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Inhaltsverzeichnis
 
EINLEITUNG
 
ERSTER TEIL – Geborgenheit und Abenteuerlust
1895
Familienchronik
Kindheit und Schulzeit
In der Retrospektive
 
ZWEITER TEIL – Im »Großen Krieg«
»Menschheit vor Feuerschlünden aufgestellt«: der Bellizismus der Vorkriegszeit
»Muß man nicht dankbar sein, so große Dinge erleben zu dürfen«: Dichter und ...
»Da war ich aller Sorgen ledig«: der »Kriegsmutwillige« Ernst Jünger
»Sei gesegnet ernste Stunde«: poetische Mobilmachung
Das Beispiel Thomas Mann
»Der alte Gott der Schlachten ist nicht mehr«: kriegskritische Wendung
Ernst Jünger im Ersten Weltkrieg
 
DRITTER TEIL – »De bello maximo«: der Kriegsschriftsteller
Kriegsende, Revolution und Reichswehrzeit
Erlebnis und Erzählung
»Habent sua fata…«
Kleinere Kriegsschriften
Versuche, sich »einen Vers« auf den Krieg zu machen
 
VIERTER TEIL – Studium und nationalistische Publizistik
Auftakt im Völkischen Beobachter
Leipziger Jahre: Student und »Gebieter«
Im Namen der »Frontsoldaten«
Im »großen Babylon«: Flaneur und Asket in Berlin
 
FÜNFTER TEIL – Im »Dritten Reich«
Die »totalitäre Revolution«: Geschichte, »elementar« und »barbarisch«
Jüngers Absagen
Stationen der »inneren Emigration«
 
SECHSTER TEIL – Im zweiten Krieg
»Hauptmann Jünger«
»Sitzkrieg« am Oberrhein und »Westfeldzug«
Besatzungssoldat in Frankreich und Wachtruppenführer in Paris
Im Pariser Kommandostab
Attentate und Geiselerschießungen
Reflexionsfiguren
Pariser Leben und Lieben
Greuelnachrichten und eine Erkundungsreise
In Erwartung der Apokalypse
Auf die Katastrophe zu und dem Frieden entgegen
Attentat und Abzug
Ernstel †
Kriegsende
 
SIEBTER TEIL – Nachkrieg
Publikationsverbot und Jünger-Debatte
Strahlungen: Text und Rezeption
Exkurs: Jünger und die deutschen Verbrechen der NS-Zeit
Heliopolis: »Weltroman« und Weltstaatsutopie
 
ACHTER TEIL – Zwischen Erfolg und Außenseitertum
Jüngers »Comeback«
Jünger in Wilflingen: Hochmut und Leutseligkeit auf dem Dorf
Die Essays der fünfziger und sechziger Jahre: Waldgänger und Welthistoriker
Gläserne Bienen: Technikmelancholie
Die sechziger und siebziger Jahre
 
NEUNTER TEIL – Späte Kontroversen und späte Schriften
Blickverschärfung um 1968
Das Spätwerk
Ehrungen und Streit
Macht und Geist
Vordenker der »konservativen Wende«?
 
ZEHNTER TEIL – Die letzten Jahre
Kalte Bäder
Seifenblasen
Letzte Dinge
 
ANHANG
Personenregister
Bildnachweis
Copyright

EINLEITUNG

Zwei Mal Halley oder Die Verdüsterung der Welt

April 1986. Ernst Jünger hat am 29. März seinen einundneunzigsten Geburtstag gefeiert und ist wenige Tage später, begleitet von seiner Frau, zu einer Reise nach Malaysia aufgebrochen. Er will seine Käfersammlung komplettieren, und er hofft, in der klaren Luft des malaiischen Berglands einen besonders guten Blick auf den Halleyschen Kometen zu haben. Dieser zieht nach sechsundsiebzig Jahren wieder einmal an der Erde vorüber: zum zweiten Mal in Jüngers Leben. Wie immer wird Tagebuch geführt, werden die Stationen der Reise festgehalten, allerlei Beobachtungen notiert und mit manchmal weit ausgreifenden Reflexionen verbunden. Am 8. April trifft Jünger in Kuala Lumpur ein und wird von Wolfram Dufner, dem deutschen Botschafter, mit dem Jünger seit 1954 bekannt ist, in Empfang genommen. Am 11. April fahren die Ehepaare Dufner und Jünger nach Frazer’s Hill. Dort liegt – auf 1600 Meter Höhe über dem mehr als hundert Millionen Jahre alten malaiischen Urwald – die ehemalige Bergresidenz des englischen Gouverneurs, die nun als Erholungs- und Gästehaus der Regierung dient. Täglich klingelt der Wecker um fünf Uhr, weil der Komet kurz danach über den Baumwipfeln auftauchen müßte. In den ersten drei Nächten ist jedoch der Himmel bedeckt, und die Hoffnung, den Kometen ein zweites Mal sehen zu können, schmilzt, weil die Rückreise schon für den 15. April geplant ist. Aber dann kommt es doch zu einem »Wiedersehen«. Unter dem Datum des 15. April vermerkt das Reisetagebuch, das 1987 unter dem Titel Zwei Mal Halley als Monographie erscheint und 1995 die Tagebuchfolge Siebzig verweht IV eröffnet:
Wolfram Dufner klopfte an – um, wie ich dachte, uns zur Abfahrt zu wecken, aber es war noch dunkel, und er rief: »Der Komet ist da!« Das war kaum zu glauben – wir stürzten in sein Zimmer, ich mit dem Feldstecher in der Hand. In der Tat – Halley stand ebenso deutlich am Himmel wie damals zu Rehburg vor sechsundsiebzig Jahren, als ich ihn mit Eltern und Geschwistern gesehn hatte. (21, 41)
»Damals zu Rehburg«: Das dürfte um den 18. Mai 1910 gewesen sein, als der Halleysche Komet der Erde am nächsten kam und viele Menschen von Untergangsängsten ergriffen wurden; Jakob van Hoddis hat damals sein epochal wirkendes Gedicht Weltende geschrieben. Die Familie Jünger, durch die Apothekertätigkeit des Vaters und eine Beteiligung am Kalibergbau wohlhabend, bewohnte in Bad Rehburg, einem kleinen Kurort am Steinhuder Meer nordwestlich von Hannover, eine schöne Villa. In einer der Nächte, in denen der Komet zu sehen war, muß der Vater die Familie vors Haus gerufen haben, um ihr die Erscheinung zu zeigen. Daran erinnert sich nun der Tagebuchschreiber in Kuala Lumpur, und er verbindet mit dieser Erinnerung eine Reflexion auf die geschichtliche Erfahrung, die ihm seitdem zuteil wurde, und auf die epochale Differenz zwischen der Zeit um 1910 und der Gegenwart von 1986:
Ich glaube, es war Ranke, der sagte, als Historiker müsse man alt werden, denn nur, wenn man große Veränderungen persönlich erlebt habe, könne man solche wirklich verstehen. Er wird damit wohl weniger den einzelnen Vorgang als den Gewinn an Erfahrung gemeint haben. Das Verhältnis ähnelt dem des Soldaten, der nur auf dem Exerzierplatz geübt, zu jenem, der auch im Gefecht gestanden hat.
Wieviel Zeit muß verfließen, ehe man den eigenen Vater versteht. Wenn ich an ihn zurückdenke, um den wir damals vor unserem Hause standen – die Mutter, vier Söhne und die Tochter -, will es mir scheinen, daß er einerseits typisch die Epoche vertrat, in der er lebte, sich andererseits von ihr kritisch distanzierte und zudem archaische Züge besaß.
Typisch für die Epoche war schon das Bild, das wir boten: der Vater inmitten seiner großen Familie. So hielt es der Kaiser, hielten es die meisten unserer Bekannten und die Bauern ringsum. In gewissen Abständen mußten wir, was mir nicht angenehm war, mit ihm nach Hannover fahren – erst zum Friseur, dann zum Photographen, möglichst an einem Tag, an dem im Theater eine Mozartoper gespielt wurde.
Das Bild ist zugleich archaisch: die Familie bei der Betrachtung eines ungewöhnlichen Zeichens am Himmel; ein Rest von Ehrfurcht läßt sich nicht abweisen. […]
 
 
Was einer glaubt oder nicht glaubt, ist nicht belanglos, doch nebensächlich – es gehört zu den zeitlichen Umständen. Der Vater hielt nicht viel vom Jenseits, und doch habe ich ihn in der Glorie gesehen. Er meinte, daß man in seinen Kindern weiterlebt. Sie würden sich an ihn erinnern, so wie er selbst sich an seine Großeltern, besonders die westfälischen, erinnerte. Es war wohl in dieser Stimmung, in der er sagte, als wir damals beisammenstanden: »Von euch allen wird Wolfgang vielleicht den Kometen noch einmal sehen.«
Wolfgang war unser Jüngster, doch auch der erste von uns Geschwistern, der starb. So trete ich für ihn ein.
 
 
Wir betrachteten das Gestirn lange; der Himmel über dem Urwald blieb klar. Wenn etwas bei der Begegnung fehlte, so der Enkel, dem ich den Erinnerungsgruß an Halley hätte weitergeben können – die nächste Wiederkehr wird, wenn ich richtig gezählt habe, im Jahr 2062 stattfinden. Und wenn sich etwas geändert hat, so die Stimmung – vom Optimismus, mit dem der Vater seine Prophezeiung aussprach, blieb keine Spur zurück. (21, 42 und 44)
In der Tat: Von dem Optimismus, der das Lebensgefühl der Menschen um 1910 – wenn auch nicht unangefochten – bestimmte, war um 1986 nichts mehr zu spüren. Zwei Weltkriege und der Holocaust, die Ost-West-Konfrontation und die atomare Hochrüstung, eine Reihe von Wirtschaftskrisen und die immer deutlicher werdende Beeinträchtigung der natürlichen Umwelt durch das rapide Wachstum der Industriegesellschaft hatten dazu geführt, daß man in der Erwartung von militärisch herbeigeführten oder zivilisatorisch verursachten Katastrophen globalen Ausmaßes lebte. 1986 erschien mit der Rättin von Günter Grass ein Roman, der die »Erziehung des Menschengeschlechts«, die von Lessing einst voll aufklärerischer Zuversicht imaginiert und beschworen worden war, in den alles durchdringenden Lichtblitzen einer zufällig ausgelösten atomaren Katastrophe enden sah. Und das war weder das einzige noch das erste Buch dieser Art: Drei Jahre zuvor hatte Christa Wolf mit ihrer Erzählung Kassandra und den dazugehörigen Vorlesungen eine ähnliche Prophetie ausgesprochen. Und noch ein paar Jahre früher, 1978, hatte Hans Magnus Enzensberger mit seinem Pasticcio Der Untergang der Titanic und den gleichzeitig erschienenen Randbemerkungen zum Weltuntergang das Ende aller Fortschrittsideologien konstatiert und eine soziale und zivilisatorische Dauerkatastrophe in Aussicht gestellt.
Auch Jünger stand solch düsteren Erwartungen nicht fern; ja, er war einer der ersten, der ihnen Ausdruck verlieh: Sein Roman Eumeswil, der 1977 erschien und somit die Reihe der apokalyptischen Bücher jener Jahre anführt, handelt von einer Zeit jenseits der großen »Feuerschläge« und sieht die Erben des »Letzten Menschen« in einer Welt leben, die den Charakter einer »Deponie« hat. Eumeswil ist die Summe einer von Katastrophen geprägten Geschichtserfahrung, die bald nach 1910 einsetzte und Jünger zunächst zum Aktivisten der zivilisatorischen Modernisierung machte, dann aber zum entschiedenen Zivilisationskritiker werden ließ. Sein Werk ist eine erfahrungsgesättigte dichterische Chronik der vielfältigen Verfehlungen und Destruktionen des 20. Jahrhunderts und zugleich ein Versuch, sie geschichtsphilosophisch zu deuten und zu verkraften. Mit einer kühnen, aber nicht ganz unberechtigten Formulierung hat der Philosoph Peter Koslowski gesagt, die Reihe der von 1920 bis 1990 erschienenen Schriften Ernst Jüngers lasse sich zu einem »Epos der Moderne« zusammenschließen und enthalte eine sukzessiv entfaltete und dichterisch gestaltete Philosophie der Moderne (einschließlich ihrer als »postmodern« bezeichneten Modulationen im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts).

Ernst Jünger im »deutschen Jahrhundert«

Mit einer kleinen und merkwürdig symmetrisch anmutenden Abweichung von jeweils vier Jahren umschließt die Halleysche Periode das »kurze« 20. Jahrhundert. Dieses offenbarte in der »Urkatastrophe« des 1914 entfesselten Krieges ein brutales Antlitz und stieß sich auf dramatische Weise vom gelasseneren und friedlicheren Gang des »langen« 19. Jahrhunderts ab. Und es endete, geschichtsmorphologisch gesehen, 1990 etwas vorzeitig mit der überraschenden Beseitigung der politischen Folgen, die sich aus jener »Urkatastrophe« ergeben hatten: mit dem Zusammenbruch des Ostblocks, der Beseitigung des Eisernen Vorhangs, der Wiedervereinigung Deutschlands und der Reintegration der slawischen Länder nach Europa.
Dieses Jahrhundert hätte, wie der französische Soziologe Raymond Aron und der aus Breslau stammende amerikanische Historiker Fritz Stern 1979 gesprächsweise darlegten, »Deutschlands Jahrhundert werden können«, weil Deutschland zu Beginn des 20. Jahrhunderts das modernste Land Europas war und aufgrund seiner ökonomischen Leistungen wie seiner technischen, wissenschaftlichen und künstlerischen Innovationen das Potential besaß, die ökonomische und kulturelle Führungsmacht Europas zu werden. Und tatsächlich wurde das 20. Jahrhundert, wie der Historiker Eberhard Jäckel in seiner 1996 erschienenen »Bilanz« ausführte, das »deutsche Jahrhundert«, wenn auch in einem ganz anderen Sinn: »Kein anderes Land hat Europa und der Welt im 20. Jahrhundert so tief seinen Stempel eingebrannt wie Deutschland, schon im Ersten Weltkrieg, als es im Mittelpunkt aller Leidenschaften stand, dann natürlich unter Hitler und im Zweiten Weltkrieg, zumal mit dem Verbrechen des Jahrhunderts, dem Mord an den europäischen Juden, und in mancher Hinsicht gilt es kaum weniger für die Zeit nach 1945.«
Zweifellos erfährt dieser Befund eine gewisse Relativierung, wenn man den Blick über Europa hinausschweifen läßt und – wie der britische Historiker Eric Hobsbawm in seiner Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts – in Rechnung stellt, daß sich die drei Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg aufgrund eines außergewöhnlichen Wirtschaftswachstums als »eine Art von Goldenem Zeitalter« gestalteten, in dem die Folgen der destruktiven deutschen Eingriffe in die Geschichte überspielt wurden. Und dennoch ist nicht zu vergessen, daß Deutschland im »kurzen« und zunächst einmal katastrophalen 20. Jahrhundert eine fatale Rolle gespielt und eine außerordentliche historische Schuld auf sich geladen hat. Von daher aber fällt ein Schatten auf fast jedes deutsche Leben, das mit dem beginnenden 20. Jahrhundert zu seiner verantwortlichen Entfaltung kam.
Dies gilt in besonderer Weise für den 1895 geborenen Ernst Jünger, der mit dem »Großen Krieg« nicht nur mündig, sondern auch gleich prominent wurde und in der Nachkriegszeit, die – nach Jüngers Ansicht – nur eine neue Vorkriegszeit sein konnte, ein entschiedenes und bestimmendes Wort mitreden wollte. Was er dann in seinen Kriegsbüchern und in seinen zahlreichen politischen Artikeln publik machte, hat Aufsehen erregt und ihm eine beträchtliche Lesergemeinde verschafft, hat ihn aber auch bei vielen Zeitgenossen wie Nachgeborenen in Mißkredit gebracht und ihm schroffste Verurteilungen eingetragen. So betrachtet ihn Hans-Ulrich Wehler im vierten Band seiner Deutschen Gesellschaftsgeschichte, der die Zeit von 1918 bis 1949 behandelt und im folgenden immer wieder dankbar herangezogen wird, als einen der »intellektuellen Totengräber der Weimarer Republik«, und bei anderen Gelegenheiten wertete er ihn mit nachgerade biblisch klingenden Formulierungen als »eine der Unheilsfiguren der neueren deutschen Geschichte«, speziell als einen »der großen Verderber der neueren deutschen Geistesgeschichte«.
Die vorliegende Biographie hätte nicht geschrieben werden können, wenn der Verfasser der Meinung wäre, daß derartige Verdikte der historischen Weisheit letzter Schluß seien. Man wird sie relativieren dürfen. Die Weimarer Republik ist nicht an Ernst Jünger zugrunde gegangen, und der Anteil, den er als Repräsentant der antiparlamentarischen Rechten an ihrem Untergang gehabt haben mag, wird nicht größer sein als der Anteil, den die zahlreichen prominenten Vertreter der antiparlamentarischen Linken gehabt haben dürften (nur daß diese erst neuerdings, 2005, durch eine umsichtige und nicht abwiegelnde Studie von Riccardo Bavaj in den Blick gerückt wurden). Man sollte Jüngers Einfluß auf den Gang der deutschen Geschichte nicht überschätzen; es gab andere Wirkungspotenzen. Von den Stahlgewittern, die 1920 erstmals publiziert wurden, dürften bis 1930 etwa sechsunddreißigtausend Exemplare verkauft worden sein; von Erich Maria Remarques Antikriegsroman Im Westen nichts Neues wurden nach dem Erscheinen als Buch im Januar 1929 innerhalb weniger Wochen zweihunderttausend Exemplare abgesetzt. Zudem sollte man nicht übersehen, daß Jünger mit der »Bewegung«, von der Deutschland vollends ins Unheil und zu beispiellosen Verbrechen getrieben wurde, keineswegs konform ging. Und schließlich sollte man, bevor man Acht und Bann über ihn verhängt, Jüngers anhaltende Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte in ihrer ganzen Breite und Tiefe zur Kenntnis nehmen: in ihrer diagnostischen Reichhaltigkeit, ihrer ästhetischen Eindringlichkeit und ihrer allzu oft verleugneten humanen Qualität.
Es müßte denjenigen, die etwa Jüngers Bücher über den Ersten Weltkrieg nur als Dokumente einer bellizistischen Verblendung, einer barbarischen Roheit und einer verführerischen Kriegsverherrlichung betrachten, zu denken geben, daß Remarque, als er 1928 an seinem Roman arbeitete, die Stahlgewitter und das Wäldchen 125 mit größtem Lob bedachte: Diese Bücher seien, so schrieb Remarque, »von einer wohltuenden Sachlichkeit, präzise, ernst, stark und gewaltig«. Und wer meint, in Ernst Jünger eine Unheilsfigur schlechthin sehen zu müssen, möge doch bedenken, wie sehr und beharrlich Carl Zuckmayer, der seit seinem Fröhlichen Weinberg (1925) unter Nationalisten und Nationalsozialisten zu leiden hatte, Jünger trotz mancher Differenzen über Jahrzehnte hinweg schätzte. Als ihm Annemarie Suhrkamp, die Frau des Verlegers Peter Suhrkamp, die zweite, 1938 erschienene Fassung von Jüngers Abenteuerlichem Herzen zukommen ließ, schrieb Zuckmayer aus dem schweizerischen Chardonne, wohin er emigriert war, an sie:
Liebste Mirl,/es ist gar kein Zufall, dass wir uns bei Ernst Jünger begegnen: seit vielen Jahren, lang schon bevor man ihn in »unsren Kreisen« kannte, […], lese ich seine Bücher, die mich – bei aller Gegensätzlichkeit – immer wieder stilistisch, inhaltlich, gedanklich, entzücken. […] So fern mir in vieler Hinsicht die »Stahlgewitter« sind und so fremd der »Arbeiter«, den ich auch für ein ganz verfehltes Buch halte, – so nah und verwandt und geradezu hinreissend empfinde ich einige Kapitel aus »Blätter und Steine«, »Afrikanische Spiele«, und jetzt scheint mir dies neue vielleicht am schönsten. Qualität, Persönlichkeit, Sprache: es gibt nur noch ein paar Findlinge, wenigstens in unsrer Altersklasse, die das noch haben.
Diese Wertschätzung setzt sich in der Beurteilung Jüngers fort, die Zuckmayer 1943 für den amerikanischen Geheimdienst schrieb und die 2002 unter dem Titel Geheimreport publiziert wurde:
Ernst Jünger halte ich für den weitaus begabtesten und bedeutendsten der in Deutschland verbliebenen Autoren. Ich glaube, dass sowohl seine wie seines jüngeren Bruders Opposition gegen das Naziregime echt ist und mit jener nur sehr bedingten Opposition aus anderen konservativen oder Offizierskreisen nicht identisch ist. Bei den Jünger’s kommt sie aus tiefren Quellen. Es handelt sich nicht um militärisch-politische Taktiken, in denen sie etwa mit Hitler differieren, sondern um den Geist. Ernst Jüngers Kriegsverherrlichung hat nichts mit Aggression und Weltbeherrschungsplänen zu tun – sein Herren-Ideal nichts mit demagogischem Unsinn à la Herren-»Rasse«. Ohne Pazifist oder Demokrat zu sein, ist es ihm bestimmt ernst mit der Vorstellung einer Weltgestaltung vom Geist her und durch das Medium der höchstentwickelten und höchstdisziplinierten Persönlichkeit. [...].
Nach der Rückkehr aus dem Exil bemühte sich Zuckmayer um eine Begegnung mit Jünger. Sie kam nicht zustande, was Zuckmayer sehr bedauerte. Am 14. November 1967 schrieb er an Jünger: »Ihnen bisher nicht begegnet zu sein, empfinde ich als einen der größten Mängel in meinem Leben.« Das mag eine geflissentliche Übertreibung gewesen sein, aber an Zuckmayers außerordentlicher Wertschätzung für Jünger ist nicht zu zweifeln. 1970, als Jünger aus historisch-politischen wie literarischen Gründen mannigfacher Kritik ausgesetzt war, schlug Zuckmayer ihn für den Goethepreis der Stadt Frankfurt vor. Zur Begründung schrieb er unter anderem, es gebe »kaum ein anderes Gesamtwerk eines lebenden deutschen Schriftstellers«, das nach »literarischem und intellektuellem Rang« dem von Ernst Jünger voranzustellen sei.
Mit diesen Hinweisen auf eine anerkennende Rezeption durch Zeitgenossen, denen man ein Urteil wohl zutrauen darf, sollen Jüngers Leben und sein Werk nicht für sakrosankt erklärt werden. Sie müssen sich selbstverständlich eine kritische Musterung und eine Beurteilung auch nach heutigen Maßstäben gefallen lassen. Doch verlangt die Gerechtigkeit auch die Berücksichtigung der geschichtlichen Umstände, und das Interesse an einer möglichst breiten und eindringlichen historischen Erkenntnis sollte von einer Tabuisierung bestimmter Gegenstände abhalten. Im übrigen ist komplexen Sachverhalten – und der Gegenstand dieses Buches darf wohl als ein solcher bezeichnet werden – nicht mit einfachen Formeln beizukommen.

ERSTER TEIL
Geborgenheit und Abenteuerlust
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Ernst Jünger in der Fremdenlegion, Herbst 1913
Die Die Jünger-Geschwister um 1912: Friedrich Georg, Johanna Hermine, Wolfgang, Ernst und Hans Otto: herausgeputzt, aufgeweckt, selbstbewußt. Der Vater hat im Kali-Bergbau reichlich Geld verdient, die Währung ist stabil, die Wirtschaftfloriert, Deutschland ist eine Großmacht. Die junge Generation spürt die »Sekurität«und blickt erwartungsvoll in die Zukunft.
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1895

1895, Jüngers Geburtsjahr. Die Fertilitäts- oder Geburtenrate ist um 1895 in Deutschland so hoch wie nie zuvor und nie wieder danach. Das hat seinen Grund: Mehrheitlich blicken die Deutschen in diesen Jahren mit Stolz auf ihr Land, mit Zufriedenheit auf ihre Situation und mit Optimismus in die Zukunft. Der siegreiche Krieg gegen Frankreich, der zur nationalen Einigung und Gründung des Deutschen Reichs geführt hat, liegt ein Vierteljahrhundert zurück, und seither lebt man – trotz einiger konjunktureller Einbrüche und sozialer Spannungen – in einer Zeit der Prosperität und der Modernität, der Neurasthenie und der Vitalität, des national(istisch)en Größenbewußtseins und der imperialistischen Aspirationen, des Fortschrittsdenkens und der Sekurität.
Prosperität und Modernität, Neurasthenie und Vitalität, Nationalismus und Imperialismus, Fortschrittsdenken und Sekurität -: Diese acht Begriffe markieren, was man in Anlehnung an die Astrologie, die aus der Konstellation der Gestirne bei der Geburt eines Menschen auf dessen Charakter und Lebensgang schließen will, als die soziale Nativität oder Geburtskonstellation Ernst Jüngers bezeichnen kann: als das Ensemble der sozialen – und das heißt allemal auch: kulturellen, politischen, ökonomischen – Gegebenheiten oder Umstände, die für den Lebensweg des 1895 Geborenen von weitreichender Bedeutung sein sollten. Die geschichtlichen Sachverhalte, die mit diesen acht »Merkworten« (Herder/Hofmannsthal) jener Epoche aufgerufen werden, haben Jünger ursprünglich geprägt und auf eine Bahn gelenkt, die ihn zunächst einmal zum Aktivisten der deutschen Katastrophe werden ließ. Sich ihr zu entwinden, war nicht leicht.
Prosperität: Die Gründung des Deutschen Reiches fiel mit einer konjunkturellen Aufwärtsbewegung zusammen und intensivierte diese noch einmal beträchtlich. 1873 aber kam es zu einer Weltwirtschaftskrise, die auch in Deutschland – trotz eines kontinuierlichen Wachstums – zu wiederholten Konjunkturkrisen und einer anhaltenden Deflation führte. Die Folgen waren ein markanter Verfall von Preisen, Gewinnen und Renditen sowie Lohnsenkungen, Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit. Diese »Große Deflation« hielt bis in die neunziger Jahre an. 1895 aber ist sie überwunden. Es beginnt ein furioser wirtschaftlicher Aufschwung. Die Wachstumsrate schnellt empor, erreicht 4,5 Prozent und bleibt trotz einiger Depressionsjahre bis 1913 auf diesem Niveau. Die Auswanderung geht stark zurück, die Einwanderung nimmt zu. Einkommen und Löhne steigen deutlich und kontinuierlich an und erlauben die Entwicklung eines höheren Lebensstandards auf breiter Ebene, auch wenn klassenspezifische Differenzen groß bleiben und manifeste Armut noch weit verbreitet ist. Aber: Die wirtschaftliche Entwicklung, die sich um 1894/95 abzuzeichnen beginnt, weckt Hoffnungen und erlaubt einen zuversichtlichen Blick in die Zukunft. Deutschland wird nach den Vereinigten Staaten von Amerika und neben Großbritannien die zweit- oder drittgrößte Wirtschaftsmacht und zum »Workshop of the World«. Dies schmeichelt dem Nationalismus und läßt imperialistische Begehrlichkeiten entstehen.
Modernität: Zum Jahreswechsel 1886/87 publizierte eine Gruppe junger Berliner Autoren, zu der auch Gerhart Hauptmann zählte, zehn Thesen zur Bedeutung und Zukunft einer gegenwärtigen, wirklichkeitsorientierten und wissenschaftlich grundierten Literatur. Die fünfte dieser Thesen lautet: »Unser höchstes Kunstideal ist nicht mehr die Antike, sondern die Moderne.« Damit wurde nicht nur eine kulturell wichtige Bewegung proklamiert: die Abwendung von ästhetischen Normen, die sich aus der Antike herleiteten, und die Hinwendung zu gegenwärtigen Vorstellungen und Werten; es wurde auch ein neues Wort in Umlauf gebracht: das Substantiv »die Moderne«, das es bis dahin nicht gegeben hatte. 1894 wird dieses Wort in den Großen Brockhaus aufgenommen, 1896 in Meyer’s Konversationslexikon, und als Bezeichnung für die zeitgenössische soziale und kulturelle Konfiguration indiziert oder, anders gesagt, als Bezeichnung für die gegenwärtige, als durchaus neuartig empfundene Epoche.
Und in der Tat, Deutschland ist sichtbar in die Moderne eingetreten, gewinnt zügig jene Modernität, die bis heute unsere Vorstellung von »Moderne« primär bestimmt: Die Industrialisierung greift mit neuer Dynamik um sich und prägt mit ihren Fabrikanlagen und Arbeitersiedlungen zahlreiche Städte und ganze Regionen. Viele Städte wachsen zu veritablen Großstädten an. Der Eisenbahnverkehr wird ausgebaut und technisch optimiert: 1892 wird die preußische Schnellzuglokomotive eingeführt, die eine Höchstgeschwindigkeit von 100 Kilometern pro Stunde erreicht (1907: 154,5), während die Züge um 1875 kaum halb so schnell waren. 1895 gibt es die ersten Autos mit luftgefüllten Gummireifen, beginnt die Serienproduktion von Motorrädern, erhalten die elektrischen Straßenbahnen die bis heute gebräuchlichen Bügelstromabnehmer, bekommt Graf Zeppelin das Patent auf sein Luftschiff, wird (in Frankreich) der Cinematograph entwickelt und damit das Kino auf den Weg gebracht, entdeckt Wilhelm Röntgen die nach ihm benannten elektromagnetischen Strahlen. Die naturwissenschaftliche Erkundung und Erklärung der Welt ist so weit fortgeschritten, daß der Zoologe und Popularphilosoph Ernst Haeckel 1899 glaubt behaupten zu können, die sogenannten »Welträtsel«, also die Fragen nach den letzten Gründen und Bedingungen der Welt und des Lebens, seien gelöst. Kurzum: Die Technik gibt der Welt und dem Leben jenes Aussehen, das bis heute als »modern« gilt; die Wissenschaft vermittelt den Zeitgenossen das Bewußtsein oder Gefühl, in einer weitestgehend erforschten und wissenschaftlich-technisch beherrschbaren Welt zu leben; die Künste reflektieren diese Entwicklung und nehmen darüber ein Aussehen an, das sie ebenfalls als dezidiert »modern« erscheinen läßt, auch dann, wenn sie, wie dies häufig der Fall ist, die forcierte technische und soziale Modernisierung kritisieren und beklagen.
Neurasthenie: Die Moderne bringt ihre eigene Krankheit hervor: die Neurasthenie oder reizbare Nervenschwäche, von der sich viele Zeitgenossen, Männer wie Frauen, plötzlich befallen fühlen. Man weiß nicht so recht, woher die Neurasthenie rührt und was es mit ihr auf sich hat. Einige medizinische Experten führen sie auf die natürliche Dekadenz zurück; die meisten Beobachter aber verweisen auf die notorisch gewordene Überforderung der Menschen durch die Moderne: durch das wirbelnde Leben in den Großstädten; durch die Reizungen des Konsums in einer Welt der beginnenden Massenproduktion und der Verfügbarkeit exotischer Waren; durch das entfaltete kapitalistische Wirtschaftssystem mit seinem Konkurrenzprinzip, mit seiner Verbindung von Chance und Risiko, mit seinem undurchschaubaren Auf und Ab der Konjunktur; durch den daraus sich ergebenden Leistungsdruck im persönlichen Leben, in dem die Arbeit ein immer größeres Gewicht bekommt und zugleich das Gefühl entsteht, daß es kein Fertigwerden gebe und daß man stets in der Gefahr schwebe, im Lebenskampf gegen die harte Konkurrenz zu unterliegen. In einem Kommersbuch aus Jüngers Geburtsjahr 1895 findet sich ein Lied mit dem Titel Nervöses Zeitalter, in dem es heißt:
Überall ein Rennen, Jagen nur nach Mammon, schnödem Geld;
jeder möcht die erste Geige gerne spielen in der Welt.
Hastges Treiben, hastge Miene, wildes Wogen und Getös!
Und der Mensch wird zur Maschine, und der zweite wird nervös.
Joachim Radkau, der dieses Syndrom in einer aufschlußreichen Studie dokumentiert und analysiert hat, schreibt der Nervosität jener Zeit zu Recht einen doppelten Charakter zu: Sie war »echte Leidenserfahrung« und »kulturelles Konstrukt«, also Bewußtmachung und Profilierung dieser Leidenserfahrung, zum Teil aber auch Induzierung und Stimulus. Und Radkau macht weiterhin deutlich, daß diese moderne Nervosität zu einer Art von Zeitstil wurde, den Habitus der wilhelminischen Gesellschaft prägte und sich nicht nur im privaten und beruflichen Leben zeigte, sondern auch in der Sphäre der Politik, die ja nach dem Amtsantritt Wilhelms II. in der Tat »nervös« wurde: gereizt, lamentierend, unzufrieden, ungeduldig, sprunghaft, aggressiv.
Eng verwandt mit der Vorstellung der Neurasthenie ist die der modernen Degeneration, die 1892/93 von dem jüdischen Arzt und Schriftsteller Max Nordau in einem zweibändigen Werk unter dem Titel Entartung als epochales Phänomen profiliert und attackiert wurde. Unter »Entartung« verstand Nordau – im Anschluß an medizinische Schriften – eine »krankhafte« und erbliche »Abweichung« von einem »ursprünglichen« und gesunden Typus; sie mindere – so Nordau – die physische wie die psychische Integrität der Betroffenen, mache sie für sittliche Perversionen aller Art anfällig und verhindere, daß sie ihre »Aufgabe in der Menschheit« erfüllen (I, 27). Den Grund für diese um sich greifende »Degeneration« oder »Entartung« sah Nordau in der Überforderung der Zeitgenossen durch die Moderne: »Gleichsam von einem Tag auf den andern, ohne Vorbereitung, mit mörderischer Plötzlichkeit mußten sie den behaglichen Schleichschritt des frühern Daseins mit dem Sturmlauf des modernen Lebens vertauschen und das hielten ihr Herz und ihre Lunge nicht aus« (I, 64). Die Folgen dieser überfordernden Modernisierung sah Nordau in der modernen Kunst und Literatur: im Ästhetizismus eines Baudelaire wie im Naturalismus eines Zola, in Wagners Musik wie in Nietzsches Philosophie. Nordau war sowohl ein gründlicher Kenner der modernen Kunst als auch ein entschiedener Vertreter der rationalistischen Moderne, und als solcher mißverstand er die transrationale moderne Kunst in einem fatalen Kurzschlußverfahren als Symptom für »Degeneration« und denunzierte sie als »Entartung«. In Nordaus Buch betrachtet die Moderne sozusagen ihr künstlerisches und philosophisches Selbstporträt – und erschrickt so sehr darüber, daß sie es verwerfen muß. Das Erschrecken der Moderne über sich selbst gehört zur Moderne und wird zu reaktionären Rebellionen gegen die Moderne und zu Vernichtungsaktionen gegen ihre avantgardistischen Vertreter und Werke führen.
Vitalität: Neurasthenie erscheint nicht nur als Schwäche, die sich den Herausforderungen und Zumutungen des Lebens nicht gewachsen fühlt. Sie zeigt sich auch – wie bei Wilhelm II. – als Agilität und »kinetische Energie« (Radkau), die alle Schwächegefühle verdrängt und voller Ungeduld auf Möglichkeiten zur erfolgreichen Betätigung wartet. Schwächegefühl und Kraftmeierei, Lebensangst und Lebensgier gehören eng zusammen. Gleichzeitig mit der Mode der Neurasthenie greift der Vitalismus um sich: der Kult des »gesunden«, kräftigen und schwungvollen Lebens, das Dekadenz und Schwächezustände nur als Übergangserscheinungen kennt und sich im übrigen rational weder erklären noch bändigen läßt; das Leben gilt als etwas zutiefst Irrationales, das nur intuitiv zu erfassen ist. Die ersten Ansätze dieser Philosophie oder Ideologie des »Lebens«, von dem man nun mit geradezu religiöser Emphase spricht, finden sich in der Zeit des Sturm und Drang; der große Anreger und wichtigste Exponent aber ist Friedrich Nietzsche. Für ihn bedeutet Leben ständiges Werden, ständiges Wachstum, ständige Steigerung, was allerdings auch von Destruktionen begleitet ist: »Zeugen, Leben und Morden ist eins«, heißt es in der dritten von Nietzsches Fünf Vorreden. Die Verherrlichung des Lebens verbindet sich mit dem Bekenntnis zur Tat, zur Aggressivität, zum Kampf, zum Krieg, auch zu einer »neuen Barbarei« als Übergang zu einem »neuen Menschen«. Von den 1880er bis in die 1920er Jahre spielt dieser Vitalismus eine große Rolle.
Nationalismus: Nationalismus ist um 1895 weder etwas Neues noch etwas spezifisch Deutsches. Er entstand aus den politischen Revolutionen der Neuzeit, angefangen vom niederländischen Unabhängigkeitskampf gegen Spanien bis zur Französischen Revolution und zu den anschließenden deutschen Freiheitskriegen. In dieser Phase war der Nationalismus im wesentlichen eine Form der politischen Selbstverständigung und Selbstbestimmung, der inneren und äußeren Nationsbildung; er wirkte integrierend und mobilisierend – und zeigte allerdings gleich auch die Fratze der nationalen Überheblichkeit, des Hasses auf andere Nationen und der tendenziell totalitären Feindseligkeit gegenüber »unangepaßten« Gruppen im Inneren. Im 19. Jahrhundert wuchsen dem Nationalismus neue, nämlich wirtschaftliche und soziale Funktionen zu: Er lieferte die Begleitmusik für den großen Prozeß der Modernisierung, spornte zu den Leistungen der Industrialisierung wie der Handelsexpansion an – und ließ darüber hinwegsehen, mit welchen Zumutungen an Mobilisierung und Disziplinierung, Ausbeutung und Entfremdung dies für die Menschen verbunden war.
Das zersplitterte Deutschland gehörte in politischer wie ökonomischer Hinsicht nicht zu den »Pionierländern« und Gewinnern dieses Prozesses, sondern zu den »Nachzüglern« und Verlierern – bis sich mit der Reichsgründung von 1871 eine Wende abzeichnete. Diesen Umständen verdankt der Nationalismus die außerordentliche Wirkungskraft, die er in Deutschland im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts erreicht: Er wird zum ideologischen Rüstzeug für den Aufstieg zur politischen und ökonomischen Großmacht. Er artikuliert und nährt als »Reichsnationalismus« das Bewußtsein, ebenfalls einer großen Nation anzugehören, die aufgrund ihrer kulturellen und wirtschaftlichen Leistungen Anspruch auf eine Führungsposition in der Welt hat. Er greift von der hauptsächlich bürgerlichen und protestantischen Trägerschicht der früheren Jahrzehnte auf fast alle sozialen Gruppen über und erfaßt nach dem »Kulturkampf« die zunächst ausgegrenzten Katholiken ebenso wie nach dem Ende der »Sozialistenverfolgung« die sozialdemokratische Arbeiterschaft, desgleichen die Juden (»deutsche Staatsbürger mosaischen Glaubens«), auch wenn der Antisemitismus, der in eben diesen Jahren eine biologistisch-nationalistische Radikalisierung erfährt, ihnen permanent vorhält, daß sie als Angehörige einer fremden »Rasse« zu vollgültigen und willkommenen Mitgliedern der deutschen Nation nicht werden könnten. Nationalismus gewinnt den Charakter einer »politischen Religion« und wird in dieser Form für viele Menschen zum existentiellen Sinnhorizont und globalen Heilsversprechen: »Am deutschen Wesen soll die Welt genesen!«
Imperialismus: Imperialismus ist die Fortsetzung des Nationalismus in internationalem und tendenziell globalem Rahmen: Die nationalen Interessen und Ansprüche sollen durch eine Schaffung von Einflußsphären oder eine Eroberung von Kolonien befriedigt und gesichert werden. So wenig wie der Nationalismus ist der Imperialismus ein spezifisch deutsches Phänomen; vielmehr ist das deutsche Expansionsstreben der Wilhelminischen Ära integraler Bestandteil des westeuropäischen Imperialismus. Dieser hat mehrere Motive: die Dynamik des Industriekapitalismus, die ständig neue Rohstoffquellen und Absatzmärkte verlangt; die sozialdarwinistische Vorstellung, daß auch die Nationen einem natürlichen Kampf ums Überleben unterworfen und deswegen gezwungen seien, ihre nationalen Interessen gegenüber anderen Nationen kämpferisch und expansiv durchzusetzen; die durch den Nationalismus genährte Vorstellung, daß die je eigene Nation dazu berufen sei, die Welt zu ordnen und ihr die eigentliche »Zivilisation« oder »Kultur« zu bringen. Und er erscheint den Zeitgenossen als unentrinnbare Notwendigkeit: Wer die Schaffung eines Imperiums oder wenigstens von großen merkantilen und politischen Einflußsphären versäumte, war nach Meinung der Zeitgenossen dazu verurteilt, ökonomisch zurückzufallen und politisch ausgeschaltet zu werden – zum Nachteil aller Angehörigen einer Nation, die dann in der Heimat von der Verarmung bedroht waren und in der Fremde als Menschen zweiter Klasse behandelt wurden. Das doppelte Elend von Emigranten, die Not in der Heimat und die Deklassierung in der Fremde, ist eine von zahllosen Deutschen erlittene Erfahrung und wird in der Literatur jener Zeit vielfach reproduziert – bis hin zu Hans Grimms voluminösem Roman Volk ohne Raum (1926), der zum Bestseller nur werden konnte, weil er auf diesen Erfahrungen aufbaute und die Ängste, die damit verbunden waren, aufrief. Um 1895 steht für die meisten Deutschen fest: Deutschland muß, wenn es einen »Platz an der Sonne« erringen und behalten will, »Welt(macht)politik« treiben, und es braucht dafür ein starkes Heer und eine starke Flotte. Der Imperialismus fordert und fördert den Militarismus.
Fortschrittsdenken: »Evolution« und »Entwicklung« sind Zentralbegriffe des Weltverständnisses im ausgehenden 19. Jahrhundert. Selbstverständlich denkt man sie sich als Fortschritt zu immer höheren Organisationsformen und immer besseren Zuständen des Lebens. Die Aufklärung und der Idealismus hatten die Idee der »Perfektibilität« oder Vervollkommnungsfähigkeit des Menschen und der menschlichen Gesellschaft in die Welt gebracht. Im 19. Jahrhundert warteten wirkungsreiche Philosophen – Auguste Comte, Karl Marx, Herbert Spencer – mit Theorien auf, welche die Geschichte als gesetzmäßige und stufenweise Aufwärtsentwicklung erscheinen ließen. Darwins biologische Abstammungs- und Entwicklungslehre wirkte beglaubigend und inspirierend; sie gab dem Fortschrittsglauben naturwissenschaftliche Evidenz und ließ im sogenannten Sozialdarwinismus gleichsam ein Fortschrittssicherungsprogramm für menschliche Gesellschaften entstehen. Die Errungenschaften von Wissenschaften und Technik taten ein übriges, um den Glauben an den Fortschritt unabweisbar und allgemein zu machen. Um 1895 sind vor allem die Gebildeten davon überzeugt, daß die Wissenschaft die Welt in Bälde vollständig erklärt haben wird und daß sie im Verein mit der Technik das menschliche Leben in allen Bereichen erleichtern und sichern wird.
Sekurität: Das Jahr 1895 bezeichnet ungefähr die Mitte jener Zeit, die der österreichisch-jüdische Romancier und Essayist Stefan Zweig in seiner aufschlußreichen Autobiographie Die Welt von gestern (postum 1943/44) als »das goldene Zeitalter der Sicherheit« oder, wie man damals auch gerne sagte, der »Sekurität« beschrieben hat. Der letzte Krieg liegt über zwanzig Jahre zurück, und ein neuer ist nicht abzusehen, obwohl ihn einige Politiker und Zeitanalytiker vorhersagen und zum Teil auch herbeiwünschen. Aber das europäische Staatensystem wirkt stabil, und es wird ja noch zwanzig Jahre dauern, bis es mutwillig zur Disposition gestellt wird. Die Wirtschaft floriert, der Wohlstand der bürgerlichen Schichten nimmt beträchtlich zu, und die Lage der deutschen Arbeiterschaft hat sich durch steigende Reallöhne und die weltweit als vorbildlich betrachtete Sozialgesetzgebung verbessert (1878: Arbeiter-, Jugend- und Mütterschutz; 1883: Krankenversicherung; 1884: Unfallversicherung; 1889: Invaliditäts- und Altersversicherung).
Gewiß ist das Leben nicht frei von Spannungen und Niederlagen. Es gibt soziale Konflikte und Zusammenbrüche von Firmen, die das Sekuritätsgefühl unterminieren und Niedergangsängste aufkommen lassen. Nicht grundlos schreibt der Lübecker Patriziersproß Thomas Mann von 1897 bis 1900 mit der kleinen Rente, die er nach der Liquidation der väterlichen Getreidefirma erhält, die Geschichte des »Verfalls einer Familie« (so der Untertitel der 1901 erschienenen Buddenbrooks); und nicht von ungefähr entstehen um 1910 Gedichte wie Georg Heyms Umbra vitae und Der Krieg, die von der Erwartung einer baldigen Katastrophe diktiert sind. Aber das Beispiel von Jüngers Vater, der 1913 im Alter von 45 Jahren glaubt, für den Rest seines Lebens vorgesorgt zu haben, zeigt, daß man sich von derartigen Prognosen nicht allzusehr beeindrucken läßt. Man lebt, um noch einmal mit Stefan Zweig zu reden, in dieser »Welt der Sicherheit wie in einem steinernen Haus« – und ahnt nicht, daß die nächsten drei Jahrzehnte mit geschichtlichen Stößen aufwarten werden, die auch das Haus der Sekurität gründlich erschüttern und den Bewohnern die Sicherheit des Auskommens und des bloßen Überlebens weitgehend entziehen. Ein halbes Jahrhundert später, 1958, wird Bundeskanzler Konrad Adenauer in seiner Weihnachtsansprache sagen: »Ist es nicht traurig, daß die Mehrzahl der jetzt Lebenden Ruhe, Frieden und Sicherheit, ein Leben frei von Angst, niemals gekannt hat?«

Familienchronik

Heidelberger Geburtsgeheimnisse

29. März 1895: Ernst Jünger wird als das erste Kind von Ernst Georg Jünger und Karoline Lampl in Heidelberg geboren. Die Nativität, also die Konstellation der Gestirne im Zeichen des Widder, wird von Astrologen als günstig beurteilt, und Jünger bezieht daraus zeitlebens eine gewisse Zuversicht. Ansonsten gibt es, was die Umstände der Geburt angeht, einige Unklarheiten. Die Eltern sind, wie die Eintragungen im Standesamt Heidelberg anzeigen, noch nicht verheiratet, und doch wird das Kind nicht, wie damals üblich, unter dem Namen der Mutter, also Lampl, sondern unter dem Namen Jünger registriert. Als Geburtshaus wird »Ziegelgasse 3« genannt, doch beruht dies, wie der Heidelberger Stadthistoriker Michael Buselmeier vermutet, auf einer Verwechslung: »Ziegelgasse 3« ist ein »Arme-Leute-Haus«, in dem die Hebamme wohnt, die dem Kind ans Licht der Welt verhilft. Der Vater hat sich im ersten Stockwerk des viel vornehmeren Hauses »Sophienstraße 15« eingemietet, doch ist nicht dokumentiert, ob die Mutter bei ihm oder im Haus »Ziegelgasse 3« wohnt. Beide sind sie jedenfalls kurz zuvor von München, wo sie sich kennengelernt haben, nach Heidelberg übergesiedelt, wo Ernst Georg Jünger als Assistent des Chemikers Victor Meyer arbeitet. Daß die Lebens- und Familienverhältnisse etwas irregulär sind, scheint im akademischen Milieu, zumindest im naturwissenschaftlichen Sektor, belanglos zu sein. Die Ehe zwischen Ernst Georg Jünger und Karoline Lampl wird – laut einer Randbemerkung auf Ernst Jüngers Geburtsurkunde – erst in der zweiten Hälfte des Jahres 1897 auf Helgoland geschlossen.
Woher stammen Ernst Georg Jünger und Karoline Lampl? Und was bringen sie an möglicherweise prägenden Anlagen mit? Einiges hat ihr Sohn in einer 1914 verfaßten Familienchronik festgehalten und später an verschiedenen Stellen seines Werks mitgeteilt. Süddeutsches und Norddeutsches flossen zusammen, naturwissenschaftliche Orientierung und künstlerische Neigungen verbanden sich.

Vorfahren

Jüngers Urgroßvater Georg Christian Jünger wurde 1810 im württembergischen Neckargartach geboren, einem damals selbständigen Dorf, das nur durch den Neckar von Heilbronn getrennt war. Georg Christian Jünger wurde Schuster und lebte später als Schuhmachermeister in Osnabrück. Seine Frau Gertrud Wilhelmine geb. Niemann entstammte einer bäuerlichen Familie, die in Ösede bei Osnabrück einen Hof besaß. Fleiß, Akkuratheit und Bescheidenheit wurden geschätzt, aber doch ging des Urgroßvaters Leben nicht im Beruf allein auf. Er liebte es, mit seinem Sohn zusammen »einen starken Kaffee zu brauen, die lange Pfeife zu rauchen und die Gartenlaube zu lesen« (so die Familienchronik). Die Gartenlaube war eine Vorläuferin der modernen Illustrierten und das erste große deutsche Massenblatt. 1852/53 von einem liberal und progressiv denkenden Verleger gegründet, war sie ein wichtiges bürgerliches Aufklärungsblatt, »die eigentliche Trägerin des demokratischen Gedankens« und »das freiheitliche Gewissen Deutschlands«, wie der naturalistische Dramatiker Hermann Sudermann in seiner Autobiographie bemerkt. Zudem war sie ein Blatt, das mit einem breiten Spektrum von Artikeln über Kunst wie über soziale Probleme, über technische Errungenschaften wie medizinische Themen informierte und durchaus auch respektable Literatur druckte. Diese Gartenlaube, nicht das harmlose Familienblatt, zu dem sie nach der Reichsgründung allmählich wurde, hat der auf der überlieferten Porträtaufnahme nachdenklich aussehende Mann um 1860 mit seinem Sohn gelesen: ein Medium der bürgerlichen Aufklärung und der kulturellen Modernisierung.
Der Sohn, Ernst Jüngers Großvater, wurde 1840 in Osnabrück geboren und auf den Namen Christian Jakob Friedrich Clamor Jünger getauft, bald aber nur »Fritz« gerufen. Er besuchte das Lehrerseminar in Osnabrück und unterrichtete anschließend im benachbarten Bramsche, wo er seine spätere Frau kennenlernte, die 1839 geborene Wirtstochter Hermine Wolters. In der zweiten Hälfte der sechziger Jahre wechselte er an eine private Mädchenschule in Vegesack, dann an das neugegründete Lyzeum II (später Goethe-Gymnasium) in Hannover, wo er in den Vorklassen Mathematik und Biologie unterrichtete. Von 1872 bis 1896 bewohnte er mit seiner Familie ein großes Haus in der Weinstraße (16a), das zugleich als Pensionat für eine kleine Zahl von Schülern aus der Umgebung, aber auch aus England und Spanien diente. Die überlieferten Photos zeigen wohlhabende und selbstbewußte Bürgerlichkeit, die auch Ernst Jünger noch kennenlernte, als er 1903 bei den Großeltern einzog, um das Gymnasium besuchen zu können (die Eltern waren inzwischen nach Schwarzenberg im Erzgebirge gezogen). Einiges von der Atmosphäre und dem Ethos dieses bürgerlichen Haushalts hat er später in der Schülergeschichte Die Zwille (1973) festgehalten. Besonders bemerkenswert ist, was dort in dem Kapitel »Die Einrichtung« über die Haltung des Pensionsleiters gegenüber dem zivilisatorischen Fortschritt gesagt wird: Er hält in vielen »Modernisierungsgesprächen« (18, 95) an allem fest, was die Autonomie und Autarkie seines Hauses bewahren hilft, am Handpumpenbrunnen auf dem eigenen Grundstück wie an Öllampen, weil in beiden Fällen keine Leitungen nach außen nötig sind, das Haus nicht »angezapft« wird und keine »Abhängigkeit von anonymen Maschinisten« entsteht (94). Möglicherweise ist hinter dem Pensionsleiter der Zwille der Großvater zu sehen, und jedenfalls verweist diese Figur auf eine Bürgerlichkeit, die auf ein auskömmliches und möglichst autonomes Leben Wert legte und den Modernisierungsimperativen der Zeit, die diese Selbständigkeit und Selbstgenügsamkeit gefährdeten, mit Mißtrauen begegnete. Auch dieses Bürgertum gehört zu Jüngers Erfahrungshorizont und ist vielleicht mit ursächlich für seine später deutlich werdende Neigung zu einem möglichst unabhängigen Leben eher am Rand der urbanen Moderne. Im übrigen bekam Jünger von diesem Großvater 1905 ein für ihn bedeutungsvolles Buch geschenkt: Alexander von Humboldts Reisen in die Aequinoctialgegenden, und zeit seines Lebens blieb er von dem Mut dieses Reisenden und von seiner präzisen Beobachtung fasziniert (vgl. 20, 57 und 60).

Der Vater

Der Ehe von Fritz und Hermine Jünger entsproß 1868 als erster Sohn Ernst Georg Jünger, der Vater Ernst Jüngers. Er begeisterte sich früh für die Naturwissenschaften, speziell für die Chemie, und richtete sich bereits als Schüler unter dem Dach des elterlichen Hauses ein Laboratorium ein. So verwundert es nicht, daß er Chemie studierte, auf Geheiß des Vaters, der die Chemie als brotlose Kunst betrachtete, allerdings auch soviel Pharmazie, daß er sich später als selbständiger Apotheker niederlassen konnte; seine pharmazeutischen Famulaturen führten ihn 1888 für ein Jahr nach Berlin, danach für ein Jahr nach London. Mit dem Chemiestudium begann Ernst Georg Jünger in Marburg, wechselte dann aber nach München und schließlich nach Heidelberg, wo er 1895 von dem renommierten Chemiker Victor Meyer aufgrund einer Arbeit über »Synthesen in der m-Terpenreihe« zum »Dr. phil.« promoviert wurde. Meyers jüngste Tochter hat ihn später als einen »charmanten Gesellschafter« beschrieben (14, 65). Bis zum Jahresende 1896, möglicherweise bis zum Sommer 1897, arbeitete Ernst Georg Jünger als Assistent von Meyer. Wie Ernst Jünger in den Subtilen Jagden mitteilt, gelang es seinem Vater, aus dem Waldmeister das Cumarin zu isolieren, das in der Parfümerie zur Erzeugung von Heu- und Lavendeldüften gebraucht wird (10, 11). Ob eine akademische Laufbahn nicht geplant war oder daran scheiterte, daß sein Lehrer Meyer Anfang August 1897 Selbstmord beging, ist nicht mehr auszumachen; Friedrich Georg Jünger bemerkt in seinem Erinnerungsbuch Grüne Zweige––––