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Inhaltsverzeichnis
 
 
 

Vorwort
»Ein Souvenir für dich« – mit diesen lapidaren Worten verabschiedete sich 1945 ein Berchtesgadener Bergführer von einem amerikanischen GI und drückte ihm zwei Filmrollen in die Hand. Der Soldat maß dem seltsamen Geschenk zunächst keine Bedeutung zu. Erst Jahrzehnte später spielte er im heimischen Ohio beide Rollen ab. Was sich ihm da eröffnete, war die private Welt des Mannes, der als zweiter Mann im »Dritten Reich« galt und den Amerikanern bei den Nürnberger Prozessen als »Nazi Nummer eins«: Hermann Göring.
Die Aufnahmen zeigen den üppig ausstaffierten Reichsmarschall in knalligem Kodakbunt. Gedreht wurden sie unter anderem nach dem »Anschluss« Österreichs 1938. In Mauterndorf, wo er als Junge im Schloss seines Patenonkels oft zu Besuch war, ist Hermann Göring im Gespräch mit österreichischen Diplomaten und Naziführern zu sehen. Die Bevölkerung des Ortes begrüßt den berühmten »Heimkehrer« wie einen Fürsten im Mittelalter. An seiner Seite lächeln Görings Schwestern Paula und Olga in die Kamera. Andere Bilder zeigen ihn, wie er mit erhobenem Marschallstab Einzug in Linz hält, wie er sich in der Phantasiekluft des »Reichsjägermeisters« in einer Pferdekutsche durch seine Ländereien chauffieren lässt, oder wie er Geheimverhandlungen mit Diplomaten in einem Waldstück bei Berlin führt.
Auf einigen Bildern aber fehlt der Reichsmarschall, der sich stets in den Mittelpunkt stellte. Die Auswahl der Filmmotive – Hirsche mit prachtvollen Geweihen, die Pflanzenwelt im Garten seiner Residenz »Carinhall« in der Schorfheide bei Berlin, seine Motoryacht Karin II. auf offener See vor Helgoland – spricht Bände. Göring hat die Aufnahmen selbst gedreht. In eitlem Besitzerstolz bannte er seine Reichtümer auf Film, um sie sich in schlechten Zeiten immer wieder in seinem Privatkino in Carinhall vorführen zu lassen. Die Bilder zeigen, was demjenigen, der in einer unerhörten Ämterhäufung die Verantwortung für einen großen Teil des Kriegsgeschehens trug, wirklich wichtig war: sein Haus, seine Tiere, seine Motoryacht! Die Aufnahmen dokumentieren den banalen Blick eines Mannes, dessen Name mit monströsen Verbrechen verknüpft ist.
Das vorliegende Buch beruht auf Recherchen für ein Filmprojekt, das in drei Teilen die schillerndste Figur des Nazireichs porträtiert: Hermann Göring war ein Mann mit vielen Gesichtern. Er war eitel, verschlagen, brutal wie kaum ein anderer der Paladine Hitlers, und doch war er im NS-Reich populärer als sie alle, zeitweise sogar beliebter als Hitler selbst. Hermann Göring war die »joviale Maske des Regimes«: volksnaher Haudegen und skrupelloser Machtmensch. Er verbarg die gewalttätigen Züge seines Wesens hinter launiger Leutseligkeit und war doch in jede große Unrechtsaktion des Regimes verwickelt. Die Terrormaßnahmen des Staates im Zuge der »Machtergreifung« waren ebenso sein Werk wie die Morde nach dem inszenierten »Röhm-Putsch« 1934 und die ersten Konzentrationslager. Er war mitverantwortlich für die Verschleppung ausländischer Zwangsarbeiter und den Judenmord. Frei von Zweifeln gab er offen zu, gewissenlos zu sein. »Ich habe kein Gewissen. Mein Gewissen heißt Adolf Hitler.«
 
Schon früh zeigten sich die egomanischen Züge seines Charakters. »Hermann wird entweder ein großer Mann oder ein Krimineller«, hatte bereits die Mutter orakelt. Auch der junge Fliegerleutnant machte aus seinem ungeheuren Ehrgeiz kein Geheimnis. »Ich will kein Alltagsmensch sein. Kampf ist und bleibt für mich die Lebensbedingung, sei es in der Natur oder mit den Menschen. Ich will aus der Menschenherde herausragen, nicht ich werde ihnen, sondern alle sollen mir folgen. Das walte Gott«, schrieb er 1915 in einem Liebesbrief an seine Freundin. Es war die Hoffnung auf eine große Karriere, die ihn nach der Niederlage des Ersten Weltkriegs und den Wanderjahren als Fliegerass a. D. im Herbst 1922 an die Seite Hitlers führte. Wie dieser wollte er die Chance nutzen, die sich aus dem politischen Chaos in den frühen Jahren der Weimarer Republik ergab, wie dieser hatte er nichts zu verlieren: »So war ich – ich habe ja keinen Hehl daraus gemacht – von Anfang an bereit, mich an jeder Revolution zu beteiligen, gleichgültig, wo und vom wem sie ausging, außer wenn sie von links gekommen wäre«, bekannte er freimütig 23 Jahre später als Angeklagter im Nürnberger Prozess. Auf der anderen Seite ergriff Hitler gerne die Hand, die ihm Göring ausstreckte. Görings Ansehen versprach Nutzen für die Partei. Der joviale Ordensträger und der fanatische Demagoge – es war wie ein Teufelspakt.
 
In den folgenden 23 Jahren ihres gemeinsamen Weges half Göring, Hitler salonfähig zu machen und den Demagogen in die Höhen unumschränkter Macht zu hieven. Der hochdekorierte Fliegerheld des Ersten Weltkriegs war Hitlers Steigbügelhalter und bald sein mächtigster Gefolgsmann. Wie ein Krake streckte er nach der »Machtergreifung« seine Fangarme in fast alle Bereiche des »Dritten Reichs« aus, häufte Amt um Amt, Würde um Würde auf seine Person, bis er unbestritten als der »zweite Mann« hinter Hitler galt. Seine Heirat mit der Schauspielerin Emmy Sonnemann inszenierte er als Schauspiel für die Menge. »Jetzt bleibt ihm nur noch eins – der Thron oder das Schafott«, mokierte sich der britische Botschafter Sir Eric Phipps über die »Traumhochzeit des Dritten Reichs«.
 
Sosehr er Hitler bewunderte, in der Außenpolitik tat Göring sich im Laufe der Jahre immer schwerer, seinem »Führer« zu folgen. Er war alles andere als ein Pazifist, doch im Gegensatz zu Hitler auch kein Hasardeur. Zu sehr fürchtete er die Risiken der kriegerischen Ausdehnung des Hitlerreichs und vor allem den Zweifrontenkrieg. Stattdessen setzte er auf die weitere Erpressung an den Konferenztischen Europas – à la Österreich und Sudetenland. »Wir wollen doch das Vabanquespielen lassen«, mahnte er den vorwärtsdrängenden Hitler. »Ich habe in meinem Leben immer va banque gespielt«, wies dieser ihn zurück. Es war nicht Friedensliebe, die den »zweiten Mann des Dritten Reichs« mit dem Verratsgedanken spielen ließ, sondern die berechtigte Besorgnis, dass die aggressive Expansion diesen Staat, von dem er doch so profitierte, kippen würde: »Es ist furchtbar. Hitler ist verrückt geworden«, erklärte er einem Vertrauten kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Doch Göring saß in der Loyalitätsfalle. Offene Rebellion war für ihn undenkbar. Und so gebärdete er sich nach dem Sündenfall als eifrigster und aggressivster Paladin von allen, erwies sich als der aufgeblasene Popanz, den die schwedischen Ärzte schon Mitte der zwanziger Jahre diagnostiziert hatten.
Doch als sein Werk, die Luftwaffe, im Krieg versagte, war es aus mit ihm. Der »parfümierte Nero«, Inbegriff von Machtmissbrauch und Korruption, versank in seiner Sucht und seinen Leidenschaften. Von seiner Rolle als »zweiter Mann des Dritten Reichs« blieb am Ende nur der Schein erhalten. Obwohl er längst in Misskredit gefallen war, hielt Hitler dennoch an ihm fest. Aus Sicht des Diktators wäre es einem Offenbarungseid gleichgekommen, »den korrupten Morphinisten« inmitten der Niederlagen zu entlassen. »Es ist entsetzlich, welche Winkelzüge man machen muss, um Görings Prestige nicht zu lädieren, andererseits aber das für den Krieg dringendst Notwendige zu tun«, jammerte Hitlers Propagandachef Goebbels Ende 1944. »Man möchte manchmal glauben, dass Göring der Kronprinz wäre, von dem jedermann weiß, dass er nichts taugt, den man aber … nicht absetzen kann. Der Führer hat Göring in guten Zeiten zu groß werden lassen; jetzt, in schlechten Zeiten, hängt er ihm wie ein schweres Bleigewicht am Bein.«
 
Und so fand er schließlich seinen Tod als »Nazi number one«, der er schon lange nicht mehr war – gefangen in der Illusion, die Nachwelt werde ihm Gerechtigkeit erweisen: »Ihr werdet unsere Knochen einst in Marmorsärge legen«, prophezeite er dem amerikanischen Gerichtspsychologen Gilbert, der ihn in seiner Nürnberger Zelle untersuchte. Die Knochen sind verbrannt, die Marmorsärge blieben aus. Gäbe es ein Grab, so müsste auf ihm als Inschrift das Wort des britischen Historikers Lord Acton stehen: »Macht neigt zur Korruption. Absolute Macht führt zu absoluter Korruption.«

Der Flieger
»Der Reichsmarschall, der Reichsmarschall kommt!« Der Ruf pflanzte sich fort von Ort zu Ort. Eine Kolonne wie diese hatte man in den idyllischen Alpentälern lange nicht gesehen. Wanderer, Horch, Maybach – die Nobelkarossen des Reichs waren versammelt. Vor allem der Maybach – 16 Zylinder, mit kugelsicheren Fenstern – fiel den winkenden Zuschauern am Straßenrand auf. In ihm saß, ja thronte der Reichsmarschall Hermann Göring samt Frau, kleiner Tochter und Adjutanten. Zum Anlass hatte Göring eine silbergraue Uniform gewählt und über sie einen zeltartigen Übermantel geschwungen, der seinen ausladenden Bauch freiließ. An Hals und Brust, halb verborgen, prangten der »Pour le Mérite« und das »Großkreuz des Eisernen Kreuzes«, die beiden höchsten Orden des Ersten und des Zweiten Weltkriegs. Lastwagen, voll gepackt mit Soldaten einer Luftnachrichtentruppe, folgten der Kolonne als Eskorte auf dem Weg von Schloss Mauterndorf nach Fischhorn. Erinnerungen an eine andere Zeit kamen auf, als Göring auf dem Höhepunkt der Macht triumphale Rundreisen durch das mit dem Reich vereinigte Österreich unternahm. Wieder, so glaubte er, war er unterwegs in einer historischen Mission. Als »ranghöchster Offizier der deutschen Wehrmacht« hatte er den Oberkommandierenden der Westmächte, US-General Dwight D. Eisenhower, um eine persönliche Unterredung gebeten. Von »Marschall zu Marschall« wollte er gemeinsam mit ihm auf »menschlichsoldatischer Ebene« eine Lösung finden, die »weiteres Blutvergießen in einer aussichtslosen Lage« verhinderte.
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»Wenigstens zwölf Jahre lang anständig gelebt«: Göring nach seiner Festnahme durch amerikanische Truppen
Bei Radstatt, 80 Kilometer südöstlich von Salzburg, war der »Triumphzug« zu Ende. Eine amerikanische Einheit versperrte mit feuerbereiten Maschinengewehren die Straße. Ihr Kommandeur, Brigadegeneral Robert J. Stack, war Göring von Fischhorn aus entgegengefahren. Als die Kolonne hielt, ging Stack auf den Maybach zu und grüßte militärisch. Göring grüßte zurück, danach schüttelten sich die beiden Männer die Hände. In den USA lösten Berichte von dieser Begrüßung einen Skandal aus. Niemals, so die einhellige Meinung, hätte Stack einem »Kriegsverbrecher« militärische Ehren bezeugen dürfen. Auch auf deutscher Seite wurde die Szene mit Kopfschütteln quittiert: »Mein Vater sagte: ›Da schau es dir an, diese Gauner. Jetzt schütteln die sich die Hände, und die Landser mussten dafür ihren Kopf hinhalten‹«, erinnert sich der damals zwölfjährige Augenzeuge Josef Scharfetter. Bei Göring nährte die freundliche Aufnahme noch einmal die irreale Hoffnung, die Alliierten würden ihn als Verhandlungspartner akzeptieren. So oder so – sein Leben als zweitmächtigster Mann einer Großmacht war vorüber, das war auch ihm bewusst. Vorbei die Zeit, in der er sich mit der Pracht eines Renaissancefürsten umgab und sein Wort über Tod und Leben entschied. Von nun an war er Gefangener der Amerikaner, der Gnade oder Ungnade der Sieger ausgeliefert. Doch selbst jetzt, am Nachmittag des 7. Mai 1945, drückten ihn weder Reue noch Zweifel, wenn er an die vergangene Zeit als »treuester Paladin« Hitlers zurückdachte. Bevor er auf Einladung Stacks in dessen Wagen stieg, raunte er einem der umstehenden Offiziere zu: »Wenigstens zwölf Jahre lang anständig gelebt!«
 
Hermann Wilhelm Göring wurde am 12. Januar 1893 im Sanatorium Marienbad in der Nähe der oberbayerischen Stadt Rosenheim geboren. Seine Mutter Franziska Göring, geborene Tiefenbrunn, war weit gereist, um ihr viertes Kind in der Geborgenheit der bayerischen Heimat zur Welt zu bringen. Sechs Wochen später ließ sie den Säugling in der Obhut einer Freundin in Fürth zurück und verließ Deutschland in Richtung Karibik, wo ihr Mann und die übrigen Kinder auf sie warteten. Die beschwerliche Reise und die schwierigen klimatischen Bedingungen vor Ort wollte die Mutter dem Neugeborenen nicht zumuten. In den folgenden drei ersten Jahren seines Lebens bekam Hermann weder sie noch seine Geschwister, noch seinen Vater zu Gesicht. Als die Eltern ihn nach der Rückkehr zu sich holten und die Mutter sich zum ersten Mal zu ihm hinabbeugte, schlug der Dreijährige ihr mit den kleinen Fäusten ins Gesicht. Es sei dies seine erste Kindheitserinnerung, erklärte Göring später im Gefängnis dem amerikanischen Gerichtspsychologen Gustave Gilbert.
Kindheit und Elternhaus Hermann Görings wichen in vieler Hinsicht von der Norm ab. Sein Vater, Dr. Heinrich Ernst Göring, war bei der Geburt seines vierten Sohnes bereits 54 Jahre alt und hatte als deutscher Generalkonsul in Haiti die höchste und letzte Stufe seiner Laufbahn erklommen. Erst spät hatte es den promovierten Juristen in den konsularischen Dienst verschlagen, und vermutlich dürfte das Abenteurerblut, das im Sohn so reichlich floss, bereits im Vater pulsiert haben. Begonnen hatte Dr. Göring zunächst die solide Laufbahn eines richterlichen Beamten. In ihr war er bis zum Landgerichtsrat aufgestiegen, als ihn – ähnlich wie seinen Sohn später – ein harter Schicksalsschlag traf. 1879 verlor er seine erste Frau Ida im Kindbett. Obwohl der vierzigjährige Witwer vier Kinder im Alter von wenigen Tagen bis zu neun Jahren zu versorgen hatte, nahm er wenige Jahre später die Stelle eines »Ministerresidenten« in der gerade erst gegründeten Kolonie Deutsch-Südwestafrika an – wahrlich alles andere als ein Routineposten, galt es doch, die Verwaltung dieser ersten deutschen Kolonie unter seiner Leitung überhaupt erst aufzubauen.
Das Grausamste, was einem Kind passieren kann, ist die Trennung von der Mutter in den ersten Lebensjahren.
Göring
Der frisch gebackene Kolonialbeamte bereitete sich auf doppelte Weise vor: zum einen, indem er im Auftrag des Reichskanzlers Bismarck nach London reiste, um sich im Zentrum des größten Kolonialreichs der Welt mit seinem neuen Aufgabenfeld vertraut zu machen, und zum anderen, indem er ebendort am 26. Mai 1885 die gut 20 Jahre jüngere Franziska Tiefenbrunn heiratete – eine gebürtige Münchnerin aus bescheidenen Verhältnissen, die ihm nach London gefolgt war. Neben der bezeugten Attraktivität der jungen Frau, seinem Wunsch, die Kinder aus erster Ehe im neuen Land versorgt zu sehen, hatten unübersehbare Notwendigkeiten die Ehe der ungleichen Partner beschleunigt: Bereits drei Monate nach der Hochzeit kam ihr erster Sohn zur Welt, den die Frischvermählten auf den Namen Karl Ernst tauften. Zwei Töchter, Olga und Paula, folgten in kurzen Abständen, dann wurde Hermann geboren und schließlich als letztes Kind sein jüngerer Bruder Albert. Als Zweitjüngster wuchs Hermann Göring im Kreis von neun Geschwistern und Halbgeschwistern auf. Benannt wurde er nach seinem Patenonkel, dem jüdischstämmigen Arzt Dr. Hermann Epenstein, den die Eltern während ihres fünfjährigen Aufenthalts in Südwestafrika kennen gelernt hatten. Den Zweitnamen Wilhelm erhielt der Knabe nach dem vom Vater hochverehrten deutschen Kaiser.
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»Alles andere als ein Routineposten«: Heinrich Göring (rechts) und seine Frau Franziska (sitzend) mit ihrem ersten Sohn Karl Ernst und deutschen Marineoffizieren
1896 kehrte Heinrich Göring mit der Familie aus Haiti zurück, um sich vorzeitig pensionieren zu lassen – vermutlich hatten die langen Jahre unter schwierigen klimatischen und hygienischen Bedingungen die Gesundheit des jetzt achtundfünfzigjährigen Diplomaten beeinträchtigt. Die Görings ließen sich zunächst in Berlin nieder, wohin sie nun auch Hermann holten, der auf diese Weise zum ersten Mal mit seiner Familie vereint war. In den nächsten beiden Jahren wohnte Hermann mit der neuen Großfamilie im Berliner Vorort Friedenau in der Fregestraße. Das Haus gehörte seinem Patenonkel Dr. Hermann Epenstein, der die Familie Göring nach ihrer Rückkehr unter seine Fittiche genommen hatte. Nur zu gerne hatten Görings Eltern, die von einer Beamtenpension eine vielköpfige Kinderschar zu unterhalten hatten, das Angebot ihres wohlhabenden Freundes angenommen, in einem seiner zahlreichen Häuser mietfrei wohnen zu dürfen.
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»Das Grausamste, was einem Kind passieren kann«: Hermann Göring (zweiter von links) vereint mit seiner Mutter und seinen Geschwistern im Jahr 1899
Viele der Eigenschaften, die Hermann Göring prägten, sind dem unheilvollen Einfluss seines Patenonkels zugeschrieben worden, der nun in sein Leben trat. Und in der Tat: Der Hang zur pompösen Eitelkeit, die Lust an Macht und Reichtum um ihrer selbst willen, der Drang, die Ritterträume der Kindheit als Erwachsener auszuleben – all diese Facetten stammen eher aus dem Charakterbild Epensteins als aus dem von Görings Vater, der als preußischer Beamter stets korrekt seine Pflichten erfüllt hatte. Als Sohn einer zum evangelischen Glauben konvertierten jüdischen Familie, die in Berlin enormen Grundbesitz besaß, war Epenstein nie gezwungen gewesen, seinen erlernten Beruf als Arzt tatsächlich auszuüben. Der überzeugte Junggeselle reiste lieber durch die Welt und genoss das Leben. 1894 erfüllte er sich seinen Jugendtraum und kaufte Schloss Mauterndorf in Österreich, nahe der bayerischen Grenze. Mit viel Geld ließ er die einstige Burg der Fürstbischöfe von Salzburg, die zur Ruine verkommen war, in altem Glanz wiedererstehen. Für seine Bemühungen, unterstützt durch wohlplatzierte soziale Spenden, wurde er vom österreichischen Kaiser 1910 in den Adelsstand erhoben und durfte sich fortan »Ritter von Epenstein« nennen. Die Restaurierung alter Gemäuer wurde zur Lebensaufgabe Epensteins. Im November 1897, ein Jahr nach der Übersiedlung der Görings nach Berlin, erwarb er zusätzlich zu Mauterndorf noch die verfallene Burg Veldenstein unweit von Nürnberg. Auch sie ließ er in den nächsten 16 Jahren mit großem Aufwand renovieren.
Die Burgenleidenschaft ihres reichen Gönners hatte große Folgen für die Zukunft der Familie Göring. 1898 bot Epenstein ihnen die Burg Veldenstein als neuen Wohnsitz an. Wahrscheinlich war ihm daran gelegen, die Renovierungsarbeiten in seiner Abwesenheit nicht unbeaufsichtigt zu wissen. Nicht so eindeutig sind die Gründe, die Görings Eltern bewogen, das Angebot anzunehmen und aus der Hauptstadt in die fränkische Provinz zu ziehen. Sicher war der Vorteil mietfreien Wohnens für die Großfamilie nicht zu unterschätzen, vielleicht aber überkam den Vater noch einmal die Abenteuerlust, die ihn einst dazu getrieben hatte, sich für den Kolonialdienst zu entscheiden. Von 1898 bis zu ihrer unfreiwilligen Abreise im Jahr 1912 lebten die Görings in einer mittelalterlichen Burg – der Traum eines jeden Jungen. Für Hermann Göring wurde Veldenstein die eigentliche Heimat, die Burg prägte seine Vorstellung vom standesgemäßen Wohnen, das er später in seinem pompösen Herrensitz »Carinhall« als Bauherr umsetzte. Auf den Zinnen »seiner Burg« träumte er von Rittern und Prinzessinnen, posierte als Burengeneral und Robin Hood. »Sie müssen nach Burg Veldenstein kommen«, erklärte seine Schwester Olga später, »wo er seine romantische Jugend verbrachte, die Sagen las und Ritter spielte, tagaus, tagein. Dort werden Sie ihn verstehen können.«
 
Weniger ritterlich und edelmütig spielte sich das Eheleben der Görings in den alten Gemäuern ab. Dr. Epenstein hatte sein Angebot nicht ohne Hintergedanken gemacht. In der Burg grenzte sein luxuriöses Schlafgemach direkt an das von Hermanns Mutter Franziska – der Gatte und die Kinder wurden diskret in einem anderen Teil des weiträumigen Gebäudes einquartiert. Weilte die Familie zu Besuch auf Schloss Mauterndorf, so musste der Generalkonsul a.D. sogar mit einem Haus abseits des Schlosses und seiner Gattin vorlieb nehmen. Mehr oder minder offiziell lebte Franziska Göring in den nächsten anderthalb Jahrzehnten als Geliebte Epensteins – unter stillschweigender Duldung ihres Ehemanns. Von dem tatkräftigen Kolonialbeamten, der Deutsch-Südwestafrika mit aufgebaut hatte, war wenig geblieben. Kränkelnd und vorzeitig gealtert, fand Hermanns Vater sich mit einem Schattendasein als gehörnter Ehemann an der Seite seiner jüngeren Gemahlin ab. Erst als die Liebe zwischen dem »Ritter« und dem »Burgfräulein« verebbte, kam es nach Zwistigkeiten zum schroffen Bruch. Im Streit mit dem einstigen Wohltäter verließ das Ehepaar Göring gemeinsam Burg Veldenstein und siedelte 1912 nach München über. Im Jahr darauf, am 7. Dezember 1913, starb Heinrich Göring und wurde auf dem dortigen Waldfriedhof begraben. Hermann Görings Mutter Franziska wohnte als Witwe weiter in München.
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Oben: »Unheilvoller Einfluss«: Görings Patenonkel Epenstein (Bildmitte mit Hut) lebte dem
kleinen Hermann (links) ein feudales Leben vor
Unten: »Sie müssen nach Burg Veldenstein kommen«: Das alte Gemäuer war die Heimat
Görings in seinem ersten Lebensjahrzehnt
Bekannt geworden ist nur wenig von dem pikanten Dreiecksverhältnis zwischen Epenstein und Görings Eltern, noch weniger davon, wie ihr Sohn Hermann über dieses Verhältnis dachte. Mag er auch heimlich unter dem offenen Ehebruch der Mutter oder der stillen Duldung des kränklichen Vaters gelitten haben, seiner Bewunderung für den Patenonkel hat dies offenbar keinen Abbruch getan. Nicht der preußisch-pflichtbewusste Vater, der nur noch ein Schatten seiner selbst war, wurde zum Leitbild des Heranwachsenden, sondern der prunksüchtige Lebemann Epenstein, der die ihm durch Reichtum verliehene Macht in vollen Zügen genoss. Bis zu dessen Tod im Jahr 1934 blieb er in Kontakt mit seinem Paten und betrachtete sich als dessen eigentlichen Erben. 1938 und 1939, auf dem Höhepunkt seiner Macht, brachte er Veldenstein und Mauterndorf tatsächlich in seine Hand. »Es stammt aus dem Besitz meiner Familie«, antwortete er stolz, als die Amerikaner ihn nach der Festnahme nach der Herkunft seines Schlosses Mauterndorf befragten.
In einer Beziehung konnte man sich auf Hermann verlassen. Wenn er einen Menschen zu seinem Helden gemacht hatte, dann hielt er zu ihm durch dick und dünn.
Hans Thirring, Kinderfreund Görings
Der junge Göring war ein schwieriger, eigenwilliger Schüler. In den ersten vier Jahren besuchte er die Volksschule im fünfzig Kilometer entfernt gelegenen Fürth. Danach schickte ihn der Vater auf ein Internat nach Ansbach. Die Trennung von Familie und Burg führte beim elfjährigen Gymnasiasten zur offenen Rebellion. Er erwies sich als aufmüpfig, lernte schlecht und rückte ohne Erlaubnis aus der Schule aus, um nach Veldenstein zurückzukehren. Bereits nach einem Jahr mussten ihn die Eltern von der Schule nehmen. Mit Hilfe Epensteins, der über gute Beziehungen verfügte, brachten sie ihn in einer Kadettenanstalt in Karlsruhe unter. Hier war er noch weiter von Veldenstein entfernt, die Erziehung noch strenger, aber es ging dabei militärisch zu. Ziel der Anstalt war, zukünftige Berufsoffiziere heranzubilden. Die Kadetten trugen Uniform und galten als Soldaten. Exerzierstunden mit und ohne Gewehr, Reitund Fechtunterricht standen ebenso auf dem Stundenplan wie Deutsch, Geschichte, Mathematik und Physik. Glockenschläge trieben die Schüler zum »Dienst«, der Vor- und Nachmittage bis auf knappe Pausen ausfüllte und für Kinderspiele kaum Zeit und Raum ließ. Die Schule war zugleich Internat; nur am Wochenende bekamen die Schüler – bei gutem Betragen – einige Stunden Ausgang. In dieser militärischen Atmosphäre scheint sich der junge Hermann Göring von Anfang an wohl gefühlt zu haben; sie entsprach seiner Begeisterung für alles Militärische und nährte seine Hoffnung auf frühes Heldentum.
»Begeisterung für alles Militärische«: Göring als Kadett in Karlsruhe (Foto aus dem Jahr 1907)
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Robust und selbstbewusst, wie er war, scheinen ihn die üblichen Rohheiten des Kadettenlebens, mit denen ältere Schüler die ihnen anvertrauten jüngeren »Schützlinge« abzurichten und nicht selten zu quälen pflegten, wenig angetan zu haben. Offenbar ohne Widerwillen ertrug er die strenge Schuldisziplin. Er bewährte sich und wechselte 1909 in die Königlich-Preußische Kadettenanstalt in Berlin-Lichterfelde, die er im März 1911 als Fähnrich abschloss. In Latein, Französisch und Englisch erhielt er ein »Ziemlich gut«, in Planzeichnen und -lesen ein »Gut«, in Deutsch, Geschichte, Mathematik und Physik ein »Sehr gut« und ein »Vorzüglich« in Erdkunde. Gesamtergebnis: »Vorzüglich«. »Euer Hochwohlgeboren teile ich sehr ergebenst mit, dass Ihr Sohn Hermann das Fähnrichexamen mit dem Prädikat ›Vorzüglich‹ und dem Vermerk einer allerhöchsten Belobigung bestanden hat«, schrieb die Schule dem stolzen Vater. Für den achtzehnjährigen Musterkadetten scheint die anschließende Berufswahl eine Selbstverständlichkeit gewesen zu sein: Er wollte Soldat werden. Sein exzellenter Abschluss verschaffte ihm eine Planstelle in einem Infanterieregiment. Mit Patent vom 22. Juni 1912 wurde er zum Leutnant befördert und erhielt im Januar 1914 einen Posten als Bataillonsadjutant im Regimentsstab des 4. Badischen Infanterieregiments Nr. 112 »Prinz Wilhelm«. Eine verheißungsvolle militärische Karriere lag vor ihm. »Wenn ein Krieg ausbricht«, erklärte er den Schwestern selbstbewusst, »werde ich dem Namen Göring bestimmt Ehre machen.«
»Göring war ein vorbildlicher Schüler. Er hat Eigenschaften entwickelt, mit denen er es zu etwas bringen wird. Er scheut sich nicht, ein Risiko einzugehen.«
Abschlusszeugnis Görings der Kadettenanstalt Karlsruhe, 1909
Schon bald erhielt er Gelegenheit, seine Ankündigung in die Tat umzusetzen. Den Ausbruch des Ersten Weltkriegs im August 1914 erlebte er mit seinem Regiment im elsässischen Mülhausen, das damals zum Deutschen Reich gehörte. Hier nahm er an einigen kleineren Gefechten teil, aber schon nach wenigen Wochen im Einsatz erkrankte er an Gelenkrheumatismus und musste sich im September 1914 in einem Freiburger Krankenhaus behandeln lassen. Der nicht eben verheißungsvolle Anfang wurde zum Startpunkt einer steilen Karriere. In Freiburg lernte Göring den gleichaltrigen Leutnant Bruno Loerzer kennen, einen Heeresoffizier, der gerade eine Ausbildung zum Piloten bei der jungen kaiserlichen Fliegertruppe absolvierte und Göring für die Abenteuer der Lüfte begeisterte. Nach der 1938 erschienenen, autorisierten Biographie von Erich Gritzbach bewarb Göring sich als Flieger und flog – als seine Versetzung abgelehnt wurde – unbeirrt und auf eigene Faust als Flugbeobachter bei Loerzer mit. Nur haarscharf, so die Biographie weiter, sei der eigenwillige Leutnant an einem mehrwöchigen Arrest vorbeigeschrammt. Ob die Anekdote wahr ist oder lediglich den frühen »heldischen« Willen des Protagonisten bekunden soll, ist unklar. Die Personalakte Görings enthält nur den nüchternen Passus: »Am 16. Oktober 1914 zur Ausbildung als Beobachter zur Fliegerersatzabteilung 3 nach Darmstadt kommandiert.«
Wenn ich oben in der Luft bin und auf die Erde hinunterblicke, dann komme ich mir erst richtig lebendig vor. Dann fühle ich mich wie ein kleiner Gott.
Göring
In den nächsten sieben Monaten unternahm Göring an der Seite Loerzers Erkundungsflüge an der Westfront: in den Argonnen und bei Verdun. Seine Aufgabe in den primitiven Maschinen erforderte Mut und Schwindelfreiheit. Die Beine gegen die Seitenwand seines Sitzes geklemmt, musste er sich weit herauslehnen, um mit einem schweren Fotoapparat Bilder von den feindlichen Stellungen am Boden zu machen. Die Aufnahmen brachten ihm erstmals Anerkennung von ganz oben ein. Laut Kriegstagebuch seiner Einheit durfte er seine Bildmeldungen mehr als einmal »persönlich« an den Gefechtsständen des Korps abliefern. Am 25. März 1915 empfing er für eine wichtige Meldung gemeinsam mit Loerzer aus der Hand des Kronprinzen das Eiserne Kreuz erster Klasse. Der schneidige Leutnant mit dem scharf geschnittenen Gesicht und den breiten Schultern machte Eindruck im Offizierskasino des Kronprinzen, wo er ein gern gesehener und regelmäßiger Gast wurde. Schnell wurde ihm dabei bewusst, dass dem Ruhm eines Beobachters Grenzen gesetzt waren. Als die ersten Fokker-Kampfeinsitzer für die Front fertiggestellt waren, bewarb Göring sich als Pilot. Ab 1. Juli 1915 wurde er auf der Fliegerschule Freiburg im Schnellverfahren ausgebildet; bereits Anfang Oktober flog er seinen ersten Kampfeinsatz.
 
Er hätte keinen besseren Weg wählen können, um sich einen Namen zu machen. Die Männer der neuen Fliegertruppe waren die Helden der Nation. Während auf den Schlachtfeldern Flanderns Hunderttausende im Kampf um wenige Meter Boden krepierten, beschworen die Flieger die Erinnerung an ritterliche Kämpfe Mann gegen Mann. Hoch über dem Schlamm der Schützengräben fochten sie mit ihren primitiven Maschinen, auf die Maschinengewehre montiert waren, tödliche Duelle aus. Über die unsichtbare Front hinweg verband die Kombattanten das Gefühl, einem elitären Club anzugehören. Fiel ein abgeschossener Offizier dem Gegner in die Hände, so lud man ihn nicht selten in das Offizierskasino ein, bevor man ihn ins Gefangenenlager brachte. Fliegerasse wie Manfred von Richthofen, der legendäre »Rote Baron«, wurden gefeiert wie Fußballstars, ihre Abschusszahlen von begeisterten Jugendlichen wie Spielergebnisse notiert. In diesem Kreis machte sich Göring als Draufgänger einen Namen. Als er im Mai 1917 zum Führer der Jagdstaffel 27 ernannt wurde, hatte er acht offizielle Abschüsse auf seinem Konto; im November des Jahres waren es bereits 15. Nicht alle Abschüsse, die Göring für sich reklamierte, wurden anerkannt. In der Hektik der Kämpfe, in die meist mehrere Flieger verwickelt waren, war es schwierig auszumachen, wer welchen Gegner getroffen hatte und ob dieser auch wirklich abstürzte. Oder es war kein Beobachter in der Nähe, der den Abschuss bestätigen konnte. Manches blieb Spekulation. Sein Fliegerkamerad und Freund Bruno Loerzer erzählte viele Jahre später, Göring habe seine Erfolge bewusst übertrieben und ihm, Loerzer, zu Gleichem geraten, weil man sonst nicht weiterkomme. Doch auch wenn Göring sich zuweilen mit fremden Federn schmückte, an der Gesamtbilanz seiner Kriegsjahre dürfte dies wenig ändern: Er war ein mutiger und erfolgreicher Jagdflieger.
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Oben: »Anerkennung von ganz oben«: Flugbeobachter Göring und Pilot Loerzer posieren vor ihrem Doppeldecker Marke »Albatros«, Juni 1915
Unten: »Kampfeslustige Elite«: Nach dem Tod Manfred von Richthofens (im Führersitz) übernahm Göring (Bildmitte, unter Richthofen) das Kommando über den »Richthofen-Zirkus«
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Oben: »Ich will kein Alltagsmensch sein«: Göring, der es auf 15 Abschüsse gebracht haben soll, am Steuer seines Jagdflugzeugs
Unten: »Wie ein kleiner Gott«: Die Verleihung des »Pour le Mérite« steigerte Görings Selbstbewusstsein ins Unermessliche
 
In diese Zeit fallen auch die ersten ernsteren Beziehungen zum anderen Geschlecht. Aus einem Blockhaus bei Stenay schickte der schneidige Fliegerleutnant Anfang 1915 Liebesgrüße an die junge Alwine Schulte-Vels: »Ich habe freiwillig den Wachdienst übernommen, um allein zu sein und besser an Dich denken zu können. Hier kann ich so schön von Dir träumen und an die Zukunft denken.« Er war glücklich verliebt und träumte davon, sich der Angebeteten als Held zu präsentieren. »Zum Stubenhocker passe ich doch gar nicht«, spielte er sich selbstbewusst vor der Freundin auf, »meine Gebirgstouren waren schon stets die gefahrvollsten. Aber nicht wahr, Du fürchtest Dich doch auch nicht und machst alles mit. Ich will kein Alltagsmensch sein. Kampf ist und bleibt für mich die Lebensbedingung, sei es in der Natur oder mit den Menschen. Ich will aus der Menschenherde herausragen, nicht ich werde ihnen, sondern alle sollen mir folgen. Das walte Gott.« Zu einer offiziellen Verlobung kam es nicht, ebenso wenig mit Marianne Mauser, die Göring im Jahr darauf heiraten wollte. Beide Male waren es offenbar die Schwiegereltern in spe, die sich einer Kriegsheirat erfolgreich widersetzten – das Leben eines Helden der Lüfte mochte glorreich sein, aber mitunter sehr kurz. Tiefe Narben scheinen beide Enttäuschungen nicht hinterlassen zu haben. Das Leben des jungen Offiziers war erfüllt mit Gefahr, Romantik und wachsender Anerkennung, wie er es sich erträumt hatte. Der Göring der Kriegsjahre, so scheint es, war glücklich trotz des tausendfachen Sterbens um ihn herum.
Am 2. Juni 1918 erhielt er nach 18 anerkannten Luftsiegen den höchsten deutschen Orden für besondere Tapferkeit, den Pour le Mérite. Eine frühe Filmaufnahme zeigt, wie Kaiser Wilhelm II. dem Fünfundzwanzigjährigen persönlich die Auszeichnung überreicht. Zum Helden geadelt, trug Göring den so genannten »Blauen Max« von nun an ebenso stolz zur Schau wie ein anderes Statussymbol: den Spazierstock des legendären »Roten Barons« Manfred von Richthofen. Nachdem dieser im Einsatz ums Leben gekommen war, übernahm Göring im Juli 1918 mit dem Stock das Kommando über Richthofens Geschwader, das als »Richthofen-Zirkus« weit über die Grenzen des Deutschen Reichs Berühmtheit erlangt hatte.
»Auf Befehl des Oberkommandierenden der deutschen Streitkräfte wird Leutnant Hermann Wilhelm Göring, … gegenwärtiger Kommandeur der Jagdstaffel 27, zum Kommandeur des Jagdgeschwaders Freiherr von Richthofen Nr. 1 ernannt.«
Ernennungsbefehl Görings, 7. Juli 1918
Bis zuletzt kämpfte die Elite der deutschen Jagdflieger unter hohen Verlusten gegen die feindliche Übermacht am Himmel an. Doch kein Abschuss traf die Truppe so schwer wie die plötzliche Nachricht vom Waffenstillstand im November 1918. Niemals konnte Göring sich damit abfinden. Im Ratskeller von Aschaffenburg versammelte er die Offiziere seines Geschwaders ein letztes Mal um sich: »Wir werden gegen die Mächte kämpfen, die uns versklaven wollen, und wir werden siegen«, kündigte er zum Schluss seiner Ansprache an: »Die gleichen Eigenschaften, die das Geschwader Richthofen groß gemacht haben, werden sich im Frieden ebenso durchsetzen wie im Kriege. Unsere Zeit wird wieder kommen.« Nach diesen Worten hob er sein Glas: »Meine Herren, ich trinke auf das Vaterland und das Geschwader Richthofen.« Als er ausgetrunken hatte, warf er sein Glas zu Boden, und alle folgten seinem Beispiel. Er war jetzt 25 Jahre alt, ein Kriegsheld – ausgezeichnet mit dem höchsten deutschen Orden. Und er war zugleich ohne Arbeit, Geld und Perspektive – ein Mann, der nur für das ausgebildet war, was er jetzt nicht mehr sein durfte: Soldat.

Der Putschist
Das Fliegerass a. D. suchte in den Monaten nach Kriegsende Unterschlupf bei seiner verwitweten Mutter in München. Wie noch oft in seinem Leben war es sein Ruhm als Jagdflieger, der ihm weiterhalf. Anfang 1919 flog Hermann Göring als Repräsentant der Fokker-Flugzeugwerke zu einer Flugschau nach Kopenhagen. Er blieb in Skandinavien, wo er bei Flugschauen mit gewagten Kunststücken glänzte und auch bei Gesellschaften eine gute Figur machte. Der einstige Kriegsheld verdingte sich als Vertreter für eine Fallschirmfirma und kam schließlich bei der schwedischen Fluglinie Svenska Lufttrafik als Pilot unter. Reiche Schweden zahlten für das Privileg, sich vom letzten Kommandeur des berühmten Richthofen-Geschwaders durch die Lüfte kutschieren zu lassen. Am 20. Februar 1920 flog er den bekannten schwedischen Forschungsreisenden Graf Eric von Rosen von Stockholm zu dessen 70 Kilometer südwestlich gelegenem Landgut Rockelsta. Das Wetter war stürmisch, und nur mit Mühe gelang es Göring, das Flugzeug sicher auf dem zugefrorenen Bavensee in der Nähe des Schlosses zu landen. Da an einen Rückflug nicht zu denken war, nahm er gerne die Einladung des Grafen an, die Nacht auf dem Landsitz zu verbringen.
Im Schloss war gerade die Schwägerin des Grafen zu Gast, Carin von Kantzow. Die dreiunddreißigjährige, schwärmerisch veranlagte Adelstochter war mit einem schwedischen Offizier eher unglücklich verheiratet und hatte einen Sohn. Für die Offiziersgattin und den Flieger war es ein schicksalhaftes Zusammentreffen. Eine Schwester Carins, Fanny Gräfin von Wilamowitz-Moellendorf, beschrieb das erste Kennenlernen ziemlich schwülstig als ein Aufeinandertreffen wahlverwandter Seelen: »Hermann Göring stand vor dem offenen Kamin und sah in die Flammen hinein. … Die Treppe hinunter kommt eine hohe Gestalt, eine Frau mit edler körperlicher Haltung, die Schwester der Hausfrau: Carin. Ihre tiefen blauen Augen begegnen Hermann Görings suchendem Blick. … Schweigend und ehrfurchtsvoll stand er da. Ihm war, als hätte er sie immer gekannt. Eine solche Liebe kann nicht erklärt oder besprochen werden. Auch sie lebte im Blute, in der Seele! Lange saß man zu Tisch an jenem Abend. … Bis spät in die Nacht blieb man noch beisammen. … Viel hat Hermann Göring mit Carin an diesem Abend nicht sprechen können. Dazu war ihm die Seele zu bewegt.«
Er ist der Mann, von dem ich immer geträumt habe.
Carin von Kantzow nach der ersten Begegnung mit Göring
Die Liebesaffäre zwischen dem Deutschen und der fünf Jahre älteren Offiziersgattin geriet zum Skandal der schwedischen Gesellschaft. Ohne Rücksicht auf Mann und Sohn reiste Carin im Sommer 1920 nach Deutschland, wo sie und ihr »einziger ewig Geliebter« die Sommerfrische in einem Ferienhaus in Bayrischzell genossen. Zurück in Schweden, beichtete sie ihrem gehörnten Ehemann die neue Liebe. Der war bereit, die Eskapade zu vergessen, wenn sie zu ihm zurückkehre, doch Carin weigerte sich entschieden. »Immer mehr erkenne ich, wieviel Du mir bedeutest«, schrieb sie an Göring. »Ich liebe Dich so sehr. Du bist alles für mich. Es gibt niemanden, der so ist wie Du, für mich bist Du in jeder Hinsicht mein Ideal. Alles, was Du machst, ist so lieb. … Wenn ich das alles bloß mit Küssen und Umarmungen ausdrücken könnte. Liebster!« Göring, ebenso verliebt wie sie, bedrängte Carin, ihren Mann zu verlassen und mit ihm nach Deutschland zu gehen. Diese willigte zum Entsetzen ihrer Eltern ein und ließ ihren achtjährigen Sohn Thomas beim Vater zurück. Im Sommer 1921 übersiedelte sie mit Göring nach Bayern, wo sich das Paar ein Haus in der Reginbaldstraße in München-Obermenzing kaufte. Nachdem Carins Scheidung rechtskräftig geworden war, wurde am 3. Februar 1923 im Standesamt von Obermenzing die Ehe geschlossen. Für beide begann ein neuer Abschnitt ihres Lebens.
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Links: »Eine hohe Gestalt, eine Frau mit edler körperlicher Haltung«: Carin von Kantzow mit ihrem Sohn Thomas
Rechts: »Wie Tristan und Isolde«: Carin und Hermann Göring im Jahr 1922 in Österreich
In der Republik von Weimar war einem dreißigjährigen Hauptmann a. D. eine ungewisse Zukunft beschieden. Mehr aus Verlegenheit als aus Neigung immatrikulierte sich Göring an der Universität München in den Fächern Geschichte und Volkswirtschaft, ohne sich jedoch zu einem ernsthaften Studium aufraffen zu können. Stattdessen schrieb er Aufsätze über seine Erfahrungen als Jagdflieger im Krieg und versuchte, eine politische Partei ehemaliger Offiziere zu gründen. Er sehnte sich zurück nach Kameradschaft, Heldentaten und vor allem einem »starken Mann«, der Deutschland wieder zu alter Macht verhalf. Diesem »neuen Kaiser« begegnete Göring im Oktober oder November 1922 bei einer politischen Kundgebung auf dem Münchner Königsplatz. Göring hörte, wie ein Herr Hitler in seiner Nähe die Aufforderung ablehnte, auf das Rednerpodium zu kommen, um über die militärischen Beschränkungen Deutschlands infolge des Versailler Friedensvertrags zu reden. Es sei doch sinnlos, Proteste in die Welt hinauszuschreien, ohne die geringste Möglichkeit zu haben, sie mit Machtmitteln zu verwirklichen, begründete der Angesprochene seine Weigerung. Göring, der in der Nähe stand und ebenso dachte, besuchte, neugierig geworden, bald darauf das Café Neumann, wo Hitler jeden Montag seine »Sprechstunde« abzuhalten pflegte. Fasziniert lauschte er, als Hitler seinen Standpunkt wiederholte: Versailles sei eine Schande, aber ohne den Nachdruck der Bajonette bliebe jeder Protest sinnlos und Worte allein würden keinem Gegner den Schlaf rauben. Dieser Abend, behauptete Göring später, habe über sein weiteres Leben entschieden. In Hitler habe er den Anführer gefunden, der »Wort für Wort aus meinem Herzen« sprach. »Vom ersten Augenblick, da ich ihn sah und hörte, war ich ihm verfallen mit Haut und Haar.« Kurz entschlossen trat er der NSDAP bei und ließ sich bei Hitler melden. Er hatte seinen neuen Kaiser gefunden.
Sosehr Göring sich bemüht hat, seine Entscheidung für Hitler als einen Moment der Erweckung zu stilisieren, so deutlich sind doch die materiellen Motive, die seinen Weg in die NSDAP beförderten. Das Verbot einer deutschen Luftwaffe durch den Versailler Friedensvertrag versperrte ihm die ohnehin nicht sehr aussichtsreiche Aufnahme in das 100 000-Mann-Heer der Weimarer Republik. An eine Rückkehr nach Skandinavien, wo er als Pilot gut verdient hatte, war mit Carin kaum zu denken, und finanziell waren beide nicht auf Rosen gebettet. Weder er noch Carin besaßen von Haus aus Vermögen, und die Ersparnisse Görings waren kaum der Rede wert. Unklar ist, wie das Paar überhaupt das gemeinsame Leben und den Kauf des Hauses in Obermenzing finanzieren konnte. Einer Nichte seiner Frau erzählte Göring, Carin habe Geld beschafft, indem sie in ihrer Wohnung in Stockholm eine Auktion veranstaltete und alte Familienerbstücke verkaufte. Vermutlich haben auch Carins Ex-Mann und ihre Familie einen Beitrag zum Unterhalt des Paares beigesteuert. Immerhin hatten beide genug zur Verfügung, um in München halbwegs standesgemäß auftreten zu können und Göring von dem unmittelbaren Druck zu befreien, einen Broterwerb suchen zu müssen. Seine Tastversuche in das zivile Leben, das Studium an der Münchner Universität, blieben zögerlich und wider Willen. Insgesamt sah die Zukunft für ihn nicht rosig aus: Er war ein arbeitsloser Soldat auf der Suche nach einem neuen Betätigungsfeld – in dieser Hinsicht war er Hitler ähnlich. Wie dieser wollte er die Chance nutzen, die sich aus dem politischen Chaos in den frühen Jahren der Weimarer Republik ergab, wie dieser hatte er nichts zu verlieren: »So war ich – ich habe ja keinen Hehl daraus gemacht – von Anfang an bereit, mich an jeder Revolution zu beteiligen, gleichgültig, wo und von wem sie ausging, außer wenn sie von links gekommen wäre«, bekannte er freimütig drei Jahrzehnte später als Angeklagter im Nürnberger Prozess.
Ich sagte ihm: Ich selbst und alles, was ich sei und besäße, stünden ihm vorbehaltlos zur Verfügung.
Göring über das erste Treffen mit Hitler 1922
Man hat mich auf ihn aufmerksam gemacht. Einige Male war er schon im Sprechabend gewesen, er hat mir gefallen. Ich habe ihn dann zum Führer meiner SA gemacht.
Hitler
Auf der anderen Seite ergriff Hitler gerne die Hand, die ihm Göring entgegenstreckte. »Großartig! Ein Kriegsheld mit dem Pour le Mérite – stellen Sie sich vor! Ausgezeichnete Propaganda!«, frohlockte er in vertrauter Runde über den Neuzugang. Auch Görings Kontakte zu den besseren Kreisen der Gesellschaft dürften ihn beeindruckt haben. Die Gegenwart der attraktiven Ehefrau aus echtem schwedischem Adel wirkte wie ein Katalysator für gewisse Eigenschaften Görings, die den Fliegerhauptmann und letzten Kommandeur des »Jagdgeschwaders Richthofen« ohnehin von einem typischen, gewöhnlichen Parteimitglied der NSDAP unterschieden. Aus gutem Hause, weit gereist und mit Beziehungen zumindest in das Vorfeld der guten Gesellschaft, stach Göring aus der Gefolgschaft Hitlers als »Weltmann« hervor. Görings Ansehen versprach Nutzen für die Partei. Der joviale Ordensträger und der fanatische Demagoge – es war wie ein Teufelspakt. Als Hitler dem neuen Gefolgsmann im Frühjahr 1923 die Führung der »Sturmabteilungen« (SA) übertrug, gelobte der gerührt: »Ich vertraue Ihnen im Guten wie im Bösen mein Schicksal an, auch wenn es mich mein Leben kosten sollte.«
Hitlers Partei und Programm interessierten Göring nur am Rande, auch dem glanzlosen Tagesgeschäft als SA-Chef konnte er nur wenig abgewinnen. Zwar machte er aus der verlotterten Sturmabteilung binnen kurzem eine schlagkräftige Privatarmee, doch lieber wandte er sich den angenehmen Seiten des Lebens zu, ließ sich seine erste Phantasieuniform schneidern und zog verächtlich über die »bayerischen Biersäufer und Rucksackträger mit engstirnigem provinziellem Horizont« in der NSDAP her. »Parteifreunde« wie Rudolf Heß oder Alfred Rosenberg behandelte er mit herablassendem Ton, und so verwundert es kaum, dass Göring in der Partei ohne Hausmacht blieb. Ideologie war für ihn »Krams«. Seine Partei hieß Adolf Hitler. Für ihn war er bereit, sein Leben zu riskieren. Mit ihm wollte er an die Macht.
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Oben: »Vom ersten Augenblick, da ich ihn sah und hörte, war ich ihm verfallen mit Haut und Haar«: Rede Hitlers in München, Januar 1923
Unten: »Auf Befehl des Führers marschieren«: Der ehemalige kaiserliche »Generalquartiermeister« Ludendorff (mit Pickelhaube) und SA-Chef Göring im September 1923
Wenn ich 1923 vor meinen SA-Männern sprach, da konnte ich nicht viel über Diplomatie sprechen. Das hätten sie nie verstanden, sondern die Frage war ganz einfach: »Los von Versailles«.
Göring, Aussage in Nürnberg