Von der Gehorsamsethik zur Verantwortungsethik

Nach wie vor willfährig

Es gibt gute Gründe für die Annahme, dass für die Kirche die wichtigsten Daten und Vorgänge aus der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft bekannt sind und dass entscheidend neue Erkenntnisse vermutlich nicht mehr zu erwarten sind, selbst wenn eines Tages die Archive des Vatikans zugänglich gemacht werden sollten. Gelegentlich stoßen jedoch Forscher oder Wissenschaftlerinnen auf Unterlagen im Privatbesitz, die Aufschluss geben über bislang nicht oder nur unzureichend bekannte Vorgänge – wie etwa Antonia Leugers in ihrer Untersuchung über den Ausschuss für Ordensangelegenheiten und seine Widerstandskonzeption. Sie entdeckte dabei, dass so manche Zeugen sich »loyal zur Kirche« verhielten und darum über ihre damaligen unangenehmen Erfahrungen – hier mit leitenden Kirchenmännern – schwiegen. So hat mir auch der frühere Generalvikar der Deutschen Wehrmacht Georg Werthmann bei einem Gespräch am 1. Februar 1977 mitgeteilt, dass er lange beabsichtigt habe, eine Geschichte der Wehrmachtsseelsorge zu verfassen. (Aus den nummerierten Blättern des Werthmann-Nachlasses im Archiv des Militär-Bischofsamtes ist der geplante Aufbau seiner Arbeit zu rekonstruieren.) Doch weil er dabei »zu viel schmutzige Wäsche« hätte waschen müssen, habe er davon Abstand genommen. Aus diesem Grunde habe er auch verfügt, dass nach seinem Tod seine seit 1935 akribisch geführten Tagebücher vernichtet werden sollten. Die Frage, ob er mit seinem Schweigen den Menschen und seiner Kirche wirklich gedient hat, wird wohl unterschiedlich beantwortet werden.

Wir haben gelernt, dass auch honorige, kluge und gewissenhafte Menschen nicht gegen schwere und verhängnisvolle Irrtümer gefeit sind – Intellektuelle und Arbeiter, Politiker und Kirchenmänner. Das ist weder verwunderlich noch besonders aufregend. Irren ist menschlich, und jeder Mensch hat ein Recht auf Irrtum. Fatal ist es allerdings, wenn diejenigen, die sich trotz bester Absichten geirrt und andere Menschen infolge dieses Irrtums in die Irre geführt haben, sich nicht zu diesem Irrtum bekennen und dafür jene um Entschuldigung bitten, die durch diese Irrtümer getäuscht worden sind. Fatal ist es auch, wenn nach Erkenntnis dieses Sachverhalts nicht offen über die Grenzen des Rechts auf Gehorsamsforderung auf der einen Seite und über das Recht bzw. die Pflicht zum Widerspruch und zur Gehorsamsverweigerung auf der anderen Seite gesprochen wird. Eine Diskussion über einen theologisch begründeten Ungehorsam sowie über die Grenzen der Kompetenz von Amtsträgern ist in der katholischen Kirche längst überfällig.

Die Apostolische Konstitution »Spirituali militum curae« vom 21. April 1986, das Rahmengesetz für die Militärseelsorge im gesamten Bereich der römisch-katholischen Kirche, stellt fest, dass die katholische Kirche für die Militärseelsorge »stets mit außerordentlicher Bedachtsamkeit Sorge getragen« habe.1 Das mag unter anderem daran liegen, dass eine gewisse Ähnlichkeit der Systeme zur Sympathie für einander führt: In beiden Fällen handelt es sich bei den Führungsgremien um Männerbünde; hier wie dort findet sich eine klare hierarchische Struktur, die zudem in einer bestimmten Kleiderordnung ihren augenfälligen Ausdruck findet; in beiden Großorganisationen spielt für deren Funktionsfähigkeit der Gehorsam eine entscheidende Rolle. Bis heute findet jedenfalls das Militär in der römischen Kirche mehr Anerkennung und Unterstützung als jene Menschen und Gruppen, die aufgrund der geschichtlichen Erfahrungen eine militärkritische Einstellung vertreten, die sich für gewaltfreie Konfliktlösungen einsetzen und statt militärischer Kontingente den Ausbau und die Förderung von zivilen Friedensdiensten anstreben. Pazifisten und Kriegsdienstverweigerer werden in der römischen Kirche bis heute eher toleriert als gefördert. Die wenigen katholischen Kriegsdienstverweigerer des Zweiten Weltkrieges, welche die Verweigerung ihrer Teilnahme an Hitlers verbrecherischem Krieg aus Gewissensgründen mit dem Leben bezahlt haben, sind den meisten Katholiken bis heute unbekannt. Dass ihnen bisher auch die Anerkennung seitens der Kirche versagt wurde, obwohl sie sowohl den Lehren der kirchlichen Moral als auch ihrem Gewissen folgten, ist nicht gerade rühmlich für die katholische Kirche Deutschlands.

Beim Beginn des Krieges hatte Feldgeneralvikar Werthmann gefordert, dass die Arbeit der Wehrmachtsseelsorge und der Kirchlichen Kriegshilfe »im Dienste des deutschen Siegeswillens« stehen müsse. Wenige Wochen nach dem Ende des Krieges schrieb er während seiner Internierung in einer fiktiven Ansprache an die gefallenen Mitbrüder: »Ihr habt Euch geirrt wie wir; Ihr habt Eure Soldatenpflicht aufgewandt für Phantome, die Euch vorgespiegelt waren. Aber Ihr habt geirrt in bestem Glauben und in reiner Meinung. Wir dagegen müssen noch geläutert werden, und mit der aufdämmernden Erkenntnis von einigen Tagen und Wochen ist es da nicht getan; in harten Entbehrungen müssen wir die Armut im Geiste wieder lernen […]« (28. Juni 1945). Und am 19. Juli 1945 notierte er in der ihm eigenen Sprache:

»Wir haben alle Deutungen der allein Gott zustehenden Hoheit des Gerichts an uns zu reißen versucht und gingen in vermessener Selbstgerechtigkeit an die äußere Vernichtung des Bolschewismus. Mit den Waffen wollten wir ein Gericht abhalten über die Macht im Osten und haben dabei alle bolschewistischen Methoden bejaht, dadurch – was noch schlimmer ist – alle antibolschewistischen Glaubensinhalte – Christentum, Volk, Persönlichkeit, Freiheit – den Dämonen des bolschewistischen Weltempfindens ausgeliefert und eben damit den Bolschewismus noch in jener Höhenlage bejaht, von der aus er allein wirksam bekämpft werden kann.«

Am Anfang also die Überzeugung, in treuer Pflichterfüllung für den deutschen Sieg eintreten zu müssen; am Ende die beschämende Einsicht, einem ungeheuren Irrtum erlegen und Opfer von Phantomen geworden zu sein, in vermessener Selbstgerechtigkeit gehandelt und sich faktisch bolschewistischen Methoden angepasst zu haben. Wie aber stand es mit der Aufarbeitung des Irrtums? Wie vollzog sich das von ihm eingeforderte neue Erlernen der »Armut im Geiste«?

Im Dezember des Jahres 1951 erbat der Apostolische Nuntius in Bonn von dem in Angelegenheiten der Militärseelsorge erfahrenen Georg Werthmann eine »Denkschrift« zur Seelsorge an künftigen deutschen militärischen Einheiten. Werthmann, wiederum gehorsam, erstellte innerhalb weniger Wochen einen knapp 33 Seiten umfassenden Text – ohne eine politische oder militärische Bedrohungsanalyse und ohne jede theologische oder ethische Reflexion der grundsätzlichen und situationsbedingten Problematik eines militärischen Dienstes – und übersandte ihn dem Nuntius am 29. Januar 1952 in dreifacher Ausfertigung: ein Exemplar für den Nuntius, ein weiteres für den Apostolischen Stuhl, ein drittes für Kardinal Frings. Am 4. April 1952 schickte Werthmann eine Kopie an seinen alten Freund Heinrich Höfler2 – inzwischen Bundestagsabgeordneter für die CDU – mit der Bitte, »die Sache uneingeschränkt vertraulich zu behandeln und weder direkt noch indirekt von deren Inhalt Gebrauch zu machen«.3 Wieder einmal war die römisch-katholische Kirche – wie schon 1933 – in Sachen Militärseelsorge frühzeitig auf dem Plan: Gut vier Jahre vor der Wiedereinführung der allgemeinen Wehrpflicht 1956 lag das Konzept der Bundeswehrseelsorge in wesentlichen Grundzügen vor. Es muss jedoch vermerkt werden, dass Werthmann dafür gesorgt hat, dass zum einen die Militärseelsorge nicht – wie in fast allen anderen Staaten – in militärische Strukturen eingebunden wurde, zum anderen, dass die Unabhängigkeit der Militärseelsorge so weit als möglich gegen Fremdeinflüsse abgesichert war.

Nach der Gründung der Bundeswehr wurde Georg Werthmann der erste Generalvikar der Bundeswehrseelsorge. 1962 erhielten die katholischen Soldaten als Weihnachtsgabe ein Buchgeschenk »Die Parole« mit Aufsätzen, die Werthmann – so heißt es im Vorspann – »erstmals veröffentlicht (hat) in der Soldatenausgabe des ›Mann in der Zeit‹«. Bis auf kleine Änderungen glich der neue Text über den Gehorsam nach fast dreißig Jahren dem oben schon erwähnten von 1935: Aus dem »Krieg« wurde beispielsweise nun der »Ernstfall«, die »erste Soldatentugend« wurde etwas degradiert zu »eine[r] der vornehmsten Soldatentugenden«.4 Der »Kalte Krieg« nahm alle Kräfte in Anspruch, für ein Lernen der »Armut im Geiste« blieb ebenso wenig Zeit wie für eine Besinnung auf die Rolle der katholischen Kirche und der Militärseelsorge im Zweiten Weltkrieg.

Nach wie vor steht der Gehorsam bei den Kirchenmännern hoch im Kurs. Auch Papst Johannes Paul II., dessen entschiedenes friedenspolitisches Engagement nicht zu bezweifeln ist, hat den Militärdienst als »würdig, schön und edel« bezeichnet – ein Urteil, das einen ehemaligen Soldaten nur erstaunen und befremden kann! –, da er dazu geeignet sei, Disziplin einzuüben und die Tugend des Gehorsams aufzuwerten.5 Seit dem 1. März 1989 ist für einen bestimmten Kreis von Funktionsträgern in der römisch-katholischen Kirche das Ablegen einer neuen Bekenntnisformel und eines »Treueids« vorgeschrieben, in dem die Forderung nach »religiös gegründetem Gehorsam des Willens und des Verstandes« gegenüber der Kirchenleitung erhoben wird.6 Mit dem Motu Proprio von Johannes Paul II., »Ad tuendam fidem« (Zum Schutz des Glaubens), vom 29. Juni 1998 hat diese verhängnisvolle Entwicklung ihren vorläufigen End- bzw. Höhepunkt gefunden. Es hat den Papst offenkundig nicht gestört, dass er sich mit dieser Anordnung über die evangelische Weisung des Eidverbots (Matthäus 5, 34) hinweggesetzt hat. Für Bernhard Häring waren die Erlebnisse der Kriegszeit »eine Schule, die mir half, den einzigartigen Wert der Freiheit des Gewissens, die Dimensionen der eigenen Verantwortlichkeit, einen wohlverantworteten Gehorsam und Ungehorsam zu entdecken und so auch ein neues Verständnis für den Sinn des Gesetzes und der Mitverantwortung in der Kirche zu finden«. Er hat gelernt, »den Gehorsam gegenüber jedem System und jeder Autorität, einschließlich der kirchlichen Autoritäten, kritischer zu überprüfen«.7 Viele Kirchenmänner hingegen scheinen nach wie vor Autonomie und Selbstbestimmung, Emanzipation und Eigenverantwortung mit Eigenwilligkeit und Selbstherrlichkeit, mit Willkür und Verweigerungshaltung gleichzusetzen. Ihr Glaube an die Wirksamkeit von Disziplinierungsmaßnahmen zur Erzwingung von Gehorsam und Unterwerfung ist größer als ihr Vertrauen zu den Menschen und deren Bereitschaft, als vernünftig erkannte Regeln und Weisungen zu akzeptieren. Mit diesen Feststellungen wird der Gehorsam nicht abgewertet oder gar behauptet, er sei prinzipiell abzulehnen. Aber es wird entschieden darauf bestanden, dass Kritik, Widerspruch und Ungehorsam wichtiger sein können als Gehorsam. Das wenigstens sollte eine der Einsichten und Lehren aus der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft sein.

Gehorsam als Hindernis bei der Identitätsbildung

In seinem jüngsten Buch »Wider den Gehorsam«8 beschreibt der 91-jährige deutsch-schweizerische Schriftsteller, Psychologe und Psychoanalytiker Arno Gruen die zerstörerische Dynamik des Gehorsams, durch den das eigene Selbst sich nicht wirklich entwickeln kann. Denn Einfühlungsvermögen, Empathie mit den Schwachen, den Opfern und Gegnern werden nicht ausgebildet; eine einseitige Bindung und Identifikation mit den Mächtigen, den Siegern und Herrschenden und damit eine Haltung der Unterwerfung scheint ›lohnender‹, weil die Identifikation mit der Macht reibungsloser erfolgt und Vorteile verspricht. Diese ›Selbstaufgabe‹ führt in letzter Konsequenz auch politisch zu Autoritätshörigkeit, Faschismus und Gewalt. Indem der Gehorsam zum Ideal erhoben wird, verfestigt man die eigene Versklavung, die bei jenen im Selbstverrat endet, deren Identitätsbildung geschädigt ist. Eine Erziehung, die auf Gehorsam pocht, hemmt oder zerstört empathische Fähigkeiten und führt zur Identifikation mit Autoritäten. Gehorsam ist nicht nur ambivalent, sondern auch selbstzerstörerisch, fatal und gefährlich. Das zeigt sich allenthalben bei den Folgen: Kriege, Nazi-Regime und Missbrauch der Religionen für Mord und Unterwerfung. Für die Kirchenmänner lösten die Forderungen nach Freiheit und Selbstbestimmung helle Panik aus, denn damit sahen sie die Menschheit in Zügellosigkeit und Willkür versinken. In einem weit verbreiteten Katechismus ist zu lesen: »[…] für die durch die Erbsünde verderbten Menschen sind Obrigkeiten geradezu nothwendig«. Ohne Oberhaupt würden sich die Menschen »in eine zügellose Rotte auflösen […] Da die Menschen nach der Erbsünde gleich wilden Thieren gegeneinander zu wüthen anfiengen […] setzte Gott über die zu Thieren ähnlich gewordenen Menschen Herrscher ein, damit diese der Wuth, womit die Menschen einander anfielen, Schranken setzten«.9

Nach traditioneller kirchlicher Lehre hat Gott nicht nur die Natur in ihrer Ordnung geschaffen, sondern auch der Gesellschaft ihre Ordnung gegeben, und nach Meinung der kirchlichen Oberen galt diese Ordnung auch für das Verhältnis der Geschlechter. Als der deutsche Gesetzgeber 1956 die Gleichberechtigung von Mann und Frau in allen Rechtsbereichen verwirklichen wollte, legte der Kölner Erzbischof Kardinal Frings im Namen der katholischen Kirche Widerspruch ein. In einem Hirtenschreiben der deutschen Bischofskonferenz vom 30. Januar 1956 hieß es: »Wer grundsätzlich die Verantwortung des Mannes und Vaters als Haupt der Ehefrau und der Familie leugnet, stellt sich in Gegensatz zum Evangelium und zur Lehre der Kirche. Die Lehre von der Autorität des Mannes entspricht der Schöpfungsordnung und ist in Gottes Wort klar bezeugt.«10

Schon in meiner Jugendzeit und erst recht während der Ausbildung zum Priester ist mir eingetrichtert worden, dass man den eigenen Willen unterdrücken müsse, um Gottes Willen zu erfüllen. Die Forderungen zur Selbstverleugnung, zum Gehorsam und zur Unterwerfung sowie die Bereitschaft, über sich verfügen zu lassen, waren ebenso selbstverständlich wie die Treue zur Papstkirche. Die aszetischen Leitgedanken waren in etwa: Sich nicht wichtig nehmen, sonst sündigt man gegen die Demut; sich ein- und unterordnen, sonst versündigt man sich durch adamitischen Stolz; Verzicht auf die eigenen Wünsche und Hingabe des eigenen Lebens, sonst war man selbstsüchtig. Sich auf Erfahrungen zu berufen weckte den Verdacht des Subjektivismus. Die verhängnisvolle Erbsündenlehre wie auch die systematisch geweckte Sünden- und Höllenangst machten die Gläubigen zu hörigen Objekten und verhinderten oder erschwerten deren Selbstwerdung. Es gehört zu den bedrückenden Erfahrungen in und mit der römischen Kirche, dass vornehmlich jene Menschen mit Leitungsaufgaben betraut werden, die sich den jeweiligen Oberen gegenüber devot und angepasst verhalten und deren personale Identität als »Funktion gewordene Person« bezeichnet werden könnte.

Anmerkungen zur Gewissensbildung

Wegen der Bedeutung dieses Themas nicht nur für die persönliche Lebensführung, sondern auch für die Zukunft der Kirche und der Gesellschaft seien hier einige diesbezügliche Überlegungen eingefügt. Anders als Thomas von Aquin haben spätere Theologen die Lehre entwickelt, das natürliche Sittengesetz ergebe sich »aus der stabil gedachten metaphysischen menschlichen Natur« und schlage sich in ebenso stabilen materialen (sekundären) Normen nieder, die zu jeder Zeit, für alle Menschen und unter allen Umständen Geltung hätten (zum Beispiel: Niemals eine direkte Falschrede! Du sollst des Nächsten Eigentum nicht gegen dessen Willen wegnehmen!). Von diesen Auffassungen dürfte das Lebensgefühl der meisten Katholiken geprägt gewesen sein.11 Die Vernunft hat danach die Aufgabe, bereits vorhandene (weil mit der »Natur« gegebene) Ordnungen abzulesen, die dann lediglich anzuwenden seien. Aber wie der einzelne Mensch nicht einfachhin eine Realisierung des allgemeinen Wesens Mensch und nicht damit identisch ist, so und darum ergibt sich auch die konkrete sittliche Forderung nicht schlicht aus einem allgemeinen Gesetz, das nur noch unbeschadet von den Zufälligkeiten des Lebens in einem logischen Schlussverfahren zu realisieren wäre. Die lückenlos geltenden primären Normen: Handle vernünftig!, Sei gerecht!, Habe die Liebe!, »sind abstrakt und greifen noch nicht in das konkrete Leben ein«.12 Sie sind nicht unvermittelt praktizierbar, weil die material-inhaltliche Seite einer sittlichen Forderung nur realisierbar wird, wenn die jeweilige Situation als konstitutiver Faktor der Urteilsfindung darüber, was denn jetzt zu tun sei, mit bedacht wird. Wie die unabdingbare Forderung, gerecht zu sein, hier und jetzt (ob bei der Schaffung einer Gesellschaftsordnung oder im Verhältnis zu einem Mitmenschen) Gestalt gewinnt, kann nicht nach »einer nur logisch arbeitenden Subsumtionsmoral«13 ausgemacht werden.

Das Problem der Urteils- und Entscheidungsfindung ist in der Kirche vor allem nach Veröffentlichung der Enzyklika »Humane vitae« (1968) erörtert worden. Während Papst Paul VI. sich auf »die in der Natur des Mannes und der Frau eingeschriebenen Gesetze« beruft und die Meinung vertritt, dass »die Menschen unserer Zeit durchaus imstande sind, die Vernunftgemäßheit dieser Lehre zu erfassen«, lässt die Reaktion auf die Enzyklika innerhalb und außerhalb der katholischen Kirche eher anderen Vermutungen Raum. Die Gründe gegen eine Normierung des HandeIns durch die vorgegebene biologische Natur sind ebenso dargelegt worden wie das fragwürdige »Natur«-Verständnis.14 Den Kontrapunkt zu dieser Auffassung bildet die »Situationsethik«, die von der Kirche zwar abgelehnt wurde, die dennoch als dauernde Frage an eine deontologische Moral ernst zu nehmen ist. Denn es gehört zur Souveränität und zum geschichtlichen Handeln Gottes wie auch zur Verfasstheit des Menschen, dass das Heute noch nicht weiß, was der morgige Tag bringen wird.

Es ist gut – aber auch leicht –, davon zu reden, dass man nach dem Willen Gottes leben solle. Aber außer allgemeinen Hinweisen auf die Gebote und die Weisungen der Kirche erfährt man kaum, wie dieser Wille Gottes zu erkennen sei. Sicher geben Gebote eine Richtung an oder lassen eine Grenze erkennen, die zu überschreiten nicht erlaubt ist. Doch für unzählige Vorgänge und Ereignisse eines jeden Lebens ist damit keine Entscheidungshilfe gegeben. Zu Recht schreibt Alfred Schüler: »Es gibt nichts, was nicht gelegentlich als verhüllter Anruf der letzten Instanz gesehen werden darf. Hier wach und willig die umgebende Wirklichkeit auf solche Anrufe abzulauschen und dann in dialogischer Kraft ›das Gemäße‹, ›das Entsprechende‹ zu tun, um dem Gegenüber ›gerecht zu werden‹, das heißt die Situation als eine sprechende erkennen und schätzen.«15 In dem sozialen Handlungsfeld mit seinem komplexen Gefüge von Beziehungen zu anderen Menschen gilt es herauszufinden, was von mir verlangt wird, »damit jeder der Beteiligten, einschließlich meiner selbst, sich in dem gelebten Verhältnis in einem Höchstmaß ›anerkannt‹, ›gefördert‹ sieht«.16 Dazu verhelfen nicht Buchstaben, Gesetze und Normen, die bei absoluter Geltung den Menschen auf einen Gesetzesgehorsam fixieren und ihn letztlich zur Unmündigkeit verurteilen, sondern eine »unverkrampfte Spontaneität«, eine »offene Sittlichkeit«17 und ein entwickeltes Urteilsvermögen. Kurz: Es geht um eine Gewissensbildung als ein zu entwickelnder Sinn für situationsbedingte Herausforderungen.

Bernhard Häring nennt das wache Gewissen »Situationssinn, das Gespür für den potentiellen Reichtum der verschiedenen Lebenslagen und einmaligen Gelegenheiten«; ohne Kenntnis der Wirklichkeit in ihrer Vielschichtigkeit gebe es keine mündige Gewissensentscheidung.18 Darum ist eine unverstellte Sicht der menschlichen Wirklichkeit gefordert. Doch weil die Wirklichkeit nicht einfach zu erkennen und zu fassen ist, uns vielmehr oft undurchschaubar erscheint, jedenfalls komplex gegenübertritt, weil aber auch wir selber durch unsere Blindheiten, Vorbehalte und Ängste usw. befangen sind, sind sowohl die »Unerschrockenheit des Sehens«19 als auch die Anstrengung des Denkens unerlässliche Voraussetzungen einer Urteilsfindung. Nach einem Wort von Martin Buber gibt es »keinen anderen Weg zum Heil als den steilen und steinigen über die Erkenntnis der Wirklichkeit«.20 Darum schreibt Paulus an die Gemeinde zu Rom: »Verwandelt euch durch Erneuerung eures Sinnes, dass ihr zu prüfen und zu unterscheiden vermögt, was Gottes Wille ist« (Römer 12, 2); und an die Philipper: »Um das bete ich, dass eure Liebe immer reicher werde an Erkenntnis und allem Verstehen, damit ihr zu unterscheiden vermögt, worauf es ankommt« (Philipper 1, 9 f.).

Das Gewissen schließt uns Sinn und Herz auf für die Liebe und ist »vor allem anderen der Ruf in die Freiheit und Verantwortung vor Gott«.21 Wenn man seinem Gewissen folgt, wenn man »nach bestem Wissen und Gewissen« handelt, dann wirkt man sein »Heil«, weil man sittlich gut handelt. Doch das sittlich gute Handeln ist nicht identisch mit dem sittlich richtigen Handeln. Wenn die Richter und Henker der Inquisition guten Glaubens und nach ihrem Gewissen gehandelt haben, waren ihre Handlungen sittlich gut. Doch wird man angesichts des Leids, das sie unzähligen Menschen (und der Kirche) zugefügt haben, kaum behaupten können, dass sie auch sittlich richtig gehandelt haben. Die deutschen Soldaten des Zweiten Weltkrieges haben weithin – nicht zuletzt durch die Kirchen gestärkt und ermutigt – guten Glaubens und Gewissens für ihr Vaterland gekämpft und damit sittlich gut gehandelt. Doch da es sich um Teilnahme an einem verbrecherischen Krieg gehandelt hat, darf man die sittliche Richtigkeit ihres Handelns in Zweifel ziehen.

Was bei der Grundintention, das sittlich Gute zu tun, in der jeweiligen Situation das Angemessene und Richtige ist, kann nur in rationaler Erörterung herausgefunden werden. »Die Tatsachen sind; es kommt darauf an, ob ich sie so treu zu erfassen strebe, als ich vermag. Meine Weltanschauung kann mir darin helfen; wenn sie nämlich meine Liebe zu dieser ›Welt‹ so wach und stark hält, dass ich nicht müde werde wahrzunehmen, was wahrzunehmen ist.«22 Nach den Erkenntnissen von Exegese und Moraltheologie handelt es sich bei den im Neuen Testament enthaltenen sittlichen Forderungen eher um eine Richtung, innerhalb deren man angesichts bestimmter Situationen und der sie ausmachenden Bedingungen die Regeln für das sittliche Verhalten erst suchen muss. Person und Botschaft Jesu geben dabei das »Maß« und die Perspektive ab,23 die dazu anleiten, das jeweils Notwendige herauszufinden. Wichtig ist dabei die bereits für das Alte Testament gewonnene Erkenntnis, dass auch das Neue Testament das Verhalten Jesu wie das der Menschen in bestimmten Situationen beschreibt. Daran und in diesen Situationen wird erkennbar, wie Jesus die Liebe zu Gott und den Menschen versteht.