Ulrike Bliefert

Schattenherz

image

Weitere Titel in dieser Reihe:

Tamina Berger: Frostengel

Ulrike Bliefert: Eisrosensommer

Ulrike Bliefert: Lügenengel

Juliane Breinl: Perlentod

Bettina Brömme: Rachekuss

Bettina Brömme: Todesflirt

Bettina Brömme: Frostherz

Beatrix Gurian: Prinzentod

Beatrix Gurian: Höllenflirt

Beatrix Gurian: Liebesfluch

Beatrix Gurian: Lügenherz

Zara Kavka: Giftkuss

Zara Kavka: Höllenprinz

Agnes Kottmann: Hassblüte

Krystyna Kuhn: Schneewittchenfalle

Krystyna Kuhn: Märchenmord

Krystyna Kuhn: Dornröschengift

Krystyna Kuhn: Aschenputtelfluch

Kathrin Lange: Schattenflügel

Kathrin Lange: Septembermädchen

Inge Löhnig: Schattenkuss

Inge Löhnig: Scherbenparadies

Manuela Martini: Sommerfrost

Manuela Martini: Sommernachtsschrei

Manuela Martini: Puppenrache

Nora Miedler: Lügenprinzessin

Susanne Mischke: Nixenjagd

Susanne Mischke: Waldesruh

Susanne Mischke: Zickenjagd

Susanne Mischke: Rosengift

 

image

1. Auflage 2013
© 2013 Arena Verlag GmbH, Würzburg
Alle Rechte vorbehalten
Dieses Werk wurde vermittelt durch die
Michael Meller Literary Agency GmbH, München
Covergestaltung: Frauke Schneider
ISBN 978-3-401-80226-8

www.arena-thriller.de
facebook.com/arenathriller
Mitreden unter forum.arena-verlag.de

 

 

 

 

 

Schon flattert, leichenwitternd,
Die weiße, gespenstische Möwe,
Und wetzt an dem Mastbaum den Schnabel,
Und lechzt, voll Fraßbegier, nach dem Herzen
Heinrich Heine (1797–1856)

Prolog

Kugelschreiber, Füller, Filzer: ist hier alles nicht erlaubt, »… wegen der Selbstverletzungsgefahr«.

Als ob man sich nicht einfach an ’nem Fetzen von ’nem Laken aufhängen könnte!

In ’nem Hollywoodfilm hat sich sogar mal eine die Zunge abgebissen und sie runtergeschluckt. Voll eklig.

Und in Knastfilmen schleifen manche den Rand von ihrem Esslöffel so lange, bis er messerscharf ist, und dann schneiden sie anderen damit die Kehle durch. Könnte man hier ja schließlich genauso machen. Und sich stattdessen damit die Pulsadern aufschlitzen.

Obwohl: hier gibt’s gar keine Blechlöffel. Schicke Jugendpsychiatrie, nigelnagelneu alles. Nur für Privatpatienten. Und das Besteck aus rostfreiem Edelstahl.

Dabei hab ich denen x-mal gesagt, ich will mich gar nicht umbringen! Und das Feuer hab ich auch nicht gelegt, verdammt noch mal! Weder das noch die anderen beiden! Aber die hören einem ja nicht zu! Stattdessen erst mal ruhigstellen. Haloperidol. Da fühlst du dich wie im Aquarium: du drinnen und der Rest der Welt draußen. Kiemenatmung: blubb, blubb, blubb …

Egal. Hört dich eh keiner.

Na ja, meinen alten MP3-Player haben sie mir gelassen.

Okay. Ist ja sonst keiner hier. Quatsch ich halt mit dem.

Hallo, MP3-Player! Hier spricht Malin, die Durchgeknallte, die letzte Nacht ihr eigenes Zimmer abfackeln wollte und dabei beinah draufgegangen ist.

Wobei…

MP3-Player ist ja echt ’ne doofe Anrede.

Hmmm.

M. P.? Maschinenpistole?

Nee.

Max Planck?

Mürbeplätzchen? Mastpoularde?

Müllabladeplatz? Müllabladeplatz ist eigentlich gar nicht so übel für ’n Audio-Tagebuch.

Aber nee, ich nenn dich lieber … Dakota. Das ist Indianisch. Hab ich mal gelesen, in ’nem Buch über die Sioux. Heißt so viel wie Verbündeter oder Freund. Oder Freundin.

Hallo … Dakota! Ich will hier raus!

Kapitel 1

… und Sie sagen, Malin hat schon öfter versucht, sich das Leben zu nehmen, Herr …?« Die junge Ärztin schlug die Krankenakte auf und suchte nach dem Namen des Mannes, der Malin Kowalski vor gut anderthalb Stunden eingeliefert hatte. »… Herr Gräther?«

»Ja.«

»Wann und in welcher Weise?« Die Ärztin zückte einen Kugelschreiber, um die entsprechenden Daten und Fakten einzutragen.

»Nein also … « Helmut Gräther hob abwehrend die Hände und setzte ein gewinnendes Lächeln auf. »… das war jetzt nicht wortwörtlich gemeint!«

Die Ärztin bemühte sich zurückzulächeln, obwohl ihr Gräther alles andere als sympathisch war. »Wie Sie wissen, unterliegen wir hier alle der Schweigepflicht. Das heißt, Sie müssen sich keine Sorgen machen, dass irgendwas von dem, was wir hier besprechen, nach außen dringt. Und niemand wird aus dem suizidalen Verhalten Ihrer Tochter irgendwelche negativen Schlüsse auf Sie als Erziehungsberechtigten … «

Bevor sie den Satz zu Ende sprechen konnte, flog die Tür auf. »Helmut! Altes Haus! Ich hätt mir weiß Gott angenehmere Umstände gewünscht, aber es ist großartig, dich zu sehen! Wie lange ist das jetzt her?«

Gräther sprang auf und schüttelte dem Klinikchef die Hand. »Mensch, Ulli, danke! Wenn du nicht gewesen wärst, hätten die Bullen meine Kleine glatt in irgend so ’ne städtische Klapsmühle eingewiesen…«

»Nana! Nichts gegen die Uni-Psychiatrie, mein Alter«, Dr. Spengler hob lachend den Zeigefinger, »schließlich hab ich mir da meine ersten wissenschaftlichen Lorbeeren verdient. Aber hier bei uns ist definitiv das Essen besser!« Er lachte erneut und ließ sich in einen der Besuchersessel fallen. »Jetzt erzähl doch erst mal! Wie ist es dir denn so ergangen die letzten Jahre? Mal im Ernst: Wie lange ist das jetzt her?«

»Seit der Uni? Fast ein Vierteljahrhundert!«

»Hast dich aber gut gehalten!«

»Du dich aber auch!«

»Magst du was trinken?«

Als keiner der beiden Männer Anstalten machte, sie ihre Arbeit fortsetzen zu lassen, klappte die junge Ärztin die Akte zu und verließ wortlos das Besprechungszimmer.

Dakota, ich bin’s noch mal.

Die wollen mich umbringen, weißt du? – Nein, ich meine nicht die hier in der Klinik, sondern …

Als Malin Schritte auf dem Gang hörte, senkte sie ihre Stimme.

… obwohl: Genau weiß ich das natürlich nicht. Der Chef hier ist immerhin ’n alter Kumpel von …

Die Schritte verstummten. Als die Tür aufging, ließ sie den MP3-Player hastig unter ihrer Decke verschwinden.

»Hallo, Malin.« Die junge Ärztin, die sie in Empfang genommen hatte, trat ein. Sie trug einen schmalen Aktenordner unter dem Arm.

»Wie fühlst du dich, hm?«

Einen Moment lang überlegte Malin, ob sie einfach »Großartig! Mein Adoptivvater versucht, mich umzubringen, und als das nicht hinhaut, steckt er mich in die Klapse! Toll! Könnte nicht besser gehen!« sagen sollte.

Stattdessen murmelte sie: »Bestens …«, und schloss die Augen.

Die Ärztin zog einen Stuhl heran und setzte sich zu ihr. »Ich heiße Franziska. Franziska Reinhardt, aber du kannst mich gerne duzen.«

Fein. Und wenn ich mich schlafend stelle, wirst du hoffentlich bald verschwinden, dachte Malin, rollte sich auf die Seite und bemühte sich, tief und gleichmäßig zu atmen.

»Die Wirkung der Medikamente lässt im Lauf der Nacht nach. Du wirst sehen, morgen früh geht’s dir schon sehr viel besser.«

Als die Ärztin Minuten später immer noch schweigend an ihrem Bett saß, gab Malin den offenbar sinnlosen Versuch, sich schlafend zu stellen, auf.

»Ist er weg?«

»Wer?«

»Helmut. Also … mein Vater.«

»Ich glaube nicht. Er und der Chef sind ja offenbar alte Bekannte. Möchtest du noch mal mit ihm sprechen?«

»Nein!!!«

Die Ärztin zuckte regelrecht zusammen.

Bei näherem Hinsehen erwies sich die kleine, zierliche Frau mit dem blonden Kurzhaarschnitt sogar als ganz sympathisch. Sie erinnerte Malin entfernt an eines ihrer Kindermädchen, eine von den netteren, und bevor sie einen klaren Gedanken fassen konnte, sprudelte es auch schon aus ihr heraus: »Bitte glauben Sie ihm kein Wort! Er ist nicht mein richtiger Vater, verstehen Sie? Und er will mich umbringen! Das mit dem Feuerlegen ist nichts als ein einziger Fake!«

»Welches Feuer meinst du?«

»Alle drei! Verdammt noch mal, ich bin gerne im Internat! Wieso sollte ich da kurz hintereinander den Fahrradschuppen und den Theaterfundus anstecken?!«

Die Ärztin blätterte in der Akte.

»Wenn ich das richtig verstanden habe, befand sich in einem der beiden Brandsätze ein zerschnittenes Poloshirt von dir und im anderen der abgetrennte Ärmel von einer deiner Strickjacken. Als Lunte.«

»Na und?« Malin zuckte die Achseln. »Wie blöd muss man denn sein, wenn einem das nicht auffällt?«

»Was auffällt?«

»Wie einfach so was zu tricksen ist!«

»Aha …?«

Die Ärztin glaubte ihr kein Wort; das war mehr als deutlich.

Malin schwang die Beine aus dem Bett und stellte erleichtert fest, dass das Aquarium-Gefühl im Kopf so gut wie verschwunden war.

»Passen Sie auf«, sagte sie und gab sich alle Mühe, logisch, klar und überzeugend zu wirken, » ich schleich mich – zum Beispiel – in den nächsten Tagen einfach mal unauffällig an Ihren Computer, geb Molotowcocktail in die Suchmaschine ein und lade eine von den Bauanleitungen runter. Und zwar so, dass die Polizei sie später auf der Stelle unter Downloads findet. Dann klau ich Ihnen bei nächster Gelegenheit ’n Sweatshirt, schneid’s zur Hälfte durch, stopf die eine Hälfte ganz hinten in Ihren Kleiderschrank, benutz die andere Hälfte als Lunte und schmeiß sie mitsamt ’ner Flasche voll Benzin ins Büro von Ihrem Chef.«

»Um Himmels willen …«

»Quatsch! Nicht in echt! Ist doch nur ’n Beispiel, okay? Dann kommt die Polizei und überlegt sich: Moment mal, die Frau Doktor … «

Malin versuchte vergeblich, den Namen auf dem Schildchen zu entziffern.

»Reinhardt«, soufflierte die Ärztin.

»Genau! Die Frau Dr. Reinhardt hatte doch neulich erst ziemlichen Stress mit ihrem Vorgesetzten … Schlimm, schlimm! Und wenn sie dann die andere Hälfte Ihres Sweatshirts und den bösen, bösen Download finden, ist alles klar und Sie kriegen mal eben drei Jahre Knast aufgebrummt. Oder Sie werden für durchgeknallt erklärt und landen in der Klapse.«

»Wer sollte sich denn solche Mühe machen …?«

»Herrgott noch mal, haben Sie nicht zugehört?! Mein Adoptivvater versucht seit einem Jahr, mich als verrückt hinzustellen! Wahrscheinlich war das die Idee von seinem Anwaltskumpel: Helmut, am besten bringst du die Kleine um und stellst das Ganze als Selbstmord hin und die Sache ist erledigt!«

»Wir waren per Du«, wandte die Ärztin lächelnd ein.

»Das ist doch jetzt scheißegal!«, fauchte Malin. »Kapieren Sie denn nicht?! Mein sogenannter Vater will, dass ich noch schnell, bevor ich achtzehn werde, abkratze!«

Die Ärztin lächelte – offenbar völlig unbeeindruckt von Malins Ausbruch – weiter. »Das musst du mir schon ein bisschen näher erklären, Malin«, sagte sie sanft. »Lass dir Zeit.«

Malin atmete tief ein und hielt die Luft an.

Konzentrier dich, Malin! Wenn du sie überzeugen willst, kommt es auf jedes einzelne Wort an!

Sie atmete langsam wieder aus und stellte erleichtert fest, dass der Ein- und Ausatme-Trick tatsächlich funktionierte.

»Schauen Sie«, sagte sie mit fester Stimme, »wenn ich achtzehn werde, darf ich selbst entscheiden, was mit dem Vermögen passiert, das mir meine Mutter hinterlassen hat. Aber das will mein Vater – wie auch immer – verhindern! Und deshalb setzt er alles dran, dass man mich für durchgeknallt hält! Oder noch besser: dass ich gar nichts mehr entscheiden kann, weil ich nämlich tot bin. Dann darf er nämlich mit dem Haus und der Kohle machen, was er will.«

Die Ärztin blätterte einen Moment lang irritiert in der Akte.

»Das versteh ich jetzt aber wirklich nicht, Malin. Da hat deine Mutter ja schließlich auch noch ein Wörtchen mitzureden, oder?«

»Meine Mutter ist tot!!!«, schrie Malin. »Was weiß ich?! Vielleicht hat er sie ja damals auch umgebracht!!!«

Erschrocken stellte sie fest, dass sie der jungen Ärztin die Hände in die Schultern gekrallt hatte und sie nach Leibeskräften schüttelte. Franziska Reinhardt löste sich aus Malins Griff und stand auf. »Ich glaube, es ist besser, wenn wir morgen weiterreden, hm?« Bevor sie ging, sagte sie noch »Gute Nacht« und lächelte erneut. Aber ihre Augen sahen traurig aus.

Als eine knappe halbe Stunde später ein Pfleger mit einem smartiesbunten Medikamentencocktail erschien, schluckte Malin alles brav herunter. Kaum war der Pfleger aus der Tür, stürzte sie zur Toilette und würgte so lange, bis sie alles wieder erbrach.

Dann ließ sie sich erschöpft auf ihr Bett fallen. Bevor sie einschlief, schaltete sie noch einmal ihren MP3-Player ein.

Du, Dakota, flüsterte sie, irgendwann bist du vielleicht meine einzige Zeugin. Wenn ich tot bin. Oder wenn die es schaffen, mich für immer wegzusperren. Dann musst du irgendwie den Leuten klarmachen, dass ich nicht verrückt bin! Und dass ich nie verrückt war! Und dass alles wahr ist, was ich sage! Und dass ich nicht sterben will!

Sie zögerte.

Jedenfalls jetzt nicht, fügte sie hinzu, noch haben die mich nicht so weit.

Kapitel 2

Drei Tage später durfte Malin zum ersten Mal raus, in den Klinikpark.

Die frisch gepflanzten Kastanienbäume boten noch nicht allzu viel Schatten, und während die anderen Jungen und Mädchen in der brütenden Hochsommerhitze Tischtennis oder Rasenschach spielten, zog sich Malin an den einzig kühlen Platz, ganz hinten im Park, zurück. Dort wurde gerade der künftige Rosengarten angelegt. Von der üppigen Blütenpracht, dem Zierteich und den Naturstein-Bänken, die der Klinikprospekt versprach, war allerdings noch nichts zu sehen. Bisher war lediglich der Boden umgepflügt und Pflanzerde herangekarrt worden. Da sich das ganze Unterfangen noch ein Weilchen hinziehen würde, hatten sich die Arbeiter der Firma Beckers Garten- und Landschaftsbau vorübergehend häuslich eingerichtet: An der Umfriedungsmauer standen eine Sitzbank aus Brettern und Colakästen und ein Campingtisch, über dem ein ausgeblichener alter Bluna-Sonnenschirm Schatten spendete. Wenn sie nicht gerade Mittagspause machten, hatten die Arbeiter nichts dagegen, dass Malin ihre kleine Freiluftkantine mitbenutzte und sich hin und wieder den Bewässerungsschlauch auslieh, um sich abzukühlen.

Malin genoss die Nachmittage im Freien. Die Gärtner hatten nach drei, vier Versuchen, mit ihr ins Gespräch zu kommen, kapiert, dass sie keine Lust auf Small Talk hatte, und während sie wortlos vor sich hin arbeiteten, las Malin George R. R. Martins Lied von Eis und Feuer.

Das ideale Buch bei diesen Temperaturen, und die Fortsetzungsbände reichen für die nächsten elf Monate, hatte sie Dakota erklärt. Danach bin ich eh tot. Und wenn nicht, muss ich mir unbedingt die Fernsehserie downloaden!

Jeden Tag, pünktlich um fünf Uhr nachmittags, verstauten die Gartenbauarbeiter die Gerätschaften in ihrem Kleinlaster und verließen das Gelände.

Zurück blieb ein schweigsamer junger Mann mit lockigen rötlich blonden Haaren. Er war Malin gleich am ersten Tag aufgefallen, weil er keine Schutzhandschuhe trug, sondern mit bloßen Händen arbeitete. Die Rosenstöcke kratzten ihm Hände und Unterarme blutig, aber er schien das nicht einmal zu bemerken. Manchmal schuftete er sogar noch weiter, wenn die anderen längst Feierabend hatten.

Nach einer Woche reichte es zwischen Malin und ihm zumindest zu einem Begrüßungs- und Abschieds-Kopfnicken.

Er ist älter als die anderen hier, vertraute Malin Dakota an, zumindest sieht er aus wie Anfang zwanzig oder so. Also eigentlich zu alt für die Jugendpsychiatrie. Na ja, vielleicht macht er hier auch nur irgendein Praktikum. Komischer Typ. Meistens sehen rothaarige Männer ja irgendwie witzig aus, wie zum Beispiel der Typ aus Harry Potter. Hobbitmäßig. Oder rotzfrech, wie Prinz Harry. Der hier sieht eher aus, als stammte er aus ’ner Zeit, in der die Damen Schnürkorsetts und die Herren Schleifen statt Krawatten um den Hals trugen. Und hobbitmäßig wirkt er erst recht nicht, so lang und dünn, wie er ist.

Ich frag mich, was der hier zu suchen hat.

Aber so wie der drauf ist, trau ich mich nicht zu fragen. Vielleicht hält er mich dann für aufdringlich.

Franziska Reinhardt gegenüber hatte Malin den ersten Abend nicht mehr erwähnt und für den Klinikchef stand ganz offensichtlich fest, dass die Story, mit der sein alter Studienfreund seine Adoptivtochter eingewiesen hatte, von A bis Z der Realität entsprach: Malin Kowalski war schon immer labil, litt unter paranoiden Wahnvorstellungen und Pseudologia phantastica – dem irreführenderweise geradezu romantisch klingenden Fachbegriff für pathologisches Lügen. Und sie hatte als letzte einer Reihe von Irrsinnstaten ihr Zimmer in Brand gesteckt, um sich umzubringen.

Er hatte mich eingeschlossen, Dakota, oben im Turmzimmer. Und dann hat er gehofft, dass ich im Schlaf ersticke, verstehst du? Ich bin wach geworden und hab versucht, die Tür aufzukriegen. Dann hab ich mein Handy gesucht, aber meine Tasche war auf einmal spurlos verschwunden. Schließlich hab ich das Fenster aufgerissen, um Luft zu kriegen. Aber der Wind, der durchs Fenster reinkam, hat das Feuer nur noch weiter angefacht. Irgendwann konnt ich vor lauter Rauch nicht mal mehr schreien und an Rausspringen war nicht zu denken, dafür ist es viel zu hoch.

Ich hab noch überlegt, aufs Dach zu klettern, aber da gab es nichts, woran ich mich hätte festhalten können …

Dann muss ich wohl ohnmächtig geworden sein.

Reiner Zufall, dass jemand um die Zeit noch in der Gegend unterwegs war. Das Haus liegt ganz allein, weißt du? Hat sich mein Ururgroßvater Anfang des vorigen Jahrhunderts in sein Jagdrevier bauen lassen. Privatweg. Betreten verboten. Und überhaupt: ist heute alles Naturschutzgebiet. Also eigentlich darf da keiner rumstrolchen. Aber da war trotzdem einer unterwegs. Keine Ahnung, was der nachts da gesucht hat. Jedenfalls hat der die Feuerwehr gerufen. Hinterher – also, nachdem die die Tür eingerannt und mich rausgeholt hatten – haben sie den Zimmerschlüssel unten vor dem Haus gefunden. Direkt unter meinem Fenster. Helmut – also: mein sogenannter Vater – muss ihn da platziert haben, nachdem er das Feuer gelegt hat. Und dann ist er weggefahren. Es sollte später ja so aussehen, als hätt ich mich – kaum dass er weg war – in mein Zimmer eingeschlossen und den Schlüssel rausgeworfen. Damit ich’s mir nicht anders überlegen kann.

Später…

Das heißt, nachdem ich erstickt war. Oder verbrannt…

Scheiße…

Keiner hat das überprüft, Dakota. Die Feuerwehr nicht und die Polizei auch nicht. Und glauben tut mir das eh keiner.

Die Tage in der Klinik gingen weitgehend ereignislos ineinander über: Einzeltherapie, Gruppentherapie, Musiktherapie, Maltherapie …

Malin ließ alles über sich ergehen, als sei es eine andere Person, der das Ganze widerfuhr. Als sie merkte, dass sich die Stimmung bei allen Beteiligten deutlich aufhellte, wenn sie das, was ihr zur Last gelegt wurde, zugab, hörte sie auf, ihre Unschuld zu beteuern. Sie blieb für sich, nahm an keiner der Gemeinschaftsaktivitäten teil, las viel und genoss die Freistunden im Park.

»Frau Dr. Reinhardt, ich hab da noch ’ne kurze Frage!«

»Ja, was denn?« Die Ärztin hatte es aufgegeben, Malin zu »Franzi« und »du« zu überreden. Sie war schon fast aus der Tür: der perfekte Augenblick, um scheinbar ganz nebenbei auf etwas zu sprechen zu kommen, das Malin schon eine ganze Weile auf der Seele brannte

»Wieso haben Sie neulich eigentlich so komisch reagiert, als es um meine Mutter ging?«

Die Augenlider der jungen Ärztin zuckten fast unmerklich. Dann fixierte sie einen unsichtbaren Punkt links oben an der Zimmerdecke und hob die Schultern. »Ich weiß nicht, was du meinst.«

»Ich hab gesagt, meine Mutter ist tot, und Sie haben…« Malin suchte nach den richtigen Worten. »… Sie haben halt irgendwie merkwürdig geguckt.«

»Ich?« Die junge Ärztin lächelte und schüttelte ungläubig den Kopf. »Hab ich das?« Dann gab sie einen kleinen Schniefer von sich, zupfte ein Papiertaschentuch aus ihrem Jackenärmel und putzte sich die Nase.

Malin war oft genug als pathologische Lügnerin hingestellt worden, um sich mit den einschlägigen Symptomen bestens auszukennen.

Na bitte! Geradezu klassisch! Augenliderflattern, Blick wandert nach links, dann schnell ’ne völlig überflüssige Gegenfrage und als Sahnehäubchen ’n total abgedroschenes Ablenkungsmanöver.

»Ich kann mich wirklich nicht erinnern, komisch reagiert zu haben«, sagte die Ärztin, nachdem sie das Taschentuch wieder verstaut hatte, und Malin wusste: Das war zu hundert Prozent gelogen.

Kapitel 3

Ich heiße Anatol.«

Malin schaute von ihrem Schmöker auf. Der rothaarige junge Mann stand vor ihr. Wie jeden Tag hatte sie sich in ihre Gartenecke verzogen und war so versunken in die Geschichte von Tyrion Lannister und seiner grausamen Schwester Cersei, dass sie sein Näherkommen gar nicht bemerkt hatte.

»Hier«, sagte er und hielt ihr einen Apfel hin.

»Danke«, sagte Malin, »ich heiße Malin.«

Der junge Mann namens Anatol setzte sich in einigem Abstand von ihr auf die Colakisten-Bank. Schweigend verzehrten sie ihre Äpfel.

Es war Samstag und außer ihnen beiden war niemand auf der Baustelle. Malin überlegte einen Moment lang, ob sie sich gestört fühlen sollte. Zwischen zwei Bissen musterte sie ihren Banknachbarn heimlich von der Seite. Wie viele Rothaarige hatte er einen ungewöhnlich hellen Teint und wie mit der Streubüchse verteilt ein paar Sommersprossen auf der Nase. Auf seiner Stirn begann sich die Haut zu schälen. Sonnenbrand, dachte Malin, kenn ich. Wenn sie im Sommer nicht aufpasste, sah sie in Null Komma nichts aus wie ein frisch gekochter Hummer. Nach dem nächsten Bissen wanderte ihr Blick zu seinen Händen. Sie waren übersät mit frischen und beinahe verheilten Kratzern.

»Ich möchte die Erde spüren«, sagte Anatol, als habe er Malins unausgesprochene Frage gehört, »ich mag keine Schutzschicht zwischen mir und der Erde und den Pflanzen.«

»Aha? Bist du irgendwie … Gartenarchitektur-Student oder so was? Gehörst du hier zum Haus?«

»Weder noch.«

»Sondern?«

Keine Antwort.

»Hallo?«

Nichts.

Als er gefühlte fünf Minuten später immer noch nicht auf ihre Frage reagiert hatte, konnte Malin nicht mehr an sich halten. »Hey, was wird das hier, hm? Danke für den Apfel, aber anschweigen kann ich mich auch selber! Also wenn da nichts weiter kommt, würde ich jetzt gern in Ruhe weiterlesen, okay?«

Verwirrt hob Anatol den Kopf und schaute sie an. »Sorry«, murmelte er, »ich hab manchmal so …, so was wie ’n Filmriss. Liegt an den Medikamenten. Also: Was hast du gefragt?«

Malin seufzte. Schade eigentlich, dachte sie, interessanter Typ, aber voll neben der Spur.

»Na jaaa …« Sie druckste ein wenig herum. Scheinbar war dieser Anatol nicht gerade wild darauf, viel von sich zu erzählen. »… du kommst mir halt älter vor als achtzehn…«

»Stimmt. Ich bin zwanzig.«

»… und da hab ich mich gefragt, ob du vielleicht was mit der Gartenanlage hier zu tun hast. ’n Praktikum oder so was. Oder ob du vielleicht irgendwie sonst zum Haus gehörst.«

»Nee. Oder doch! So gesehen gehör’ ich zum Haus.« Er lachte leise und warf den Apfelrest in Richtung Buchsbaumhecke. Sofort machte sich wild tschilpend eine Horde Spatzen darüber her.

Pause. Wieder Schweigen.

Malin seufzte innerlich, ließ sich jedoch nichts anmerken und knabberte stattdessen hingebungsvoll auch noch das letzte bisschen Fruchtfleisch vom Kerngehäuse ihres Apfels. Ich könnte ihn ja einfach fragen, wie er das meint. Aber wenn er’s mir erzählen will, wird er’s mir schon irgendwann sagen.

Das Schweigen zog sich so sehr in die Länge, dass Malin regelrecht zusammenzuckte, als Anatol – scheinbar unvermittelt – wieder zu reden begann.

»Ich bin seit sechs Jahren bei Dr. Spengler in Behandlung. Damals war er noch an der Uni-Klinik. Und nachdem er diesen Nobelschuppen hier aufgemacht hat, haben die mich beim letzten Mal gleich an ihn weitergeleitet.«

»Beim letzten Mal von was?«

Anatol kehrte wortlos die Innenseiten seiner Handgelenke nach oben. Die Spuren frisch verheilter Schnittwunden stachen hellrot zwischen einer Reihe bereits verblasster Narben hervor.

Malin versuchte, sich nichts anmerken zu lassen.

»Okay«, murmelte sie betroffen, »wie’s aussieht, scheint’s bei dir zu stimmen.«

»Was?«

»Das mit dem suizidgefährdet und so.«

»Bei dir nicht?«

»Nee, ich find leben super.«

»Und wieso bist du dann hier?«

»Die wollen mich umbringen. Deshalb!«

Eine Woche später hatte sich Malin an Anatols merkwürdige Gesprächspausen gewöhnt. Sie erfuhr, dass er schon mit sechzehn von zu Hause ausgezogen war.

»Wieso das denn?«, hatte sie gefragt.

Er hatte die Achseln gezuckt und »Ich wollt in Ruhe mein Abi machen« geantwortet.

Auf Malins nicht ganz ernst gemeinte Frage, ob er es zu Hause vielleicht mit drei bis fünf nervenden kleinen Geschwistern zu tun hatte, war wieder mal eine endlos lange Pause gefolgt. Schließlich hatte er »Nee. Gott sei Dank nicht« geantwortet und aus Anatols Tonfall und Gesichtsausdruck hatte Malin geschlossen, dass sie das Thema möglichst nicht vertiefen sollte.

Ich steig bei ihm nicht durch, Dakota. Erst hab ich gedacht, er hat vielleicht ’ne leichte Form von Asperger, wie der Typ aus der Maltherapie. Der braucht immer ’ne Zeit, um zu kapieren, was andere Menschen denken oder fühlen. Aber bei Anatol ist es eigentlich genau umgekehrt: Manchmal hab ich den Eindruck, er weiß schon im Voraus, was ich sagen oder fragen werde. Es muss irgendwas in seiner Vergangenheit gegeben haben; irgendwas, das ihn in so ’ne Art Dauer-Traurigkeit versetzt hat. Keine Ahnung. Einfach fragen kann ich ihn auf keinen Fall, so viel steht schon mal fest. Bei Fragen macht er früher oder später total dicht.

Dafür hab ich ihn mit meiner eigenen Geschichte zugetextet. Er sagt nichts dazu, aber ich hab das erste Mal das Gefühl, dass mir einer glaubt.

Er meint, Franziska Reinhardt wäre voll okay und sie würde mich garantiert nicht absichtlich anlügen. Wahrscheinlich hat sie so komisch geantwortet, weil sie voll unterm Pantoffel von Dr. Spengler steht. Dem trau ich nicht übern Weg. Bei Anatol funktioniert seine Therapie jedenfalls nicht. Ich meine: Nach sechs Jahren müsste dem Typ doch langsam mal aufgehen, dass das, was er mit Anatol treibt, zu nichts führt, oder?

Dakota?

Gerade hast du »Stimmt. In Sachen Anatol ist der Spengler ’n Totalausfall!« gesagt.

Manchmal denk ich mir deine Antworten aus, weißt du?

Malin merkte, dass sie – genau wie ihre imaginäre Freundin Dakota – begonnen hatte zu lächeln.

Ich hab jedenfalls einen Pakt mit ihm geschlossen. Nein, nicht mit dem Spengler! Mit Anatol, mein ich! Mit Ehrenwort und allem drum und dran: In den nächsten vierzehn Tagen kein Selbstmordversuch mehr! Und danach sehen wir weiter.

Sie zögerte, bevor sie das Gerät abschaltete.

Ich mag seine Augen. Braun. Dabei sind die meisten Rothaarigen blauäugig.

Und er hat schöne Hände.

Gute Nacht, Dakota.

»Tja, Malin, erfreulicherweise sind wir in der letzten Woche einen gewaltigen Schritt weitergekommen. Das heißt, Sie können sich ab jetzt frei im Haus und auf dem gesamten Gelände bewegen!« Dr. Spengler strahlte Malin an, als verleihe er ihr damit eine Mischung aus Weihnachtsgeschenk und Siegestrophäe.

Der sieht aus wie der Typ in den Werbespots, die früher im Fernsehen liefen. In denen ’n Zahnarzt mit ’ner Zahnbürste Tomaten quält …

Malin musste grinsen. Zum einen in der Erinnerung an die bescheuerten Werbespots, zum anderen, weil Dr. Spengler allen Ernstes glaubte, sie würde brav jeden Tag ihre Psycho-Smarties einnehmen. Dabei hatte sie mittlerweile gelernt, die Dinger unter die Zunge zu klemmen und gar nicht erst runterzuschlucken.

Aber was soll’s? Der glaubt so oder so, ich wär verrückt.

Dr. Spengler interpretierte ihr Grinsen als Vorfreude auf die künftig unbeaufsichtigten Aufenthalte auf dem Klinikgelände. »Wir verlegen Sie in Trakt B. Da haben Sie eine eigene kleine Terrasse mit direktem Zugang zum Garten.« Er strahlte unvermindert weiter und zwinkerte verschwörerisch mit dem linken Auge. »Da sitzen Sie doch so gerne, stimmt’s?« »Ja. Stimmt. Toll. Danke.«

Na super. Das heißt im Klartext: »… und nicht vergessen: Wir beobachten trotzdem auf Schritt und Tritt, was du tust.«

Immer noch strahlend stand Dr. Spengler auf und legte Malin väterlich die Hand auf die Schulter. »Also, dann packen Sie schon mal Ihre Siebensachen, ja? Das Gebäude kennen Sie ja und Pfleger Frank zeigt Ihnen dann, wo Ihr Zimmer ist.«

Pfleger Frank war ein dünnlippiger, wenig sympathischer junger Mann, der zur Begrüßung lediglich ein deutlich hörbares Magenknurren von sich gab und anschließend bedeutungsvoll auf seine Armbanduhr schaute.

Ganz klar: Der Typ will in die Mittagspause!

»Ich beeil mich!«, versicherte Malin. Sie raffte den Inhalt ihres Kleiderspinds zusammen, warf ihn in den Koffertrolley und zurrte den Reißverschluss zu. Dann angelte sie nach ihrer Schultertasche und spurtete Pfleger Frank hinterher.

Der Weg zu Trakt B führte sie quer durch den Klinikpark. Der junge Pfleger marschierte voran, ohne sich auch nur einmal umzusehen; vermutlich vertilgte er in Gedanken bereits ein Riesenschnitzel mit Maggisoße und Kartoffelpüree.

Malin hastete, ihren Trolley hinter sich herziehend, über den gepflasterten Hauptweg. Im Vorbeilaufen winkte sie kurz Anatol zu. Der winkte zurück, widmete sich jedoch sofort wieder seinen Rosenstöcken.

Kapitel 4

Die offene Abteilung erinnerte eher an eine Ferienanlage als an ein Krankenhaus: Die separaten Wohneinheiten waren im Bungalowstil gebaut und lediglich auf der Rückseite durch einen verglasten Gang miteinander verbunden. Jedes Gebäude hatte zum Garten hin eine eigene kleine Terrasse.

An der Eingangstür angekommen, übermannte Malin das Mitgefühl mit ihrem hungrigen Begleiter. »Den Rest schaff ich schon alleine. Nummer acht, nicht?«

»Genau«, brummte der Pfleger. Dann – als endlich der Groschen bei ihm gefallen war – hellte sich seine Miene auf und er rang sich sogar zu einem »Danke!« durch, bevor er in Richtung Cafeteria davonmarschierte.

In der Tür mit der Nummer acht steckte kein Schlüssel.

Ganz so groß scheint das Vertrauen der Ärzte doch nicht zu sein …

Malin schaute sich in ihrem neuen Zimmer um: helle, freundliche Ahornmöbel, die Tagesdecke auf dem Bett in zarten Blautönen und am Kopfende verziert mit einer ganzen Kissenparade; Ton in Ton in Blau, Grün und Türkis.

Swimmingpoolfarbe! Gruselig!

Nachdem sie die türkisfarbenen Kissen in den Kleiderschrank verbannt hatte, fühlte Malin sich gleich besser. Sie hatte keine Ahnung, wieso ihr diese ganz und gar unschuldige Farbe immer wieder ein derartiges Unbehagen einflößte.

Neben dem Schrank befand sich ein kleiner Schreibtisch mit Drehstuhl.

Aha! Ab heute werden sie mir wohl jede Menge Bleistifte, Kulis, Füller, Filzer und Schreibpapier erlauben. Aber wie ich die kenne, werden sie jede Gelegenheit nutzen, um heimlich nachzulesen, was ich da so hinschreibe.

Instinktiv griff sie nach dem MP3-Player in ihrer Jeanstasche.

Hallo, Dakota, wisperte sie, was ich denke, bleibt weiterhin unser Geheimnis, okay?

»Was hast du gesagt?«

Malin fuhr erschrocken zusammen. Man konnte ihr ja viel nachsagen, aber unter akustischen Halluzinationen litt sie ganz sicher nicht! Natürlich hatte Dakota ihr nicht wirklich eine Frage gestellt. Nein, sie hatte klar und deutlich eine Stimme gehört!

»Ich hab gesagt: Das Gesicht von der Kleinen ist mir gleich irgendwie bekannt vorgekommen.«

»Zeig mal.«

Draußen auf der Terrasse stand jemand! Den Stimmen nach zu urteilen ein Mann und eine Frau. Die beiden waren hinter den zugezogenen Vorhängen nur als Schattenrisse zu erkennen.

»Hier! Sie sieht genauso aus wie ihre Mutter auf dem Zeitungsausschnitt von damals.«

Die Frauenstimme klang nach zu viel Zigaretten.

Vielleicht eine von den Büroangestellten.

Malin schlich, ängstlich darauf bedacht, kein Geräusch zu machen, näher an die Terrassentür.

Das hört sich ja alles hochinteressant an!

»Wo hast ’n du den Artikel her? Ist doch Uralt Lavendel.«

»Der klemmte hinten in ihrer Akte.«

»Ej, und die Mutter hat ihren eigenen Lover vergiftet? In echt jetzt?«

»Na ja …«

»Krass!«

Die Männerstimme hörte sich sehr viel jünger an. Wahrscheinlich einer von den Pflege-Azubis.

»… zumindest hat sie das vorgehabt. Und sie hat’s auch beinahe geschafft: Der Typ hat nur mit knapper Not überlebt. Sein Sohn hat ihn wohl gerade noch rechtzeitig gefunden. Aber Mord oder missglückter Mord ist denen bei Gericht egal. Die haben sie trotzdem zu ›lebenslänglich‹ verknackt.«

»Boah. Scheiße für die Kleine, oder? Das muss man sich mal vorstellen: Lalü-lala, wir kommen und holen deine Mutti ab und bringen sie in ’n Knast? Wie alt war die denn damals?«

»Keine Ahnung. Knapp drei, schätz ich mal. Aber auch wenn die Kleine damals noch nicht bewusst mitgekriegt hat, was da abläuft: Wundert einen nicht, dass sie heutzutage nicht ganz richtig im Kopf ist.«

»Hey!!!« Der junge Mann hinter der Terrassentür stieß einen begeisterten Schrei aus. »Jetzt weiß ich! Und jetzt kapier ich das auch!«

»Was?«