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Edgar Allan Poe

Gesammelte Werke

Edgar Allan Poe

Gesammelte Werke

 

Überarbeitung, Umschlaggestaltung: Null Papier Verlag
Published by Null Papier Verlag, Deutschland

Copyright © 2017 by Null Papier Verlag

5. Auflage, ISBN 978-3-943466-95-9

www.null-papier.de/poe

 

Inhalt

EDGAR ALLAN POE

GEDICHTE

Der Rabe

Gebet

Ulalume

Die Glocken

Annabel Lee

An meine Mutter

Das Kolosseum

Das Geisterschloß

Lenore

Israfel

An Marie Louise Shew

An Helene

Eroberer Wurm

An Frances S. Osgood

An Eine im Paradies

Das Tal der Unrast

Die Stadt im Meer

Die Schlafende

Schweigen

Ein Traum in einem Traum

Traumland

An Zante

Eulalie

El Dorado

Für Annie

An –

Braut-Ballade

An F –

An den Fluß

Ein Traum

Romanze

An M. L. S.

An –

Sonett an die Wissenschaft

Hymne

Lied

Märchenland

Der See

GESCHICHTEN

Der Untergang des Hauses Usher

Der Mann der Menge

Hinab in den Maelström

Die Maske des roten Todes

Wassergrube und Pendel

Das schwatzende Herz

Der entwendete Brief

Bericht über den Fall Valdemar

Der alte Mann mit dem Geierauge

Die Rache des Zwerges

Eine Geschichte aus dem Felsengebirge

Schweigen

Schatten

Morella

Metzengerstein

Eleonora

Eine Erzählung aus den Ragged Mountains

Du bist der Mann

Die längliche Kiste

Die Insel der Fee

Der Teufel der Verkehrtheit

Der Herrschaftssitz Arnheim

Das ovale Porträt

Berenice

Eine Geschichte aus Jerusalem

Bon-Bon

Das Manuskript in der Flasche

König Pest

Das Stelldichein

Vier Tiere in einem

Ligeia

Der Teufel im Glockenstuhl

William Wilson

Die schwarze Katze

Die Brille

Der Duc de l’Omelette

Lebendig begraben

Des wohlachtbaren Herrn Thingum Bob

Das System des Dr. Teer und Prof. Feder

Die Tatsachen im Falle Waldemar

Die Sphinx

Das Faß Amontillado

Hopp-Frosch

Von Kempelen und seine Entdeckung

Landors Landhaus

ROMAN & NOVELLEN

Die denkwürdigen Erlebnisse des Artur Gordon Pym

Der Doppelmord in der Rue Morgue

Der Goldkäfer

Das unvergleichliche Abenteuer eines gewissen Hans Pfaall

Das Geheimnis der Marie Rogêt

INDEX

DAS WEITERE VERLAGSPROGRAMM

Vorwort zur vierten Auflage

Liebe Leser,

auch im schnellen Geschäft der E-Book-Verlegerei ist es erstaunlich, wenn bereits nach zwei Jahren eine vierte, überarbeitete Fassung vorliegt.

Neu hinzugekommen sind: »Berenice«, »Das ovale Porträt«, »Das unvergleichliche Abenteuer eines gewissen Hans Pfaall«, »Der Goldkäfer«, »Der Herrschaftssitz Arnheim«, »Der Teufel der Verkehrtheit«, »Die denkwürdigen Erlebnisse des Artur Gordon Pym«, »Die Insel der Fee«, »Die längliche Kiste«, »Du bist der Mann«, »Eine Erzählung aus den Ragged Mountains«, »Eleonora«, »Schweigen«, »Eine Geschichte aus dem Felsengebirge«, »Die Rache des Zwerges«, »Der alte Mann mit dem Geierauge«, »Bericht über den Fall Valdemar«

Das Buch hat Ihnen gefallen? Dann würde ich mich sehr über eine positive Bewertung freuen.

Das Buch hat Ihnen nicht gefallen? Dann wäre ich für jeden Hinweis dankbar. Schreiben Sie mir doch direkt: kritik@null-papier.de. Geben Sie mir eine Chance zur Reaktion, falls etwas nicht nach Ihren Wünschen oder Vorstellungen war.

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Herzliche Grüße

Jürgen Schulze, Null Papier Verlag

Edgar Allan Poe

Edgar Allan Poe (* 19. Januar 1809 in Boston, Massachusetts, USA; † 7. Oktober 1849 in Baltimore, Maryland) prägte entscheidend die Genres der Kriminalliteratur, der Science Fiction und der Horrorgeschichte. Seine Poesie bildete die Basis des aufkeimenden Symbolismus und damit der modernen Dichtung.

Edgar Allan Poe wurde als Sohn der in England geborenen Schauspielerin Elizabeth Arnold Poe und des aus Baltimore stammenden Schauspielers David Poe in Boston geboren. Der Vater verließ die Familie früh, die Mutter starb jung mit 23 Jahren an der Tuberkulose. Der zweijährige Poe, sein zwei Jahre älterer Bruder William Henry Leonard und seine ein Jahr jüngere Schwester Rosalie blieben mittellos zurück.

Edgar Allan Poe und seine Geschwister wurden von verschiedenen Familien aufgenommen. Und obwohl er sich nicht immer in seiner Pflegefamilie akzeptiert fühlte, nahm er deren Familienname Allan als Zweitname an.

1815 zog die ganze Familie wegen geschäftlicher Verpflichtungen nach England, wo Poe von 1816 bis 1817 ein Internat besuchte. Die Wirtschaftskrise von 1819 belastete die Familie sehr, so dass man sich gezwungen fühlte, 1820 wieder in die Vereinigten Staaten zurückzukehren.

Daheim in Richmond genoss Poe weiterhin eine gute Erziehung, zeigte eine hohe Begabung für Sprachen und entwickelte sich zu einem hervorragenden Sportler, insbesondere Schwimmer.

Im Alter von 14 Jahren verliebte sich Poe in Jane Stanard, die 30-jährige Mutter eines Schulfreundes. Jane Stanard starb ein Jahr später, und Poe besuchte wiederholt ihr Grab. 1825 entwickelte sich eine Beziehung zwischen Poe und der etwa gleichaltrigen Sarah Elmira Royster. Diese endete jedoch, als Poe die Universität besuchte und Elmiras Vater, der die Beziehung ablehnte, Poes Briefe an sie abfing. Als Poe von der Universität zurückkehrte, war Elmira mit einem Anderen verlobt.

Im Februar 1826 immatrikulierte sich Poe im Alter von 17 Jahren an der kurz zuvor von Thomas Jefferson gegründeten Universität von Virginia in Charlottesville. Dort studierte er alte und neue Sprachen. In dieser Zeit vertiefte Poe sein Französisch und lernte vermutlich auch etwas Italienisch und Spanisch.

An der Universität verschuldete sich Poe, begann zu spielen und zu trinken. Die genauen Hintergründe sind nicht klar. Nach nur acht Monaten Studium hatte Poe Schulden von 2000 US-Dollar. Als Resultat verschärften sich die Spannungen zwischen ihm und seinem Ziehvater. Was schließlich dazu führte, dass Poe die Familie verließ und nach Boston ging – wahrscheinlich auch, um Gläubigern zu entgehen. Mitte des Jahres 1827 veröffentlichte er seinen ersten Gedichtband »Tamerlane and Other Poems« – allerdings auf eigene Kosten. Kurz darauf verpflichtete sich Poe 5 Jahre zur Armee.

Poe wurde mehrmals befördert, 1829 zum Sergeant Major, dem höchstmöglichen Rang für einen einfachen Soldaten. Nach zwei Jahren kaufte sich Poe vorzeitig aus der Armee frei. Das Geld dazu hatte ihm sein Ziehvater nach anfänglichem Widerstand gegeben.

Poe wollte später jedoch seine Karriere als Offizier bei der Armee fortsetzen. Er musste ein Jahr warten, um auf Empfehlung seines Ziehvaters auf der Akademie West Point aufgenommen zu werden. 1830, in den ersten Monaten dort zeichnete er sich durch hervorragende Leistungen aus. Es flammte jedoch der alte Konflikt zwischen ihm und seinen Ziehvater erneut auf, worauf Poe seinen unehrenhaften Rauswurf aus der Akademie provozierte, um seinen Ziehvater zu demütigen.

Am 1. August 1831 im Alter von 24 Jahren starb Poes Bruder William Henry an den Folgen seiner Alkoholkrankheit.

Über Edgar Allan Poes Leben in Baltimore zwischen 1831 und Anfang 1835 ist nur sehr wenig bekannt. Sicher ist, dass er in dieser Zeit begann, Erzählungen zu schreiben, um so ein Einkommen zu erzielen.

Am 16. März 1836 heiratete Poe offiziell seine Kusine Virginia. Auf der Urkunde wird ihr Alter mit 21 angegeben. Tatsächlich war Virginia zu dieser Zeit 13 Jahre alt, Poe 27.

In Richmond, wohin die kleine Familie mittlerweile gezogen war, entstand 1836 Poes Essay »Maelzel’s Chess-Player« über den auch als Schachtürken bekannten Automaten. Zwar war Poe nicht der Erste, der nachwies, dass sich in dem vermeintlichen Roboter ein kleinwüchsiger Mensch verbergen musste, aber die detaillierte Technik seiner Beweisführung bereitete seine späteren Detektivgeschichten vor.

Im Februar 1837 zog Poe für etwa 15 Monate nach New York. Seine Hoffnungen, in New York eine Anstellung bei einer Zeitschrift zu finden, vielleicht sogar ein eigenes Magazin zu gründen, erfüllten sich nicht.

1838 schlug Poe sich mit Arbeiten für verschiedene Zeitschriften durch. In Philadelphia wurde Poe im Juni 1839 Redakteur und später Mitherausgeber von »Burton’s Gentleman’s Magazine«, für das er Artikel über die verschiedensten Themen schrieb.

Im Dezember 1839 erschien die erste Erzählsammlung Poes unter dem Titel »Tales of the Grotesque and Arabesque«. Das Buch wurde überwiegend positiv besprochen.

Anfang 1841 erschien Poes erste Detektivgeschichte »The Murders in the Rue Morgue« (»Der Doppelmord in der Rue Morgue«), für die er den Pariser Detektiv C. Auguste Dupin erfand. Das Wort »detective« kam durch Poe in die englische Sprache.

Im März 1842 lernte Poe in Philadelphia Charles Dickens kennen, dessen Werke er schätzte und wiederholt positiv besprach.

Im April 1844 verließ Poe Philadelphia wieder in Richtung New York – in der Hoffnung, auf dem dortigen Zeitschriftenmarkt ein besseres Einkommen erzielen zu können.

In New York arbeitete Poe für den Evening Mirror, wo er vor allem journalistische Kurztexte unterschiedlichster Art veröffentlichte und Artikel anderer Journalisten redigierte. Während dieser Zeit entstanden u.a. die Geschichte »The Purloined Letter« (»Der entwendete Brief«) und sein wohl bekanntestes Gedicht »The Raven« (»Der Rabe«).

In seiner New Yorker Zeit betrieb Poe weiterhin Literaturkritik und versteigerte sich in teils polemische Briefwechseln mit anderen erfolgreicheren Autoren. Diese Fehden ließen Poe bei Verlegern und Kollegen in Ungnade fallen. Ein Umstand, der noch lange nach seinem Tode drohte seine literarischen Fähigkeiten und Schöpfungen in Vergessenheit geraten zu lassen.

1847 starb Virginia, deren Gesundheit schon seit Jahren angegriffen war, im Alter von 24 Jahren. Poe brachte seine Trauer unter anderem in dem Gedicht »Annabel Lee« zum Ausdruck.

1849 traf Poe in Richmond seine Jugendliebe Elmira Royster wieder. Sie war mittlerweile verwitwet. Nach kurzer Werbung akzeptierte sie Poes Antrag, und die beiden verlobten sich.

Poe starb am 7. Oktober 1849 in Baltimore. Die Umstände seines Todes sind unklar, die Todesursache ist unbekannt. Es gibt hierzu zahlreiche Theorien, bewiesen ist jedoch keine. Nachgewiesen ist nur, dass er auf dem Weg zu Hochzeitsvorbereitungen für mehrere Tage verschollen ging. Bereits stark geschwächt tauchte er am 03. Oktober 1849 in Baltimore wieder auf, wo er vier Tage später trotz ärztlicher Fürsorge verstarb.

In seinem Heimatland lange Zeit als trunksüchtiger Streitsucher verschrieen, wurde er für die europäische Literaturszene durch seine Übersetzer Charles Baudelaire und Stéphane Mallarmé entdeckt. Schließlich fand er auf diesem Umwege auch die späte, aber verdiente Anerkennung in den USA.

Im deutschsprachigen Raum wurde er Anfang des 20. Jahrhunderts populär, als eine zehnbändige Ausgabe der Werke Poes zwischen 1901 und 1904 herausgegeben wurde.

Poe hatte großen Einfluss auf die Werke von Jules Verne, Arthur Conan Doyle und H. G. Wells. Ebenfalls von großer Bedeutung ist sein lyrisches Werk. Poes Lieblingsthema, das in vielen Geschichten immer wieder auftaucht, ist der Tod einer schönen Frau. Nicht selten Verfallen seine zurückgelassenen, männlichen Protagonisten daraufhin dem Wahn.

Poe verfasste Satiren, Essays, Lyrik und Erzählungen, literaturwissenschaftliche und auch komplexe naturwissenschaftliche Abhandlungen. Es ist schwer, ein Oberbegriff für sein Werk zu finden.

Seit 1922 erinnert das Edgar Allan Poe Museum in Richmond, Virginia an Leben und Werk des Autors.

Gedichte

Der Rabe

Einst in dunkler Mittnachtstunde,
als ich in entschwundner Kunde
Wunderlicher Bücher forschte,
bis mein Geist die Kraft verlor
Und mir’s trübe ward im Kopfe,
kam mir’s plötzlich vor, als klopfe
Jemand zag ans Tor, als klopfe –
klopfe jemand sacht ans Tor.
Irgendein Besucher, dacht ich,
pocht zur Nachtzeit noch ans Tor –
Weiter nichts. – So kam mir’s vor.

Oh, ich weiß, es war in grimmer
Winternacht, gespenstischen Schimmer
Jagte jedes Scheit durchs Zimmer,
eh es kalt zu Asche fror.
Tief ersehnte ich den Morgen,
denn umsonst war’s, Trost zu borgen
Aus den Büchern für das Sorgen
um die einzige Lenor,
Um die wunderbar Geliebte –
Engel nannten sie Lenor –,
Die für immer ich verlor.

Die Gardinen rauschten traurig,
und ihr Rascheln klang so schaurig,
Füllte mich mit Schreck und Grausen,
wie ich nie erschrak zuvor.
Um zu stillen Herzens Schlagen,
sein Erzittern und sein Zagen,
Mußt ich murmelnd nochmals sagen:
Ein Besucher klopft ans Tor. –
Ein verspäteter Besucher
klopft um Einlaß noch ans Tor,
Sprach ich meinem Herzen vor.

Alsobald ward meine Seele
stark und folgte dem Befehle.
»Herr«, so sprach ich, »oder Dame,
ach, verzeihen Sie, mein Ohr
Hat Ihr Pochen kaum vernommen,
denn ich war schon schlafbenommen,
Und Sie sind so sanft gekommen –
sanft gekommen an mein Tor;
Wußte kaum den Ton zu deuten…«
Und ich machte auf das Tor:
Nichts als Dunkel stand davor.

Starr in dieses Dunkel spähend,
stand ich lange, nicht verstehend,
Träume träumend, die kein irdischer
Träumer je gewagt zuvor;
Doch es herrschte ungebrochen
Schweigen, aus dem Dunkel krochen
Keine Zeichen, und gesprochen
ward nur zart das Wort »Lenor«,
Zart von mir gehaucht – wie Echo
flog zurück das Wort »Lenor«.
Nichts als dies vernahm mein Ohr.

Wandte mich zurück ins Zimmer,
und mein Herz erschrak noch schlimmer,
Da ich wieder klopfen hörte,
etwas lauter als zuvor.
»Sollt ich«, sprach ich, »mich nicht irren,
hörte ich’s am Fenster klirren;
Oh, ich werde bald entwirren
dieses Rätsels dunklen Flor –
Herz, sei still, ich will entwirren
dieses Rätsels dunklen Flor.
Tanzt ums Haus der Winde Chor?«

Hastig stieß ich auf die Schalter –
flatternd kam herein ein alter,
Stattlich großer, schwarzer Rabe,
wie aus heiliger Zeit hervor,
Machte keinerlei Verbeugung,
nicht die kleinste Dankbezeigung,
Flog mit edelmännischer Neigung
zu dem Pallaskopf empor,
Grade über meiner Türe
auf den Pallaskopf empor –
Saß – und still war’s wie zuvor.

Doch das wichtige Gebaren
dieses schwarzen Sonderbaren
Löste meines Geistes Trauer,
und ich schalt ihn mit Humor:
»Alter, schäbig und geschoren,
sprich, was hast du hier verloren?
Niemand hat dich herbeschworen
aus dem Land der Nacht hervor.
Tu mir kund, wie heißt du, Stolzer
aus Plutonischem Land hervor?«
Sprach der Rabe: »Nie du Tor.«

Daß er sprach so klar verständlich –
ich erstaunte drob unendlich,
Kam die Antwort mir auch wenig
sinnvoll und erklärend vor.
Denn noch nie war dies geschehen:
über seiner Türe stehen
Hat wohl keiner noch gesehen
solchen Vogel je zuvor –
Über seiner Stubentüre
auf der Büste je zuvor,
Mit dem Namen »Nie du Tor«.

Doch ich hört in seinem Krächzen
seine ganze Seele ächzen,
War auch kurz sein Wort, und brachte
er auch nichts als dieses vor.
Unbeweglich sah er nieder,
rührte Kopf nicht noch Gefieder,
Und ich murrte, murmelnd wieder:
»Wie ich Freund und Trost verlor,
Werd ich morgen ihn verlieren –
wie ich alles schon verlor.«
Sprach der Rabe: »Nie du Tor.«

Seine schroff gesprochnen Laute
klangen passend, daß mir graute.
»Aber«, sprach ich, »nein, er plappert
nur sein einzig Können vor,
Das er seinem Herrn entlauschte,
dessen Pfad ein Unstern rauschte,
Bis er letzten Mut vertauschte
gegen trüber Lieder Chor –
Bis er trostlos trauerklagte in verstörter Lieder Chor
Mit dem Kehrreim: ›Nie du Tor.‹«

Da der Rabe das bedrückte
Herz zu Lächeln mir berückte,
Rollte ich den Polsterstuhl zu
Büste, Tür und Vogel vor,
Sank in Samtsitz, nachzusinnen,
Traum mit Träumen zu verspinnen
Über solchen Tiers Beginnen:
was es wohl gewollt zuvor –
Was der alte ungestalte
Vogel wohl gewollt zuvor
Mit dem Krächzen: »Nie du Tor.«

Saß, der Seele Brand beschwichtend,
keine Silbe an ihn richtend,
Seine Feueraugen wühlten
mir das Innerste empor.
Saß und kam zu keinem Wissen,
Herz und Hirn schien fortgerissen,
Lehnte meinen Kopf aufs Kissen
lichtbegossen – das Lenor
Pressen sollte – lila Kissen,
das nun nimmermehr Lenor
Pressen sollte wie zuvor!

Dann durchrann, so schien’s, die schale
Luft ein Duft aus Weihrauchschale
Edler Engel, deren Schreiten
rings vom Teppich klang empor.
»Narr!« so schrie ich, »Gott bescherte
dir durch Engel das begehrte
Glück Vergessen: das entbehrte
Ruhen, Ruhen vor Lenor!
Trink, o trink das Glück: Vergessen
der verlorenen Lenor!«
Sprach der Rabe: »Nie du Tor.«

»Weiser!« rief ich, »sonder Zweifel
Weiser! – ob nun Tier, ob Teufel –
Ob dich Höllending die Hölle
oder Wetter warf hervor,
Wer dich nun auch trostlos sandte
oder trieb durch leere Lande
Hier in dies der Höll verwandte
Haus – sag, eh ich dich verlor:
Gibt’s – o gibt’s in Gilead Balsam? –
Sag mir’s, eh ich dich verlor!«
Sprach der Rabe: »Nie du Tor.«

»Weiser!« rief ich, »sonder Zweifel
Weiser! – ob nun Tier, ob Teufel –
Schwör’s beim Himmel uns zu Häupten –
schwör’s beim Gott, den ich erkor –
Schwör’s der Seele so voll Grauen:
soll dort fern in Edens Gauen
Ich ein strahlend Mädchen schauen,
die bei Engeln heißt Lenor? –
Sie, die Himmlische, umarmen,
die bei Engeln heißt Lenor?«
Sprach der Rabe: »Nie du Tor.«

»Sei dies Wort dein letztes, Rabe
oder Feind! Zurück zum Grabe!
Fort! zurück in Plutons Nächte!«
schrie ich auf und fuhr empor.
»Laß mein Schweigen ungebrochen!
Deine Lüge, frech gesprochen,
Hat mir weh das Herz durchstochen. –
Fort, von deinem Thron hervor!
Heb dein Wort aus meinem Herzen –
heb dich fort, vom Thron hervor!«
Sprach der Rabe: »Nie du Tor.«

Und der Rabe rührt sich nimmer,
sitzt noch immer, sitzt noch immer
Auf der blassen Pallasbüste,
die er sich zum Thron erkor.
Seine Augen träumen trunken
wie Dämonen traumversunken;
Mir zu Füßen hingesunken
droht sein Schatten tot empor.
Hebt aus Schatten meine Seele
je sich wieder frei empor? –
Nimmermehr – oh, nie du Tor!

Gebet

Am Morgen – am Mittag – im Abendlicht
Vernahmst Du, Maria, mein Lobgedicht.
In Lust und Leid – in Wonne und Weh,
Gott-Mutter, auch fernerhin mit mir geh!
Als strahlende Stunden heiter entwichen
Und keine Wolken den Himmel durchstrichen,
Führtest Du gnädig die Seele mir
Hin zu den Deinen, hin zu Dir.
Nun, da Schicksalsstürme schrecken,
Dunkel mein Heute, mein Gestern bedecken,
Laß mein Morgen strahlend scheinen
Im holden Hoffen auf Dich und die Deinen!

Ulalume

Der Himmel war düster umwoben;
Verflammt war der Bäume Zier –
Verdorrt war der Bäume Zier;
Es war Nacht im entlegnen Oktober
Eines Jahrs, das vermodert in mir;
War beim düsteren See von Auber,
In den nebligen Gründen von Weir –
War beim dunstigen Sumpf von Auber,
In dem spukhaften Waldland von Weir.

Durch Zypressenallee, die titanisch,
Bin ich mit meiner Seele gegangen –
Bin hier einst mit Psyche gegangen –
Zur Zeit, da mein Herz war vulkanisch
Wie die schlackigen Ströme, die langen,
Wie die Lavabäche, die langen,
Die rastlos und schweflig den Yaanek
Hinab bis zum Pole gelangen –
Die rollend hinab den Berg Yaanek
Zum nördlichen Pole gelangen.

Unser Wort war von Dunkel umwoben,
Der Gedanke verdorrt und stier –
Das Gedenken verdorrt und stier;
Denn wir wußten nicht, daß es Oktober,
Und der Jahrnacht vergaßen wir –
Der Nacht aller Jahrnächte wir!
Wir vergaßen des Sees von Auber
(Obgleich wir gewandert einst hier),
Des dunstigen Sumpfs von Auber
Und des spukhaften Waldlands von Weir.

Und nun, da in alternder Nacht
Die Sternuhr gen Morgen sich schob –
Da die Sternuhr gen Morgen sich schob –
Ward am End unsres Pfades entfacht
Ein Schimmern, das Nebel umwob,
Aus dem mit wachsender Pracht
Ein Halbmond sein Doppelhorn hob –
Astartes demantene Pracht
Deutlich ihr Doppelhorn hob.

»Sie ist wärmer«, so sagte ich,
»Als Diana: sie schwärmt durch ein Meer
Von Seufzern – ein Seufzermeer;
Sie sah es: die Träne wich
Von diesen Wangen nicht mehr,
Und vorbei am Löwenbild strich
Als Lenker zum Himmel sie her,
Als Leiter zu Lethe sie her;
Trotz des Löwen getraute sie sich,
Uns zu leuchten so hell und so hehr –
Durch sein Lager hindurch wagte sich
Ihre Liebe, so licht und so hehr.«

Doch Psyche hob warnend die Hand:
»Fürwahr, ich mißtraue dem Schein
Dieses Sterns – seinem bleichen Schein.
O fliehe! o halte nicht stand!
Laß uns fliegen – denn oh! es muß sein!«
Sprach’s entsetzt, und es sanken gebannt
Ihre Schwingen in schluchzender Pein –
Ihre Schwingen schleiften gebannt
Die Federn in Staub und Stein –
Voll Kummer in Staub und Stein.

Ich erwiderte: »Traum ist dies Grauen!
Laß uns weiter in Lichtes Pracht –
Laß uns baden in seiner Pracht!
Es läßt mich die Hoffnung erschauen
In kristallener Schönheit heut nacht –
Sieh! es flackert gen Himmel durch Nacht!
Oh! man darf seinem Schimmern vertrauen,
Es führt uns mit weisem Bedacht –
Oh! man muß seinem Schimmern vertrauen,
Es lenkt uns mit treuem Bedacht,
Da es flackert gen Himmel durch Nacht!«

Ich beruhigte Psyche und gab
Ihr Küsse und lockte sie vor –
Aus Bedenken und Dunkel hervor;
Und wir schritten den Baumgang hinab,
Bis am Ende uns anhielt das Tor
Einer Gruft – ein märchenhaft Grab.
»Schwester«, sprach ich, »was schrieb man aufs Grab –
An das Tor von dem Wundertume?«
»Ulalume!« sprach sie; »in dem Grab
Ruht verloren für dich Ulalume!«

Und mein Herz wurde düster umwoben,
Wurde dürr wie der Bäume Zier –
Wurde welk wie der Bäume Zier;
Und ich schrie: »Es war sicher Oktober
In der nämlichen Nacht, da ich hier
Im Vorjahr gewandert – und hier
Eine Last hertrug, fürchterlich mir!
Diese Nacht aller Jahrnächte mir,
Welcher Dämon verführte mich hier?
Gut kenn ich den See jetzt von Auber –
Diese nebligen Gründe von Weir –
Gut kenn ich den Dunstsumpf von Auber –
Dieses spukhafte Waldland von Weir.«

Die Glocken

I.

Hört der Schlittenglocken Klang –
Silberklang!
Welche Welt von Lustigkeit verheißt ihr heller Sang!
Wie sie klingen, klingen, klingen
In die Nacht voll Schnee und Eis,
Während sprüh die Sterne springen,
Zwinkernd sich zum Reigen schlingen
Im kristallnen Himmelskreis:
Halten Schritt, Schritt, Schritt,
Tanzen Runenrhythmen mit
Zu der kleinen klaren Glocken süßem Singesang,
Zu dem Klang, Klang, Klang, Klang,
Klang, Klang, Klang –
Zu dem Singen und dem Schwingen in dem Klang.

II.

Hört der Hochzeitsglocken Klang –
Goldnen Klang!
Welche Welt von Seligkeit verheißt ihr voller Sang!
Wie ihr Läuten lauter lacht
Durch den Balsamduft der Nacht!
Aus dem holden goldnen Schwall,
Wie altgewohnt,
Fliegen leicht die Töne all
Hin zur Turteltaube, die beim frohen Schall
Schaut zum Mond.
O wie schwillt im Überschwang
Ein Guß von hohem Feierklang so voll die Nacht entlang!
Hochgesang –
Hoffnungssang
Auf der Zukunft heitern Gang!
Freude treibt zu schnellerm Drang
Dieses Ringen und das Schwingen
In dem Klang, Klang, Klang –
In dem Klang, Klang, Klang, Klang,
Klang, Klang, Klang –
Dieses Quellen und das Schwellen in dem Klang.

III.

Hört der Feuerglocken Klang –
Bronznen Klang!
Welch ein Aufruhr stürmt daraus so schreckenvoll und bang!
Wie ihr Schreien Schreck entfacht
In durchbebter Luft der Nacht!
Zu entsetzt, um klar zu sein,
Können sie nur schrein, nur schrein,
Ohne Takt
Rufen sie in lautem Lärmen um Erbarmen an das Feuer,
Zanken in verrücktem Toben mit dem tollen tauben Feuer.
Höher, höher, ungeheuer
Springt verlangend auf das Feuer;
In verzweifeltem Bemühn,
Bis zum Mond emporzusprühn,
Sind die Flammen steilgezackt.
Oh, der Klang, Klang, Klang!
Wie er grauenvoll und bang
Alles schreckt!
Wie er schauert, schallt und braust,
Daß den Lüften bangt und graust,
Wie er aller Orten lähmendes Entsetzen weckt!
Dennoch hört das Ohr sie gut
Durch das Schallen
Und das Hallen:
Ebbe der Gefahr und Flut;
Dennoch nimmt das Ohr es wahr
Durch das Zanken
Und das Schwanken:
Flutet oder ebbt Gefahr –
Durch das Stocken und das Schwellen in dem schnellen Glockenklang,
In dem Klang –
In dem Klang, Klang, Klang, Klang,
Klang, Klang, Klang –
Durch das Härmen und das Lärmen in dem Klang.

IV.

Hört der Eisenglocken Klang –
Eisenklang!
Welche Welt von Trauer trägt ihr monotoner Sang!
In der Grabesruh der Nacht
Wie er uns erschauern macht
Durch das Trauern und das Drohen in dem Ton!
Denn die Klänge, die entrollen
Rostigen Glockenkehlen, tollen
Grollend fort.
Oh, die Wesen, die dort oben
In dem Glockenturme toben –
Einsam dort
Mit den monotonen Glocken –
Die da tollen, tollen, tollen,
Voll verschleiertem Frohlocken
Einen Stein aufs Herz uns rollen –
Leichenfressende Dämonen
Sind’s, die in den Glocken wohnen,
All im Sold
Ihres Königs, der da tollt,
Der da rollt, rollt, rollt,
Rollt
Triumph aus Glockenklang!
Und sein Busen schwillt im Drang
Des Triumphs aus Glockenklang.
Johlend tanzt er zu dem Sang:
Haltend Schritt, Schritt, Schritt,
Tanzt er Runenrhythmen mit
Zum Triumph aus Glockenklang,
Glockenklang.
Haltend Schritt, Schritt, Schritt,
Tanzt er Runenrhythmen mit
Zu dem Dröhnen in dem Klang,
In dem Klang, Klang, Klang –
Zu dem Stöhnen in dem Klang.
Haltend Schritt, Schritt, Schritt,
An der Totenglocke Strang
Tanzt er Runenrhythmen mit
Zu dem Tollen in dem Klang,
In dem Klang, Klang, Klang,
Zu dem Rollen in dem Klang,
In dem Klang, Klang, Klang, Klang,
Klang, Klang, Klang –
Zu dem Trauern und dem Schauern in dem Klang.

Annabel Lee

Ist ein Königreich an des Meeres Strand,
Da war es, da lebte sie –
Lang, lang ist es her – und sie sei euch genannt
Mit dem Namen Annabel Lee.
Und ihr Leben und Denken war ganz gebannt
In Liebe – und mich liebte sie.

In dem Königreich an des Meeres Strand
Ein Kind noch war ich und war sie,
Doch wir liebten mit Liebe, die mehr war denn dies –
Ich und meine Annabel Lee –
Mit Liebe, daß strahlende Seraphim
Begehrten mich und sie.

Und das war der Grund, daß vor Jahren und Jahr
Eine Wolke Winde spie,
Die frostig durchfuhren am Meeresstrand
Meine schöne Annabel Lee;
Und ihre hochedele Sippe kam,
Und ach! man entführte mir sie,
Um sie einzuschließen in Gruft und Grab,
Meine schöne Annabel Lee.

Die Engel, nicht halb so glücklich als wir,
Waren neidisch auf mich und auf sie –
Ja! das war der Grund (und alle im Land
Sie wissen, vergessen es nie),
Daß der Nachtwind so rauh aus der Wolke fuhr
Und mordete Annabel Lee.

Weit stärker doch war unsre Liebe als die
All derer, die älter als wir –
Und mancher, die weiser als wir –
Und die Engel in Höhen vermögen es nie
Und die Teufel in Tiefen nie,
Nie können sie trennen die Seelen von mir
Und der schönen Annabel Lee.

Kein Mondenlicht blinkt, das nicht Träume mir bringt
Von der schönen Annabel Lee,
Jedes Sternlein das steigt, hell die Augen mir zeigt
Meiner schönen Annabel Lee;
Und so jede Nacht lieg zur Seite ich sacht
Meinem Lieb, meinem Leben in bräutlicher Pracht:
Im Grabe da küsse ich sie –
Im Grabe da küsse ich sie.

An meine Mutter

Weil tief ich fühle, daß in Himmeln dort
Die Engel, wenn sie Liebe-Worte nennen,
Kein heilig-heißer und kein inniger Wort
Als »Mutter« zueinander flüstern können,

Drum gab ich diesen liebsten Namen dir –
Die – mehr denn Mutter mir in meinen Schmerzen –
Der Tod, als er Virginias Geist von hier
Befreit, zum Horte setzte meinem Herzen.

Die eigne Mutter, die schon früh mir starb,
War mir nur Mutter, du hingegen bist
Von ihr die Mutter, die mein Lieben warb;

Und so viel mehr, als meiner Seele ist
Mein Weib denn meiner Seele eignes Leben,
Muß ich auch dir denn eigner Mutter geben.

Das Kolosseum

Urbild des alten Rom! Reliquienschrein
Für Schaun und hohen Traum, den in die Zeit
Jahrhunderte von Pracht und Macht gestellt!
Nun endlich – endlich – nach so vielen Tagen
Von Wandermüdigkeit und gierem Durst
(Von Durst zum Quell des Wissens, den du birgst)
Ein andrer und demütiger kniee ich
In deinem Schatten nun und trinke ein
Dein ragend Düster, deinen Glanz und Ruhm.

Unendlichkeit und Öde! Schwermut, Schweigen!
Uralter Zeit Erinnern – düstere Nacht!
Ich fühl euch jetzt – fühl eure ganze Wucht –
O Zauber, stärker als Judäas König
Voreinst gelehrt im Berg Gethsemane!
O Wunder, machtvoller als der Chaldäer
Jemals verzückt aus stillen Sternen zog!

Hier, wo ein Held einst stürzte, stürzt die Säule.
Hier, wo ein goldner toter Adler glänzte,
Hält mitternächtig Wacht die Fledermaus.
Hier, wo der Damen Roms vergoldet Haar
Im Winde wehte, wogt nun Ried und Distel.
Hier, wo auf goldnem Thron der Herrscher lehnte,
Schlüpft geisterhaft aus ihrem Marmorhaus,
Vom Schein des zwiegehörnten Monds beleuchtet,
Die flinke Echse schweigend über Steine.

Doch halt! Die Mauern – diese Bogengänge,
Hochauf von altem Efeu eingekleidet,
Die schwarzen bröckeligen Säulensockel
Und düstern Schäfte, dunklen Kapitelle,
Zerfallenden und fast verblaßten Friese,
Zersprungnen Kranzgebälke – dieses Wrack –
All diese Steine – ach, die grauen Steine –
Sind sie denn alles, was der Zahn der Zeit
Von all dem Ruhm und ungeheuren Glanz
Für mich und für das Schicksal übrigließ?
»Nicht alles«, geben mir die Echos Antwort,
»Nicht alles, nein! Prophetische Klänge steigen –
Und laute Klänge – ewig von uns auf,
Von allen Trümmern zu den Weisen auf,
Wie Melodie von Memnon steigt zur Sonne.
Wir leiten alle riesenhaften Geister.
In unumschränkter Macht beherrschen wir
Mit unserm Schwung die Herzen aller Großen.
Wir sind nicht leblos – wir erblichnen Steine.
Nicht alle Macht ist hin – nicht aller Ruhm –
Nicht aller Zauber unsres hohen Rufes –
Nicht all das Wunder, das uns rund umfaßt –
Nicht all Geheimnis, das in uns verborgen –
Nicht all Erinnern, das wie ein Gewand
Uns rund umhängt und überall bedeckt,
Und das uns hüllt in mehr als Herrlichkeit.«

Das Geisterschloß

In der Täler grünstem Tale
Hat, von Engeln einst bewohnt,
Gleich des Himmels Kathedrale
Golddurchstrahlt ein Schloß gethront.
Rings auf Erden diesem Schlosse
Keines glich;
Herrschte dort mit reichem Trosse
Der Gedanke – königlich.

Gelber Fahnen Faltenschlagen
Floß wie Sonnengold im Wind –
Ach, es war in alten Tagen,
Die nun längst vergangen sind! –
Damals kosten süße Lüfte
Lind den Ort,
Zogen als beschwingte Düfte
Von des Schlosses Wällen fort.

Wandrer in dem Tale schauten
Durch der Fenster lichten Glanz
Genien, die zum Sang der Lauten
Schritten in gemeßnem Tanz
Um den Thron, auf dem erhaben,
Marmorschön,
Würdig solcher Weihegaben,
War des Reiches Herr zu sehn.

Perlen- und rubinenglutend
War des stolzen Schlosses Tor,
Ihm entschwebten flutend, flutend
Süße Echos, die im Chor,
Weithinklingend, froh besangen
– Süße Pflicht! –
Ihres Königs hehres Prangen
In der Weisheit Himmelslicht.

Doch Dämonen, schwarze Sorgen,
Stürzten roh des Königs Thron. –
Trauert, Freunde, denn kein Morgen
Wird ein Schloß wie dies umlohn!
Was da blühte, was da glühte
– Herrlichkeit! –
Eine welke Märchenblüte
Ist’s aus längst begrabner Zeit.

Und durch glutenrote Fenster
Werden heute Wandrer sehn
Ungeheure Wahngespenster
Grauenhaft im Tanz sich drehn;
Aus dem Tor in wildem Wellen,
Wie ein Meer,
Lachend ekle Geister quellen –
Weh! sie lächeln niemals mehr!

Lenore

Zerschellt die goldne Schale, ach!
Der Geist so fern entflogen!
Schickt Glockenschall der Seele nach,
die fort zum Styx gezogen!
Und Guy de Vere, weinst du nicht mehr?
Jetzt oder nie sei trübe!
Da liegt, sieh her, und liebt nie mehr
Lenore, deine Liebe.
Komm! laß vollziehn mit frommem Wort
des Grabes Heiligung –
Nichts Königlichres stirbt hinfort
als sie, die starb so jung –
Man singe, bete immerfort
für sie, die starb zu jung.

»Wichte! ihr Reichtum war euch lieb,
ihr Stolz war euch verhaßt,
Und da die Zarte fiel und blieb,
das Grab ihr segnen laßt!
Das Ritual und Requiem,
wie frommt’s der Heiligung?
Durch euch – durch euch: den bösen Blick?
Durch euch: die Lästerung,
Die diese Unschuld totgehetzt,
die starb – und starb so jung?«

Peccavimus; doch laß Verdruß!
Sing wie am Feiertag
Ein Lied zu Gott, daß keine Qual
die Tote fühlen mag.
Lenore schritt voran, und mit
ihr flog die Hoffnung traut
– Die unbedacht und toll dich macht –
auf die erkorene Braut:
So sanft sie war und wunderbar,
erlag sie dem Geschick –
Das Leben noch im gelben Haar,
doch nicht in ihrem Blick –
Noch immerdar im gelben Haar,
doch Tod in ihrem Blick.

»Hinweg! Leicht wacht mein Herz heut nacht:
Kein Schmerzlied will ich klagen,
Triumph soll meinen Engel sacht
im heiligen Fluge tragen.
Kein Glockenschlag! daß nicht noch zag
die süße Seele werde
Bei solchem Ton, aufgleitend schon
von der verfluchten Erde:
Zu Freunden hin, von Feinden hier,
laßt frei die Tote gehen –
Aus Hölle auf zu hohem Rang
hoch oben in den Höhen –
Aus Gram und Groll auf goldnen Thron
zum Herrn der Himmelshöhen.«

Israfel1

Ein Geist wohnt in den Höhn,
»Dessen Herz einer Laute gleicht«;
Wie Israfel so schön
Singt keiner in den Höhn;
Die Sterne, die sich kreisend drehn,
Verstummen im Vorübergehn,
Wenn der Klang sie erreicht.

Und wenn im Weltgetriebe
Der wechselnde Mond
Am höchsten thront,
Erglüht er von Liebe;
Und horchend verharren der rote Blitz
Und die sieben Plejaden stockenden Schritts
Auf ihrem Himmelssitz.

Und sie sagen (der sternige Rat
Und alle Lauscher in seinem Geleite),
Daß Israfel sein Feuer
Verdanke jener Leier,
Die seine Stimme weihte –
Dem bebenden lebenden Draht
Jener ungewöhnlichen Saite.

Doch die Höhn, wo der Engel wohnt,
Wo hohe Gedanken, Pflicht und Zoll,
Wo, erwachsene Gottheit, die Liebe thront,
Wo die Huri blickt, sind nah und fern
Von all der Schönheit voll,
Die wir schätzen an einem Stern.

Drum gehst du recht in deinem Drang,
O Israfel, du weiser Barde!
Verachtend glutenlosen Sang
Gab dir der Ruhm den höchsten Rang,
Dein ist der Lorbeer, bester Barde!
Heiter lebe und lang!

Und die Verzückungen drüben,
Sie passen zu deinem feurigen Reigen,
Deinem Gram, deiner Lust, deinem Haß, deinem Lieben,
Sind ganz deiner Inbrunst zu eigen –
Wohl mögen die Sterne schweigen!

Ja, der Himmel ist dein! Doch dieser Welt
Ist Süß und Sauer gemein;
Unsre Blumen können nur – Blumen sein;
Der Schatten deiner Wonne fällt
Auf uns als Sonnenschein.

O wär ich schnell,
Wo Israfel
Gewohnt, und er wär ich –
Er säng wohl nicht so flammend hell
Ein sterblich Lied; doch ich,
Ich säng aus solcher Leier Quell
Ein Lied, dem keines glich!


1 Und der Engel Israfel, dessen Herz eine Laute ist und der die süßeste Stimme hat von allen Gotteskreaturen. – Koran.

An Marie Louise Shew

Noch unlängst pries der Schreiber dieser Zeilen,
Sich brüstend mit besonderem Verstand,
»Die Schöpferkraft der Worte« und bestritt,
Daß je Gedanken jenseits des Gebiets
Der Menschenzunge Menschenhirn entsprängen;
Und jetzt gesteht er, seinen Stolz verhöhnend:
Zwei Worte sind, zwei seltsam fremde Silben,
Italiens Töne, die von Engeln nur
In Mondlichttraum sich flüstern lassen, »Tau,
Der perlengleich auf Hermons Hügel hängt«,
Aus seines Herzens tiefstem Grund bewegte
Gedanken, die, wie ungedacht, die Seele
Nur von Gedanken sind, weit reicher, wilder
Und göttlich-visionärer, als sie selbst
Der Seraphharfner Israfel (der doch
»Die süßeste der Stimmen hat von allen
Geschöpfen Gottes«) jemals äußern könnte.
Und ich! Ach, meine Zauber sind gebrochen.
Kraftlos entsinkt die Feder meiner Hand.
Ob du auch batest drum, ich kann es nicht,
Mit deinem teuren Namen etwas schreiben.
Ich kann nicht sprechen oder denken, ach,
Nicht fühlen mehr; denn das ist kein Gefühl,
Dies starre Stehen auf der goldnen Schwelle
Weitoffnen Traumtors, da ich regungslos,
Entzückt vom prächtigen Ausblick und durchschauert
So auf dem rechten wie dem linken Weg,
Weithin den ganzen Weg, in Purpurdunst
Bis fern ans Ende sehe – dich allein.

An Helene

Ich sah dich einmal – einmal nur – vor Jahren:
Ich sage nicht wie vielen – doch nicht vielen.
Es war in Julinacht, und aus dem vollen
Kreisrunden Mond, der gleich wie deine Seele
Den steilsten Weg hinauf zum Himmel suchte,
Fiel sanft ein silberseidner Schleier Licht –
Fiel still und schwül und schlummerselig nieder
Auf tausend Rosen, die nach oben schauten
Und die in einem Zaubergarten wuchsen,
Wo Wind auf Zehen nur sich rühren durfte –
Auf Rosen fiel er, die nach oben schauten,
Die ihre Seelen in verzücktem Sterben
Als Duft aushauchten in das Liebe-Licht –
Auf Rosen fiel er, die nach oben schauten,
Die lächelten und starben, wie verzaubert
Von dir und deines Wesens Poesie.

Ich sah dich ganz in Weiß, auf Veilchenbeet;
Auf offne Rosen, die nach oben schauten,
Fiel hell der Mond – und auch auf dein Gesicht,
Das aufwärts schaute – schaute, ach, in Leid.

War das nicht Schicksal, das in dieser Nacht –
War das nicht Schicksal (das auch Leiden heißt),
Das mir vorm Gartentore Halt gebot,
Den Schlummerduft der Rosen einzuatmen?
Kein Schritt: in Schlaf lag die verhaßte Welt;
Nur du und ich – (o Gott, wie schlägt mein Herz,
Da ich zusammen die zwei Worte nenne!) –
Nur wachend du und ich. Ich stand, ich blickte –
Und plötzlich loschen alle Dinge aus.
(Bedenkt es wohl, es war ein Zaubergarten!)
Der Perlenglanz des Monds erlosch, die Beete,
Die moosigen Beete und gewundnen Pfade,
Die frohen Blumen, säftevollen Bäume –
Nichts sah man mehr; und selbst der Duft den Rosen
Erstarb im Arm anbetend stiller Lüfte.
All alles außer dir verschied, verhauchte,
Nichts blieb als du – als weniger denn du:
Als nur das Himmelslicht in deinen Augen –
Als deine Seele nur in deinen Augen.
Ich sah nur sie – sie waren mir die Welt.
Ich sah nur sie – sah stundenlang nur sie –
Sah nichts als sie, bis daß der Mond sich senkte.
Welch wundersame Herzgeschichten sprachen
Aus jenen himmlischen kristallnen Kugeln!
Welch dunkles Weh! Und doch welch hehres Hoffen!
Welch heiter schweigend Meer erhabnen Stolzes!
Welch kühne Ehrbegier! Und doch welch tiefe –
Unfaßbar tiefe Liebe-Fähigkeit!

Doch jetzt, doch endlich sank Diana hin
In westliches Gewitterwolken-Pfühl;
Und du entglittst wie Geist dem Grabesschatten
Der Bäume dort. Nur deine Augen blieben!
Sie gingen nicht – sie sind nie mehr gegangen!
In jener Nacht mir sorgsam heimwärts leuchtend
Verlaß’nen Pfad, verließen sie mich nie –
Nie mehr (wie all mein Hoffen doch getan).
Sie folgen mir – sie leiten mich durchs Jahr.
Sie sind mir Diener – dennoch ich ihr Sklave.
Ihr Amt ist: zu beleuchten, zu entflammen –
Mein Dienst: beseligt sein durch ihren Glanz,
Gereinigt sein durch ihr elektrisch Feuer,
Geheiligt sein in ihrem Himmelsfeuer.
Sie füllen mir mein Herz mit Schönheit an
(Die Hoffen ist) und sind im Himmel droben
Das Sternenpaar, vor dem ich kniend liege
Im traurigstummen Wachen meiner Nacht;
Indes sogar im Mittagsglanz des Tages
Ist noch sie sehe – holde Zwillingsschwestern,
Venusse, die kein Sonnenlicht verlöscht!

Eroberer Wurm

O schaut, es ist festliche Nacht
Inmitten einsam letzter Tage!
Ein Engelchor, schluchzend, in Flügelpracht
Und Schleierflor sieht zage
Im Schauspielhaus ein Schauspiel an
Von Hoffnung, Angst und Plage,
Derweil das Orchester dann und wann
Musik haucht: Sphärenklage.

Schauspieler, Gottes Ebenbilder,
Murmeln und brummeln dumpf
Und hasten planlos, immer wilder,
Sind Puppen nur und folgen stumpf
Gewaltigen düsteren Dingen,
Die umziehn ohne Form und Rumpf
Und dunkles Weh aus Kondorschwingen
Schlagen voll Triumph.

Dies närrische Drama! – O fürwahr,
Nie wird’s vergessen werden,
Nie sein Phantom, verfolgt für immerdar
Von wilder Rotte rasenden Gebärden,
Verfolgt umsonst – zum alten Fleck
Kehrt stets der Kreislauf neu zurück –
Und nie die Tollheit, die Sünde, der Schreck
Und das Grausen: die Seele vom Stück.

Doch sieh, in die mimende Runde
Drängt schleichend ein blutrot Ding
Hervor aus ödem Hintergrunde
Der Bühne – ein blutrot Ding.
Es windet sich! – windet sich in die Bahn
Der Mimen, die Angst schon tötet;
Die Engel schluchzen, da Wurmes Zahn
In Menschenblut sich rötet.

Aus – aus sind die Lichter – alle aus!
Vor jede zuckende Gestalt
Der Vorhang fällt mit Wetterbraus:
Ein Leichentuch finster und kalt.
Die Engel schlagen die Schleier zurück,
Sind erbleicht und entschweben in Sturm,
»Mensch« nennen sich sie das tragische Stück,
Seinen Helden »Eroberer Wurm«.

An Frances S. Osgood

Dein Herz sucht Liebe? – So möge es nie
Vom jetzigen Pfade weichen,
Sei, was du bist, und wolle nie
Dem, was du nicht bist, gleichen –
So wird die Welt deinem sanften Sein,
Deiner Anmut ein unendlich
Und freudevolles Preislied weihn,
Und Liebe wird selbstverständlich.

An Eine im Paradies

Du warst für mich all dieses, Lieb,
Was Seele füllt und Sein,
Warst Inselgrün im Meere, Lieb,
Springbrunn und Altarstein
Voll Frucht- und Blumenwunder, Lieb,
Und all das Blühn war mein!

O Traum, dem Sterben kam!
O Sternenhoffen, dessen Licht
Sturmwolke mir benahm!
Ein Rufen aus der Zukunft spricht:
»Voran! Voran!« – Doch Gram
Um das, was war, nimmt Zuversicht,
Macht müd und flügellahm.

Denn weh! des Lebens warmer Glanz
Erstrahlt für mich nicht mehr!
Die Woge raunt im Brandungstanz
Zum Sand: nie mehr – nie mehr
Wird wundgeschossne Schwinge ganz,
Dürr bleibt der Baum und blätterleer,
Dem jäh ein Blitz zerschlug den Kranz.

Und Tag ist Traum, der zu dir wacht,
Und Nacht ist Traum und leitet
Hin, wo dein dunkles Auge lacht
Und wo dein Fuß hinschreitet,
Der in ätherischen Tänzen sacht –
Auf welchen Strahlen gleitet?

Das Tal der Unrast

Einstmals war ein stilles Tal,
Unbewohnt; mit Schild und Stahl
Zog das Volk in Kriege fort;
Hielten milde Sterne dort
Vom arzurnen Turm zur Nacht
Über all die Blumen Wacht,
Über denen jeden Tag
Rot und faul die Sonne lag.
Jetzt wird jeder Wandrer sehen
Unrast dieses Tal durchwehen,
Nichts ist da, das nicht sich regt,
Luft nur brütet unbewegt
Ob der Zauber-Einsamkeit.
Ach, kein Lüftchen weit und breit
Rührt der Bäume Blätterkleid,
Die da pulsen ohne Frieden
Gleich dem Eismeer der Hebriden.
Ach, kein Lüftchen jagt und bauscht
Das Gewölk, das ruhlos rauscht,
Rastlos rauscht von früh bis spät
Über Myriadenbeet
Blauer Veilchen, sorgenreich,
Myriaden Augen gleich,
Über Lilien, die so weich
Wehend, weinend schaun herab
Auf ein namenloses Grab!
Wehend: aus dem Duft heraus
Kommen Tropfen ewigen Taus.
Weinend: von den zarten Zweigen
Ewig Tränen niedersteigen,
Die gleich Edelsteinen schweigen.

Die Stadt im Meer

Weh! wunderliche, einsame Stadt,
Drin Tod seinen Thron errichtet hat,
Tief unter des Westens düsterer Glut,
Wo Sünde bei Güte, wo Schlecht bei Gut
In letzter ewiger Ruhe ruht.
An Schlössern, Altären und Türmen hat
(Zerfreßnen Türmen, die nicht beben!)
Nichts Gleiches eine unsrige Stadt.
Von Winden vergessen, die wühlen und heben,
Stehn unterm Himmel die Wasser ringsum,
Schwermütige Wasser, ergeben und stumm.

Kein Strahlen vom Himmel kommt herab
Auf jener Stadt langnächtiges Grab.
Doch steigt ein Licht aus dem Meere herauf,
Strömt schweigend an kühnen Zinnen hinauf,
Hinauf an Türmen bis zum Knauf,
Hinauf an Palästen, an Zitadellen,
An Tempeln hinauf und an Babylonwällen,
Hinauf an vergessenen Laubengängen
Mit eingemeißelten Fruchtgehängen,
Hinauf an manchem Opferstein,
Auf dessen Friesen zu engem Verein
Verflochten Viola, Violen und Wein.

Stehn unterm Himmel die Wasser ringsum,
Schwermütige Wasser, ergeben und stumm.
Die Mauern und Schatten wie Nebelduft –
Es scheint, als hänge alles in Luft.
Vom Turm, der herrschend ragt und droht,
Schaut riesenhaft herab der Tod.

Geöffnete Tempel und Totengrüfte
Gähnen auf leuchtende Meeresschlüfte.
Doch nicht die blitzenden Juwelen
In goldner Götzen Augenhöhlen
Und nicht der reiche Tod verführen
Die starren Wasser, sich zu rühren:
Kein kleinstes Wellchen kommt in Gang
Die gläserne Einöde entlang;
Kein Kräuseln erinnert, daß weniger leer
Von Wind ist irgendein anderes Meer,
Nichts sagt, daß je ein Wehen war
Auf Meeren, die weniger grauenhaft klar.

Doch, oh – es regt sich leis wie Wind!
Ein Wellen durch das Wasser rinnt –
Als ob die Türme im sachten Sinken
Die Flut verschöben zur Rechten und Linken –
Als ob schon die Spitzen inmitten des blassen
Himmels Lücken zurückgelassen.
Ein roteres Glimmen steigt heran –
Die Stunden halten den Atem an –
Und wenn die Stadt hinab, hinab
Von hinnen sinkt mit unirdischem Stöhnen,
Wird ihr von eintausend Thronen herab
Der Gruß der Hölle tönen.

Die Schlafende

In tiefe Junimitternacht
Der mystische Mond herniederwacht.
Einschläfernde Nebel dunsten leise
Heraus aus seinem goldnen Kreise
Und triefen sanft wie Schlummerlieder
Tropfen um Tropfen sachte nieder
Auf Höhen, schimmernd wie Opal,
Und in das allumfassende Tal.
Auf einem Grab nickt Rosmarin,
Träg lehnt die Lilie drüber hin.
Von leerem Nebel überdacht
Fault die Ruine hinein in Nacht.
Wie Lethe sieh den Weiher ruhn,
Scheint tiefen, tiefen Schlaf zu tun,
Nicht um die Welt erwachte er nun.
Alle Schönheit schläft! – und ach! wo liegt
(Ihr Fenster den Himmeln geöffnet) – wo liegt
Irene, vom Schicksal eingewiegt!

O Schönste! – ach! ich steh’ betroffen:
Das Fenster weit dem Nachtwind offen?
Die Lüfte fallen im Mondenschein
Vom Baum herab durchs Gitter ein –
Sie flüchten flüsternd wie Geisterschar
Durch dein Gemach und stoßen gar

Am Bett den bunten Baldachin
So schaurig her, so schaurig hin
Über des Auges geschlossene Glut,
Darunter die schlummernde Seele ruht,
Daß Schatten gleich Gespenstern weben
Und Wand und Boden irr beleben.
O liebe Dame, banget dir?
Warum und was nur träumst du hier?
Gewiß, du kamst von fernstem Meer,
Ein Wunder, in diesen Garten her!
Seltsam deine Blässe! Seltsam dein Kleid!
Die Locken länger als jederzeit!
Seltsam die düstere Feierlichkeit!

Sie schläft! Und wie sie dauernd ruht,
So ruhe sie auch tief! Und gut
Hab Himmel sie in heiliger Hut!
Heiliger sie jetzt und der Raum,
Schwermütiger sie als je ihr Traum.
O Gott! laß nie ihren Schlaf vergehn,
Ihr Auge nie sich öffnen und sehn,
Indes die Gespenster vorüberwehn!

Meine Liebe, sie schläft! Wie dauernd sie ruht,
So ruhe sie auch tief und gut;
Leis krieche um sie die Würmerbrut!
Mög fern im Forst, in Düster und Duft,
Für sie sich auftun eine Gruft –
Eine Gruft, die oft das schwarze Tor
Aufwarf vor bangem Trauerchor,
Triumphierend über den Wappenflor
Der Toten aus ihrem erhabenen Hause –
Eine Gruft, entlegen wie Einsiedlerklause,
Deren Tor ihr einst beim kindlichen Spiel
Für manchen Stein gedient als Ziel –
Ein Grab, aus dessen tönendem Tor
Sie nimmermehr zwingt ein Echo hervor,
Das dröhnend dem Kind in die Ohren rollte,
Als sei es der Tod, der da drinnen grollte.

Schweigen

In Eins verleibt, in engster Innigkeit
Sind Kräfte: doppellebig – so geschweißt
Ein Bild von jener Zwillings-Wesenheit
Aus Stoff und Licht, die Körper ist und Geist.
Da ist ein zweifach Schweigen – Strand und Meer –
Körper und Seele. Einer wohnt am Ort,
Jüngst übergrünt; ein tränenvolles Wort,
Gedenken und Ehrzeichen, ernst und hehr,
Verhüllen alles Graun – er heißt: Nie mehr!
Er ist vereinigt Schweigen; fürcht ihn nicht,
Da ihm zum Bösen alle Macht gebricht.
Doch solltest du begegnen (traurig Los!)
Seinem Gespenst (dem Kobold Namenlos,
Der spukt auf nie vom Mensch betretnen Pfaden
Der Einsamkeit), befiehl dich Gottes Gnaden.

Ein Traum in einem Traum

Auf die Stirn nimm diesen Kuß!
Und da ich nun scheiden muß,
So bekenne ich zum Schluß
Dies noch: Unrecht habt ihr kaum,
Die ihr meint, ich lebte Traum;
Doch, wenn Hoffnung jäh enflohn
In Tag, in Nacht, in Vision
Oder anderm Sinn und Wort –
Ist sie darum weniger fort?
Schaun und Scheinen ist nur Schaum,
Nichts als Traum in einem Traum!

Mitten in dem Wogenbrand
Steh’ ich an gequältem Strand,
Und ich halte in der Hand
Körner von dem goldnen Sand –
Wenig, dennoch ach, sie rinnen
Durch die Finger mir von hinnen –
Weinen muß ich, weinend sinnen!
Ach, kann ich nicht fester fassen,
Um sie nicht hinwegzulassen?
Ach, kann ich nicht eins in Hut
Halten vor der Woge Wut?
Ist all Schaun und Schein nur Schaum –
Nichts als Traum in einem Traum?

Traumland

Auf Pfaden, dunkel, voller Grausen,
Wo nur böse Engel hausen,
Wo ein Dämon, Nacht genannt,
Auf schwarzem Thron die Flügel spannt,
Aus letztem düsterm Thule fand
Ich jüngst erst her in dieses Land –
Aus Zauberreich, so wild und weit,
Fern von Raum, fern von Zeit.

Ewig bodenlose Schlünde,
Klüfte, Schlüfte ohne Gründe,
Unbegrenzte Wassermassen,
Die sich nie in Ufer fassen,
Wälder, die kein Ende nehmen,
Die – titanenhafte Schemen –
Tropfend stehn in Nebeltau,
Endlos wuchtend, endlos grau!
Berge, endlos niederfallend,
Meere, in kein Ufer wallend,
Meere, die urewig fluten,
Himmel, die urewig gluten,
Weiher, die unendlich breiten
Stummer Wasser Einsamkeiten,
Die in Tod und Stille liegen
Und den Schnee der Lilie wiegen.

Bei den Weihern, die da breiten
Stummer Wasser Einsamkeiten,
Die in Tod und Trauer liegen
Und den Schnee der Lilie wiegen;
Bei den Bergen, bei den Flüssen,
Die so ruhlos murmeln müssen;
Bei den Wäldern, bei den Sümpfen,
Wo bei schwarzverfaulten Stümpfen
Molch und Kröte lauernd schleichen;
Bei den Pfuhlen und den Teichen,
Wo gefräßige Dämonen
Gierig bei den Leichen wohnen;
Bei den trüben Sündenquellen,
Die in giftigen Dünsten schwellen –
Trifft der Wandrer voller Bangen
Alles, was schon lang vergangen:
Totenhemden, die sich blähen,
Schemen, die aus Schatten spähen,
Freunde, lang schon aus dem Leben,
Erd – und Himmel übergeben.

Für das Herz voll tausend Wehen
Ist es hier ein friedvoll Gehen –
Für den Geist, den Schatten bannt,
Ist’s ein paradiesisch Land!
Doch wer wandert durch dies Grauen,
Wage niemals aufzuschauen,
Nie den schwachen Blick zu heben
In das Weben und das Beben,
Senke das bewimpert Lid,
Daß es kein Geheimnis sieht.
So des Königs Machtbefehle.
Und so darf die trübe Seele
Hier nur im Vorübergehen
Durch getrübte Gläser sehen.

Auf Pfaden, dunkel, voller Grausen,
Wo nur böse Engel hausen,
Wo ein Dämon, Nacht genannt,
Auf schwarzem Thron die Flügel spannt –
Aus jenem letzten Thule fand
Ich jüngst erst heim in dieses Land.

An Zante

O schöne Insel, die den schönen Namen
Sich von der süßesten der Blumen nimmt,
Ach, daß bei deinem Schaun mich überkamen
All jene Stunden, die einst froh gestimmt!

Wie viele Szenen lang versunkner Wonne!
Wie viel Gedenken an begrabnen Traum –
Ach, an ein Mädchen, das in deiner Sonne
Nie mehr hinschreitet durch den Bradungsschaum!

Nie mehr! Das ist der zaubrisch trübe Klang,
Der alles wandelt! Nie soll dein Gedenken
Mehr meiner Seele eine Freude schenken!

Verflucht erscheint mir nun dein blumiger Hang,
O hyazinthne Insel! purpurn Zante!
»Isol d’oro! Fior di Levante!«

Eulalie

Ich weilte allein
In der Welt voll Pein,
Und mein Herz war wie Sumpf so seicht,
Bis die schöne und sanfte Eulalie mir errötend die Hand gereicht –
Bis die blonde und junge Eulalie mir lächelnd die Hand gereicht.

Ach, weniger klar
Die Sternennacht war
Als die Augen der strahlenden Maid!
Und nimmer ist Hauch
Vom zartesten Rauch,
Dem Mond seinen Sternenglanz leiht,
So schön wie der Locke Eulalies bescheidene Lieblichkeit –
So schön wie der Locke Eulalies gleichgültige Lieblichkeit.