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Inhaltsverzeichnis
 
 
 

Für Lene und Klaus

1
Ein folgenreicher Museumsbesuch
Manchmal riecht Erinnerung nach Silberputzmittel und muffigen, schlecht gelüfteten Zimmern, und doch wird mit diesem Geruch ein wohliges Gefühl von Geborgenheit transportiert. Dorle Wilke verspürt noch immer einen Hauch muffiger Sidol-Luft, wenn sie heute vor der hübschen, gelb getünchten Villa im Berliner Vorort Frohnau steht. Hier lebten einst Leute, die ihren Eltern geholfen haben.
 
Manchmal schmeckt Erinnerung nach klebrigem, grünem Eis am Stiel, und der bittersüße Geschmack bringt ein Gefühl von unbestimmter Angst hervor. Im Gedächtnis von Dorle Wilke gehören zu dem grünen Eis lauter weinende Frauen. Sie standen zusammen mit ihrer Mutter vor dem jüdischen Krankenhaus im Berliner Bezirk Wedding, hatten Kopfkissenbezüge mit Brotstullen in den Rinnstein gelegt und hofften, dass ihre Männer bald aus der »Schutzhaft« frei kämen. Dorle Wilkes Vater war einer von ihnen.
 
 
Über viele Jahre waren die Gerüche im Gedächtnis der Dorle Wilke abgekapselt wie vergessene Essenzen in einem fest verschlossenen Parfümflakon. Es gab viel zu viel zu tun in ihrem Leben, als dass sie sich den Blick zurück hätte erlauben können. Sie arbeitete als Buchhändlerin, zog zwei Söhne groß und umsorgte ihren Ehegatten. Dieser Mann ist mein Deutschlehrer gewesen. Während der Schulzeit war er so ziemlich der einzige Lehrer, auf dessen Urteil ich wirklich etwas gab.
 
Bei einer Deutscharbeit über eine Geschichte von Bertolt Brecht aber hatten wir uns gründlich missverstanden, ich bekam eine fünf von ihm dafür. Es war eine der Geschichten von Herrn Keuner, »Maßnahmen gegen die Gewalt« betitelt. In der kleinen Parabel, die kurz vor der Machtübernahme der Nazis in Deutschland geschrieben wurde, erzählt Brecht davon, wie Herr Keuner, ein »Denkender«, seinen Schülern erklärt, warum es wichtiger sein kann, totalitäre Gewalt zu überleben, ohne sich dabei zu verbiegen, statt sich ihr gleichsam mit offenem Visier in den Weg zu stellen und einen sinnlosen Heldentod zu sterben.
 
 
Damals ahnte ich noch nicht, dass die Frage, die der Geschichte zugrunde liegt, ein Lebensthema für mich werden würde: Immer wieder habe ich zu ergründen versucht, wie sich einzelne Menschen in einem totalitären Regime verhalten, das schließlich auch von Menschen gemacht ist. Welche Möglichkeiten haben Bürger in Diktaturen, nach Maßstäben der Menschlichkeit zu handeln und anderen zu helfen? Wie groß war der Spielraum Einzelner für einen wenn auch stillen Widerstand im NS-Regime? Was treibt Menschen dazu, mitzumachen und womöglich die Notlagen anderer auszunutzen?
 
 
Im Fall des Herrn Keuner war ich als jugendlicher Heißsporn fest überzeugt, dass er den offenen Protest gegen die Gewalt hätte predigen müssen, und das schrieb ich in die Klassenarbeit. Mein Deutschlehrer aber hielt es mehr mit Brecht, er war gegen den sinnlosen Heldentod. Ich fühlte mich unverstanden und enttäuscht über seine schlechte Note. Doch was wussten wir damals, Anfang der siebziger Jahre, schon von den wirklichen Gefahren des Lebens? Mein Deutschlehrer Helmut Wilke kannte einiges. Er war nicht nur jünger als die meisten anderen Lehrer, die teilweise noch stark von der Nazizeit geprägt waren. Er wirkte auch kein bisschen empfänglich für das Rechtfertigungsgerede der Altvorderen. Ich habe erst viele Jahre später begriffen, dass dies womöglich mit der Lebensgeschichte seiner Frau zu tun hatte.
 
 
Eine Geschichte, die einst in Berlin begann und nach dem Krieg in dem Universitätsstädtchen Marburg an der Lahn ihre Fortsetzung fand. Eine Geschichte, die so typisch ist für die Verwicklungen und das Leben in unserem Land, dass man sie eigentlich schon vor vielen Jahren hätte aufschreiben müssen – wenn denn Dorle Wilke damals schon all die Einzelheiten aus ihrem Gedächtnisfundus hätte hervorholen wollen. Doch es ging ihr wohl wie vielen anderen Menschen nach dem Krieg: Eine lähmende Amnesie hatte sich wohlwollend über die Ereignisse gelegt, deren man sich nur zuweilen schemenhaft erinnerte – wie im Nebel plötzlich unheimlich aussehende Baumumrisse auftauchen, die bei Licht betrachtet einen ganz anderen Eindruck machen. Und so blieben Dorle Wilkes Erinnerungen viele Jahre lang abgekapselt im Gedächtnisflakon.
 
Erst ein Museumsbesuch löste die Erschütterung aus, die vielleicht notwendig war, um den Flakonpfropfen zu lösen. Die Wilkes waren 1995 nach Leipzig gefahren, wohin sie seit dem Ende der DDR immer wieder pilgerten. Die Leipziger Buchmesse mit ihren vielen hundert Lesungen in allen möglichen Lokalitäten der Stadt war eines der Lieblingsereignisse der Ehepartner, die beide leidenschaftliche Buchleser sind. Diesmal reisten sie jedoch nicht zu Messezeiten nach Leipzig, eine Ausstellung im Museum der bildenden Künste zog sie an, Zeichnungen, Skulpturen und Gemälde von Max Klinger wurden gezeigt. Im Skulpturensaal passierte es: Dorle stand plötzlich vor einer Knabenbüste, die ihr unendlich nah und vertraut vorkam. Ein Blick in den Katalog bestätigte ihr Gefühl: die Marmorplastik »Knabenbildnis« stellte ihren Vater dar.
 
 
Es war vielleicht dieser Moment, der ihrem Leben eine neue Wendung gab. Dorle Wilke hatte bis dahin nicht gewusst, dass es überhaupt eine künstlerische Darstellung ihres Vaters gab. Zwar hatte Reinhold Meyer immer mal wieder beklagt, dass in den Wirren des Zweiten Weltkrieges auch eine schöne Marmorskulptur, die sein eigener Vater, der Literaturprofessor Richard Moritz Meyer, besessen hatte, neben vielem anderen verloren gegangen sei. Doch dass die Büste ihn selbst, Reinhold Meyer, darstellte, das hatte er nie erwähnt. Als Dorle Wilke die Büste im Museum entdeckte, hatte sie plötzlich das Gefühl, ihren Vater mit ganz anderen Augen zu sehen.
 
Wer war dieser Mann, der in späteren Jahren oft schweigsam auf seinem Sessel saß und sich auf einer Flut von Zetteln handschriftliche Notizen machte? Dorle hatte nach seinem Tod alle Zettel aufgehoben, derer sie noch habhaft werden konnte. Noch heute bewahrt sie die karierten und linierten Papiere in ihrem kleinen Arbeitszimmer auf, in welchem zwischen Bergen von Büchern zwei zwitschernde Kanarienvögel in ihren Käfigen sitzen. Den Sinn der väterlichen Notizen aber hatte selbst Dorle Wilke nicht recht ergründen können.
Im Sommer 2000 mieteten wir uns für ein paar Tage in Berlin ein, um die Stationen abzuwandern, an die sie sich aus Kindheitstagen erinnerte. Da standen wir in Frohnau vor dem gelb getünchten Haus mit dem Sidol-Geruch – jetzt wohnte ein nettes Ehepaar darin, und es roch nach frischen Blumen statt nach Silberputzmittel. Der Mann, der ein Enkel des früheren Bewohners war, wusste manches zu erzählen, und doch fühlte sich Dorle verletzt, als wir das Haus wieder verließen. Dass ihr Vater in der Geschichtsschreibung der Frohnauer Familie als der »Jude Meyer« bezeichnet wurde, war ihr wie ein Stich ins Herz gegangen.
 
Nicht weit vom Alexanderplatz betrachteten wir die Gedenksäule für die Frauen der Rosenstraße, die hier einst für die Freilassung ihrer Männer demonstriert hatten. In ihrem weiten Faltenrock sah Dorle plötzlich wie das kleine Mädchen von damals aus, das hier im März 1943 in der Kälte gebibbert hatte. Es sei ihr in jenen Tagen so vorgekommen, als ob sich der Himmel verdunkelt habe, erzählte sie. Diesen Eindruck hatten vermutlich die vielen Frauen erzeugt, die so eng beieinanderstanden, dass die kleine Dorle nichts mehr hatte sehen können.
 
 
Wir kamen zum Jüdischen Krankenhaus und standen an der viel befahrenen Straße, die heute an dem Gebäudekomplex vorbeiführt. Hier war es, wo Dorle die vielleicht schlimmsten Ängste um ihren Vater ausgestanden hatte, begleitet von einem bittersüßen grünen Eis, dessen Geschmack sie noch heute auf der Zunge wiedererkennen würde. Auch das Gelände am Potsdamer Platz erkundeten wir. Voßstraße Nr. 16 lautete die alte Adresse, jetzt musste man durch einen Bauzaun klettern, um das öde Terrain zu besichtigen, auf dem dereinst das Haus ihrer Eltern gestanden hatte.
Heute residiert der Arbeitgeberverband Gesamtmetall in einer neuzeitlichen Geschäftsvilla auf dem Gelände. Nach zähem, jahrelangen Kampf hatte Dorle Wilke das Grundstück nach dem Ende der DDR wieder für die Familie zurückerobert und an eine Baufirma abgetreten. Auch die Büste des Vaters wurde ihr im Jahr 2003 zurückerstattet. Sie war, wie sich herausgestellt hatte, auf nicht ganz rechtmäßigen Wegen in den Besitz des Leipziger Museums gelangt.
 
Doch all diese Ereignisse waren im Grunde nur ein Vorspiel. Es bedurfte noch weiterer Jahre, bis Dorle Wilke zum Eigentlichen vorstoßen konnte: der Suche nach dem empfindsamen, musizierenden Großbürgerspross, der ihr Vater einst gewesen war, einem Liebhaber der Bilder und der Bücher. Im Sommer 2006 stieg sie mit mir auf den Dachboden des kleinen Reihenhauses in Marburg, in dem sie seit vielen Jahren lebte. Zwischen altem Kinderspielzeug und zur Seite gestelltem Hausrat lagen da ein paar Einkaufstaschen aus Baumwollstoff übereinandergestapelt, wie sie in den siebziger Jahren Mode gewesen waren. Auf die Stofftaschen war ein Werbe-Emblem gedruckt: ein stilisierter Ritter mit einem Schwert, das Firmenzeichen der Marburger Universitätsbuchhandlung N. G. Elwert.
 
Dorle Wilke hatte dort jahrzehntelang gearbeitet. Erst als sie pensioniert war und auch noch eine lebensbedrohliche Erkrankung überwunden hatte, fand sie die Kraft, die 18 Aktenmappen in die Hand zu nehmen, die nicht ganz zufällig in den Einkaufstaschen steckten. Denn die Geschichte, die es zu erzählen gilt, hat letztendlich auch mit der Buchhandlung zu tun. Lange vor Dorle war nämlich ihr Vater hier beschäftigt gewesen, auch darüber hatte er später nicht allzu viel gesprochen.
Das Papier in den Aktenmappen war vergilbt und bröselig. Rostige Büroklammern hielten hauchdünne, eng beschriebene Blätter zusammen, wie sie früher als Durchschlagpapier verwandt wurden. In den Unterlagen fanden sich Hinweise auf eine wertvolle Gemäldesammlung, die Dorles Vater einst gehört hatte. Zwischen den Zeilen der knisternden alten Blätter las man von dem Leid, das er erfahren hatte. Nun kramte auch Dorle ihre alten Erinnerungen wieder hervor, und wie in einem Puzzle begannen wir, sie mit den Informationsfetzen aus den Akten und Erkenntnissen aus Recherchen und Büchern zu einem Bild zusammenzusetzen.
 
 
Nach und nach erschloss sich so aus vielen verschiedenen Quellen der Aufstieg und Niedergang einer großbürgerlichen jüdischen Familie in Berlin, die neben allem wirtschaftlichen Erfolg, kulturellem Engagement und gesellschaftlichem Glanz immer wieder, auch schon vor dem Ersten Weltkrieg, die Demütigungen des Antisemitismus erfahren musste. In der Nazizeit wurde daraus grausame Verfolgung, die Dorles Vater nur deshalb lebend überstand, weil er mit einer sogenannten »Arierin« verheiratet war, einer Frau, die ihn auch unter größtem Druck nie im Stich ließ.
 
 
Doch zugleich zeigt das Schicksal von Reinhold Meyer beispielhaft die schier unglaubliche Deklassierung, die Überlebende des Holocaust in Deutschland erleiden mussten – während der Nazizeit, und auch danach. Dies nicht nur durch die systematische Ausplünderung, die NS-Behörden organisierten, und die kleinen Schnäppchen, von denen Privatleute profitierten. Sondern auch durch die Vertuschung und die hartnäckige Weigerung vieler Behörden in den ersten Jahren der Nachkriegszeit, das während der Jahre des NS-Regimes geschehene Unrecht auch als solches anzuerkennen. Bis heute sind viele Kunstwerke, die über Jahrzehnte zum Familienbesitz der Meyers gehörten, unauffindbar geblieben. Und so ist das letzte Kapitel in diesem Kunstkrimi noch lange nicht geschrieben.
 
Doch was immer Reinhold Meyer verlor, die Liebe seiner Tochter war ihm stets gewiss. Und so erinnert sie sich heute an einen Vater, der sanft und vielleicht auch allzu schwach wirkte für die Zeit, in der er lebte. Doch der zugleich soviel menschliche Stärke bewies, dass er seiner Tochter trotz allem eine glückliche Kindheit zu bescheren wusste. Bei allen Ungewissheiten und Gefahren, denen Reinhold Meyer ausgesetzt war, und den Anfechtungen, die seine Frau Lucie durchstehen musste, gelang dem Ehepaar etwas ganz Besonderes: seinem Kind ein Gefühl von Geborgenheit und Sicherheit zu geben. Und so stapfte das kleine Mädchen nahezu vergnügt durch diese düsterste Periode der deutschen Geschichte. »Was auch passierte«, sagt Dorle Wilke, »innen drin waren wir eine ganz heile Insel.«

2
Der Cellospieler mit der Melkerjacke
Zart wie Seidenfäden fühlten sich die Töne an, die ins Schlafzimmer hinüberwehten. Dorothea war wie verzaubert davon. Sie richtete sich in ihrem Gitterbettchen auf und presste das Ohr an die Wand, um auch ja alles genau mitzubekommen, was sich drüben im Nebenraum abspielte.
 
In dem winzigen Haus, das die Meyers seit einiger Zeit bewohnten, waren die Wände dünn wie Pappmaché. Dorothea hatte daher keine Mühe, dem Trio zuzuhören, das sich im Wohnzimmer versammelt hatte. Da waren die dunklen Streichgesänge, die der Vater seinem Cello entlockte. Wie bunte Tupfer an einer Schnur hüpften Onkel Carls Klavierakkorde daneben her, während Schirbels helle Geigentöne als kleine, spitze Federn über die Klangfarben der beiden anderen Instrumente hinwegzusegeln schienen.
 
Ob es Mozart, Schubert oder Beethoven war, konnte Dorothea damals noch nicht wissen. Erst viele Jahre später sollte sie einige der Stücke, welche die drei Männer an jenem Abend spielten, im Radio wiedererkennen. Doch dass die Musik etwas ganz Besonderes war in dieser merkwürdigen und auch gefährlichen Zeit, hatte das Kind instinktiv erfasst.
 
Aufmerksam wie eine Konzertbesucherin verfolgte die Kleine in ihrem Gitterbettchen die Musik aus dem Nachbarzimmer, und sie hatte eigentlich nur vor einem Angst: dass der Abend allzu schnell vorbei sein könnte, weil sie während der Darbietung womöglich einschlafen und das Schönste verpassen würde.
 
Dorothea war ein Mädchen von fünf Jahren, sehr klein, sehr dünn und so beweglich wie ein Gummiball. Ihren langen Namen hatte sie anfangs nicht aussprechen können, deshalb nannte sie sich selbst »Ditta«, was von den Erwachsenen auch prompt übernommen wurde. Doch der Vater, der immer sehr bedacht war um den Klang und die Schönheit aller Dinge, fand, dass dies kein passender Name für ein solch keckes Mädchen sei – fortan nannte er seine Tochter liebevoll berlinisch Dorle. Wenn die Kleine durch den Garten hüpfte, sah man ihr buntes Röckchen wippen – eine Bekannte der Mutter, die Theaterschneiderin war, hatte es aus einer alten Gardine genäht. Wurde es kühler im Jahr, kamen die wärmenden Hemdchen zum Einsatz, die aus dem Trikotstoff von Vaters Unterhosen gefertigt waren. Und wenn es ganz kalt war, stakste Dorle in kratzigen, bis zu den Oberschenkeln reichenden Wollstrümpfen umher, die wie Gipsbeine an ihren dünnen Waden saßen.
 
 
Das illustre Trio, das sich im Sommer 1939 im Wohnzimmer des kleinen Einfamilienhauses in Hohen-Neuendorf, einer kleinen Gemeinde am Rande von Berlin, zusammengefunden hatte, war der Kleinen wohlbekannt. Kurz vorm Schlafengehen hatte Dorle die Besucher noch beim Musizieren gesehen. Onkel Carl in seiner gutgeschnittenen Wehrmachtsuniform, aus deren Ärmeln kleine blaue Manschettenknöpfe hervorblinkten, war ein leidenschaftlicher Pianist – während des Klavierspiels schaute Dorle fasziniert auf die Manschettenknöpfe, die wie blaue Sternchen über die schwarzweiße Tastatur tanzten. Gerhard Schirbel trug ein doppelreihiges Jackett mit Fliege, an seinen Kragen hatte er ein weißes Taschentuch unter den Geigenkorpus geklemmt, das ein wenig zu zittern begann, wenn er den Bogen strich. Dorles Vater schließlich saß im weißen Hemd an seinem Cello, den Blick konzentriert auf die Noten gerichtet, die er sonst immer in seinem Schreibtisch aufbewahrte, streng verschlossen vor den neugierigen Augen seiner kleinen Tochter.
 
Gern hätte Dorle einmal genauer die Notenblätter mit den schön geschwungenen Zeichen darauf untersucht. Doch dem Vater war kaum etwas so heilig wie seine Celloliteratur. Noch viele Jahre später, als alles verschwunden war, die bedeutenden Gemälde, das Geld, die wertvollen alten Bücher und sogar der Zettelkasten des Großvaters, trauerte Reinhold Meyer vor allem seinen Cello-Noten nach. Die Notenbibliothek mit der historischen Kammermusik und der Celloliteratur, die er jahrzehntelang wie seinen Augapfel gehütet hatte, sei »heutzutage einfach nicht wieder zu ersetzen«, pflegte er nach dem Krieg immer mal wieder zu klagen.
 
Im Sommer 1939 aber bewahrte Reinhold Meyer noch manche Kostbarkeit in seinem Schreibtisch auf, die seine kleine Tochter brennend interessierte. An der mit Schnitzwerk und Intarsien reich geschmückten Vorderfront des Möbelstücks sah man lauter Türchen, die in verborgene Ecken zu führen schienen. Auch roch der Tisch eigentümlich würzig nach einer Mixtur, die sich vielleicht aus dem Geruch von Tinte, altem Papier und Staub zusammensetzte. Dorle fühlte sich jedenfalls magnetisch angezogen davon. Doch während der Vater ihr sonst beinahe jeden Wunsch zu erfüllen suchte, in Sachen Schreibtisch blieb er hart.
Lediglich sonntags durften die Türchen unter seiner gestrengen Aufsicht ab und zu einmal geöffnet werden, dann fand sich auch, ganz zufällig, ein Bonbon in einer der Schubladen, und Dorle konnte sogar bis zu dem versteckten Tresor vorstoßen, der sich im Innern des Schreibtisches befand, und einen Blick erhaschen auf jene geheimnisvollen Dinge, von denen es hieß, dass sie noch vom Großvater stammten. Da war das große, sehr kostbar aussehende Buch, das der Vater normalerweise strengstens unter Verschluss hielt: Auf dem dunkelbraunen Ledereinband sah man ein Pferd mit Reiter, darüber saß ein Vogel. Wenn der Vater das Buch aufklappte, kamen lauter hübsche Bilder zum Vorschein, die mit roter, grüner und brauner Feder gezeichnet waren. Dazwischen hatte, mit schwarzer Tinte, der Großvater Zeile für Zeile das gelbliche Büttenpapier mit seinen leicht geschnörkelten Buchstaben gefüllt.
 
Dorle hätte zu gern etwas an den Rand dazugekritzelt. Doch das hatte der Vater energisch verboten. Überhaupt behandelte er die Hinterlassenschaften des Großvaters wie die letzten Heiligtümer aus einer längst versunken Welt – und das waren die Dinge wohl auch. Meist handelte es sich um Bücher, alte und zuweilen auch ziemlich zerfledderte Bücher, die Reinhold Meyer von seinem verstorbenen Vater im Arbeitszimmer aufbewahrte. Dorle bekam allenfalls einmal die Gelegenheit, mit der Hand über einen der Buchdeckel zu streichen, die sich rau und abgegriffen anfühlten und nach lange vergangenen Zeiten rochen. Spielen durfte sie keinesfalls damit. So war es auch mit dem Zettelkasten des Großvaters, der eigentlich nur aus lauter vergilbten Blättern bestand: Was daran wohl so bedeutend für die Erwachsenen war? Dorle konnte es sich nicht so recht erklären, und doch empfand auch sie so etwas wie Ehrfurcht vor dem alten Papier.
Und so blieb der Zettelkasten eines der wenigen Geheimnisse, welche Dorle damals noch nicht ergründen konnte. Ansonsten hielt die Kleine stets ihre Augen und Ohren offen, um bloß alles genau mitzubekommen, was um sie herum geschah – und es entging ihr fast nichts.
 
Wenn bei Gesprächen der Eltern in Büros oder unter Freunden etwa der Satz auftauchte »not in present of the child«, dann hatte Dorle zwar keine Ahnung, was das bedeutete. Doch die englischen Worte wirkten auf sie wie ein heimliches Signal: Jetzt galt es, besonders aufzupassen, denn im nächsten Moment, das war ihre Erfahrung mit dem komischen englischen Satz, würden die Eltern bestimmt etwas ganz Wichtiges sagen. Und was Dorle dann so alles aufschnappte, vermittelte ihr mit der Zeit das Gefühl, dass mit der Außenwelt irgendetwas nicht in Ordnung war: Während sie ihren Vater über alles liebte und sich keinen besseren Menschen vorstellen konnte als diesen sanften Mann mit den freundlichen, dunklen Augen, der so wunderbar Cello spielte und alles wusste, was man nur fragen konnte, schien es offenbar Leute zu geben, die ganz anders über ihn dachten, ja, es regelrecht auf ihren Vater abgesehen hatten.
 
Ob es die uniformierten Männer im Büro der Gestapo waren, wo ihre Mutter Lucie Meyer immer mal wieder vorsprechen musste, wobei sie ihre kleine Tochter stets an der Hand dabeihatte. Jedes Mal wollten sie der Mutter dort einreden, dass sie sich doch von ihrem Mann scheiden lassen solle – dann würde es ihr und ihrem Kind auch viel, viel besser gehen. Doch Lucie Meyer empörte sich nur über das Ansinnen der Männer: »Ich bin doch nicht verrückt«, hatte sie ihnen entgegnet. In der Nachbarschaft der Meyers, die in Hohen-Neuendorf nicht weit vom Ortszentrum an der Bahnlinie Berlin-Oranienburg wohnten, waren manche Leute jetzt auffallend unfreundlich zum Vater und grüßten nicht einmal, obwohl sie ihn doch bestens kannten. Und im Kindergarten bekam Dorothea keine Milch in den Blümchenkaffee. »Judengören brauchen keine Milch«, hatte die Kindergärtnerin gesagt.
 
Dorle wollte nicht mehr in den Kindergarten. Und es war ja zu Hause auch viel interessanter. In ihrem Garten, der gleich hinterm Bahndamm lag, hatte Reinhold Meyer begonnen, eine kleine Hühnerfarm aufzubauen. An die 30 Federtiere, Hühner und auch Enten, gackerten da herum. Dorle sammelte ihre Eier ein, die sie überall im Garten fallen ließen.Unterdessen war ihr Vater damit befasst, die Wände der Hühnerbehausung neu zu kalken und den Mist wegzuschaffen – die kleine Hühnerfarm im Gartenhaus sollte doch ein Vorzeigebetrieb sein. Bald hatte Reinhold jedoch mit schmerzhaften Schwielen an den Fingern zu kämpfen. Seine Hände schienen wohl doch eher zum Umblättern von Buchseiten geeignet als zum Umschichten von Misthaufen.
 
 
Umso wichtiger war es ihm, dass er die Arbeit des Landmanns von Grund auf lernte. Denn in seinem neuen Leben, das schien allen ausgemacht, würde er nur als Hühner-Farmer bestehen können, oder vielleicht noch als Melker. Eine Melkerjacke hatte Reinhold Meyer prophylaktisch auch schon angeschafft: Hellblau-weiß gestreift war sie, nagelneu aus dem KaDeWe, dem »Kaufhaus des Westens«. Fein gebügelt hing sie seit einigen Wochen im Schrank. In Brasilien, wohin die Familie bald auswandern wollte, würde man die Jacke sicher gut gebrauchen können. Vier Metallteller gehörten auch zu der im KaDeWe erstandenen Ausrüstung für das Abenteuer in Übersee – schließlich schienen die Meissener Porzellanteller mit dem blauweißen Zwiebelmuster, auf denen die Familie gewöhnlich ihre Mahlzeiten einnahm, nicht das passende Gedeck für den Urwald zu sein.
 
Fieberhaft traf der Vater alle Vorbereitungen für die geplante Auswanderung. Morgens setzte er sich in die S-Bahn nach Berlin und blieb manchmal den ganzen Tag über verschwunden. Abends erzählte er dann, wie er stundenlang auf Ämtern mit unaussprechlichen Namen angestanden habe, um Visa zu bekommen und Papiere abstempeln zu lassen. Stempeln – das kannte Dorle nur zu gut. Und sie fand überhaupt nicht, dass das etwas Unangenehmes sei, im Gegenteil: Den ganzen Tag über spielte sie in ihrer kleinen Poststelle mit Marion, dem Nachbarskind. Die beiden Kinder stempelten, was immer sie an Papier zu fassen bekamen.
 
Jene merkwürdigen Laute, welche die Eltern abends manchmal von sich gaben, verwunderten Dorle aber dann doch. Die beiden paukten Vokabeln, sie lernten Portugiesisch für das Leben in Brasilien, und auch ihre kecke Tochter sollte bald ein paar Wörter dieser weichen, melodisch klingenden Sprache aufschnappen und sie im Stillen für sich üben. Selbst die Schiffsbillets für die Reise, die im Herbst 1939 angetreten werden sollte, waren bereits bestellt. Dorles großer Bruder Klaus war ja auch schon vorweggeschickt worden nach England, wo ihn die Eltern demnächst mit Dorle zusammen abholen wollten.
 
 
So hätte der Konzertabend bei den Meyers fast ein Abschied von zwei alten Freunden werden können – wenn es denn nicht alles ganz anders gekommen wäre.
Schon am Nachmittag war Onkel Carl bei den Meyers eingetroffen. Wie so oft hob er die kleine Dorothea auf seine Schultern und ging mit ihr über die holperige Pflasterstraße zum Bäcker, um Kuchen zu holen. Carl Christian von Bezold, wie Onkel Carl in Wirklichkeit hieß, kannte Reinhold Meyer schon seit vielen Jahren, die beiden hatten zusammen an der Friedrich-Wilhelm-Universität Volkskunde und Germanistik studiert. Bald nachdem die Nazis die Macht ergriffen, musste Reinhold jedoch sein Studium aufgeben, während Onkel Carl die Offizierslaufbahn einschlug. Noch hatte er freilich kaum eine Kaserne länger als für ein paar Stunden von innen gesehen, er lebte allein mit seiner kränklichen Mutter in Berlin, und obwohl er schon weit über dreißig war, brachte er niemals eine Freundin mit.
 
 
Auch Gerhard Schirbel, der Geiger mit dem doppelreihigen Jackett, war ein Freund aus besseren Tagen. Wie Onkel Carl hatte der Bankangestellte schon als Gast bei den Meyers verkehrt, als diese noch in einer großen Stadtwohnung in der noblen Voßstraße residierten, auf halbem Wege zwischen dem belebten Potsdamer Platz und der Reichskanzlei. Dort waren die Zimmer mit kostbaren Teppichen ausgelegt, und an den Wänden hingen Gemälde von berühmten Malern wie Max Liebermann, Adolph Menzel und Lovis Corinth. Im Erdgeschoss des Hauses waren die Geschäftsräume der E. J. Meyer Bank, einem Geldinstitut, das der Urgroßvater von Reinhold Meyer gegründet hatte. Heute durfte der Urenkel allerdings nicht mal mehr die Straße betreten, in der früher sein Elternhaus mit dem Bankenkontor gestanden hatte – die Voßstraße war seit 1938 für Juden gesperrt.
 
Dass Reinhold Meyer evangelisch getauft und ein gläubiger Christ war, interessierte die nationalsozialistischen Machthaber nicht. Auch in der offiziellen Amtskirche hatte man sich längst ihrer Doktrin gebeugt, weshalb Reinhold überhaupt nicht gern gesehen war in dem Gotteshaus mit seinem barocken Zwiebelturm, das im Zentrum von Hohen-Neuendorf stand. Verstohlen schlich er sich manchmal zum Abendmahl in die Kirche hinein, der Pfarrer hatte ihm zähneknirschend erlaubt, sich unauffällig in die letzte Bankreihe zu setzen. Und so rechnete es Reinhold Meyer seinen beiden Freunden hoch an, dass sie jede Woche einmal zum Musizieren in dem entlegenen Vorort im Norden der Hauptstadt auftauchten.
 
Das Haus in der Ruhwaldstraße Nr. 50 war von einem großen Garten umgeben und hatte die Form eines Würfels. Während der Bauarbeiten war der Besitzerin das Geld ausgegangen, deshalb sah der Würfel aus, als ob jemand die obere Kante abgesägt hätte. Das Dach bestand aus vier großen, flach aufliegenden Planken, die bei starkem Sturm klapperten, manchmal fielen unverhofft Teile davon herunter. Wenn der Wind das Häuschen nicht gerade durchschüttelte, brachte die S-Bahn die Wände zum Wackeln: Hinter dem Garten mit dem Hühnerstall verlief die Bahntrasse in Richtung Oranienburg. Das war besonders für Gerhard Schirbel praktisch, denn er pflegte regelmäßig nach Oranienburg zu fahren, um seiner schwedischen Verlobten näher zu sein, wie er den Meyers erzählt hatte. Angeblich konnte er von dort aus per Telepathie mit seiner Elzbieta kommunizieren, die er erst viele Jahre später, nach dem Krieg wiedersehen sollte, um sie dann auf der Stelle zu heiraten. Auch Schirbel, dessen freundliche Augen Dorle so mochte, war eben etwas sonderbar.
Wenn die Musikerfreunde nach Hohen-Neuendorf kamen, war das immer ein Fest für das Mädchen. Dann opferte der Vater etwas vom kostbaren Hühnchenfleisch, und die Mutter zauberte in der kleinen Küche die schönsten Gerichte auf dem Herd. Es gab Mais aus dem eigenen Garten, dazu Nudeln und Hühnchen. Dorle durfte die Schüsseln mit den dampfenden Speisen ins Wohnzimmer tragen, auch wenn ihre Arme nicht viel weiter als bis zur Tischkante reichten. Das Häuschen war klein, aber gemütlich. In einer winzigen Kammer gleich neben dem Eingang hatte die Mutter sich ein Fotolabor eingerichtet. Sie machte Entwicklungsarbeiten für zwei Fotostudios, um etwas Geld zu verdienen. Allerdings war ihr Laborraum so niedrig, dass sie nur gebückt darin arbeiten konnte.
 
 
Über eine Holztreppe gelangte man ins Wohnzimmer, das im Zentrum des Hauses lag. Eine Tür führte von dort aus ins sogenannte Verandazimmer, wo der Vater seinen Schreibtisch hatte. Der Raum hatte seinen Namen bekommen, weil dort ursprünglich nur ein Balkon gewesen war. Um mehr Platz im Haus zu schaffen, waren jedoch die Wände zugemauert worden. Wandte man sich im Wohnzimmer nach rechts, gab es eine zweite Tür, die zur Schlafkammer von Dorles älterem Bruder Klaus führte, der jetzt in England war. Das Fenster öffnete den Blick zum Garten hinaus, um seinen Rahmen rankte sich eine Efeuwand an der Außenfassade. Sie war von zahllosen kleinen Vögeln bevölkert, weshalb es in dem Zimmer immer so schön zwitscherte, wie Dorle sich erinnerte.
 
 
Das Wohnzimmer war ziemlich spartanisch möbliert. Ein Sofa gab es nicht, dafür stand der Esstisch mitten im Raum, ein Prachtstück aus solidem Eichenholz mit klaren, schnörkellosen Linien nach Bauhaus-Art. Er stammte noch aus besseren Tagen und war in den Deutschen Werkstätten Hellerau bei Dresden hergestellt worden. An der Wand stand eine wuchtige Anrichte aus derselben Werkstatt, die beinahe die ganze Breite der Zimmerwand einnahm; sie war erkennbar für ein größeres Haus gezimmert. Darüber hingen zwei Familienbilder, die auch nicht so recht zu dem schlichten Stil des Hauses passen wollten: Die Bilderrahmen waren opulent verziert und schienen aus purem Gold zu sein; wie in zwei riesigen Passepartouts steckten die beiden Gemälde in den prächtigen Rahmen – Dorle betrachtete sie allzu gern.
 
Eines der Bilder stellte einen jungen Mann dar, von dem es hieß, er sei ihr Urgroßvater gewesen. Der Junge hatte kinnlange, dunkle Haare und ein entschlossenes, selbstbewusstes Gesicht. Auch auf dem zweiten Gemälde war er zu sehen, diesmal allerdings noch als kleines Kind einer sichtlich sehr gut situierten Familie. Jetzt trug der Junge eine Art Kleidchen aus kariertem Stoff. Mitten im Bild saß die Mutter in einem wunderschönen Gewand aus blaugrau gestreiftem Stoff mit weißer Spitzenbordüre und hatte ein Baby auf dem Schoß. Der Vater trug einen edlen schwarzen Anzug, zu seiner Rechten stand ein hübsches Mädchen mit schwarzen Haaren und dunklen Augen, offensichtlich die älteste Tochter der Familie. Im Hintergrund sah man die Umrisse eines großen Gebäudes – es handelte sich um eine Kattunfabrik in Berlin-Köpenick. Die Eltern hatten Dorle erklärt, dass der Junge später Direktor einer Tuchfabrik geworden sei.
 
Alte Geschichten, und doch gab es enge Verbindungen zu ihrem jetzigen Leben im Sommer 1939. Der junge Mann auf den beiden Gemälden hieß Ruben Max Goldschmidt und war der Vater von Dorles Großmutter gewesen. Diese wiederum kannte die Kleine als eine noch immer ziemlich lebhafte alte Dame. Zwar wohnte Estella Meyer seit Jahren in einem Sanatorium, alle paar Wochen aber besuchten die Meyers sie dort. Dann unterhielten sich die Großen meist untereinander, während Dorle mit den hübschen kleinen Figuren und Kugeln spielen durfte, welche die Oma in ihrem Zimmer aufbewahrte. Zum Kaffeetrinken mit ihren Lieben ließ die Großmama nur allerfeinste Torten auffahren – sie liebte es noch immer, die perfekte Gastgeberin zu spielen.
 
Der alten Dame war anzusehen, dass sie einmal in sehr feinen Kreisen verkehrt hatte. Ihr Gesicht wurde von weißen Locken gerahmt, sie trug elegante Kleider mit feinen Rüschen und raschelnden Röcken. Auch roch es in ihrem Zimmer nach einem wunderbaren Parfüm, wie Dorle fand. Reinhold Meyer schien seine Mutter sehr zu verehren, er begegnete ihr jedenfalls mit vollendeter Höflichkeit. Estella Meyers Mann war der Großvater mit dem Zettelkasten, der in Berlin ein bekannter Literaturprofessor gewesen war, Reinhold erzählte manchmal von ihm. Doch der Großvater Richard Moritz Meyer war früh gestorben, und auch sonst hatte die damals 69-jährige Estella Meyer in ihrem Leben manchen Schicksalsschlag erlitten. Deshalb, so hieß es, sei sie mit den Jahren immer trauriger und schließlich gemütskrank geworden. Aus diesem Grund lebte sie nun im Sanatorium.
 
 
Nach den Besuchen bei der Großmutter machte die Familie häufig noch einen Spaziergang im Grünen, denn das Sanatorium lag außerhalb von Berlin im Vorort Bernau. Während Dorle herumtollen wollte, wirkte der Vater manchmal etwas nachdenklich, er redete nicht viel und sah kein bisschen fröhlich aus. Das trübte auch die Laune seiner Tochter. Bis sie ihn endlich dazu überreden konnte, Dorle auf seine Schultern hinaufzuheben. Dann saß die Kleine hoch oben auf dem breiten Kragen der glatten schwarzen Lederjacke des Vaters, die mit den Jahren immer brüchiger werden sollte – es gab keinen schöneren Platz für sie. Und wenn sie den Vater dann an seinem haarlosen Hinterkopf kitzelte, reagierte er plötzlich wieder mit diesem fröhlichen, verschmitzten Lächeln, das man von seinen Jugendfotos kannte.
 
 
Gut gelaunt war der Vater auch an jenem Abend in Hohen-Neuendorf, als Schirbel und Onkel Carl zum Musizieren gekommen waren. Bis zum Nachtisch durfte Dorle bei den Großen sitzen bleiben, es gab Schattenmorellen, ihre Lieblingsspeise. Der Bankangestellte Schirbel sorgte für Heiterkeit durch seine merkwürdige Art, beinahe alles in Zahlen auszudrücken. »Schirbel, Sie sind einfach ein Zahlengenie«, rief die Mutter fröhlich aus, »wenn ich nur so gut rechnen könnte wie Sie, wäre ich selbst mit meinem bescheidenen Haushaltsgeld Millionärin.« Onkel Carl erzählte ein paar Wehrmachtswitze, und Dorles Vater trug einige seiner berüchtigten Schüttelreime vor: »Ist das nicht ein braver Hai, der sich ernährt von Haferbrei?«
 
 
Hernach räumte Lucie Meyer vergnügt singend den Tisch ab, die Musiker machten sich an ihre Instrumente, und Dorle musste ins Bett marschieren. Mit keiner Silbe ließ der Vater sich an diesem Abend anmerken, dass er mehr als besorgt, ja verzweifelt war. Sein klägliches Einkommen reiche nicht mehr zum Leben, hatte er Anfang August 1939 einem Vertrauten geschrieben. Sogar das Klavier müsse er jetzt wohl bald verkaufen, und natürlich auch die restlichen Bilder. Anders wisse er nicht mehr an Geld zu kommen, um genügend Lebensmittel zu besorgen, sodass sie bis zur Auswanderung überleben könnten.
 
Aber auch »das Fortgehen ist uns sehr schwer«, fügte er hinzu. Denn schließlich müsse er dann seine hilflose Mutter allein in Deutschland zurücklassen, und das in diesen unsicheren Zeiten. Ob sie das überhaupt verkraften werde? »Wir wissen bald nicht mehr ein noch aus«, resümierte Reinhold in seinem Brief.

3
Große Gesellschaft im Salon
Die Luft war etwas schwül, aus der Ferne hörte man Donnergrollen. Estella Meyer sorgte sich um das Wetter. Sie hatte eine festliche Tafel auf der Gartenterrasse decken lassen, die von einer nach römischem Vorbild geformten Säulengalerie umgeben war. Zwanzig Dutzend rote Rosen standen, in kostbaren Gläsern verteilt, auf den mit weißen Damasttüchern bedeckten Tischen. Zwischen den Gläsern waren Rosenzweige zu kleinen Lauben gebogen. Eine »wunderschöne Tischdekoration«, wie ihr Gatte Richard Moritz Meyer anerkennend feststellte. Doch für die illustren Gäste, die erwartet wurden, empfand er dies auch als »durchaus würdig«.
 
Wenn der Literaturprofessor Richard Moritz Meyer und seine schöne Frau Estella zur Abendgesellschaft luden, ließ sich die Berliner Gesellschaft nicht lange bitten – die Diners, Tanzabende und Kaffeestunden bei den Meyers galten als sehr beliebt. An diesem 19. Juni 1908 bewegten sich 24 geladene Gäste aus der Berliner Kultur- und Diplomatenszene plaudernd durch den Garten des Hauses in der Voßstraße Nr.16, der sich zu dem weitläufigen Parkgelände der Reichskanzlei mit den anschließenden Gärten der Ministerien an der Wilhelmstraße öffnete. Von der Schriftstellerin Ricarda Huch bis zu dem zweiten Bürgermeister von Berlin, Georg Reicke, mit seiner Gattin, der Malerin Sabine Reicke; von dem holländischen Gesandten Baron Willem Alexander von Gevers bis zu dem Korrespondenten der französischen Tageszeitung Figaro, Monsieur Hurel, und der jungen Studentin Grete Ring, die später noch als Kunsthändlerin von sich reden machen sollte – es war eine »glänzend gelungene Gesellschaft im engern Kreise«, wie Meyer zufrieden in der Hauschronik konstatierte.
 
 
Der Literaturhistoriker schrieb alle paar Wochen seine Hauschronik fort. Dann legte er das große braune Buch mit dem prächtigen Ledereinband vor sich auf den Schreibtisch. Auf die Vorderseite war ein Reiter mit einem Vogel in das Leder geprägt, die Buchdeckel wurden von zwei Lederriemen mit Messingschnallen zusammengehalten. Wenn man sie öffnete, kamen die Innenseiten aus cremeweißem Büttenpapier zum Vorschein, von denen einige an den Rändern mit Zeichnungen von Albrecht Dürer verziert waren. Das Buch sah aus wie eine Art Poesiealbum für Erwachsene, als bekennender Ästhet hatte Richard Moritz Meyer ein besonders schönes und teures Exemplar der Gattung ausgewählt – die Dürerzeichnungen waren ein Nachdruck aus dem Gebetbuch von Kaiser Maximilian I.
 
 
Sorgfältig trug Richard Moritz Meyer in seiner gleichmäßigen, etwas schräg liegenden Handschrift mit schwarzer Tinte all das ein, was er für berichtenswert hielt von den Ereignissen, die im Hause Voßstraße Nr. 16 geschahen. Und so offenbart das braune Lederbuch heute einen in seinem Detailreichtum beinahe einmaligen Blick in den großbürgerlichen Haushalt der Jahrhundertwende, den die Meyers einst im Zentrum von Berlin führten. Da liest man intimste Bekenntnisse über interessante Begegnungen, erfüllte Stunden und auch schmerzhafte Zurücksetzungen, die der jüdische Wissenschaftler im Laufe seines Lebens erfuhr. Zugleich berichtet er in allen Einzelheiten über die zahlreichen Abendeinladungen, welche die Meyers im Laufe der Jahre aussprachen. Und so lässt sich auch die Gartengesellschaft im Juni 1908 aus den Aufzeichnungen skizzieren.
 
Das Gewitter war ausgeblieben, die Damen und Herren tranken Ananasbowle und diskutierten lebhaft bis in den späten Abend hinein. An unterhaltsamen Themen gab es in diesem Kreise wahrhaft keinen Mangel. Ricarda Huch war von Braunschweig angereist, wo sie jetzt mit ihrem neuen Gatten Richard Huch zusammenlebte, der zugleich ihr alter Geliebter war. Dass sie sich trotzdem allein zu den Meyers begeben hatte, fiel nicht sonderlich auf, da auch manch anderer Gast ohne Begleitung erschienen war und die stets sorgfältig ausgeklügelte Tischordnung der Meyers im Interesse einer lebhaften Unterhaltung für gewöhnlich sowieso alle Ehepaare auseinanderriss.
 
Zu jener Zeit war Ricarda Huch bereits weidlich bekannt im Reich. Sie arbeitete in Braunschweig gerade an einem neuen Buch über das Leben des Grafen Federigo Confalonieri. Ein Roman über einen italienischen Verschwörer aus der Zeit des Risorgimento, der wegen Hochverrats verurteilt wurde und sich im Gefängnis zu einem anderen Menschen wandelte. Das Schreiben fiel Ricarda Huch nicht leicht in diesen Tagen, wie sie einer Freundin anvertraut hatte. »Ich habe etwas angefangen, womit ich einfach nicht fertig werde«, klagte sie.
 
Dafür hatte Richard Moritz Meyer, der Hausherr, großes Verständnis. Er selbst quälte sich seit längerem mit einem schwierigen Text über die Bedeutungslehre herum. Immer wieder beklagte er sein »vergebliches Ringen« mit dem Stoff, das Buch wollte ihm einfach nicht gelingen. Unterdessen hatte Meyer vor nicht allzu langer Zeit mit einem englischen Verlag die Herausgabe einer Auswahl von Goethes Gedichten vereinbart – ganz so erfolglos konnte also auch er nicht sein.
 
In der lockeren Abendgesellschaft hatte sich das Gespräch mittlerweile der bildenden Kunst zugewandt. Ricarda Huch empörte sich über eine Ausstellung in der Berliner Secession, die sie während ihres Berlin-Aufenthalts besucht hatte. »Einfach abscheulich« fand sie vor allem ein Bild von Charlotte Behrendt-Corinth. Unter dem Titel »Die Gebärende« hatte die Frau des bekannten Malers Lovis Corinth eine Geburt dargestellt. Das Gemälde war heiß diskutiert in jenen Tagen, denn natürlich nahm auch der Kaiser schärfsten Anstoß daran.
 
 
Die Gäste der Meyerschen Abendgesellschaft aber waren eher aufgeschlossene Leute, einige von ihnen interessierten sich sehr für die moderne Malerei. Etwa die angehende Kunsthistorikerin Grete Ring. Die Studentin, damals gerade 21 Jahre alt, kannte sich vor allem im Atelier von Max Liebermann aus, einem der wichtigsten Repräsentanten der deutschen Impressionisten. Ihre Mutter war eine Schwägerin des großen Malers, der nicht weit von den Meyers entfernt am Pariser Platz neben dem Brandenburger Tor wohnte. Liebermanns Kunst war noch recht umstritten im Kaiserreich. Doch Richard Moritz Meyer machte keinen Hehl daraus: Er hielt Liebermann für den »bedeutendsten Maler unserer Zeit«.
 
 
Schräg gegenüber von Liebermanns Haus war einige Monate zuvor das Hotel Adlon eröffnet worden, Berlins neueste Nobelherberge und das schönste, modernste und wohl auch teuerste Hotel der Hauptstadt. Der Kaiser persönlich war zur Einweihung im Herbst 1907 gekommen, nachdem er zuvor gegen den Rat der Experten den Abriss eines denkmalgeschützten Schinkel-Baus an derselben Stelle durchgesetzt hatte. Das hatte zu allerlei Diskussionen geführt. Bürgermeister Reicke, ein Schöngeist, der nebenbei Romane schrieb, wusste der Gartengesellschaft in der Voßstraße in diesem Zusammenhang auch im Nachhinein noch einige Verwaltungsinterna zu berichten.
 
Über den Kaiser wurde überhaupt viel diskutiert in jenen Wochen. Nach dem Eindruck eher liberal orientierter Zeitgenossen wie den Meyers war Wilhelm II., der 1888 den Thron bestiegen hatte, mit seinen verschrobenen Ansichten über Kunst und Gesellschaft nicht mehr ganz auf der Höhe der Zeit. Er schien die Umwälzungen nicht zu bemerken, die um ihn herum vorgingen. Zwischen 1850 und 1905 hatte sich in Berlin die Zahl der Bewohner nahezu vervierfacht, von knapp 500 000 auf fast zwei Millionen Bürger. Überall entstanden Werkhallen und Fabriken, der Bauboom der Gründerjahre hatte die Stadtlandschaft verändert, das Bürgertum an Selbstbewusstsein gewonnen. Doch der Kaiser war »dem Sinn der Zeit und damit auch dem Sinn seiner Stadt konstant fremd« geblieben, wie der Lyriker Christian Morgenstern formulierte.
 
In den Berliner Kabaretts wurde allenthalben über »S. M.«, Seine Majestät, gewitzelt; in der Presse erschienen beißende Kommentare über den »leitenden Staatsmann«. Doch Wilhelm II. las keine Zeitung, und seine Höflinge versorgten ihn nur mit Positivnachrichten. So hatte es einige Zeit gebraucht, bis S. M. überhaupt den Skandal wahrgenommen hatte, der seit Monaten das Reich erschütterte und in der Hauptstadt allenthalben das Tagesgespräch war.
 
Im Mittelpunkt der Affäre standen einige Angehörige der kaiserlichen Entourage, die in den Zeitungen öffentlich der Homosexualität bezichtigt wurden – ein schwerer Vorwurf, denn solcherlei Neigungen wurden damals strafrechtlich verfolgt. »Sie träumten nicht von Weltbränden; haben’s schon warm genug«, beschrieb der Journalist Maximilian Harden süffisant die kaiserlichen Beraterkreise, in denen seine Majestät selbst angeblich nur »Liebchen« genannt wurde, wie Harden behauptete.
 
Der Berliner Stadtkommandant Kuno von Moltke war bereits über den Skandal gestürzt. In diesen Junitagen des Jahres 1908 wurde nun ein hochnotpeinlicher Meineidprozess gegen den ehemaligen Kaiservertrauten Philipp Fürst zu Eulenburg abgehalten. Ganz Berlin sprach darüber, und natürlich interessierte man sich auch an diesem lauen Sommerabend während der Abendgesellschaft in der Voßstraße dafür. Mittlerweile war selbst das Ansehen des amtierenden Reichskanzlers Bernhard von Bülow durch die Affäre belastet. Monsieur Hurel, der anwesende Korrespondent des Figaro, hatte den Regierungschef erst vor kurzem interviewt, jetzt erzählte er bereitwilligst von seinen Eindrücken. Und auch der Hausherr hatte etwas beizutragen, immerhin war von Bülow sein Nachbar.
 
 
Das Arbeitszimmer des Reichskanzlers lag kaum mehr als hundert Meter entfernt von dem schönen Garten, in dem die Gäste an diesem 19. Juni vergnügt plaudernd an ihrer Ananasbowle nippten. Am anderen Ende des Parkgeländes, an welches die Grenzmauer des Meyerschen Grundstücks stieß, lag die Reichskanzlei. Von seinem Balkon aus hatte der Literaturprofessor schon häufiger den Reichskanzler wie auch Seine Majestät beobachtet, wenn sie gemeinsam durch den Garten schritten.
 
 
»Immer das gleiche Bild«, berichtete Meyer bei anderer Gelegenheit der Berliner Schriftstellerin Marie von Bunsen: »S. M. redet mit großen raschen Gesten auf den schweigsam zuhörenden Bülow ein.« Nur einmal hatte der Literaturwissenschaftler beobachtet, dass von Bülow erregt und eindringlich auf den Kaiser eingesprochen hatte, während »S. M. betroffen, still« reagiert habe – »er antwortete kaum«, berichtete Meyer der Schriftstellerin.
 
Marie von Bunsen war eine jener selbstbewussten Damen der Berliner Gesellschaft, die neuerdings von sich reden machten. Keine besondere Schönheit, dafür aber klug und gebildet, sollte die Tochter eines adeligen Reichstagsabgeordneten ursprünglich Hofdame werden. Stattdessen befasste sie sich mit dem Bücherschreiben und der Malerei von Landschaftsaquarellen. Überdies betrieb sie einen Salon in Berlin. Zu ihren sogenannten Sonntagsfrühstücken ging auch Richard Moritz Meyer gern; Marie von Bunsen ihrerseits kam häufig in die Voßstraße, sowohl zu Abendgesellschaften als auch zu den etwas lockerer gehaltenen Kaffeestunden, welche zeitweise täglich zwischen 17.00 und 18.00 Uhr bei den Meyers stattfanden – »eine ansprechende Geselligkeit«, wie Marie von Bunsen fand, bei der »behaglich, aber nicht ohne Gehalt über Literatur geplaudert« wurde.
 
 
»Er war klein, dunkel, hatte hastige Bewegungen, unregelmäßige Züge«, beschrieb die Salonière Richard Moritz Meyer später etwas abfällig in ihrem Buch über Berliner Zeitgenossen. Die äußerliche Unattraktivität aber habe Meyer durch »einen regen Geist, vielseitige Kenntnisse« wettgemacht, und »seine geflissentlichen Paradoxien und Spitzfindigkeiten« seien äußerst unterhaltsam gewesen. Niemand habe freundlicher das Gespräch anregen können als er – »oft empfahl er mir unbekannte Bücher und gab sie mir mit«. Seine Frau Estella Meyer blieb der Autorin als »ungewöhnlich hübsche Erscheinung« im Gedächtnis: »Klein, zierlich, mit kameenhaften Zügen, die weit abstehendes schwarzes Wuschelhaar umgab«.
 
Auf dem vergilbten Foto von 1911, das von Richard Moritz Meyer überliefert ist, sieht man einen ernst blickenden Herrn mit hoher Stirn, graumelierten Haaren und Backenbart; er trägt einen feinen Schneideranzug mit Weste, Uhrkette und Fliege. Den Arm hat der damals 51-Jährige lässig auf einen Tisch gelehnt, auf dem sich Bücher stapeln. Von Estella Meyer ist ein leicht vergilbtes Bild im schwarzen, ausgeschnittenen Kleid überliefert, ein luftiger Tüllkranz umrahmt ihr makelloses Dekolleté, den Hals schmückt eine kostbare Perlenkette.
 
 
Richard Moritz hatte eine Schwäche für schöne Frauen, in seiner Hauschronik vergaß er nie die äußeren Reize der jeweiligen Damen zu erwähnen. Doch die Schönste von allen war in seinen Augen stets Estella. Im Mai 1889 hatten die beiden geheiratet, Estella war damals gerade 19 Jahre alt. Noch Jahre später schrieben die beiden einander wie frisch Verliebte zärtliche Worte auf Billets, welche die Hausangestellten in der Wohnung auf einem silbernen Tablett vom einen zum anderen trugen.
In dem Haus in der Voßstraße bewohnten die Meyers eine weitläufige Zimmerflucht mit mehr als zehn Räumen in der Beletage. Richard Moritz Meyer, der zumeist zu Hause arbeitete, belegte darin allein drei Arbeitsstuben. In das Bibliothekszimmer, das in der Form eines Elfecks angelegt und mit edlen Holzvertäfelungen aus hellem Birkenholz ausgestattet war, führte der Professor zuweilen auch einige der zahlreichen Gäste der Kaffeestunden und Abendgesellschaften. Seine anderen Arbeitsräume waren so sehr mit Büchern und Papier vollgestopft, dass er sich bald immer beengter darin fühlte und »Luft und Licht« vermisste, wie er im Herbst 1904 seiner Hauschronik anvertraute. Daraufhin ließ er einige Teile der mehr als 122 000 Bücher umfassenden Bibliothek ein Stockwerk nach unten schaffen – die Umräumaktion mit anschließender Neuordnung der Bestände nahm mehrere Monate in Anspruch.
 
Richard Moritz Meyer war zunächst Privatdozent für Literaturgeschichte an der Berliner Universität gewesen, seit 1901 hatte er dort eine außerordentliche Professur inne, die zu seinem Leidwesen jedoch unbesoldet war. Beim Publikum fanden Meyers Veröffentlichungen breiten Zuspruch, er galt als populärer Wissenschaftsautor in seiner Zeit. 1895 war eine preisgekrönte Goethe-Biografie von Meyer erschienen, die in der Folgezeit in immer neuen Auflagen herausgegeben wurde. Die sogenannte »Volksausgabe«, die schließlich in hoher Stückzahl gedruckt wurde, lässt sich noch heute in Antiquariaten finden: Der Text ist in weinrote Buchdeckel gebunden, mit goldener Schrift wurde der Titel darauf geprägt. Schlägt man das 600 Seiten dicke Buch auf, knistert das steife, eng bedruckte Papier Ehrfurcht gebietend.