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Ulrich Offenberg

FRIEDRICH
DER GROSSE

© Verlag KOMPLETT-MEDIA GmbH

2008, München/Grünwald

eBook-Herstellung und Auslieferung:

HEROLD Auslieferung Service GmbH

Geschichts-Daten


24. Januar 1712: Geburt Friedrichs II. des Großen
31. Januar 1712: Taufe Friedrichs, Erziehung durch Gouvernante Marthevon Roucoulle
26. Februar 1713: Tod des Großvaters Friedrich I.
1718: Erziehung durch General Finck von Finckenstein und Oberst Kalckstein
1728: Vermutliche Ansteckung mit Geschlechtskrankheit
1730: Pläne zur Verheiratung Friedirchs mit Englischem Königshaus
31. Juli 1730: Gescheiterter Fluchtversuch
4. September 1730: Friedrich wegen Flucht vor Gericht
6. November 1730: Hinrichtung von Fluchthelfer Leutnantvon Katte
1731: Ende der Haft
12. Juni 1733: Hochzeit mit Elisabeth Christine von Braunschweig-Bevern
1736: Kauf und Ausbau von Schloss Rheinsberg Erster brieflicher Kontakt zu Voltaire
31. Mai 1740: Tod des Vaters Friedrich Wilhelm I.
16. Dezember 1740: Beginn des Ersten Schlesischen Krieges
10. April 1741: Schlacht bei Mollwitz
1741: Einzug in Schloss Sanssouci
17. Mai 1742: Schlacht bei Chotusitz, Sieg Friedrichs
28. Juli 1742: Friede von Berlin
15. August 1744: Einmarsch in Böhmen, Beginn des Zweiten Schlesischen Krieges
4. Juni 1745: Schlacht bei Hohenfriedberg
15. Dezember 1745: Schlacht bei Kesselsdorf
25. Dezember 1745: Friedensschluss
1746 - 1756: Staatsreformen in Preußen
28. August 1756: Einfall Preußens in Sachsen, Beginn des Siebenjährigen Krieges
6. Mai 1757: Schlacht bei Prag
18. Juni 1757: Schlacht bei Kolin
5. November 1757: Schlacht bei Rossbach
5. Dezember 1757: Schlacht bei Leuthen
25. August 1758: Schlacht bei Zorndorf
14. Oktober 1758: Schlacht bei Hochkirch
12. August 1759: Schlacht bei Kunersdorf
3. November 1760: Schlacht bei Torgau
24. Dezember 1761: Tod von Zarin Elisabeth, Thronnachfolge durch Peter III.
15. Februar 1763: Frieden von Hubertusburg
17. Februar 1772: Erste Teilung Polens
1778/1779: Bayerischer Erbfolgekrieg
13. Mai 1779: Friede von Teschen
17. August 1786: Tod Friedrichs des Großenin Sanssouci

Inhaltsverzeichnis

Der 24. Januar 1712 war ein Sonntag, ein schneidend kalter Tag. Die beiden Flüsse, die Havel und die Spree waren zugefroren. Die Stadt Berlin, seit elf Jahren die Hauptstadt des jungen Königreiches Preußen, war aber trotz der bitteren Kälte voller Leben. Die Menschen standen aufgeregt in den Straßen und Plätzen und blickten immer wieder erwartungsvoll auf das düstere Schloss der Hohenzollern. Endlich, gegen Mittag, war es so weit: Die Kanonen feuerten von den Festungswällen 101 Schuss. Damit wurde den Berlinern und allen Preußen kund getan, dass ihrem Königshaus, der Familie Hohenzollern, ein männlicher Thronerbe geboren worden war.

Der junge Vater, der preußische Kronprinz Friedrich Wilhelm, ist schier außer sich vor Freude. In den Jahren zuvor sind zwei Söhne schon bald nach der Geburt gestorben. Diesmal scheint der Knabe gesund und munter zu sein. Friedrich Wilhelm drückt und herzt den Säugling ohne Unterlass. Er hält ihn dicht vors Kaminfeuer, um sein Gesicht besser sehen zu können. Da wird es den Kammerfrauen zu viel, sie entreißen ihm das Bündel, und legen es wieder behutsam in die Arme der erschöpften Mutter, der Kronprinzessin Sophie Dorothea.

Am 31. Januar 1712, um 16 Uhr, findet die Taufe des Kleinen in der königlichen Schlosskapelle statt, alles ganz standesgemäß – bei Kerzenbeleuchtung. Das Baby ist in ein silberdurchwirktes, mit Brillanten besetztes Batistkleid gehüllt, dessen Schärpe sechs Gräfinnen tragen. Der König hat angeordnet, dass der Enkel seinen Vornamen Friedrich bekommen soll, der dem Hohenzollernhause bisher immer so glükkbringend gewesen ist. Und während der Monarch den winzigen Prinzen über das Becken hält, waltet Berlins Bischof Ursinus seines Amtes und tauft den Neugeborenen auf die Vornamen Friedrich Karl.

Damit hat Europa einen neuen Prinzen, der vielleicht eines Tages sogar König werden kann. Ein Staatsereignis für das junge Preußen, und dementsprechend lädt man ganz Europa zur Taufe. Der deutsche Kaiser Karl VI., der in Wien residiert, und Zar Peter I. von Russland, der gerade seine neue Hauptstadt St. Petersburg aus den Sümpfen im Norden des Landes stampft, werden zu Paten des kleinen Hohenzollern ernannt. Doch die beiden Königshäupter haben Besseres zu tun und schicken nur Gesandte mit freundlichen Handschreiben. Zu gering schätzen sie diese preußischen Emporkömmlinge, die zu dieser Zeit lediglich über in ganz Deutschland verteilte Landfetzen gebieten. Kaum mehr als zwei Millionen Seelen zählt der Staat, auch „Streusandbüchse“ des Reiches genannt, und bitterarm ist er noch dazu. Lediglich die protestantischen Generalstaaten der Niederlande erweisen sich als spendable Gäste: Sie verehren dem königlichen Prinzen zwei goldene Becher und eine goldene Kassette mit einem Leibrentenbrief, der auf 4.000 holländische Gulden lautet.

Der kleine Fritz, wie ihn bald alle nennen, entwickelt sich in den nächsten Monaten prächtig. „Er ist recht fett und frisch“, berichtet der glückliche Großvater, „er sauget brav an seiner Amme.“ Am 30. August, der Kleine ist kaum sieben Monate alt, schreibt Friedrich I. in einem Brief nach Hannover, „daß Fritz nunmehr 6 Zähne hat, und dies ohne die geringste Incommodität.“ Als der Großvater am 26. Februar 1713 an Lungenschwindsucht stirbt, lässt er sich den einjährigen Enkel ans Sterbelager bringen und betrachtet ihn lange gerührt, bis der Kleine, krebsrot im Gesicht, zu brüllen beginnt.

Des kleinen Friedrichs Vater, bisher Kronprinz, wird nun König. Er führt den Namen Friedrich Wilhelm I. und hat große Pläne. Während seiner Kronprinzenzeit ist er schon in die Regierungsgeschäfte seines Vaters eingeführt worden. Diese Zeit hat ihn vor allem eines gelehrt: nie mehr Geld auszugeben, als die Einnahmen erlauben. Denn gerade an dieser Einsicht hat es dem ersten König von Preußen zuweilen all zu sehr gemangelt. Kronprinzessin Sophie Dorothea etwa hat oft bangen müssen, ob sie wohl ihre Bezüge vom Hofrentenamt ausbezahlt bekommt. Die königlichen Kassen sind nur allzu oft leer gewesen.

Friedrich Wilhelm I. schafft nun einen grundlegenden Wandel. Seine Sparsamkeit, der neue knappe Zuschnitt der Hofhaltung sowie seine glänzenden organisatorischen Fähigkeiten schaffen den Umschwung. Schon bald wird Preußen geradezu wohlhabend. Das allerdings wird nach außen nicht gezeigt. Aber in den Gewölben der Schlosskeller, in den Magazinen des Schatzamtes, mehren sich die Fässer mit harten Talern, die Friedrichs Vater für schlechte Zeiten anspart.

Der junge Prinz

Die Erziehung des kleinen Friedrich wird sofort nach seiner Geburt einer Gouvernante anvertraut, die das höchste Vertrauen von Friedrichs Eltern genießt: Marthe von Roucoulle, geborene du Val, in erster Ehe einst mit einem Herrn von Montbail verheiratet gewesen. Madame de Roucoulle hat in ihren jungen Jahren schon den König-Vater aufgezogen. Die charaktervolle, milde und gerecht denkende Frau wird Friedrich gleichsam zur zweiten Mutter. Sie lebt bis 1741, wird also sogar noch die Thronbesteigung ihres zweiten Pflegebefohlenen miterleben können…

Marthe von Roucoulle spricht niemals ein Wort Deutsch, sie hat es ihr Leben lang nie gelernt. Von ihr lernt Fritz sprechen, sie liest ihm die ersten Geschichten vor, sie singt mit ihm, immer in ihrer französischen Muttersprache. Jede Freude, jeder kindliche Schmerz, alles wird französisch kommentiert. Das Kind lernt, dass es auf dieser Welt nichts Erstrebenswerteres gibt, als gut französisch zu sprechen. Das Deutsche ist dagegen höchstens im Verkehr mit den Lakaien und Kammerfrauen zu gebrauchen. Der einzige, der mit dem Kinde deutsch spricht, ist der königliche Vater, der immer wieder beteuert, er sei ein „teutscher Fürst“ und die „französischen Firlefanzereien“ taugten nichts.

Am 2. Mai 1717 feuern die Geschütze wieder von den Festungswällen des Berliner Schlosses. Ein weiterer Sohn wird geboren, Wilhelm wird er genannt. Mit den drei Töchtern Wilhelmine, Friederike und der 1716 geborenen Charlotte hat König Friedrich Wilhelm nunmehr drei Töchter und zwei Söhne. Er ist’s zufrieden. Denn nun steht die Thronfolge „auf zwei Augen“, wie er sich ausdrückt. Aber Prinz Wilhelm sollte nur zwei Jahre zu leben haben. Fritz ist wieder der einzige Sohn.

So wächst der kleine Thronprinz mit drei Schwestern auf. Seine drei Jahre ältere Schwester Wilhelmine berichtet in ihren Memoiren, dass der Prinz eine eher finstere Gemütsart hat. Beim Lernen sei er sehr langsam gewesen, habe lange nachgedacht, bevor er eine Antwort gegeben habe, aber dafür sei diese richtig gewesen. Seine Auffassungsgabe scheint beschränkt. Wilhelmine dagegen ist lebhaft und von rascher Auffassungsgabe.

Schon aus diesen Kinderjahren erinnert sich Wilhelmine, dass der Vater den Kronprinzen nicht habe leiden können. Er habe ihn malträtiert, wo immer er seiner habhaft wurde. So habe der Vater dem Kind eine unüberwindliche Furcht eingejagt, die er Zeit seines Lebens nie ablegen konnte.

Die Flöte zu spielen dagegen fällt Fritz leicht, Fritz lernt das spielerisch. Die Faszination des Flötenspiels sollte ihn nie mehr los lassen. Er will vor allem aber auch nicht hinter seiner älteren Schwester zurückstehen, denn Wilhelmine kann sehr hübsch Laute spielen. Gerne musizieren sie auch gemeinsam.

Harte Erziehung

Aber in wie kurze Erholungspausen müssen diese musikalischen Übungen gepresst werden! Das Leben des kleinen Kronprinzen wird von 1718 an in einer Weise reglementiert, wie es heute unvorstellbar erscheint. Der König befindet, es sei jetzt Zeit, die bisherige Gouvernante Frau von Roucoulle durch männliche Erzieher zu ersetzen. Sofort entspinnt sich am Hof im Geheimen ein erbitterter Kampf, wer wohl diesen ehrenvollen und begehrten Posten des Erziehers erhalten solle.

Schließlich setzen sich sowohl die Königin mit ihrem Kandidaten General Finck von Finckenstein als auch der König mit dem Obersten Kalckstein durch. Der König brütet tagelang über einer neuen Fassung jener Instruktionen, die einst schon sein Vater zu seiner eigenen Erziehung aufgestellt hat. Viele Streichungen erfolgen, aber auch einiges mehr wird hinzugefügt. Das liest sich dann so:

„Was die lateinische Sprache anlangt, so soll mein Sohn solche nicht lernen. (…) Ich will auch nicht, daß mir einer davon sprechen soll.(…) Man solle dahin sehen, daß er sowohl im Französischen als Teutschen eine elegante und kurze Schreibart sich angewöhne. Mein Sohn soll anständige Sitten und Gebehrden, wie auch einen guten, manierlichen, aber nicht pedantischen Umgang haben. So hat sowohl der Oberhofmeister als auch der Sousgouverneur darauf mit vor allen Dingen Acht zu haben, daß liederlicher Umgang verhütet werde, widrigenfalls sie Mir beide mit ihren Köpfen dafür haften…“

Der König schreibt seinem kleinen Sohn bis ins Kleinste vor, wann er aufstehen und schlafen, waschen, essen, sich frisieren lassen, singen, beten und arbeiten solle. Der Historiker Lavisse hat aus diesen umfänglichen Vorschriften Auszüge gemacht. Daher wissen wir ganz genau, wie es an Wochenund Sonntagen beim Kronprinzen zuging:

„Wecken um sechs Uhr. Der Prinz darf sich im Bett nicht nochmals umwenden. Er muß hurtig und sogleich aufstehen, alsdann niederknien, sein Morgengebet sprechen, sich dann geschwind ankleiden, Gesicht und Hände waschen, aber nicht mit Seife, seinen Frisiermantel anlegen und sich frisieren lassen, aber ohne Puder. Während des Frisierens soll er Tee und Frühstück einnehmen. Um 6 Uhr 30 tritt der Lehrer und die Dienerschaft ein. Verlesung des großen Gebetes und eines Kapitels aus der Bibel, Gesang eines Kirchenliedes. Von sieben bis halb elf Uhr Unterricht.

Darauf wäscht der Prinz sich geschwinde Gesicht und Hände, nur diese mit Seife, läßt sich pudern, zieht seinen Rock an und geht zum König, bei dem er von elf bis zwei Uhr bleibt. Dann nehmen die Stunden ihren Fortgang bis fünf Uhr. Bis zum Schlafengehen hat der Prinz frei und kann tun, was er will, wenn es nur nicht gegen Gott ist. Die Instruktion schließt mit einer letzten Mahnung, hurtig in die Kleider zu kommen und proper und reinlich zu werden.“

Der König verbietet, Fritz das Gefühl der Furcht vor ihm einzuflößen. Zweifellos soll sein Sohn gehorsam, aber nicht sklavisch sein. Sein Sohn soll Angst vor der Mutter haben, aber nie vor ihm.

Am Sonntag muss der Prinz „erst“ um sieben Uhr aufstehen. Dann aber geht es wieder im Minutentakt. Sobald er die Pantoffeln anhat, muss er vor seinem Bett auf die Knie fallen und laut ein Gebet zu sprechen. Danach muss er sich geschwind waschen, pudern und ankleiden. Für Gebet und Toilette ist nur eine geschlagene Viertelstunde gewährt. Das Frühstück danach ist in sieben Minuten zu schaffen.

Dann treten der Lehrer und die ganze Dienerschaft ein. Gemeinsam knien sie nieder, um das große Gebet zu sprechen, hören dann einen Abschnitt aus der Bibel und singen ein Kirchenlied. Das alles in 23 Minuten. Daraufhin liest der Lehrer das Evangelium des Sonntags vor, legt es kurz aus und lässt den Prinzen den Katechismus aufsagen.

Danach geht es zum König, mit dem er die Kirche besucht und zu Mittag isst. Erst dann hat der Prinz den Rest des Sonntags frei. Um halb zehn Uhr abends sagt er seinem Vater gute Nacht, kehrt in sein Zimmer zurück, kleidet sich sehr geschwind aus, wäscht sich die Hände. Der Lehrer liest ein Gebet und singt ein Kirchenlied, wobei die ganze Dienerschaft wieder zugegen ist. Um halb elf muss der Prinz im Bett liegen.

Fritz bekommt ein Taschengeld von 360 Talern im Jahr, für jeden Tag also einen. Der Vater verlangt im Gegenzug eine korrekte Buchführung von seinem Kind. So, wie er einst seine Dukaten Stück für Stück in ein Buch eingetragen hat, so soll es jetzt auch sein Sohn machen.

Königin Sophie Dorothee missfällt das strenge Regiment ihres Gatten. Sie lässt die Kinder heimlich zu sich kommen, und wenn plötzlich die Sporen des Königs auf dem Gange klirren, werden sie versteckt. Einmal schläft der Vater im Lehnstuhl bei der Königin ein, und stundenlang liegt Wilhelmine im zerquetschten Reifrock platt unter dem niedrigen Bett während der Kronprinz die ganze Zeit über auf der Toilette der Königin hocken muss.

Ehe in der Krise

Die Ehe zwischen Friedrich Wilhelm und der Welfin Sophie Dorothee steht von Anfang an unter keinem guten Stern. In ihren Adern fließt das Blut der Welfen und der Stuarts. Die Welfen galten gemeinhin als hochmütig, die Stuarts als Abenteurer. Wie kann nur diese schwierige Frau an diesen rauen, von Minderwertigkeitskomplexen geplagten, ost-elbischen Prinzen geraten sein? Das ist wohl ein einziges, großes Missverständnis gewesen.

Schon nach ein paar Monaten droht Friedrich Wilhelm mit Scheidung, weil ihm die Gattin zu hochmütig, zu verschwenderisch erscheint. Sie lebt ihr eigenes Leben, macht Schulden am Spieltisch und liebt das Theater. Dinge, die der König aus tiefster Seele verachtet. Schon um sie zu kränken, wird er immer grobschlächtiger zu ihr.