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Inhaltsverzeichnis
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Meinen Eltern,
Zeugen des Jahrhunderts
und Vorbilder der Lebensführung,
in großer Dankbarkeit.

1 Einleitung: Die Söhne Gottes und die Quellen
Lustig in die Welt hinein
Gegen Wind und Wetter!
Will kein Gott auf Erden sein,
Sind wir selber Götter!
Wilhelm Müller, »Mut!«
(drittes Quartett), aus:
Die Winterreise, 1828
 
 
 
 
»Wir schwören bei Cäsar, Gott,
von einem Gott abstammend.«
 
Papyrus Oxyrhynchus 1453,
30/29 v. Chr., auf Cäsar Octavian
(Kaiser Augustus)

Fragezeichen
Brauchen wir einen realen, historischen Jesus, oder sollten wir uns damit zufriedengeben, daß Jesus im Bewußtsein vieler Menschen zur mythischen Hauptperson einer der Weltreligionen geworden ist? Neueste archäologische Entdeckungen, die Wiederentdeckung vergessener Quellen, unerwartete Erkenntnisse aus dem Zusammenspiel internationaler Forscher geben die Antwort: Die Zeit des Jesus von Nazareth gehört heute zu den Epochen, über die uns mehr bekannt ist als über jede andere der Antike. Daß es so ist, wissen jedoch nur wenige. Viel weiter verbreitet sind die alten Vorurteile aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, nach denen es wenig Gewißheit über den Jesus der Geschichte gibt. Wer unbedingt will, so heißt es, möge sich an den Christus des Glaubens halten. Nach einem alten Scherz, der unter Historikern erzählt wird, wisse man zwar, daß Jesus gekreuzigt wurde, aber ob er jemals geboren wurde, sei schon weniger sicher.
Die Althistoriker, die Experten für antike Geschichte also, und die klassischen Philologen, die sich mit den Texten der Antike befassen, haben dieses Spiel lange mitgespielt: »Christiana non leguntur« hieß das geflügelte Wort: Christliches wird nicht gelesen. Schließlich gab und gibt es dafür an den Universitäten eine eigene Fakultät, die theologische.1 Unter den Theologen hatten die Spezialisten für das Neue Testament ihrerseits wenig Interesse daran, ihre Texte als Quellen der antiken Geschichte ernstzunehmen. Man behandelte sie lieber als etwas ganz Eigenes, das nach besonderen Spielregeln zu untersuchen sei. Sogar eine eigene Sprache, die es nie gab, wurde zu diesem Zweck unterrichtet: Neutestamentliches Griechisch.2
Befremdlicher als die Langsamkeit, mit der sich Altertumswissenschaften und Theologie aufeinanderzubewegen (manche Kritiker meinen, sie bewegen sich eher noch immer auseinander), ist der Verzicht auf Erkenntnisse, die längst schon einmal gewonnen waren.3 Die Selbstisolation in der neutestamentlichen Forschung hat auch eine ironische Seite: Je internationaler die vernetzte Welt in anderen Lebensbereichen wird, desto geringer wird hier die Bereitschaft, sich mit Forschungen zu befassen, die nicht in der eigenen Sprache veröffentlicht werden und nicht der eigenen Meinung entsprechen. Angelsächsische Wissenschaftler lesen in der Regel nichts Deutsches (von anderen Sprachen zu schweigen), deutschsprachige Forscher nehmen vielleicht den einen oder anderen englisch verfaßten Text zur Kenntnis, sind aber gegenüber der französischen, italienischen oder spanischen Literatur weitgehend immunisiert. Nicht erfunden ist der Fall eines deutschen Neutestamentlers, der sich weigerte, einen finnischen Aufsatz zur Kenntnis zu nehmen: Um gegebenenfalls seine Meinung ändern zu müssen, werde er diese Sprache nicht lernen. Der vergleichsweise geringe Aufwand, sich notfalls auch einmal etwas übersetzen zu lassen, war schon zuviel – man ist sich selbst genug.
Hier ist also noch manches nachzuholen. Unbequem mag das durchaus sein, denn es könnte ja zu dem Ergebnis führen, daß Althistoriker und klassische Philologen recht haben, wenn sie die neutestamentlichen Schriften für alt, für unverfälscht überliefert und historisch glaubwürdig halten und ohne Vorurteile neben die griechischen und römischen Historiker der gleichen Zeit stellen. Doch es lohnt sich auch um der Sache willen. Denn die Geschichte des Galiläers Jesus entstand nicht in einem historischen Vakuum. Sie gehört in die antike Geschichte ebenso wie das Leben des Augustus, unter dem er geboren wurde, und des Tiberius, unter dem er öffentlich auftrat und getötet wurde. Darum geht es in diesem Buch: das Panorama einer parallelen Geschichte zu entwickeln, in der Jesus von Nazareth nicht anders behandelt wird als der römische Kaiser Tiberius. Aber auch sein Gegenüber Tiberius könnte davon profitieren, denn sein Ruf hat unter den Verleumdungen seiner nachgeborenen Kritiker bis heute gelitten.
Die parallele Zeitgeschichte beginnt bereits mit der Geburt Jesu: Jesus wurde nicht im Jahr 0 geboren, sondern im Winter 7 v. Chr., unter dem Amtsvorgänger des Tiberius, jenem Gaius Iulius Caesar Octavianus, den man seit 27 v. Chr. »Augustus« nannte, auf deutsch den »Anbetungswürdigen«, und der in der Weihnachtsgeschichte des Lukasevangeliums eine Nebenrolle spielt (Lukas 2,1).4 Zu dieser Zeit war Tiberius Claudius Nero – so sein vollständiger Name – dreiunddreißig Jahre alt und noch einundzwanzig Jahre von seinem Machtantritt als Nachfolger des Augustus entfernt. Er war bereits »Pontifex«, also ein Mitglied des Priesterkollegiums, das die Aufsicht über Religion und Kultus innehatte. Geschieden und seit 11 v. Chr. in zweiter Ehe mit Julia, einer Tochter des Augustus, verheiratet, hatte er gerade vier Jahre lang als Legat in Pannonien und Dalmatien gedient, also Teilen des heutigen Ungarn, Slowenien, Serbien und Kroatien. Ein Jahr vor der Geburt Jesu in Bethlehem wurde er Befehlshaber der Truppen in Germanien und feierte am 1. Januar 7 v. Chr. den »Triumph ex Germania«, den Festzug vom Marsfeld über das Forum zum Kapitol, der einem siegreichen Feldherrn als höchste Ehre gewährt wurde: Tiberius war es, der in den Jahren vor der katastrophalen Niederlage des Varus gegen Hermann (Arminius) den Cherusker die römischen Truppen noch siegreich über den Rhein und die Elbe hinausgeführt hatte.
Die Jugend Jesu, sein öffentliches Wirken und seine durch den Präfekten Pilatus am 7. April 30 n. Chr. nach den Regeln römischen Rechts bewirkte Hinrichtung geschahen zu Lebzeiten dieses Tiberius und seit 14 n. Chr. unter dessen Kaiserherrschaft. Der Kaiser, 42 v. Chr. geboren, überlebte den in seinem Namen gekreuzigten Jesus um fast sieben Jahre; Tiberius starb am 16. März 37 n. Chr. in Misenum am Nordrand des Golfs von Neapel. Als Tiberius seinen Vorgänger und Adoptivvater Augustus am 17. September 14 n. Chr. vom Senat zum »Divus«, zum Vergöttlichten, ausrufen ließ, wurde er selbst »Filius Divi«, Sohn des Göttlichen. Im griechischsprachigen Osten lautete diese Bezeichnung schon viel eindeutiger »Hyios Theou«, Sohn Gottes. Das entsprach wörtlich dem Titel, den schon der noch ungeborene Jesus im Lukasevangelium erhält (Lukas 1,35). So gab es im Bewußtsein der ersten Christen offensichtlich die politische und religiöse Konkurrenz zweier »Söhne Gottes«.
Es ging also sehr früh schon um Machtkämpfe, um Religionspolitik, Intrigen und um den tödlichen Konflikt des römischen Kaiserkults mit dem jüdischen Gottes- und Messiasglauben. Bei einer »parallelen« Betrachtung der beiden auf den ersten Blick unvergleichbaren Kontrahenten werden die Konturen schärfer erkennbar; und auf diese Weise können nicht nur Tiberius und das Römische Reich ganz anders als üblich gesehen werden. Es ist auch möglich, Jesus und seine Rolle aus Sicht der Juden und der Römer zu verstehen. Damit gerät manches verschüttete Quellenmaterial wieder in den Blick. Und im Vergleich der Quellen über Tiberius stellt sich heraus, daß die Dokumente über Jesus nach gleichen Maßstäben verfaßt sind. Mit anderen Worten: Wir befinden uns nicht auf einem ungleichen Terrain, mit einem Kaiser und einem am äußersten Rand des Imperiums hingerichteten Juden. Der Konflikt zweier Söhne Gottes wird erkennbar als der Beginn eines Wandels in der Weltgeschichte.
Die Grundidee zu diesem Buch stammt immerhin schon aus der Antike. Plutarch, der Anfang des 2. Jahrhunderts n. Chr. mit seinen dreiundzwanzig parallelen Biographien (das bekannteste Beispiel: Alexander – Caesar) berühmt wurde, machte den Anfang. Im 20. Jahrhundert schuf Lord Alan Bullock ein Meisterwerk der Gattung, Hitler and Stalin. Parallel Lives. Kann man einen neuen Zugang zu einer der entscheidenden Epochen der abendländischen Geschichte gewinnen, wenn man nach solchen »Modellen« Jesus und den römischen Kaiser Tiberius einander gegenüberstellt?

Zerreißproben und Untergänge
Als Jesus auf die Welt kam, war seine Welt ein Teil des Römischen Reichs. Sie war nicht, wie man das lange glaubte, ein verlorener Winkel am östlichen Ende, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagten, sondern im Gegenteil ein wesentlicher Wirtschaftsfaktor, ein mehrsprachiges, multikulturelles Gebiet, in dem sich Menschen entlang der große Handelsstraßen trafen – an der Via Maris zum Beispiel, die Syrien mit Ägypten verband und die jüdischen Kernlande durchquerte, oder in den bedeutenden Mittelmeerhäfen wie Caesarea und Jafo. Auf den folgenden Seiten soll ein Panorama der Konflikte gezeigt werden, in die Jesus und Tiberius hineingeboren wurden.
Kulturell lag der erste wesentliche Einschnitt schon lange zurück: Alexander der Große hatte zwischen 334 und 331 v. Chr. den östlichen Mittelmeerraum in sein Herrschaftsgebiet eingegliedert. Auf dem Weg nach Ägypten besuchte er 332 v. Chr. auch Jerusalem und opferte dem Gott der Juden im Tempel.5 Eine Hinwendung zur jüdischen Religion war mit diesem rituellen Akt nicht verbunden: Wenig später ließ sich Alexander öffentlich als Sohn des Gottes Zeus darstellen. Entscheidend war, daß mit Alexander und auch nach seinem frühen Tod 323 v. Chr. die griechische Sprache und griechisches Denken auch die jüdischen Gebiete von Galiläa, Samaria und Judäa erfaßte. Versuche frommer jüdischer Bewegungen, in der Zeit der Kriege und Aufstände unter den Nachfolgern Alexanders den Einfluß des »Hellenismus« zurückzudrängen, fruchteten nicht. Auch die ägyptischen und seleukidischen Reiche waren vom Geist des Griechentums geprägt, vor allem die Sprache nutzten alle diese Völker als ein Instrument der Macht, der Wirtschaft und des Handels und nicht zuletzt religiöser Einflußnahmen. Als beispielsweise 198 v. Chr. bei Caesarea Philippi (vgl. Markus 8,27; Matthäus 16,13), das damals noch Paneas hieß, die Ägypter von den Seleukiden unter Antiochus III. entscheidend geschlagen wurden, erhielten die Juden zwar erneut Privilegien, darunter die Genehmigung, allen Nichtjuden, den »Unbeschnittenen«, den Zugang zum Tempel zu verbieten. Die Sprache jedoch, in der das geschah, war keine babylonische, auch nicht Hebräisch, sondern Griechisch.6
Die politischen Entwicklungen, die sich seit 198 v. Chr. mit dem Sieg der Seleukiden abgezeichnet hatten, wurden auch von den nachfolgenden Umstürzen nicht aufgehalten. Kaum hatte Antiochus einen überflüssigen Krieg gegen die Römer verloren, vergriff er sich an den Kultstätten seiner Untertanen, um die römischen Reparationsforderungen erfüllen zu können. Als er den Tempel der Elamiter (vgl. Apostelgeschichte 2,9) ausrauben wollte, wurde er umgebracht. Auch die Juden waren nun nicht mehr sicher. Als der abgesetzte Hohepriester Jason mit seiner Miliz Jerusalem überfiel und die Seleukiden mitsamt dem von ihnen eingesetzten Hohenpriester Menelaus vertrieb, griff 169 v. Chr. König Antiochus IV. ein. Dieser Seleukide hatte sich den griechischen Beinamen »Epiphanes« zugelegt, »die Erscheinung (Gottes)« – ein Wort, das wir heute noch im griechischen Namen des Dreikönigsfestes am 6. Januar erkennen: »Epiphanias«. Wer aber entscheidet, wann, wo und in wem Gott sich offenbart? Die Christen im Westen des Römischen Reichs erklärten später, daß Gott selbst die Entscheidung traf und am Tag der drei Weisen aus dem Morgenland in seinem Sohn Jesus auch den nichtjüdischen Völkern erschien. Für alle Juden war jedoch der Anspruch des Fremdherrschers Antiochus IV., eine Erscheinung Gottes zu sein, nichts anderes als eine abscheuliche Gotteslästerung. Als er den Jerusalemer Tempel leerräumen ließ und den Tempelgottesdienst verbot, heidnische Tieropfer einführte und mitten in der Stadt seine eigene Burg baute, die »Akra«, war Jerusalem zu einer griechischsprachigen Militärkolonie geworden. Die endgültige Hinwendung zu fremden Götterkulten im mittlerweile von Juden gänzlich verlassenen Jerusalem kam am 6. April 167 v. Chr., als der Tempel dem Olympischen Zeus geweiht wurde.
Einhundertsechzig Jahre vor der Geburt des Jesus von Nazareth, einhundertfünfundzwanzig vor der des Tiberius, waren das nicht nur vorübergehende Ereignisse. Im Bewußtsein der Juden setzte sich die Entweihung des Tempels, der zum Kultort des Zeus geworden war – als dessen Sohn sich zuvor Alexander der Große bezeichnet hatte – unauslöschlich fest.7 Für die künftigen Beziehungen der Juden zu anderen Kulturen in »Eretz Israel«, ihren Kernlanden also, heute umgangssprachlich meist noch »Heiliges Land« genannt, war hier vielleicht erstmals unübersehbar ein Riß entstanden. Jene Juden, die sich für die fremden, griechischsprachigen Kulturen geöffnet hatten, ohne dabei ihre eigene Religion zu verleugnen, die Juden, die in der griechischen Sprache und in der Auseinandersetzung mit dem Denken und Glauben des Hellenismus eine Chance sahen, sich intellektuell weiterzuentwickeln, sie hatten sich nicht durchsetzen können gegen die orthodox-fromme Mehrheit in der Stadt des Tempels. Die Gewaltmaßnahmen der siegreichen Seleukiden trafen nun aber gerade die Frommen, die sich vom Hellenismus so weit wie möglich fernhalten wollten. Bedeutete es da nicht eine Verleugnung der gemeinsamen Jüdischkeit, die auf der »Tora« gründete, den fünf Büchern des Mose, wenn man in kritischer Zeit weiterhin griechisch las und schrieb und die hellenistische Kultur nicht grundsätzlich ablehnte? Der Konflikt, plötzlich und ungewollt in das Judentum eingedrungen, blieb ungelöst bis in die Zeit Jesu und darüber hinaus.
Die Römer hielten sich zu dieser Zeit aus den Konflikten zwischen Judentum und Hellenismus heraus. Ihr Sieg über Antiochus III. hatte ihnen den nötigen Einfluß auf die Seleukiden gesichert, und Mitglieder des Herrscherhauses gingen zum Studium nach Rom. Vor allem Antiochus IV. Epiphanes, die »Erscheinung Gottes«, hatte sich in Rom nicht nur politisch ausbilden lassen. Als sein Bruder Seleukos IV. ermordet wurde, kehrte er aus der Reichshauptstadt zurück, um die Macht zu übernehmen. In Jerusalem ging die prohellenistische Gruppe unter dem Hohenpriester Jason rücksichtslos zur Sache. Die Priesterschaft und der Adel beantragten beim König die Errichtung eines Gymnasiums, also eines Sportgeländes, in der die Wettkämpfer nach antikem Brauch nackt auftraten. Einige der Juden gingen aus diesem Grund sogar so weit, sich die beschnittene Vorhaut durch einen operativen Eingriff künstlich wiederherzustellen zu lassen. 8 Alles Jüdische wurde zurückgedrängt, und es wurde auch keinerlei Anstrengung unternommen, den Kult der Götter Herakles (Herkules) und Hermes (Merkur) zu unterbinden, die traditionell als Schutzgottheiten mit dem Gymnasium verbunden waren. Daß auch die Tempelpriester offenbar vergnügt mitmachten, berichtet das Zweite Buch der Makkabäer, das vor Ende des 2. Jahrhunderts v. Chr. entstand: »So kümmerten sich die Priester nicht mehr um ihre Altardienste. Von den neuen Gedanken völlig eingenommen, vernachlässigten sie die Opfer und beeilten sich, wenn das Diskuswerfen angekündigt war, an dem ungesetzlichen Spiel auf dem Sportplatz teilzunehmen.«9
Der Konflikt zwischen dem Beharren auf dem Judentum und der Anpassung an den Hellenismus wurde nicht selten gewaltsam ausgetragen. Der Aufstand der Makkabäer gegen die Seleukiden und ihre Mitläufer 166 v. Chr. begann damit, daß ein noch altfrommer Priester namens Mattatias in der Stadt Modi’in einen Mitjuden erdolchte, der am heidnischen Götteraltar opfern wollte. Mattatias stach auch den königlichen Aufseher nieder, der den Kult überwachte. Damit war das Signal für den bewaffneten Widerstand gegen die Fremdherrscher, ihre Gottheiten und ihre »Gotteserscheinungen« gegeben.10 Unter der Führung des Mattatias-Sohnes Judas, der den Beinamen »der Hammer« erhielt (»Makkabi« /»Makkabäus«), sammelten die Söhne eine erfolgreiche Truppe um sich, die innerhalb eines Jahres alle Anhänger der Seleukiden, unter ihnen viele Juden, umbrachte oder vertrieb. Höhepunkt ihrer Aktion war die Rückeroberung des von heidnischen Götterbildern und den Spuren ihrer Opfer entweihten Tempels.
Die Gewaltsamkeit der erfolgreichen Revolte tat dem Ruf der Makkabäer keinen Abbruch – friedliche Revolutionen waren auch damals weitgehend unbekannt. Im Gegenteil, es war vor allem die erfolgreiche Rückeroberung des Tempels, die die Makkabäer bis heute zu den größten Helden aus der Zeit des Zweiten Tempels werden ließ: Den Namen Makkabi versteht man unter gläubigen Juden noch immer als einen Lobpreis Gottes, der sich aus der Zusammenfassung von Buchstaben des Verses 2. Mose / Exodus 15,11 ergibt – »M(i) ka(mocha) b(a’elim Adona)i«, »Wer ist wie du unter den Göttern, Herr?«11 Wer aber nun vermutet, daß die Vertreibung aller Götter und ihrer Kulte, bis hin zum Sport unter dem Schutz von Herkules und Hermes, zugleich eine Verdrängung des Griechischen als der Sprache dieser Kultformen nach sich gezogen hätte, sieht sich allerdings getäuscht. Selbst die Heldentaten der Makkabäer wurden nicht in hebräischer oder aramäischer Sprache aufgezeichnet, sondern in gutem hellenistischem Griechisch.12 Die beiden Makkabäerbücher gehören zwar nicht zum Kanon der jüdischen Bibel und sind auch in protestantischen Bibeln nur in Ausgaben mit »Apokryphen« enthalten, doch die griechische »Septuaginta«, jene von Juden für Juden im Ägypten des 3. und 2. vorchristlichen Jahrhunderts angefertigte Übersetzung der hebräisch-aramäischen Bücher in die griechische Weltsprache, nahm sie unter die ursprünglich griechisch verfaßten Schriften auf – eine Praxis, der die römisch-katholische Kirche mit ihrem Kanon folgte. So belegt gerade der Kontrast zwischen der orthodoxen Politik, von der diese Bücher berichten, und der Sprache, in der sie es tun, daß die Juden auch und gerade in ihrer Frömmigkeit nicht außerhalb der Kommunikationswege der damaligen Welt stehen wollten und nicht die Absicht hatten, sich von den anderen Kulturvölkern unter die »Barbaren« rechnen zu lassen, die Ungebildeten, die das Griechische nicht beherrschten. Hinzu kam ein weiteres Argument: Immer mehr Juden wohnten inzwischen in der »Diaspora«, der »Verstreuung« unter anderen Völkern, und auch deren Verkehrssprache war längst das Griechische.
Mit der neu demonstrierten Orthodoxie, der Rückkehr zum Tempelkult des einen und einzigen Gottes, der nach dem Dekalog keine anderen Götter neben sich zuließ (2. Mose / Exodus 20,1- 5), hatten die Juden einen schweren Stand. Man darf hier nicht vergessen, daß allein unter den griechisch geprägten Völkern zu jener Zeit Zehntausende Gottheiten verehrt wurden, die alle bildlich dargestellt waren. Viertausend Gottheiten sind durch Inschriften und aus literarischen Quellen bekannt. Der griechische Dichter Hesiod, der um 700 v. Chr. schrieb, nannte »dreimal zehntausend« Gottheiten.13 Und Maximus von Tyros, ein Autor des 2. nachchristlichen Jahrhunderts, beschuldigte Hesiod nicht etwa einer Übertreibung, im Gegenteil: »Nicht nur dreißigtausend Götter, Söhne von Göttern und ihre Freunde gibt es, sondern sie sind unzählbar.« In ihrer Grenzenlosigkeit seien Himmel und Erde voll von Göttern.14 Ein Volk, das dagegen nur einen einzigen Gott besaß und ihn noch nicht einmal im Tempel darstellen durfte, galt nicht etwa als bewundernswert nüchtern, sondern als verschroben und unkultiviert, eben als barbarisch.15 So verfaßte der griechische Rhetor und Grammatiker Apollonius Molon, der im späten 2., frühen 1. Jahrhundert v. Chr. lebte, eine Schrift Über die Juden, in der er feststellte, die Juden seien »gottlos« (d. h. eben: ohne Götter) und menschenfeindlich, sie seien »die ungebildetsten unter den Barbaren und hätten deshalb allein keinen Beitrag zu den für das Leben nützlichen Erfindungen geliefert«.16 Der römische Philosoph und Politiker Cicero (106 – 43 v. Chr.) nannte das Judentum eine »barbara superstitio«, einen barbarischen Aberglauben.17
Die souveräne Selbstverständlichkeit, mit der sich jüdische Denker auf der gesicherten Grundlage ihres Glaubens an den einen Gott mit der Welt befaßten, demonstrierten wohl am besten zwei Zeitgenossen – der um oder kurz nach 50 n. Chr. verstorbene Philosoph Philo von Alexandria und der um 67 n. Chr. hingerichtete Pharisäer Paulus von Tarsus. Beide kamen nicht aus den jüdischen Kernlanden: Der eine war in der römisch gewordenen Provinz Ägypten zu Hause, der andere stammte aus dem gleichfalls römisch regierten Zilizien auf dem Gebiet der heutigen Türkei. Und beide waren sie geistige Erben der Makkabäerzeit, die bei aller Treue gegenüber der Tora, dem Gesetz Gottes in den fünf mosaischen Büchern, den hellenistischen Einfluß keineswegs behinderte. So verliefen die Entwicklungen zwar nebeneinander und häufig auch gegeneinander, und die zum Teil blutigen Kämpfe der um die Vorherrschaft ringenden Bewegungen gehören zu den dunkleren Seiten der jüdischen Geschichte dieser Zeit, aber von nun an gab es keine eindeutige Bevorzugung einer der Sprachen und Sprachkulturen. Wer in den Kernlanden von Galiläa, Samaria und Judäa Einfluß in der Gesellschaft haben wollte, mußte dreisprachig sein und neben Hebräisch und Aramäisch auch Griechisch beherrschen; in anderen Regionen und Ländern dagegen, ob es die benachbarten Syrien und Ägypten waren oder jedes andere Gebiet der »Diaspora«, reichte allein Griechisch, um als praktizierender Jude zu leben.
Sha’ul, der später Paulus genannte, war nachweislich in allen drei Sprachen zu Hause; in zwei besonders eindrücklichen Szenen führt er seine Mehrsprachigkeit mit größter Selbstverständlichkeit vor: Mit dem Offizier der römischen Tempelwache, der ihn in Schutzhaft nimmt, spricht er Griechisch, er erhält die Erlaubnis, vor der Festung Antonia zu den anwesenden Mitjuden zu sprechen, die ihn bedroht hatten, und wechselt umstandslos ins Aramäische (Apostelgeschichte 21,37- 40). Als er, nunmehr in Caesarea Maritima inhaftiert, vor dem römischen Prokurator Felix und dem jüdischen Vasallenkönig Agrippa redet, zitiert er ein Wort, das der erhöhte Jesus auf der Straße nach Damaskus an ihn gerichtet hatte: »Saulus, Saulus, warum verfolgst du mich? Es wird dir schwerfallen, wider den Stachel zu löcken.« Paulus betont, daß Jesus Aramäisch gesprochen hatte, er selbst aber zitiert den Satz auf griechisch, und erst so wird für den König und den Prokurator erkennbar, daß es sich um ein Zitat aus einer griechischen Tragödie handelt, dem Agamemnon des Aischylos. 18 Daß dieser Paulus vor dem Philosophenkongreß des Areopag in Athen wörtlich aus einer naturphilosophischen Schrift des Arat zitiert, wundert da ebensowenig wie sein Zitat aus einem Theaterstück des Euripides.19 Wenn ein solcher Denker von Gott und Göttern spricht und von dem einen Sohn Gottes (Römer 1,3 u. a. m.), dann kennt er das Umfeld, in dem solche Begriffe außerhalb des Judentums gebraucht wurden, und weiß, welche Assoziationen seine Hörer und Leser damit verbinden. Philo von Alexandria dagegen, unbezweifelt der größte jüdische Denker seiner Zeit außerhalb des jüdischen Christentums, sprach und las wohl weder Hebräisch noch Aramäisch. Seine philosophischen Schriften beruhten auf der Lektüre der griechischen Philosophen und der griechischen Fassung des »Alten Testaments«, der Septuaginta.
Darin, in dieser Selbstverständlichkeit, mit der das Griechische als Schrift- und Umgangssprache benutzt wird, berührte Philo sich mit Paulus. Beide waren sie unter Kaiser Tiberius großgeworden, und sie hatten eine weitere realpolitische Gemeinsamkeit: Beide appellierten sie an einen römischen Kaiser, beide reisten sie nach Rom: Paulus, um 59 n. Chr. als römischer Bürger seinen Fall nach geltendem Recht vom Kaiser entscheiden zu lassen (inzwischen kein anderer als Nero; Apostelgeschichte 25,11; 26,32), Philo, um 40 n. Chr. im Auftrag der jüdischen Gemeinde von Alexandria vor Kaiser Caligula gegen ein Judenpogrom in seiner Stadt zu protestieren.20 Beide Kaiser, Nero und Caligula, hielten sich für göttlich, beide starben sie auf unnatürliche Weise und wurden nach ihrem Tod der »damnatio memoriae« unterworfen, der Entfernung ihres Namens von öffentlichen Inschriften.21 Mit dieser Phase war allerdings bereits eine zumindest vorübergehende Dekadenz des römischen Kaisertums eingetreten, die zur Zeit des Tiberius noch nicht zu beobachten war. Auch dies ist immerhin eine erstaunliche Feststellung: Zu der Zeit, als die römische Kaisermacht, noch konvulsivisch zukkend, in mörderischem Chaos versank, in den Jahren unter Caligula und Nero, entstanden die Hauptwerke zweier jüdischer Autoren, deren einer mithalf, die Weltgeschichte zu verändern: Philo und Paulus.22

Bruderkriege und Gottessöhne
Mit Paulus kommt eine weitere Konfliktlinie in den Blick. Fast schon hätten wir mit ihm und Philo die Zeit des Kaisers Tiberius verlassen, wäre da nicht die Kontinuität, die von der Makkabäerzeit bis zur römischen Herrschaft über das Heilige Land in die Epoche des Tiberius und seiner Nachfolger führt. Die Verbindungen lassen sich an einem Stichwort festmachen: Paulus war nicht nur ein römischer Bürger und damit, historisch betrachtet, der erste Römer, der Christ wurde (noch vor dem Hauptmann Cornelius in Caesarea), er war auch ein ausgebildeter Pharisäer, und er war stolz darauf, Pharisäer zu sein, selbst noch als Christusanhänger (Philipper 3,5; Apostelgeschichte 23,6). Ebenso wie die Sadduzäer hatte die Pharisäerbewegung immerhin einen noblen Ursprung – als geistiger Adel, der sich vom Land- und Stadtadel der Sadduzäer absetzte. Ihr gräzisierter Name, vom hebräischen »P’ruschim«, die Abgesonderten, drückt diese selbstbewußte Trennung aus, die sie vollzogen, als sich die Sadduzäer (so genannt nach dem Namen des Priesters Zadok, dem Hohenpriester unter König Salomo) nach der erfolgreichen Makkabäerrevolte, deren religiöse Speerspitze sie gewesen waren, immer mehr auf ihre aristokratischen Privilegien besannen und das Volk allenfalls für ihre Interessen instrumentalisierten, statt sich als priesterliche Diener des Volkes zu sehen.23 Für die fromme Bevölkerung waren diese Sadduzäer ohnehin schwer einzuschätzen. Sie waren einerseits erzkonservativ und buchstabengenau: Ihnen galt nur die Lehre der fünf Bücher des Mose, der griechisch »Pentateuch« genannten Tora; mündliche Überlieferungen und Lehren weiser Lehrer – das also, was man heute zusammenfassend als rabbinische Traditionen bezeichnet, lehnten sie ab. Diese Exklusivität immunisierte sie weitgehend auch gegen Kulturund Bildungseinflüsse des Hellenismus. Doch andererseits waren sie ausgesprochen liberal und entschieden nach eigenem Gutdünken, welche Lehren der anderen biblischen Bücher außerhalb des Pentateuch als verbindlich zu gelten hatten.
Besonders befremdlich war es für die Mehrzahl der Juden, daß die Sadduzäer neben den Engeln und endzeitlichen Prophezeiungen auch die leibliche Auferstehung der Toten ablehnten, obwohl das alles ausdrücklich zu den Bestandteilen biblischer Lehre aus der Zeit noch vor dem Ende des zweiten Babylonischen Exils gehörte. 24 Die Sadduzäer hatten zudem immer wieder strategische Fehler begangen, die sie im jüdischen Volk verhaßt werden ließen. Bürgerkriegsähnliche Zustände, die letztlich zum Ende der politischen Unabhängigkeit des Hasmonäerstaates führten, waren von ihnen ausgegangen, nicht von den Pharisäern.25
Trotz mancher Rückschläge gaben die Sadduzäer auch später nie ihre Versuche auf, sich mit den politischen Machthabern zum eigenen Vorurteil zu arrangieren, selbst dann nicht, als über den Vasallenkönigen die Präfekten und Prokuratoren standen, deren oberste Dienstherren in Rom göttliche Kaiser waren. Ein Tiefpunkt dieser Entwicklung war das enge Verhältnis zwischen der sadduzäischen Hohenpriestersippe des Hannas und seines Schwiegersohnes Kaiaphas mit dem römischen Präfekten Pontius Pilatus. Der Talmud sprach später das mehrfache »Weh!« über diese Sippe aus.26 Die skrupellose Politik, die theologischen Sonderlehren der Sadduzäer, die sich auf die Tora und den Tempelkult beschränkten und dem Volk die endzeitliche Hoffnung nehmen wollten, entzog ihnen jede Existenzgrundlage, als der Tempel im Jahre 70 n. Chr. von den Römern zerstört wurde. Sie verschwanden spurlos aus der Geschichte.27 Die Pharisäer dagegen, die heute selbst noch umgangssprachlich einen schlechten Ruf genießen – niemand käme darauf, »pharisäerhaft« für ein positives Attribut zu halten -, waren in jener entscheidenden Phase seit 164 v. Chr., d. h. seit der Rückeroberung und Neuweihe des Tempels unter den Makkabäern, nie der Versuchung erlegen, Machtpolitik über die vorbildhafte Ausübung der Religion zu stellen. Auch die kurze Episode unter Salome Alexandra, als die Pharisäer auf Seiten der Machthaberin in die Tagespolitik hineingezogen wurden, war ihnen offenbar eher unangenehm. Ihr Protest gegen Herodes in dessen letzten Amtsjahren war nicht politisch, sondern religiös motiviert. Das machte sie nicht zu einer apolitischen Bewegung, auch ihnen blieb wichtig, daß die Menschen sich im Gemeinwesen engagierten und an der Gestaltung ihrer Welt mitwirkten. Die Mittel dazu sollten jedoch nicht die prorömischen Ränkespiele der Sadduzäer sein, mit der stillschweigenden, billigenden Inkaufnahme des kaiserlichen Götterkultes, sondern die Unterordnung unter das Gesetz des einen und einzigen Gottes.
Ihren schlechten Ruf verdanken die Pharisäer der übertriebenen Religionspraxis einiger ihrer Vertreter, die von Jesus als heuchlerisch kritisiert wurde. Diese vereinzelten Urteile wurden in der Kirchengeschichte leichtfertig verallgemeinert. Dabei mag durchaus eine Rolle gespielt haben, daß nach dem Untergang der Sadduzäer und der dritten großen jüdischen Bewegung, der essenischen, nur die Pharisäer das Ende des Tempels überlebten. Judentum zur Zeit der frühkirchlichen Entwicklung war pharisäisches Judentum; es waren die Pharisäer, die mit römischer Genehmigung eine neue, nunmehr tempellose Religionspraxis erarbeiteten und die mündliche Überlieferung in den beiden Talmuden, dem Jerusalemer und dem Babylonischen Talmud, über mehrere Jahrhunderte hinweg schriftlich zusammenfaßten. Es waren aber auch die Pharisäer, die schon vor der Zerstörung des Tempels bereit waren, Jesus und seinen Anhängern wenigstens die Chance zu geben, von Gott als gerechtfertigt erwiesen zu werden. Rabbi Gamaliel, einer der großen Gelehrten unter den Pharisäern der Spätzeit des Zweiten Tempels, sprach es aus (Apostelgeschichte 5,34 – 39), nicht wenige bekehrten sich sogar zum Glauben an Jesus als Messias und Sohn Gottes – neben Paulus auch viele andere (Apostelgeschichte 15,5). In den Evangelien gibt es keine Stelle, an der Jesus die pharisäische Bewegung in ihrer Gesamtheit kritisiert. Die Gemeinsamkeiten seiner Lehre und der ihren waren sichtbar größer als die Unterschiede. Nicht zuletzt die Distanz gegenüber den Römern und den mit ihnen kollaborierenden Juden verband sie, und auch der Glaube an die leibliche Auferstehung war ihnen gemeinsam. Gerade hier, im Glauben an die körperliche Auferstehung der Treuen des Gottesvolkes, konnten sich die Pharisäer und die Jesusanhänger auf vielgelesene Bibeltexte beziehen, die von den Sadduzäern mit ihrem torafixierten, ansonsten aber unbiblischen Standpunkt ignoriert wurden. Jesaja und Hesekiel – die wichtigsten der Propheten, die von frommen Juden als erläuternde Prophetenlesung (hebräisch »Haftara«) in den Synagogen neben der Tora vorgetragen wurden – gehörten zu den beliebtesten Schriften des Judentums. Ihre Auferstehungslehre (zu den oben schon genannten Stellen Hesekiel 37,1-14 und Jesaja 26,19 im 8. vorchristlichen Jahrhundert auch Hosea 6,1-3) galt ihnen als eindeutige Grundlage. Und sie wußten, daß auch in ihrer jüngeren Vergangenheit eine Körperlichkeit der Auferstehung betont wurde, die mit seelischen oder visionären Wunschvorstellungen wenig zu tun hat: Daniel 12,2 – 3 ist hier ebenso eindeutig wie unter den apokryphen Schriften 2. Makkabäer 7,9 und 2. Makkabäer 12,39 – 46.
Gewaltbereiten Widerstand leisten gegen die Römer als Besatzungsmacht und schließlich als Vertreter eines anmaßenden, blasphemischen Kaiserkults: Das war nicht die Sache der Pharisäer. Auch mit Worten provozierten sie nicht. Was sie taten, war dennoch mehr als »innere Emigration«, denn sie zeigten ihr gesetzesfrommes Leben öffentlich und gelegentlich so extrovertiert, daß ein frommer Jude wie Jesus die Auswüchse als Heuchelei verurteilen konnte. Eine nachweisbare Bereitschaft zur Gewaltausübung zeigte sich unter den Pharisäern erst rund fünfunddreißig Jahre nach Tod und Auferstehung Jesu. In den führenden Positionen schlossen sich viele dem Aufstand gegen die Römer an, auch der spätere Historiker Josephus, einer der wenigen Priester unter den Pharisäern, kämpfte als General in Galiläa. Anders hielt es schon seit den Jahren vor der Geburt Jesu die Bewegung der Essener. Auch die Essener, die als dritte große Bewegung aus den Konflikten der Makkabäerzeit hervorgegangen waren, führten sich wie die Sadduzäer auf den Priester Zadok zurück, trennten sich aber von der sadduzäischen Hauptbewegung zur Zeit des hasmonäischen Hohenpriesters Jonathan (152-134 v. Chr.). Über Damaskus kamen sie schließlich nach Sechachah (Josua 15,61), das heute arabisch »Qumran« genannt wird, und nach Jerusalem, in ihr eigenes Viertel auf dem Südwesthügel, der heute »Zionsberg« heißt. Anders als die Sadduzäer, aber gemeinsam mit den Pharisäern und der neuen, jungen messianischen Bewegung im Judentum, die später »Christen« genannt wurde, glaubten sie an die leibliche Auferstehung als wesentlichem Zeichen des endzeitlichen Handelns Gottes an seinem Volk. Das Qumranfragment 4Q521 erklärt: »Der Herr wird die Toten auferwecken«, und wird gegen Ende noch deutlicher: »Und Er wird öffnen die Gräber.« Ihr ganzes Lehren und Handeln galt der Vorbereitung auf das Kommen des messianischen Zeitalters; mit hoher missionarischer Intensität verbreiteten sie ihre Schriften, die bis nach Rom und Kairo gelangten und auch nach dem Untergang der Bewegung noch gelesen wurden. Ihren Texten, die in großer Zahl – wenngleich bei weitem nicht vollständig – zwischen 1947 und 1956 in den Höhlen bei Qumran am Toten Meer gefunden wurden, ist eine Entwicklung zu entnehmen, die in einer radikalen, kompromißlosen Bekämpfung der Römer gipfelte.
Ursprünglich wurden die Römer, die in den Qumranrollen »Kittim« genannt wurden, noch als ein Mittel Gottes verstanden, andere – auch innere – Feinde des wahren Judentums auszuschalten. 28 Doch die Römer verhielten sich nicht wunschgemäß als endzeitliche Handlanger, und so wurden sie spätestens seit der eigentlichen Kaiserzeit und mit dem Zeitpunkt der im östlichen Reich unübersehbaren Verehrung des Augustus als Sohn Gottes und Gott – d. h. spätestens ab den frühen dreißiger Jahren des ersten Jahrhunderts v. Chr. – zu Todfeinden. Die sogenannte »Kriegsrolle« 1QM (und zahlreiche weitere Fragmente wie 4Q285) beschreibt den militärischen Endkampf gegen die Römer, der mit Hilfe der himmlischen Heerscharen gewonnen wird, und der Text 4Q246 spitzt die Radikalpolemik bis zur Herabrufung des Todesurteils Gottes über die römischen Gottkaiser zu. In der zweiten Kolumne dieses in aramäischer Sprache auf Leder geschriebenen Textes heißt es – lückenhaft, da einige Wörter durch Beschädigung verloren sind: »›Sohn Gottes‹ wird er genannt werden, und ›Sohn des Höchsten‹ werden sie ihn nennen. Doch wie die Sternschnuppen der Vision wird ihr Königreich sein. Sie werden nur für einige Jahre auf Erden herrschen, und sie werden alles niedertreten. Ein Volk wird das andere niedertreten, und eine Provinz die andere Provinz […] bis das Volk Gottes aufstehen wird und alle Ruhe haben werden vor dem Schwert.«29 Als 4Q246 kurz vor der »Zeitenwende« entstand, war Augustus (44 v. Chr. – 14 n. Chr.) Herrscher über das Römische Reich. In Kolumne 1 werden zwei Königreiche genannt: »Ein Fürst der Nationen […] der König von Assyria und Ä[gypten (?) …] wird der Herrscher über die Erde sein […].« Assyrien und Ägypten gehörten zum Einzugsbereich des Imperiums. Beide, die syrischen und ägyptischen Gebiete, umfaßten das jüdische Kernland von Süden, Südwesten, Norden und Nordosten. Jede militärische Bedrohung kam aus einer dieser Richtungen – oder aus beiden. Zur Zeit des Qumrantextes 4Q246 hatten die Römer das Heilige Land nicht nur umzingelt, sondern es längst auch, ursprünglich von Norden her, erobert.
Der Text beschreibt also eine realpolitische Situation. Die größte Macht, die die Menschheit bis dahin gesehen hatte, das Römische Reich, die »kittim«, waren zu einer apokalyptischen Bedrohung jüdischen Daseins in den Kernlanden geworden. Und ihr Kaiser hatte sich zum Gott gemacht und ließ sich als Gott verehren. Schon sein Adoptivvater, Julius Cäsar, war in der Stadt Demetrias in Thessalien mit einer griechischen Dankesinschrift geehrt worden, die deutlich genug ist: »Gaius Iulius Cäsar – Alleinherrscher – Gott«.30 Es ist anzunehmen, daß ähnliches auch an anderen Orten geschah. Augustus selbst wurde noch zu seinen Lebzeiten, also bis 14 n. Chr., mit nicht weniger als siebenunddreißig Tempeln geehrt, nach seinem Tod kamen neunzehn weitere hinzu.31 Das Zitat, das als zweites Motto über diesem Kapitel steht, unterstreicht die Verehrung des Augustus als Gott zur Zeit der Entstehung von 4Q246 – es ist ein im oberägyptischen Oxyrhynchus gefundener Papyrus aus dem Jahr 30 /29 v. Chr. Vier Lampenanzünder zweier Tempel erklären: »Wir schwören bei Cäsar, Gott, von einem Gott abstammend.« Cäsar ist hier natürlich Octavian, der Cäsar Augustus. Ein solcher Schwur auf den Gottkaiser galt als besonders wirkungsvoll, denn anders als andere Götter war der Kaiser eine reale Person – es gab ihn nun einmal wirklich.32 Dabei spielte es keine Rolle, ob der Kaiser diese Verehrung wünschte oder förderte – zumindest im lateinischsprachigen Westen hielt sich Augustus ebenso wie sein Nachfolger Tiberius noch ausdrücklich zurück. Doch diese Zurückhaltung wurde nicht immer konsequent durchgehalten – die lateinische Silberdenarprägung des Tiberius, in der er als »Ti(berius) Caesar Divi Aug(usti) F(ilius) Augustus« bezeichnet wird, also als »Tiberius, Kaiser, Sohn der Gottheit Augustus (und selbst) Augustus«, kann wohl kaum ohne Veranlassung durch Tiberius entstanden sein.33 Für die Bevölkerung und nicht zuletzt für religiöse Gruppierungen wie die Essener zählte jedenfalls allein, daß es geschah und daß die jeweiligen Statthalter und Vasallenherrscher nichts dagegen unternahmen, sondern es sogar, wie etwa Herodes der Große mit seinen Augustustempeln in Caesarea Maritima, Caesarea Philippi und Samaria / Sebaste, intensiv kultivierten.
In Ansätzen bei Julius Cäsar, dann nachhaltig seit Augustus und seinem Adoptivsohn Tiberius, kam noch etwas anderes hinzu, daß nicht nur die Essener, sondern alle frommen Juden – also auch Jesus und sein Umfeld – irritieren mußte: Der Kaiser war nun auch der Heiland, griechisch »Sôtêr«. In einer Inschrift, die vom Rat der Stadt Ephesus veranlaßt worden war, wird Cäsar 48 v. Chr. gepriesen als der »von Ares und Aphrodite abstammende, offenbar gewordene Gott und Allheiland des menschlichen Lebens«.34 Bei Augustus bereits zu erkennen, kam diese Heilandstitulatur unter Nero, dem Kaiser, an den Paulus appellierte, überall zur vollen Blüte; immer öfter wurde aus dem noch schlichten Heiland der Heiland des Kosmos, also der ganzen Welt – griechisch der »Sôtêr toù kósmou« -, ganz so, wie der Evangelist Johannes später den Messias Jesus nennt (Johannes 4,42).35 Der Konflikt war hier demnach deutlich formuliert: Gegen den Anspruch der Kaiser, Weltenheiland und Friedensbringer zu sein – also aus jüdischer Sicht Messiasgestalten -, stellte der Jude Johannes den einzigen vom jüdischen Gott eingesetzten Heiland – Jesus den Messias, d. h. griechisch den Christus. Und das hatte eine Konsequenz, die keinem Leser der neutestamentlichen Schriften entgehen konnte: Nicht nur als »Söhne Gottes« wurden die Kaiser in Frage gestellt, sondern auch in ihrem Anspruch, Messiasse zu sein. Die Evangelien präzisieren und formulieren eine brisante Gleichsetzung: Zuerst nämlich ist Gott selbst der »Sôtêr«, der Heiland und Retter: »Meine Seele erhebt den Herrn«, ruft Maria aus, »und mein Geist freut sich Gottes, meines Heilandes.« (Lukas 1,46 – 47) Doch schon wenig später, Jesus ist kaum geboren, heißt es im Wort des Engels an die Hirten: »Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids.« (Lukas 2,10 -11) Auch der Pharisäer und Apostel Paulus kann Jesus als Heiland und Messias bezeichnen (Philipper 3,20) und weiß selbstverständlich, daß die alten jüdischen Schriften in der griechischen Übersetzung der »Septuaginta« so von Gott sprechen.36
Was die ersten christlichen Autoren hier erkannten und aussprachen, hatten sich auch die Essener zu eigen gemacht – schließlich war die Beweislast erdrückend. Und anders als die Römer maßten sie sich nichts an; sie beriefen sich auf die Urteile Gottes, die nun auf die Kaiser angewandt werden konnten. Jesaja 14, 12 -21 war so eine Stelle oder auch Hesekiel 28,1-10. Vor allem aber war es ein Psalm, den sie vor Augen hatten, um den Kaiser, der »Sohn Gottes« und »Sohn des Allerhöchsten« sein wollte, als Pseudomessias, als »Antichrist« stürzen zu lassen: »Ich hatte gedacht: Seid ihr Götter, seid ihr Söhne des Allerhöchsten? Nein! Ihr werdet sterben wie die Menschen. Wie ein Mensch, Fürsten, werdet ihr fallen.« Psalm 82,6 – 7 ist das, und der Qumrantext 4Q246 interpretiert ihn ganz im Sinne des Nachsatzes des Psalmisten in Vers 8: »Mache dich auf, Gott, richte die Welt, denn alle Nationen gehören dir.« Der Sohn Gottes Augustus, der noch zu Lebzeiten als Gott und Heiland angebetet wurde, und sein Nachfolger, der Gottessohn Tiberius, sie mußten sich aus jüdischer Sicht messen lassen an dem Richtspruch des einzigen Gottes. Denn hatte Gott nicht selbst gesprochen? Hatte er nicht in 2. Samuel 7,14 verkünden lassen: »Ich will sein Vater sein, und er soll mein Sohn sein«, hatte nicht Psalm 2,7 prophetisch erklärt: »Du bist mein Sohn, heute habe ich dich gezeugt«? Waren nicht auch die Essener schon davon überzeugt, daß solche Aussagen messianisch waren und einen Messias aus dem Hause Davids meinten, keinesfalls jedoch einen Messias aus römischer Cäsarenfamilie? 37
Tiberius und Jesus, die sich nie begegneten, traten vor dem Hintergrund solcher Erwartungen, Verehrungen und Verurteilungen auf dem Forum der Götter und Göttersöhne gegeneinander an. Und schon die Entwicklungen, die zu dieser Auseinandersetzung führten, haben deutlich genug gezeigt: Es ging dabei nicht um Randerscheinungen religiöser Praktiken, sondern um Realpolitik, um weltliche und ewige Macht.

2 »Wegen ausschweifenden Lebenswandels«: Skandale und Propheten
Ich habe euch niemals geliebt, ihr Götter!
Denn widerwärtig sind mir die Griechen,
Und gar die Römer sind mir verhaßt.
Doch heil’ges Erbarmen und schauriges Mitleid
Durchströmt mein Herz,
Wenn ich euch jetzt da droben schaue,
Verlassene Götter,
Tote, nachtwandelnde Schatten,
Nebelschwache, die der Wind verscheucht -
 
Heinrich Heine, Die Götter Griechenlands
(Die Nordsee, Zweiter Zyklus, 1826)
 
 
 
 
Wenn also, wie man sagt, wegen des
überragenden Grades ihrer Vollkommenheit
aus Menschen Götter werden, so hätten wir
offenbar in einer solchen Vollkommenheit
das zu erkennen, was zum Tierischen den
Gegensatz bildet.
Aristoteles (384 – 322 v. Chr.),
Nikomachische Ethik 7,1

Im Dickicht der Familien
Die Jugend des Tiberius Claudius Nero war ebenso privilegiert wie unruhig. Seine Vorfahren waren Claudier, und die »gens Claudia« war eines der berühmtesten Adelsgeschlechter der römischen Republik. Jeder Römer kannte zum Beispiel den großen Appius Claudius Caecus, der 312 v. Chr. Censor wurde, 307 v. Chr. und erneut 296 Consul und 295 v. Chr. Praetor.1 Seine große Rede über die Ablehnung eines Friedensvertrags mit Pyrrhus (278 v. Chr.) galt bis ins erste vorchristliche Jahrhundert als Muster einer politischen Rede; noch Cicero, selbst ein begnadeter Rhetoriker, zitierte sie. Neidlos wurde anerkannt, daß dieser Claudius ein einzigartig erfolgreicher Censor war; unter seiner Amtsführung wurde unter anderem die Via Appia gebaut und das Aquädukt entlang dieser Straße, die Rom mit Capua verband und später bis nach Brindisi ausgebaut wurde. Die Marktstation »Forum Appii«, die auf seine Veranlassung knapp 70 km vor Rom errichtet wurde, war noch dreihundertsechzig Jahre später ein wichtiger Halt für Romreisende, die über das Mittelmeer kamen und von der südwestitalienischen Küste aus den Landweg wählten, statt bis Ostia auf dem Wasser zu bleiben: »Und als wir nach Syrakus kamen, blieben wir drei Tage da«, beschreibt Lukas die gemeinsame Reise mit dem Apostel Paulus. »Von dort fuhren wir die Küste entlang und kamen nach Rhegion; und da sich am nächsten Tag der Südwind erhob, kamen wir in zwei Tagen nach Puteoli. Dort fanden wir Brüder und wurden von ihnen gebeten, sieben Tage dazubleiben. Und so kamen wir nach Rom. Dort hatten die Brüder von uns gehört und kamen uns entgegen bis Forum Appii und Tres Tabernae.2 Als Paulus sie sah, dankte er Gott und gewann Zuversicht.« (Apostelgeschichte 28,12 -15)
Appius Claudius Caecus baute nicht nur die bis heute berühmteste aller römischen Transversalen, er reformierte den römischen Senat und ließ die Söhne Freigelassener in dieses illustre Entscheidungsgremium aufnehmen. Als Förderer der Verehrung alter Götter, Halbgötter und Heroen sorgte er dafür, daß der Kult des Herkules der öffentlichen Aufsicht unterstellt wurde und errichtete für die römische Kriegsgöttin Bellona einen Tempel. Kenner wissen aber auch zu schätzen, daß er ein begabter Schriftsteller war, der nebenbei ein beliebtes Sprichwort erfand. »Jeder ist seines Glückes Schmied.«3 Auch militärische Traditionen wurden bei den Claudiern gepflegt, war doch ein Appius Claudius Apex unter den Vorfahren, der 264 v. Chr. als Konsul amtierte und als der erste römische Befehlshaber im Ersten Punischen Krieg kämpfte. Im gleichen Krieg diente auch Marcus Claudius Marcellus, der als einer der erfolgreichsten römischen Feldherren gerühmt wurde und zugleich als der erste große Kunsträuber in die abendländische Geschichte einging: Nach seiner Eroberung von Syrakus, 212 v. Chr., wählte er die bedeutendsten griechischen Kunstwerke aus und ließ sie nach Rom transportieren. Auch ein Admiral war unter den Vorfahren des Tiberius: sein Vater nämlich, jener Tiberius Claudius Nero, der im Alexandrinischen Krieg die Flotte des Julius Caesar kommandierte.
Ruhm und Größe war den Claudiern also zweifellos zugestanden worden. Von solchen Vorfahren geprägt, war sich die Sippe ihrer Verpflichtung für das Gemeinwohl und ihrer herausgehobenen Stellung bewußt; Kritiker meinten allerdings schon früh, daß der Adelsstolz vielleicht doch etwas zu deutlich gezeigt wurde. Der junge Tiberius mußte damit leben, daß die alten Historiker die ganze Sippschaft für arrogant und gewalttätig hielten. Schon Titus Livius (64 v. Chr.-12 n. Chr.) stellte sie so dar, und falls der künftige Kaiser versucht hätte, die lateinische Geschichtsschreibung zu umgehen, so wäre ihm die Kritik an den großen Namen der Familie auch beim griechischschreibenden Dionysius Halikarnassus begegnet.4
Immerhin fand Tiberius unter seinen unmittelbaren Zeitgenossen auch sympathische Familienangehörige: der gleichaltrige Marcus Claudius Marcellus beispielsweise, ein Sohn Octavias, der Schwester des Augustus. Er diente 25 v. Chr. mit Tiberius gemeinsam in Spanien. Augustus gab ihm seine einzige Tochter Julia zur Frau und bevorzugte den Hochbegabten auch in der Ämterlaufbahn gegenüber Tiberius. Als Ädil veranstaltete Marcus Claudius Marcellus 23 v. Chr. prachtvolle Spiele, die ihn auch beim Volk beliebt machten.5 Doch als es schien, der ohne Söhne gebliebene Augustus könnte ihn zu seinem Nachfolger aufbauen wollen, starb er 43 v. Chr. unerwartet mit einundzwanzig Jahren. Der vielleicht beliebteste aller Claudier – als jugendlicher Held früh genug gestorben, um seinen Ruhm nicht mehr gefährden zu können – wurde von Augustus in seinem eigenen Mausoleum bestattet. Noch heute ist sein Name im Stadtbild Roms erhalten: Das Marcellustheater, ein Prachtbau mit 14 000 Plätzen, wurde von Augustus zu seinen Ehren eingeweiht. Die Kunst- und Kulturliebe dieses Claudius Marcellus wurde auch von seiner Mutter Octavia gewürdigt, die ihm zu Ehren eine nicht mehr erhaltene Bibliothek bauen ließ. Eine wehmütige Klage auf ihn hob Vergil in seiner Aeneis an, und der Elegiendichter Properz besang ihn in einem mythengesättigten Trauerlied.6