählungen soll ihn von seinen dunklen Neigungen zu Kneipenleben und Gassenliedern kurieren, und so ruft er beschwörend Dante und dessen Commedia-Heldin Beatrice an mit dem Vorsatz »Incipit Vita Nova« (Ein neues Leben beginnt). Hier finden sich verwunschene Gärten und marmorne Schlösser, junge Frauen, die mit einem goldenen Ball spielen – und Hesses Jugendschwärmereien ähneln. Die letzte Erzählung, Traum im Ährenfeld, führt zurück in die paradiesisch erlebte Kindheit in Basel. Motive der Naturromantik, Wald und Mond, die Hesse bis zum Lebensbaummotiv in Narziß und Goldmund (1930) beschäftigen, kündigen sich hier an: »Eine Stunde hinter Mitternacht, / wo nur der Wald und der späte Mond, / Und keine einzige Menschenseele wacht, / Steht breit und groß ein weißes Schloß, / Nur von mir und meinen Träumen bewohnt« (Die Gedichte, SW 10, 22). Doch auch Spuren der Ästhetik des Bösen und der Fin-de-Siècle-Stimmung sind zu erkennen und deuten an, dass Hesse, sich den Auffassungen C. G. Jungs annähernd, eine Disposition zum ‚Schatten‘ wie zur Suche nach der Unio mystica hat.

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Novalis, 1845

Erstmals Thema Selbstfindung

In den Calwer und Tübinger Jahren (1892–1899) liest Hesse Goethe und die Romantiker, schätzt vor allem den Faust, Novalis und Heine (Zeller 1984, S. 30–35, Schwilk S. 67–75). Auch Iwan Turgenjew, der antiautoritäre, keinem Prinzip anhängende Nihilist, hat seinen Nachhall beim Hesse der Jahrhundertwende. Ebenso spürbar wird das Schönheitsideal der Weimarer Klassik, das bald in die Antike zurückweist, bald zum Apollinischen und Dionysischen Nietzsches. »Die tollste Sturm-und-Drang-Zeit ist glücklich überstanden«, stellt Hesse schon 1895 fest. »Hätte ich in Literatur z. B. an einer Hochschule auch nur ein Pünktchen mehr lernen können als privatim? Gewiß nicht« (KuJ 1, S. 281). Die folgenden Basler Jahre bis 1903 brachten den Durchbruch und eine allmähliche Abkehr vom blassen Kolorit melancholischer Endzeitstimmung. Das im Zentrum der Hinterlassenen Schriften und Gedichte von Hermann Lauscher (1901) stehende Tagebuch 1900 rückt die Basler Kindheitsjahre bereits in weitere Distanz und lässt die romantische »Welt der Schönheit« (KuJ 2, S. 140) der ersten Prosa in ungeschminkter Selbstkritik hinter sich. Die psychologische Persönlichkeitsbildung, im Verein mit einem von Rousseau beeinflussten zivilisations- und bildungskritischen ‚Zurück zur Natur‘, wird Hesses ureigenes Thema. Mit Peter Camenzind springt er gleich voll hinein, und mit Unterm Rad (1906), dem autobiografischen Reflex auf das Maulbronner Desaster, gelingt ihm eine so sensible Schilderung pubertärer Schulnöte, dass die Novelle heute noch zur beliebtesten Hesse-Lektüre für die frühe Selbstfindung zählt.

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J. W. Goethe, 1779

Italien und Orient

1901 macht Hesse sich auf den Spuren Jacob Burckhardts zum ersten Mal nach Italien auf. Später schreibt er, er habe fast jedes Jahr eine Italienreise unternommen, bis der Erste Weltkrieg ihm neben dem Geld auch »die Lust am Reisen, die Neugierde auf Länder und Menschen und den Glauben an eine bessere Zukunft« genommen habe (zitiert nach Wehdeking 2011, S. 46). Mit Peter Camenzind, gedruckt beim renommierten S. Fischer Verlag, kommt jedoch erst einmal der Ruhm in diesen Basler Jahren. Hesse hat nun die Mittel, mit seiner Ehefrau Mia nach Gaienhofen – und bald auch ins selbsterbaute Haus »Am Erlenloh« – zu ziehen. Bis 1911 werden dem Paar dort drei Söhne geboren. Mit dem Maler Hans Sturzenegger unternimmt er 1911 eine Schiffsreise nach Genua, Ceylon und Hinterindien und bringt tiefe Eindrücke zurück, die seinen lebenslangen Bezug zum Orient nähren. Innere Unrast und der Wunsch, aus dem allzu ruhigen Eheleben an der Seite der zunehmend depressiven Frau auszubrechen, schlugen sich in den Romanen Gertrud (1910) und Roßhalde nieder. Diese Jahre erfüllen den ruhelosen Hesse mit wachsendem Unbehagen am ‚Philisterland‘ (vgl. Herwig 2011a und Hesses »Herbstnächte«, SW 13, 57): »ich gäbe mein bißchen Haus und Glück gern für einen alten Hut und Ranzen« (ebd.). Die Schwierigkeiten seiner Künstlerehe werden auch in den zwanziger Jahren bei der zweiten, kurzen Bindung an die weit jüngere Ruth Wenger nicht weniger. Erst die aus einem Briefwechsel erwachsene Altersbeziehung mit Nina (Ninon) Dolbin geb. Ausländer, die Kunstgeschichte studiert hatte und mit der er viele Interessen teilte, besteht bis zum Tod. Das Einzelgängermotiv ist bis zum Steppenwolf (1927) und den zugehörigen Krisis-Gedichten durchgehalten, wo es zum Titelsymbol wird: »In meinem Leben haben stets Perioden einer hochgespannten Sublimierung, einer auf Vergeistigung zielenden Askese abgewechselt mit Zeiten der Hingabe an das naiv Sinnliche, ans Kindliche, Törichte, auch ans Verrückte und Gefährliche. Jeder Mensch hat dies in sich«, schreibt Hesse 1928 (SW 4, 245 f.; vgl. Michels, ebd., S. 604).

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Maria (Mia) Bernoulli

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Ruth Wenger

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Nina (Ninon) und Hermann Hesse, 1931

Erster Weltkrieg

Während der an das Leben in Gaienhofen anschließenden Phase von 1912 bis 1919 lebt Hesse in Bern im Haus des befreundeten Malers Albert Welti. Bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs meldet er sich freiwillig zum Militärdienst, wird jedoch wegen hochgradiger Kurzsichtigkeit für felddienstuntauglich erklärt. Bereits 1915 aber, im Reisebericht Wieder in Deutschland (SW 15, 54–60), weigert er sich, »Haßgesänge« zu verfassen (SW 15, 60, vgl. »O Freunde, nicht diese Töne«, SW 15, 11–20) – zu negativ sind die Eindrücke vom deutschen Chauvinismus und den Kriegsereignissen sowie die Erfahrungen aus der eigenen aufopfernden Tätigkeit in der Kriegsgefangenenfürsorge. Er gilt daraufhin dem Kölner Tagblatt im Oktober 1915 als »vaterlandsloser Geselle« und »Drückeberger« (zitiert nach Decker 2012, S. 294) und bricht die letzte Brücke zu Deutschland ab; 1924 wird er Schweizer.

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Deutsches Reich 1871–1918

Wichtigste Schaffensperiode

Im Demian deutet sich die Ablösung vom Christentum an, und erscheint als ambivalenter Gott »Abraxas«. Hier setzt Hesse den Jung’schen Einfluss ebenso um wie in Siddhartha, das die Vita Gautama Buddhas nacherzählt. Damit beginnt die wichtigste Schaffensperiode Hesses, 1919 bis 1932, die bis zum Mittelalter- und Vagantenroman Narziß und Goldmund und der teils überzeitlichen, teils surrealen Morgenlandfahrt reicht. Mit Erfolg sucht Hesse seine deutschen Leser zur inneren Einkehr, zu Pazifismus und humanitärem Internationalismus zu bewegen. Unter diesen Vorzeichen stehen auch seine Freundschaften mit Romain Rolland, T. S. Eliot, Thomas Mann und Hugo Ball sowie André Gide, Rudolf Alexander Schröder, Hans Carossa und Martin Buber. Das bei Hesse durchgängige Motiv des älteren Freundes und Meisters, der zur Selbstfindung führt, ist in seinem Verhältnis zu Gusto Gräser präformiert, der für Lebensreformbewegung und jugendbewegte Tendenzen gegen Industrialisierung und Verstädterung steht. Nach dem noch romantisch-anachronistischen Knulp (1915) stehen Hesses große Texte – besonders Der Steppenwolf – nun unter dem bestimmenden Einfluss von Sigmund Freud und Jung.

Die späte Lyrik wendet sich dem chinesischen Taoismus zu, einem auf Humor und Weisheit beruhenden Pantheismus. Im zentralen Hymnus Besinnung (1933) wie im berühmten Gedicht Stufen (1941) ist der Weg des Individuums vorgezeichnet: aus naiver Kindheit über eine an Søren Kierkegaard und Martin Heidegger gemahnende Verzweiflung (nahe dem ‚Sprung in den Glauben‘) zur religiösen Überzeugung. Im letzten Großroman, dem Glasperlenspiel, lässt Hesse seinen heroisch-asketischen »Magister Ludi« Josef Knecht das allzu selbstgenügsame Kastalien verlassen und im Bergsee sterben. Diesen Opfertod flankiert er mit einem Bild des Sternenhimmels, in dem metaphysisches Urvertrauen Ausdruck findet: »Beim ersten Blick möchte man meinen, die Tiefe sei dort, wo es am dunkelsten ist […]. Nicht dort ist die Tiefe der Welt und ihrer Geheimnisse, wo die Wolken und die Schwärze sind, die Tiefe ist im Klaren und Heiteren« (SW 5, 288).

Alter

Nach den großen Ehrungen der Jahre 1946 bis 1955, vor allem dem Nobelpreis für Literatur, ist Hesse aufgrund seines schlechten Gesundheitszustandes und zunehmender Sehschwäche nur noch dazu in der Lage, Gedichte und Prosaskizzen zu verfassen und sein bei Suhrkamp erscheinendes Gesamtwerk zu sichten. Den Lebensabend verbringt er fast ausschließlich in dem nach eigenen Entwürfen gestalteten Haus in Montagnola, das ihm von seinem Freund und Mäzen Hans C. Bodmer zur Verfügung gestellt wird. Die Arbeit im Garten füllt ihn aus, ebenso die Musik, besonders Mozart – und natürlich die Liebe seiner Frau Ninon. Theodor Heuss, der ihn öfter besucht, sorgt dafür, dass er den Orden Pour le Mérite erhält; bezeichnenderweise nimmt Hesse ihn 1954 erst an, nachdem das chinesische I-Ging-Orakel gute Zeichen darin sieht.

Transkulturell und intermedial

Die Zeit einer adäquaten Rezeption des Werks von Hermann Hesse scheint erst heute wirklich gekommen. Ad acta gelegt sind sowohl die vorwiegend auf Missverständnissen beruhenden, identifikatorischen und unkritischen Hesse-Lektüren, wie sie besonders in den USA in den sechziger und siebziger Jahren zu beobachten waren, als auch die seit Mitte der siebziger Jahre einseitig literatursoziologischen Betrachtungsweisen der deutschsprachigen Germanistik (Philippi 2005, Jürgens 2004). Verdiente Aufmerksamkeit finden jetzt die transkulturellen wie die intermedialen Züge dieses Werks. Seine vielfältigen Orientbezüge erscheinen in einem globalisierten Kontext aktuell (vgl. Wehdeking 2011). Die Wahrnehmung der Intertextualität als philologischer Voraussetzung des epochalen intellektuellen Diskurses macht die genaue Klärung von textlichen Einflüssen und Wirkungen möglich. Dass sich bei Hesse die Künste ineinander verschränken, zeigt seine bildintensive Metaphorik und Ekphrasis ebenso wie seine vielfältigen Musikbezüge und sein kinematografisches Erzählen (vgl. Herwig 2011a, Trabert 2011, Singh 2011).

Bild als weiteres Medium