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Inhaltsverzeichnis













































Dank

Möglich wurde dieser Band nur, weil viele kluge und sorgsame Kollegen die Autoren unterstützt haben. Gewohnt umsichtig prüfte die von Dr. Hauke Janssen geleitete SPIEGEL-Dokumentation alle Beiträge auf ihre sachliche Richtigkeit, beteiligt waren Jörg-Hinrich Ahrens, Viola Broecker, Klaus Falkenberg, Cordelia Freiwald, Anne-Sophie Fröhlich, Silke Geister, Carsten Hellberg, Anna Kovac, Dr. Walter Lehmann, Michael Lindner, Rainer Lübbert, Mirjam Schlossarek, Dr. Claudia Stodte, Rainer Szimm, Dr. Eckart Teichert, Nina Ulrich und Ursula Wamser. Schnell und findig besorgten die Bibliothekare Johanna Bartikowski und Heiko Paulsen die Fachliteratur. Mit sicherem Gespür traf Claus-Dieter Schmidt die Bildauswahl, Britta Krüger kümmerte sich um die Bildrechte. Die informativen Grafiken erstellten Martin Brinker und Michael Walter, Thomas Hammer bereitete diese für das Buch auf. In der Schlussredaktion hatten Reinhold Bussmann und Tapio Sirkka einen scharfen Blick für nötige Korrekturen. Angelika Kummer und Petra Schwenke hatten im Sekretariat alles Organisatorische wie immer zuverlässig in der Hand. Antje Wallasch beim SPIEGEL und Karen Guddas bei der DVA kümmerten sich mit großer Umsicht um das gesamte Buchprojekt, für die Herstellung war Brigitte Müller verantwortlich. Ihnen allen herzlichen Dank für die hervorragende Zusammenarbeit.

 

Dietmar Pieper, Rainer Traub

Buchhinweise

Tamim Ansary: Die unbekannte Mitte der Welt. Globalgeschichte aus islamischer Sicht. Campus Verlag, Frankfurt a. M., 2010.

Der Autor stammt aus Afghanistan, lebt in den USA und setzt dem eurozentrischen Geschichtsbild ein ganz anderes entgegen – gut lesbar, spannend und reich an Überraschungen.

 

Hartmut Bobzin: Der Koran. Eine Einführung. Verlag C. H. Beck, München, 1999. / Der Koran. Neu übertragen von Hartmut Bobzin. Verlag C. H. Beck, München, 2010.

Der Erlanger Islamwissenschaftler erläutert Entwicklung, Aufbau, Gehalt und Gestalt des Koran kompetent und gut verständlich. Seine Neuübersetzung will zeitgemäß und unverfälscht sein.

 

John Gray: Die Geburt al-Qaidas aus dem Geist der Moderne. Verlag Antje Kunstmann, München, 2004.

Der britische Ideenhistoriker Gray zeigt verblüffend, aber plausibel, wie islamistischer Terrorismus ideologisch von europäischen Vorbildern geprägt ist.

 

Heinz Halm: Der Islam. Geschichte und Gegenwart. Verlag C. H. Beck, München, 2000.

Der Tübinger Professor für Islamkunde präsentiert ein Konzentrat wichtigster Informationen.

 

Albert Hourani: Die Geschichte der arabischen Völker. Von den Anfängen des Islam bis zum Nahostkonflikt unserer Tage. Fischer Taschenbuch-Verlag, Frankfurt a. M., 2000.

Gut geschriebene, zuverlässige Gesamtdarstellung des verstorbenen britischen Gelehrten.

 

Navid Kermani: Gott ist schön. Das ästhetische Erleben des Koran. Verlag C. H. Beck, München, 1999.

Meisterliche, stilistisch glänzende Aufklärung.

 

Gudrun Krämer: Geschichte des Islam. dtv, München, 2008.

Die Islamwissenschaftlerin beleuchtet Vielfalt und Wandelbarkeit des Islam und untersucht, warum heute überall in der islamischen Welt der Protest gewaltsame Formen annimmt.

 

Bernard Lewis: Der Untergang des Morgenlandes. Warum die islamische Welt ihre Vormacht verlor. Gustav Lübbe Verlag, Bergisch Gladbach, 2008.

Lewis, der 94-jährige Methusalem westlicher Islamwissenschaft, beschreibt den Verlust der Vormacht farbig und mit vielen Beispielen, erklärt ihn allerdings nicht.

 

Abdelwahab Meddeb: Die Krankheit des Islam. Unionsverlag, Zürich, 2007.

Schonungslos untersucht der aus Tunesien stammende Autor, warum die islamische Kultur von früherer Höhe abgestürzt ist.

 

Annemarie Schimmel: Mystische Dimensionen des Islam. Die Geschichte des Sufismus. Insel Taschenbuch, Frankfurt a. M., 1995.

Standardwerk der international geschätzten, 2003 verstorbenen Gelehrten.

Autorenverzeichnis

Dr. Ludwig Ammann ist Islamwissenschaftler und Autor mehrerer Bücher über den Islam.

 

Dieter Bednarz ist Redakteur im SPIEGEL -Ressort Ausland.

 

Georg Bönisch ist Redakteur im SPIEGEL -Ressort Deutschland.

 

Annette Bruhns ist Redakteurin bei SPIEGEL GESCHICHTE / SPIEGEL WISSEN.

 

Katrin Elger ist Redakteurin im Berliner SPIEGEL-Hauptstadtbüro.

 

Dr. Erich Follath ist Diplomatischer Korrespondent des SPIEGEL.

 

Anne-Sophie Fröhlich ist Dokumentationsjournalistin beim SPIEGEL.

 

Uwe Klußmann ist Redakteur bei SPIEGEL GESCHICHTE / SPIEGEL WISSEN.

 

Dr. Michael Josef Marx unterrichtet Arabistik an der Freien Universität Berlin.

 

Yassin Musharbash ist Redakteur bei SPIEGEL ONLINE.

 

Dietmar Pieper ist Leiter der Reihen SPIEGEL GESCHICHTE / SPIEGEL WISSEN.

 

Christoph Schult ist SPIEGEL -Korrespondent in Brüssel, zuvor in Jerusalem.

 

Michael Sontheimer ist Autor für den SPIEGEL.

 

Daniel Steinvorth ist SPIEGEL-Korrespondent in Istanbul.

 

Dr. Claudia Stodte ist Dokumentationsjournalistin beim SPIEGEL.

 

Thilo Thielke ist SPIEGEL-Korrespondent in Bangkok.

 

Dr. Rainer Traub ist Redakteur bei SPIEGEL GESCHICHTE / SPIEGEL WISSEN.

 

Volkhard Windfuhr ist SPIEGEL-Korrespondent in Kairo.

Wer war Mohammed?

Das Leben des Propheten ist von unzähligen Legenden umrankt. Dennoch gibt es manche historische Fakten über den Mann aus Mekka, seine Herkunft, sein Leben und seine Mission. Der Rest ist Glaube.

 

Von Erich Follath

 

 

Den Wettbewerb um den größten spirituellen Führer aller Zeiten hat er gewonnen – zu diesem Schluss kam jedenfalls der amerikanische Psychoanalytiker Jules Masserman von der Universität Chicago. Der Wissenschaftler nannte im US-Nachrichtenmagazin »Time« drei Kriterien für seine Wahl: Der Kandidat musste für das Wohlsein seiner Anhänger gesorgt, eine soziale Organisation gegründet und ein komplettes Glaubensgebäude entworfen haben: »Mohammed erfüllte diese Bedingungen. «

Kaum jemand hat in so wenigen Jahren so viel bewegt wie der Kaufmann aus Mekka, alles Bestehende herausgefordert, alles umgewälzt. Und keiner hatte in Europa jahrhundertelang so konstant eine so schlechte Presse. Seine Feinde nannten ihn einen »Betrüger«, sogar den »Antichrist«. Dante (1265 bis 1321) beschreibt ihn in seiner »Göttlichen Komödie« beim Gang durch die Hölle genüsslich mit aufgeschlitztem Bauch. Voltaire degradiert ihn im Jahr 1741 in seinem Theaterstück »Der Fanatismus oder Mohammed, der Prophet« zum »Mörder und Wollüstling«. Für den Schriftstellerkollegen Diderot ist er 1775 »der größte Feind der gesunden Vernunft«, dem Theologen Karl Barth ist sein Gott noch 1938 nichts anderes als »ein Götze wie andere Götzen«.

Selbst in der Trivialliteratur werden der Prophet und seine Verkündigung niedergemacht. Karl May schuf Hadschi Halef Omar als tumben Muslim, dem seine Rückständigkeit um die Ohren gehauen wird: »Und kämt ihr zu Hunderttausenden, so hast du gar keine Ahnung, wie schnell wir mit euch aufräumen würden.«

Ein Gegenbeispiel unter den Geistesgrößen ist Johann Wolfgang von Goethe. Der Dichterfürst, nicht kirchenfromm und dogmengläubig, las im Koran und plante sogar eine »Mahomet-Tragödie«. Wohl vor allem, um zu provozieren, schrieb er in die Vorankündigung seines 1819 erschienenen »West-östlichen Divan«, er lehne »den Verdacht nicht ab, er sei selbst ein Muselmann«. Besonders gründlich hat sich Goethe aber nicht mit dem Korantext beschäftigt, er reduziert ihn auf wenige Aussagen und beklagt »endlose Wiederholungen«.

Die katholische Kirche hat die Muslime im Konzil von Florenz 1442 dem »ewigen Feuer« preisgegeben – sie brauchte mehr als ein halbes Jahrtausend, um den glaubensverwandten Monotheisten 1964 auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil »ewiges Heil« in Aussicht zu stellen. Und erst 2001 betrat ein Papst – in Damaskus – zum ersten Mal eine Moschee.

Genützt hat es beim Christenvolk wenig. Der Prophet hat ein Imageproblem: Laut einer Emnid-Umfrage von 1997 ist er den Deutschen fast so unsympathisch wie der Jesus-Richter Pilatus. Einen Muslim als Ehepartner ihres Kindes würden 52 Prozent ablehnen oder nur unter starken Vorbehalten akzeptieren, einen Buddhisten 46, einen Juden 30 Prozent. Gegenüber keiner anderen Weltreligion haben die Deutschen so große Vorbehalte. Sie wissen denn auch verschwindend wenig über Mohammed; nicht einmal ein Prozent hat je im Koran geblättert. Aber fast alle sagen, sie wüssten gern mehr.

Forscher aus aller Welt kommen zu erstaunlichen, zu provozierenden Erkenntnissen. Semantiker sezieren die Sprache des Koran, gebeugt über das älteste bekannte Handschriftenfragment aus Sanaa im Jemen. Soziologen beschäftigen sich mit der frühen Gesellschaftsstruktur auf der Arabischen Halbinsel. Historiker setzen mit Genealogen den Stammbaum des Propheten fest.

Besonders viel verdanken wir dem Chronisten Ibn Ishaq, der im 8. Jahrhundert erst in Medina, dann in Bagdad alles Verfügbare über das Leben Mohammeds zusammentrug. Er schreibt auch, was man nicht weiß, was Legenden sein könnten, wo Versionen konkurrieren: ein Werk, verfasst noch vor der bald danach einsetzenden Heiligenstarre des Islam. Denn bald schon waren Zweifel oder Widersprüche am Propheten-Leben nicht mehr erwünscht. Je mächtiger der Glaube wurde, desto glorreicher geriet die Vita, desto weniger Raum blieb für Unklarheiten. Und meist ist in den zahllosen muslimischen Abhandlungen über Mohammed nicht mehr ausschlaggebend, wie es gewesen ist, sondern nur noch: wie es gewesen sein sollte. Musste.

»Vorläufigkeit und Revidierbarkeit dürfen gerade nicht die Merkmale einer muslimischen Schilderung seines Lebens sein. Die Worte und Taten des Propheten müssen daher aus dem Gefüge der Worte und Taten der Menschen vor ihm und nach ihm herausgetrennt sein«, schreibt der führende deutsche Mohammed-Forscher Tilman Nagel. »Im Grundsätzlichen unterscheidet sich die Sicht der Muslime auf Mohammed von derjenigen historisch Interessierter anderer Orientierung.«

Anders gesagt: Das Leben dieses Mannes lässt sich nicht im Indikativ erzählen, sondern nur als Geschichte einer Spurensuche jenseits der innerislamischen Glaubenszeugnisse. Die Hauptquellen: Ibn Ishaq, dessen Originalmanuskript leider verlorengegangen ist, aber auch noch in den überlieferten Fragmenten wichtig bleibt. Und natürlich der Koran. Wer also war dieser Mohammed? Was ist das Geheimnis des Islam?

Unfruchtbar ist das Tal, zerklüftet die Bergwelt, knapp das Wasser. Aber keiner kann sagen, dass die Mekkaner im 6. Jahrhundert nicht das Beste aus diesem Platz machen. Sie haben eine wohlhabende Stadt erbaut, mit einem Reichenviertel in der Ebene und dem Handwerker- und Plebejerviertel an den Berghängen, wo auch viele Beduinen vorübergehend ihre Zelte aufgeschlagen haben. Es geht streng hierarchisch zu in der Stadt: Ein Rat der reichen Familien bestimmt die politischen Geschicke, die meisten der Aristokraten gehören dem Stamm der Kuraisch an. Sie kontrollieren das Kreditwesen, sie versorgen die zahlreichen durchreisenden Geschäftsleute und garantieren gegen Entgelt deren Sicherheit.

Mekka liegt am Knotenpunkt der Karawanenstraßen, die den südlichen Jemen mit Syrien und dem Zweistromland im Norden verbinden. Im Winter tragen oft 2000 Kamele Datteln und Weihrauch, sogar Edelsteine und Seide aus Indien und China gen Norden, zurück bringen sie Baumwollstoffe, Weizen und Öl. Und dann ist da noch das Heiligtum, das die Kuraisch kontrollieren: ein würfelförmiges Bauwerk, damals schon Kaaba genannt, in dessen eine Ecke ein geheimnisvoller schwarzer Stein eingelassen ist. Unweit davon finden Pilger den Samsam-Brunnen, aus dem sie sich Wasser holen müssen.

Angebetet wird ein ganzes Bündel von Gottheiten: Hausgötzen in Form von geformten Datteln, aufgerichtete Steine, die der Pilger mit Blut und Öl bespritzt, Standbilder, bei denen der Orakelsuchende Pfeile wirft. Kamelmarkt, Kult und Kirmes gehen geschäftsfördernd ineinander über – unter dem Schutz eines drei Monate anhaltenden jährlichen Gottesfriedens, der Blutrache und Plünderung verbietet, aber Sangeswettbewerbe wie Essensgelage fördert.

Besonders Dichter und Wahrsager sind gefragt. Die Mekkaner glauben, diese seien von Dschinnen besessen, halb menschliche, halb überirdische Wesen. (In Mohammeds Offenbarung tauchen sie später häufig auf, manche hat er bekehrt, andere wurden zu »Holzscheiten« im Höllenfeuer. Spätere Verwandte der Dschinnen sind der Geist in Aladins Wunderlampe, Meister Proper und die »Bezaubernde Jeannie« aus der TV-Serie.)

Mekka ist zur Zeit der Geburt des Mohammed nicht gerade der spirituelle Mittelpunkt der Welt, liegt aber auch nicht im toten Winkel der Ökumene. Juden leben mitten unter den Götzenanbetern und auch einige Christen. Das Konzept von einem einzigen Gott ist den merkantilen Mekkanern also nicht unbekannt, doch besonders attraktiv finden sie es nicht: Die Fremdgläubigen gehören nicht zur Oberschicht, ihre Religionsgesetze sind nicht auf Arabisch formuliert. Sie sind geduldete Außenseiter.

Der Vater stirbt, bevor Mohammed (der »Hochgepriesene«) geboren wird, die Mutter Amina ist nicht gerade auf Rosen gebettet. Aber sie gehört zu einer Untersippe der Kuraisch und hat deshalb Anspruch auf Stammesloyalität. Laut islamischer Überlieferung soll die Geburt im »Jahr des Elefanten« stattgefunden haben, in dem ein bedeutender Sieg über Eindringlinge gefeiert wird. Doch ähnlich wie beim Geburtsjahr Jesu ist das nur ein Trick späterer Geschichtsschreiber, um große Ereignisse in Verbindung zu bringen. Durch eine detektivische Kombination anderer Lebenstermine haben Historiker 570 (eventuell 569) als Geburtsjahr festgelegt.

Mohammed erlebt eine schwere Jugend: Er ist gerade erst sechs, als auch seine Mutter stirbt, acht, als der geliebte Großvater von ihm geht. Der Onkel Abu Talib wird ihm zur lebenslangen Vaterfigur, begleitet ihn bis zur Selbstentäußerung loyal durch alle Tiefen – ein Anhänger der neuen Religion wird er allerdings nie.

Noch deutet nichts auf ein besonderes Leben hin. Mohammed begleitet in seiner Jugend Karawanen bis nach Syrien, dürfte dort auch mit christlichen Eiferern zusammengekommen sein. Dass ihn ein Mönch als Prophet erkannt habe, wird von Historikern in den Bereich der Legende verwiesen. Mohammed macht seinen Job als Karawanenführer so erfolgreich, dass er einer wohlhabenden Witwe auffällt. Er heiratet mit 25 Jahren diese Chadidscha, die mindestens ein Jahrzehnt älter ist. Sie schenkt ihm vier Töchter (und zwei oder drei Söhne, die aber im Kindesalter sterben). Sie wird zu seiner zweiten großen Vertrauensperson.

Glücklich verheiratet, gutsituiert – und dann kommt mit 40 die große Krise, die ihn aus der Bahn wirft. Mohammed wird zum Aussteiger. Er lässt die Geschäfte ruhen, zieht sich in die Einsamkeit der Berge zurück, meditiert in Höhlen.

Ab jetzt teilt sich die Geschichte seines Lebens im Auge des Betrachters, ganz nach dessen Einstellung, nach dessen Gläubigkeit : Mohammed erfährt in einer dramatischen Nacht die erste Offenbarung Gottes, wird jeder Muslim sagen. Mohammed hat geniale Einfälle, wird in einer revolutionären Bewusstseinswandlung zur religiös-politischen Führerfigur, urteilt der Ungläubige.

»Die Wahrheit« kommt jedenfalls schmerzlich über ihn, der nach Ansicht mancher Islamforscher ein Analphabet ist. Der Erzengel Gabriel, den er vor sich sieht, packt ihn mit aller Kraft und schnürt ihm die Luft ab, als er auf dessen Worte nicht reagiert: »Trage vor im Namen deines Herrn!« Noch einmal würgt der Erzengel ihn und fordert: »Trag vor!«

Endlich glaubt Mohammed begriffen zu haben – er solle die ihm vorgebeteten Worte rezitieren und sich für alle Zeiten merken: die Lehre von Gott, der ihn als seinen Gesandten dazu bestimmt habe, die Mitmenschen von ihrem heidnischen, egoistischen und unbarmherzigen Leben abzubringen. Damit ihnen nicht am Tage des Jüngsten Gerichts »eine auseinanderklaffende Erde, lodernde Feuer« und weitere Höllenqualen drohten.

Seiner Sendung ist sich Mohammed anfangs keinesfalls sicher. Er weint sich bei seiner Frau aus, spielt mit Gedanken an Selbstmord (»mich von einem Berg herabzustürzen«). Die Offenbarungen reißen ab, kommen dann wieder. Der gequälte Prophet, schweißgebadet, nur von seiner unmittelbaren Umgebung ermuntert, gibt die Bestellungen schließlich weiter – und erntet bei den Mekkanern meist Spott und wütende Ablehnung.

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Erzengel Gabriel verkündet Mohammed seine Berufung (18. Jahrhundert).

Als mittelgroßen Mann mit einem buschigen Bart, der stets freundlich war und niemals aufbrausend oder nachtragend, mit einer Schwäche für Parfum und schöne Frauen – so beschreiben ihn später phantasievolle Geschichtenerzähler. Erwiesen sind solche Details nicht. Eine charismatische Persönlichkeit muss er jedenfalls gewesen sein, selbst seine Gegner sprechen ihm die besondere Ausstrahlung nicht ab.

Das macht Mohammeds Botschaft in ihren Augen nicht besser: Mekkas Elite fühlt sich bedroht. Soll sie eines neuen Propheten wegen auf die Einkünfte an der Kaaba-Pilgerstätte verzichten? Und warum denn teilen mit den Armen – für eine Belohnung in einem zweifelhaften Jenseits, wo die Knochen doch »ohnehin morsch« sind, wie sie sagen? Da nennen sie ihn lieber einen »Besessenen« und seine Lehre ein »wirres Bündel von Träumen«.

Mohammed nimmt nie für sich in Anspruch, Gottes Sohn zu sein. Der Islam verurteilt eine solche »Beigesellung« gegenüber dem Höchsten ausdrücklich. Als einige Mekkaner ihn auffordern, sein Prophetentum doch mit einem Wunder zu untermauern, muss er passen: Er kann nicht über Wasser gehen, Lahme laufen lassen, Brot vermehren. Und er gibt zu, dass er nicht der erste Prophet gewesen ist. Mohammed sieht sich in einer Reihe mit Stammvater Ibrahim (Abraham), Mussa (Mose) und Issa (Jesus) – als »Siegel der Propheten«.

Einige Anhänger, viele aus der Unterschicht, suchen wegen der zunehmend feindlichen Haltung der Stadtväter Zuflucht in Abessinien, wo der christliche König sie gnädig aufnimmt und Parallelen zur Bibel erkennt: »Wahrlich, dieses und die Offenbarung an Mose kommt aus einer Nische.« Den Gottesgesandten trifft ein weiterer schwerer Schicksalsschlag: Sein Ersatzvater Abu Talib und seine geliebte Chadidscha sterben, beide im Jahr 619.

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Das »Mecca Royal Clock Tower Hotel« ragt 601 Meter hoch in den Himmel über die Stadt Mohammeds; die Kaaba wirkt daneben klein (Computersimulation).

Mohammed ist 52, als er seiner Stadt den Rücken kehrt: ein Prophet, der in seiner Heimat nichts zählt. Ein Gescheiterter, der zwei Drittel seines Lebens hinter sich hat und nicht viel mehr als einige Dutzend um sich scharen kann, die an ihn glauben. Dass er in dieser Situation nicht an seiner Botschaft verzweifelt und aufgibt, grenzt für den Ungläubigen an ein Wunder.

Mit der »Auswanderung« (Hidschra) des Verfemten am 16. Juli 622 fängt die islamische Zeitrechnung an. Es ist ein Markstein der Weltgeschichte, denn jetzt beginnt Mohammeds kometenhafter Aufstieg. In nur einer Dekade ruft er eine mächtige Gemeinschaft ins Leben, etabliert den Islam, legt die Grundlagen für ein Weltreich.

Er zieht mit seinen Anhängern ins 300 Kilometer nördlich gelegene Jathrib, das später zu seinen Ehren Medinat al-Nabi genannt wird, »die Stadt des Propheten«. In der Oase herrscht Streit, zwei arabische Stämme bekriegen sich, etwa die Hälfte der Bevölkerung sind Juden. Die Medinenser suchen einen von außen, der Ideen hat, der sie mit irgendeiner Botschaft zusammenschweißt. Sie sind im Gegensatz zu den Mekkanern, die nach eigenen Worten »nur den Spuren ihrer Väter folgen« wollen, aufnahmebereit.

Dem Neuen gewährt man Schutz vor Feinden, auch mit den Mitteln der Blutrache. Dafür erwartet man von ihm Vermittlung: Mohammed wird zum Schlichter unter den Zerstrittenen, zum Stifter einer neuen Stammessolidarität. Er entwirft den Vertrag für »eine einzige Gemeinschaft, unterschieden von allen anderen«. Das Merkmal, das sie vereint und von der Umwelt abhebt, wird der Glaube an einen einzigen Gott. Mohammed hält seine neue monotheistische Religion zunächst offen für andere, besonders für die Jathriber Juden.

Der Prophet empfängt weiter seine Offenbarungen. Doch mit seiner Funktion in der neuen Stadt verändert sich auch der Schwerpunkt der Eingebungen: Handelte es sich in Mekka zumeist um eschatologische Themen vom Jüngsten Gericht, so richten sich die Medina-Botschaften vor allem auf das diesseitige Leben. Mohammed predigt von der sozialen Verpflichtung des Eigentums, dem pfleglichen Umgang mit Frauen, von Wucherzins, Glücksspiel und Alkohol.

Wer bei einer Erbschaft zwei Drittel, wer nur ein Achtel bekommen soll, wird vom Propheten festgelegt. Wie genau Waren gewogen werden sollen (»Gebt volles Maß«). Was einem Dieb gebührt (»Haut ihm die Hand ab«). Die Lehre mit ihren präzisen Alltagsvorschriften durchdringt alle Bereiche des menschlichen Daseins. Bis hin zum Zähneputzen, zum Händewaschen nach dem Sex. Allah: ein Gott auch der kleinen Dinge.

Der Islam ist mehr als andere Religionen – er ist »der Entwurf einer Gesellschaftsordnung«, so urteilte der große britische Sozialphilosoph Ernest Gellner. Der Islam unterscheidet sich auch wesentlich vom Christentum, mit dessen Lehren wie mit denen des Judentums Mohammed in Medina konfrontiert wurde. »Mein Reich ist nicht von dieser Welt«, sagt im Johannes-Evangelium der angeklagte Jesus zu Pilatus. Im Islam fehlte diese Trennung zwischen Religion und weltlicher Macht von Anbeginn: Der Medina-Stadtstaat ist Mohammeds Gottes-Entwurf auf Erden, sein Reich ist von dieser Welt.

Gerade weil Mohammed einerseits so visionär und bis in unsere Tage revolutionär erscheint, enttäuscht es viele, dass er in anderer Beziehung ein Kind seiner Zeit und seiner Stammeskultur geblieben ist. Er hat die Stellung der Ärmsten in der Gesellschaft verbessert. Aber er dachte gar nicht daran, etwa die Sklaverei abzuschaffen.

Auch Mohammeds Einstellung zum anderen Geschlecht zeigt ihn als progressiven Denker, zugleich jedoch als Vertreter einer patriarchalischen Gesellschaft: Er hat über Ungleichheiten nachgedacht, sich aber zu ihrer Überwindung nicht ganz durchringen können. Männer stünden »eine Stufe höher«, sagt der Koran; andererseits dürften »Frauen dasselbe beanspruchen«. Falls sie sich freilich zu unmoralischen Handlungen hinreißen ließen, predigt der Prophet den Männern, »so hat Gott erlaubt, euch von ihnen zu trennen und sie zu schlagen, aber nicht heftig«.

Der Schleier sollte die Damenwelt ursprünglich schützen, nicht degradieren: »Auf diese Weise ist es am ehesten gewährleistet, dass sie erkannt und nicht belästigt werden« (Sure 33, Vers 59). Die Stammesscharmützel haben zu Lebzeiten Mohammeds viele Mekkanerinnen zu Witwen gemacht, manche Sklavinnen wurden zum Verkauf ihres Körpers gezwungen. Der Prophet verurteilt die Prostitution. Mit der Erlaubnis, mehrere Frauen zu heiraten – aber nicht mehr als vier – , betont der Koran die Verpflichtung der Männer, die Unversorgten in eine Familie einzubinden.

Besonders verstörend ist Mohammeds ambivalente Einstellung zur Gewalt. Als er seine Position in Medina konsolidiert hat, greift er zum damaligen Brauch der Raubzüge. Einmal überfällt er sogar im heiligen Monat eine mekkanische Karawane und bricht damit den Landfrieden. Gerechtfertigt wird dieses Vorgehen in einer göttlichen Offenbarung, Koransure 2, Vers 217: »Kampf in dieser Zeit wiegt schwer, aber jemanden abzuhalten vom Weg Gottes … das wiegt schwerer.«

Bei der Schlacht von Badr im Jahr 624 schlagen die zahlenmäßig weit unterlegenen Muslime die Mekkaner in die Flucht, den Sieg werten sie als besonderen Gnadenerweis des Himmels. Drei Jahre darauf sammeln sich die Krieger aus Mohammeds Heimatstadt zur Revanche vor den Toren Medinas. Sie scheitern an einer sehr weltlichen List des Propheten: Breite Gräben hat er um die Oasenstadt ausheben lassen, die Pferde der feindlichen Armee können sie nicht überwinden.

Bevor Mohammed sich anschickt, seinen Geburtsort zu erobern, muss er sich mit einem Problem beschäftigen, das er überwunden glaubte: den Juden von Medina. Er hat ihnen Respekt entgegengebracht und vorausgesetzt, sie würden im Islam eine Fortentwicklung ihrer eigenen Religion erkennen. Doch die Juden sehen Mohammed nicht als Propheten. »Sie frevelten und zerschnitten den Bund, der zwischen ihnen und dem Gesandten Gottes bestand.«

Da lässt Mohammed die Seinen enttäuscht nicht mehr in Richtung Jerusalem beten, sondern gen Mekka. Und beansprucht den Stammvater Abraham ganz für sich, indem er ihn zum Urmuslim erklärt. Mohammed behauptet, Abraham habe einst den schwarzen Stein in die Kaaba von Mekka gebracht und dort gebetet. Damit erhebt er den Islam nicht nur zur Vollendung, sondern zum Ursprung aller monotheistischen Religionen. »Die genialste aller religiösen Schöpfungen« nannte das im 19. Jahrhundert der niederländische Islamwissenschaftler Christiaan Snouck Hurgronje.

Angeblich entkommt Mohammed nur knapp einem jüdischen Mordanschlag. Er rächt sich mit blutiger Vertreibung. Doch auch später werden die Juden – wie die Christen – als »Schriftbesitzer« Privilegien genießen. Sie können, anders als Polytheisten, gegen eine Kopfsteuer (Dschisja) als Schutzbefohlene in islamisch beherrschten Gesellschaften leben.

Und dann fällt dem Propheten seine Heimatstadt praktisch kampflos zu. Mekka ist eine Stadt im Umbruch. Viele haben sie verlassen, um sich den mächtigen Muslimen anzuschließen. Die Gemeinschaft von Stamm und Sippe zerbröckelt, die traditionelle Wertordnung zeigt Auflösungserscheinungen. Zu dekadent sind die Reichen, zu bettelarm die Unterprivilegierten geworden. Der Islam stößt in dieses politische und spirituelle Vakuum.

Der Unruhestifter von einst kehrt im Triumph als Sinnstifter nach Mekka zurück. Als Erstes reißt er die Götzenfiguren aus der Kaaba, funktioniert sie um zum Heiligtum des Einen Gottes. Er übt Milde, verschont weitgehend seine früheren Feinde, predigt Versöhnung statt Rache. Bei der Verbreitung seiner Lehre bevorzugt er die Diplomatie, wozu bekanntlich auch die Eheschließung zählt: Einige seiner insgesamt 13 Frauen, darunter viele Witwen, heiratet der Prophet, um einen weiteren Stamm an sich zu binden. Der Harem ist ihm ebenso Last wie Lust. Mohammed zweifelt am Sex, stöhnt über die Intrigen um seine Lieblingsfrau Aischa – ein Mann, kein Übermensch.

Er ist jetzt der unbestritten mächtigste Mann Arabiens. Er hat praktisch alle Stämme der Halbinsel geeint, Bündnisse bis nach Irak und Syrien geschlossen. Sein Lebenswerk ist vollendet. Mohammed stirbt am 8. Juni 632, neun Witwen stehen an seinem Grab in Medina. Einen Nachfolger hat er nicht aufgebaut, sondern darauf vertraut, dass die Botschaft überlebt. Und doch sieht Mohammed in seinen letzten Stunden illusionslos in die Zukunft. Er fürchtet Spaltungen unter seinen Anhängern: »Die Juden sind in 71 Richtungen gegangen, die Christen in 72, ihr werdet in 73 Richtungen gehen.«

Gottes Wort wurde von den nachfolgenden Kalifen schnell weit in die Welt hinaus verbreitet. Aber genauso schnell waren Mohammeds Erben untereinander zerstritten – wie vom Propheten prophezeit.

CHRONIK 610 BIS 698 GLAUBE UND SPALTUNG

um 610

Mohammed, ein etwa 40-jähriger Kaufmann vom Stamm der Kuraisch, erfährt seine erste Offenbarung und tritt in Mekka als Prophet des Islam auf.

 

616 bis 619

Der Kuraisch-Stamm boykottiert den Clan Mohammeds, dessen Eingottglaube ihren Traditionen widerspricht.

 

620 bis 622

In der Oase Jathrib (Medina) bekehren sich Angehörige zweier Stämme zum Islam.

Sie erheben Mohammed zum Führer ihres von Fehden zerrissenen Verbandes.

 

622

Mohammed emigriert mit seinen Anhängern aus dem von feindseligen Kuraisch beherrschten Mekka nach Jathrib/Medina, begründet dort ein islamisches Gemeinwesen und führt soziale Reformen durch. Die Auswanderung aus Mekka, genannt »Hidschra«, ist das Jahr 0 der islamischen Zeitrechnung.

 

624

Sieg der Muslime über die Kuraisch von Mekka

 

627

Vergeblich belagern die Kuraisch bei ihrem Rachefeldzug Medina, dessen Bewohner sich mit einem breiten Graben um ihre Stadt wirkungsvoll geschützt haben.

 

628

Die Kuraisch lenken ein – der Vertrag von Hudaibija erlaubt den Muslimen Zutritt zum Heiligtum von Mekka (erste Pilger 629).

 

630

Kampflose Einnahme von Mekka durch die Muslime

 

630 bis 632

Unterwerfung der Stämme der Arabischen Halbinsel

 

632

Abschiedswallfahrt und Tod des Propheten Mohammed

 

632 bis 634

Mohammeds Freund Abu Bakr wird dessen erster Nachfolger (Kalif). Er sendet Eroberungsheere aus.

 

634

Sieg über die Byzantiner bei Adschnadain (Palästina)

 

634 bis 644

Unter Kalif Umar unterwerfen die Muslime Ägypten, Palästina, Syrien, Mesopotamien, Persien.

 

638

Jerusalem wird erobert. Kalif Umar berät mit anderen Weggefährten des Propheten über die Aufteilung der Kriegsbeute. Deren Grundsätze verzeichnet fortan die Stammrolle der islamisch-arabischen Armee, der »Diwan«. Später wird dieses

Wort zum Inbegriff arabischer Verwaltung.

 

644

Umar stirbt durch die Dolchstiche eines persischen Sklaven.

 

644 bis 656

Unter dem Kalifen Uthman setzen sich die Eroberungszüge des Islam in Iran und Nordafrika fort.

 

um 653

Uthman verfügt die erste offizielle Redaktion des Korantextes.

 

656

Der Kalif wird von seinen Feinden ermordet.

 

656 bis 661

Unter dem Kalifat von Ali, dem Schwiegersohn des Propheten, kommt es zum ersten muslimischen »Bürgerkrieg«, als der syrische Befehlshaber Muawija die Gefolgschaft verweigert. Nach Alis Ermordung im Jahr 661 verzichtet dessen Sohn Hassan auf das Kalifat, der neue Kalif Muawija begründet die Umajjaden-Dynastie; aus Alis Partei (Schia) wird die schiitische Abspaltung.

 

661 bis 680

Zweite große Expansionsperiode unter dem Kalifat von Muawija. Damaskus wird neue Hauptstadt.

 

680

Alis Sohn Hussein führt einen Aufstand gegen das Umajjaden-Kalifat und wird in der Schlacht von Kerbela getötet. Sein Opfertod gibt der Schia ein religiöses Grundmotiv.

 

683 bis 692

Zweiter muslimischer »Bürgerkrieg« auf der Arabischen Halbinsel. Der Umajjaden-Kalif Abd al-Malik (685 bis 705) gewinnt die Kontrolle über alle islamischen Provinzen zurück.

 

691

Bau der Umar-Moschee (Felsendom) in Jerusalem

 

ab 698

Münzreform: Ablösung sasanidischer und byzantinischer Geldstücke durch arabischislamische Prägungen. Arabisch wird Kanzleisprache.

Der musterhafte Gesandte

Die Überlieferungen zu Mohammeds Leben
sind neben dem Koran die wichtigste Quelle des Islam.
Viele dieser »Hadithe« sind allerdings gefälscht.

 

Von Anne-Sophie Fröhlich

 

 

Zahnpflege lag dem Propheten am Herzen. Regelmäßig reinigte er sein Gebiss mit einem Wurzel- oder Zweigstück vom Zahnbürstenbaum (Siwak). Am liebsten hätte er das Zähneputzen zur Pflicht vor jedem Gebet gemacht, aber das schien ihm dann doch zu viel verlangt.

Dass wir über die Vorliebe Mohammeds für das auch auf der Arabischen Halbinsel gebräuchliche Zahnputzholz Bescheid wissen, verdanken wir dem Bedürfnis der frühen Muslime, ihr Leben nach seinem Vorbild auszurichten. Auch deshalb, weil der Koran auf allzu viele Alltagsprobleme keine Antwort gab, begann man schon bald nach Mohammeds Tod, sich in strittigen Fragen auf das erhabene Vorbild zu berufen. Was hatte der Gesandte Gottes getan – oder auch nur stillschweigend gebilligt?

Eine Fülle von Geschichten, Sprüchen und Anekdoten wurde zusammengetragen, von Lieblingsspeisen (der Prophet aß gern Honig und Süßigkeiten, auch Kürbis mochte er sehr) und alltäglichen Gewohnheiten (er zog immer zuerst den rechten Schuh an) über Religiöses (mittags und nachmittags betete er mit jeweils zwei Niederwerfungen) bis hin zu rechtlichen und politischen Fragen (»Einem Befehl darf nur Folge geleistet werden, wenn er im Einklang mit Recht und Gesetz steht«). Das Familienleben Mohammeds ist ebenso überliefert wie seine Antworten an Ratsuchende. Allgemeine ethische Gedanken finden sich neben konkreten Anweisungen – alles, was aus dem Leben des Propheten zu erfahren war, wurde gesammelt.

Den umfangreichen Stoff zerlegte man in kleine Episoden, die man Hadithe (»Erzählungen«) nannte. Jedes Hadith besteht aus zwei Teilen: dem eigentlichen Text (arabisch Matn) und einer einleitenden Überliefererkette (Isnad), die nach dem Muster »A hat mir erzählt, dass B sagte, er habe von C gehört« idealerweise bis zu Mohammed oder seinem Umfeld zurückreicht. Die so gesammelte Sunna (»Tradition«) des Propheten avancierte in der entstehenden Religion zur wichtigsten Entscheidungsquelle nach dem Koran. Alle Seiten argumentierten jeweils mit dem Vorbild Mohammeds – und dabei nicht selten auch mit erfundenen Hadithen. Schon die Rechtsgelehrten (Ulama), die das ausufernde Material im 9. Jahrhundert systematisierten, gingen davon aus, dass ein großer Teil der Überlieferungen nicht authentisch ist, und versuchten, Kriterien für die Glaubwürdigkeit zu entwickeln. Da der Islam keine Instanz kennt, die verbindlich etwas für richtig oder falsch erklären kann, hielt man sich dabei vor allem an die Kette der Gewährsleute. Wies der Isnad Lücken auf? Waren die Überlieferer zuverlässig? Als Hilfe bei der Bewertung entstand eine reiche biografische Literatur, in der die genannten Frauen und Männer systematisch überprüft wurden.

Die Ulama verschiedener islamischer Richtungen kamen dabei zu unterschiedlichen Ergebnissen. So betrachten etwa die Schiiten all jene Hadithe nicht als authentisch, die auf Mohammeds Lieblingsfrau Aischa zurückgehen – die stellte sich nämlich nach Mohammeds Tod gegen dessen Cousin und Schwiegersohn Ali, den Stammvater der Schiiten.

Ein Hadith mit einer mehrfach bezeugten durchgehenden Kette angesehener Überlieferer gilt als sahih (wörtlich »gesund«) oder auch hassan (»schön«), ein schlecht belegtes als daif (»schwach«). Inhaltliche Kriterien spielten kaum eine Rolle. So kommt es, dass sich auch gegensätzliche Positionen jeweils mit Hadithen belegen lassen – was in der islamischen Tradition positiv bewertet wird: »Die Vielfalt der Meinungen ist eine Gnade für die Gemeinde«, lautet ein bekanntes Hadith.

Bis heute untermauern sowohl Kämpfer für Meinungsfreiheit als auch autoritäre Herrscher, sowohl Feministinnen als auch Taliban ihre Argumentationen mit Hadithen. Auch die im 9. Jahrhundert entstandenen großen Kompilationen »gesunder« Hadithe, die bis heute eine grundlegende Quelle der Scharia bilden, bieten den Islamgelehrten, Muftis wie Kadis, einigen Spielraum. Von den insgesamt 200 bekannten Hadith-Sammlungen gelten den Sunniten sechs als besonders autoritativ, die Schiiten stützen sich auf vier kanonische Werke.

Nicht selten bestimmten freilich die Interessen der Mächtigen und gesellschaftliche Konventionen, welche Überlieferungen sich durchsetzten. So erzählte Muawija, der erste Kalif der Umajjaden-Dynastie, er habe Mohammed sagen hören: »Die Herrschaft über die Muslime gebührt einzig den Kuraisch« – seinem eigenen Stamm, dem auch der Prophet angehört hat. Ein anderes Hadith zitiert den Propheten dagegen mit den Worten: »Hört auf euren Befehlshaber und gehorcht ihm, auch wenn es ein abessinischer Sklave sein sollte.«

Die Stellung der Frau, die im frühen Islam besser war als in den Zeiten zuvor, wurde schon bald mit angeblichen Prophetenworten deutlich eingeschränkt. Misogyne Überlieferungen wie »Niemals wird ein Volk zu Wohlstand gelangen, das seine Geschicke einer Frau anvertraut« oder »Das Unglück liegt in drei Dingen: dem Haus, der Frau und dem Pferd« fanden weite Verbreitung. Noch heute sind sie bekannter als die (besser belegten) frauenfreundlichen Aussagen Mohammeds.

Die feministische Religionswissenschaftlerin Riffat Hassan vertritt die Ansicht, dass die untergeordnete Stellung der Frau im islamischen Recht maßgeblich einer Interpretation des Koran »durch die Brille der Hadithe« geschuldet sei, in denen sich die Diskriminierung von Frauen in der damaligen Gesellschaft und auch in christlichen und jüdischen Traditionen widerspiegle. So ist etwa die Vorstellung, dass die Frau aus einer Rippe des Mannes und damit sekundär geschaffen wurde, nicht im Koran zu finden, wohl aber in mehreren Hadithen. Ein anderes Hadith konstruiert zwischen dem Satan und unerlaubter Sexualität eine Verbindung, die sich im Koran nicht findet: »Ein Mann sollte nicht mit einer Frau allein sein, denn dann ist der Satan der Dritte.«

Die Religionsbehörde der Türkei lässt eine Gruppe von Theologen seit einigen Jahren die Überlieferungen mit dem Ziel durchforsten, frauenfeindliche Hadithe aus den Sammlungen zu entfernen. Als gefälscht sollen alle Aussagen getilgt werden, die zur Gewalt gegen Frauen aufrufen oder Frauen diskriminieren und sie dem Mann unterordnen.

Ein Mann zum Gesandten: Ich bin verloren! Ich habe Im Ramadan mit meiner Frau geschlafen. – Lass einen Sklaven frei! – Ich habe keinen. – Faste zwei Monate hintereinander! – Das kann ich nicht! – Speise 60 Arme! – Ich finde nichts vor! Da ward eben ein Korb mit Datteln gebracht; der Prophet: Wo ist der Bettler? Spende das da! – Einem Ärmeren als mir? Bei Gott, es gibt weit und breit keine ärmere Familie als unsere! Da lachte der Prophet, bis seine Weisheitszähne erschienen: Dann eben euch!

Unter sittenstrengen Moralaposteln können freilich auch ganz alltägliche Begebenheiten, die eher beiläufig auftauchen, zu Streitpunkten werden. So gibt es eine ganze Reihe von Hadithen, in denen der Prophet »lachte, bis seine Weisheitszähne zu sehen waren«. Puristischen Theologen im 8. Jahrhundert war das ein Dorn im Auge, denn ähnlich wie ihre sinnenfeindlichen christlichen Kollegen vertraten sie die Ansicht, dass herzhaftes Lachen sich für einen Religionsstifter nicht schickt. Obwohl Mohammeds Freude am Scherzen gut belegt war, brachten sie anderslautende Erzählungen in Umlauf und prägten die bis heute gängige Meinung, der Gesandte Gottes habe nie gelacht. Selbst wenn seine Weisheitszähne zu sehen gewesen seien, habe er gemäß seiner Prophetenwürde – allenfalls gelächelt.