cover
C777188A6171431CB2F34D4B4D6B8966.jpg

Inhaltsverzeichnis

Inschrift
VORWORT - Die Zeit, der Held, die Risiken
KAPITEL 1 - »Ich bin der Sire de Coucy«: Das Geschlecht
KAPITEL 2 - Zum Unglück geboren: Das Jahrhundert
KAPITEL 3 - Jugend und Rittertum
KAPITEL 4 - Krieg
KAPITEL 5 - »Das ist das Ende der Welt«: Der Schwarze Tod
KAPITEL 6 - Die Schlacht von Poitiers
KAPITEL 7 - Das enthauptete Frankreich: Die Erhebung des Bürgers und die Jacquerie
KAPITEL 8 - Geisel in England
KAPITEL 9 - Enguerrand und Isabella
KAPITEL 10 - Die Söhne des Frevels
KAPITEL 11 - Das vergoldete Leichentuch
KAPITEL 12 - Doppelallianz
KAPITEL 13 - Coucys Krieg
KAPITEL 14 - England in Aufruhr
KAPITEL 15 - Der Kaiser in Paris
KAPITEL 16 - Das päpstliche Schisma
KAPITEL 17 - Coucys Aufstieg
KAPITEL 18 - Die Würmer der Erde gegen die Löwen
KAPITEL 19 - Der Zauber Italiens
KAPITEL 20 - Eine zweite normannische Eroberung
KAPITEL 21 - Das Ideal zerbricht
KAPITEL 22 - Die Belagerung der Berberei
KAPITEL 23 - In einem dunklen Wald
KAPITEL 24 - Danse Macabre
KAPITEL 25 - Verpaßte Gelegenheit
KAPITEL 26 - Nikopol
KAPITEL 27 - Kleide den Himmel in Dunkel
Epilog
Anmerkungen
Bibliographie
Register
NACHWORT - Finten und Fanale
Copyright

Epilog

Innerhalb der nächsten fünfzig Jahre liefen die Entwicklungen, denen das 14. Jahrhundert den Impuls gegeben hatte, aus, einige von ihnen in übersteigerter Form wie menschliches Fehlverhalten in hohem Alter. Nach einer erneuten schweren Epidemie im letzten Jahr des alten Jahrhunderts verschwand der Schwarze Tod, aber der Krieg und das Brigantentum erneuerten sich, der Todeskult wurde extremer, der Kampf um ein Ende des Schismas und die Reform der Kirche verzweifelter. Die Bevölkerungsdichte erreichte den niedrigsten Stand. Die Gesellschaft war physisch und moralisch tief geschwächt. In Frankreich wurde Jean de Nevers, der seinem Vater als Herzog von Burgund 1404 auf den Thron folgte, zum Mörder und löste mit seiner Tat eine Kette von Übeln aus. 1407 heuerte er eine Bande von Schlägern an, um seinen Rivalen Ludwig von Orléans in den Straßen von Paris zu ermorden. Als Ludwig nach Einbruch der Dunkelheit in sein hôtel zurückkehrte, wurde er angegriffen, die gedungenen Mörder schlugen ihm die Hand, die die Zügel hielt, ab, zogen ihn von seinem Maultier und hackten ihn mit Schwertern, Äxten und schweren Holzprügeln zu Tode, während seine berittene Eskorte, die bei solchen Gelegenheiten nie besonders nützlich gewesen zu sein scheint, entfloh.

Durch seine herzogliche Macht vor Strafe geschützt, verteidigte Johann der Furchtlose, wie Nevers genannt wurde, seine Handlung in aller Öffentlichkeit als gerechtfertigten Tyrannenmord. Da Ludwig im Bewußtsein des Volkes mit der Verschwendung und der Leichtlebigkeit des Hofes eng verbunden war, konnte Johann von Burgund sich als Vertreter der Volksinteressen stilisieren, indem er die jüngste Steuererhebung der Regierung ablehnte. In dem Vakuum, das der irrsinnige König hinterließ, erfüllte der Herzog die Sehnsucht des Volkes nach einem königlichen Freund und Beschützer.

Tödlicher Haß und unstillbarer Hader zwischen den Häusern Burgund und Orléans zerfraßen Frankreich in den nächsten dreißig Jahren. Regionale und politische Gruppen sammelten sich um die Antagonisten, Brigantenkompanien, von beiden Seiten angeheuert, erschienen wieder und zogen ihre Spur von Plünderung und Mord durch das Land. Beide Seiten erhoben abwechselnd die »Oriflamme« gegeneinander, je nachdem, wer den König und die Hauptstadt kontrollierte. Die Verwaltung des Reichs fiel in Unordnung, Finanzen und das Gesetz wurden mißbraucht, Ämter verkauft und gekauft, das Parlament verwandelte sich in einen Markt der Korruption. Das Reich, erklärte ein orléanistisches Manifest, sei versunken in Sünde und Verbrechen, und Gott werde überall gelästert, »sogar von Geistlichen und Kindern«. Die Mittelklasse erhob sich in dem gleichen Versuch, korrupte Beamte zu verbannen und eine gute Regierung einzuführen, an dem Etienne Marcel vor mehr als fünfzig Jahren gescheitert war – mit dem gleichen Mißerfolg. Die orléanistische Partei unterdrückte den Aufstand und ergriff die Gelegenheit, Johann von Burgund zum Rebellen zu erklären, worauf dieser sich nach dem alten Muster des Karl von Navarra mit den Engländern verbündete. [Ref 438]

Heinrich IV. von England starb 1413, sein Sohn und Thronfolger war mit seinen fünfundzwanzig Jahren angetreten, mit der ganzen salbungsvollen Energie eines bekehrten Wüstlings seine Herrschaft zu einer Zeit strenger Tugend und heroischer Eroberung zu machen. Im Vertrauen auf die Anarchie in Frankreich und seine Absprachen mit dem Herzog von Burgund und in der Hoffnung, durch militärische Erfolge die Engländer hinter dem Hause Lancaster zu vereinigen, nahm Heinrich V. den alten Krieg wieder auf und erneuerte den fadenscheinigen Anspruch auf die französische Krone, der dadurch nicht gültiger geworden war, daß er über einen Usurpator auf ihn gekommen war. Unter dem Vorwand verschiedener französischer Perfidien landete er 1415 an Frankreichs Küste und verkündete, daß er »in sein eigenes Land, in seine eigenen Provinzen, in sein eigenes Königreich« gekommen sei. Nach der Belagerung und Eroberung von Harfleur in der Normandie marschierte er nach Calais, um von dort für den Winter nach Hause zurückzukehren. Etwa dreißig Meilen vor seinem Ziel, nicht weit vom Schlachtfeld von Crécy, stieß er bei Agincourt auf die französische Armee.

Die Schlacht von Agincourt hat Bücher, Studien und viele Aficionados inspiriert, aber sie war nicht entscheidend im Sinne von Crécy, das durch die Tatsache, daß es zur Eroberung von Calais führte, das halbernste Abenteuer Edwards III. in den Hundertjährigen Krieg verwandelte, oder im Sinne von Poitiers, das den Vertrauensschwund gegenüber dem Adligen als Ritter auslöste. Agincourt bestätigte lediglich diese beiden Folgen, insbesondere die zweite, denn nicht einmal Nikopol war eine so schmerzliche Demonstration der Tatsache, daß Kampfesmut in der Schlacht nicht gleichbedeutend mit militärischer Kompetenz ist. Die Schlacht wurde durch die Inkompetenz der französischen Ritterschaft verloren und gewonnen eher durch die Kriegstüchtigkeit der englischen Fußsoldaten als durch ihre Ritter. [Ref 439]

Obwohl der Herzog von Burgund und seine Vasallen sich aus dem Kampf heraushielten, war die französische Armee den Invasoren drei- oder vierfach überlegen. Der Constable Charles d’Albret hatte in der alten Überheblichkeit ein Angebot von sechstausend Armbrustschützen der Miliz von Paris abgelehnt. Keine neue Taktik war eingeführt worden, und die einzige technologische Neuerung (außer der Kanone, die in der offenen Feldschlacht keine Rolle spielte) war ein dickerer Plattenpanzer. Er sollte besseren Schutz gegen Pfeilschüsse bieten, führte aber dazu, daß der Ritter schneller müde wurde, unbeweglicher und seinen Schwertarm nicht mehr ganz frei bewegen konnte. Der schreckliche Wurm in seinem Kokon war weniger schrecklich als vorher – und der Kokon selbst manchmal tödlich; Ritter starben manchmal in seinem Innern an Herzversagen. Pagen mußten ihre Herren mitunter im Feld stützen, denn wenn sie fielen, konnten sie sich nur schwer wieder erheben.

Die Armeen trafen auf engbegrenztem Raum zwischen zwei Wäldchen aufeinander. Die Nacht hindurch hatte es geregnet, und der Boden war aufgeweicht, so daß die in Eisen gekleideten Ritter leicht ausrutschen und fallen konnten. Die Franzosen hatten es unterlassen, ein Schlachtfeld zu wählen, auf dem sie ihre numerische Überlegenheit hätten ausspielen können. Sie waren in drei Reihen hintereinander aufgestellt mit wenig Bewegungsmöglichkeiten an den Flügeln und so gezwungen, einander in das sumpfige Tal hinunter zu folgen. Da sie keinen Oberbefehlshaber hatten, der wirklich Autorität besaß, stritten die Adligen miteinander um einen Platz in der ersten Reihe, bis diese so dicht besetzt war, daß sie einander behindern mußten. Bogenschützen und Armbrustschützen wurden hinter den Rittern aufgestellt, um nicht den Glanz des Zusammenstoßes zu verwässern, und waren so nutzlos.

Die Engländer hatten, wenn auch hungrig, müde und niedergeschlagen durch ihre Unterlegenheit, zwei Vorteile: einen König, der persönlich das Kommando innehatte, und ein Verhältnis Ritter zu Bogenschützen von etwa tausend zu sechstausend. Ihre Bogenschützen wurden in soliden Keilen zwischen den Reisigen und in großen Blöcken an den Flügeln aufgestellt. Ohne Rüstung waren sie sehr beweglich und trugen zusätzlich zum Bogen verschiedene andere Waffen am Gürtel: Äxte, Keulen, Hämmer und einige auch lange Schwerter.

Unter diesen Umständen war das Ergebnis einseitiger als das jeder anderen Schlacht seit Beginn des Krieges. In der Enge konnten die abgesessenen Ritter der französischen ersten Linie ihre gewaltigen Waffen kaum schwingen und fielen, durch den Schlamm gehindert, in hilflose Unordnung, die sich, als die zweite Linie vorrückte, in dem Gewirr von reiterlosen Pferden, in Panik und Flucht schnell in ein Chaos verwandelte. Die englischen Bogenschützen, die die Situation erkannten, warfen ihre Bogen nieder und stürzten sich mit ihren Äxten und anderen Waffen in eine Orgie des Tötens. Viele der Franzosen waren gar nicht mehr in der Lage, sich zu wehren, was die Verluste von mehreren tausend Mann erklärt, verglichen mit den fünfhundert Gefallenen auf englischer Seite.

Nach zweijähriger Pause kehrte Heinrich V. zurück, um systematisch Territorium zu erobern. Die verbesserte Technologie im Gebrauch der Artillerie hatte inzwischen die Städte ihre Immunität gekostet. Als die Ära des Schwertes endete, begann die der Feuerwaffe, ohne daß die Kriegslust des Menschen zwischen beiden innegehalten hätte. Heinrich eroberte die ganze Normandie, während die Franzosen in innere Fehden verwickelt waren. Zwei Dauphins starben hintereinander, was den unglücklichen vierzehnjährigen Charles zum Thronerben machte, den seine eigene Mutter für illegitim erklärte. Rouen fiel unter einer erbarmungslosen Belagerung der Engländer, und nun, da Paris bedroht war, versuchten die Franzosen, gegen den Feind die eigenen Reihen zu schließen.

1419 kam ein Treffen zwischen dem Dauphin und dem Herzog von Burgund auf der Brücke von Montereau, etwa 35 Meilen südöstlich von Paris, zustande. Die beiden Parteien näherten sich einander voller Mißtrauen. Harte Worte fielen, Hände zuckten an die Schwerter, und während sich der Dauphin zurückzog, fielen seine Gefolgsleute über den Herzog her, stießen ihm die Waffen in den Körper und »warfen ihn ganz tot nieder auf die Erde«. Ludwig von Orléans war gerächt, aber zu einem bitteren Preis.

Rache gelobend, ging Philipp von Burgund, der neue Herzog, ein umfassendes Bündnis mit Heinrich V. von England ein, erkannte selbst dessen abgetragenen Anspruch auf die Krone von Philipps eigenen Vorfahren an. Zusammen entwarfen sie den Vertrag von Troyes zwischen dem König von England und der immer noch lebenden Hülle des Königs von Frankreich. Nach seinen Bedingungen, 1420 unterschrieben, verstießen der unverständige König und seine bayrische Königin, die nie französisch empfunden hatte, den »sogenannten Dauphin« und akzeptierten Heinrich V. als Thronfolger Frankreichs und Gatten ihrer Tochter Catherine.

Frankreich war an seinem tiefsten Punkt. Wenn bei Poitiers ein König gefangengenommen wurde, so wurde in Troyes das Königtum selbst aufgegeben. Das große Frankreich war zu einem englisch-burgundischen Kondominium herabgesunken. Der Fünfjahresfeldzug Heinrichs V. allein hatte dies nicht bewirkt: Es war die Folge von Kräften, die seit einhundert Jahren auseinanderstrebten, zusammen mit dem Aufstieg Burgunds als eigenständigem Staat und der langlebigen Umnachtung des Königs. Aber auf dieser Stufe in der Entwicklung des Nationalismus konnte eine Eroberung nicht mehr gelingen, so berechnend die Methoden Heinrichs V. auch waren. Es gab nun ein besetztes Frankreich und ein freies Frankreich südlich der Loire. Der elende Dauphin weigerte sich mit dem Mut, der ihm noch zu Gebote stand, den Vertrag anzuerkennen, und zog sich mit seinem Rat nach Bourges zurück, wo er den schwachen Herzschlag seines Anspruchs auf die Krone am Leben erhielt. Nach einem königlichen Einzug in Paris kehrte Heinrich V. nach England zurück. Er ließ den Herzog von Bedford, seinen Bruder, als Regenten in Frankreich zurück. Die Geschichte – oder welcher deus ex machina auch immer das Geschick der Menschen regiert – erlaubt sich hin und wieder einen Sinn für Ironie. Wenig mehr als zwei Jahre später starben Karl VI. und Heinrich V. innerhalb eines Monats, der Schwiegersohn zuerst, so daß er niemals die französische Krone trug. Der Anspruch ging auf seinen neun Monate alten Sohn über und mit ihm, vererbt durch Catherine von Frankreich, der Fluch der Valois. Der Irrsinn sollte Heinrich VI. ereilen, als er erwachsen war; der Dauphin und spätere Karl VII. war illegitim und entging darum diesem Schicksal.

Wieder einmal hatte der Krieg das Land überzogen; in der Picardie, dem ewigen Pfad der Invasoren, lagen die Dörfer wieder in geschwärzten Ruinen, die Felder waren unbestellt, und unbenutzte Straßen wucherten zu. Bauern flohen das Land, um Zuflucht in den Städten zu finden, wo sie Sicherheit und ein besseres Leben zu finden hofften. Unter den dichtgedrängten Massen aber und den Unterernährten forderten die Epidemien einen größeren Zoll. Der zurückgehende Handel schuf Arbeitslosigkeit, die wiederum Feindseligkeit gegen die Neuankömmlinge weckte. Einige kehrten auf das Land zurück und versuchten, ihre Dörfer wiederaufzubauen und die versteppten Felder wieder zu kultivieren, einige lebten in den Wäldern von Fallenstellerei und dem Fischfang. [Ref 440]

Jetzt, im 15. Jahrhundert, erreichte der Todeskult seine höchste Blüte. Die Künstler wandten sich der Verwesung mit grauenerregender Detailgenauigkeit zu: Würmer zuckten in jeder Leiche, aufgeblähte Kröten saßen auf toten Augäpfeln. Ein winkender, spottender, grinsender Tod führte den Danse Macabre über unzählige Wandfresken. Eine Literatur des Sterbens drückte sich in den populären Abhandlungen über die Ars moriendi aus, die Kunst des Sterbens, mit Szenen vom Sterbebett, Ärzte und Notare davor, der zusammengeduckten Familie, schwarzen Tüchern und Särgen, Totengräbern, deren Spaten die Knochen älterer Toter aufwarfen, schließlich mit dem nackten Leichnam in Erwartung des Richterspruchs Gottes, während Engel und bösartige schwarze Teufel um die Seele streiten.

Mit dem Todeskult verband sich die Erwartung des Endes der Welt. Der Pessimismus des 14. Jahrhunderts wuchs sich im 15. Jahrhundert zu dem Glauben aus, daß der Mensch schlechter würde, ein Hinweis auf das kommende Ende. Wie es in einer französischen Abhandlung beschrieben wurde, war ein Zeichen des Verfalls die Verhärtung der Barmherzigkeit in den Herzen der Menschen; die menschliche Seele alterte, und die Flamme der Liebe, die die Menschheit gewärmt hatte, war niedergebrannt und würde bald verlöschen. Seuchen, Gewalttätigkeiten und Naturkatastrophen waren weitere Zeichen. [Ref 441]

Seit die Engländer ihre Hauptstadt besetzt hielten, war der Mut der Franzosen auf einen Tiefpunkt gesunken. Es gab nicht wenige, die bereit waren, die Vereinigung beider Länder unter einer Krone als einzige Lösung des unaufhörlichen Krieges und des ökonomischen Ruins zu akzeptieren. Bei den meisten aber dominierte der Widerstandswille gegen die englischen Tyrannen und Goddams, wie sie genannt wurden, aber er war urkoordiniert und führungslos. Der Dauphin war schwach und ohne Initiative, ein Gefangener passiver oder skrupelloser Minister. Der Mut kam plötzlich und aus der unwahrscheinlichsten Ecke der Gesellschaft – von einer Frau aus der Klasse der Gemeinen.

Das Phänomen der Jeanne d’Arc – die Stimmen von Gott, die ihr sagten, sie müsse die Engländer vertreiben und den Dauphin zum König krönen lassen, die Kraft in ihr, die jene mitriß, die das Mädchen normalerweise verachtet hätten, die Entschlossenheit, die die Belagerung von Orléans aufbrach und den Dauphin nach Reims trug – entzieht sich jeder Kategorie. Vielleicht kann es nur als Antwort auf eine historische Notwendigkeit verstanden werden. Der Moment forderte sie, und sie erhob sich. Ihre Kraft zog sie aus der Tatsache, daß sich in ihr zum erstenmal in der Geschichte der alte Glaube und der neue Patriotismus verbanden. Gott sprach zu ihr mit den Stimmen der heiligen Katharina, des heiligen Michael und der heiligen Margarete, aber was Er ihr befahl, war weder Keuschheit noch Demut noch ein Leben im Geiste, sondern politisches Handeln, um ihr Land von den fremden Tyrannen zu befreien.

Der kometengleiche Höhenflug dauerte nur drei Jahre. Sie erschien 1428, brachte Dunois, einen Bastard Ludwigs von Orléans, und andere aus dem Kreis um den Dauphin dazu, in Orléans anzugreifen, befreite die Stadt 1429 und führte Karl auf der Welle dieses Sieges zu der heiligen Krönungszeremonie in Reims. Von den Burgundern im Mai 1430 bei Compiègne gefangengenommen, wurde sie den Engländern verkauft, als Ketzerin von der Kirche im Dienst der Engländer verurteilt und 1431 in Rouen auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Ihre kirchliche Verurteilung war den Engländern sehr wichtig, denn sie beanspruchte, von Gott aufgerufen zu sein, und wenn ihr Anspruch nicht widerlegt wurde, hieß dies, daß Gott, der Schiedsrichter in den Affären der Menschen, sich gegen die Herrschaft der Engländer in Frankreich gestellt hatte. Vor ihrem Prozeß machten weder Karl VII., der ihr seine Krone schuldete, noch einer aus dem französischen Adel den Versuch, sie auszulösen oder zu retten, möglicherweise aus der Scham heraus, von einem Dorfmädchen zum Sieg geführt worden zu sein.

Jeanne d’Arcs Leben und Tod löste nicht sofort eine nationale Widerstandsbewegung aus; nichtsdestoweniger fochten die Engländer hiernach für eine verlorene Sache, ob sie es nun wußten oder nicht. Die Burgunder erkannten dies. Die Einsetzung Karls VII. als gesalbter König von Frankreich, mit einer zuversichtlichen Armee im Rücken, veränderte die Situation, dies um so mehr, als die Engländer durch steigende Reibereien zu Hause unter einem unmündigen König abgelenkt wurden. Der Herzog von Burgund ging allmählich zu Karl VII. über und besiegelte schließlich im Frieden von Arras das Bündnis mit ihm. Innerhalb eines Jahres gewannen die Franzosen die Kontrolle über Paris zurück. Der Krieg war damit nicht beendet, aber neue Hoffnung und Energie lagen in der Luft. Die Kämpfe wurden brutaler, da die Engländer mit jener Hartnäkkigkeit, die Eroberer überkommt, wenn die Eroberten sich weigern, zu kapitulieren, einen Feldzug fortsetzten, der mit dem Abfall der Burgunder hoffnungslos geworden war.

 

Diese ganze Zeit hindurch galt die dominierende intellektuelle Anstrengung in Europa der Beendigung des päpstlichen Schismas und der Reform der Kirche. Beide Ziele hingen direkt von der Suprematie des Konzils über das Papsttum ab. Solange beide Päpste es ablehnten, abzudanken, war ein Konzil die einzige Alternative. Der Streit um Schisma und Reform rief die schärfsten philosophischen und religiösen Kontroversen hervor, die über eine Folge von Konzilen im Zeitraum von vierzig Jahren unablässig debattiert wurden. Einberufen nicht vom Zentrum der Kirche, sondern von ihren Randbereichen aus, den Universitäten, Herrschern und Staaten, traten die Konzile in Pisa, Konstanz und Basel zusammen.

1409 in Pisa wurde das Problem der Reform, redegewaltig von Gerson und d’Ailly vertreten, unterdrückt, da sich alle Energien auf die Absetzung der beiden Päpste in Rom und Avignon richteten. Man beschloß, einen Nachfolger für die beiden zu wählen, aber der Auserkorene starb kurz darauf und wurde von einem kriegerischen Italiener, Baldassare Cossa, mehr ein condottiere als ein Kardinal, ersetzt, der den Namen Johannes XXIII. annahm. Da seine zwei rivalisierenden Vorgänger sich ebenfalls noch an den Heiligen Stuhl klammerten, war das Schisma nun dreifach. Weil Frankreich in Schwierigkeiten war, ging die Initiative an Kaiser Sigismund über, der das denkwürdige Konzil von Konstanz (1414 bis 1418) einberief.

Historische Konsequenzen ergaben sich für die Kirche aus der Beschäftigung des Konstanzer Konzils mit einem dritten Problemkreis, der Unterdrückung des Ketzertums, womit alle abweichenden Bewegungen gemeint waren, die sich aus der Malaise des vorhergehenden Jahrhunderts erhoben hatten. Die religiöse Vitalität war auf die Dissidenten, Mystiker und Reformer übergegangen und in negativer Form auf die Praktizierung von Hexerei und Zauberei. Bedroht, antwortete die Kirche mit feindseliger Verfolgung. Denunziationen, Prozesse und Verbrennungen mehrten sich, und in ihren Folterungen angeblicher Ketzer war die Inquisition so barbarisch und in ihrer Grausamkeit so erfinderisch wie nur irgendein ungläubiger Türke oder Chinese. Die Hexenjagd sollte in der zweiten Jahrhunderthälfte epidemische Ausmaße annehmen.

Konstanz beschäftigte sich mehr mit der grundlegenden Ketzerei des Jan Hus, ideologisch gesehen der Nachfolger von Wyclif. Vorgeladen, um seine Lehre zu erklären und zu verteidigen, wurde er verurteilt und 1415 auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Er hätte sehr wohl beanspruchen können – wie später Bischof Latimer –, daß die Flammen, in denen er starb, eine Kerze entzündeten, die nicht wieder zu löschen war.

Dem Konzil gelang es ebenfalls nach einer Serie dramatischer Auseinandersetzungen mit Johannes XXIII., ihn aufgrund von Vorwürfen der Piraterie, des Mordes, der Vergewaltigung, der Sodomie und des Inzests abzusetzen und den Kardinal Colonna von Rom als Martin V. zu wählen. Da der ehemalige römische Papst zum Rücktritt veranlaßt worden und der immer noch unnachgiebige Benedikt XIII. in Avignon isoliert war, erklärte man das Schisma für beendet, obwohl es sich über dem Streitpunkt der Reform noch einmal kurz beleben sollte. Der bedeutendere Kampf um die Vorherrschaft zwischen Konzil und Papsttum ging weiter. Unter Martin V. gewann der Heilige Stuhl die päpstlichen Staaten und ihre Einkünfte zurück, und dieser materielle, wenn auch nicht spirituelle Gewinn ermöglichte es dem Papsttum unter Martins Nachfolger, Eugen IV., die konziliare Auseinandersetzung auf dem Konzil von Basel zu erneuern. Wie ein Ringkampf von Giganten dauerte dieses Konzil achtzehn Jahre.

Auseinandersetzungen um die Lehre wüteten, Gruppen sezessionierten, Rumpfkonzile traten zusammen, ein rivalisierender Papst – niemand Geringerer als der Graf von Savoyen – wurde als Felix V. gewählt. Reformen und Machtbeschneidungen des Papsttums wurden von einer Seite beschlossen und von der anderen verworfen, während Staaten und Herrscher sich erneut unter dem Diktat der Machtpolitik zerstritten. Schließlich erlitten die Reformer eine Niederlage, Felix V. dankte ab, und das Konzil von Basel löste sich 1449 auf. Das Papsttum, nun wieder fest in italienischen Händen, erkannte die konziliare Suprematie auf dem Papier an, gewann aber seinen Primat faktisch zurück. Sein Triumph aber, im Jubiläum von 1450 gefeiert, erwies sich als ein Phantom. Das Papsttum sollte nie wieder das werden, was es vor dem Schisma und den Konzilen gewesen war. Es hatte in der ersten dieser Krisen an Prestige verloren und in der zweiten seine Kontrolle über die nationalen Kirchen. Als Ausdruck ihrer »gallikanischen Freiheiten« beschloß eine französische Synode 1438 unabhängig Reformen und beschränkte die päpstliche Besteuerung der französischen Geistlichkeit. Die Bewegungen und Ideen, die der konziliare Kampf hervorgebracht hatte, liefen unausweichlich auf die protestantische Sezession zu.

 

Veränderung in einer anderen Sphäre signalisierten die Hussitenkriege, eine Bewegung, die ihren Schwung aus dem tschechischen Nationalismus und dem religiösen Eifer, den Tod Jan Hus’ zu rächen, bezog. Ihre Mitglieder waren größtenteils Bürgerliche und Bauern, und in ihrem Kampf gegen die Kriegerklasse waren es die Bürgerlichen, nicht ihre Gegner, die eine neue militärische Taktik entwickelten. Sie ersannen das Kriegsmittel der »beweglichen Festung«, ein Viereck oder einen Kreis von Planwagen, die gegen den Angriff von Reiterei zusammengekettet waren. Abteilungen, die mit Spießen bewaffnet waren, schützten die Lücken zwischen den Wagen und stürmten – wenn der Erfolg in der Verteidigung den Angriff erlaubte – durch diese Lücken aus der Festung heraus gegen den Feind. 1420 schlugen sie eine Ritterstreitmacht, die Sigismund in einem »Kreuzzug« gegen sie führte, um die rechte Lehre wieder zu etablieren. Mit dem Sieg gewannen sie Selbstvertrauen und unternahmen Expeditionen nach Ungarn, Bayern und Preußen, sogar bis an die Küste der Ostsee. Sie feuerten Kanonen aus dem Inneren ihrer Wagenburg ab und waren die ersten, die Handfeuerwaffen zu bedeutender Wirkung in der Schlacht brachten. Nach zehn Jahren war jeder dritte in der Hussitenarmee mit einer solchen Waffe ausgerüstet. [Ref 442]

Da auch sie unter menschlichen Schwächen litten, kam es unter ihnen zu dem ideologischen Konflikt zwischen Radikalen und Gemäßigten, der schließlich ihre Bewegung von innen heraus zerstörte. Auf dem Konzil zu Basel waren sie indessen noch stark genug, die Kirche zu zwingen, zum erstenmal einen Friedensvertrag mit Ketzern zu schließen. Wie die Schweizer – ebenfalls zum größten Teil eine Armee der nichtadligen Klasse – hatten sie es gelernt, wirkungsvoll zu kämpfen, weil sie weder auf den Ruhm versessen noch auf das Pferd angewiesen waren.

Im Laufe der 1420er und 1430er Jahre unternahm Heinrich der Seefahrer, Prinz von Portugal und Enkel des Johann von Gaunt, jährliche Reisen auf den Atlantik hinaus. Er entdeckte und besetzte die Azoren, Madeira und die Kanarischen Inseln, segelte die Westküste Afrikas bis zur Gold- und Elfenbeinküste hinunter und öffnete diese Länder dem portugiesischen Handel. Auch wenn Prinz Heinrichs ursprüngliches Motiv die Verbreitung und der Ruhm des Ordens Christi war, an dessen Spitze er stand, so waren sein Werk und seine Planung modern. Er stand auf jener Brücke zwischen dem Mittelalter und der Neuzeit, auf der sich auch die Humanisten und Wissenschaftler drängten. [Ref 443]

Die Veränderung war ungleichmäßig und erratisch. Die Bevölkerungszahl Europas war gegen 1440 auf ihren Tiefpunkt gesunken und sollte noch dreißig Jahre lang nicht wieder ansteigen. Rouen, das vor dem Schwarzen Tod fünfzehntausend Einwohner hatte, zählte in der Mitte des 15. Jahrhunderts nur noch sechstausend. Die Domherren von Schleswig, die ihre Einkünfte von 1457 mit denen aus dem Jahre 1352 verglichen, stellten fest, daß Pacht und die Abgaben an Gerste, Roggen und Weizen nur noch ein Drittel des Vergleichsjahres ausmachten. An vielen Orten waren die Grundschulen aufgegeben worden und sollten erst in der Neuzeit wiederaufgebaut werden. 1439 berichtete der Bürger von Paris, der in jenen Jahren ein Tagebuch führte, daß Gras auf den Straßen der Hauptstadt wuchs und Wölfe die Menschen in den halbleeren Vororten anfielen. Im gleichen Jahr klagte der Erzbischof von Bordeaux, daß die Plage der écorcheurs, der Wegelagerer, die Studenten hindere, zu den Universitäten zu kommen, denn »viele sind auf dem Wege dorthin überfallen, ihrer Bücher und ihres Besitzes beraubt und manchmal, ach!, erschlagen worden«. Der Preis, den hundert Jahre Krieg an Hilfszahlungen und Steuern und entwerteter Währung gefordert hatten, war unschätzbar. Aber die erzwungenen Sitzungen der Stände und Parlamente, die Finanzierung und Hilfe für den Krieg bewilligen mußten, mögen auch die Funktion repräsentativer Körperschaften gestärkt haben.

Nur wenige Menschen vermochten im ersten Jahrzehnt unter Karl VII. Zeichen des Fortschritts zu erkennen. Aufgrund der fortwährenden Kriege, schrieb Thomas Basin, ein normannischer Chronist, aufgrund der »Nachlässigkeit und Untätigkeit« der königlichen Beamten, der »Gier und Disziplinlosigkeit« der Reisigen und des Fehlens eines wirksamen militärischen Kommandos herrsche Verheerung von Rouen bis Paris, von der Loire bis an die Seine, auf den Ebenen von Brie und der Champagne und bis nach Laon, Amiens und Abbeville. »Und man fürchtete, daß die Narben dieser Verheerung lange sichtbar bleiben und andauern würden, wenn nicht die göttliche Vorsehung die Dinge dieser Welt besser behütete«. Langsam und gegen alle Erwartung machte die Verantwortung der Herrschaft einen König aus Karl VII., und sein wachsendes Geschick brachte bessere Männer in seine Dienste. Der große bürgerliche Finanzier Jacques Coeur stellte ihm Geld und Kredit zur Verfügung, und die von fähigen Kanonieren vervollkommnete Belagerungsartillerie brach mit einer dem 14. Jahrhundert noch unbekannten Effizienz die Macht der Engländer über Burgen und Städte. Eine Stadt nach der anderen öffnete den Truppen des Königs die Tore, dies um so bereitwilliger, als Karl VII. endlich die fundamentale Reform des Militärs durchsetzte, an der sein Großvater Karl V. gescheitert war. 1444/45 gelang es ihm, eine stehende Armee aufzustellen, in die er die gesetzlosen Kompanien einfügte – und auf die Weise diese größte Geißel seiner Zeit beseitigte. Unter dem neuen Gesetz entstanden zwanzig compagnies d’ordonnance von je hundert Lanzen mit zwei Bogenschützen, einem Knappen, einem Pagen und einem valet de guerre pro Lanzenträger, was eine Kompanie auf sechshundert Mann brachte. Offiziere waren die verläßlichsten Söldnerhauptleute, die ihre eigenen Leute in die Armee einbrachten. Die neuen Kompanien wurden von der Krone bezahlt und unterhalten und an strategischen Punkten des Reiches einquartiert, die restlichen écorcheur-Banden mit Gewalt aufgelöst. Unter den Zeichen der Veränderung war keines bedeutsamer als diese Neuerung einer stehenden Armee. Sie führte ein Ordnungsprinzip ein, wo alles Vorhergehende – Seuche, Krieg und Schisma – Element der Unordnung gewesen war.

Die Erholung Frankreichs wurde beschleunigt durch Englands schwindende Lust an der Eroberung. Heinrich VI., nun erwachsen, wünschte Frieden. Ein schwacher, unsicherer König, war er eine Schachfigur in den Kabalen unter den Baronen und Prälaten seines Reichs. Sein befähigter Onkel, der Herzog von Bedford, war tot, und nach ihm kam niemand von vergleichbarem Format, der in der Lage gewesen wäre, den Krieg fortzuführen oder zu beenden. Bis 1450 hatten die Franzosen die ganze Normandie zurückerobert; die Städte kapitulierten, sobald der Artillerietroß erschien. Selbst das englische Aquitanien war auf wenig mehr als die Umgebung von Bordeaux zusammengeschrumpft.

1453 wurde bei Castillon, dem einzig verbliebenen englischen Stützpunkt außer Bordeaux, die letzte Schlacht geschlagen. Die traditionellen Rollen waren verkehrt: tollkühner Kampfesmut auf englischer und bürgerliche Kompetenz auf französischer Seite. Als Castillon sich den Franzosen ergab, brach Lord John Talbot, der Graf von Shrewsbury, von Bordeaux auf, um es zurückzuerobern. Basin zufolge neigte er von Natur aus eher »zu wilden Wagnissen als zum überlegten Angriff« und bestand gegen den Rat eines erfahrenen Leutnants auf einem Frontalangriff seiner berittenen Reisigen. Die Franzosen unter der Führung »eines gewissen Jean Bureau, Bürger von Paris, eines Mannes von kleinem Wuchs, aber von Entschlossenheit und Mut, der besonders erfahren und befähigt im Gebrauch der Artillerie« war, hatten ihr Lager mit einem Graben, einem Wall und mit »Kriegsmaschinen« befestigt – mit Kulverinen, Feldschlangen, Arbalesten und verschiedenen anderen Geschoßwerfern. Talbot und seine Ritter warfen sich auf diese Befestigungen und wurden von einem Hagel von Steinen, Blei und Geschossen jeder Art zurückgeworfen. Talbot starb, und seine Armee wurde vernichtend geschlagen. Bordeaux fiel wenig später. Nichts blieb England von seinem Kontinentalreich außer Calais und einem leeren Anspruch auf die französische Krone. [Ref 444]

Der längste Krieg war vorüber, auch wenn sich vielleicht nur wenige dessen bewußt waren. Nach so vielen Waffenstillständen und Wiederausbrüchen – wer konnte schon wissen, daß das Ende gekommen war? Ohne Zeremonie oder Waffenruhe, Vertrag oder Einigung schwand das Abenteuer und die Agonie von fünf Generationen. Das Nationalbewußtsein war aus ihm hervorgegangen. Der Hundertjährige Krieg hatte zusammen mit den Krisen der Kirche die mittelalterliche Einheit zerbrochen. Die Bruderschaft des Rittertums war zerschlagen, ebenso wie der Internationalismus der Universitäten unter der Wirkung von Krieg und Schisma nicht überleben konnte. Zwischen Frankreich und England hinterließ der Krieg eine Erbschaft gegenseitiger Feindseligkeit, die andauern sollte, bis die Notwendigkeit eine Allianz am Vorabend des Jahres 1914 forderte.

Im Jahr von Castillon überwältigte der Irrsinn Heinrich VI. und löste die gleichen Machtkämpfe aus, die Frankreich so geschadet hatten. Beschäftigungslose Soldaten und Bogenschützen kehrten nach England zurück und verdingten sich den verschiedenen Parteiungen der Barone. Der Bürgerkrieg der Rosen trat nun an die Stelle des Krieges mit Frankreich. Im gleichen schicksalhaften Jahr 1453 fielen die mächtigen Befestigungen von Konstantinopel vor den Belagerungskanonen Mehmeds II. Die Türken hatten einen Artillerietroß von siebzig Kanonen vor die Stadt gebracht, darunter eine Riesenbombarde, die von sechzig Ochsen gezogen wurde und Kanonenkugeln von sechshundert Pfund Gewicht abschießen konnte. Der Fall von Byzanz lieferte das konventionelle Datum für das Ende des Mittelalters, aber ein zukunftsträchtigeres Ereignis fand zur gleichen Zeit statt. [Ref 445]

Im Jahre 1447 druckte Gutenberg das erste Dokument in Mainz, dann 1453/54 die 42zeilige Bibel. »Die gotische Sonne«, hat Victor Hugo mit angemessenem Pathos gesagt, »ging hinter der gewaltigen Druckerpresse von Mainz unter«. Das neue Mittel der Verbreitung von Wissen und des Austausches von Ideen verbreitete sich mit unmittelalterlicher Geschwindigkeit. Druckerpressen tauchten in Rom, Mailand, Florenz und Neapel schon innerhalb des nächsten Jahrzehnts auf und in Paris, Lyon, Brügge und Valencia in den 1470er Jahren. Die ersten Musiknoten wurden 1473 gedruckt. William Caxton stellte seine Druckerpresse 1476 in Westminster auf und veröffentlichte jenes noch immer unübertroffene Werk englischer Prosa, Malorys Morte d’ Arthur, im Jahre 1484.

Die Tudors saßen nun auf dem englischen Thron, und eine formelle Einigung zwischen England und Frankreich wurde schließlich im Vertrag von Etaples 1492 niedergelegt, ein Jahr, das aus anderen Gründen bedeutend ist. Die Energien Europas, die einst ihr Ventil in den Kreuzzügen gefunden hatten, richteten sich nun auf die Entdeckung und Besiedlung der Neuen Welt.

 

Die Linie der Coucys hing nach dem Tod Enguerrands VII. an dem einen Faden von Maries Sohn Robert von Bar. Philippa starb ohne Nachkommen. Isabel, die Tochter aus Coucys zweiter Ehe, starb 1411, sechs Monate vor oder nach dem Tod ihres einzigen Kindes, einer Tochter. Perceval, der Bastardsohn von Coucy, hinterließ seine seigneurie in seinem Testament dem Gatten von Robert von Bars Tochter, was darauf hinweist, daß der einzige Sohn Enguerrands VII. kinderlos starb. Dennoch sollte der eine Faden zu einem König führen. Robert von Bars Tochter heiratete Ludwig von Luxemburg, Constable von Frankreich, und gebar eine Tochter, die einen Bourbonen aus dem Zweig Ludwigs des Heiligen heiratete. Der Enkel dieser Ehe, Antoine de Bourbon, heiratete Jeanne d’Albret, die Königin von Navarra, und der Sohn ihrer Ehe errang mit seiner weißen Feder von Navarra und seinem berühmten Zugeständnis – »Paris ist eine Messe wert« – als Heinrich IV. den Thron von Frankreich. Mutig, geistesgegenwärtig, amourös und umgänglich war er der beliebteste aller französischen Könige und – vielleicht infolge der paar Gene, die ihm Enguerrand VII. vererbte – ein vernünftiger Mann. [Ref 446]

Die große Baronie von Coucy blieb nach der Vereinigung mit der königlichen Domäne unter Ludwig XII., dem Sohn Karls von Orléans, Eigentum des Orléans-Zweiges des königlichen Hauses. Während der Unmündigkeit Ludwigs XIV. – dessen Bruder Philipp von Orléans den Titel Sire de Coucy trug – wurde die mächtige Burg zu einem Stützpunkt der Fronde, der Liga der Adligen, die gegen den Regenten Kardinal Mazarin opponierte. Um die Basis seiner Feinde zu zerstören, ließ Mazarin 1652 Teile der Burg in die Luft sprengen, aber seine Mittel reichten nicht aus, den titanischen donjon, den großen Turm, zum Einsturz zu bringen. Ein Erdbeben im Jahre 1692 zerstörte weitere Teile der Burg und hinterließ einen gezackten Riß von der Krone bis zum Fuß des donjon, aber er stand immer noch, Wächter über die verlassenen Hallen zu seinen Füßen. Einhundert Jahre später war der letzte Seigneur der Baronie der Herzog von Orléans, der Philippe Egalité genannt wurde, als Mitglied der Nationalversammlung für den Tod Ludwigs XVI. stimmte und selber ein Jahr später der Guillotine zum Opfer fiel. Sein Besitz einschließlich Coucy ging an den Staat.

Inzwischen war Enguerrands Zölestinerkloster in Villeneuve de Soissons von den Hugenotten verwüstet worden. Es wurde wiederhergestellt und in den Schlachten der Fronde erneut zerstört, schließlich als ein privates château verkauft, als der Zölestinerorden 1781 unterdrückt wurde. Während der Revolution ausgeplündert, ging das Gebäude durch verschiedene Hände, bis der Graf Olivier de la Rochefoucauld es 1861 kaufte. Coucys Griff nach der Selbstverewigung war nicht erfolgreicher als die meisten Versuche dieser Art.

Unter Napoleon III. empfahl die Kommission für die historischen Denkmäler die Restauration der Burg von Coucy, zumindest aber sofortige Ausbesserungsarbeiten, um den Verfall aufzuhalten. Die Wahl lag zwischen Coucy und Pierrefonds, einer späteren und luxuriöseren Burg, die Ludwig von Orléans im späten 14. Jahrhundert hatte erbauen lassen. Da die Restauration von Coucy dreimal soviel gekostet hätte und Pierrefonds, da es näher bei Paris lag, von der Kaiserin Eugénie vorgezogen wurde, fiel die Wahl auf Pierrefonds. Der Architekt Viollet-le-Duc, ein großer Restaurateur mittelalterlicher Bauten, war über diese Entscheidung nicht glücklich. »Neben diesem Giganten sind die größten bekannten Türme nur Spindeln«, schrieb er. Alles, was er tun konnte, war, dem Leib des Giganten zwei Eisengürtel umzulegen, das Dach und die Risse in den Mauern auszubessern und einen Wächter einzustellen, der den Diebstahl der heruntergefallenen Steine verhüten sollte.

Still, verlassen, von Eulen bewohnt, lag das große Wahrzeichen ehrfurchtgebietend da. Touristen kamen, um es anzusehen, Archäologen, um seinen Aufbau zu studieren, Künstler, um seine Grundrisse und Monumente zu zeichnen. In dem Dorf an seinem Fuße ging das Leben weiter, die Straße, die sich den Hügel hinabwand und durch das Tal nach Soissons führte, war immer noch vielbefahren. Der donjon widerstand der Zeit, den Unordnungen des Menschen und den Unordnungen der Natur, nicht aber denen des 20. Jahrhunderts.

Wieder einmal Opfer einer Invasion, war die Picardie 1917 schon drei Jahre von der deutschen Armee besetzt. Prinz Ruprecht von Bayern, Befehlshaber der Sechsten Armee, legte General Ludendorff, dem Chef des Generalstabes, dringend nahe, die Burg von Coucy als eine einzigartige architektonische Kostbarkeit, die überdies keinen militärischen Wert habe, zu schonen. Keine Seite, führte er aus, habe versucht, sie für militärische Zwecke zu nutzen, und ihre Zerstörung »wäre nur ein sinnloser Schlag gegen unser eigenes Ansehen«. Ludendorff schätzte derlei kulturelle Appelle nicht. Da Coucy ihm nun unklugerweise zu Bewußtsein gebracht worden war, beschloß er, es zum Exempel überlegener Werte zu machen. Auf seinen Befehl wurde der Koloß, den Enguerrand III. in der Epoche der größten Baumeister seit Griechenland und Rom geschaffen hatte, mit 28 Tonnen Dynamit vollgestopft und gesprengt. [Ref 447]

Die Außenwände, Grundmauern, Kellerräume und Tunnel, Teile der Innenwände und Torbögen erheben sich noch über weiten Flächen heruntergestürzten Steins. Über einem zerbrochenen Sturz kämpft ein ungepanzerter Ritter noch immer gegen einen Löwen. Siebenhundert Jahre lang hatte die Burg die Zyklen menschlicher Anstrengung und menschlichen Scheiterns, der Ordnung und Unordnung, der Größe und des Verfalls gesehen. Ihre Ruinen liegen auf dem Hügel in der Picardie, schweigende Beobachter – während sich das Rad der Geschichte dreht.