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Inhaltsverzeichnis
 
 
 
 
 

Die historische Erklärung ist nur die Klarheit, die eine ausreichend dokumentierte Erzählung aufweist.
PAUL VEYNE »Geschichtsschreibung – und was sie nicht ist«

Vorwort
In den 1930er Jahren reiste Gregor Ziemer, der damalige Leiter der amerikanischen Schule in Berlin, durch das nationalsozialistische Deutschland, um mehr über die Erziehung unter dem Hakenkreuz zu erfahren. Im Trierer Amphitheater, so notierte er, hatte er eines Nachts eine denkwürdige Begegnung. Dreißig junge Frauen, Angehörige des Bundes Deutscher Mädel (BDM) in Uniform, tanzten singend im Kreis, die vom Mondschein beleuchteten Hände beschwörend in den Himmel reckend. Als sich Ziemer ihnen näherte, erklärten sie dem vermeintlichen amerikanischen Touristen den Sinn ihrer nächtlichen Riten: Es sei der Geburtstag Horst Wessels, eines Volkshelden. Wessel sei ein Märtyrer, der für die Partei gestorben sei und vom Führer heiliggesprochen wurde. Ihr Tanz sei eine Anrufung dieses Parteiheiligen und zugleich ein Fruchtbarkeitsritual: Der Geist Wessels möge mithelfen, sie zu guten Müttern zu machen.1
Dass der Pastorensohn und SA-Sturmführer Horst Wessel einmal als Fruchtbarkeitsgott kultisch verehrt werden würde, darf man wohl als skurrile Laune der Geschichte bezeichnen, eine Laune, die erstaunliche Wirkung entfaltete: Victor Klemperer notierte, dass Horst Wessel zu Beginn des »Dritten Reichs« in den »Augen der Volksphantasie« einen zentralen Platz einnahm, den ihm allenfalls noch die Stars der Zeit, Autorennfahrer und Boxhelden, streitig machen konnten.2 Zu seinen Lebzeiten war der 1907 in Bielefeld geborene und in Berlin aufgewachsene Wessel dagegen so gut wie unbekannt geblieben. Er gehörte schon als Gymnasiast verschiedenen rechtsradikalen Bünden an und hatte sich in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre den Nationalsozialisten angeschlossen. In der noch unbedeutenden, von Goebbels in den »Kampf um Berlin« getriebenen hauptstädtischen SA spezialisierte er sich vornehmlich auf die Propaganda-Arbeit. Als Führer des SA-Sturms 5 im Arbeiterbezirk Friedrichshain, als Redner sowie als Dichter von nationalsozialistischen Kampfliedern brachte er es unter seinen Gesinnungsgenossen allenfalls zu lokaler Bekanntheit, ehe er zu Beginn des Jahres 1930 einem Attentat zum Opfer fiel. Der junge Mann wäre kaum aus der rasch anwachsenden Zahl der Opfer politischer Gewalttaten in der späten Weimarer Republik herausgehoben worden, wenn er nicht das Lied gedichtet hätte, das die Nationalsozialisten zunächst zu ihrer Parteihymne und später zu einer Art Nationalhymne machten: »Die Fahne hoch!«, besser bekannt als »Horst-Wessel-Lied«.3
Mit dem Zusammenbruch des »Dritten Reichs« endete der offizielle Kult um Horst Wessel. Das gleichnamige Lied darf nicht mehr öffentlich gesungen werden, da es als Kennzeichen einer ehemaligen nationalsozialistischen Organisation mit Symbolcharakter gilt; der Dichter ist beinahe völlig vergessen. Allerdings versuchen seit einigen Jahren verschiedene rechtsextreme Gruppierungen, die Erinnerung an Horst Wessel wiederzubeleben und ihren politischen Zielen dienstbar zu machen. Besonders die Jungen Nationaldemokraten (JN), die Jugendorganisation der Nationaldemokratischen Partei Deutschlands (NPD), will ihre Mitglieder und Sympathisanten für Wessel und sein »politisches Soldatentum« begeistern. Der Aktionismus der frühen SA müsse Vorbild sein für das »Fußvolk« der NPD – wie einer der führenden Politiker dieser staatsfeindlichen Neonazipartei seine Anhängerschaft bezeichnenderweise nennt.4
Die Beschäftigung mit Horst Wessel sollte nicht der Propaganda rechtsextremer Kreise überlassen werden. Zwar lässt sich der Wirksamkeit problematischer politischer Mythen durch historische Aufklärungsarbeit kaum beikommen, denn die Kraft der Mythen basiert auf einer in sich geschlossenen narrativen Tiefenstruktur und der Auseinandersetzung mit fundamentalen menschlichen Sinnfragen.5 Dagegen ist eine auf wissenschaftlicher Forschung basierende Geschichtserzählung machtlos, aber sie ist immerhin geeignet, dem politischen Mythos Horst Wessel das angeblich auf Fakten basierende Fundament zu entziehen, ihn also ins Reich des Imaginären zurückzudrängen. Mindestens zwei Ebenen der Geschichte sind dabei zu unterscheiden: eine »reale« und eine diskursive, die bereits beim Wessel-Kult der 1930er Jahre in einer wechselseitigen Spannung zueinander standen. Dieses Spannungsverhältnis soll im Folgenden für die historische Analyse fruchtbar gemacht werden.
Dem Anspruch einer konsequenten Historisierung des Nationalsozialismus folgend, ist zunächst der politische Mythos Horst Wessel so weit wie möglich von allem propagandistischen Dekor zu entkleiden. Es soll schließlich eine wahre Geschichte erzählt werden, und zwar nicht erkenntnistheoretisch unreflektiert im Sinne des »Es kann nur so gewesen sein«, sondern im Sinne eines relativen Wahrheitsbegriffs, der zwar von unbestreitbaren Fakten und Ereignissen, nicht aber von deren verbindlicher Interpretation ausgeht.6 Dies ist in diesem Fall besonders schwierig, denn – ob man will oder nicht – Biographie und Hagiographie lassen sich bei Horst Wessel kaum trennen. Umso wichtiger ist es mir, darauf hinzuweisen, dass die folgende Geschichte – natürlich – eine Konstruktion des Autors ist. Es ist nur eine Geschichte von verschiedenem Denk- und Sagbaren, aber sie beruht auf wissenschaftlicher Forschung und deren Methoden. Sie ist das Resultat einer intensiven und manchmal detektivischen Spurensuche, wobei die Ergebnisse wie die ungelösten Probleme zu einem möglichst plausiblen und nachvollziehbaren Ganzen zusammengefügt wurden.7
Unter dieser methodischen Prämisse ist der Fall Wessel nicht nur aufschlussreich für eine Analyse zentraler Aspekte der nationalsozialistischen Herrschaft, sondern zeigt an diesem prominenten Beispiel auch, unter welchen gesellschaftspolitischen Umständen sich junge Männer in politische Extremisten verwandeln können. Die Hintergründe der Tötung Wessels waren bislang umstritten. Im Rahmen der Recherchen zu diesem Buch wurden die seit 1947 vermissten Ermittlungsakten aus dem Jahr 1930 aufgefunden, die zeigen, wie Ideologie und Milieu, Privates und Politik auf eine letztlich zufällige, aber für die damalige Zeit charakteristische Weise zusammentrafen.
Doch der Fall Wessel ist mehr als eine spannende Kriminal- und Justizgeschichte aus den letzten Jahren der Weimarer Republik: Erstens lässt sich mit dieser um kollektivbiographische Ansätze erweiterten Fallstudie exemplarisch aufzeigen, warum sich ein junger Mann aus nationalkonservativ-bürgerlichem Elternhaus in der Hauptstadt Berlin für die NSDAP begeisterte. Wer war dieser Mensch, was trieb ihn an, und wie kam er schließlich ums Leben? Zweitens stellt sich die Frage, warum die propagandistische Überhöhung Wessels zu einem nationalsozialistischen Helden, einem Parteiheiligen und »Christussozialisten« auf soviel Resonanz stieß, dass um ihn nicht nur ein staatlich gelenkter Kult blühte, sondern dass er – wie im Trierer Amphitheater – auch zum Objekt einer religiösen Züge tragenden Verehrung von unten werden konnte.
Aus Sicht der politischen Linken und im Nachkriegsdeutschland galt Wessel vor allem als Geschöpf Goebbelsscher Propaganda: Der angebliche Zuhälter Wessel verkörperte wie kaum ein anderer die Gewalttätigkeit wie die moralische Verkommenheit der Nationalsozialisten. Diese Gewalttätigkeit zeigt sich deutlich, wenn man – drittens – den Schicksalen derjenigen nachspürt, die von 1933 an im Zuge der unmittelbar nach dem Überfall auf Wessel angekündigten »Rache« verfolgt wurden. Führende SA-Männer organisierten mit Beteiligung und Wissen staatlicher Stellen illegale Mordaktionen. Zudem wurden Haftstrafen, die im ersten Prozess wegen der Tötung Wessels vom September 1930 verhängt worden waren, mit Hilfe der Justiz, die nun unbefristete Schutzhaft über bereits verurteilte Mittäter verhängte, auf ein den Nationalsozialisten angemessen erscheinendes Maß ausgedehnt. Das Regime inszenierte im Jahr 1934 sogar einen zweiten Prozess wegen der Tötung Wessels, der alle Züge eines »Schauprozesses« trug und in dessen Folge zwei Todesurteile verhängt und vollstreckt wurden.
Maßgeblich beteiligt an den Racheaktionen waren ehemalige Kameraden Wessels, die als »alte Kämpfer« im »Dritten Reich« Karriere machten. Obwohl einige von ihnen hohe Dienstgrade in der SS bekleideten und jedenfalls zum Teil aktiv am Völkermord an den europäischen Juden sowie dem Terror gegen die polnische Zivilbevölkerung im Warthegau mitwirkten und 1933 mindestens an einem politischen Rachemord beteiligt waren, wurde nach 1945 keiner rechtskräftig verurteilt. Wie es diesen NS-Tätern gelang, in den beiden deutschen Nachkriegsgesellschaften Fuß zu fassen, und warum sie – wie Tausende andere nationalsozialistische Täter aus der zweiten Reihe – strafrechtlich nicht belangt wurden, wird auf der Basis bislang nicht ausgewerteten Quellenmaterials ebenfalls untersucht.
Das vorliegende Buch folgt denjenigen, deren Lebenslinien sich am Abend des 14. Januar 1930, dem Tag des Überfalls auf Horst Wessel, auf folgenreiche Weise kreuzten, und zwar von der Weimarer Republik über das »Dritte Reich« bis in die Zeit der beiden deutschen Staaten. Es erzählt damit eine der verhängnisvollen deutschen Geschichten des 20. Jahrhunderts.
 
Daniel Siemens
Berlin, im Mai 2009

TEIL I
VOM PFARRHAUS IN DEN STRASSENKAMPF
EINE JUGEND IN DEUTSCHLAND
(1907 – 1930)

Mord in Friedrichshain
»Der 9. Oktober 1907. Frühes Dunkel fällt über die Straßen, braune Blätter wirbeln leise von den Bäumen, der Herbst geht um in Bielefeld. Aber drüben hinter den Fenstern des schlichten Bürgerhauses in der Kaiserstraße leuchtet eine warme Hoffnung in das trübe Dämmern des späten Tages. Einer jungen Pfarrersfrau ist ein Sohn geboren worden. Der erste. Und als am Sonntag nach diesem Mittwoch die Glocken der Pauluskirche zu Andacht und Gebet rufen, da braust ein Dankchor durch die weite Halle: ›Nun danket alle Gott …! Pfarrer Dr. Ludwig Wessel, Prediger an der Pauluskirche in Bielefeld, feiert in stiller Zwiesprache mit seinem Gott die Geburt seines Erstgeborenen. Horst Ludwig ist sein Name.«1
Als die Westfälischen Neuesten Nachrichten im Oktober 1933 in hymnischen Tönen und in religiös gefärbter Sprache über den »besten Sohn« der Stadt schrieben, war Horst Wessel schon tot. Sein Name aber war in aller Munde – nicht zuletzt durch sein für die SA gedichtetes Kampflied »Die Fahne hoch!«, das die Nationalsozialisten als Horst-Wessel-Lied zu ihrer Parteihymne gemacht hatten. Von 1933 an wurde es bei offiziellen Anlässen verpflichtend nach dem »Lied der Deutschen« gesungen. Straßen und Plätze trugen nun Wessels Namen, später auch ein Segelschulschiff, ein Fliegergeschwader und eine SS-Freiwilligen-Einheit. Im schleswig-holsteinischen Landkreis Eiderstedt wurde 1938 ein »Horst-Wessel-Koog« eingeweiht.2 Der Namenspatron war ein nationalsozialistischer Held, ein »Blutzeuge der Bewegung«, der vor allem der Jugend als Vorbild dienen sollte.
Am Abend des 14. Januar 1930, einem Dienstag, war in Berlin gegen 22 Uhr aus nächster Nähe auf den SA-Mann Horst Ludwig Georg Erich Wessel geschossen worden. Er wurde schwer verletzt und starb am Morgen des 23. Februar 1930 an einer Blutvergiftung, die er sich während der Behandlung im Berliner Krankenhaus am Friedrichshain zugezogen hatte. Die Tat ereignete sich im dritten Stock eines Mietshauses in der Großen Frankfurter Straße 62, wo Wessel mit seiner 24 Jahre alten Freundin Erna Jaenichen zur Untermiete wohnte. Eingezogen war das Paar, so sagte später die Vermieterin, am 1. November 1929.3 Einige Zeit zuvor hatte Wessel die ehemalige Prostituierte Jaenichen im Café Mexiko unweit des Alexanderplatzes kennengelernt Das in einem Holzblockhaus an der Prenzlauer Straße 32 untergebrachte Ecklokal war erst kurz zuvor eröffnet worden und warb damit, dass man dem Küchenchef von der Straße aus durch ein Fenster bei der Arbeit zusehen könne. Nicht alle Gäste schätzten diese Transparenz: Hier verkehrten leichte Mädchen, Kleinkriminelle, aber auch Arbeiter mit ihren Familien. Der Kriminalschriftsteller Leo Heller beschrieb das Milieu nicht ohne Sympathie: »Sie ›stricht‹, er ›knackt‹«, immer getragen von der Hoffnung auf ein kleinbürgerliches Glück.4
Zu den Motiven des Überfalls auf Wessel wurden von Nationalsozialisten und Kommunisten nach der Tat unterschiedliche Angaben gemacht. Die Polizei, für die ein Kriminalkommissar Teichmann den Fall bearbeitete, und die Justiz stellten fest, dass die Tat sowohl politische als auch private Ursachen hatte: Wessels Vermieterin, die mit 29 Jahren bereits verwitwete Hutmacherin Elisabeth Salm, lag mit ihren beiden Untermietern im Streit wegen einer angeblich nicht bezahlten Monatsrate. Die Sachlage blieb im September 1930 auch vor Gericht widersprüchlich. Erna Jaenichen behauptete, dass Frau Salm ihrem Mieter Wessel die Wohnung im Herbst 1929 für 200 Reichsmark zur alleinigen Nutzung überlassen habe. Anschließend habe sie Berlin in Richtung ihrer hessischen Heimat verlassen. Wenige Wochen später kehrte Elisabeth Salm jedoch überraschend zurück, nachdem sie erfahren hatte, dass sie jeden Anspruch auf die Wohnung, die der Zwangswirtschaft unterlag, verlieren würde, wenn sie sich außerhalb Berlins aufhielte. Fortan teilte sie die Wohnung mit Wessel und dessen Freundin. Diese gab an, man habe Frau Salm nur aus Mitleid aufgenommen und in der Küche schlafen lassen. Die vorausbezahlten 200 Mark sollte der Untermieter, der zwischenzeitlich Renovierungsarbeiten vorgenommen hatte, abwohnen, bei dem vereinbarten Mietzins von 32,50 Mark monatlich bis weit in das Jahr 1930 hinein.5
Als Elisabeth Salm nach ihrer Rückkehr feststellte, dass inzwischen eine junge Frau zu Wessel gezogen war, bestand sie auf eine höhere Gesamtmiete. Nach ihren Aussagen soll zwischen den beiden Frauen sogar ein gesonderter Mietvertrag über 16,25 Mark monatlich, also ein 50-prozentiger Aufschlag, vereinbart gewesen sein. Diesen habe ihr Erna Jaenichen für Dezember 1929 auch ausbezahlt.6 Wessel war darüber erbost, wie seine ehemalige Freundin vor Gericht angab, habe aber »um des lieben Friedens willen« eingewilligt. Die Mehrkosten habe er getragen, jedenfalls so lange, bis er nach dem Tod seines Bruders Ende Dezember 1929 schwer erkrankte.
Soviel ist sicher: Mit dieser Wohngemeinschaft wider Willen stand es zu Beginn des Jahres 1930 nicht zum Besten. Frau Salm sagte vor Gericht aus, sie habe nachts ständig aufstehen müssen, um Besucher hereinzulassen: »Mitunter kamen um 4 Uhr nachts vier bis sechs Personen, die in Wessels Zimmer Versammlungen abhielten, wobei es immer sehr erregt zuging.« Als die Untermieter den Jaenichen-Aufschlag im Januar nicht zahlten, war für die Salm das Maß voll. Sie wünschte, dass die junge Frau umgehend verschwand. »Zahlen oder ziehen«, lautete ihre Devise. Ob sie sich am schlechten Ruf der Untermieterin störte, die Wessel ohne Absprache aufgenommen hatte, muss Spekulation bleiben. Wahrscheinlich ist das aber nicht, denn wer konnte in Zeiten der Wirtschaftskrise, zumal in dieser Gegend, auf einwandfrei beleumundete Mieter warten?7
Elisabeth Salm konnte es nicht. Als Tochter des Schumachers Philipp Mai und seiner Frau wurde sie am 1. Dezember 1900 im hessischen Bensheim an der Bergstraße als 14. von insgesamt 17 Kindern geboren. Elisabeth besuchte die Volksschule und war danach als Dienstmädchen tätig. Im Alter von 15 Jahren gebar sie einen unehelichen Sohn. Ob sie deshalb einige Zeit als Zwangszögling aufwuchs, ließ sich nicht eindeutig ermitteln.8 Ein Kreisarzt soll das Mädchen seinerzeit untersucht und eine »abnorme geistige Verfassung« festgestellt haben. Elisabeth Mai wurde im Jahr 1917 wegen Beleidigung eines Hilfslehrers erstmalig zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, und zwar von acht Tagen. Bis 1919 erhielt sie auch Strafen wegen Diebstahl, Hehlerei und Betrug. Solche Verurteilungen mussten nicht zwangsläufig den Einstieg in eine kriminelle Karriere bedeuten. Ein Teil der damals kurzfristig stark ansteigenden Kriminalität war schlicht den sich verschlechternden Lebensbedingungen geschuldet und ging bald nach Kriegsende wieder zurück.9
Anfang der 1920er Jahre schien sich auch die Lage der nun volljährigen Elisabeth Mai zu verbessern. Sie lernte in Wiesbaden ihren späteren Ehemann Josef Salm kennen, einen Artisten und Schirmflicker. Mit diesem zog sie nach Berlin, wo sie einige Jahre in wilder Ehe lebten, ehe 1926 geheiratet wurde. Elisabeth Salm betrieb mit ihrem Mann eine Schirmflickerwerkstatt; im gemeinsamen Haushalt lebte außerdem ihr unehelich geborener Sohn. Doch schon 1929 starb der Ehemann, angeblich an Lungen- und Darmtuberkulose sowie an den Folgen von Rauschmittelmissbrauch nach langjähriger Krankheit. Um sich etwas dazuzuverdienen, vermietete Elisabeth Salm das einzige Zimmer ihrer Wohnung. Horst Wessel war einer ihrer ersten Untermieter.10
An der politischen Orientierung des jungen Nationalsozialisten hatte Elisabeth Salm nichts auszusetzen. Sich selbst bezeichnete sie als unpolitisch. Dass Wessel jedoch eine Frau von zweifelhaftem Ruf bei sich wohnen ließ, die ihren Mietanteil nicht bezahlte, ging der Vermieterin zu weit. Der Streit ums Geld stand eindeutig im Vordergrund – jedenfalls gab Elisabeth Salm vor Gericht an, dass Erna Jaenichen sich nicht mehr prostituiert habe, seit sie zu Wessel gezogen sei. Angeblich verdiente sie jetzt etwas Geld in ihrem angestammten Beruf als Schneiderin. Erna Jaenichen dürfte eine jener vielen jungen Frauen gewesen sein, die auf der Suche nach Arbeit in die Großstadt Berlin gekommen waren und hier, als weitgehend mittellose Schlafgängerin oder Untermieterin, »schutzlos der Umgebung preisgegeben« waren, wie es damals hieß. Mit Wessel, so schrieb Moritz Goldstein, der bekannte Gerichtsreporter der liberalen Vossischen Zeitung, sei sie »ernsthaft und öffentlich verlobt« gewesen, auch über eine Heirat hätten die beiden bereits gesprochen. Die Kriminalpolizei kam 1931 ebenfalls zu der Auffassung, dass die junge Frau »von Wessel aus diesen Kreisen herausgehoben worden« sei.11
Am 14. Januar 1930, gegen halb zwei Uhr nachmittags, eskalierte die Situation in der Großen Frankfurter Straße 62. Es kam zu einer »lebhaften Aussprache« zwischen Erna Jaenichen und Frau Salm, an der sich, so erklärte die Vermieterin am folgenden Tag der Kriminalpolizei, auch Wessel, »ein Herr Fiedler« – gemeint war Richard Fiedler, ein mit Wessel befreundeter SA-Mann – sowie Ernas Freundin Klara Rehfeld beteiligt hatten: »Die Aussprache endete damit, daß ich erklärte, ich würde Fräulein Jaenichen abmelden. Darauf sagte Wessel zu mir: ›Versuchen Sie es doch mal!‹« Frau Salm versuchte es, doch Erna Jaenichen verschwand nicht aus der Wohnung. Nun wandte sich die Vermieterin an die Polizei, was gleichfalls ohne Erfolg blieb. Auf dem Kommissariat teilte man der aufgebrachten Frau sinngemäß mit, dass man in diesen turbulenten Zeiten Besseres zu tun habe, als sich um solche Lappalien zu kümmern. In ihrer Wohnung sei sie selbst Polizei.12
Nach eigenen Angaben hatte Frau Salm anschließend in der Wohnung nochmals »in ruhiger Weise« mit Wessel gesprochen. Dieser habe schließlich zugesagt, zum 1. Februar gemeinsam mit Erna auszuziehen. Auch Wassergeld in Höhe von 2 Mark habe er noch bezahlt. Damit hätte der Konflikt entschärft sein können. Elisabeth Salm, von der nationalistischen Presse später als »Küchenkassandra« mit »Spatzenhirn« verunglimpft, sah das jedoch anders. Keine Nacht länger wollte sie ihre beiden Untermieter beherbergen. Wenige Stunden später, gegen 19 Uhr, verließ sie ihre Wohnung und begab sich zunächst zu ihrer Schwiegermutter Anna Salm in die Schwedter Straße 5. Mit dieser kehrte sie einige Zeit später in der Gaststätte von Baer in der Dragonerstraße 48 ein. Dort vermutete sie Gesinnungsgenossen ihres verstorbenen Mannes, eines ehemaligen Rotfrontkämpfers, von denen sie sich Hilfe versprach.13
Ein Teil der kommunistischen Parteiarbeit fand damals in Kneipen statt, berichtete der in der berüchtigten Berliner Ackerstraße aufgewachsene Schauspieler Erwin Geschonneck: »Man konnte nach hinten in einen Saal gehen oder in ein Vereinszimmer, bestellte eine Lage Bier und, wenn es hoch kam, einen Schnaps und brauchte keine Miete zu zahlen.«14 So war es auch im Lokal von Baer, wo sich die Zweite Bereitschaft der kommunistischen Sturmabteilung Berlin-Mitte, eine illegale Nachfolgeorganisation des verbotenen Rotfrontkämpferbundes, regelmäßig traf. Wie ein solches Zuglokal auszusehen hatte, darüber informierte der Propagandadienst des Rotfrontkämpferbundes in seiner Ausgabe vom Januar 1929: Die Einrichtung müsse auf jeden »Indifferenten« einen guten Eindruck, zugleich aber auch jedem Proletarier sofort deutlich machen, dass sich hier der Rotfrontkämpferbund treffe. Das sollte erreicht werden mit Bildern von kommunistischen Aufmärschen, von Marx und Engels, Luxemburg und Liebknecht an den Wänden. Sogar die Einrichtung einer Lenin-Ecke im Vereinszimmer schlug die Führung des Rotfrontkämpferbundes vor.15
Glaubt man den späteren Angaben des damaligen Führers der kommunistischen Sturmabteilung Mitte, Hermann Kupferstein, dann stellte Frau Salm am Abend des 14. Januar 1930 im Lokal von Baer ihre Lage bedrohlich dar: Wessel und seine Freundin, die »nachts immer besoffen nach Hause komme«, würden seit Monaten keine Miete bezahlen. Wenn sie, die Vermieterin, diese eintreiben wolle, werde sie von ihrem Untermieter mit einer Pistole bedroht. Die Polizei, an die sie sich mehrfach gewandt habe, unternehme nichts zu ihrem Schutz.16
Obwohl Elisabeth Salm ihre Lage dramatisch darstellte, wurde sie zunächst enttäuscht. Die Anwesenden interessierten sich nicht sonderlich für die Privatprobleme einer Vermieterin. Zudem war Frau Salm in kommunistischen Kreisen nicht wohlgelitten, weil sie die üblichen Beerdigungsriten des Rotfrontkämpferbundes beim Tod ihres Mannes untersagt und diesen christlich hatte bestatten lassen.17 Erst als sie den Namen Horst Wessel erwähnte, der zumindest in den einschlägigen Kreisen rund um den Alexanderplatz als »Nazi-Häuptling« bekannt war und auf einem Flugblatt der Kommunisten bereits als »Arbeitermörder« bezeichnet wurde, änderte sich die Situation.18 Die im Lokal anwesenden Mitglieder der kommunistischen Sturmabteilung einigten sich darauf, Wessel eine »proletarische Abreibung« zukommen zu lassen und ihn mit Gewalt aus der Wohnung zu werfen.19 Solche Aktionen waren nichts Ungewöhnliches für diese zu Gewalttätigkeiten neigenden Männer, die »dauernd in Schlägereien verwickelt waren«20 und selbst von Genossen als »Dollbrägen« bezeichnet wurden. Spontane Rachegedanken mögen die Männer der kommunistischen Sturmabteilung zusätzlich motiviert haben, denn nur knapp zwei Stunden zuvor war der erst 17 Jahre alte Kommunist Camillo Roß an der Kreuzung von Linien- und Joachimstraße, fünf Gehminuten vom Lokal Baer entfernt, von SA-Männern durch Pistolenschüsse schwer verletzt worden. Einige Kommunisten wollen Horst Wessel unter den Angreifern bemerkt und Vergeltungspläne geschmiedet haben.21
Von der Baerschen Kneipe aus machte sich gegen halb zehn Uhr abends eine größere Gruppe auf zur Großen Frankfurter Straße 62. Zu ihr gehörten – so sah es das Gericht im September 1930 als erwiesen an – die drei Brüder Max, Walter und Willi Jambrowski, der Arbeiter Josef Kandulski, genannt Piepel, Walter Junek, ein Schwager Max Jambrowskis, die Arbeiterin Else Cohn sowie eine nicht mehr genau bestimmbare Anzahl weiterer Personen, allesamt Mitglieder oder Sympathisanten der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD).22 Ihre Lebensläufe geben Einblick in das Milieu: Der am 1. April 1896 in Berlin-Steglitz geborene Tischler Max Jambrowski war in der kommunistischen Sturmabteilung Berlin-Mitte als Kassenwart tätig. Während des Ersten Weltkriegs war er von einem Heimaturlaub nicht an die Front zurückgekehrt. 1919 kämpfte er beim sogenannten Spartakusaufstand auf Seiten der Kommunisten. 1927 trat er der KPD, ein Jahr später dem Rotfrontkämpferbund und der Roten Hilfe bei.23 Sein älterer Bruder Willi, geboren am 28. Januar 1895 in Anklam, war gelernter Schlosser. Nach eigenen Angaben wurde er im Ersten Weltkrieg, an dem er als Artillerist teilgenommen hatte, mit dem Eisernen Kreuz II. Klasse ausgezeichnet. Nach dem Krieg war er Mitglied und Ortsgruppenführer des Landarbeiterverbandes im pommerschen Langenhagen. Nachdem er dort 1924 wegen eines Streiks entlassen worden war, zog er nach Berlin, wo er 1929 Mitglied der KPD, der Roten Hilfe und der RGO, der Revolutionären Gewerkschaftsopposition, geworden sein will. Zudem schloss er sich der Sturmabteilung Mitte an, für die er zum Zeitpunkt des Überfalls auf Wessel als Kurier tätig war. In Zeitungsberichten der liberalen Presse von 1930 hieß es abweichend von seinen eigenen Angaben, dass Jambrowski vor seinem Beitritt zu den Kommunisten dem Stahlhelm angehört haben soll.24 Der dritte Jambrowski, der am 2. Oktober 1897 in Strausberg geborene Walter, hatte offensichtlich keine speziellen Aufgaben innerhalb der KPD übernommen. Er war mit der 25 Jahre alten Else Cohn befreundet, die dem Kommunistischen Jugendverband (KJVD) angehörte. Kandulski schließlich war Fahnenjunker der Sturmabteilung Mitte und gehörte der Zweiten Bereitschaft an.25
»Schlagt die Faschisten, wo ihr sie trefft«, diese Parole hatte kurz zuvor Heinz Neumann ausgegeben, der damalige Chefredakteur der Roten Fahne.26 Man schritt zur Tat. Aus der benachbarten Gaststätte von Adolf Galsk an der Kreuzung Mulack- und Gormannstraße schlossen sich Albrecht Höhler und Erwin Rückert an, die Walter Junek als Verstärkung herbeigerufen hatte. Die beiden, ebenfalls ehemalige Mitglieder des kommunistischen Rotfrontkämpferbundes, waren mit je einer Pistole bewaffnet. Aus Sicht der Angreifer war Vorsicht geboten. Von der Vermieterin Salm wusste man, dass Wessel in seinem Zimmer neben nationalsozialistischem Propagandamaterial auch zwei Pistolen und einen Gummiknüppel aufbewahrte. Gemeinsam begab man sich in die Große Frankfurter Straße 62. Frau Salm ging mit Else Cohn voran. Diese vergewisserte sich, dass Wessel auch tatsächlich zu Hause war, und holte dann Höhler, Rückert, Kandulski sowie Walter Jambrowski aus dem Hauseingang herauf. Jambrowski blieb vor der Wohnungstür im dritten Stock zurück. Seine Brüder und die übrigen Männer standen vor dem Haus Schmiere.
Die Gruppe um Höhler trat in den Wohnungsflur. Geradeaus ging es zur Küche, in der sich Else Cohn, Elisabeth Salm, ihre Schwiegermutter und deren Kind, vielleicht auch noch weitere Personen aufhielten. Rechts war die Tür zum Zimmer, das Wessel und Erna Jaenichen bewohnten. Rückert und Höhler entsicherten ihre Waffen. Zeitgleich läutete Frau Salm eine Kuhglocke über der Küchentür und zeigte damit Besuch für ihren Untermieter an.27
Horst Wessel erwartete Richard Fiedler, den ein halbes Jahr jüngeren Führer des Berliner SA-Sturms 1, und vielleicht auch Ewald Bartel, ein Mitglied von Wessels SA-Sturm 5, dessen »Braut« Klara Rehfeld sich bereits mit Erna und ihm im Zimmer aufhielt.28 Nichtsahnend stand er auf und öffnete die Tür. Vor ihm standen drei unbekannte Männer, von denen einer eine Pistole auf ihn richtete. Klara Rehfeld schilderte die entscheidenden Sekunden wie folgt: »Bald darauf wurde an unserer Tür geklinkt. Da die Tür etwas hängt, öffnete Wessel die Tür, um nachzusehen, was da los sei. In demselben Augenblick fiel von draußen ein Schuss, der Wessel mitten ins Gesicht traf. […] Zwischen dem Öffnen der Tür und dem Fallen des Schusses waren nur Bruchteile einer Sekunde vergangen. Wessel schlug sofort auf den Boden hin und fiel mit dem Hinterkopf gegen die Ofentür.«29 Höhler behauptete später aus nachvollziehbaren, allerdings niemanden überzeugenden Gründen, dass Wessel beim Anblick der gezogenen Waffe versucht habe, eine Pistole hervorzuziehen, und er also in Notwehr geschossen habe.30 Andere Zeugen wie Rehfeld und Erna Jaenichen hielten das für ausgeschlossen. Für irgendeine Abwehrbewegung sei gar keine Zeit gewesen. Aller Wahrscheinlichkeit nach schoss Höhler mit seiner großkalibrigen Neun-Millimeter-Waffe, kaum dass er Wessel im Türspalt erkannt hatte. Allerdings: Wenn er ihn auf jeden Fall hatte töten wollen, hätte er es bei einem Schuss nicht bewenden lassen. In diesem Sinne wiederholte Höhler in der Untersuchungshaft beharrlich seine Aussage, dass die Tat keinesfalls mit dem Vorsatz, Wessel niederzuschießen, abgelaufen sei. »Wir woll[t]en Wessel lediglich verprügeln und ihm seine Waffen abnehmen.«31
Die Angreifer drangen nun in das Zimmer ein. Höhler hielt die dort anwesenden Frauen in Schach. »Keinen Ton, oder ich schieße!«, rief er, oder auch: »Wenn ihr nicht den Mund haltet, bekommt ihr eine gebrannt.« Die Männer durchsuchten hastig das Zimmer und nahmen einen Gummiknüppel und eine Pistole an sich, die Josef Kandulski im Wäscheschrank fand. Diesen hatte er mit einem Schlüssel geöffnet, den Frau Salm ihm bereits in der Kneipe von Baer übergeben hatte. Ali Höhler stieß unterdessen den verwundeten Wessel an und sagte: »Du weißt ja wofür.« Dann flüchteten die Attentäter. Nachdem sie sich vom ersten Schreck erholt hatte, nahm Erna Jaenichen die letzte sich noch im Zimmer befindliche Pistole an sich, die Kandulski nicht gefunden hatte. Zum »Selbstschutz« dürfe sie diese behalten, befanden die wenig später eintreffenden Polizisten.32
Auf der Straße soll Kandulski zu den Wartenden gesagt haben: »Er ist erledigt, türmen!«33 Die Männer und Else Cohn kehrten in die Stammlokale rund um die Volksbühne zurück, wo eine Billardpartie und eine Runde Skat zu Ende gespielt wurden. Die Berliner Bezirksleitung der Kommunistischen Partei wurde noch in der Nacht durch einen Boten von den Vorfällen unterrichtet. Einige der Angeklagten gaben während der Untersuchungshaft zu Protokoll, dass Max Jambrowski im Hinterzimmer der Kneipe von Baer eine kleine Ansprache gehalten und alle Beteiligten zum absoluten Stillschweigen verpflichtet habe: »Wer etwas verrät, bekommt eine Kugel in den Kopf!«34
Wessel lag schwer verletzt am Boden. Angeblich konnte er nur noch das Wort Arzt stammeln.35 Wäre der Schuss nur einen halben Zentimeter tiefer eingedrungen, so gaben später der Gerichtsmediziner Professor Dr. Strauch und der Medizinalrat Dr. Freiherr von Marenholtz ihr Obduktionsergebnis zu Protokoll, wäre der Schwerverletzte noch an Ort und Stelle verstorben.36 Um Wessel kümmerte sich zunächst Frau Salm, während seine Verlobte oder Klara Rehfeld die NSDAP telefonisch benachrichtigten. Der Anruf ging in der Gauzentrale um 22.15 Uhr ein.37 Was in den folgenden Minuten passierte, ist umstritten. Vielleicht verringerte Wessel selbst seine Überlebenschancen, indem er eine Behandlung durch den zu Hilfe gerufenen Allgemeinmediziner, den in der Nähe wohnenden jüdischen Hausarzt seiner Vermieterin, Dr. Max Selo, ablehnte.38 Sehr wahrscheinlich ist das nicht, Wessel hatte andere Sorgen. Erna Jaenichen erklärte später vor Gericht, die von den Rechtsanwälten der Angeklagten vorgebrachte Anschuldigung, dass Wessel einen jüdischen Arzt zunächst abgelehnt habe, sei in keiner Weise zutreffend.39 Auch das muss nicht den Tatsachen entsprochen haben. Möglicherweise hat Wessels Freund und Sturmführerkollege Richard Fiedler, der kurz nach dem Attentat am Tatort eintraf, einen ersten Arzt weggeschickt. Auf jeden Fall sorgte er dafür, dass belastendes Propagandamaterial, ein Stoß Papiere und eine Kassette, aus Wessels Zimmer geschafft wurde. Frau Salm sagte später, sie habe diese Papiere in den Wochen vor dem Überfall einmal flüchtig durchlesen können. Es habe sich um Aufzeichnungen über Kommunisten und über die Polizei gehandelt.40 Eventuell verging durch Fiedlers Säuberungsaktion kostbare Zeit.
Zwei Stunden lang, wie gelegentlich kolportiert, musste Wessel jedoch auf keinen Fall auf ärztliche Hilfe warten. Schon gegen 22.30 Uhr, so weist es eine Rechnung des Rettungsamtes der Stadt Berlin aus, wurde er zum Krankenhaus abtransportiert.41 Kostenpunkt: 11 Reichsmark. Zwanzig Minuten später erreichte der Schwerverletzte die Aufnahmestation des Krankenhauses am Friedrichshain, wo er unmittelbar darauf im Operationshaus Nr. 6 bis gegen 0 Uhr 45 notoperiert wurde. »Natürlich ohne Narkose«, behauptete später die nationalsozialistische Propaganda, offenbar in dem Glauben, Wessel so besonders männlich erscheinen zu lassen.42 Die Kriminalpolizei vermerkte am 15. Januar 1930 lapidar: »Sein Zustand soll hoffnungslos sein.« Und das Krankenhaus Friedrichshain meldete am selben Tag, der eingelieferte Ludwig Wessel [sic!] sei »nicht vernehmungsfähig«. 43
Ausführlich schilderte der Nationalsozialist Dr. Leonardo Conti, damals SA-Oberarzt für die östlichen Stadtbezirke, nach Rücksprache mit seinen Kollegen im Krankenhaus die Verletzungen: »Schuß in den Mund gegen den Oberkiefer etwas nach links. Nebenader der linken Halsschlagader zerrissen. Wo die Kugel steckt, noch unbekannt, anscheinend am Halswirbel und nicht im Gehirn, Zunge dreiviertel, Zäpfchen ganz fortgerissen, schlimme Verwüstung des Gaumens, obere Vorderzähne (ein oder zwei!) weggeschossen.«44 Conti, Jahrgang 1900, war wie Wessel in den 1920er Jahren in verschiedenen paramilitärischen Gruppierungen der nationalistischen Rechten beheimatet und 1927 der NSDAP beigetreten. Auf Fälle wie den von Wessel war Conti spezialisiert. 1925 wurde er mit einer Arbeit Über Weichteilplastik im Gesicht promoviert, damals – wegen der zahlreichen, zum Teil grausam verstümmelten Kriegsversehrten des Ersten Weltkriegs – ein prosperierendes Forschungsgebiet. Als Reichsgesundheitsführer war Conti während des »Dritten Reichs« maßgeblich am Euthanasie-Programm T4, der Ermordung von etwa 100 000 Kranken und Behinderten zwischen 1939 und 1941, beteiligt. Er wirkte daran nicht nur in politisch verantwortlicher Stellung mit, sondern auch direkt als Mediziner, der tödliche Injektionen verabreichte.45
Während Wessel mit dem Tod rang, herrschte im Karl-Liebknecht-Haus, der Parteizentrale der KPD, hektische Betriebsamkeit. Die Funktionäre machten sich Sorgen, dass der Überfall – den man kaum als berechtigte Notwehr darstellen konnte – mit der Partei in Verbindung gebracht werden konnte. Max Jambrowski sprach später von einer Unbesonnenheit. Man habe sich in eine »kopflose Sache« gestürzt, die ohne Auftrag – und vermutlich auch gegen den Willen des Führers der Sturmabteilung Mitte, Hermann Kupferstein, – ausgeführt worden sei.46 Nicht zum ersten Mal bereiteten die vermeintlichen Selbsthilfe-Aktionen von Parteimitgliedern der politischen Führung ernste Probleme. Die Kontrolle der Parteibasis blieb in den letzten Jahren der Weimarer Republik ein Dauerthema und auch nach 1933 eine der Obsessionen der KPD.47 Der Schuss auf Wessel war zudem ein Tabubruch: Trotz der eskalierenden Straßengewalt waren die Privatwohnungen der Kontrahenten bislang nicht zum Kampfgebiet erklärt worden. Man prügelte sich in einschlägigen Versammlungslokalen und am Rande von Demonstrationen, benutzte in zunehmendem Maße auch Stich- und Schusswaffen, ließ sich aber im privaten Bereich weitgehend in Ruhe. Anders war ein Zusammenleben der verfeindeten politischen Lager, die zum Teil Tür an Tür wohnten, nicht zu gewährleisten. »Individueller Terror«, so hieß es denn auch ein Jahr nach dem Überfall auf Wessel im kommunistischen Roten Führer bezeichnend, sei nicht aus moralischen, aber aus taktischen Gründen abzulehnen: »In ein Lokal gehen und einen Faschisten niederknallen, das kann jeder, der Mut und einen Revolver hat. Weit schwieriger ist es natürlich, in die Massen zu gehen, mit den Massen zu kämpfen und an der Spitze der Massen die Volksrevolution zu entfachen.«48
Der Schütze, der am 30. April 1898 in Mainz geborene gelernte Tischler Albrecht »Ali« Höhler, galt als »Berufsverbrecher« und »schwerer Junge«. Er soll Mitglied im berüchtigten »Spar- und Geselligkeitsverein Immertreu« gewesen sein, einem der bekanntesten der insgesamt 40 Ringvereine der Stadt.49 Der Status dieser Ringvereine, eine Berliner Mischung aus Mafia, Zuhälterdachorganisation und kleinbürgerlichem Geselligkeitsverein mit prunkvollen Vereinsfesten und anderen gemeinschaftsbildenden Ritualen, war umstritten. Während viele Zeitungen von »Verbrechergesindel« sprachen und vor Chicagoer Verhältnissen warnten, galt die angebliche Gefährlichkeit der Ringvereine dem Berliner Polizeivizepräsidenten Bernhard Weiß als »Legende«. Er hob vielmehr hervor, dass sie in bestimmten randständigen Milieus wichtige soziale Integrationsleistungen erbringen würden; erst wenn diese wegfielen, bestünde die Gefahr, dass sich deren Mitglieder zu »gewerbsmäßigen Verbrechern« entwickelten.50 Wie auch immer man den Charakter der Ringvereine letztlich bewerten mag, in der Zwischenkriegszeit kontrollierten solche inoffiziell weitgehend geduldeten Organisationen einen nicht unbeträchtlichen Teil des kriminellen Milieus der Hauptstadt, besonders auf dem Gebiet der gewerbsmäßigen Prostitution und der Hehlerei.51 Im Scheunenviertel kam hinzu, dass Ringvereine und KPD sich gegenseitig protegierten: Die Partei deckte kriminelle Machenschaften, bot Rechtsschutz und bezahlte zur Not auch teure Rechtsanwälte; die Männer der Halbwelt forderten in der Nachbarschaft nachdrücklich zur Wahl der richtigen Partei auf und standen auch für Spezialaufgaben zur Verfügung.52
Albrecht Höhler war in diesem doppelten Sinn ein bewährter Genosse. Bereits 1924 war er der KPD beigetreten. Im Mai 1929, nach dem Verbot des Rotfrontkämpferbundes, wurde er Mitglied der illegalen kommunistischen Sturmabteilung in Berlin-Mitte.53 Diese firmierte zunächst als »Kulturverein Zentrum« und gliederte sich in vier Bereitschaften auf, jede etwa 60 Mann stark.54 Höhler gehörte zur dritten Bereitschaft unter der Führung von Erwin Rückert, in der sich – wie es Funktionäre der DDR später ausdrückten – »zum größten Teil […] asoziale Elemente« versammelt hatten, weshalb seinerzeit eine Auflösung des gesamten Zuges erwogen worden sei. Die Männer dieser Bereitschaft trafen sich beinahe täglich im Lokal Galsk im Scheunenviertel, nach Leo Heller dem eigentlichen »Herz von Berlin«. Der Berliner Polizeikommissar Ernst Engelbrecht, der seine Berufserfahrung 1931 in dem Sensationsbuch In den Spuren des Verbrechertums erfolgreich vermarktete, schrieb, dass in dieser Gegend »schon in den frühen Vormittagsstunden allerlei Gesindel« durch die Kaschemmen zögen. Die Hauptkundschaft solcher »Verbrecherlokale«, so versicherte der auf seine intime Kenntnis des Milieus erkennbar stolze Kommissar seinem bürgerlichen Publikum, bestünde »aus Dirnen mit ihrem männlichen Anhang, gewerbsmäßigen Verbrechern aller Art« und »arbeitsscheuen Burschen und Mädchen, dem Zuwachs des Verbrechertums«. Die meisten dieser Leute hätten ihre Stammlokale, wo sie beinahe täglich einkehrten und »tatsächlich ein Stück Heimat gefunden haben«.55
Die kommunistische Sturmabteilung in Berlin, die nach der Tötung Wessels tatsächlich aufgelöst wurde, war in vier Verkehrslokalen stationiert. Die ganze Abteilung wurde von der KPD streng kontrolliert: Nach Aussage von Kupferstein fanden in den Lokalen tägliche Kontrollbesuche durch die Leitung statt. In ihren Kneipen organisierte die Sturmabteilung den Saalschutz für Versammlungen oder besprach Störaktionen gegen feindliche Gruppierungen. Es ist davon auszugehen, dass die meisten ihrer Mitglieder auf irgendeine Art bewaffnet waren. Höhler selbst führte »zum eigenen Schutz« eine Parabellum-Pistole 08 mit sich. Diese großkalibrige Armeepistole hatte er angeblich vom Geld der Sturmabteilung gekauft. Auch eine MG-Schreckschuss-Pistole will er besessen haben, während Rückert eine Mauser-Pistole zur Verfügung stand.56
Die Tat am 14. Januar 1930 erregte in Berlin Aufsehen. Die kommunistische Rote Fahne titelte unmittelbar nach dem Überfall: »SA-Führer aus Eifersucht umgelegt«. Sie bezeichnete Wessel als Zuhälter, der bei einer Auseinandersetzung im Milieu ums Leben gekommen sei, und lehnte jegliche Verantwortung der KPD für die Tat ab. Die nationalsozialistische Berliner Arbeiter-Zeitung sprach dagegen von »Rotmord« und einem »Wildwest-Überfall«, der deutlich mache, dass Nationalsozialisten nunmehr wie »Freiwild« behandelt würden. Für den Angriff handelte es sich um einen kommunistischen Mordanschlag auf den »aktivsten Sturmführer« Berlins. Die Zeitung drohte, die »Giftbrut im Karl-Liebknecht-Haus«, der kommunistischen Parteizentrale, »dereinst mit Stumpf und Stiel auszurotten, […] so wie man Ratten oder Wanzen vertilgt«.57 Das wenige Tage später eingeleitete Ermittlungsverfahren gegen den Angriff-Herausgeber Joseph Goebbels, damals zugleich Gauleiter der NSDAP für Berlin-Brandenburg, und den Redakteur Dagobert Dürr stoppte die Berliner Staatsanwaltschaft bereits Anfang Februar 1930 – mit Billigung des Preußischen Justizministeriums. Die Begründung des zuständigen Staatsanwalts Sethe, mit der er der NSDAP de facto eine Blankovollmacht zur Verfolgung Andersdenkender lieferte, lautete: »Diese Sätze enthalten m[eines] E[rachtens] weder eine Aufforderung zur Begehung strafbarer Handlungen noch eine Bedrohung mit einem Verbrechen, sondern nur die Ankündigung, dass die NSDAP, wenn sie dereinst zur Macht komme, von ihren Machtmitteln gegen die KPD radikalen Gebrauch machen werde. Ich beabsichtige daher [sic!], von einem strafrechtlichen Einschreiten Abstand zu nehmen.«58
Die Polizei schrieb den als Haupttäter verdächtigen Albrecht Höhler bereits am 17. Januar 1930 zur Fahndung aus. Ein mit seinem Foto versehener Steckbrief versprach für sachdienliche Hinweise, die zu seiner Verhaftung oder auch die anderer Beteiligter führten, eine Belohnung von 500 Reichsmark. Auf die Spur des Schützen war man schnell gekommen, denn Wessels Freundin Erna Jaenichen hatte Albrecht Höhler identifiziert. Woher sich beide kannten, wurde nie eindeutig geklärt. Eine demokratisch gesinnte Zeitung schrieb im Januar 1933, dass Wessel seine Freundin damals zu Spitzeldiensten bei den Kommunisten benutzt habe, »zu denen sie von früher her Beziehungen hatte«.59 Welcherart diese Beziehungen waren, ob politischer oder eher geschäftlicher Natur, blieb unklar. Die Kommunisten behaupteten hingegen, Höhler sei ohne jeden Zweifel Ernas Zuhälter gewesen, bevor Wessel ihm die junge Frau ausgespannt habe. Das hätte eine Eifersuchtstat im Milieu plausibel erscheinen lassen.
Das Gericht glaubte schließlich der Zeugin Jaenichen, die aussagte, mit Höhler nur flüchtig bekannt gewesen zu sein, wie man eben jemanden von der Straße her kennt. Höhler will Wessel überhaupt nicht gekannt haben, dessen Freundin nur mit ihrem Vornamen, als Prostituierte Erna. Vor Gericht sagte Höhler aus, ihm sei nach der Tat von Kommunisten eingeschärft worden, »die Tat nie als eine politische darzustellen«. Stattdessen habe er aussagen sollen, dass Wessels Freundin früher seine Braut gewesen sei, bis Wessel sie ihm ausgespannt habe: »Es sollte alles ein Eifersuchtsdrama sein.«60 Auch Wessels Vermieterin Elisabeth Salm hat nach eigener Aussage am 15. Januar 1930, als sie von der KPD ins Karl-Liebknecht-Haus einbestellt worden sein soll, mit Entschiedenheit erklärt, dass Wessel mit Zuhälterei nichts zu tun gehabt habe.61 Gegen eine Eifersuchtstat spricht der Verlauf der abendlichen Aktion: Hätte ein eifersüchtiger Höhler gewartet, bis der Zufall in Gestalt von Frau Salm ihm seinen Rivalen in die Arme trieb? Und hätte er dann seine dilettantische Rachetat mit einer großen Zahl von Unterstützern ausgeführt, allesamt potentielle Mitwisser?
Gauleiter Joseph Goebbels, der spätere Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda, der Wessel bereits 1927 kennengelernt hatte, besuchte den Schwerverletzten mehrfach im Krankenhaus. Der erste Krankenbesuch am 19. Januar 1930 hatte nach Goebbels’ Angaben vielleicht eine Minute gedauert, in der er nicht ein einziges Wort an Wessel gerichtet habe. Danach kommentierte er kalt: »Wie aus einem Roman von Dostojewski: der Idiot, die Arbeiter, die Dirne, die bürgerliche Familie, ewige Gewissenspein, ewige Qual. Das ist das Leben dieses 22-jährigen idealistischen Phantasten.«62
Wessels Gesundheitszustand verschlechterte sich von Mitte Februar 1930 an zusehends. Einem späteren Artikel im Völkischen Beobachter zufolge hatte der Angeschossene in den Tagen zuvor noch über Politik geredet und zukünftigen nationalsozialistischen Erfolgen buchstäblich entgegengefiebert. Dass Wessel überhaupt noch sprechen konnte, ist wegen der Schwere seiner Verletzung jedoch unwahrscheinlich. Selbst die Propaganda der Nationalsozialisten räumte ein, dass ihr Held auch in den Tagen einer relativen Gesundung stets den Eindruck eines Schwerkranken gemacht habe.63 Da Wessel nur noch auf künstlichem Wege ernährt werden konnte, nahmen seine Kräfte beständig ab. Eine Blutvergiftung trat ein. Der Todkranke, wie der Obduktionsbericht festhielt »nur noch Haut und Knochen«, empfing seine letzten Besucher, konnte aber definitiv nicht mehr sprechen. Am Samstagnachmittag, den 22. Februar, verlor er das Bewusstsein. Einen Tag später starb er gegen halb sieben Uhr morgens. Das nüchterne Fazit der Mediziner ließ für Spekulationen über die Todesursache keinen Raum: »1. Der Mann ist an allgemeiner Blutvergiftung gestorben. 2. Die Blutvergiftung hat ihren Ausgang genommen von einer Schussverletzung des Kopfes, die im Rachen und oberen Halswirbelsäulengegend zu schweren eitrigen Veränderungen geführt hat.«64
002
Fahndungsplakat der Berliner Kriminalpolizei, die nach Albrecht Höhler, dem mutmaßlichen Mörder Horst Wessels, sucht.
Unmittelbar nach Wessels Tod begann Goebbels, den Verstorbenen zielstrebig als Vorbild für die Jugend und das kommende nationalsozialistische Deutschland aufzubauen. »Ein neuer Märtyrer für das Dritte Reich«, schrieb er bereits am 23. Februar 1930 in sein Tagebuch.65 Die Beerdigung eine Woche später, am Nachmittag des 1. März 1930, machte die NSDAP zu einer großen Propagandaveranstaltung. Zwar hatte die preußische Polizei für diesen Tag öffentliche Ansammlungen und das Zeigen der Hakenkreuzfahne auf der Straße verboten, dennoch wurde der auf wenige Fahrzeuge beschränkte Trauerzug von Gefolgsleuten wie Gegnern am Straßenrand beobachtet. Er führte von dem Haus Jüdenstraße 51/52, wo die Familie Wessel seit 1913 wohnte, durch den Hohen Steinweg, über den Neuen Markt durch die Kaiser-Wilhelm-Straße zum Bülowplatz, schließlich weiter über die Panke-, die Koblenzer und die Linienstraße zum Prenzlauer Tor. Parteiuniformen waren erst auf dem Friedhof gestattet. Angeblich hatte die Schwester des Verstorbenen im Vorfeld versucht, persönlich beim Reichspräsidenten Paul von Hindenburg vorzusprechen. Ihre Hoffnung, dank der alten Kontakte zwischen diesem und ihrem verstorbenen Vater doch noch die Aufhebung der Demonstrationsauflagen zu erreichen, erfüllte sich nicht.66
Als der Trauerzug den Bülowplatz erreichte, kam es zu lebhaften Protesten. Vor der Parteizentrale der Kommunisten ertönte die Internationale. Polizeibeamte mussten schützend eingreifen. Schmährufe, vielleicht auch vereinzelte Steinwürfe konnten sie nicht verhindern, zu größeren Zusammenstößen kam es jedoch nicht. Die Nationalsozialisten behaupteten aber, dass Demonstranten versucht hätten, den Sarg vom Leichenwagen zu zerren. Die Auflagen für den Beerdigungszug, die der Berliner Polizeivizepräsident Bernhard Weiß durchgesetzt hatte, der schon vor 1933 zur Zielscheibe von Diffamierungskampagnen der extremen Rechten geworden war, nutzte die Parteizeitung Westdeutscher Beobachter als Anlass für antisemitische Schmähungen. Die Bestimmungen seien die Ausgeburt des »perversen Gehirns eines jüdischen Vizepolizeipräsidenten«.67
Auf dem Friedhof hielten Goebbels und der Oberste SA-Chef, Franz Pfeffer von Salomon, pathetische Ansprachen. Anwesend waren auch Hermann Göring und Prinz August Wilhelm von Preußen, genannt »Auwi« oder »Nazi-Prinz«.68Angeblich hatte bereits am 24. Februar 1930 in München eine Besprechung zwischen Hitler, Goebbels, Göring und August Wilhelm von Preußen stattgefunden, bei der über die Beerdigungszeremonie und eine eventuelle Anwesenheit Hitlers diskutiert worden sein soll. Eine Entscheidung scheint damals nicht gefallen zu sein, wie ein leicht beleidigt klingender Eintrag von Goebbels in seinem Tagebuch vom 1. März 1930 vermuten lässt: »Hitler kommt nicht. Ich habe ihm die Lage telephonisch durchsagen lassen – und er sagte tatsächlich ab. Na ja!«69 Im Auftrag der NSDAP wurden Filmaufnahmen gemacht.70 Wie Goebbels notierte, stand auf der Friedhofsmauer in weißen Lettern: »Dem Zuhälter Wessel ein letztes Heil Hitler!« Angeblich waren rund 20 SA-Männer vor dem Eintreffen des Trauerzuges damit beschäftigt, Schmähparolen rund um den Friedhof zu entfernen.71
003
Beerdigung von Horst Wessel am 1. März 1930. Zu Angriffen auf den Trauerzug kam es entgegen den Behauptungen der Nationalsozialisten nicht.