Über die Autorin

Rebecca Gablé studierte Literaturwissenschaft, Sprachgeschichte und Mediävistik in Düsseldorf, wo sie anschließend als Dozentin für mittelalterliche englische Literatur tätig war. Heute arbeitet sie als freie Autorin. Sie lebt mit ihrem Mann am Niederrhein, verbringt aber zur Recherche viel Zeit in England. Nach zahlreichen historischen Romanen, die alle Bestseller wurden, ist dies ihr erstes historisches Sachbuch - das im HC natürlich auch auf der Bestsellerliste landete.

REBECCA GABLÉ

VON RATLOSEN UND
LÖWENHERZEN

Eine kurzweilige,
aber nützliche Geschichte
des
englischen Mittelalters

BASTEI ENTERTAINMENT

Inhalt

  1. Kapitel 1:
    Worüber reden wir hier eigentlich?
  2. Kapitel 2:
    450 – 1066: Die Angelsachsen
  3. Kapitel 3:
    1066 – 1154: Die Normannen
  4. Kapitel 4:
    1154 – 1399: Die Plantagenet
  5. Kapitel 5:
    1399 – 1461: Die Lancaster
  6. Kapitel 6:
    1461 – 1485: Die York
  7. Kurze Nachbemerkung
  8. Zeittafel
  9. Die Könige von England
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Kapitel 1
Worüber reden wir hier eigentlich?

Wenn man sich daran begibt, eine Geschichte des Mittelalters zu schreiben – oder zu lesen –, ist es vielleicht nicht das Dümmste, zuerst einmal zu fragen, was denn eigentlich »das Mittelalter« ist. Die Antwort ist ganz einfach: Niemand weiß es. Jedenfalls nicht so genau.

Der so oft und immer wieder erfolglos definierte Begriff kam schon im 14. Jahrhundert auf, obwohl das Mittelalter zu der Zeit kurioserweise noch gar nicht vorüber war. Ausgedacht haben sich dieses Wort die Humanisten, die der unbescheidenen, aber zutreffenden Auffassung waren, sie hätten ein neues Zeitalter eingeläutet, das sich logischerweise die Neuzeit nannte. Die Humanisten hielten große Stücke auf die philosophischen und wissenschaftlichen Errungenschaften der Antike, aber die rund tausend Jahre zwischen deren Ausklang und der soeben erfundenen Neuzeit betrachteten sie als eine dunkle Epoche, geprägt vom Verfall der griechischen und lateinischen Sprache und Bildung. Sie betitelten sie also als Mittelalter – eine Art intellektueller Sendepause –, die man getrost vernachlässigen könne. Die Aufklärung setzte ein paar Hundert Jahre später noch eins drauf und nannte das Mittelalter »finster«. Dieser Begriff hält sich hartnäckig, und wenn er in der Aufklärung lediglich die (angebliche) Finsternis der mittelalterlichen Unbildung beschrieb, bedient er heute unsere klischeehaften Vorstellungen von einem Zeitalter, das von Hungersnöten, Kriegen, Pest, Obrigkeitswillkür, Folter und Hexenverfolgung geprägt sei, was übrigens nicht stimmt. Also. Wir befassen uns hier mit der Zeit zwischen der hell strahlenden Antike und deren Wiederentdeckung durch die im wahrsten Sinne des Wortes epochemachenden Humanisten.

Und von wann bis wann genau soll dieses leidige Zwischenstadium gedauert haben?

Das ist nicht abschließend geklärt. Was die Dinge erschwert, ist die Tatsache, dass z. B. in Deutschland noch Mittelalter herrschte, als die Renaissance (ein weiterer Name für die Eröffnungsphase der Neuzeit) in Italien längst begonnen hatte.

Sagen wir also mit aller gebotenen Vorsicht: Das Mittelalter dauerte etwa von der Völkerwanderung, die Ende des 3. Jahrhunderts einsetzte, bis zur Verbreitung des Buchdrucks Ende des 15. Jahrhunderts. Diese Definition ist gerade deswegen brauchbar, weil sie Prozesse und nicht Zeitpunkte an den Anfang und das Ende der Epoche setzt.

In England ist bekanntlich alles ein wenig anders. Nicht nur fährt man dort auf der falschen Straßenseite, mäht den Rasen am Sonntag, betrachtet Mischbatterien als überflüssigen Schnickschnack und setzt ehrwürdigen Juristen drollige Perücken auf; auch in der Einteilung geschichtlicher Epochen gehen unsere Nachbarn auf der Insel eigene Wege und sagen: Bei uns dauerte das Mittelalter von ziemlich genau 450 bis ziemlich genau 1485. Das ist keine unbestrittene, aber eine weit verbreitete Meinung, und ich finde sie zumindest tauglich.

Warum, werden Sie verstehen, wenn Sie dieses Bändchen lesen.

Also, woll’n wir?

Kapitel 2
450 – 1066: Die Angelsachsen

Das englische Mittelalter begann mit einer Standortaufgabe: Um die Wende vom 4. zum 5. Jahrhundert war das römische Imperium von so vielen Feinden bedroht, dass es sich gezwungen sah, seine schöne, nebelverhangene Inselprovinz Britannia aufzugeben.

Vielleicht war der damalige Kaiser Honorius insgeheim ganz froh, dieses entlegene Abschreibungsobjekt loszuwerden, denn Britannia hatte den Römern viel Ärger beschert: Die ersten beiden Versuche unter Julius Caesar, Britannien zu erobern, waren 55 und 54 vor Christus ziemlich kläglich gescheitert, weil bei der Überfahrt zu viele Schiffe – mitsamt lebender Fracht – verloren gingen und die Insulaner unerwartet heftigen Widerstand leisteten.

Erst rund hundert Jahre später wagten die Römer im Jahr 43 n. Chr. in der Zeit des Kaisers Claudius einen neuen Versuch, und dieses Mal gelang es, längerfristig in Britannien Fuß zu fassen. Etwa der Teil der Insel, der heute England heißt, wurde römische Provinz. Vor allem der Süden erlebte eine kulturelle und wirtschaftliche Blüte, die nicht nur in den Ruinen von Bädern und Aquädukten bis heute ihre Spuren hinterlassen hat: Wenn man mit dem Auto von London nach Canterbury fährt, folgt man immer noch ziemlich genau der Straße, die die Römer angelegt haben. Apropos London: Es war die größte Handelsmetropole der Provinz Britannia und zählte rund 25 000 Einwohner. Doch, wie gesagt, die Freude der Römer an dieser blühenden Provinz, die ihnen vor allem Blei und Silber bescherte, war nie ungetrübt. Allen voran die wilden Pikten – die keltischen Bewohner des heutigen Schottlands – fielen so oft in Britannia ein, dass die Römer sich genötigt sahen, eine gewaltige Wehrmauer, den »Hadrianswall«, zu bauen, um sie fernzuhalten. Später heuerten sie gelegentlich auch sächsische Söldnerhorden an, um die Pikten quasi mit ihren eigenen Waffen zu schlagen. Aber rund dreihundert Jahre nach der Besatzung hatten die Römer zu Hause erdrückende Sorgen, weil unter anderem auch die Vandalen jetzt hin und wieder in Rom und seinen südeuropäischen Provinzen vorbeischauten, und wie der Name schon erahnen lässt, waren sie keine besonders netten oder willkommenen Besucher. Also segelten die Römer heim.

Die britischen Kelten blieben sich somit selbst überlassen, und vielleicht sollte man meinen, dass sie den römischen Imperialisten keine Träne nachweinten, aber ganz so war es nicht. Viele von ihnen – vor allem die einheimische Aristokratie – hatten Geschmack an römischer Lebensart und der hoch gerühmten römischen Kultur gefunden. Sie sprachen Latein, besuchten römische Bäder und Theater und hatten sich der neuen römischen Staatsreligion – dem Christentum – zugewandt. Sie fühlten sich im Stich gelassen, teilten das Land dennoch unverdrossen unter sich auf und versuchten, die Verwaltung, die öffentliche Ordnung und die Verteidigung aufrechtzuerhalten.

Aber natürlich hatte der Abzug der Römer und vor allem ihrer Legionen ein Machtvakuum hinterlassen. Die bereits erwähnten Pikten aus Schottland und die kaum weniger wilden Scoten aus Irland (verwirrend, ich weiß) witterten nach dem Abflug der römischen Adler ihre Chance und unternahmen neue Überfälle auf ihre Nachbarn. Die Briten mussten bald feststellen, dass sie allein nicht mit ihnen fertig wurden, und taten das, was die Römer ihnen vorgemacht hatten: Sie engagierten germanische Söldnerverbände, um die Pikten und Scoten zu vertreiben. Und damit kommen wir zur ersten von vielen fatalen Fehlentscheidungen, denen Sie in diesem Buch begegnen werden. Diese germanischen Söldner – die aus dem heutigen Norddeutschland stammten und von den Briten als »Sachsen« bezeichnet wurden – vertrieben zwar die einfallenden Aggressoren, weigerten sich dann aber, wieder nach Hause zu gehen. Sie fanden das Land fruchtbar, das Klima mild, die Einheimischen uneins und nicht besonders wehrhaft. Etwa um das Jahr 450 begannen sie, ihre Frauen, Kinder, Brüder und sonstige Sippschaft zu holen und eigene Herrschaftsgebiete zu gründen. Das war der Beginn der sächsischen Besiedlung – was den Sachsen klar gewesen sein dürfte – und ebenso der Beginn des englischen Mittelalters – was ihnen eher unklar gewesen sein dürfte.

Und was mag es für ein Land gewesen sein, das sie vorfanden? Auf jeden Fall war es wilder, als wir uns das ohne Mühe vorstellen können. Schätzungsweise achtzig Prozent seiner Fläche waren von dichten Wäldern bedeckt, die neben allen heute noch verbreiteten Wildarten auch von Wölfen und Braunbären bevölkert waren. Wenn jemand in den Wald ging, war es keine Selbstverständlichkeit, dass er auch wieder herauskam. Wo kein Wald war, lag Marschland, das teilweise sehr sumpfig war, sodass gerade die Flussniederungen oft unbewohnbar waren. In all dieser ungezähmten Wildnis fand sich hier und da eine Siedlung, wo die Bauern nicht nur dem Boden die Ernte, sondern auch dem Wald den Boden abringen mussten. Außer London und York gab es kaum nennenswerte Städte, und selbst diese boten ein eher dörfliches Bild mit Gemüsebeeten und Obstbäumen an den Häusern und mehr Schweinen und Hühnern als Fuhrwerken auf den schlammigen Straßen. Kein lieblicher Garten Eden also, und trotzdem siedelten die Sachsen in diesem Land. Ihnen folgten ein paar Jüten, ein paar Friesen und viele Angeln, und diese germanische Heimsuchung wurde bald die »Angelsachsen« genannt. Wie Wölfe in den Schafspferch habe man sie ins Land gelassen, schrieb ein Chronist. Ein friedliches Nebeneinander der britischen Ureinwohner und der angelsächsischen Einwanderer gestaltete sich schwierig. Einmal abgesehen vom harten Verteilungskampf unter schwierigen Lebensbedingungen gab es auch nichts, das sie gemeinsam hatten. Keine Sprache, denn die einen waren Kelten, die anderen Germanen. Keine Religion, denn die Kelten waren entweder Christen oder Anhänger ihrer alten Naturreligion, während die Angelsachsen Wotan und Thor um Beistand in ihren Schlachten baten. Oft fanden ihre Gebete Gehör, und über die nächsten 250 Jahre rissen die Angelsachsen sich die einstige römische Provinz Britannia fast vollständig unter den Nagel. Die keltischen Briten wurden ins heutige Wales und Cornwall abgedrängt. Nicht einmal ihr Anführer Artus, der sich den Angelsachsen in zwölf Schlachten entgegenwarf und zwölfmal siegte (und das ist alles, was es an historischen Belegen über ihn gibt), konnte verhindern, dass sie von der Bühne der englischen Geschichte verschwanden.

Bis zum Jahr 700 hatten die germanischen Siedler sieben Königreiche gebildet: Kent, Ostsachsen (Essex), Südsachsen (Sussex), Westsachsen (man ahnt es schon: Wessex), East-Anglia, Mercia und Northumbria, die bis ins neunte Jahrhundert Bestand hatten. »Heptarchie« wird diese Epoche genannt, wegen der Anzahl der Königreiche (sieben heißt auf Griechisch »hepta«) und weil man mit einem griechischen Fremdwort bei den Unbedarften immer Eindruck schinden kann. Die Angeln, Sachsen, Jüten und Friesen konnten aber kein Griechisch und nannten sich selbst der Einfachheit halber »Angelcynn«, was »Volk der Angeln« heißt, und ihr Land »Engla-Land«, was, wie Sie sicher erraten haben, »Land der Angeln« bedeutete.

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England im 8. Jahrhundert: »Heptarchie«. Die hier eingezeichneten Grenzen sollen nur eine etwaige Vorstellung geben. In Wahrheit verschoben sie sich ständig.

Das führte zu einem ebenso drolligen wie folgenschweren Missverständnis: Als Papst Gregor der Große von diesem Land und diesem Volk hörte, war er überzeugt, der Name sei ein göttliches Zeichen, eine Aufforderung, diese Menschen zu missionieren und zu »Engeln Gottes« zu machen. Also schickte er umgehend einen Mönch namens Augustin ins ferne Britannien, der dort 597 ankam. Augustin hatte das große Glück, dass er in Kent landete, denn es war das weltoffenste der sieben Königreiche, unterhielt aufgrund seiner Geografie engeren Kontakt zum Kontinent als seine Nachbarn, und die kentische Königin Bertha entstammte dem fränkischen Königshaus und war schon getauft. So wurde Augustin also nicht Wotan und Thor geopfert, sondern Berthas Gemahl Æthelbercht, der König von Kent, ließ sich zum neuen Glauben bekehren. Vielleicht aus Überzeugung. Vielleicht auch nur, damit Bertha endlich Ruhe gab. Das ist nicht überliefert.

Jedenfalls setzte von Kent aus eine Missionsbewegung in nördlicher und westlicher Richtung ein, und eine zweite begann 633 von Norden aus unter der Führung irischer Mönche, die auf der zu Northumbria gehörenden Insel Lindisfarne ein Kloster und einen Bischofssitz gründeten. Die Christianisierung der heidnischen Angelsachsen ging natürlich nicht reibungslos und ohne Rückschläge vonstatten, doch schon in der zweiten Hälfte des siebten Jahrhunderts war praktisch ganz »Engla-Land« bekehrt (wenn auch sicher nicht alle Einwohner Engel geworden waren).

Anfangs waren die Missionare aus Rom und aus Irland einander nicht grün, weil sie unterschiedlichen Glaubenstraditionen angehörten. Der Streit machte sich vor allem an der Frage fest, wie das Osterfest zu berechnen sei. Das kommt uns heute albern vor, doch wir sollten nicht vergessen, dass Ostern das höchste aller christlichen Feste ist und die Fähigkeit, diesen wichtigen Tag zu bestimmen, eine Art Symbol für das Wissensmonopol der Kirche in allen Glaubensfragen darstellte. 663 fand im Kloster zu Whitby eine Synode statt, auf der diese und andere Streitfragen zugunsten der römischen Fraktion entschieden wurden. (Wer je in Whitby war, wird sich vielleicht fragen, warum diese wichtige Synode ausgerechnet auf einer so entlegenen, stürmischen Klippe an der Küste von Yorkshire stattfand. Die Antwort ist: Hild, die Äbtissin von Whitby, war die Großnichte des Königs von Northumbria. Vermutlich wollte sie einfach mal ein großes Event ausrichten, oder vielleicht wollte sie in die Geschichte eingehen, was ihr ja auch gelungen ist. Und gute Beziehungen konnten eben schon im 7. Jahrhundert das Unmögliche möglich machen.)

Damit war der Kirchenstreit jedenfalls beigelegt, und viele Historiker glauben, dass dies eine wichtige Voraussetzung für den politischen Einigungsprozess des angelsächsischen Englands war. Wie überall in Europa setzte mit der Christianisierung jedenfalls eine rasche kulturelle Entwicklung ein, die uns z.B. die ersten schriftlichen Belege der angelsächsischen Sprache bescherte. In Canterbury, York und Winchester wurden Klöster gegründet, deren Schulen bald hoch gerühmt waren, und das Kloster zu Jarrow (unweit von Durham) und seine umfangreiche Bibliothek brachten den größten englischen Gelehrten dieser Epoche hervor: Beda Venerabilis, der zu den Kirchenvätern zählt und dank seiner historischen Schriften zu den wichtigsten Quellen über die angelsächsische Epoche.

So hätten also in »Engla-Land« rosige Zeiten anbrechen können, doch die Angelsachsenchronik berichtet im Jahr 793 von furchtbaren Omen: Schreckliche Wirbelwinde und Blitze habe man am Himmel über Northumbria gesichtet, gefolgt von feurigen Drachen und einer Hungersnot, und am 8. Januar seien plündernde Heiden auf der Klosterinsel Lindisfarne eingefallen, hätten geraubt und gemordet und die Kirche zerstört, ehe sie wieder verschwanden.

Dieses traumatische Erlebnis des ersten Wikingerüberfalls (vermutlich handelte es sich um Dänen) war der Beginn eines lange währenden Albtraums für die Angelsachsen, die ja schließlich besser als die meisten wussten, dass man an einer Küste landen, ein ganzes Land erobern und seine Einwohner vertreiben oder versklaven konnte, wenn man sich nur genug Mühe gab. Und die Dänen gaben sich Mühe: Wieder und wieder kamen sie mit ihren Schiffen über die Nordsee und überfielen die Klöster entlang der Küste und befahrbaren Flüsse, weil es gerade in den Klöstern so schön viel Gold und Silber zu rauben gab. Aber damit begnügten sie sich nicht lange. Im Laufe des 9. Jahrhunderts wurden aus den gelegentlichen Überfällen systematische Raubzüge gegen ganze Küstenstriche, unter denen die Bevölkerung unsäglich zu leiden hatte. 865 fielen die Dänen mit einem großen Heer ein, und dieses Mal kamen sie endgültig, um zu bleiben: Sie eroberten Northumbria, East-Anglia und den nordöstlichen Teil Mercias. Erfolgreich Widerstand leisteten hingegen die Sachsen von Wessex, wo in diesen finsteren Zeiten die erste Lichtgestalt der englischen Geschichte hervortrat: König Alfred der Große.

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Angelsächsischer Helm aus dem 7. Jh., gefunden in der berühmten Ausgrabung von Sutton Hoo

Alfred kam 848 oder 49 als jüngster von mindestens vier Söhnen des Königs von Wessex zur Welt, und weil er ja so viele große Brüder hatte, kam niemand auf den Gedanken, dass der kleine Alfred einmal König werden sollte. Durchaus möglich, dass er für eine kirchliche Laufbahn vorgesehen wurde – seinen Antrittsbesuch in Rom machte er jedenfalls mit fünf Jahren. Seine Mutter war eine belesene Frau und verstand es, in Alfred eine Liebe zur Literatur zu wecken, die für einen Mann seiner Epoche als höchst wunderlich galt.

Die Zeiten waren kriegerisch und auch das Leben eines Königs schnell verloren – 871 waren Alfreds Vater und all seine Brüder tot, und so wurde der Zweiundzwanzigjährige unerwartet König von Wessex. Noch im selben Jahr errang er den ersten Sieg über die Dänen, und 878 schlug er sie bei Edington so vernichtend, dass dem dänischen König Guthrum nichts anderes übrig blieb, als sich entgegen seiner Gewohnheit an das anschließende Friedensabkommen zu halten und sich nach Norden zurückzuziehen. Um seinen guten Willen zu beweisen, ließ er sich sogar taufen.

Es ist seltsam, dass ausgerechnet Alfred die wilden Nordmänner das Fürchten lehrte, denn er war kein gewaltiger Recke, sondern ein kränklicher Intellektueller. Er litt an so ziemlich jedem damals bekannten Gebrechen und auch an unbekannten – Morbus Crohn, zum Beispiel, wird heute vermutet. Eine besonders heftige Attacke überfiel den Ärmsten am Tag seiner Hochzeit, was manche als Indiz dafür werten, dass er sich eigentlich zu einem Leben für Gott verpflichtet oder berufen fühlte. Fünf Kinder bekamen er und seine Frau Ealhswith trotzdem. Alfred war nicht daran gelegen, den Dänen ein knappes Jahrhundert wiederholter Überfälle heimzuzahlen, sondern vornehmlich am Wohlergehen der Engländer. Und Alfred war Realist. Darum schloss er einen Friedensvertrag mit den Dänen, der ihnen die nordöstliche Hälfte Englands, die sie sowieso schon besetzt hielten, als eigenes Territorium zugestand. Dort konnten sie nach Herzenslust siedeln und nach ihren eigenen Gesetzen leben. Nach und nach gewöhnten die dänischen und angelsächsischen Nachbarn sich aneinander, trieben Handel und begannen zu verschmelzen. Das war nicht einmal so schwierig, denn ihre Sprachen und kulturellen Wurzeln waren sich sehr ähnlich.

Alfred ruhte sich derweil nicht auf seinen Lorbeeren aus: Die Friedenszeiten nach der Einigung mit den Dänen nutzte er zum Bau einer Flotte und befestigter Wehranlagen und Städte. Vor allem diesen vorausschauenden Maßnahmen war es zu verdanken, dass die neuen dänischen Piraten, die England in den 890er Jahren regelmäßig besuchten, wenig Erfolg hatten. Doch er tat noch mehr: Durch Diplomatie und geschickte Heiratspolitik brachte er das gesamte angelsächsische England unter seine Vorherrschaft und wurde bald als »König der Angelsachsen« anerkannt. In diesem Sinne ist es richtig, Alfred als den ersten König von England zu bezeichnen. Er gab seinem Land neue Gesetze und sah es als die Pflicht eines Königs an, für das Wohlergehen seines Volkes Sorge zu tragen. Zu diesem Zweck startete er eine Bildungsinitiative und ließ historische, philosophische und politische Schriften aus dem Lateinischen ins Angelsächsische übersetzen. Manche glauben, dass er diese Übersetzungen teilweise sogar selbst anfertigte. Alfred wusste, dass viele Priester im Land nicht genug Latein konnten, um zum Beispiel die Cura Pastoralis Gregors des Großen im Original lesen zu können, doch er wollte, dass dieses Werk, welches er in Fragen der Seelsorge, aber auch der Verwaltungspraxis für so wichtig hielt, jedem Geistlichen zugänglich sei. Also ließ er die Übersetzung zigmal abschreiben (rund fünfhundert Jahre trennen uns noch von der Erfindung der Druckerpresse) und ins ganze Land verschicken. Seine Zeitgenossen mögen über so neumodische Ideen die Köpfe geschüttelt haben. Heute gilt Alfred als Visionär, der seinem Land nicht nur eine kulturelle Blütezeit bescherte, sondern auch ungewöhnlich lange Friedenszeiten und zumindest die Anfänge einer nationalen Identität.

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Unvergessen: Statue Alfreds des Großen in Winchester

Er starb 899 mit rund fünfzig Jahren. Sein Sohn und dessen Nachfolger brachten den dänischen Nordosten Englands nach und nach unter ihre Kontrolle und erweiterten den angelsächsischen Machtbereich bis an die schottische Grenze, doch Ruhe hatten sie selten. Der norwegische König Erik »Blutaxt« kam beispielsweise in den 950ern nach England, um seinem Namen dort alle Ehre zu machen.

Während der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts schienen Raubzüge gegen England in Dänemark und Norwegen jedoch vorübergehend aus der Mode gekommen zu sein, und diese Ruhephase ermöglichte eine neuerliche kulturelle Blütezeit in England, die vor allem vom Benediktinerorden getragen wurde und neben vielen Klostergründungen auch einen Großteil der angelsächsischen Literatur hervorbrachte, die heute noch erhalten ist. Doch diesem beinah goldenen Zeitalter folgte ein sehr finsteres, und das bringt uns zum ersten Unglücksraben der englischen Geschichte: König Æthelred, dem die Chronisten den vielsagenden Beinamen »the Unready« verpassten, was aber nicht »der Unfertige« heißt, sondern eher »der Unberatene« oder auch »der Ratlose«.

Nach dem Tod seines Vaters wurde erst einmal Æthelreds älterer Halbbruder Edward König, der die Unterstützung der Kirche, vor allem des mächtigen Erzbischofs von Canterbury, genoss. Doch gab es eine Gruppe unzufriedener Adliger, die für die neuen Klostergründungen Land hatten hergeben müssen und von der gewachsenen Macht der Priester und Mönche gar nicht so entzückt waren. Diese Unzufriedenen wurden von Æthelreds Mutter angeführt. (Sie wollen wissen, wie sie hieß? Bitte, auf eigene Gefahr: Ihr Name war Ælfthryth.) Ausgerechnet auf einem ihrer Güter wurde der oben genannte Edward – ihr Stiefsohn – ermordet, und natürlich wurden die böse Stiefmutter und ihr Sohn Æthelred, obwohl der erst zehn oder zwölf Jahre alt war, für diese Bluttat verantwortlich gemacht.

Trotzdem folgte Æthelred 978 seinem Halbbruder Edward (der den viel hübscheren Beinamen »der Märtyrer« bekam) auf den Thron. Dieser stand in Winchester, welches so etwas wie die Hauptstadt des damaligen Englands war, und der Bischof von Winchester war ein besonnener Mann, der den kleinen König unter seine Fittiche nahm und ihm beizubringen versuchte, was ein Herrscher können und wissen muss. So hätte vielleicht doch noch alles gut werden können, aber der Bischof starb schon 984. Da war Æthelred sechzehn oder achtzehn. Alt genug nach damaliger Sitte, um allein zu herrschen, aber natürlich noch zu jung, um gute von schlechten Ratgebern unterscheiden zu können. Auf Betreiben einer Handvoll Adliger und Höflinge, denen es vor allem um ihre persönliche Bereicherung ging, enteignete Æthelred einige Klöster und legte sich mit verschiedenen Bischöfen an.

Kein Wunder also, dass seine Untertanen es als Strafe Gottes ansahen, als die Wikinger wieder in England einfielen, und zwar in größerer Zahl und hartnäckiger als je zuvor. Was vielleicht auch daran gelegen haben mag, dass die gefürchteten Nordmänner seit 910 eine eigene Herrschaftsbasis vor Englands Haustür besaßen: die Normandie.

Die Dänen machten es sich sogar zur Gewohnheit, die Wintermonate, während derer die Witterung das Brandschatzen, Morden und ihre übrigen Hobbys unmöglich machte, in England zu verbringen, damit sie es nicht so weit hatten, wenn sie im Frühling wieder losschlagen wollten. Und weil Æthelred einfach kein militärisches Mittel fand, um mit ihnen fertig zu werden, bot er ihnen Geld, damit sie verschwanden. Das fing 991 mit einer Summe von 10 000 Pfund an. Die Dänen nahmen das Geld dankend entgegen, blieben in England und machten genauso weiter wie vorher. Darum versuchte Æthelred, was auch die keltischen Briten schon mit so katastrophalen Folgen probiert hatten: Er heuerte dänische Söldner an, um die Wikinger aus dem Land zu jagen. Die Söldner kämpften anfangs auch für die Engländer, überlegten es sich dann aber anders und wechselten die Seiten. Da befahl der schlecht beratene Æthelred im Jahr 1002, alle Dänen in England zu ermorden. Es gab ein grauenhaftes Massaker, welches natürlich zu keiner Lösung führte, sondern alles nur noch schlimmer machte. Mit neuer Wut und neuen Heeren kamen die Dänen wieder, und erneut versuchte Æthelred, sie mit Geldzahlungen zu bewegen, davonzusegeln. Diese völlig nutzlose Maßnahme verschlang von Jahr zu Jahr größere Summen – bis zum Jahr 1012 waren es insgesamt etwa 120 000 Pfund –, und die leidgeprüften Engländer stöhnten unter der ständig wachsenden Steuerlast. Das ist der eine Grund, der Æthelred seinen anhaltend schlechten Ruf eintrug. Ein zweiter ist, dass er ein Bündnis mit der Normandie einging, damit deren Herzog endlich aufhörte, den Dänen in seinen Häfen Unterschlupf zu gewähren. Und um das Bündnis zu festigen, heiratete Æthelred – der praktischerweise gerade verwitwet war – die Schwester des Herzogs von der Normandie, Emma. Die Idee war eigentlich gar nicht einmal so dumm. Dass sie der Anfang vom Ende des angelsächsischen Englands war, konnte Æthelred nun wirklich nicht ahnen.

Der erste Akt der Tragödie vom Untergang der Angelsachsen hatte aber zu Beginn gar nichts mit Emma und den Normannen zu tun, sondern mit der militärischen Überlegenheit der Dänen und der Tatsache, dass Æthelreds Regierung bis zur Handlungsunfähigkeit zerstritten war und die Engländer von alldem die Nase gestrichen voll hatten. Als der dänische König Sven »Gabelbart« 1013 nach England kam, fiel ihm das Land praktisch ohne Widerstand in die Hände. Der ratlose Æthelred floh in die Normandie, und 220 Jahre nach dem ersten Wikingerüberfall wurde ein Däne König von England. Atmen Sie auf, weil Sie glauben, jetzt kehre endlich mal ein bisschen Ruhe ein? Daraus wird leider nichts, denn König Sven starb schon nach ein paar Wochen. Sein Sohn Knut folgte ihm auf den dänischen Thron, aber die Engländer gerieten ins Wanken. Was wollte Gott ihnen wohl damit sagen, dass er den fremden König so rasant schnell wieder vom Thron abberufen hatte? Also schön, entschieden sie, dann also wieder her mit König Æthelred. Sie holten ihn 1014 aus dem Exil zurück, allerdings mit der Auflage, zukünftig gefälligst besser zu regieren. Und dann ging es Schlag auf Schlag: Æthelred starb 1016, und ihm folgte einer seiner Söhne aus erster Ehe mit Namen Edmund »Eisenseite«. Aber Sie brauchen sich seinen Namen nicht zu merken, denn Edmund starb noch im November des gleichen Jahres. Sven »Gabelbarts« Sohn Knut, der ohnehin der Meinung war, die englische Krone müsse ihm als Teil des väterlichen Erbes zustehen, nutzte die Gunst der Stunde und wurde der zweite dänische König auf dem englischen Thron.

Zum Glück war Knut ein guter König, der mehr auf Aussöhnung denn auf Unterdrückung setzte und sich, wie man heute sagen würde, hervorragend integrierte: Er achtete das englische Recht, betätigte sich als großzügiger Gönner und Förderer der Kirche wie die besten seiner englischen Vorgänger, er heiratete Æthelreds Witwe, die normannische Prinzessin Emma, und nahm sich obendrein noch eine richtige Engländerin als Nebenfrau. Die knapp zwanzig Jahre seiner Regentschaft waren eine lang ersehnte Friedenszeit. (Da die Wikinger England ja nun besaßen, schien es ihnen wohl wenig sinnvoll, es weiterhin heimzusuchen.)

Als Knut 1035 starb, folgte ein neuerliches langes Durcheinander um die Nachfolge, denn nicht nur hatte Knut von seinen zwei Frauen mindestens zwei Söhne, die in Frage kamen, sondern auch der ratlose Æthelred hatte zwei Söhne hinterlassen, die im normannischen Exil lebten und Anspruch auf die Krone erhoben. Der Jüngere der beiden, Alfred, kam nach Knuts Tod mal herüber nach England, um zu sehen, wie die Dinge standen. Aber Godwin, der Earl of Wessex – ein Mann, von dem wir noch hören werden –, ließ ihn gefangen nehmen und blenden. Das schien ihm ein probates politisches Mittel, die Nachfolge in seinem Sinne zu entscheiden, denn wer blind ist, kann nicht König werden, galt damals. Man musste einen unliebsamen Kandidaten also nicht gleich umbringen, um ihn aus dem Weg zu räumen. Ich bin ja schließlich kein Unmensch, wird Godwin sich gesagt haben. Doch beim Blenden des unglückseligen Alfred gab es eine unappetitliche Panne, und das Opfer dieser handfesten politischen Intrige starb.

Edward, der zweite Bruder im normannischen Exil, war klug genug, die Botschaft zu verstehen, und blieb vorerst, wo er war, bis Knuts Söhne Harald »Hasenfuß« (was mehr auf schnelle Füße als auf ein feiges Herz hindeutet) und Harthaknut nacheinander regiert hatten und gestorben waren und 1042 schließlich nur noch er – Edward – übrig war.

So kehrte also mit Æthelreds Sohn ein Spross des angelsächsischen Königsgeschlechts auf den englischen Thron zurück, und zwar ein Spross, der keinerlei verwandtschaftliche Bindung zum dänischen Herrscherhaus hatte, wohl aber zum normannischen: Seine Mutter war die bereits erwähnte Emma, und deren Neffe, Herzog Robert »der Teufel«, hatte Edward jahrzehntelang an seinem Hof in Rouen Obdach geboten. So ist es also nicht verwunderlich, dass König Edward normannisch geprägt war und beinah als Fremder nach England kam. Dort empfing ihn mit offenen Armen und großer Herzlichkeit Godwin, der Earl of Wessex. Sie erinnern sich? Er hatte Edwards Bruder ermordet, was der junge König aber nur vermuten und nicht beweisen konnte. Außerdem war Godwin – verheiratet mit König Knuts Schwester – der mächtigste Mann in England, und Edward musste das Regieren erst noch lernen. Also vertraute er sich wohl oder übel Godwins Führung an und heiratete dessen Tochter Edith.

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Edward »der Bekenner«

Tatsächlich war es so, dass während Edwards vierundzwanzigjähriger Regentschaft meist Godwin und dessen Söhne die Zügel in der Hand hielten, denn der König war ein wenig weltfremd und überaus fromm und widmete sich lieber dem Kirchenbau als den Regierungsgeschäften. Darum ging er auch als Edward »der Bekenner« in die Geschichte ein. 1051 raffte er sich einmal zu ungewohnter Tatkraft auf, versuchte, Godwins Macht zu brechen, und schickte ihn ins Exil.

Etwa in die gleiche Zeit fällt ein Ereignis, von dem manche behaupten, es habe niemals stattgefunden: Einem Bericht zufolge bekam König Edward Besuch von seinem Cousin William, dem Herzog der Normandie. Dieser William – ebenfalls ein Mann, von dem wir noch hören werden – war der uneheliche Spross einer skandalösen Liaison zwischen Herzog Robert »dem Teufel« und einer schönen Gerberstochter aus Falaise, und darum war er seinen Zeitgenossen als William »der Bastard« bekannt. Aber Bastard oder nicht, als sein Vater 1035 auf einer Pilgerfahrt nach Jerusalem starb, war William sein einziger Sohn und erbte mit sieben oder acht Jahren den Herzogstitel seines Vaters. Lange und hart musste er kämpfen, um nach dem Titel auch die Macht zu gewinnen, doch als er 1051 zu seinem Cousin Edward nach England kam, war William ein Herrscher, der nicht nur seine Untertanen in der Normandie, sondern auch seine französischen Nachbarn das Fürchten gelehrt hatte – den König von Frankreich inklusive. Genau der Richtige also, um Ordnung im ewig rastlosen England zu schaffen, fand der fromme Edward, dessen Ehe mit seiner – angeblich ungeliebten – Königin kinderlos geblieben war. Und so fragte Edward seinen normannischen Cousin William, ob der zufällig Lust habe, nach ihm König von England zu werden. William fand, das sei eine hervorragende Idee, und segelte zufrieden nach Hause, um sich wieder mit seinen französischen Nachbarn zu schlagen.

Bald darauf kehrten Godwin und seine Söhne aus dem Exil zurück nach England, mächtiger denn je. Doch 1053 starb Godwin. Unter etwas dubiosen Umständen kippte er an der königlichen Tafel zu Winchester von der Bank, aber die Beschreibung des Ereignisses klingt mehr nach Schlaganfall denn nach Giftmord. Ihm folgte sein Sohn Harold Godwinson als Earl of Wessex und graue Eminenz hinter dem Thron. Wie sein Vater vor ihm regierte Harold mit eiserner Hand über England, dessen König und eine Schar von Brüdern, schlug die Wikinger zurück, wenn sie es wagten, ihre Nasen an der englischen Küste zu zeigen, und wenn keine kamen, drangsalierte er die Waliser, denn ähnlich wie William von der Normandie betrachtete er den Krieg als die sinnvollste Beschäftigung für einen Ehrenmann.

1064 reiste Harold Godwinson im Auftrag König Edwards in die Normandie. Es ist nicht ganz klar, warum. Aber wahrscheinlich bestand seine Mission darin, das Versprechen der Krone an William zu erneuern, und bei diesem Besuch schwor der mächtige Harold Godwinson einen heiligen Eid, Williams Thronanspruch zu unterstützen.

Doch als der fromme Edward am 5. Januar 1066 starb, wollte Harold davon nichts mehr wissen. Ihn habe der König auf dem Sterbebett zum Nachfolger bestimmt, behauptete er. Die Weisen des Reiches berieten, wie denn nun zu verfahren sei, und weil eigentlich niemand in England einen Normannen auf dem Thron wollte, krönten sie Harold Godwinson am 6. Januar 1066 zum letzten angelsächsischen König von England.

William bekam einen seiner berüchtigten Wutanfälle und befahl, eine Flotte zu bauen, um das berühmteste Ereignis der englischen Geschichte in Gang zu setzen: The Norman Conquest – die normannische Eroberung.

Erst einmal blies ihm der Wind jedoch mächtig ins Gesicht, und das im wahrsten Sinne des Wortes: Ein stetiger Nordwind hielt seine Flotte an der normannischen Küste fest, denn auch die mordernsten Schiffe konnten zu jener Zeit nur vor dem Wind fahren, nicht aber kreuzen. William verstand die Welt nicht mehr: Er hatte sich sein Eroberungsvorhaben vom Papst als »Kreuzzug« absegnen lassen. (Der Papst war unter anderem deswegen wütend auf die Engländer im Allgemeinen und Harold Godwinson im Besonderen, weil sie an einem Erzbischof von Canterbury festhielten, den er exkommuniziert hatte.) Da William also den Segen der Kirche in der Tasche hatte, wie konnte Gott ihm dann den falschen Wind schicken?

Aber Gott hatte William nicht verlassen, ganz im Gegenteil. Denn William war nicht der Einzige, der seinen begehrlichen Blick auf das Land der schwer geprüften Engländer gerichtet hatte. Es gab noch einen zweiten potenziellen Eroberer, nämlich Harald »Harderade«, den König von Norwegen (der den Anspruch auf die englische Krone auf verschlungenen Pfaden von den dänischen Königen geerbt hatte – oder das zumindest glaubte). Harald »Harderade« kam jedenfalls mit genau dem Nordwind, der William an den Rand der Verzweiflung blies, nach England gesegelt und brachte 250 Schiffe voller Soldaten mit. Harold Godwinson zog mit seiner Armee in Eilmärschen nach Norden. Am 25. September 1066 kam es bei Stamford Bridge (unweit von York) zur Schlacht, in welcher die Engländer einen entscheidenden Sieg errangen und der König von Norwegen fiel. (Vielleicht kein großer Verlust, denn »Harderade« heißt ungefähr so viel wie »harte Herrschaft«.)

Dann drehte der Wind, und William ging mit seinen rund 7000 Soldaten an Bord seiner Schiffe und segelte los.

Harold Godwinson und seine siegreiche, aber erschöpfte Armee hörten, dass die Normannen unterwegs seien, und zogen in neuerlichen Eilmärschen nach Süden. Als sie ankamen, waren sie natürlich vollkommen erledigt.

Bei der »Schlacht am grauen Apfelbaum«, wie sie damals hieß, trafen ein paar Kilometer außerhalb von Hastings am 14.10.1066 Harold Godwinson und seine müden Engländer auf William »den Bastard« und seine Normannen, die zahlenmäßig unterlegen, dafür aber ausgeruht waren. Harold Godwinson fiel in der Schlacht (nicht durch einen Pfeil ins Auge, wie immer noch gern behauptet wird, sondern von den Normannen niedergeritten und anschließend in viele kleine Stücke zerhackt), und als die Sonne unterging, hatte William gesiegt und einen neuen Beinamen: Aus dem Bastard war »der Eroberer« geworden.

An dieser Stelle fängt in den meisten Werken zur englischen Geschichte ein neues Kapitel an. Und das ist auch sinnvoll, denn nach dem Sieg der Normannen war in England nichts mehr wie vorher.

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Schlacht von Hastings im Teppich von Bayeux

Doch bevor wir uns diesem neuen Kapitel zuwenden, das William aufschlug, wollen wir noch einen Blick auf Land und Leute im angelsächsischen England werfen. Dabei ist es schwierig, allgemeingültige Aussagen zu treffen, denn wir haben es hier mit einer Epoche zu tun, die 600 Jahre währte. Vor der Christianisierung waren die sozialen und gesellschaftlichen Verhältnisse natürlich anders als danach, und Gesetze und Bräuche entwickelten sich in den Landesteilen, die lange unter dänischem Einfluss standen, ganz anders als beispielsweise in Kent. Trotzdem versuchen wir es mal.

Die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung waren Bauern. Arme Bauern wohnten mit ihren Familien in einräumigen Holzhütten und bestellten eine Scholle, die meistens ihr Eigentum, aber nicht immer groß genug war, um eine Familie zu ernähren. Für diese Menschen waren jede schlechte Ernte und jeder harte Winter lebensbedrohlich. Reiche Bauern wohnten in komfortableren, ebenfalls aus Holz gebauten Häusern. Wenn sie es auf einen Landbesitz von 5 Hufen brachten (je nach Gegend zwischen 125 und 250 Hektar), eine eigene Kirche bauten und ein paar andere Kriterien erfüllten, konnten sie in den niederen Adel aufsteigen und ein ThaneThaneThane