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Inhaltsverzeichnis
 
 

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DER AUTOR
 
Der Autor, Produzent und Sprecher Ulli Potofski begann seine Medienlaufbahn 1974 als Radio Diskjockey bei RTL. Er hat unzählige Sportsendungen moderiert und alle Fußballgrößen vor dem Mikrofon gehabt. Für sein Engagement wurde er mit einem Bambi ausgezeichnet. Mit seinem ersten Kinderbuch »Locke bleibt am Ball« hat er große Erfolge gefeiert.

Von Ulli Potofski ist bei cbj bereits erschienen:
 
Locke bleibt am Ball (21640)
Locke stürmt los (21864)

1
Geschockt – genau, das war das richtige Wort – saßen die allerbesten Freunde Locke und Matz in ihrem Sportcafé und stierten förmlich auf eines der Fernsehgeräte.
In der ultramodernen »location« glitzerte es nur so vor Chrom und riesige Flachbildschirme ringsum bestimmten das Bild. Auf den Geräten waren unterschiedliche Sender eingeschaltet, sodass die diversen Sportprogramme zeitgleich verfolgt werden konnten. Hier kam her, wer sich für Sport und insbesondere für das Fußballgeschehen interessierte – meist junge Leute. Der Lautstärkepegel war enorm hoch, denn zu den Stimmen der Kommentatoren dröhnte in irgendeiner Ecke auch immer noch Musik aus einer Box. Vater Schubert, der einmal mit in diesem Sportcafé gewesen war, hatte es nur eine Stunde hier ausgehalten. Dann war er geradezu geflohen. Besonders laut war es immer am Wochenende, wenn die unterschiedlich »gepolten« Fans von Bundesligavereinen hier die Konferenz der Spiele im Fernsehen verfolgten.
Matz und Locke lauschten der Stimme des Eurosport-Moderators, der nochmals zusammenfasste: »Damit treffen beim Eröffnungsspiel der Schüler-Europameisterschaft in Berlin am 4. Mai 2008 aufeinander: Deutschland und die Türkei.«
Die beiden Jungen verharrten in einer geheimnisvollen Starre, als ob ein Alien sie in mittelalterliche Statuen verwandelt hätte. Es dauerte geschlagene fünf Minuten, bevor sie langsam die Sprache wiederfanden. Ein absoluter Rekord für beide, die sonst nur schwer aus der Fassung zu bringen waren. Nun aber brach es aus Patrick Schubert, genannt Locke, hervor.
»Matz, ist dir das klar geworden? Deutschland gegen die Türkei – das heißt auch Matz gegen Locke.« Er war fassungslos. »Wir müssen gegeneinander antreten.«
Matz hatte sich schon wieder besser in der Gewalt und entgegnete trocken: »Und damit startet Deutschland gleich mit einer Niederlage in das Turnier.«
Locke verzog das Gesicht. »Da ist das letzte Wort noch lange nicht gesprochen.« Er grinste. »Tatsache ist, dass du ab sofort mein größter Feind bist.«
Matz schaute einen Augenblick entsetzt, lachte dann aber sofort und entgegnete locker: »Na, dann bist du wenigstens mein Lieblingsfeind, und bis zur Europameisterschaft müssen wir ja auch noch das eine oder andere Spiel zusammen im Verein gewinnen.«
Genauso war es. Die beiden Jungs hatten gemeinsam den Weg in die U15-Mannschaft von Schalke 04 gefunden und ebenso waren beide in die U15-Nationalmannschaften ihrer Länder berufen worden.
Bis vor wenigen Monaten hatten Locke und Matz bei einem kleineren Verein in Gelsenkirchen gespielt, bei Blau-Weiß, aber dann war die ganze Stadt auf die beiden Jungen aufmerksam geworden, als sie bei einem Freundschaftsspiel in Newcastle ein fast verlorenes Match, bei dem sie mit 0:3 zur Pause zurückgelegen hatten, noch mit 4:3 für Blau-Weiß entscheiden konnten. Fast sensationell zu nennen war es, dass Patrick drei Tore erzielte und Matz allein auf Patricks Vorarbeit hin den Siegtreffer landen konnte. Unvergesslich auch, als Locke am Ende der Begegnung barfuß auf dem Spielfeld stand, weil seine Fußballschuhe sich in Nichts aufgelöst hatten. Manch einer hatte damals vermutet, dass irgendein Geheimnis um diese Fußballschuhe war, dass sie so etwas wie magische Fähigkeiten besaßen und seinen Träger Locke geradezu zum Sieg katapultiert hatten. Der Trainer der deutschen Schülernationalmannschaft glaubte damals aber mehr an die Leistung von Locke als an Magie und berief ihn in das U15-Nationalteam.
Matz, als Sohn türkischer Eltern, hatte fast zeitgleich den Weg in die Landes-Elf der besten Schüler der Türkei gefunden, und so war es dann auch nur ein logischer Schritt, dass die Jugendabteilung des großen FC Schalke 04 die Jungen von ihrem Heimatverein Blau-Weiß Gelsenkirchen abgeworben hatte. Bei Schalke spielten sie nun seit einigen Monaten fast unter professionellen Bedingungen.
Unzertrennlich waren die beiden Freunde. Na ja, fast, denn Locke verbrachte auch viel Zeit mit Eva, dem Mädchen, mit dem er seit zwei Jahren »ging«. Eva allerdings war wie Matz und Locke auch Mitglied in der gemeinsamen Band »NEW KICKING DEVILS« und so waren die drei automatisch viel miteinander zusammen. Eva war die Sängerin der Gruppe geworden und hatte für die Band sogar auf eine Solokarriere bei »Deutschland sucht den Superstar« verzichtet. Relativ regelmäßig traten die »DEVILS« – wie Fans die Truppe nannten – in Jugendheimen und Clubs auf.
Tja, Fußball, Musik, Freundschaft und Verliebtsein. Kein Problem für Patrick Schubert – wegen seiner blonden Haarpracht Locke genannt -, all diese Dinge auf die Reihe zu kriegen; doch damit nicht genug, da waren auch noch die Schule, ein Hund namens Poldi und die lieben Eltern …
Vater Schubert hatte sich die Auslosung für die Schüler-Europameisterschaft natürlich auch angeschaut und begrüßte seinen Sohn Locke daheim mit den Worten: »Das packt ihr aber mit den Türken im Eröffnungsspiel – oder?«
Locke war nie sonderlich begeistert, wenn er nach Hause kam und gleich überfallmäßig nach allem und jedem ausgefragt wurde. Im Stillen nannte er es Verhör, was sein Vater da gern praktizierte, was natürlich etwas hart ausgedrückt war, aber es nervte ihn einfach. Seine Mutter war da einfühlsamer, so auch heute. »Jetzt lass doch erst mal den Jungen in Ruhe«, bemerkte sie aus der Küche, »und lass uns etwas essen und dann besprechen wir eure Europameisterschaft in aller Ruhe.«
Vater Schubert machte eine unwirsche Bewegung. »Eine Europameisterschaft kann man nicht so nebenbei bei Gürkchen und Salami besprechen« knurrte er, »das erfordert strategisches Denken, Übersicht und ein Fußballwissen, wie es vielleicht Marcel Reif, der berühmte Reporter, hat oder unser Bundestrainer. Schluss. Aus. Basta.«
Beim Wort »Basta« meldete sich Schuberts Hund Poldi aus der Ecke des Wohnzimmers mit einem fragenden Fiepen. »Schluss. Aus. Basta.«, sagte nämlich auch Locke zu seinem Hund, wenn er die gemeinsamen Laufrunden mit ihm beendete. Poldi war, wie es schien, etwas überrascht, dass jetzt eine Laufeinheit hier im Wohnzimmer zum Ende kommen sollte. Locke musste jetzt doch lachen.
»Genau Poldi, du hast es erfasst«, meinte er, dem Hund zugewandt, »hier wird schon manchmal viel Unsinn verzapft.«
Mutter Schubert hatte – wie so oft – das letzte Wort: »Mein lieber Sohn, wer hier Unsinn verzapft oder nicht, das beurteile ich wohl immer noch am besten«, sagte sie resolut. »Und jetzt ab an den Tisch, das Essen kommt gleich, und dann sage ich euch mal, wer Europameister wird und wer nicht.«
Lockes Mutter war mit den Jahren zu einer echten Fußballanhängerin geworden. Wann immer sie konnte, begleitete sie ihren Sohn zu den Spielen von Schalke 04. Natürlich hatte sie auch den einen oder anderen Nackenschlag mitbekommen, den Locke in seiner Laufbahn schon erleiden musste. Höchst ungern dachte sie vor allem an eine Situation zurück, die ihrem Sohn schwer zu schaffen gemacht hatte. Es war schon eine Weile her, aber es schien ihr, als wäre es gestern gewesen, diese »Bierdosenaffäre« in der Fußballschule von Duisburg. Damals hatte einer von Lockes Mannschaftskameraden – der eben kein echter Kamerad war – ein paar Büchsen Bier in seinen Rucksack geschmuggelt, um ihn als Konkurrenten zu beseitigen. Alkoholgenuss war an der Fußballschule strengstens untersagt, und Locke, der seine Unschuld nicht beweisen konnte, »flog« sofort. Mutter Schubert litt mit ihrem Sohn. Selten, dass ihr geliebter »Großer« ihr wieder einmal so klein vorgekommen war. Es hatte einige Anstrengungen gekostet, ehe Locke schließlich wieder rehabilitiert und anerkannt vor allen dastand.
Vater Schubert, Locke und seine Mutter genossen stets das ausgiebige gemeinsame Abendessen in der Küche und besprachen dabei die allgemeinen Probleme der Familie, heute allerdings trieb Vater Schubert das Essen in Rekordzeit voran. Wen interessierten schon Stromrechnungen, Einkaufszettel und Hausaufgaben, wenn vor wenigen Stunden die U15-Europameisterschaft ausgelost wurde und der eigene Sohn eine der Stützen der deutschen Mannschaft sein sollte. Mutter Schubert spürte den dringenden Gesprächsbedarf ihrer »Männer« und verkürzte das Abendessen, indem sie vorgab, der Küchenboden müsste einmal wieder geschrubbt werden. Während sie also noch in der Küche fuhrwerkte, begaben sich Vater und Sohn und auch der Hund Poldi in Richtung Wohnzimmer.
Patrick ging hinter seinem Vater her. Auch wenn der Mann ihn manchmal nervte, so hinderte ihn das keine Sekunde daran, unglaublich stolz auf ihn zu sein. Wie sein Vater das geschafft hatte, sich wieder zu erholen, damals nach dem Schock, als er von einer Sekunde auf die andere in eine Katastrophe geschleudert wurde, als ein Schlaganfall ihn völlig lahmlegte, ihm ein Leben aufzwang, das nichts mehr mit seinem bisherigen zu tun hatte! Mit eisernem Willen hatte Markus Schubert es geschafft, aus diesem Tief wieder herauszukommen, hatte die langsam einsetzende Besserung seines Zustandes mit ganzer Kraft unterstützt – konnte eines Tages den Rollstuhl verlassen und mit Heimarbeit sogar die Familienkasse aufbessern.
Vater Schubert setzte sich in einen der Sessel am Couchtisch und sah seinen Sohn an.
»Sag mal«, begann er das Gespräch, »wie hat denn dein Freund Matz auf die Auslosung reagiert?«
»Sehr cool«, antwortete Patrick, »wir haben beschlossen, ab sofort Feinde zu sein.« Er grinste.
Sein Gegenüber sah ihn leicht amüsiert und doch mit einer Sorgenfalte im Gesicht an. »Ihr zwei und Feinde? Eher bricht die Welt zusammen! Aber manchmal passieren Dinge, die kann man sich gar nicht ausdenken und dann werden aus Freunden tatsächlich erbitterte Gegner.«
Locke dachte einen Augenblick nach. »Es ist schon so, dass wir uns bei diesem Spiel Deutschland gegen die Türkei als sportliche Gegner treffen werden«, erwiderte er dann lakonisch, »aber wie ich schon sagte: als sportliche Gegner!«
Der Vater nickte zustimmend. »Aber jetzt mal raus mit der Sprache – was hältst du von den anderen Gegnern in der Gruppe? Fangen wir mit den Polen an …«
Patrick war mit seiner Einschätzung schnell bei der Hand. »Ein Team, das man ganz langsam bearbeiten muss«, meinte er sachkundig. »Die stehen hinten sehr kompakt. Kräftige Jungs, die aber im Sturm leichte Probleme haben. In der Qualifikation für die EM haben sie insgesamt nur neun Tore geschossen, aber auch nur zwei kassiert. Das sagt wohl eine ganze Menge über die polnische Mannschaft. Im Übrigen haben wir noch von Schalke aus ein Freundschaftsspiel gegen die Polen, danach werden wir ein Stückchen schlauer sein.«
Für Markus Schubert stand fest: »Also drei Punkte für euch.«
»Langsam, langsam, Daddy, auch dieses Spiel muss erst gespielt werden.«
Sandra Schubert hatte sich in der Zwischenzeit zu den Fußballfanatikern gesetzt und hörte gespannt den Ausführungen zu. Sie war längst auch zu einer anerkannten Fachfrau des spannenden Fußballsports geworden, kein Wunder bei all den Erlebnissen der letzten Jahre.
So merkte sie jetzt also fachfraulich an: »Die Italiener werden wohl der härteste Brocken – oder?«
Locke nickte zustimmend. »Klar« meinte er, »die Italiener waren schon häufiger mit ihrer Jugendarbeit in Europa ganz weit vorn.« Locke wusste, die Jungs vom Stiefel wurden in ihren Vereinen schon absolut wie Profis ausgebildet und sie hatten mit einem gewissen Toni Insunita einen Torjäger in ihren Reihen, den fast alle großen Clubs in Italien verpflichten wollten, für ihren Nachwuchs. Noch spielte das Riesentalent in einem unbedeutenden Verein in Südtirol. Inter Meran nannte er sich, aber nach allem, was Locke gehört hatte, würde dieser Toni Insunita bald zu Inter Mailand wechseln.
»Italien gehört sicher zum engeren Favoritenkreis dieser Europameisterschaft«, schloss er an und fügte hinzu: »Aber die Türkei ist für mich so etwas wie ein Geheimfavorit – schließlich spielt dort mein Freund Matz.«
Zustimmung kam diesmal von Poldi, der sich bei der Nennung des Namens Matz bellend und schwanzwedelnd auf Locke zubewegte, um sich dann direkt vor seinen Beinen wieder niederzulassen.
Locke kraulte den Hund kurz.
»Und was Matz kann«, sagte er weiter, »das sehe ich ja jede Woche bei Schalke. Die ganze türkische Mannschaft erwarte ich technisch stark. Es wird wohl eine hammermäßig schwere Vorrunde – aber ich freue mich darauf. Ganz ehrlich, ich kann jetzt schon nicht mehr ruhig schlafen, wenn ich nur daran denke.«
Patricks Mutter schaute auf die Uhr. »Gutes Stichwort, mein Sohn, es wird Zeit schlafen zu gehen. Es wäre übrigens sehr ungesund, wenn du jetzt bis zum Mai 2008 nicht mehr ruhig schlafen könntest. Jetzt haben wir Oktober und sieben Monate ohne richtigen Tiefschlaf – das hält selbst der beste Profi nicht aus. Also, ab ins Bett; der Wecker klingelt wie immer um kurz vor sieben und die Schule wartet nicht!«
Vater Schubert hätte noch gerne diskutiert, aber er hob nur resignierend die Schultern. »Mutter hat wie fast immer den Schlusspfiff abgegeben, also Gute Nacht, Freunde, morgen werden wir über die perfekte Taktik sprechen …«
Locke und Poldi trollten sich in ihr Zimmer, und trotz der Ankündigung, er könne von nun an keine Ruhe mehr finden: Locke schlief tief und fest in dieser Nacht.

2
Montag, eine neue Woche begann. Eingespannt, wie Patrick war, mit all seinen Verpflichtungen, hatten die Zeitabschnitte für ihn ein festes Muster – und das sah so aus:
Montag, acht bis dreizehn Uhr Schule. Um drei Training bei Schalke 04. Um fünf dann Hausaufgaben. Abends um acht Essen mit den Eltern, danach gelegentlich ein Treffen mit Matz. Oder ein Treffen mit Eva – häufiger als gelegentlich …
Dienstagnachmittag bis in den späten Abend Bandprobe der NEW KICKING DEVILS.
Mittwoch nach Schulschluss dann Training bei Schalke 04. Ab sechs Uhr Hausaufgaben, dann Abendessen mit den Eltern, anschließend Fußball im Fernsehen: Die Championsleague-Spiele, gemeinsam mit Matz und Vater Schubert.
Donnerstag, langer Nachmittag. Frei für Eva! Entweder es war Kino angesagt oder Stadtbummel oder einfach nur Parkbank und ein bisschen schmusen.
Freitag, drei Uhr, Training bei Schalke 04.
Samstags schulfrei! Endlich ausschlafen. Um zehn Uhr mit Poldi laufen gehen. Danach einfach rumgammeln und ab halb vier Bundesliga im Fernsehen. Am Abend ein, zwei Stunden mit Eva und Matz irgendwie irgendwo abhängen – und spätestens um elf ins Bett.
Sonntag, der Fußballhöhepunkt der Woche:
Um acht Uhr Treffen auf dem Vereinsgelände von Schalke 04 und Fahrt zum Auswärtsspiel oder Heimspiel auf einem der Nebenplätze der Arena Auf Schalke. Danach, einmal im Monat ungefähr, ein weiteres Highlight: Konzertauftritt der NEW KICKING DEVILS in einem Jugendheim oder kleinen Club …
So ging das Woche für Woche, ein volles Programm und ganz normal für Locke. Ganz anders war alles, wenn der DFB einen Lehrgang ansetzte – wie es jetzt bald zu erwarten war, für die U15-Nationalspieler, als Vorbereitung auf die Meisterschaft. Doch vorerst ging alles noch seinen üblichen Gang. So auch an diesem Montag.
Die Schule war halbwegs normal gelaufen, nichts Spektakuläres, weder im Guten noch im Schlechten. Die Noten von Locke waren seit geraumer Zeit konstant mittelmäßig, aber damit konnten er und seine Eltern ganz gut leben. Nur Eva nörgelte deshalb manchmal etwas – so nach dem Motto: »Mein Freund soll nicht nur ein super Fußballer auf dem Platz und guter Gitarrist bei den DEVILS sein, er sollte sich auch vernünftig ausdrücken können und bei einer Shoppingtour auch mal schnell zwanzig Prozent Rabatt für meine Designerklamotten ausrechnen können.« Selbstverständlich war das alles nur harmloser Spott und Patrick konnte prima damit umgehen. Schließlich machte sich Eva rein gar nichts aus den großen Modemarken dieser Welt, viel wichtiger war ihr, dass sie mit Patrick, beschäftigt wie er war, jede Menge Spaß haben konnte, dass er Zeit für sie hatte – und dass die Bandmitglieder die Töne richtig trafen.
Die NEW KICKING DEVILS waren Eva unheimlich wichtig. Die Band war eine lokale Berühmtheit geworden und zurzeit überlegten alle, die dabei waren, eine eigene CD mit sieben oder acht Songs zu pressen, um diese dann nach den Konzerten zu verkaufen. Allerdings gab es noch ein weiteres wichtiges »DEVIL-Projekt«. In den Schulpausen unterhielten sich die Bandmitglieder oft über nichts anderes als Song-Ideen, und nach Schulschluss ging es auf dem Heimweg mit diesem Thema weiter. So auch heute.
Sie bummelten die Straße hinunter, Eva aß ein Himbeereis mit Sahne, Locke kickte kleine Steinchen vor sich her, und beide dachten über das nach, was Matz eben vorgeschlagen hatte.
»Wir sollten unbedingt eine Fußballhymne schreiben – so wie die »Sportfreunde Stiller« zur WM in Deutschland«, hatte er gemeint. Und laut singend trug er vor: »54, 58 …« Die Passanten auf dem Bürgersteig drehten amüsiert den Kopf nach dem türkischen Jungen.
Eva zischte ihn an. »Hör auf, sonst landest du noch in der Klapsmühle, schau mal, die Leute halten sich schon die Ohren zu.«
Dann nahm sie Stellung zur Fußballlied-Idee. »Ach nee, nicht schon wieder so’n Fußballsong«, nörgelte sie. »Davon gibt es nun wirklich genug, lasst uns besser ein Lied über Ausländerfeindlichkeit schreiben.«
Dazu machte ausgerechnet Matz einen dummen Witz. »Genau, ein Lied über Türken in Deutschland, die nur Döner essen«, meinte er. »Einen Titel habe ich auch: Der Döner Dröhner Blues.« Auch wenn der Gag nicht so gut war – die drei mussten lachen.
Locke gab nun den Vorschlag zum besten, vielleicht ein Lied über einen Hund zu machen, der Podolski hieß, Poldi genannt wurde, aber nur bei – maximal – TUS Koblenz spielen könnte. Wieder einmal musste Patrick daran denken, wie er damals, als er Poldi gefunden hatte, sich spontan für diesen Namen entschied, weil das Tatzentier ihn einfach durch seine Schnelligkeit an den Nationalspieler erinnerte.
Eva schlug die Hände über dem Kopf zusammen. »Fing gut an und endet natürlich doch mit Fußball.« Und sie erinnerte nun ernsthaft daran, dass man ja schon einige gute eigene Lieder geschrieben hatte. »Am SCHULTERROR-Song sollten wir unbedingt dranbleiben. Das ist doch genau das Thema für die meisten Schüler. Der Leistungsdruck wird immer größer.« Sie sah die beiden an. »Jungs, ich denk mal weiter nach und mache euch einen Vorschlag – ich habe da eine Idee.«
An dieser Stelle trennten sich ihre Wege, und Locke und Matz gingen den Rest der Strecke gemeinsam, während Eva zu ihrer Buslinie musste, sie, die Tochter des Zahnarztes Armin Dahl, wohnte in einem anderen Stadtteil.
Endlich konnten die beiden Freunde wieder ausschließlich über Fußball sprechen. Im Mittelpunkt stand die bevorstehende Begegnung gegen Rot-Weiß Düsseldorf am kommenden Sonntag. Die Schalker U15 spielte gerade eine ziemlich durchschnittliche Saison. Weder Fleisch noch Fisch, wie ihr Trainer Olaf Thölle immer zu sagen pflegte. Sechzehn Mannschaften spielten in ihrer Gruppe und die Schalker belegten momentan Platz sieben in der Tabelle.
Kurz nach halb zwei kamen Locke und Matz bei der Familie Schubert an. Poldi begrüßte Patrick wie immer voller Begeisterung. Er sprang an ihm hoch und biss ihm dabei fast in die Nase – aus Liebe, versteht sich. Auch Matz bekam ein fröhliches Schwanzwedeln ab. Sandra hatte – wie so oft – das Lieblingsgericht ihres Sohnes gekocht. Es gab Nudeln mit Fleischsoße und dazu einen frischen Salat.
Da Matz und Locke so gegen halb drei gemeinsam zum Montags-Training Richtung Arena Auf Schalke aufbrechen mussten, hatte man ausgemacht, dass die Jungs abwechselnd in der einen oder anderen Familie zusammen essen sollten. Das ermöglichte eine effektivere Zeitplanung, und die beiden waren auch einfach froh, dass sie noch mehr miteinander reden, vorausplanen oder auch nur spinnen konnten.
Sandra stellte wie immer die gleiche Frage: »Wie war’s heute in der Schule? Ordentlich aufgepasst oder den Unterricht eher gestört?«
Locke spielte den Empörten. »Also Mutter, meine Noten werden beinahe meisterschaftsverdächtig und du hast offensichtlich immer noch Zweifel.«
»Frau Schubert, das ist wirklich so«, stimmte Matz zu. »Locke und ich sind die Klassenbesten – im Sport!«
Sandra gab keine Ruhe. »Dafür steht ihr in Mathe und Englisch eindeutig in der Abstiegszone. Wenn Eva euch nicht manchmal kleine Zettel zustecken würde, könnte man von einem sicheren letzten Platz ausgehen. Meine Herren, Fußball ist nicht …« -
An dieser Stelle angekommen, stimmten Patrick und Matz im Chor mit ein: »… alles im Leben!« Zumindest mussten jetzt alle zusammen lachen.
Zwanzig Minuten später standen die Jungs vor dem Trainingsgelände des FC Schalke 04.
Immer noch staunten Matz und Patrick, wenn sie an dem futuristischen Stadion Auf Schalke auftauchten. Die Arena lag fast wie ein Raumschiff frei in der Landschaft. Stahl, Beton und Glas fügten sich zu einem gigantischen Bild. Wenn am Samstag die Bundesligaspiele hier über die Bühne gingen, fieberten mehr als einundsechzigtausend Menschen bei den Begegnungen mit. Natürlich träumten Locke und Matz davon, eines Tages hier als Bundesligaspieler aufzulaufen. Bis dahin war es aber noch ein weiter Weg …
Das Training der U15 fand wie immer auf einem der Nebenplätze der großen Arena statt. Trainer Thölle legte viel Wert auf Pünktlichkeit, und der gesamte Kader, der zurzeit aus zwanzig Spielern bestand, war eine Viertelstunde vor dem Trainingsbeginn in der Umkleide. Wie immer machten großspurige Sprüche die Runde. Der Nachwuchs der Profimannschaft von Schalke 04 machte sich etwas lustig über eine Niederlage der ersten Mannschaft in der Championsleague gegen Valencia. Tom Derwinski, der zweite Torwart der U15, führte gerade aus, dass Manuel Neuer den Treffer zum 0:1 durch die Hosenträger hatte gehen lassen – da betrat der Trainer den Raum.
Olaf Thölle war ein Mittelfeldspieler jener Schalker Mannschaft gewesen, die 1997 sensationell den UEFA Pokal gewonnen hatte. Alle hatten große Achtung vor ihm und natürlich hatte er die Bemerkung mitbekommen.
Obwohl Thölle kein großgewachsener Mann war, konnte seine Stimme gewaltig klingen. »Tom, du hast es nötig«, hallte es durch den Raum. »Etwas mehr Respekt würde dir guttun. Darf ich dich daran erinnern, dass du letztens beim Freundschaftsspiel in Beckum drei Gegentreffer hättest verhindern können?! Mit dem Mund ist noch keiner Meister geworden.« Ein paar der Jungs feixten, dass die Standpauke nicht sie betraf. Olaf Thölle unterbrach sich und sah in die Runde. »Das geht euch alle an!«, sagte er, und seine Stimme dröhnte. »Schaut auf die Tabelle. Wo steht ihr? Ganz oben? Nein, auf Platz sieben, wenn ich euch daran erinnern darf. Sonntag geht es gegen die U15 von Rot-Weiß Düsseldorf. Mal schauen, ob ihr da mithalten könnt. Die stehen immerhin auf Platz zwei. Jetzt aber raus auf den Platz. Macht euch ordentlich warm. So überhebliche Sprüche wie eben will ich hier nicht mehr hören – alles klar?«
In der nächsten halben Stunde scheuchte Thölle seine Truppe besonders intensiv über den Platz – etwas Strafe musste sein. Es schloss sich eine Runde Technikschulung an. Der Ball musste immer wieder aus vollem Lauf mitgenommen und dann in den Strafraum geflankt werden. Wirklich keine einfache Angelegenheit, denn Thölle spielte den Jungs das Leder bewusst ungenau zu. So konnte es passieren, dass der Ball noch genau vor dem Fuß aufsprang, und der jeweilige Spieler musste schon ein guter Techniker sein, um das Gerät danach sauber zu verarbeiten.
Am Ende der Trainingseinheit wurde Tom von Thölle zur Seite genommen. »So, Tom, jetzt wollen wir mal deine Hosenträger testen.« Er betonte das »deine«. »Du hast nun die Möglichkeit zu zeigen, was du so draufhast. Locke und Matz werden dich jetzt so richtig warm schießen und danach sprechen wir noch mal über das Gegentor von Manuel Neuer. Ab in die Kiste.«
Thölle ließ nun von seinem Assistenten fünfundzwanzig Bälle an der Linie zum Sechzehnmeter-Raum ablegen. Dann rief er seinen beiden Sturmspitzen Locke und Matz zu: »Haut in Rekordzeit die Bälle auf das Tor von Tom. Er soll keine Ruhe finden. Ich erwarte von euch, dass mindestens fünfzehn Bälle im Netz liegen – alles klar?«
Locke und Matz grinsten. Eine schöne Aufgabe für die Stürmer. Ein greller Pfiff aus der Pfeife des Trainers erklang – und im Zehnsekundentakt flogen die Bälle aufs Tor.
Tom hechtete von rechts nach links, von oben nach unten. Keuchend sprang er nach jedem Ball. Mal knallten Matz und Locke mit voller Wucht auf das Tor, mal versuchten sie es mit dem Außenrist oder gefühlvoll mit der Innenseite ihrer Fußballschuhe. Nach kaum mehr als vier Minuten war alles vorbei. Tom lag nach dem letzten Schuss schnaufend am Boden.
»Sechzehn Treffer, mein lieber Tom« verkündete Thölle laut. »Wie war das noch mit Manuel Neuer?«
Tom war erledigt. »Manuel ist einer der besten Torhüter der Welt …«, stammelte er nur noch. Der Rest der Mannschaft stand stumm dabei. Thölle baute sich vor dem Kader auf und fragte kurz und knapp: »Begriffen?« Im Chor kam es zurück: »Begriffen, Trainer!« Thölle nickte kurz und erklärte das Training für beendet.
 
Doch der Tag hielt noch etwas Besonderes bereit. Wie so oft teilten sich die Freunde ihre Zeit zwischen Fußballtraining und der KICKING DEVIL BAND auf. Gegen sieben saßen die drei im »Jugendheim Eintracht« beieinander – so nannte sich das gesamte Gebäude, das auch als Clubgaststätte für ihren alten Verein Blau-Weiß Gelsenkirchen fungierte. Es gab etwas zu besprechen. Das zweite wichtige Projekt der NEW KICKING DEVILS: ein geplanter Auftritt der Band im November in der Grugahalle in Essen. Der absolute Wahnsinn! In dieser riesigen Halle, die fast sechstausend Besucher fasst, sollte es einen überregionalen Bandwettbewerb geben. Die DEVILS hatten sich beworben und vor ein paar Tagen einen Brief mit einer Zusage erhalten.
Liebe Mitglieder der NEW KICKING DEVILS,
wir haben Eure Bänder mit großer Begeisterung abgehört und
bestätigen hiermit Eure Teilnahme am Wettbewerb »BESTE
NEWCOMER-BAND DES RUHRGEBIETS«. Der Contest
beginnt am ersten Samstag im November um 17 Uhr. Zwölf
Bands haben sich qualifiziert und jede hat eine Spielzeit von
maximal 20 Minuten. In der Programmgestaltung haben
die Teilnehmer völlig freie Hand. Eine Ton- und Lichtanlage
stehen selbstverständlich zur Verfügung.
Keep Rocking! Und denkt daran: Auf die Siegerband wartet
ein erster Plattenvertrag …
Herzliche Grüße
ROCKBÜRO DEUTSCHLAND REGION WEST
Joachim Kess
Alle waren total happy gewesen, als die Nachricht eingetroffen war. Und sofort begann das große Überlegen, was die DEVILS auf der Veranstaltung zum Besten geben sollten. So auch heute Abend. Locke, Matz und Eva waren mitten im Vorschlagen von Songs, Diskutieren und Abwägen, als die Tür aufging und ein alter Bekannter den Raum betrat: Pfarrer Kelter.
Kelter, der die katholische Gemeinde von Gelsenkirchen-Schalke als Seelsorger betreute, war auch ein begeisterter Fußballfan und obendrein verstand er etwas von Musik. Er war es, der Locke und Matz auf ihren ersten Fußballschritten begleitet hatte. Mit Kelter waren sie auch in England gewesen, als man dort gegen Newcastle gespielt hatte. Kelter hatte damals Patrick dazu überredet, jenes »magische« alte Paar Schuhe in den zweiten fünfundvierzig Minuten zu tragen. Noch heute rätselte man darüber, warum Locke am Ende des Spiels auf Socken den Platz verlassen hatte und von den Schuhen nur noch ein paar Lederfetzen übrig geblieben waren. Kelter war auch bei den Bandproben der KICKING DEVILS aufgetaucht und erwies sich als wahres Genie an der Gitarre. Gelegentlich erzählte er ihnen von seinen Idolen: den Beatles, Bee Gees oder Janis Joplin …
Suchend schaute Kelter sich um. An der langen Theke, die den Kneipenraum dominierte, standen ein paar Typen, das Bierglas in der Hand und diskutierten. Einer von ihnen deutete auf die hintere Wand, wo Dutzende von Mannschaftsfotos hingen, die erfolgreichsten Fußballer von Blau-Weiß. Erinnerungen an gute alte Zeiten.
In einer Ecke an einem großen Tisch machte Kelter Locke, Matz und Eva aus. Der Pfarrer hob grüßend die Hand und steuerte auf sie zu.